Transformation ist für Alexandra Lust weit mehr als ein Modewort – sie versteht darunter den Auftrag, ein Unternehmen mutig weiterzuentwickeln. Seit Mitte 2025 ist sie Head of HR Strategy & Transformation bei Audi. Im Interview spricht sie darüber, warum Zuhören eine der wichtigsten Führungskompetenzen ist, wie man Menschen durch Wandel begleitet und weshalb Vielfalt gerade in Krisenzeiten unverzichtbar bleibt. Ein Gespräch über Haltung, Verantwortung und authentische Führung. Die Fragen stellte André Boße.
Zur Person
Alexandra Lust zählt seit ihrem Wechsel zu Audi im Juli 2025 zum Top-Management im HR-Bereich des Autokonzerns. Als Head of HR Strategy & Transformation verantwortet sie die Bereiche HR Strategie, Managementgrundsätze und -vergütung, HR-Digitalisierung und Innovation, HR Analytics sowie das Talent Management. Durch diese Rolle beschäftigt sie sich intensiv mit den Fragen, wie sich Führung, Organisation und Arbeit in einer sich rasch verändernden Welt weiterentwickeln. Ihre Karriere begann die Diplom-Betriebswirtin nach ihrem Studium in München als HR Business Partner bei MAN Truck & Bus SE. 2019 ging sie zur börsennotierten TRATON GROUP mit ihren Marken Scania, MAN, International und Volkswagen Truck & Bus als einem der weltweit führenden Hersteller von Nutzfahrzeugen. 2025 wechselte sie zu Audi.
Frau Lust, Sie sind seit Sommer 2025 in der Position Head of HR Strategy & Transformation bei Audi tätig. Was genau bedeutet für Sie der Begriff der Transformation?
Der Begriff wird heute häufig und recht inflationär benutzt. In meiner Rolle bedeutet Transformation jedoch etwas sehr Konkretes: Er beschreibt den Anspruch, unser Unternehmen durch strukturelle, organisatorische und technologische Veränderungen nachhaltig weiterzuentwickeln. Ich stelle mir dabei immer die zentrale Frage: Wie können wir uns als Organisation so verändern, dass wir morgen besser sind als heute? Das ist für mich ein aktiver Gestaltungsauftrag – und genau diesen verfolgen wir bei Audi sehr konsequent.
Inwiefern?
Audi ist ein traditionsreiches Unternehmen mit einer starken Identität. Die Vergangenheit darf jedoch nicht über die Zukunft bestimmen. Wir müssen uns immer wieder neu fragen: Wer kauft morgen unsere Autos und mit welchen Erwartungen? Die Antworten auf diese Frage bringen Veränderungen mit sich: für das Unternehmen, für die Strukturen, für Arbeitsweisen und für jeden Einzelnen. Mein Job ist es, diesen Wandel seitens HR zu begleiten.
Was bedeutet das konkret?
Im Kern bedeutet es, die Menschen bei diesen Veränderungen mitzunehmen. Transformation ist oft auch mit Unsicherheit verbunden. Oft wissen die Mitarbeitenden nicht, was diese oder jene Veränderung für sie persönlich, für ihre Rolle und ihren Arbeitsplatz bedeutet. Daher versuchen wir, die Menschen dort abzuholen, wo sie stehen.
Welche Eigenschaft ist für Ihre Rolle wichtig?
Transformation beginnt mit Zuhören.
Die Fähigkeit zuzuhören. Ich bin jetzt seit rund einem halben Jahr bei Audi und habe in dieser ersten Phase sehr viele Kennenlerngespräche geführt, um zu verstehen, welche gefüllten Rucksäcke die Menschen mit sich tragen. Dieses ergebnisoffene Zuhören ohne Vorannahmen ist anspruchsvoller, als es klingt. In unserer Gesellschaft werden Menschen oft sehr schnell aufgrund einzelner Aussagen oder äußerer Merkmale in Schubladen gesteckt. Schubladen, in denen sie sich selbst gar nicht sehen. Und da wieder herauszukommen, kann ganz schön schwierig sein. Dieses Schubladendenken möchte ich als Führungskraft unbedingt und ganz bewusst vermeiden.
Wie gelingt das in einem Gespräch?
Indem ich in diesen Gesprächen als Führungskraft eher still bin. Ich höre zu, ohne das Gesagte sofort zu kommentieren oder einzuordnen. Gelingt mir das, dann spüre ich sofort, was das bewirkt: Menschen fühlen sich gesehen und gehört. Das löst sehr viel Positivität aus. Weil dieser Mensch merkt: Ich kann hier so sein, wie ich bin. Das schafft Vertrauen und öffnet den Raum für echte, ehrliche Gespräche.
Konnten Sie schon immer gut zuhören?
Ich glaube, dass Empathie schon immer eine Stärke von mir war. Ich bin neugierig auf Menschen, habe feine Antennen, kann ganz gut die Stimmung im Raum lesen. Dass Zuhören eine wichtige Führungskompetenz ist, habe ich bereits früh in meiner Karriere gelernt. Damals hatte ich eine Führungskraft, die auch in stressigen Phasen einen kühlen Kopf behielt und die Menschen nicht aus dem Blick verlor. Das habe ich sehr geschätzt und das habe ich mir dann für meinen eigenen Weg vorgenommen. Das würde ich jungen Menschen grundsätzlich raten: Sich nicht eine Person als Vorbild zu nehmen, sondern sich bei verschiedenen Personen die jeweils besten Eigenschaften abzuschauen.
Warum raten Sie davon ab, sich ein Vorbild zu suchen?
Weil die Gefahr besteht, ein Vorbild zu kopieren – und dabei die eigene Stimme zu überhören. Dabei ist es so wichtig, eine eigene, authentische Persönlichkeit zu entwickeln. Und das gelingt meiner Meinung nach am besten, wenn man sich von guten Eigenschaften verschiedener Menschen inspirieren lässt, und diese in sein eigenes Tun integriert.
So wird man im besten Fall zu einer besseren Version seiner selbst. Das bedeutet auch, bewusst zu entscheiden, welche Verhaltensweisen man nicht übernehmen möchte.
Welche zum Beispiel?
Manche Menschen neigen dazu, sich selbst zu sehr in den Mittelpunkt zu stellen. Das ist selten hilfreich. Denn das kann im Falle einer Führungskraft dazu führen, dass sich die Mitarbeitenden nicht mehr trauen, kritisches Feedback zu geben. Dabei sollte es doch das Ziel von Leadership sein, die Organisation und die Menschen in ihr so zu befähigen, dass sie im Zweifel auch ohne mich funktioniert.
Müssen Frauen mehr leisten als Männer, um Karriere zu machen?
Ich beobachte, dass Frauen in unserer Gesellschaft häufig besonders sichtbar Leistung zeigen müssen und dass ihr Führungsstil kritischer beäugt wird. Dabei geht es nicht um einzelne Unternehmen, sondern um gesellschaftliche Muster, die wir insgesamt noch nicht vollständig überwunden haben. Für Frauen und Männer werden oft unterschiedliche Vokabulare für das identische Verhalten verwendet. Was ich jetzt sage, klingt stereotypisch, ist nichtsdestotrotz oft weiterhin Realität: Wenn Frauen sehr entschieden auftreten, dann gelten sie schnell als bossy oder verbissen ehrgeizig. Das identische Auftreten wird bei Männern als durchsetzungsstark und ambitioniert bewertet. Wichtig ist, solche Biases zu erkennen und zu überwinden. Bei uns im Unternehmen bieten wir dafür Mentorings, Schulungen und Sensibilisierungen an.
Diversität macht uns innovativer, stärker und führt zu besseren und robusteren Ergebnissen.
Was bedeutet es für Sie, in einer weiterhin männerdominierten Branche heute eine Frau in einer Führungsposition zu sein?
Bestimmte Dinge nicht einfach hinzunehmen, sondern den Wandel mitzugestalten. Ich habe eine Verantwortung in meiner Funktion, und mir ist bewusst, dass insbesondere junge Frauen heute am Anfang ihrer Karriere danach schauen, mit welchen Menschen und insbesondere auch Führungspersönlichkeiten eines Unternehmens sie sich identifizieren können. In meiner Rolle habe ich die Verantwortung, stereotype Denkmuster zu hinterfragen – und sie anzusprechen. Ich glaube, wir sind da auf einem guten Weg. Aber es liegt in meiner Natur, dass ich mir etwas mehr Tempo wünsche. Hinzu kommen Rückschritte, weil der Kulturwandel in unserer Gesellschaft aktuell an manchen Stellen wieder zurückgedreht wird. Das macht mir Sorgen, und auch hier muss ich die Stimme, die ich aufgrund meiner Funktion habe, nutzen.
Wie nutzen Sie Ihre Stimme konkret?
Leider erlebt man oft, dass das Thema Diversity in Krisenzeiten depriorisiert wird – sei es in der Gesellschaft, in der Politik oder in Unternehmen. Es heißt dann, in der Krise seien andere Dinge wichtiger, da könne Vielfalt nicht mehr das Hauptthema sein. Dem widerspreche ich ausdrücklich. Ich bin der Überzeugung, dass eine Krise genau der richtige Zeitpunkt ist, um weiterhin in Vielfalt zu investieren. Was bedeutet denn Diversität? Dass es in Teams unterschiedliche Perspektiven und Fähigkeiten gibt. Es ist belegt, dass diverse Teams gemeinsam bessere Entscheidungen treffen. Ja, die Entscheidungsfindung dauert manchmal länger. Aber es lohnt sich. Diversität macht uns innovativer, stärker und führt zu besseren und robusteren Ergebnissen.
Welchen Rat möchten Sie jungen Frauen geben, die am Anfang Ihrer Karriere stehen?
Zunächst einmal: Stolpersteine gehören auf allen Karrierewegen dazu. Lebensläufe sehen oft glatt und linear aus, aber reale Karrieren verlaufen selten ohne Umwege. Was wichtig ist: Zu versuchen, so gut es geht bei sich selbst zu bleiben. Holt euch konstruktives Feedback ein, nehmt es ernst, aber nicht persönlich. Gebt euch eine Nacht, um darüber zu schlafen und darüber nachzudenken: Steckt etwas Wahres darin? Und wenn ja: Wie kann ich dieses Feedback sinnvoll für mich nutzen? Dann könnt ihr euren eigenen Weg gestärkt weitergehen.
Zum Unternehmen
Der Automobilhersteller Audi mit Stammsitz in Ingolstadt ist in mehr als 100 Märkten weltweit aktiv und steuert ein globales Produktionsnetzwerk mit 22 Standorten in 13 Ländern. Im Jahr 2025 lieferte die Marke Audi 1,6 Millionen Fahrzeuge an Kunden aus, die Auslieferungen elektrischer Fahrzeuge stiegen im Vorjahresvergleich um 36 Prozent. Aktuell arbeiten mehr als 88.000 Beschäftigte für den Konzern, zu dem neben der Marke Audi auch der Sportwagenhersteller Lamborghini und die Luxusmarke Bentley sowie der Motorradhersteller Ducati zählen.


