Aufbau von Know-how

Das Bauwesen ist einem stetigen Wandel unterworfen, Weiter- und Fortbildungen sind da unerlässlich. Der karriereführer stellt fünf Möglichkeiten für Bauingenieurinnen und Bauingenieure vor. Von Christoph Berger

Lehrgang „Lean Baumanagement“ an der TU Graz

Im Zentrum des neuen Lehrgangs „Lean Management“ – dem laut der TU Graz ersten Universitätslehrgang für „Lean Baumanagement“ im deutschsprachigen Raum, steht nicht primär eine möglichst schnelle Umsetzung von Bauprojekten im Zentrum. Vielmehr geht es um strukturiertes und effizientes Arbeiten in bestmöglicher Qualität. „Im Lean Baumanagement werden die Ressourcen Mensch, Maschine und Material optimal eingeteilt und aufeinander abgestimmt“, sagt Gottfried Mauerhofer vom Institut für Baubetrieb und Bauwirtschaft der TU. Dafür brauche es einen möglichst freien Informationsfluss, eine partnerschaftliche Projektabwicklung und eine offene Fehlerkultur. Weitere Informationen unter: www.leanbaumanagement.at

MBA Unternehmensführung Bau an der Akademie der Hochschule Biberach

Für Führungskräfte in der Bauwirtschaft sind neben technischem Wissen auch betriebswirtschaftliche, rechtliche und organisatorische Kenntnisse sowie Führungs- und Managementkompetenzen unabdingbar. Genau solches Know-how wird Bauingenieuren und Architekten im berufsbegleitenden MBA-Studiengang Unternehmensführung Bau vermittelt: Praxiserfahrene Fachleute und Führungskräfte vermitteln in Vorträgen, interdisziplinären Fallstudien und Gruppenarbeiten Wissen in den Bereichen Controlling, Finanz- und Risikomanagement, Recht, Strategieentwicklung, Kommunikation, Verhandlungstechniken, Mitarbeiterführung, Digitalisierung etc. Organisiert ist das Studium in Kompaktblöcken. So lässt es sich parallel zum Beruf absolvieren – innerhalb von etwa zwei Jahren. Aufgrund der Zusammensetzung des Dozententeams ist ein ausreichender Praxisbezug gewährleistet. Weitere Informationen unter www.akademie-biberach.de/web/akademie/master/unternehmensfuehrung

Projektmanagement (M.Eng.) [Bau und Immobilie/Fassade/Ausbau/Holzbau] an der Hochschule Augsburg

Das weiterbildende Masterstudium Projektmanagement [Bau und Immobilie/Fassade/Ausbau/Holzbau] richtet sich an Bauingenieure, Architekten sowie Ingenieure verwandter Disziplinen, die Projektleitungs- und Führungsaufgaben als Selbstständige oder Angestellte haben beziehungsweise anstreben. Der auf fünf Semester angelegte Studiengang besteht aus einem zweisemestrigen Basismodul, in dem es um vertragliches und betriebswirtschaftliches Wissen sowie den Ausbau der Schlüsselkompetenzen im Bereich Führung, Präsentation und internationales Bauen geht, sowie einem ebenfalls zweisemestrigen Vertiefungsmodul. In diesem können Studierende die Wahl zwischen Bau und Immobilie, Fassade, Ausbau oder Holzbau treffen. Das Mastermodul (1 Semester) dient neben dem Besuch des Masterseminars und dem Absolvieren von abschließenden Prüfungen hauptsächlich der Erstellung der Masterarbeit. Weitere Informationen unter: www.hs-augsburg.de/Architektur-und-Bauwesen/ibi/Master-Projektmanagement.html

Masterstudiengang Baurecht und Baumanagement an der Leuphana Universität Lüneburg

Die Professional School der Leuphana Universität Lüneburg bietet mit dem berufsbegleitenden Masterstudiengang Baurecht und Baumanagement eine Qualifizierungsmöglichkeit für Führungskräfte aus der Baubranche. Sie reagiert damit auf den angesichts immer komplexerer Bauprojekte wachsenden Bedarf an Managementkompetenzen und Fachkenntnissen in Baurecht, -ökonomie und -technik. Studierende befassen sich unter anderem mit Nachtrags- und Vertragsmanagement, Kalkulation, Wirtschaftsrecht, Baurecht, Bauprojektmanagement und Bauablaufsstörungen, Architekten-/Ingenieursrecht, Vergaberecht, Konfliktmanagement und Verhandlungsführung. Den Master-Abschluss können Studierende in vier Semestern erwerben, ein vertiefendes Studium über zwei weitere Semester ist ebenfalls möglich. Weitere Informationen unter: www.leuphana.de/ma-baurecht

Master Bauingenieurwesen und Umweltingenieurwesen an der Leibniz Universität Hannover

Die Leibniz Universität Hannover bietet den neuen Masterstudiengang Bauingenieurwesen an, der aus den bisherigen, spezifischen Studiengängen „Konstruktiver Ingenieurbau“, „Wasser-, Küsten- und Umweltingenieurwesen“ und „Windenergie-Ingenieurwesen“ entstanden ist. All diese Schwerpunkte können innerhalb des Studiums auch vertieft werden, hinzugekommen ist das „Baumanagement“. Somit werden in dem Studium alle Aspekte des klassischen Arbeitsgebietes von Bauingenieurinnen und -ingenieuren vereint: Die Bandbreite reicht von Tragwerksanalyse über Baumanagement bis zur Anwendung numerischer Simulationsmethoden. Laut der Uni kommen dabei die neuesten wissenschaftlichen Methoden zum Einsatz sowie stark praxisorientierte Lehrangebote und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen naturwissenschaftlich-ingenieurtechnischen Fachgebieten zum Tragen. Weitere Informationen unter www.uni-hannover.de/de/studium/studienangebot/info/studiengang/detail/bauingenieurwesen

Nach dem Ende der Neustart

Die Abbrecherquote in den Ingenieurwissenschaften ist hoch. Das gilt auch für das Bauingenieurwesen. Doch mit dem Abbruch eines Bauingenieurstudiums muss die Karriere am Bau nicht beendet sein. Von Christoph Berger

Die Gründe für einen Studienbruch sind vielfältig. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) aus dem Jahr 2017 zählen dazu unter anderem unbewältigte Leistungsanforderungen, mangelnde Studienmotivation, der Wunsch nach einer praktischen Tätigkeit oder auch finanzielle Engpässe. Gleichzeitig liefert die Untersuchung aber auch das Ergebnis, dass die überwiegende Mehrheit der Studienabbrecher nach Verlassen der Hochschule ihren weiteren Bildungs- oder Berufsweg erfolgreich gestaltet. Unterstützt werden sie dabei von inzwischen zahlreichen spezialisierten Beratungs- und Weiterbildungsangeboten sowie Initiativen. Für Abbrecher der Studiengänge Bauingenieurwesen, Architektur oder Vermessungswesen bieten beispielsweise die Eckert Schulen in Kooperation mit Unternehmen im Ausbildungsmodell „Fast Track“ eine neue Berufsperspektive. Studienabbrecher können in dem Programm in zweieinhalb Jahren gleich zwei staatlich geprüfte Abschlüsse erwerben: zum Beispiel den Abschluss zur/m Staatlich geprüfte/n Industrietechnologin/ Industrietechnologe Bau und zur/zum Staatlich geprüfte/n Bautechnikerin/ Bautechniker. Damit wird einem dem Bachelor of Engineering ebenbürtiger Abschluss erlangt. Und es zeigt sich, dass bisher im Studium erworbenes Wissen und investierte Zeit nicht umsonst war, denn die im Studium erbrachten Leistungen werden anerkannt – 30 ETCS-Punkte werden angerechnet.

Nützliche Links zum Thema

www.studienabbruch-und-dann.de www.karrierefuehrer.de/neustart
Prinzipiell läuft die Teilnahme an dem Programm folgendermaßen ab: Gestartet wird mit einem einmonatigen Vorpraktikum. Danach beginnen zeitgleich die Ausbildung zum Staatlich geprüften Industrietechnologen sowie die Weiterbildung zum Staatlich geprüften Techniker. Nach einem Jahr wird dann bereits die Ausbildung abgeschlossen, und es geht in den Partnerbetrieb, um Berufserfahrung zu sammeln. In Fernlehre wird parallel dazu die Weiterbildung zum Staatlich geprüften Techniker absolviert. Neben derart konkreten Projekten für Abbrecher baunaher Studiengänge bieten die Hochschulen natürlich Beratungsangebote für all diejenigen, die an ihrem Studium zweifeln oder den Abbruch bereits fest eingeplant haben. Im Projekt „ask for change II“ beispielsweise arbeitet die Hochschule Wismar eng mit der Universität Rostock und dem Unternehmerverband Norddeutschland Mecklenburg-Schwerin e.V. zusammen. Sie bieten eine individuelle und vertrauliche Beratung, in der Möglichkeiten aufgezeigt werden, die bei der Orientierung vor und nach Abbruch des Studiums helfen sollen. Es gibt also zahlreiche Angebote, die jungen Menschen den Weg der Neugestaltung des beruflichen Wegs nicht allein gehen lassen. 

„Uns interessiert die individuelle, private Komponente“

0

Olga Blaszak schloss ein Bachelor-Studium Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Hamburg-Harburg und ein Master-Studium Bauingnieurwesen an der RWTH Aachen ab. Sie arbeitete unter anderem als freiwillige Mitarbeiterin auf Baustellen für den Internationalen Bauorden und absolvierte ein Trainee-Programm bei Arup. Jetzt gründet sie das Start-up BerlinGreen. Von Christoph Berger

Frau Blaszak, hätten Ihnen in der heutigen Situation nicht alle Türen am Bau offen gestanden und Sie hätten einigermaßen beruhigt in die Zukunft blicken können – stattdessen gründen Sie ein Start-up mit ungewissem Ausgang, warum? Ich wollte schon immer etwas Eigenes gründen. Schon während des Studiums hatte ich eine Idee für mein eigenes Business, aber damals haben die Zeit und die Finanzierung gefehlt. Als sich die Option mit dem Berliner Startup-Stipendium ergab, hatte ich bereits einen festen Job in der Tragwerksplanung. Es war eine schwierige Entscheidung, aber ich dachte mir – entweder mache ich das jetzt oder wahrscheinlich nie. Andererseits entwickelt BerlinGreen mit der GreenBox ein Produkt als Antwort auf die Frage nach Möglichkeiten des urbanen Lebens. Machen Sie im Kleinen was das Bauwesen im Großen machen muss? Wir, mein Mitgründer Filip Wawrzyniak und ich, kommen aus der Baubranche. Was in der Baubranche leider ein bisschen frustrierend ist, ist die Menge an Geld und Zeit, die man braucht, um überhaupt etwas zu schaffen. Uns interessiert die individuelle, private Komponente. Und wie wir die Natur in die Gebäude bringen können, ohne dabei große Investitionen machen zu müssen. Unsere Produkte sollte sich jeder leisten können. Nun sind Sie für Finanzen und den Vertrieb zuständig. Welches Wissen aus Ihrem Bauingenieurstudium und dem vorherigen Berufsleben können Sie heute noch anwenden? Ich finde, es kommt weniger auf Inhalte an, sondern auf die Fähigkeit, analytisch denken zu können. Das ist das Wichtigste, was ich während des Ingenieurstudiums gelernt habe. Wenn Probleme vorkommen – und die gibt es in einem Start-up die ganze Zeit, muss man eine Strategie entwickeln und die Situation in kleine Bestandsteile zerlegen. Könnte ich erneut ein Studium auswählen, würde ich mich für Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Bauingenieurwesen entscheiden. Der wirtschaftliche Teil hat in dem reinen Bauingenieurstudium auf jeden Fall gefehlt. Nach dem harten Studium an der RWTH Aachen war das aber kein großes Problem. Ich habe die fehlenden Inhalte einfach selbst gelernt. Und welches sind die größten Herausforderungen, die Ihr Unternehmen zu meistern hat? Hardware zu machen, ist leider nicht einfach und frisst viel Geld und Ressourcen. Wir bereiten jetzt die Produktion vor. Zum Glück haben wir dafür einen guten Partner gefunden, der eine hohe Qualität gewährleisten kann. Die größte Herausforderung ist momentan, wie wir diese finanzieren können. Entweder machen wir dafür eine Crowdfunding- Kampagne oder wir suchen einen großen Investor.
www.berlingreen.tech
Wie lange wird es noch dauern, bis die GreenBox tatsächlich auf den Markt kommt? Der Vorverkauf ist für Februar 2020 geplant. Hoffentlich bleibt das so, so dass wir die GreenBox kurz danach an den ersten Kunden liefern können.

Das letzte Wort hat: Architekturkritiker Dr. Klaus Englert

0

Klaus Englert ist als Architekturkritiker unter anderem für die FAZ, den Deutschlandfunk sowie den WDR tätig. Er studierte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Salamanca Spanisch, Philosophie und Germanistik und promovierte 1986 mit einer Untersuchung der Zeichentheorie bei Jacques Derrida an der Universität Düsseldorf zum Dr. phil. Die Fragen stellte Christoph Berger

Dr. Klaus Englert, Foto: Karoline Künkler
Dr. Klaus Englert, Foto: Karoline Künkler
Herr Englert, in Ihrem Buch zeichnen Sie unter anderem die Entwicklung des Wohnens nach. Dabei wird deutlich, dass Wohnraummangel beispielsweise auch schon in den 1920er-Jahren herrschte. Wie unterscheiden sich die damaligen Ideen und Konzepte, dieser Misere zu begegnen, von den heutigen? Der Schweizer Kunsthistoriker Sigfried Giedion, der Generalsekretär des Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM) war, setzte sich in den zwanziger Jahren öffentlichkeitswirksam für neue, funktionale und preisgünstige Wohnungen ein. Er forderte die „befreite Wohnung“. In der Zeit von Weltwirtschaftskrise und Wohnungsmangel verkündete er auf dem Frankfurter CIAM-Kongress von 1929: „Gerade die Beschränktheit der Mittel und die Beschränktheit des Raumes werden sich als fördernde Faktoren erweisen. Das Haus für das Existenzminimum muss bei geringerem Preis mehr Komfort bieten als die heute übliche bürgerliche Behausung.“ Die heutigen Raumkonzepte wären größtenteils ohne die Bauhaus-Wohnungen nicht denkbar gewesen: freie Grundrisse und flexible Raumgestaltung, damit man sich jederzeit an neue Lebenssituationen (Vergrößerung oder Verkleinerung der Familie) anpassen kann. Sie beschreiben, das Wohnende heute durch ihr Tun die Umwelt mitgestalten, dieses Tun aber gleichzeitig wieder durch die Umwelt geprägt wird. Was sind die großen Themen, denen sich Wohnende heute durch die Umwelt ausgesetzt sehen? In meinem Buch habe ich Bert Brecht zitiert, der von einem Wohnen spricht, „das seine Umgebung gestaltet.“ Nicht erst aufgrund der Klimakatastrophe dürfte den Menschen mehr und mehr bewusst sein, welche Auswirkung die eigene Wohnung auf die Umwelt hat. Der Wohnende ist niemals einfach der Höhlenbewohner, der sich um seine Umwelt nicht zu scheren braucht. Unsere Wohnung ist niemals losgelöst von unserer Umwelt. Klimabewusst leben bedeutet auch klimabewusst wohnen. Es stellt sich die Frage: Wie und wo (beispielsweise auf dem Wasser) kann man wohnen, ohne die Umwelt zu belasten? Und wie reagiert die Mehrheit der Wohnenden darauf? Das konventionelle Lebensziel „Gründe eine Familie, kaufe ein Auto und schaffe Dir eine Wohnung an“ ist in der Gesellschaft noch tief verwurzelt. Dabei hat die bürgerliche Kleinfamilie schon längst begonnen, sich aufzulösen. Jahrzehntelang wurde das Eigenheim im Grünen als Lebensideal gepriesen. Im Grunde ist dieses Ideal von den wenigsten heute finanziell einzulösen, es sei denn, sie strampeln sich ihr Leben lang ab. Es kommt hinzu, dass peu à peu und gegen alle inneren Widerstände die Einsicht zunimmt, dass sich durch das Eigenheim im Grünen unsere Abhängigkeit von den Autos nicht lösen wird und die dramatische Flächenversiegelung nicht abnimmt. Was das Planen und Bauen betrifft, bemängeln Sie einen Qualitätsverlust in beiden Bereichen. Welchen Beitrag können Bauingenieure leisten, hier entsprechend gegenzusteuern? Um das Wohnen zu verändern, müssten sich alle Akteure ändern, die am Wohnungsbau beteiligt sind. Bauingenieure müssten sich (zusammen mit den anderen am Bau Beteiligten) Gedanken darüber machen, mit welchen technischen Standards das Leben in den Wohnungen zu verbessern und die Umwelt zu entlasten ist. Gesunde und umweltverträgliche Baumaterialien einzusetzen, die zudem leicht rezyklierbar sind, scheint mir eine der wichtigsten Anforderungen zu sein. Dazu gehört auch Textilbeton, der, bei gleichen statischen Eigenschaften, fünfzig Prozent weniger Gewicht hat. Auch wenn das Wohnen heute immer mehr auf die Bedürfnisse nach Flexibilität und Mobilität eingeht: Einen Nestcharakter haben Wohnungen noch immer, oder? Ursprünglich war die bürgerliche Wohnung so etwas wie der Schutz vor der bedrohlichen Außenwelt. Die eigene Wohnung war Höhle und Schutzburg, in die man sich jederzeit zurückziehen konnte. Das war das Wohnmodell des fin de siècle. Ich denke, dieses Modell hat heute ausgedient. Wenn wir heute Wohnungen mit der Qualität von Antidepressiva bauen können, dann hängt das mit der Veränderung unserer Vorstellung von Wohnen zusammen. Viele möchten Licht und Luft hineinlassen und sich nicht länger von der Umwelt abschotten. Giedions Vorstellung von „befreiter Wohnung“ und Nest war vielleicht in den 1920er-Jahren noch Utopie. Heute sind die technischen Möglichkeiten vorhanden, um sie endlich zu realisieren.

karriereführer bauingenieure 2019.2020 – Bauvisionen für Mensch und Klima

0

Cover karrierefuehrer bauingenieure 2019-2020

Bauvisionen für Mensch und Klima

Das Bauwesen steht vor einem grundlegenden Wandel: Um die Erderwärmung zu stoppen, muss die Branche neue Stoffe und innovative Gebäudetypen entwickeln. Das Ziel: null Emissionen, bauen im Einklang mit der Natur und Materialrecycling vor Ort. Gefragt sind Bauingenieure, die mutig weiterdenken und sich als Nachhaltigkeitsmanager verstehen. Gelingt das, ergeben sich für den Bau ganz neue Geschäftsfelder.

karriereführer handel/e-commerce 2019.2020 – Evolution statt Revolution

0

Cover karriereführer handel/ecommerce 2019-2020

Evolution statt Revolution

Der stationäre Handel steht vor einer Erneuerung, indem er digitale Technik nutzt, sich als „Ökosystem“ neu erfindet und sich dorthin begibt, wo der Kunde Produkte nachfragt. Taktgeber ist hierbei die junge Generation, die schnell, effizient und individuell bedient werden möchte. Die Retail-Unternehmen setzen auf den Nachwuchs, um auf die scheinbar paradoxen Bedürfnisse zu reagieren.

Gefragt: Paradoxie-Kompetenz

Der stationäre Handel steht vor einer Erneuerung, indem er digitale Technik nutzt, sich als „Ökosystem“ neu erfindet und sich dorthin begibt, wo der Kunde Produkte nachfragt. Taktgeber ist hierbei die junge Generation, die schnell, effizient und individuell bedient werden möchte. Die Retail-Unternehmen setzen auf den Nachwuchs, um auf die scheinbar paradoxen Bedürfnisse zu reagieren.

Der Onlinehandel dominiert, der stationäre Handel verliert gleichzeitig mehr und mehr an Boden? Nicht, wenn man sich die Zahlen der aktuellen Branchenstudie des EHI Retail Institute anschaut. Diese aktuelle Analyse der deutschen Retail- Landschafft zeigt: Der Umsatz der drei größten stationären Handelskonzerne (Edeka, Lidl, Aldi Süd) ist mit 62 Milliarden Euro größer als der des gesamten Onlinehandels (56 Mrd. Euro). „Auch, wenn der E-Commerce sich inzwischen knapp über 10 Prozent Marktanteile sichern kann, bleibt der stationäre Handel die tragende Säule des Einzelhandels“, fassen die Autoren der Studie das Ergebnis zusammen. Das ist der Blick auf den Umsatz – und hier liegt die Hoheit weiterhin beim stationären Handel.

Was Google fürs Wissen ist, ist Amazon fürs Shopping

Doch es gibt noch eine erweiterte Perspektive, und diese zeigt, wie sehr sich die Landschaft kulturell gewandelt hat. Das Kölner IFH-Institut hat untersucht, wie groß der Einfluss des digitalen Handels – und hier insbesondere des mit Abstand größten Players Amazon – auf den Konsum ist. Das Ergebnis: Selbst, wenn der Kunde nicht bei Amazon kauft, sondern dafür den stationären Handel besucht, ist der Einfluss des E-Commerce- Riesen immens. „Die Relevanz von Amazon als Informationsquelle nimmt nicht nur branchenübergreifend, sondern auch kanalübergreifend weiter zu“, heißt es in dieser Studie. Amazon sei damit längst kein reines Onlinephänomen mehr. Als „Top-Produktsuchmaschine“ der Konsumenten greife Amazon immer stärker in den stationären Handel ein, in vier von fünf betrachteten Branchen informierten sich Konsumenten mittlerweile vor ihrem stationären Einkauf bei Amazon. Wer etwas wissen will, schaut bei Google nach. Wer etwas kaufen will, informiert sich bei Amazon. Mit Folgen für den Handel, wie die Zahlen der Studie zeigen: „24 Prozent der gesamten deutschen Nonfood-Umsätze (online und stationär) werden bereits durch die Informationssuche bei Amazon beeinflusst. In der Konsequenz aus Kaufvorbereitung bei Amazon auf der einen und Online-Shopping bei Amazon auf der anderen Seite, ist heute so bereits jeder dritte Euro im gesamten deutschen Nonfood-Handel abhängig von Amazon.“

Robo-Verkäufer im Retail

Nichts geht über einen gut informierten und freundlichen Einkaufsberater, doch können sich die Konsumenten durchaus vorstellen, dass Roboter im stationären Handel Mehrwert erzeugen. Die PwC-Studie „Kunden begeistern – vom Einkauf zum Erlebnis“ zeigt, dass Kunden es als Mehrwert empfinden, wenn ein Roboter
  • durch das Geschäft zum Produkt führt (39 Prozent der Befragten),
  • Infos zum Produkt nennt (36 Prozent),
  • Alternativen aufzeigt, wenn ein Produkt nicht erhältlich ist (36 Prozent),
  • Tipps zur Anwendung des Produkts gibt (23 Prozent) oder
  • weitere Empfehlungen zu Produkten gibt, die zum gerade ausgesuchten Produkt passen (21 Prozent).
Das IFH spricht daher sogar von einer „amazonisierten“ Handelswelt. Jedoch dürfe diese starke Rolle des einen Anbieters nicht dazu führen, dass der gesamte stationäre Handel in eine Art Schockstarre falle – die dann dazu führe, dass notwendiger Wandel nicht eingeleitet werde. „Der eigene Erfolgsweg ist auch in einer amazonisierten Welt gestaltbar“, schreiben die IFH-Experten. „Dazu ist es jedoch essenziell, seinen Markt und seine Kunden genau zu kennen und die neuen Gesetzmäßigkeiten im Amazon-Zeitalter zu verstehen.“

Shopping-Zukunft: Menschlicher als gedacht

Aber um welche Gesetzmäßigkeiten handelt es sich? Und wie werden sie den Handel verändern? Theresa Schleicher zählt im deutschsprachigen Raum zu den führenden Retail- Beraterinnen, seit 2013 beschäftigt sie sich beim Zukunftsinstitut mit kommenden Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Handelsbranche. Ihre neusten Ein- und Ansichten hat sie im „Retail Report 2020“ zusammengefasst, ihr Fazit: „Die nahe Zukunft ist viel menschlicher, als vor zehn Jahren noch gedacht.“ Damals, im Jahr 2009, prallte die Digitalisierung erstmals mit voller Wucht auf die Handelswelt. „Und zwar so immens, dass man sich die Frage stellte, ob der Handel offline überhaupt eine Zukunft hat“, erinnert sich Theresa Schleicher. Die Krise habe sogar dazu verleitet, das Ende des stationären Handels auszurufen: „Man sprach vom Aussterben der Innenstädte, zum boomenden E-Commerce kamen immer mehr Fachmarktzentren und Shopping-Center auf der grünen Wiese hinzu, die den Städten und Gemeinden die Besucher und Kunden raubten.“

Evolution statt Revolution

Auf der einen Seite habe die Branche die Möglichkeiten des Handels im Netz überhöht, auf der anderen Seite die Kraft und die Alleinstellungsmerkmale inhabergeführter Fachgeschäfte unterschätzt. Mit der Folge, dass der Wettstreit zwischen online und stationär anders ablief, als man 2010 vermutete: „Beim Kampf Online gegen Offline ging nicht einer der beiden als Sieger hervor, sondern es kam zu einer Vermischung“, so Theresa Schleicher. „Die Revolution im Handel war eine Evolution, bei der sich die anpassungsfähigsten und innovativsten Player – ob groß oder klein – prima platzieren konnten.“ Wobei Anpassung eben auch heißt, dass ausgerechnet die Online-Giganten stationäre Stores eröffnen. Hier sei schon eine gewisse „Paradoxie-Kompetenz“ notwendig, wenn man sich mit den Entwicklungen im Handel beschäftigt, sagt Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts: „Ich habe schon unzählige Diskussionen erlebt über die Bedrohung des stationären Handels durch die Online-Plattformen. Und jetzt sind wir Zeugen einer Expansion Amazons mit eigenen stationären Stores.“ Und Gatterer nennt noch eine zweite Paradoxie: „Weltweit spricht man von Achtsamkeit und der Sehnsucht nach Entschleunigung, aber zugleich sind die Konsumenten ungeduldiger denn je.“

Gefragt: „Paradoxie-Kompetenz“

Die Handelsunternehmen könnten sich über diese wechselnde Laune ihrer Kunden beklagen. Die bessere Strategie ist es aber, die Bedürfnisse mit Hilfe der „Paradoxie-Kompetenz“ aufzunehmen, sie mit all ihrer Widersprüchlichkeit zu analysieren und daraufhin smarte Konzepte zu entwickeln. Nehmen wir den Trend des „Instant Shoppings“, den Handelsexpertin Theresa Schleicher in der „Ära des ungeduldigen Konsumenten“ verortet: Konsumenten leben, entscheiden und kaufen hektisch und schnell, und dem stationären Handel macht diese Ungeduld zu schaffen. Wie darauf reagieren?  

Age of Ecosystems

Branchen-Expertin Theresa Schleicher ruft in ihrem „Retail Report 2020“ das Zeitalter der Ökosysteme aus. Erfolgreich seien Anbieter, die sich zu digitalen Ökosystemen verwandeln: Nicht mehr der eigene Online-Shop genießt Priorität, sondern die Erschaffung eines Netzwerkes auf digitalen Marktplätzen unter dem Dach der starken Marke. „Doch längst können nicht nur die Big Player von der Plattform-Ökonomie profitieren In diesen Ökosystemen bieten sich auch für kleine Händler immense Chancen: Denn ein Ökosystem kann nur dann erfolgreich existieren, wenn es einen Wert für alle Akteure schafft, die Teil des Systems sind – egal ob groß oder klein“, so die Expertin. Die Zukunft des Handels liege in smarten Kooperationen – „branchenübergreifend und selbst mit vermeintlichen Konkurrenten“.
Denken wir an das alte Sprichwort, nach dem, wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, der Prophet eben zum Berg kommen muss: Theresa Schleicher schlägt Strategien vor, die an die Kompetenzen der „Fliegenden Händler“ von früher erinnern, die ein Gespür dafür besaßen, wann welcher Kunde welches Produkt benötigt. Von diesem Instinkt könne der Handel etwas lernen: „Indem der Verkaufsort zum Kunden kommt oder dort zu finden ist, wo sich der Kunde gerade aufhält, können die Waren sofort mitgenommen und genutzt werden. Oder die Lieferung erfolgt dorthin, wo man sich gerade befindet – natürlich innerhalb weniger Minuten.“

Intensiver und schneller Konsum an „Third Places“

An so genannten „Third Places“ ist heute schon zu beobachten, wie das funktioniert. Dabei handelt es sich um Orte wie Hauptbahnhöfe, Flughäfen oder auch Tankstellen, Plätze also, an denen sich Menschen zwar nur aufhalten, um schnell wieder wegzukommen, dafür aber intensiv bereit sind, Angebote zu nutzen. Der Handel hat das Potenzial dieser Orte erkannt, Zahlen zeigen, dass zum Beispiel der Einzelhandel im Sicherheitsbereich der Flughäfen bereits 61 Prozent der Fläche erobert hat, der Gastronomieanteil liegt nur bei 35 Prozent. Doch einfach nur da zu sein, reicht in Zukunft nicht aus. Die App AtYourGate zeigt auf, wie es gelingen kann, auf den Kunden zuzugehen: Schnell vor dem Abflug können die Konsumenten noch Einkäufe tätigen, natürlich per Online-Bezahlung und mit minimalen Lieferzeiten: Handelsunternehmen, die mit der App kooperieren, lassen ihre Ware innerhalb von 30 Minuten direkt ans Gate liefern, sei es Aufladekabel oder Bluetooth-Kopfhörer, Krawatte oder Hemd, Spielzeug als Geschenk für die Kinder oder ein Fachbuch, das man gerne auf dem Flug lesen möchte. Wohin der Weg gehen kann, zeigen die „Stop & Shop“-Supermärkte, die an der Ostküste der USA unterwegs sind: Die Shops sind autonom mobil unterwegs, der Kunde kennt das Sortiment, die gewünschte Ware wird automatisch herausgegeben, der Kunde kann sie sich anschauen und dann entscheiden, ob er zugreift oder nicht.

Tradition der „Fliegenden Händler“

Doch solche mobilen Angebote sind nicht zwingend automatisiert: Das deutsche Print-Magazin MINT, das seine Zeitschrift ausdrücklich an die Sammler von Vinyl-Schallplatten richtet, schickt ab Ende des Jahres einen Vinyl-Bus durch die Republik; Station macht das mit Tausenden LPs geladene Gefährt in Städten, in denen es keine Plattenläden mehr gibt. „Sammler, die dort leben und ihrer Leidenschaft nachgehen wollen, haben keine andere Chance, als lange Fahrten in größere Städte auf sich zu nehmen oder ihre Platten übers Netz zu bestellen. Durch Gespräche mit unseren Lesern erfahren wir jedoch, dass diese Leute ein großes Bedürfnis danach haben, dort, wo sie wohnen, nach Platten zu stöbern und direkt vor Ort zu kaufen. Ohne Fahrerei. Und ohne, dass die Ware erst verschickt werden muss“, sagt MINT-Herausgeber Michael Lohrmann, der die Idee zum Vinyl-Bus hatte.

Zukunftsinstitut: Retail-Trends für 2020

Neben Instant-Shopping nennt der Retail Report 2020 des Zukunftsinstituts weitere Trends für das kommende Jahr:
  • „Playful Stores“: Statt der Flächenproduktivität (Einnahmen pro Quadratmeter) zählt das Erlebnis pro Quadratmeter.
  • Event-Shopping“: Black Friday, Cyber Monday, Record Store Day etc. – der Handel kreiert immer weitere Shopping-Tage, sollte es damit aber nicht übertreiben.
  • „Cashfree Retail“: In vielen Ländern schon obligatorisch, doch Deutschland hinkt beim „Bezahlen im Vorbeigehen“ hinterher – noch.
Der Vinyl-Bus stößt damit in eine Nische vor – als mobiles Angebot eben ganz in der Tradition der „Fliegenden Händler“. Was ein solcher Vinyl-Bus in der Provinz leistet: Er begeistert die Kunden. Und genau darauf komme es an, heißt es in einer Retail-Studie des Beratungsunternehmens PwC. „Gut geschultes und aufmerksames Personal ist wichtig, um Kunden im stationären Einzelhandel ein positives Einkaufserlebnis zu schaffen“, heißt es in dem Report mit der Überschrift „Kunden Instant-Shopping begeistern – vom Einkauf zum Erlebnis“. Die Studie hat herausgefunden, dass sich drei Viertel der Kunden freundliche, aufmerksame und präsente Verkäufer wünschten. Digitale Technologien wie Roboter würden zwar als hilfreich eingeschätzt, um Verkäufer zu entlasten und zu unterstützen. „Menschliche Berater ersetzen können sie jedoch nicht“, heißt es in der Studie.

Junge Generation legt die Maßstäbe

Was die Beratung betrifft, ist im stationären Handel noch Luft nach oben: 59 Prozent der Konsumenten gaben an, dass sie bei ihrem letzten Einkauf den Verkäufer direkt ansprechen mussten, um beraten zu werden. „Nur jeder dritte Kunde berichtet, dass er bei seinem letzten Beratungsgespräch vom Verkäufer hinreichende Produktinformationen und Empfehlungen erhalten hat“, schreiben die Autoren der PwC-Studie. Dabei stellten die Handelsexperten fest, dass die junge Generation der Konsumenten neue Maßstäbe setze: „Die Generation der unter 30-Jährigen hat höhere Erwartungen an das Einkaufserlebnis im stationären Handel als alle anderen Generationen. Sie ist der Treiber von Digitalisierung und Individualisierung. Gleichzeitig sucht sie Orientierung und bildet die Kernzielgruppe für digitales Marketing.“ Die Autoren raten den Händlern, diese Ansprüche nicht als Sonderwünsche zu behandeln. Vielmehr sollten „die Erwartungen dieser jungen Menschen sehr schnell zum generationenübergreifenden Mainstream werden.“ Hohe Ansprüche hat die junge Generation zum Beispiel beim Blick auf digitale Services im stationären Handel: 43 Prozent der jüngeren Kunden wollen online einsehen, ob ein Produkt im stationären Shop erhältlich ist, knapp ein Drittel möchte zudem wissen, wie voll es im Laden ist. Hier zeigt sich, dass sich der stationäre Handel eben nicht als Gegenmodell zum Online-Anbieter verstehen sollte, sondern dass er digitale Potenziale in sein Angebot integriert. Im Vergleich zum Online- Handel punkten kann er durch den „Faktor Mensch“: Die PwCStudie zeigt, dass 44 Prozent der jungen Kunden erwarten, dass die Verkäufer sich für ihre persönlichen Präferenzen interessieren; rund ein Viertel wünscht sich persönliche Verkaufsberater sowie personalisier- und individualisierbare Produkte.

„Beratung ist geil“

Interessant dabei: Diese neue Generation zeigt sich in Teilen durchaus bereit dafür, sich diesen Mehrwert etwas kosten zu lassen: „Etwa jeder Zweite würde einen Aufpreis für kompetente Beratung beim Kauf von Elektronik, Möbeln und Sportartikeln bezahlen“, haben die PwC-Handelsexperten herausgefunden. Von wegen „Geiz ist geil“: Die junge Kundengeneration erhofft sich mehr – muss es aber nicht immer superbillig haben. Wohlwissend, dass besondere Erlebnisse nicht zum Geiztarif zu haben sind. Für den Handel ergeben sich daraus gute Chancen für innovative Idee und neue Absatzformen. Gefragt ist hier insbesondere der Nachwuchs im Handel, der die Wünsche der prägenden jungen Generation aus erster Hand kennt.

Branchenkenner Josef Sanktjohanser im Interview

Josef Sanktjohanser hat den Handel von der Pike auf gelernt, schon seine Eltern führten einen Lebensmittelladen in seiner Heimat im Westerwald. Der heute 69-Jährige hat sich bis in den Vorstand der Rewe-Gruppe hochgearbeitet, seit 2006 ist er Präsident des Handelsverbands Deutschland (HDE). Im Gespräch führt er aus, warum noch immer viele Händler gar nicht online präsent sind, was die Künstliche Intelligenz in der Branche bewirken kann und warum man im Handel anpacken können muss. Das Interview führte André Boße.

Zur Person

Josef Sanktjohanser (Jahrgang 1950) ist seit dem 30. Oktober 2006 Präsident des Handeslverbands Deutschland (HDE). Von 2004 bis 2012 war er Mitglied des Vorstands der Rewe-Zentral AG und der Rewe- Zentralfinanz eG, Köln. Zum 30. Juni 2012 ist Josef Sanktjohanser planmäßig aus dem Vorstand der Rewe Group ausgeschieden. Nach einem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Köln trat er als geschäftsführender Gesellschafter in das elterliche, mittelständische Lebensmittelhandel-Unternehmen Petz ein. 1986 wechselte er als Geschäftsführer zur Rewe-Handelsgesellschaft Koblenz. Von 1991 bis Februar 2004 leitete er Rewe- West und war in weiteren Führungspositionen als Niederlassungsleiter und Geschäftsführer in der Rewe-Gruppe tätig. Im Februar 2004 wurde er in den Vorstand berufen. Dort verantwortete er zuletzt die Geschäftsfelder Unternehmenskommunikation mit Public Affairs und Konzernmarketing. Heute wirkt Josef Sanktjohanser als Mitinhaber und Unternehmer in der Petz Rewe GmbH in Wissen mit.
Herr Sanktjohanser, die Digitalisierung ist für den Handel ein bestimmendes Thema. Wie beurteilen Sie aktuell die Entwicklung in diesem Bereich, sind die Handelsunternehmen gut aufgestellt? Die Handelsunternehmen sind mit Blick auf die Digitalisierung sehr unterschiedlich aufgestellt. Generell ist es für größere Betriebe einfacher, die nötigen Investitionen in Technik und Personal zu stemmen oder sich extern beraten zu lassen. Dagegen haben insbesondere kleinere Handelsunternehmen oft Schwierigkeiten, die Herausforderungen der Digitalisierung zu bewältigen. Eine aktuelle Umfrage unseres Verbandes zeigt, dass zwei Drittel der Händler in Deutschland den Vertriebsweg Internet gar nicht für sich nutzen, darunter insbesondere viele mittelständische Unternehmen. Das kann dramatische Auswirkungen haben, denn wer heutzutage nicht im Internet vertreten ist, existiert für viele Kunden gar nicht mehr. Die Kunden erwarten, dass sie den Händler in der Fußgängerzone und im Internet finden – je nach Bedarf und Zeit. Deshalb sollte der Mittelstand bei seinem weiteren Weg in die Digitalisierung unterstützt werden. Wie kann das geschehen? Die Bundesregierung ist mit ihrem etablierten Netzwerk der Mittelstand 4.0-Kompetenzzentren auf dem richtigen Weg, der HDE ist hier als Konsortialleiter mit an Bord. Im Rahmen der Initiative werden zahlreiche Workshops und Schulungen angeboten. Die Unternehmen, die sich ein Online-Standbein aufbauen, profitieren in vielen Fällen enorm. Dabei setzen nicht alle Händler gleich auf den eigenen Online-Shop, viele verkaufen ihre Ware auch über bestehende Online-Plattformen oder Marktplätze. Welche weiterführenden Digitalisierungsthemen sind Ihrer Meinung nach von besonders großer Bedeutung? Ein zentrales Thema ist die Nutzung Künstlicher Intelligenz. Noch stehen wir da am Anfang, ein Großteil der Technologien wird erst erprobt. Aber das Potenzial ist bereits jetzt deutlich sichtbar: Vereinfachung, Individualisierung und Beschleunigung beim Einkaufen. Beispielsweise mithilfe von Einkaufsrobotern, die die Kunden im stationären Handel schnell zur gesuchten Ware lotsen und erste Informationen geben können. Erste, derartige Roboter gibt es bereits heute. Auch bei Kaufempfehlungen, Einkäufen über Voice-Devices oder bei wetterabhängigen Bestellungen im Großhandel kommt Künstliche Intelligenz im stationären Handel sowie im Online-Handel bereits zum Einsatz. Technisch ermöglicht die Digitalisierung im Handel viele neue Chancen für eine individuellere Kundenansprache und noch passgenauere Logistik.
Technisch ermöglicht die Digitalisierung im Handel viele neue Chancen für eine individuellere Kundenansprache und noch passgenauere Logistik.
Inwieweit bremst das Thema Datenschutz die digitale Innovationskraft der Handelsunternehmen? Eines vorweg: Datenschutz ist wichtig. Denn ohne das Vertrauen der Kunden in die Sicherheit ihrer Daten kann der Handel nicht erfolgreich weiterarbeiten. Wichtig ist, dass dabei das Gleichgewicht zwischen Datenschutz für die Verbraucher und berechtigtem wirtschaftlichem Interesse an den Daten stimmt. Und das ist derzeit eben nicht immer der Fall. Die Hemmschwelle vieler Händler, online zu gehen, liegt nach einer aktuellen HDE-Umfrage vor allem deshalb so hoch, weil die Anforderungen an den Datenschutz als sehr herausfordernd wahrgenommen werden. Hier verunsichert die Datenschutzgrundverordnung die Branche erheblich. Rechtssicherheit ist gerade für kleinere Unternehmen ohne Rechtsabteilung zur Herausforderung geworden. Hier muss die Politik Veränderungen vornehmen und Daten- und Verbraucherschutz neu austarieren. Bei zu viel Bürokratie wird Innovation unmöglich. Wie sehr leidet die Handelsbranche unter dem Mangel an Fachkräften, die die Kompetenz mitbringen, Handelsund Digitalisierungs-Know-how zu kombinieren? Natürlich braucht der Handel dringend Fachkräfte, die ein grundsätzliches Verständnis für die Branche und digitales Wissen mitbringen. Deshalb gibt es ja seit jetzt etwas mehr als einem Jahr den neuen Ausbildungsberuf Kauffrau und Kaufmann im E-Commerce. Wie groß der Bedarf ist, zeigt sich seitdem in der großen Nachfrage bei Unternehmen und Auszubildenden. Und auch bei den Fortbildungen haben wir demnächst den neuen Fachwirt im E-Commerce. Zudem werden die bereits bestehenden Ausbildungsberufe regelmäßig an den Stand der Technik angepasst. Der Klimawandel ist ein weiteres Mega-Thema dieser Tage. Welche Rolle spielt der Handel, um in Deutschland eine „Klimawende“ hinzubekommen? Beim Klimaschutz nimmt der Handel eine echte Vorreiterrolle ein. Vom Bundesumweltministerium veröffentlichte Zahlen zeigen, dass der Sektor Gewerbe, Handel, Dienstleistungen im Vergleich zu 1990 trotz Wirtschaftswachstums seinen CO2-Ausstoß mehr als halbiert hat. Das Klimaschutzziel einer Reduzierung des Ausstoßes um 55 Prozent bis 2030 hat der Sektor damit bereits heute fast erreicht. Und der Handel arbeitet weiter an diesem Thema: Um auch kleine und mittelständische Handelsunternehmen bei einem effizienteren Energiemanagement zu unterstützen, hat der HDE gemeinsam mit dem Bundesumweltministerium die HDE-Klimaschutzoffensive gestartet, mit dem Ziel, Klimaschutz- und Effizienzmaßnahmen zu bündeln und so aufzubereiten, dass sie einfach umgesetzt werden können. Zudem soll eine Vielzahl von Veranstaltungen und Vorträgen Handelsbetriebe auf Einsparmöglichkeiten aufmerksam machen.
Die Kunden erwarten, dass sie den Händler in der Fußgängerzone und im Internet finden – je nach Bedarf und Zeit.
Erkennen Sie, dass die Kunden einen großen Wert auf möglichst klimaneutrale Einkäufe legen? Die Kunden legen eindeutig immer mehr Wert auf nachhaltige Waren. Umfragen zeigen, dass viele Verbraucher auch bereit sind, dafür tiefer in die Tasche zu greifen. Der Handel reagiert auf diese Entwicklung und bietet mittlerweile auch Fair-Trade-Produkte flächendeckend in allen Sortimenten an. Klimaneutrale Waren sind momentan sicher noch eher ein Nischenprodukt. Warum ist es gerade heute für Einsteiger besonders gewinnbringend, eine Karriere im Handel anzustreben? Einsteiger haben im Handel so gute Karrierechancen wie in kaum einer anderen Branche. Beispielsweise haben mehr als 80 Prozent der Führungskräfte im Handel einmal mit einer Lehre in der Branche begonnen. Die Aufstiegschancen sind enorm. Außerdem ist der Handel eine Branche, die extrem spannend und wandlungsfähig ist. Der Handel muss jeden gesellschaftlichen Trend sofort aufnehmen und sich entsprechend anpassen. Mit 50 Millionen Kundenkontakten am Tag ist keine andere Wirtschaftsbranche näher am Puls der Menschen als der Handel. Deshalb ist es auch für alle Angestellten der Branche unerlässlich, gut mit Menschen zu können. Ohne Empathie und Freundlichkeit geht gar nichts. Worauf kommt es noch an, wenn man im Handel Karriere machen möchte? Der Handel ist eine sehr praktisch denkende Branche. Man muss auch mal zupacken können. Gleichzeitig sind – auch dank des globalisierten Online-Handels – immer mehr Unternehmen im internationalen Kontext tätig. Insofern werden auch Fremdsprachen immer wichtiger.

Kompetenzzentrum Handel

Noch immer ist eine Reihe von kleineren und mittleren Handelsunternehmen nicht oder kaum in Internet präsent. Die Initiative Kompetenzzentrum Handel will den Akteuren Impulse geben, selbstbewusst im Netz aufzutreten und die Chancen von E-Commerce zu nutzen. Zusammengeschlossen haben sich dafür der Handelsverband Deutschland (HDE) sowie Institute mit Schwerpunkt Handel, gefördert wird die Initiative vom Bundeswirtschaftsministerium. Zu den Kernfragen, bei denen das Kompetenzzentrum Handel hilft, gehören: Wie tickt mein Kunde heute und wie tickt der von morgen? Über welche Kanäle erreiche ich ihn? Welches CRM brauche ich zum Management meiner Kundendaten? Und was muss ich beim Thema Datenschutz beachten? kompetenzzentrumhandel.de

Jung und erfolgreich bei: ALDI SÜD

Als Regionalverkaufsleiter fördere ich die Entwicklung meiner Mitarbeiter. Aber auch ich entwickle mich durch meine Arbeit weiter. Das schätze ich sehr an meinem Job. Es ist quasi ein Geben und Nehmen – ähnlich wie in einem Team beim Sport.

Lucas Kohler, Foto: ALDI SÜD
Lucas Kohler, Foto: ALDI SÜD
Name: Lucas Kohler Schulabschluss: Abitur Studiengang: Wirtschaftswissenschaften, Universität Hohenheim/HEC Liège Abschlusszeitpunkt: Oktober 2015 Interessen: Sport (Fußball, Wassersport), Reisen, Lesen berufliches Ziel: Im Ausland arbeiten und im Anschluss weitere spannende Erfahrungen im Unternehmen sammeln
ALDI SÜD hatte ich während des Studiums als potenziellen Arbeitgeber überhaupt nicht auf dem Schirm. Ich habe dann zufällig eine Anzeige gesehen, die mich neugierig gemacht hat. Nach einem ersten Gespräch mit dem Geschäftsführer meiner Regionalgesellschaft wusste ich, dass es für mich passen könnte. Wir haben dabei zum Beispiel darüber geredet, welche Werte im Unternehmen wichtig sind: Einfachheit, Verantwortung und Verlässlichkeit. Damit konnte ich sehr viel anfangen, denn diese Werte sind mir auch wichtig. Nach meinem Bewerbungsgespräch hatte ich dann noch einen „Schnuppertag“ mit einem Regionalverkaufsleiter, dem ich viele Fragen stellen konnte. Das Gesamtpaket war für mich stimmig, sodass ich gesagt habe: Das ist etwas für mich, da fange ich an. Und bisher habe ich die Entscheidung nicht bereut! Als Regionalverkaufsleiter strukturiere ich meinen Tag komplett selbst. Im Moment bin ich für fünf Filialen zuständig. In der Regel checke ich morgens zuerst die Umsätze vom Vortag und andere Kennzahlen unserer Filialen. Ich besuche jeden Tag zwei bis drei Filialen. Ich versuche es so einzurichten, dass ich den Filialleiter persönlich treffe, damit wir die wichtigsten Dinge besprechen können.
Die Herausforderung in meinem Job als Regionalverkaufsleiter ist, alles unter einen Hut zu bekommen.
Am meisten an meinem Job schätze ich, dass das Gesamtpaket stimmt – und zwar aus vier Gründen. Erstens: Wir werden als Generalisten ausgebildet und bauen Wissen in ganz verschiedenen Bereichen auf – ob Human Resources, Logistik, Marketing oder Controlling. Der zweite Punkt ist die Flexibilität. Ich finde es gut, dass ich meinen Tag hier eigenständig strukturieren kann. Drittens: Das Finanzielle stimmt. Der Job als Regionalverkaufsleiter ist anspruchsvoll, aber er wird auch entsprechend entlohnt. Der letzte Punkt, der den Job für mich so spannend macht, ist die Personalverantwortung. Ich habe hier die Möglichkeit, Verantwortung für mehrere Filialen und mehr als 60 Mitarbeiter zu übernehmen. Das ist natürlich nicht immer einfach, aber auch eine großartige Chance. Ich bin froh, dass ALDI SÜD mir dieses Vertrauen entgegenbringt. Die Herausforderung in meinem Job als Regionalverkaufsleiter ist, alles unter einen Hut zu bekommen. Gerade weil ich so viele verschiedene Aufgaben habe, muss ich mich gut selbst organisieren und meinen Tag strukturieren. Es ist wichtig, den Überblick zu behalten. Für meinen Job sollte man offen, spontan und bereit für Veränderungen sein. Der Handel ist eine Branche, die sich immer wieder verändert. Auch mein Ziel ist es, nicht stehen zu bleiben, sondern mich beruflich und privat immer weiterzuentwickeln.

E-Mail für dich: Hornbach Baumarkt AG

Liebe Leserinnen und Leser, wenn mir vor fünf Jahren jemand gesagt hätte, dass ich heute in verantwortungsvoller Position bei einem internationalen Handelsunternehmen einen wichtigen Sortimentsbereich mitgestalten würde, hätte ich wohl irritiert den Kopf geschüttelt. Einige Monate vor dem Abitur hatte ich ganz andere Pläne, wollte gerne in der Logistik tätig werden.

Von: Dominik Wörzler Gesendet: 28. Oktober 2019 An: Berufseinsteiger im Handel Betreff: Herausforderungen im Herzstück des Handels
Im Bewerbungsverfahren für ein Duales Studium „Bachelor of Arts – Spedition, Transport, Logistik“ bei der Hornbach Baumarkt AG, die zu den größten Betreibern von Bau- und Gartenmärkten in Europa zählt, kam es dann im zweiten Gespräch zu einer faustdicken Überraschung: Die Recruiter hatten eine Führungskraft aus dem Einkauf auf mich aufmerksam gemacht – und die erzählte mir von spannenden Herausforderungen im Herzstück des Handelsunternehmen. Ich erbat mir etwas Bedenkzeit, war innerlich aber längst überzeugt. Man wollte mich und traute mir verantwortungsvolle Aufgaben in einem wichtigen Unternehmensbereich zu. Nach einem Probearbeiten war ich mir sicher: Ich will auch! In den folgenden drei Jahren meines Dualen Studiums zum „Bachelor of Arts BWL/Handel“ habe ich dann regelmäßig gewechselt. Einige Monate Theorie an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Karlsruhe, dann wieder einige Monate Praxis in Neustadt an der Weinstraße – im Einkauf für den Sortimentsbereich Holz und Baufertigteile. Mir hat beides Spaß gemacht. Und schnell habe ich ein eigenes Projekt bekommen: Ich durfte die Einführung eines Modellbau-Sortiments komplett managen – von der vorbereitenden Zielgruppenanalyse bis hin zum echten Aufbau des neuen Moduls im Markt.
Die Aufgaben sind extrem vielfältig, mal einfach und mal hochkomplex.
Mich hat von Anfang an begeistert, dass wir im Einkauf so viele Schnittstellen zu anderen Abteilungen im Unternehmen und auch außerhalb davon haben. Ich kommuniziere mal kollegial mit Verkäufern im Markt und dann wiederum sachlich und teilweise auch hart in den Verhandlungen mit Geschäftspartnern. Die Aufgaben sind extrem vielfältig, mal einfach und mal hochkomplex. Kein Tag gleicht dem anderen. Ich finde das sehr reizvoll. Deshalb habe ich auch sofort zugesagt, als mir kurz vor dem Ende des Studiums ein Job als Einkaufsassistent im Bereich Farben und Putze angeboten wurde. Meine Entscheidung habe ich jedenfalls keinen Augenblick bereut und ich würde angehenden Berufsanfängern und Studierenden raten, mit einer gewissen Offenheit in die Bewerbungsgespräche zu gehen. Manchmal eröffnen sich da Perspektiven, die man selbst nicht unbedingt auf dem Schirm hat. Viel Erfolg beim Einstieg und viele Grüße Dominik Wörzler, Einkaufsassistent bei der Hornbach Baumarkt AG