Neueste Beiträge

E-Paper karriereführer ingenieure 1.2026 – Zukunftstechnologien in Luft- und Raumfahrt

0
Ausgabe als PDF downloaden

E-Paper karriereführer frauen in führungspositionen 2026.2027

0
Ausgabe als PDF downloaden

Backlash bedroht Gleichberechtigung

Vor 30 Jahren wurden bei der UN-Weltfrauenkonferenz die Weichen für globale Geschlechtergerechtigkeit gestellt. Doch die Entwicklung stockt: Krisen lähmen, populistische Bewegungen verursachen einen Backlash. Was Frauen in Führungspositionen betrifft, geht es in Deutschland besonders langsam voran. Um das zu ändern, müssen Unternehmen Führung neu denken. Damit es endlich auf Leistung ankommt – und nicht mehr auf alte Muster. Ein Essay von André Boße

Anfang September 1995, vor mehr als 30 Jahren, fand in Peking ein bedeutsames Treffen statt. Zum vierten und bisher letzten Mal lud die UN zur Weltfrauenkonferenz. Abgesandte aus 189 Nationen verabschiedeten einen Aktionsplan, um die Geschlechtergerechtigkeit zu fördern. Möglichst konkret sollte dieser Plan sein, darauf hatten die beteiligten Frauenorganisationen großen Wert gelegt. In der Abschlusserklärung verpflichteten sich die unterzeichnenden Staaten unter anderem, die Gleichstellung von Frauen in den Feldern Wirtschaft und Politik zu fördern und geschlechtsspezifische Unterschiede im Bildungssystem abzubauen.
Was vor 30 Jahren erreicht wurde, wird jetzt wieder in Frage gestellt.
Dass es seitdem keine weitere UN-Weltfrauenkonferenz gegeben hat, zeigt, wie wegweisend die Beschlüsse damals gewesen sind, wie groß ihr Einfluss auf Frauenbewegungen weltweit war. In den Ländern Afrikas zum Beispiel, wo Gender- Ungerechtigkeit die Frauen vor existenzielle Probleme stellt. Aber auch in Westeuropa, wo sich damals die Gewissheit festsetzte, dass Gender-Vielfalt in der Wirtschaft nicht nur den Frauen hilft, sondern auch den Unternehmen. Viele Jahre lang funktionierten die Beschlüsse der UN-Frauenkonferenz als institutioneller Rahmen für Organisationen, die sich für die Gleichstellung von Frauen einsetzen. Doch nun zeigt sich: Was vor 30 Jahren erreicht wurde, wird jetzt wieder in Frage gestellt.

Backlash: Ein Konsens wird wieder in Frage gestellt

„Der große Backlash“ hat Rita Schäfer, Beraterin für Entwicklungsorganisationen, einen Meinungsbeitrag betitelt, den sie 30 Jahre nach der UN-Weltfrauenkonferenz für die Zeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ schrieb. Ihre Beobachtung ist, dass der „1995 in Peking erzielte Konsens mittlerweile weltweit von rechten Kulturkämpfer*innen außerhalb und innerhalb von Regierungen attackiert wird“, indem diese Interessensgruppen „zunehmend strategisch gegen Multilateralismus und Geschlechtergerechtigkeit vorgehen“. Die Krise der Demokratien und der Aufstieg des politischen Autoritarismus in immer mehr Ländern der Welt haben zur Folge, dass „Frauenfeindlichkeit“ um sich greife, „vielfach politisch verstärkt durch Desinformationen und das Schüren von Hass in digitalen Medien“, so Schäfer.

Bei dem Tempo: Vorstandsgleichheit in 16 Jahren

Die AllBright-Stiftung hat Ende 2025 berechnet, wie lange es bei dem durchschnittlichen Entwicklungstempo der vergangenen fünf Jahre noch dauern würde, bis der Frauenanteil in den Vorständen der börsennotierten deutschen Unternehmen bei 50 Prozent liegt: 16 Jahre. Ende 2041 wäre es also so weit.
Das Weltwirtschaftsforum hat diesen Rückschritt quantifiziert. Der Deutschlandfunk meldete im Herbst 2025, die Expert*innen hätten errechnet, dass es noch 123 Jahre dauern werde, „bis alle Menschen auf der Welt unabhängig von ihrem Geschlecht die gleichen Rechte und Möglichkeiten haben“. Das sollte schon mal schneller gehen: Noch 2020 gingen die Expert*innen vom Weltwirtschaftsforum von einer Zeitspanne von rund 100 Jahren aus. Die Gleichberechtigung verspätet sich um 23 Jahre. Tendenz aktuell wohl eher steigend. Es fühlt sich an, als sitze man in einem Zug fest, der auf der freien Wiese plötzlich stehen bleibt – und sich die Ankunftszeit am Zielbahnhof immer weiter verspäte.

0,1 Prozentpunkte in zehn Jahren

Um diese Verzögerung mit Zahlen zu belegen: Die neuesten Daten des Statistischen Bundesamts zeigen, dass Frauen in den deutschen Führungsetagen weiterhin deutlich unterrepräsentiert sind. „Während im Jahr 2024 rund 1,32 Millionen Männer in Deutschland eine Führungsposition hatten, waren es nur 540.000 Frauen“, heißt es im Bericht von Ende 2025. Damit waren zum Zeitpunkt der Datenerhebung lediglich 29,1 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt. Dieser Wert, heißt es in der Meldung, liegt deutlich unter dem EU-Durchschnitt, der bei 35,2 Prozent liegt. Den Spitzenplatz im europäischen Vergleich belegt Schweden mit einem Frauenanteil von 44,4 Prozent. Deutschland stagniert, wie das Statistische Bundesamt vermeldet: „Seit dem Jahr 2014 hat sich der Anteil der weiblichen Führungskräfte in Deutschland praktisch nicht verändert.“ Im Jahr 2024 lag die Quote bei 29 Prozent. Die Steigerung: mickrige 0,1 Prozentpunkte. Die Daten zeigen, dass sich in anderen Ländern der EU deutlich mehr getan hat: „Im EU-Durchschnitt stieg der Anteil der weiblichen Führungskräfte in diesem Zeitraum um 3,4 Prozentpunkte.“
Vielen arbeitenden Frauen bleibt auch weiterhin der Weg in die Führung versperrt.
Was die Analyst*innen des Statistischen Bundesamts besonders umtreibt: Der geringe Anteil an Frauen in Leitungspositionen in Deutschland ist besonders bemerkenswert, da in der Bundesrepublik der Anteil an erwerbstätigen Frauen mit 46,9 Prozent leicht über dem EU-Durchschnitt (46,4 Prozent) liegt. Lässt sich in einem Land wie Italien der geringe Anteil von Frauen in Führungspositionen so erklären, dass dort generell weniger Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen, kann die Schlussfolgerung in Deutschland nur lauten: Vielen arbeitenden Frauen bleibt auch weiterhin der Weg in die Führung versperrt.

Alte Strukturen schlagen Leistung und Qualifikation

Warum das so ist? Mit dieser Frage hat sich Katrin Winkler beschäftigt. Die Leiterin der Kempten Business School und Professorin für Personalmanagement und Führung hat für den Meinungsbereich „Speakers Corner“ der Business School eine Analyse online gestellt. Gleich zu Beginn des Textes wehrt sie sich gegen die häufig geteilte Erklärung, nach der Frauen deshalb nicht nach oben kommen, weil sie „individuelle Defizite“ oder „fehlende Ambitionen“ hätten. „Diese Erklärungen greifen jedoch zu kurz“, schreibt die Professorin in ihrem Beitrag. Auf dem Weg nach oben, so Winkler, gehe es gar nicht so sehr um die Leistung. Die aktuelle Forschung zeige, „dass Führungserfolg weniger ein rein leistungsbasiertes Phänomen ist als vielmehr das Ergebnis sozialer Zuschreibungs-, Legitimations- und Selektionsprozesse.“ Autorität entstehe nicht allein durch Kompetenz, sondern durch Anerkennung in der Organisation – und diese sei strukturell geprägt. Wer glaubt, dass in einem Unternehmen diejenige Person Karriere mache, die individuell die größte Kompetenz mitbringt, besonders viel leistet und am besten qualifiziert ist, der täuscht sich, schreibt Katrin Winkler. Die Forschung zeige, dass Führung „in erheblichem Maße ein soziales Zuschreibungsphänomen ist“. Heißt: Es gibt ein Bild von einer Führungspersönlichkeit, das weniger mit dem zu hat, was diese Person an Leadership-Fähigkeiten mitbringt, sondern ob sie den Erwartungen entspricht, die man von Führung hat. „Diese Erwartungen sind historisch gewachsen und kulturell geprägt“, schreibt die Professorin. Assoziiert werde Führung vor allem mit Merkmalen wie Durchsetzungsfähigkeit, Dominanz und Kontrolle. Und diese widersprechen den Eigenschaften, die häufig mit Frauen assoziiert werden, nämlich Empathie und Beziehungsorientierung.

Frauen in Führung stehen weiterhin vor Dilemma

Damit geraten ambitionierte Frauen auf dem Weg nach oben automatisch in ein Dilemma: Entsprechen sie dem, was man von Führung erwartet, treten sie aus ihrer stereotypischen Rolle, was – so Winkler – häufig mit Sanktionen einhergehe. Entsprechen sie dem Stereotyp weiblichen Handelns, werde ihnen die Führungsstärke abgesprochen. „Wer klar entscheidet, gilt schnell als ‚zu dominant‘. Wer moderiert und einbindet, als ‚nicht durchsetzungsstark genug‘“, schreibt Katrin Winkler. In ihrem Fazit fordert sie, dass sich die Unternehmen dieses Dilemma unbedingt bewusst machen müssten: Es bringe nichts, Frauen zwar individuell weiterzubilden, ohne dabei auch die „strukturellen Verzerrungen“ im Blick zu haben. Ihre Forderung: „Wer Frauen in Führung stärken will, muss Zuschreibungs- und Selektionsmechanismen sichtbar machen – nicht nur individuelle Kompetenzen fördern.“

Gefangen im „Thomas-Kreislauf“

In ihrem Report stellen die Autor*innen der AllBright-Stiftung fest, dass sich Vorstandsvorsitzende der großen Unternehmen noch immer bevorzugt mit etwas jüngeren Spiegelbildern ihrer selbst umgeben. „Sie trauen ihnen am ehesten zu, was sie selbst können“, heißt es im Report. Daraus ergibt sich ein Problem, dass in der Studie „Thomas-Kreislauf“ genannt wird: „Neue Vorstandsmitglieder werden nach der Schablone der schon vorhandenen Vorstandsmitglieder rekrutiert.“ Und da seit vielen Jahren und auch zum Stand der Erhebung im September 2025 Thomas der häufigste Name in den deutschen Vorständen ist, folgen auf einen Thomas weitere Thomasse.
Das Erstaunliche ist: Je mehr die Wirtschaft die weiblichen Führungskräfte benötigt, desto schwerer macht sie ihnen den Aufstieg. Anders gesagt: Je mehr Krisen es gibt, desto stärker steht die Gender-Gerechtigkeit unter Druck. Die AllBright-Stiftung mit Sitz in Stockholm und Berlin, die sich für mehr Frauen und Diversität in den Führungspositionen der Wirtschaft einsetzt, schreibt in einem neuen Report mit Blick auf die Situation in Deutschland von einer „Krisenlähmung“: „Fehlendes Wachstum, schwache Konjunktur, hohe Kosten und Unsicherheiten: Die deutsche Wirtschaft steckt in der Krise, die Herausforderungen sind groß. In Zeiten, die eigentlich Neuausrichtung und Weiterentwicklung erfordern, agieren viele Unternehmen gerade mutlos, müde und wie gelähmt“, heißt es im Beitrag der Geschäftsführung Dr. Wiebke Ankersen und Christian Berg. In unsicheren Zeiten werde nicht für weitere Modernisierung gesorgt, sondern wieder stärker auf Männer nach altbekanntem Muster gesetzt. „Es ist der Rückgriff auf Vertrautes und Gewohntes in der Hoffnung auf Sicherheit, und zum ersten Mal sind die Unternehmen mit reinen Männervorständen nicht weniger geworden, sondern mehr. Das ist ein gefährlicher Reflex.“ Viele Unternehmen steckten, so Wiebke Ankersen und Christian Berg, auch deshalb in der Krise, „weil sie die hervorragend ausgebildeten Frauen noch immer nicht als Schlüssel und Treiber für eine gelingende Erneuerung einsetzen“.

Bewahren lähmt

Das ist gut 30 Jahre nach der UN-Weltfrauenkonferenz eine bemerkenswerte Feststellung. Um noch einmal auf das Bild mit dem Zug mit Verspätung zurückzukommen: Damals wurden in Peking die Weichen gestellt. Doch die Bahn bummelt. Und zwar in Deutschland selbstverschuldet. „Wir sind eine alternde Gesellschaft“, sagte die Wirtschaftsjournalistin Julia Löhr von der FAZ in der Talksendung von Markus Lanz am 24. Februar 2026. „Und eine alternde Gesellschaft ist sehr daran interessiert, den Status quo zu bewahren.“ Doch dieser Status quo ist es, der lähmt.
Die junge Generation steht vor der Herausforderung, kulturelle Begebenheiten, traditionelle Strukturen und alte Vorstellungen von Führung aufzubrechen.
Und so steht die junge Generation vor der Herausforderung, kulturelle Begebenheiten, traditionelle Strukturen und alte Vorstellungen von Führung aufzubrechen. In einer alternden Gesellschaft sind die Jungen jedoch die Minorität. Umso wichtiger ist es, dass endlich mehr junge Frauen den Weg in die Führung schaffen. Und sobald offenkundig wird, dass im Unternehmen für junge Frauen die Karrierebremsen wirken, sollten die jungen Frauen (am besten im Verbund mit den jungen Männern) versuchen, offen darüber zu reden. Anzusprechen, wie es sich anfühlt, in einem Zug zu sitzen, der immer mehr Verspätung anhäuft. Das Gute ist: Diese Erfahrung hat jede und jeder schon einmal gemacht.

Transformations-Strategin Alexandra Lust im Interview

Transformation ist für Alexandra Lust weit mehr als ein Modewort – sie versteht darunter den Auftrag, ein Unternehmen mutig weiterzuentwickeln. Seit Mitte 2025 ist sie Head of HR Strategy & Transformation bei Audi. Im Interview spricht sie darüber, warum Zuhören eine der wichtigsten Führungskompetenzen ist, wie man Menschen durch Wandel begleitet und weshalb Vielfalt gerade in Krisenzeiten unverzichtbar bleibt. Ein Gespräch über Haltung, Verantwortung und authentische Führung. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Alexandra Lust zählt seit ihrem Wechsel zu Audi im Juli 2025 zum Top-Management im HR-Bereich des Autokonzerns. Als Head of HR Strategy & Transformation verantwortet sie die Bereiche HR Strategie, Managementgrundsätze und -vergütung, HR-Digitalisierung und Innovation, HR Analytics sowie das Talent Management. Durch diese Rolle beschäftigt sie sich intensiv mit den Fragen, wie sich Führung, Organisation und Arbeit in einer sich rasch verändernden Welt weiterentwickeln. Ihre Karriere begann die Diplom-Betriebswirtin nach ihrem Studium in München als HR Business Partner bei MAN Truck & Bus SE. 2019 ging sie zur börsennotierten TRATON GROUP mit ihren Marken Scania, MAN, International und Volkswagen Truck & Bus als einem der weltweit führenden Hersteller von Nutzfahrzeugen. 2025 wechselte sie zu Audi.
Frau Lust, Sie sind seit Sommer 2025 in der Position Head of HR Strategy & Transformation bei Audi tätig. Was genau bedeutet für Sie der Begriff der Transformation? Der Begriff wird heute häufig und recht inflationär benutzt. In meiner Rolle bedeutet Transformation jedoch etwas sehr Konkretes: Er beschreibt den Anspruch, unser Unternehmen durch strukturelle, organisatorische und technologische Veränderungen nachhaltig weiterzuentwickeln. Ich stelle mir dabei immer die zentrale Frage: Wie können wir uns als Organisation so verändern, dass wir morgen besser sind als heute? Das ist für mich ein aktiver Gestaltungsauftrag – und genau diesen verfolgen wir bei Audi sehr konsequent. Inwiefern? Audi ist ein traditionsreiches Unternehmen mit einer starken Identität. Die Vergangenheit darf jedoch nicht über die Zukunft bestimmen. Wir müssen uns immer wieder neu fragen: Wer kauft morgen unsere Autos und mit welchen Erwartungen? Die Antworten auf diese Frage bringen Veränderungen mit sich: für das Unternehmen, für die Strukturen, für Arbeitsweisen und für jeden Einzelnen. Mein Job ist es, diesen Wandel seitens HR zu begleiten. Was bedeutet das konkret? Im Kern bedeutet es, die Menschen bei diesen Veränderungen mitzunehmen. Transformation ist oft auch mit Unsicherheit verbunden. Oft wissen die Mitarbeitenden nicht, was diese oder jene Veränderung für sie persönlich, für ihre Rolle und ihren Arbeitsplatz bedeutet. Daher versuchen wir, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Welche Eigenschaft ist für Ihre Rolle wichtig?
Transformation beginnt mit Zuhören.
Die Fähigkeit zuzuhören. Ich bin jetzt seit rund einem halben Jahr bei Audi und habe in dieser ersten Phase sehr viele Kennenlerngespräche geführt, um zu verstehen, welche gefüllten Rucksäcke die Menschen mit sich tragen. Dieses ergebnisoffene Zuhören ohne Vorannahmen ist anspruchsvoller, als es klingt. In unserer Gesellschaft werden Menschen oft sehr schnell aufgrund einzelner Aussagen oder äußerer Merkmale in Schubladen gesteckt. Schubladen, in denen sie sich selbst gar nicht sehen. Und da wieder herauszukommen, kann ganz schön schwierig sein. Dieses Schubladendenken möchte ich als Führungskraft unbedingt und ganz bewusst vermeiden. Wie gelingt das in einem Gespräch? Indem ich in diesen Gesprächen als Führungskraft eher still bin. Ich höre zu, ohne das Gesagte sofort zu kommentieren oder einzuordnen. Gelingt mir das, dann spüre ich sofort, was das bewirkt: Menschen fühlen sich gesehen und gehört. Das löst sehr viel Positivität aus. Weil dieser Mensch merkt: Ich kann hier so sein, wie ich bin. Das schafft Vertrauen und öffnet den Raum für echte, ehrliche Gespräche. Konnten Sie schon immer gut zuhören? Ich glaube, dass Empathie schon immer eine Stärke von mir war. Ich bin neugierig auf Menschen, habe feine Antennen, kann ganz gut die Stimmung im Raum lesen. Dass Zuhören eine wichtige Führungskompetenz ist, habe ich bereits früh in meiner Karriere gelernt. Damals hatte ich eine Führungskraft, die auch in stressigen Phasen einen kühlen Kopf behielt und die Menschen nicht aus dem Blick verlor. Das habe ich sehr geschätzt und das habe ich mir dann für meinen eigenen Weg vorgenommen. Das würde ich jungen Menschen grundsätzlich raten: Sich nicht eine Person als Vorbild zu nehmen, sondern sich bei verschiedenen Personen die jeweils besten Eigenschaften abzuschauen. Warum raten Sie davon ab, sich ein Vorbild zu suchen? Weil die Gefahr besteht, ein Vorbild zu kopieren – und dabei die eigene Stimme zu überhören. Dabei ist es so wichtig, eine eigene, authentische Persönlichkeit zu entwickeln. Und das gelingt meiner Meinung nach am besten, wenn man sich von guten Eigenschaften verschiedener Menschen inspirieren lässt, und diese in sein eigenes Tun integriert. So wird man im besten Fall zu einer besseren Version seiner selbst. Das bedeutet auch, bewusst zu entscheiden, welche Verhaltensweisen man nicht übernehmen möchte. Welche zum Beispiel? Manche Menschen neigen dazu, sich selbst zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist selten hilfreich. Denn das kann im Falle einer Führungskraft dazu führen, dass sich die Mitarbeitenden nicht mehr trauen, kritisches Feedback zu geben. Dabei sollte es doch das Ziel von Leadership sein, die Organisation und die Menschen in ihr so zu befähigen, dass sie im Zweifel auch ohne mich funktioniert. Müssen Frauen mehr leisten als Männer, um Karriere zu machen? Ich beobachte, dass Frauen in unserer Gesellschaft häufig besonders sichtbar Leistung zeigen müssen und dass ihr Führungsstil kritischer beäugt wird. Dabei geht es nicht um einzelne Unternehmen, sondern um gesellschaftliche Muster, die wir insgesamt noch nicht vollständig überwunden haben. Für Frauen und Männer werden oft unterschiedliche Vokabulare für das identische Verhalten verwendet. Was ich jetzt sage, klingt stereotypisch, ist nichtsdestotrotz oft weiterhin Realität: Wenn Frauen sehr entschieden auftreten, dann gelten sie schnell als bossy oder verbissen ehrgeizig. Das identische Auftreten wird bei Männern als durchsetzungsstark und ambitioniert bewertet. Wichtig ist, solche Biases zu erkennen und zu überwinden. Bei uns im Unternehmen bieten wir dafür Mentorings, Schulungen und Sensibilisierungen an.
Diversität macht uns innovativer, stärker und führt zu besseren und robusteren Ergebnissen.
Was bedeutet es für Sie, in einer weiterhin männerdominierten Branche heute eine Frau in einer Führungsposition zu sein? Bestimmte Dinge nicht einfach hinzunehmen, sondern den Wandel mitzugestalten. Ich habe eine Verantwortung in meiner Funktion, und mir ist bewusst, dass insbesondere junge Frauen heute am Anfang ihrer Karriere danach schauen, mit welchen Menschen und insbesondere auch Führungspersönlichkeiten eines Unternehmens sie sich identifizieren können. In meiner Rolle habe ich die Verantwortung, stereotype Denkmuster zu hinterfragen – und sie anzusprechen. Ich glaube, wir sind da auf einem guten Weg. Aber es liegt in meiner Natur, dass ich mir etwas mehr Tempo wünsche. Hinzu kommen Rückschritte, weil der Kulturwandel in unserer Gesellschaft aktuell an manchen Stellen wieder zurückgedreht wird. Das macht mir Sorgen, und auch hier muss ich die Stimme, die ich aufgrund meiner Funktion habe, nutzen. Wie nutzen Sie Ihre Stimme konkret? Leider erlebt man oft, dass das Thema Diversity in Krisenzeiten depriorisiert wird – sei es in der Gesellschaft, in der Politik oder in Unternehmen. Es heißt dann, in der Krise seien andere Dinge wichtiger, da könne Vielfalt nicht mehr das Hauptthema sein. Dem widerspreche ich ausdrücklich. Ich bin der Überzeugung, dass eine Krise genau der richtige Zeitpunkt ist, um weiterhin in Vielfalt zu investieren. Was bedeutet denn Diversität? Dass es in Teams unterschiedliche Perspektiven und Fähigkeiten gibt. Es ist belegt, dass diverse Teams gemeinsam bessere Entscheidungen treffen. Ja, die Entscheidungsfindung dauert manchmal länger. Aber es lohnt sich. Diversität macht uns innovativer, stärker und führt zu besseren und robusteren Ergebnissen. Welchen Rat möchten Sie jungen Frauen geben, die am Anfang Ihrer Karriere stehen? Zunächst einmal: Stolpersteine gehören auf allen Karrierewegen dazu. Lebensläufe sehen oft glatt und linear aus, aber reale Karrieren verlaufen selten ohne Umwege. Was wichtig ist: Zu versuchen, so gut es geht bei sich selbst zu bleiben. Holt euch konstruktives Feedback ein, nehmt es ernst, aber nicht persönlich. Gebt euch eine Nacht, um darüber zu schlafen und darüber nachzudenken: Steckt etwas Wahres darin? Und wenn ja: Wie kann ich dieses Feedback sinnvoll für mich nutzen? Dann könnt ihr euren eigenen Weg gestärkt weitergehen.

Zum Unternehmen

Der Automobilhersteller Audi mit Stammsitz in Ingolstadt ist in mehr als 100 Märkten weltweit aktiv und steuert ein globales Produktionsnetzwerk mit 22 Standorten in 13 Ländern. Im Jahr 2025 lieferte die Marke Audi 1,6 Millionen Fahrzeuge an Kunden aus, die Auslieferungen elektrischer Fahrzeuge stiegen im Vorjahresvergleich um 36 Prozent. Aktuell arbeiten mehr als 88.000 Beschäftigte für den Konzern, zu dem neben der Marke Audi auch der Sportwagenhersteller Lamborghini und die Luxusmarke Bentley sowie der Motorradhersteller Ducati zählen.

Blickpunkt: Pionierinnen

Sie kämpften in einer männlich dominierten Gesellschaft für ihre Überzeugungen, setzten sich an die Spitze der technischen und künstlerischen Innovation und prägten den Verlauf der Geschichte mit ihren Ideen. In unserer Pionierinnen- Reihe stellen wir Frauen vor, die mit ihrem Mut und ihrem Durchsetzungsvermögen den Weg zur Gleichberechtigung geebnet haben. Von Kerstin Neurohr

Leila Moysich (*1979) – Babyretterin

Sie ist Geschäftsführerin des Kinder- und Jugendhilfeträgers Sternipark und Babyretterin: Leila Moysich hat im Jahr 2000 in Hamburg die erste Babyklappe Deutschlands geschaffen und damit Müttern oder Vätern die Möglichkeit gegeben, ihr Baby unerkannt abzugeben. Nachdem im Dezember 1999 in einer Hamburger Recycling-Anlage ein totes Neugeborenes gefunden wurde, beschloss Leila Moysich, aktiv zu werden, um Eltern in Not und ihren Babys zu helfen. Wird ein Baby abgelegt, wird medizinisches Personal verständigt und das Kind schnell versorgt. Im Anschluss nehmen Pflegefamilien die Kinder auf, bis entweder Adoptiveltern gefunden werden oder sich die leiblichen Eltern melden – acht Wochen lang haben sie die Möglichkeit, ihr Kind wieder zurückzuholen. Mittlerweile gibt es in Deutschland rund 100 Babyklappen, und auch in anderen Ländern – von Österreich über die USA bis Japan – wurden Babyklappen eingerichtet worden.

Iris Apfel (1921-2024) – Stilikone

 

Buchtipp: Colorful

Cover Colorful Iris Apfel erzählt von ihrer kreativen Arbeit, ihrer Lebensgeschichte, ihren Abenteuern und ihrem unerschütterlichen Glauben an die Kraft von Farbe und Kreativität. Iris Apfel: Colorful. Welche Farbe hat das Glück? Prestel 2024. 36 Euro
Iris Apfel war weit mehr als eine schillernde Modeikone – sie war eine Pionierin für ein selbstbestimmtes, unkonventionelles Leben. Geboren 1921 in New York, baute sie gemeinsam mit ihrem Mann Carl ein internationales Textilunternehmen auf. Als Innenausstatter arbeiten die beiden über Jahrzehnte hinweg an prestigeträchtigen Projekten, unter anderem richten sie für gleich neun US-Präsidenten das Weiße Haus ein. Berühmt wird sie allerdings erst spät: Mit über 80 Jahren entdeckt die breite Öffentlichkeit ihren einzigartigen Stil und ihre Persönlichkeit. 2005 – Apfel ist 84 Jahre alt – muss das Metropolitan Museum of Art kurzfristig eine Ausstellung absagen und braucht Ersatz. Der Kurator, Fan des Stils von Iris Apfel, lässt sie ihre Modesammlung zeigen. Und dann geht es los: TV-Auftritte, ein Dokumentarfilm, ein Buch. Iris Apfel liebt es schrill, bunt, humorvoll – und sie folgt dem Motto: „mehr ist mehr“. 97 Jahre alt ist sie, als sie offiziell Model wird: IMG, eine der weltweit führenden Modelagenturen, nimmt sie 2019 unter Vertrag – angeblich auf Initiative von Tommy Hilfiger. Weltweit ist Iris Apfel auf Magazincovern zu sehen. Sie bekommt eine eigene H&M-Kollektion, hat Millionen Follower auf Instagram, sogar eine eigene Barbie. Iris Apfel stirbt 2024 im Alter von 102 Jahren.

Amelie Hedwig Beese-Boutard, genannt Melli Beese (1886 – 1925) – erste deutsche Pilotin

Filmtipp: Die ersten Fliegerinnen –

Zwischen Triumph und Tragödie Melli Beese zählt gemeinsam mit der Austro-Ungarin Lilly Steinschneider und der Französin Marie Marvingt zu den ersten Fliegerinnen der Welt. Die NDR/ARTE-Dokumentation zeigt, wie sie mit ihrer Entschlossenheit den Weg für Pilotinnen in der Luftfahrt bis heute geebnet haben. Verfügbar in der ARD-Mediathek bis 03.08.2026
Mit viel Mut und Durchsetzungsvermögen lebt sie ihren Traum vom Fliegen. Als erste Frau in Deutschland erwirbt sie den Privatpilotenschein. Dabei studiert Melli Beese, Tochter einer wohlhabenden Familie aus Dresden, zuerst Bildhauerei an der Königlichen Akademie der freien Künste Stockholm. Doch das Abenteuer lockt, und so schreibt sie sich als Gasthörerin am Technikum in Dresden ein, um mehr über Mathematik, Technik und Flugmechanik zu lernen. Ihr Ziel: Pilotin werden! Lange muss sie kämpfen, bis ein Fluglehrer sich bereit erklärt, sie auszubilden. Zu Anfang ihrer Ausbildung erlebt sie mit ihrem Fluglehrer einen Absturz, bei dem Melli Beese mehrere Brüche erleidet. Zur Behandlung der Schmerzen erhält sie Morphium, was eine lebenslange Sucht zur Folge hat. Doch sie führt die Ausbildung fort. Immer wieder legen männliche Piloten ihr Steine in den Weg – mehrmals sabotieren sie sogar das Flugzeug von Melli Beese und bringen sie damit in Lebensgefahr. Aber sie können die junge Pilotin nicht aufhalten: 1911, an ihrem 25. Geburtstag, besteht sie die Prüfung. Sie erhält die Fluglizenz Nummer 115 und ist damit Deutschlands erste Pilotin. Kurz darauf stellt sie einen Höhenweltrekord für weibliche Piloten auf – und eröffnet die „Flugschule Melli Beese“. Melli Beese heiratet 1913 den französischen Flieger Charles Boutard und nimmt die französische Staatsbürgerschaft an. Das große Unglück kommt 1914 mit dem Ersten Weltkrieg: Boutard wird verhaftet, Beese gilt als „feindliche Ausländerin“ und muss die Flugschule schließen. Nach dem Krieg ist das Paar krank und finanziell ruiniert, Beese und Boutard trennen sich. 1925 scheitert die Erneuerung der Fluglizenz. Melli Beese wählt den Suizid und stirbt im Alter von nur 39 Jahren.

Tatjana Haenni (*1966) – Fußballfunktionärin

Sie ist die erste Frau an der Spitze eines Bundesligaclubs: Tatjana Haenni ist seit Januar 2026 CEO von RB Leipzig. Als Frau in einer Männerdomäne zu arbeiten ist nichts Neues für die 59-jährige: Sie war Schweizer Nationalspielerin, absolvierte 23 Länderspiele. Später arbeitete sie für den Schweizer Verband, dann in Führungspositionen für UEFA und FIFA. Anfang 2023 ging sie in die USA, wurde Direktorin für die National Women’s Soccer League. Und nun also der Wechsel von New York nach Leipzig. „Neuen Input und frische Impulse“ erhofft der Fußballclub sich von ihr – und die Zeichen stehen gut, dass Haenni diese mit Fachkenntnis und Führungsstärke einbringen wird.

Buch Die VorkaempferinBuchtipp: Die Vorkämpferinnen

Die Historikerin Bianca Walther („Frauen von damals“) lässt die Pionierinnen der ersten deutschen Frauenbewegung lebendig werden. Entlang der Lebenswege und Netzwerke der Aktivistinnen zeichnet sie ein facettenreiches Bild einer Bewegung, die sich trotz massiver Widerstände Gehör verschaffte. Ein mitreißendes Porträt einer Bewegung und eine Inspiration für einen Kampf, der noch lange nicht vorbei ist. Bianca Walther: Die Vorkämpferinnen. Wie aus vielen Frauen eine Bewegung wurde. S. Fischer 2026. 24 Euro

kuratiert

0

Women in Tech für mehr Diversität in technischen Berufen

Der branchenübergreifende, gemeinnützige Verein Women in Tech e.V. möchte Mädchen und Frauen ermutigen, einen technischen Beruf zu ergreifen und Austausch ermöglichen. Women in Tech veranstaltet digitale und lokale Events, zeigt Role Models auf und bildet ein starkes und vielverzweigtes Netzwerk aus Unternehmen, Bildungseinrichtungen und anderen Organisationen. Mitglieder können kostenlos an einem Mentorship-Programm teilnehmen, außerdem gibt es Workshops, Karriere-Coachings und vieles mehr.

Podcast Lost Sheroes

Lost Sheroes erzählt die Geschichten von Frauen, die in den Geschichtsbüchern fehlen: Der mächtigste Pirat aller Zeiten? Eine Frau. Der erste Autor der Menschheit? In dem von WDR Cosmo produzierten Podcast erzählt Schauspielerin Milena Straube die spannenden Lebensgeschichten unbeachteter Heldinnen.

Mehr Frauen am Bau – BAUI NDUSTRIE legt neue Zahlen vor

Der Anteil von Frauen im Bauingenieurwesen steigt – 30 Prozent der Studierenden sind Frauen, vor 25 Jahren lag der Anteil nur bei 20 Prozent. Mit Sorge blickt die Branche allerdings auf den seit zehn Jahren andauernden Rückgang bei den Studienanfängern und damit auch auf die Zahl der weiblichen Studienanfänger. So haben sich im Wintersemester WS 2024/25 nur noch 2.720 Frauen (von 9.000) für ein Bauingenieurstudium eingeschrieben. Das sind zwar fast doppelt so viele wie noch vor zwei Jahrzehnten, aber 13 Prozent weniger als zum Höchststand vor elf Jahren. Grund dafür sei vor allem die demografische Entwicklung. Alle Infos zum FrauenNetzwerk-Bau der BAUINDUSTRIE Kuratiert von Kerstin Neurohr

Chapeau! Kultur-, Buch- und Linktipps

„Auf den Straßen Teherans“

Cover NilaDie „Woman. Life. Freedom“-Aktivistin Nila erzählt von der weiblichen Revolution in ihrem Heimatland Iran: Nach dem Tod von Jina Mahsa Amini im September 2022, der landesweite Proteste auslöste, geht auch Nila auf die Straße. Die Angst ist der ständige Begleiter der Frauen, die gemeinsam für ihre Rechte kämpfen – bedroht und eingeschüchtert von der berüchtigten Sittenpolizei, die wahllos verhaftet, foltert und tötet. Eindringlich schildert Nila ihre persönlichen Erfahrungen als Aktivistin auf den Straßen Teherans und setzt diese in den Kontext einer langen Geschichte weiblicher Stärke im Iran. Ein mutiges Zeugnis, das einen tiefen Einblick in die gegenwärtigen Proteste und die anhaltende Unterdrückung im Iran bietet. Übersetzt von Asal Dardan, mit einem Vorwort von Natalie Amiri. Nila: Auf den Straßen Teherans. Bastei Lübbe 2026. 20 Euro

Graphic Novel „Die Frau als Mensch – Schamaninnen“

Cover Die Frau als Mensch SchamaninnenDie Graphic Novel „Die Frau als Mensch – Am Anfang der Geschichte“ wurde mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichnet. Mit „Schamaninnen“ folgt die Fortsetzung dieser groß angelegten Erforschung der Rolle der Frau in der menschlichen Kunst- und Kulturgeschichte. Die österreichische Comiczeichnerin und Illustratorin Ulli Lust führt durch Jahrtausende weiblichen Wirkens und menschlicher Schöpfungskraft. Dabei lotet sie ein mythisches Kontinuum aus, in dem wir uns auf unserer Sinnsuche immer wieder anders spiegeln. Nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2026. Ulli Lust: Die Frau als Mensch: Schamaninnen. Reprodukt 2026. 29,00 Euro

Film „WOMAN“

Woman (c) Agnès Sadiki
Woman (c) Agnès Sadiki
2000 Frauen aus 50 Ländern sprechen in dem Dokumentarfilm „Woman“ in 30 Sprachen darüber, wie es sich für sie anfühlt, Frau zu sein. Ihre Geschichten verdichten die Filmemacher Yann Arthus-Bertrand und Anastasia Mikova zu einer Hymne auf die Weiblichkeit – auf ihre Stärke, ihren Mut, ihre Zähigkeit und ihre Weisheit. In dem Dokumentarfilm wachsen die über 2000 Interviews rund um die Welt zu einem bunten, liebevollen und berührenden Mosaik über das Frausein zusammen. Frauen erzählen ihre Geschichten: Sie sprechen von Mutterschaft, Bildung, Sexualität, Ehe und finanzieller Unabhängigkeit sowie über tabuisierte Themen wie häusliche Gewalt. Verfügbar in der 3sat-Mediathek bis 9.9.2026, www.3sat.de/film/dokumentarfilmzeit/woman-100.html.

Podcast „Ein Zimmer für uns allein“

Mit Host Paula Lochte treffen zwei Frauen aus verschiedenen Generationen aufeinander und sprechen über ein Thema, das sie verbindet. Zum Beispiel über Schönheitsideale, sexuelle Aufklärung, Finanzen, Care-Arbeit. Was waren ihre Struggles damals und heute? Was hat sich verändert, oder vielleicht sogar verbessert? „Ein Zimmer für uns allein“ ist ein Podcast des Radiosenders Bayern 2.

Aktionskunst-Projekt „Radikale Töchter“

Radikale Töchter ©MeikeKenn
Radikale Töchter ©MeikeKenn
Seit 2019 inspirieren „Radikale Töchter“ in ihren Workshops zu wirkungsvollen, außergewöhnlichen Formen der politischen Teilhabe. Ihr Trainingsplan aus Aktion, Kunst und Politik ist darauf ausgerichtet , den Funken zu entfachen – zu zeigen, wie einfach es sein kann, ins Handeln zu kommen. Für eine kritische Masse junger Menschen, die wieder leidenschaftlich brennt: Für Demokratie. Für Menschenrechte. Für soziale Gerechtigkeit. Für Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit. https://radikaletoechter.de, Instagram: @radikaletoechter

Marilyn Monroe. 100 Seiten

Cover Marilyn Monroe100 Seiten für Marilyn Monroe, die am 1. Juni 100 Jahre alt geworden wäre: Jenni Zylka wirft einen neuen, feministischen und filmjournalistischen Blick auf die Ikone des 20. Jahrhunderts Marilyn Monroe und vor allem auf ihr Werk. Anhand ihrer Rollen in Filmen wie Blondinen bevorzugt, Manche mögen’s heiß, Das verflixte 7. Jahr oder The Misfits hält sie ein nachdrückliches Plädoyer für eine Künstlerin, deren ganze Persönlichkeit bezeichnend für ein Frauenleben steht, gefangen zwischen öffentlicher Verehrung und privater Verzweiflung. Jenni Zylka: Marilyn Monroe. 100 Seiten. Die Ikone des 20. Jahrhunderts. Reclam 2026. 12 Euro

Wo der Hammer wirklich hängt

Cover Ich zeig euch wo der Hammer haengtWarum Frauen im Handwerk mehr als nur mit Werkzeug kämpfen müssen Sandra Hunke erzählt in „Ich zeig’ euch, wo der Hammer hängt“ von ihrem steinigen Weg als Frau im männerdominierten Handwerk – ehrlich, wütend und voller Leidenschaft. Ihr Buch ist ein mutiger Aufruf zu mehr Gleichberechtigung auf der Baustelle und ein Plädoyer für eine diverse Zukunft im Blaumann. Sandra Hunke: Ich zeig’ euch, wo der Hammer hängt. Verlag Michael Fischer, 2025, 208 Seiten, 18 €.

Die Gläserne Decke: Warum der „Gender Shift“ mehr als nur gute Noten braucht

Die Metapher der „gläsernen Decke“ hat in den letzten Jahren eine neue Dimension erhalten. Wir befinden uns in einer Phase, die Experten als „Gender Shift“ bezeichnen – eine fundamentale Transformation der Arbeitswelt, in der Geschlechterrollen neu definiert werden. Doch wie aktuelle Analysen zeigen, ist dieser Prozess kein Selbstläufer. Es ist oft ein „Schritt nach vorne und ein Schritt zurück“: Während gesetzliche Quoten und Lippenbekenntnisse in den Vorstandsetagen zunehmen, verharren die kulturellen Strukturen in vielen Unternehmen in alten Mustern. Von Stefan Trees

Für junge Absolventinnen bedeutet das: Die gläserne Decke ist zwar rissig, aber sie ist immer noch stabil genug, um Karrieren zu bremsen, die sich allein auf klassische Recruiting-Mechanismen verlassen. Um den Gender Shift aktiv mitzugestalten und nicht in den Sackgassen des Systems hängenzubleiben, ist der Weg über Karrieremessen, Frauen-Netzwerke und strategische Events unerlässlich. Hier sind die fünf entscheidenden Gründe:

  1. Überwindung des „Unconscious Bias“ in Zeiten des Umbruchs
    Obwohl Unternehmen den kulturellen Wandel propagieren, sitzen die unbewussten Vorurteile tief. Viele Recruiting-Algorithmen und Auswahlprozesse basieren immer noch auf dem Bild des „idealen Mitarbeiters“, der männlich geprägte Karrieremuster (Lückenlosigkeit, totale Verfügbarkeit) widerspiegelt. Der Gender Shift braucht oft einen „zweiten Anlauf“, weil die erste Welle der Veränderung oft nur die Oberfläche berührt hat. Auf Netzwerkevents können Absolventinnen diese voreingenommenen Filter umgehen. Im persönlichen Gespräch zählen Kompetenz und das Potenzial für moderne Führung – Qualitäten, die in einer standardisierten Maske oft untergehen.
  2. Der verdeckte Stellenmarkt als Motor der Transformation
    Der Gender Shift transformiert die Arbeitswelt dahingehend, dass „Soft Skills“ und kollaborative Führung wichtiger werden. Solche Qualitäten lassen sich schwer in einer Online-Bewerbung vermitteln. Daher werden Schlüsselpositionen immer häufiger über Vertrauensnetzwerke besetzt. Wer sich nur auf öffentliche Portale verlässt, sieht nur das, was das alte System noch ausspuckt. Frauen-Netzwerke geben hingegen frühzeitig Hinweise auf Vakanzen in Unternehmen, die den Kulturwandel bereits ernsthaft vollziehen und gezielt nach weiblichen Talenten suchen, um ihre Teams zukunftsfähig aufzustellen.
  3. Sichtbarkeit von Role Models gegen den Rückschritt
    Der Weg nach oben ist kein linearer Aufstieg mehr, sondern oft ein volatiles Feld („Schritt nach vorne, Schritt zurück“). In dieser unsicheren Phase sind Role Models lebenswichtig. Klassische Recruiting-Prozesse bieten keine Mentorinnen. Spezielle Netzwerke hingegen machen Frauen sichtbar, die bereits bewiesen haben, dass der Gender Shift gelingen kann. Diese Vorbilder vermitteln nicht nur Fachwissen, sondern die psychologische Resilienz, die nötig ist, wenn man in männerdominierten Strukturen auf Widerstand stößt. Sie zeigen: Führung ist kein männliches Privileg, sondern eine Frage der Haltung.
  4. Strategisches Empowerment in „Safe Spaces“
    Die Transformation der Arbeitswelt erfordert neue Kompetenzen – von Verhandlungsgeschick in flachen Hierarchien bis hin zum Self-Branding. Während das klassische Recruiting eine passive Rolle der Bewerberin vorsieht, ermöglichen Frauen-Netzwerke ein aktives Training in geschützten Räumen. Hier wird diskutiert, wie man den „zweiten Anlauf“ des Gender Shift nutzt, um nicht nur dabei zu sein, sondern die Regeln mitzugestalten. In diesen Netzwerken wird aus individueller Unsicherheit kollektive Strategie.
  5. Aufbau langfristiger Allianzen für den systemischen Wandel
    Ein echter Gender Shift passiert nicht durch Einzelkämpferinnen, sondern durch systemische Veränderung. Klassisches Recruiting ist eine punktuelle Transaktion. Networking hingegen ist der Aufbau einer „strategischen Hausmacht“. Junge Absolventinnen, die frühzeitig in Berufsnetzwerke investieren, schaffen Allianzen, die über Jahrzehnte tragen. Diese Kontakte sind das Sicherheitsnetz bei Rückschlägen und das Katapult bei Beförderungen. Sie sorgen dafür, dass der „Schritt zurück“ nur ein kurzer Moment bleibt und der nächste Schritt nach vorne umso kraftvoller ausfällt.

Die gläserne Decke wird nicht allein durch Qualifikation zerbrechen, sondern durch eine neue Form der Vernetzung. Der Gender Shift bietet eine historische Chance, die Arbeitswelt menschlicher, vielfältiger und erfolgreicher zu machen. Doch junge Frauen müssen sich bewusst machen: Das System ändert sich nicht von selbst. Wer die Abkürzung über Netzwerke und gezielte Events nimmt, verlässt die Warteschlange des traditionellen Recruitings und wird zur Architektin der eigenen Karriere im neuen Zeitalter der Arbeit.

Netzwerke, Mentorenprogramme und Linktipps

MINT

Digital Media Women e.V.

Netzwerk für gleichgestellte Teilhabe von Frauen in Wirtschaft, Medien, Bildung, Gesellschaft und Politik
www.digitalmediawomen.de

Initiative „Chef:innensache“

Netzwerk von Führungskräften aus Wirtschaft, Wissenschaft, öffentlichem Sektor und Medien für Chancengerechtigkeit von Frauen und Männern
https://chefinnensache.de

SHE works!

Magazin für Gründerinnen und Unternehmerinnen
http://www.she-works.de

Komm, mach MINT!

Informiert und begeistert Mädchen und junge Frauen für MINT-Studiengänge und -Berufe
http://www.komm-mach-mint.de/

Fachgruppe Frauen und Informatik in der Gesellschaft für Informatik e.V.

Für eine gleichberechtigte Teilhabe von Frauen an der Informationstechnologie, Vernetzung und Bereitstellung von frauenbezogenen Informationen
https://fg-frauen-informatik.gi.de/

bundesweite gründerinnenagentur (bga)

Beratung, Inspiration und Austausch mit anderen Gründerinnen
https://www.gruenderinnenagentur.de

Deutscher Ingenieurinnenbund

Für die tatsächliche Gleichstellung von Frauen im MINT-Bereich
www.dibev.de

Curia Netzwerk für Frauen in MINT

Netzwerk für Frauen in MINT sowie Netzwerk- und Karrierekonferenz
https://www.curia-netzwerk.de/

Deutscher Ärztinnenbund e.V.

Netzwerk für Ärztinnen und Zahnärztinnen aller Fachrichtungen sowie für Medizinstudentinnen
https://www.aerztinnenbund.de/

Die Chirurginnen e.V.

Für Frauen, die chirurgisch tätig sind oder waren, sowie für interessierte Studentinnen
https://chirurginnen.com/

¥Women in Mobility

Netzwerk für Frauen aus der Mobilitätsbranche.
https://www.womeninmobility.org/

Global Digital Women (GDW)

Internationales Netzwerk zur Vernetzung von Frauen in der Digitalbranche mit Fokus auf Sichtbarkeit und Diversity-Beratung für Unternehmen
https://global-digital-women.com

Women in Tech e.V.

Verein zur Förderung von Frauen in technischen Berufen
https://women-in-tech.de

Eco – Kompetenzgruppe Women in Tech

Netzwerk innerhalb des Verbands der Internetwirtschaft zur Karriereförderung von Frauen in der Internetbranche
https://www.eco.de/themen/women-in-tech/

FrauenNetzwerk-Bau

Netzwerk für Frauen aller baubezogenen Tätigkeiten als Forum des Austauschs und der gegenseitigen Förderung
https://www.bauindustrie.de/verband/netzwerk-bau/frauennetzwerk-bau

Netzwerke

Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU)

Seit 1954 branchenübergreifender Wirtschaftsverband für die Interessen von weiblichem Unternehmertum und mehr Frauen in Führungspositionen
www.vdu.de

fim, Vereinigung für Frauen im Management e.V.

Frauennetzwerk von und für Frauen in Führungsverantwortung
www.fim.de

FidAR Frauen in die Aufsichtsräte e.V.

Ziel von FidAR ist es, den Frauenanteil in den deutschen Aufsichtsräten signifikant und nachhaltig zu erhöhen
www.fidar.de

Business and Professional Women

Netzwerk für Unternehmerinnen und berufstätige Frauen weltweit für Chancengleichheit in Beruf, Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
www.bpw-germany.de

Generation CEO – Das exklusive Business Netzwerk für Frauen im Top Management

internationales Netzwerk führender Managerinnen und Fördernetzwerk für weibliche Führungskräfte
http://generation-ceo.com

Zonta Deutschland

Teil des globalen Netzwerks von Zonta International als einer der weltweit führenden Organisationen für berufstätige Frauen
https://www.zonta-union.de/

European Women‘s Management Development International Network

Internationales gemeinnütziges Netzwerk, gegründet 1984 von Frauen für Frauen und Männer in Führungspositionen
www.ewmd.org

Deutscher Juristinnenbund e.V.

Unabhängiger frauenpolitischer Verein von Juristinnen, Volks- und Betriebswirtinnen
https://www.djb.de/

Frauen-Netzwerk FOODSERVICE e.V.

Netzwerk für Frauen aus der Food Service Branche, Gastronomie- und Hotellerie und den damit verbundenen Branchen
https://frauennetzwerk-foodservice.de/

BücherFrauen e.V.

Die BücherFrauen sind ein Berufsnetzwerk für Frauen aus allen Bereichen rund ums Buch
www.buecherfrauen.de

Speakerinnen-Liste

Sichtbarkeit von Frauen überall da steigern, wo öffentlich gesprochen wird
www.speakerinnen.org/de

Bundesvereinigung von Frauenverbänden und gemischter Verbände in Deutschland e.V.

Der Deutsche Frauenrat (DF) engagiert sich seit 1951 für die Rechte von Frauen in Deutschland
https://www.frauenrat.de/

Journalistinnenbund

Netzwerk von Frauen im Journalismus
https://www.journalistinnen.de/

Mompreneurs

Plattform für Vernetzung, Unterstützung und Wachstum für selbstständige Mütter
https://mompreneurs.de/

nushu female business

#Branchenunabhängiger Business Club für Frauen im deutschsprachigen Raum
https://www.teamnushu.de/

PANDA Women Leadership Network

Das Netzwerk für Frauen in Führung in Deutschland setzt sich für Gleichberechtigung und Diversität in Führungspositionen ein
https://www.we-are-panda.com/

Webgrrls

Webgrrls.de e.V. ist ein bundesweites deutsches Business-Netzwerk von und für weibliche Fach- und Führungskräfte in der digitalen Medienbranche
https://www.webgrrls.de

Wift Germany

Internationales Businessnetzwerk für Frauen in der Film- und Fernsehbranche und den digitalen Medien
https://wiftg.de/

Soroptimist Deutschland

Soroptimist International (SI) ist eines der weltweit größten Netzwerke
berufstätiger Frauen mit gesellschaftspolitischem Engagement
https://www.soroptimist.de

bunton

Karriereplattform für Frauen in Führungspositionen – und für Unternehmen, die Führungspositionen diverser besetzen möchten
https://www.bunton.de/

Karrieremessen und Netzwerkevents

herCAREER Expo

Karriere- und Netzwerkmesse für Frauen. Findet jährlich im Herbst statt und deckt alle Hierarchieebenen ab – vom Berufseinstieg bis zum Top-Management und zur Existenzgründung. Besonderheit: Starker Fokus auf „Digital Networking“ und Mentoring-Pitches.
Termin-Tipp: Nächste Expo am 8. und 9.10.2026
her-career.com

Karrierekongress Femworx

Netzwerk- und Diskussionsveranstaltungen für Female Leadership im MINT-Bereich, Mischung aus Jobmesse, Kongress und Coaching-Zone
Termin-Tipp: Nächste Femworx am 23. und 24.04.2026
https://www.hannovermesse.de/de/rahmenprogramm/special-events/femworx/

CAREER Venture women

Kostenloses Recruiting-Event für Hochschul-Absolventinnen mit Einzelinterviews, eine Bewerbung ist erforderlich
Termin-Tipp: Nächste CAREER Venture women am 30.11. und 01.12.2026
https://www.career-venture.de/

Das letzte Wort hat Bettina Höchel, Filmemacherin und Festivalleiterin

Nach ihrem Promotionsstudium der Amerikanistik und Theologie in Würzburg, Irland und den USA studierte sie Filmregie in München und Köln bei Dominik Graf. Sie hat Musikvideos für U2 gedreht und mit Größen wie Götz George, Joachim Król, Hannes Jaenicke oder Nina Hoger gearbeitet – über 130 Kurz- und Langfilme und Musikvideos sind seit den 2000er Jahren entstanden, bei denen Bettina Höchel als Regisseurin und freie Filmemacherin, Drehbuchautorin und Filmproduzentin beteiligt war. Mit karriereführer-Autorin Kerstin Neurohr traf sie sich in Neustadt/ Weinstraße zum Gespräch.

Zur Person

Bettina Höchel ist Diplom-Filmemacherin sowie Kuratorin und Veranstalterin von „FilmGugger, das FilmFanFestival der Pfalz“ in Neustadt an der Weinstraße.
Liebe Frau Höchel, der Film, an dem Sie gerade arbeiten, heißt „Wütend und Frei – der Weg der Angry Young Girls“ – worum geht es? Ich habe mit der US-amerikanischen Sängerin Sarah Lee Guthrie gedreht, der Enkelin des legendären Woody Guthrie – und zwar am Hambacher Schloss in Neustadt. Da, wo ich geboren bin und heute, nach vielen Stationen in Deutschland und der Welt, wieder lebe. Es geht um den Kampf um Freiheit, um strukturelle Benachteiligung – und um Wut. Wut ist so wichtig, für mich war sie immer eine Antriebskraft. Überhaupt sind viele Frauen in der Filmbranche wütend – und diese Wut nutzen sie kreativ. Worauf sind Sie denn wütend? (lacht) Ich finde, es gibt viele Gründe wütend zu sein! Zum Beispiel, dass die Filmbranche 2026 immer noch ein Boys Club ist. Trotz #MeToo, trotz Pro Quote Film, trotz Gleichstellungsbonus: Frauen sind massiv unterrepräsentiert: Mit 24 Prozent sind sie immer noch eine Minderheit in der Filmindustrie. Der Gender Pay Gap ist in der Filmbranche mit 35% noch höher als im Allgemeinen. Und Frauen bekommen weniger Förderung für ihre Filme: Im Schnitt erhält ein Film, den eine Frau inszeniert, ca. 660.000 Euro Filmförderung, während ein Film, den ein Mann inszeniert über eine Million Euro bekommt. Ganz besonders schwer ist es für Frauen ab 45 – die scheinen plötzlich einfach zu verschwinden. In der Altersgruppe sind nur noch magere 16 Prozent der regieführenden Frauen weiblich. Trotzdem halten Sie sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Branche – wie haben Sie das geschafft? Ich bin und war schon immer eine One-Woman-Show. Als jüngstes Kind der Familie hatte ich viele Freiheiten, wurde wenig kontrolliert. Meine Mutter war Konzertpianistin und ist durch die Welt gereist, und sie war immer der Meinung, dass Frauen das tun sollen, was ihnen Spaß macht. Und das habe ich auch getan! „Bettina Chaotina“ war mein Spitzname. Ich war noch so jung, nicht mal volljährig, da bin ich schon nach Irland gezogen – das waren prägende Jahre, da habe ich auch die ersten Musikvideos gedreht. Ein großes Glück war auch, dass ich später den Regisseur Dominik Graf kennengelernt habe, der mir so vieles beigebracht und mich gefördert hat. Und schließlich: Ich habe mich mit patriarchalen Mustern auseinandergesetzt. Die muss man erkennen, aber man darf sie nicht bedienen – das zu tun, halte ich für den größten Fehler der Frauen.

Linktipps:

www.hoechel-film.com www.filmgugger.de FilmFanFestival der Pfalz | 29.-31.10.2026
Was ist denn Ihr Tipp an junge Frauen, die jetzt von der Hochschule kommen und ins Berufsleben einsteigen? Sucht euch weibliche Netzwerke, fragt Kolleginnen nach ihren Erfahrungen und nach Rat. Und macht euch klar, dass die Welt heute euren Blick, eure Fähigkeiten braucht. Ich beobachte zum Beispiel, wie flexibel Frauen oft sind. Die drehen nicht gleich durch, wenn der Drehplan geändert werden muss – das ist toll. Und Einsteigerinnen in die Filmbranche möchte ich sagen: Die heutigen modernen Kameras sind eure stärkste Waffe. Schnappt sie euch, legt los. Ihr braucht keinen Kameramann, der das schwere Ding trägt – ihr könnt das selbst machen. Ihr seid frei!  

Orbit beflügelt den Erfindergeist

0

Ein Aufzug in den Orbit, Quantencomputer im Weltraum, superleichte Teile aus dem 3D-Drucker, klimaneutraler Treibstoff für Flugzeuge – technologischer Fortschritt findet aktuell im großen Stil in der Luft und im All statt. Unternehmen, Investoren und Staaten geben gigantische Summen aus, damit oben unsere Probleme unten gelöst werden. In diesen Branchen, in die viel Geld fließt, haben Ingenieur*innen optimale Chancen, viel zu bewirken – und raketenhafte Aufstiege hinzulegen. Ein Essay von André Boße

Per Aufzug in den Weltraum – das ist ein Menschheitstraum, bis heute aber Science-Fiction. Bestseller-Autor Frank Schätzing schrieb über diese Utopie in seinem Buch „Limit“, in seiner Story kommt es zu einem Wettbewerb der Wirtschaftssysteme: Wer konstruiert zuerst einen solchen „Space-Elevator“, China oder die USA? Schätzing ließ seinen Roman, veröffentlicht 2014, im fiktiven Jahr 2025 spielen. Im echten Jahr 2026 ist es zwar noch lange nicht so weit, dass ein Lift ins All in Betrieb genommen werden kann. Ernsthaft geforscht und experimentiert wird aber. Zum Beispiel an der Hochschule Neu-Ulm.

Orbit-Lift aus Neu-Ulm

Dort konstruierte im Wintersemester 2025/2026 ein interdisziplinär besetztes Team den Prototyp eines Roboters, der sich nach dem Prinzip des Weltraumlifts vertikal an einem Seil nach oben und unten bewegen kann. In technischer Hinsicht ging es für die Studierenden darum, Antriebssysteme, Motoren und Steuerungskomponenten zu entwickeln, Bewegungsabläufe zu programmieren und die Bauteile mithilfe des 3D-Druck-Verfahrens zu konstruieren. Der das Projekt betreuende Professor Oliver Kunze lobte im Anschluss vor allem die Vielfalt der Ansätze: „Die Studierenden haben technische Kompetenz, Erfindergeist und unternehmerisches Denken erfolgreich miteinander verknüpft und so kreative Ideen und pragmatische Problemlösungsansätze entwickelt“, wird er auf der Homepage der Hochschule zitiert.
Foto: AdobeStock/Natubhai
Foto: AdobeStock/Natubhai

Quantencomputer

Was genau einen Quantencomputer von einem konventionellen Rechner unterscheidet, ist gar nicht so einfach zu erklären. Auf der Homepage des Max-Planck-Instituts gibt die Physikerin Dr. Birgit Krummheuer anhand eines Gedankenexperiments von Schrödingers Katze, die in einer Kiste sitzt, eine Erklärung: Die Kiste ist mit einem Mechanismus ausgestattet, der zufällig ein giftiges Gas freisetzt. „In unserer ‚normalen‘ Welt befindet sich die Katze somit entweder im Zustand ‚tot‘ oder im Zustand ‚lebendig‘ – je nachdem, ob das Gas bereits ausgetreten ist oder nicht.“ In der Quantenwelt sieht dies anders aus, dort existiert die Katze auch in merkwürdigen Mischzuständen aus tot und lebendig, einer Überlagerung. Ganz ähnlich funktioniert ein Quantencomputer: Ein konventionelles Bit kann nur die Werte 0 oder 1 annehmen. „Für ein sogenanntes Qubit sind auch alle Mischzustände aus 0 und 1 möglich – und davon gibt es unendlich viele.“ Diese Überlegung lässt das gewaltige Potenzial des Quantencomputers erahnen: In einem einzelnen Qubit lässt sich viel mehr Information speichern.
Nun sind diese Mini-Weltraumlifte aus Neu-Ulm von der Utopie des „Space-Elevators“, den Frank Schätzing in seinem Weltraumthriller „Limit“ im Sinne hatte, noch weit entfernt. Dennoch: Dass die Studierenden in ihrem Projekt mit einer Idee aus einem Science-Fiction-Thriller experimentierten, ist kein Zufall: Der Orbit ist angesagt. Er beflügelt die Innovationskraft junger und angehender Ingenieur*innen als einen Ort, an dem Zukunftstechnologie zum Einsatz kommen kann. Und dadurch ein großer Wachstumsmarkt entsteht.

Wachstumsmarkt Weltraum

Das Journalismus-Portal Table.Media nannte Ende 2025 in einer Meldung konkrete Zahlen zur Marktentwicklung: So habe der globale Raumfahrt-Markt im Jahr 2024 mit 7,8 Prozent das größte Wachstum in den vergangenen drei Jahren erreicht. In der Summe beziffert Table.Media das Marktvolumen mit 613 Milliarden US-Dollar. „Laut der Space Foundation soll der Markt bis 2032 auf eine Billion US-Dollar anwachsen“, heißt es in der Meldung. Zum Vergleich: Die weltweite Autoindustrie hat ein Marktvolumen von rund 2,4 Billionen Dollar. Die Raumfahrt rückt also langsam, aber sicher heran. Treiber dafür ist laut Table.Media vor allem die private Wirtschaft: „78 Prozent des globalen Volumens entfielen auf kommerzielle Anbieter.“ Dieser Trend ändert den Markt und die Ansprüche an die Unternehmen. „Die Luft- und Raumfahrtbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel“, heißt es in einer Pressemeldung des Fraunhofer Instituts für Lasertechnik (ILT). Der Wettbewerb im Weltall sei so groß wie nie zuvor: „Unternehmen stehen vor der Herausforderung, Entwicklungszyklen drastisch zu verkürzen, nachhaltigere Technologien zu entwickeln und gleichzeitig Kosten zu senken. Zudem erfordern Fortschritte in der Satellitentechnologie neue Fertigungsansätze, um kleinere, leichtere und leistungsfähigere Systeme zu entwickeln.“ Auch eine Ebene weiter unten, in der Luftfahrt, sei ein Wandel erkennbar. So erfordere der Klimawandel innovative Lösungen in der Luftfahrt. „Die Einführung alternativer Antriebe, der Einsatz nachhaltiger Werkstoffe und der Wunsch nach emissionsfreien Flugzeugen erhöhen den Druck auf die Branche“, meldet das Fraunhofer-Institut. Gefragt ist an dieser Stelle technisches Know-how, das neues Denken mit modernsten Technologien kombiniert. Die Expert*innen vom Fraunhofer Institut ILT glauben, dass neue Laser-Technologien in Kombination mit 3D-Druck-Verfahren der Treiber für Prototypen oder die Produktion von „funktionsoptimierten Bauteilen in Luft- und Raumfahrt“ sind. Die Vorteile dieser Prozesse: kurze Entwicklungszyklen und geringere Kosten.

Superschlauer Schuhkarton

Von Effizienz und geringen Kosten sind die Entwickler*innen von Quantencomputern weit entfernt. Aber auch bei dieser Zukunftstechnologie tut sich etwas. Anfang 2026 sorgte eine Meldung für Aufsehen in den Medien: Einem interdisziplinären und internationalen Team, geleitet von der Universität Wien, ist es gelungen, per Satellit einen funktionierenden Quantencomputer ins All zu schießen. Leiter des Projekts ist der Wiener Physikprofessor Philip Walther. In einem Interview mit der Zeitschrift Profil berichtet er, wie es zu der Idee kam. Ausgangspunkt seien Diskussionen mit Forschenden aus verschiedenen Fachbereichen gewesen. Der Anspruch: von der Theorie ins Handeln zu kommen. Die Devise: Geht nicht gibt’s nicht. „Wir hatten die Idee, aber keine Ahnung, wie wir am besten vorgehen, denn das hat vor uns noch niemand gemacht. Alle Space-Technology-Firmen, an die wir uns gewandt haben, konnten die Teile, die wir benötigten, nicht oder nicht in der Zeit bauen“, sagte Walther dem Magazin Profil. Also beschloss das Team selbstbewusst, dass sie halt alles selbst bauen. „Wir waren getrieben von der Freude und Sinnhaftigkeit des Tuns und von dem Ansporn, die Ersten der Welt zu sein.“
Foto: AdobeStock/LOBSTER LARRY
Foto: AdobeStock/LOBSTER LARRY

Anteil der Luftfahrt am Klimawandel

Laut Studie der Allianz Trade ist der Anteil der Luftfahrt an den klimaschädlichen Emissionen weiterhin groß. Im Jahr 2023 habe der Luftverkehr rund eine Gigatonne Kohlenstoffdioxid (CO2) ausgestoßen. „Das entspricht etwa 2,5 Prozent aller vom Menschen verursachten direkten und indirekten CO2-Emissionen, einschließlich Landnutzungsänderungen wie zum Beispiel durch Entwaldung“, heißt es in der Studie. Berücksichtigt man auch Nicht-CO2-Auswirkungen wie Kondensstreifen und Stickoxide, steigt der Anteil des Sektors an der globalen Erwärmung auf etwa 6 Prozent.
Der in diesem Team entwickelte Quantencomputer hat laut Projektleiter Walther lediglich die Größe eines Schuhkartons – was im Vergleich zu den Ungetümen, die man sich unter Quantencomputern lange vorgestellt hat, unglaublich klein ist. Hinzu kommt: Die stationären Quantencomputer stehen in sehr sicheren Umgebungen. Die Schuhkarton-Version fürs All musste erst mit einer Rakete in den Orbit geschossen werden. Das hatte nicht nur Erschütterungen zur Folge, sondern auch ungemütliche Bedingungen beim Austritt aus der Atmosphäre. Daher waren bei der Konstruktion viele Anpassungen nötig. Und der Plan ging auf: „Das Ding ist oben, hat den Launch überstanden, funktioniert“, resümiert der Projektleiter im Profil-Interview. Im Einsatz soll das System nun in 550 Kilometer Höhe die von einer Kamera an Bord gesammelten Daten direkt auf dem Satelliten verarbeiten, anstatt dass diese erst noch über Kommunikationskanäle übertragen werden müssen. „Edge Computing“ nennt man dieses dezentrale IT-Verfahren: Die Daten bleiben „am Rand“ (englisch: „edge“) des Systems, werden dort in Echtzeit analysiert. Das spart Zeit, verhindert Latenz und Störungen.

Blick von oben für Probleme hier unten

Welche genauen Aufgaben der Quantencomputer im All genau übernimmt, will das Forschungsteam im Detail noch nicht preisgeben. Klar ist, dass ein Quantencomputer im Orbit der Erdbeobachtung enorme Fortschritte bescheren kann. Schon heute wird die Erde von oben sehr detailliert betrachtet. Zum Beispiel, um das GPS-System zu aktualisieren. Um in Katastrophenfällen Hilfstrupps zu dirigieren. Oder um Diagnosen über den Zustand der Umwelt oder die Folgen des Klimawandels anzustellen. Quantencomputer besitzen eine um ein Vielfaches größere Rechenleistung als konventionelle Rechner. Insofern wären sie in der Lage, aus der Orbit-Perspektive komplexe Zusammenhänge oder bereits minimale Veränderungen zu erkennen und Frühwarnsysteme zu alarmieren. Damit die Erdbeobachtung in Zukunft weniger durch den Klimawandel ausgelöste negative Effekte diagnostizieren muss, ist eine Ebene unterhalb des Orbits die Luftfahrtbranche gefragt, den Weg zum klimaneutralen Fliegen fortzuschreiten. Doch dieser ist weit. Ende 2025 veröffentlichte die Kreditversicherungsgesellschaft Allianz Trade eine Studie zur Dekarbonisierung der Luftfahrt. Die Überschrift fasst zusammen, was der Branche bevorsteht, will sie das globale Klimaneutralitätsziel bis 2050 erreichen: Es wird eine „Herkulesaufgabe“ sein. Vor allem seien hohe Investitionen nötig. „Die Dekarbonisierung der Luftfahrt wird kein günstiges Unterfangen. Im Gegenteil: Bis 2050 erfordert dies nach unseren Berechnungen Investitionen von etwa 5,1 Billionen US-Dollar“, wird Maria Latorre, Branchenexpertin bei Allianz Trade, in einer Pressemeldung zur Studie zitiert. Das ist ein schweres Gepäck. „Aber ein Verharren auf dem aktuellen Status quo käme für die Gesellschaften mit geschätzten acht Billionen US-Dollar noch teurer.“ Das liegt an den Mechanismen des Emissionshandels: Noch sind die Zertifikate zum Ausgleich vergleichsweise günstig. „In den kommenden Jahren könnten diese allerdings deutlich steigen, was zu einer stärkeren Belastung der Fluggesellschaften führen dürfte“, heißt es in der Studie.
Vor allem die Entwicklung nachhaltiger Kraftstoffe steht an, die erstens selbst klimaneutral sind und die zweitens mit erneuerbaren Energien hergestellt werden.

Geld fürs klimaneutrale Fliegen

Es hilft also nichts: Die Luftfahrt muss sich der Herkulesaufgabe stellen. Gelingen könne dies nur, wenn „viele Zahnräder ineinandergreifen“, so die Expertin der Allianz Trade. „Die Reduzierung des aktuell großen CO2-Fußabdrucks in der Luftfahrt erfordert ein umfassendes Maßnahmenpaket, das sowohl Technologie, Treibstoffe und Betrieb als auch Politik umfasst.“ Vor allem die Entwicklung nachhaltiger Kraftstoffe steht an, die erstens selbst klimaneutral sind und die zweitens mit erneuerbaren Energien hergestellt werden. Gefragt sind damit nicht nur Ingenieur*innen, die immer leichtere, effizientere und damit energiesparende Flugzeuge konstruieren, sondern die bereits im Vorfeld eine neue Infrastruktur für die Herstellung von klimaneutralen Treibstoffen aufbauen. Die Aufgabe ist groß. Die Summe der Investitionen, die hier in den kommenden Jahren im Spiel sein werden, aber auch. Denn eines scheint klar: So, wie der Mensch nicht aufhören wird, von einem Aufzug ins Weltall zu träumen, will er auch weiterhin mit dem Flugzeug unterwegs sein. Auch daher sollte der Blick für die Ingenieur*innen von morgen nach oben gehen: Über den Wolken scheint die Arbeit grenzenlos zu sein.
Foto: AdobeStock/SanyBRZ
Foto: AdobeStock/SanyBRZ

Was bleibt von Raketen übrig?

Wo der Mensch wirkt, hinterlässt er Rückstände. So auch im All. Das Magazin Geo zitierte jetzt die Studie einer internationalen Forschergruppe um Robin Wing vom Leibniz-Institut für Atmosphärenphysik in Kühlungsborn. Das Team konnte nachweisen, dass sich in einer Höhe von rund 96 Kilometern eine deutlich erhöhte Menge Lithiumatomen feststellen ließ – mit Werten, die zehnmal so hoch wie normal seien. Gemessen wurde diese Lithiumwolke knapp 20 Stunden, nachdem eine Raketenstufe in die Atmosphäre eingetreten war. Einen Zufall schließen die Forscher aus – und werten den Fund als ein Warnsignal: „Trotz der wichtigen Rolle, die die obere Erdatmosphäre beim Schutz des irdischen Lebens spielt, sind die Folgen der zunehmenden Verschmutzung durch wiedereintretende Weltraumtrümmer auf den Strahlungstransport, die Ozonchemie und die Aerosolmikrophysik weitgehend unbekannt“, schreiben sie in ihrem Forschungspapier.
               

Raumfahrtexperte Dr. Walther Pelzer im Interview

Der Weltraum boomt. Neben dem Mond wird auch der Mars ein Ziel. Staaten und Unternehmen investieren Millionen. Im Orbit entsteht ein Markt, mit neuen Job-Profilen für Ingenieur*innen. Dr. Walther Pelzer, Generaldirektor der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR, erläutert im Interview, welche Hoffnungen mit dem All verbunden sind, welche Rolle deutsche Unternehmen spielen und warum Astronaut*innen weiterhin die besten Botschafter für die Raumfahrt sind. Die Fragen stellte André Boße

Zur Person

Dr. Walther Pelzer, Jahrgang 1967, ist seit 2018 Mitglied des DLR-Vorstands und seit 2020 Generaldirektor der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR mit Sitz in Bonn. Er studierte an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen Maschinenbau und promovierte anschließend am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie. Von 1999 bis 2002 arbeitete er zunächst im Vorstandsbereich eines Großkonzerns, für den er anschließend als Werksleiter in die USA wechselte. Von 2002 bis 2007 war er als Geschäftsführer bei einem österreichischen Automobilzulieferer tätig, bevor er 2007 in die Abteilung Forschung und Technologie des NRW-Innovationsministeriums wechselte. Zu seinem Verantwortungsbereich gehörten dort unter anderem das Forschungszentrum in Jülich und das DLR. Ab 2008 war Pelzer im Sonderprojekt zusätzlich verantwortlich für den Rückbau und die Entsorgung des Versuchsreaktors AVR in Jülich, bevor er 2018 zum DLR wechselte. Von 2005 bis 2008absolvierte er einen berufsbegleitenden MBA in Zürich, Wien, St. Gallen und Boston.
Herr Dr. Pelzer, der Mond war lange Zeit ziemlich out. Nun ist er dank des „Artemis“-Programms der NASA wieder ein Ort im Orbit, der Fantasien weckt. Was steckt dahinter? Stimmt, der Mond hat nach dem Ende des Apollo-Programms bis in die 1990er-Jahre als langweiliger und kalter Stein gegolten. Heute aber, nach einigen neuen Erkenntnissen und Entwicklungen, erkennt man, dass er in zweifacher Hinsicht interessant ist: aus wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten. Beginnen wir gerne mit der Sicht der Wissenschaft. Auf dem Mond können wir einen tiefen Blick in die Historie der Erde werfen. Der Mond ist ungeschützt, er hat keine nennenswerte Atmosphäre. Es gibt dort auch keine Erosionen. Daher lassen sich Erkenntnisse gewinnen, die viel über die Entstehung und Beschaffenheit der Erde erzählen. Hinzu kommen wirtschaftliche Aspekte. So hat man am Südpol des Mondes und später auch an anderen Stellen Wassereis gefunden. Es besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff, und das sind nicht nur die Grundelemente, um zu überleben, sondern auch, um Treibstoff herzustellen. Damit wird der Mond zu einer interessanten Zwischenstation, um von ihm aus den Mars zu erreichen. Er qualifiziert sich also als Basis. Genau. Zumal er nicht nur keine nennenswerte Atmosphäre hat, sondern auch eine viel geringere Anziehungskraft. Mit Blick auf den Treibstoff und die Triebwerkstechnik ist der Weg vom Mond zum Mars also deutlich einfacher. Zusätzlich könnte der Abbau von Ressourcen dort interessant sein. Ich sehe zwar nicht, dass wir solche Materialien vom Mond auf die Erde transportieren, dafür fehlen aus meiner Sicht die Geschäftsmodelle. Das Regolith, das es dort gibt, ließe sich aber auf dem Mond als Rohstoff weiterverarbeiten.
Raumfahrt ist kritische Infrastruktur.
Gibt es im Orbit eigentlich ein Regelwerk? Es gibt ein Weltraumrecht, das auf dem Weltraumvertrag der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1967 und weiteren Ergänzungsverträgen beruht. Aber wir brauchen neue Regeln, wie man sich im All zu benehmen hat. Es gibt da unterschiedliche Ansätze. China und Russland fordern ein Waffenverbot. Wir in Europa plädieren dafür, zusätzlich Verhaltensregeln zu definieren. Denn ein Satellit, der mit 28.000 km/h durchs Weltall fliegt, ist ja im Grunde eine Waffe. Daher benötigen wir Sicherheitsregeln für den Orbit, damit es dort oben nicht kracht. Denn wenn das passiert, hat das auf der Erde große Auswirkungen. Wie verloren wir Menschen heute wären, würden alle Navigationssysteme ausfallen! Wir würden uns alle verfahren, weil ja niemand mehr in der Lage ist, Karten zu lesen. Aber Satellitennavigation kann noch viel mehr. Ohne ihre hochpräzisen Zeitsignale würden der Finanz- und der Energiesektor zusammenbrechen. Raumfahrt ist kritische Infrastruktur. Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, hat kürzlich in einem Interview für das Portal Table.Media gesagt, der Weg ins All führe künftig über Deutschland. Das klingt selbstbewusst. Hat sie recht? Ja, Deutschland spielt definitiv eine sehr starke Rolle. Der größte Beweis für die Kompetenz Deutschlands und auch Europas im Bereich der Raumfahrt ist, dass die US-Amerikaner deutsche Produkte brauchen, um wieder zum Mond zu gelangen. Das „Artemis“-Mond-Programm der NASA nutzt das Orion-Raumschiff. Dieses besteht aus zwei Teilen, der Crew-Kapsel selbst sowie dem europäischen Servicemodul ESM, in dem unter anderem die Energieversorgung sowie die Antriebs- und Thermalkontrolltechnik untergebracht sind. Dieses Servicemodul liefern wir aus Europa, rund 50 Prozent davon werden in Deutschland hergestellt. Es ist das erste Mal, dass sich die NASA bei einem missionskritischen Bauteil auf einen Zulieferer verlässt, der nicht auf US-Boden entwickelt und produziert. Die Ministerin hat also recht: Ohne Deutschland, ohne Europa, werden die USA erst einmal nicht zum Mond kommen. Wie bewerten Sie aktuell die Innovationskraft deutscher Unternehmen in der Raumfahrttechnik? Deutschland profitiert als Impulsgeber davon, dass die Wirtschaft weniger von großen Konzernen als von KMU, kleinen und mittleren Unternehmen, geprägt ist. Diese Akteure sind häufig wendiger als große Konzerne, was in innovativen Branchen von Vorteil ist. Und auch die großen Konzerne in Deutschland sind es gewohnt, die Innovationskraft der KMU durch Partnerschaften zu integrieren. Was beim Thema Raumfahrt lange fehlte, war ein Markt. Diesen brauchen die Unternehmen aber für Wachstum. Jetzt ist dieser Markt da. Es fließt heute viel mehr Geld in die Raumfahrttechnik,   nicht nur Steuergelder, sondern große Summen an privaten Investitionen. Diese sind besonders wichtig, weil die Unternehmen dann kundenfokussiert arbeiten und darauf schauen: Wo liegt der Mehrwert? Welche Mehrwerte generiert die Raumfahrttechnik aktuell? Wer den Begriff Raumfahrt hört, denkt in erster Linie an Raketen und Satelliten. An das, was man sieht. Klar, das ist wichtig, und ich finde in technologischer Hinsicht eine Rakete und einen Satelliten hoch spannend. Nur: Diese Rakete darf kein Selbstzweck sein. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass wir Satelliten in die Umlaufbahn bringen, die wiederum Daten gewinnen. Daten, mit denen es uns gelingt, das Leben auf der Erde besser, schneller, effizienter zu machen. Diese Daten zu generieren, zu verarbeiten, nutzbar zu machen und zu verkaufen – das ist der Job der Unternehmen. Mit dem Ziel, dass zum Beispiel in naher Zukunft keine Vermessungsingenieure mehr mit Messstangen durch die Gegend laufen müssen, sondern wir für diese Vermessung die Daten von Satelliten nutzen. Was nicht heißt, dass die Ingenieure, die diesen Job gemacht haben, danach nichts mehr zu tun haben. Das Gegenteil ist der Fall: Wir brauchen Ingenieurinnen und Ingenieure in der Raumfahrttechnik. Wie sehen die Jobprofile in dieser Branche aus? Das Hauptprofil hat sich nicht geändert: Ingenieurinnen und Ingenieure nutzen ihr Wissen, um Produkte herzustellen, die Probleme lösen. Was sich geändert hat, sind die Schwerpunkte der Tätigkeiten. Themen wie Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz nehmen schon heute einen großen Raum ein, hinzu kommt die Cybersecurity: Es ist nicht nur wichtig, dass ein Produkt funktioniert, es muss auch sicher sein, nicht nur in der Anwendung, sondern auch vor Angriffen und Missbrauch. Aber in der Raumfahrt werden nicht nur Ingenieurinnen und Ingenieure gesucht. Auch die Profession des Wissenschaftlers, des Technikers, der Juristen, der Wirtschaftswissenschaftler sowie der Analysten sind gefragte Jobs im Raumfahrtsektor.
Die Verletzlichkeit der Erde kann niemand so gut vermitteln wie jemand, der einmal aus großer Höhe von außen auf die Erde geschaut hat.
Gibt es in der Raumfahrttechnik einen Mangel an Fachkräften? In Bereichen wie Optik, Telekommunikation, Halbleitertechnik oder Signalverarbeitung haben wir schon heute einen Bedarf, den wir aktuell kaum abdecken können. Es gibt in Deutschland immer dann einen Hype um die Raumfahrt, wenn mal wieder ein Deutscher im Weltraum ist. Zuletzt verbrachte Matthias Maurer mehr als ein halbes Jahr auf der ISS, mit Rabea Rogge war im April 2025 zum ersten Mal eine deutsche Astronautin im All. Warum sind diese Geschichten wichtig? Weil wir diese Technik für die Menschen machen. Und niemand kann Emotionen so gut rüberbringen wie ein Mensch. Ich bin als studierter Maschinenbauer ein großer Fan der Robotik, habe selbst Produktionsabläufe automatisiert, mit der Erkenntnis, dass es Dinge gibt, die Roboter besser als Menschen hinbekommen. Die Verletzlichkeit der Erde jedoch, die kann niemand so gut vermitteln wie jemand, der einmal aus großer Höhe von außen auf die Erde geschaut hat. Deshalb sind Astronautinnen und Astronauten besser als alle anderen in der Lage, eine Begeisterung für MINT-Disziplinen und die Raumfahrt zu vermitteln. Gerade junge Menschen hängen ihnen an den Lippen. Weshalb ich eines nie mache: Bei einem Kongress im Anschluss an eine Astronautin oder einen Astronauten zu sprechen. Denn da hört mir keiner mehr zu.
Zum DLR und zur Deutschen Raumfahrtagentur im DLR Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist eine Einrichtung, die in den Bereichen Luftfahrt, Raumfahrt, Energie, Verkehr und Sicherheit forscht und dabei in viele nationale und internationale Kooperationen eingebunden ist. Die Deutsche Raumfahrtagentur im DLR mit Sitz in Bonn übernimmt im Auftrag der Bundesregierung die Konzeption und Durchführung des deutschen Raumfahrtprogramms auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Hierzu gehören neben dem nationalen Raumfahrtprogramm die deutschen Beiträge zur Europäischen Weltraumorganisation ESA und zur Europäischen Organisation zur Nutzung meteorologischer Satelliten (EUMETSAT). Hauptauftraggeber ist das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Das Gesamtbudget der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR lag 2025 bei rund 1,95 Milliarden Euro. Davon entfielen rund 1,17 Milliarden Euro auf den deutschen Beitrag zur Europäischen Weltraumorganisation (ESA), derzeit ist Deutschland mit einem Anteil von 23 Prozent der größte Beitragszahler der ESA.

Kuratiert

0

Produktiver im Homeoffice

Eine aktuelle repräsentative Umfrage von TimO, einem deutschen Anbieter für digitale Arbeitszeiterfassung und Workforce-Management-Lösungen, unter 1.000 Beschäftigten in Deutschland zeigt: 75,9 Prozent der Arbeitnehmer arbeiten im Homeoffice produktiver als im Büro, selbst während sie Wäsche waschen oder Pakete annehmen. Jeder Dritte nutzt private Tätigkeiten bewusst als kurze Entspannungspause, um danach fokussierter weiterzuarbeiten. Rund 18 Prozent gaben an, sich erst konzentrieren zu können, wenn der Haushalt in Ordnung ist. Entgegen der Sorge vieler Arbeitgeber leidet die Leistung nicht unter der Flexibilität. Im Gegenteil: 75,9 Prozent der Befragten bewerten ihre Produktivität zu Hause als „höher“ oder „viel höher“ im Vergleich zum Büro. Nur 0,6 Prozent fühlen sich im Homeoffice deutlich weniger produktiv. Dabei bleibt das Zeitmanagement diszipliniert: 74 Prozent der Arbeitnehmer verbringen insgesamt weniger als 30 Minuten pro Tag mit privaten Aufgaben.

Dr. Wilhelmy VDE Preis für drei Ingenieurinnen

Der Dr. Wilhelmy VDE Preis will mehr Sichtbarkeit für junge Ingenieurinnen in der Elektround Informationstechnik schaffen. 2025 wurden drei Kandidatinnen für ihre herausragenden Dissertationen ausgezeichnet: Umweltingenieurin Dr.-Ing. Miriam Schüttoff von der Universität Ulm hat Lebensdauertests für Brennstoffzellen optimiert, Dr.-Ing. Arezoo Zarif von der TU Dresden befasste sich mit optischen Chips für die Glasfaserkommunikation, und Dr.-Ing. Lisa Maile von der Universität Erlangen-Nürnberg beschäftigte sich damit, wie sich Echtzeitrechnernetzwerke bei minimalen Anforderungen an die Hardware sicher und flexibel auslegen lassen. Die Preise sind mit jeweils 3.000 Euro dotiert.

Generation Z erklärt 2026 zum analogen Jahr

Voll retro? Auffällig viele Postings auf Instagram, Youtube und Tiktok beschäftigen sich mit der Rückkehr zu alten Geräten und Medien: Cassetten, Schallplatten und Musik-CDs boomen derzeit genauso wie klassische MP3-Player und „Dumb Phones“ – also Handys ohne Internetzugang. Videospiele feiern ein Comeback. Ein Youtuber kaufte das Unternehmen Commodore Corporation und will den einst beliebten Computer Commodore 64 aufleben lassen. Auch eine neue Amiga-Version soll demnächst auf den Markt kommen. Warum dieser Hype für die analoge Welt? Viele junge Menschen fühlen sich überreizt von den 24/7 verfügbaren Digitalangeboten, sehnen sich nach Offline-Zeit. Keiner weiß mehr, wie viel KI in Musik, Videos, Bildern und Texten steckt. Sie wollen sich der ständigen Überwachung durch Großkonzerne entziehen und wieder Herr über ihren Besitz werden. Denn: Was ich selber besitze und kontrolliere, kann mir keiner nehmen. Das gilt für einen Musiktitel genauso wie für persönliche Daten. Kuratiert von Sabine Olschner