Das letzte Wort hat Bettina Höchel, Filmemacherin und Festivalleiterin

Nach ihrem Promotionsstudium der Amerikanistik und Theologie in Würzburg, Irland und den USA studierte sie Filmregie in München und Köln bei Dominik Graf. Sie hat Musikvideos für U2 gedreht und mit Größen wie Götz George, Joachim Król, Hannes Jaenicke oder Nina Hoger gearbeitet – über 130 Kurz- und Langfilme und Musikvideos sind seit den 2000er Jahren entstanden, bei denen Bettina Höchel als Regisseurin und freie Filmemacherin, Drehbuchautorin und Filmproduzentin beteiligt war. Mit karriereführer-Autorin Kerstin Neurohr traf sie sich in Neustadt/ Weinstraße zum Gespräch.

Zur Person

Bettina Höchel ist Diplom-Filmemacherin sowie Kuratorin und Veranstalterin von „FilmGugger, das FilmFanFestival der Pfalz“ in Neustadt an der Weinstraße.
Liebe Frau Höchel, der Film, an dem Sie gerade arbeiten, heißt „Wütend und Frei – der Weg der Angry Young Girls“ – worum geht es? Ich habe mit der US-amerikanischen Sängerin Sarah Lee Guthrie gedreht, der Enkelin des legendären Woody Guthrie – und zwar am Hambacher Schloss in Neustadt. Da, wo ich geboren bin und heute, nach vielen Stationen in Deutschland und der Welt, wieder lebe. Es geht um den Kampf um Freiheit, um strukturelle Benachteiligung – und um Wut. Wut ist so wichtig, für mich war sie immer eine Antriebskraft. Überhaupt sind viele Frauen in der Filmbranche wütend – und diese Wut nutzen sie kreativ. Worauf sind Sie denn wütend? (lacht) Ich finde, es gibt viele Gründe wütend zu sein! Zum Beispiel, dass die Filmbranche 2026 immer noch ein Boys Club ist. Trotz #MeToo, trotz Pro Quote Film, trotz Gleichstellungsbonus: Frauen sind massiv unterrepräsentiert: Mit 24 Prozent sind sie immer noch eine Minderheit in der Filmindustrie. Der Gender Pay Gap ist in der Filmbranche mit 35% noch höher als im Allgemeinen. Und Frauen bekommen weniger Förderung für ihre Filme: Im Schnitt erhält ein Film, den eine Frau inszeniert, ca. 660.000 Euro Filmförderung, während ein Film, den ein Mann inszeniert über eine Million Euro bekommt. Ganz besonders schwer ist es für Frauen ab 45 – die scheinen plötzlich einfach zu verschwinden. In der Altersgruppe sind nur noch magere 16 Prozent der regieführenden Frauen weiblich. Trotzdem halten Sie sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Branche – wie haben Sie das geschafft? Ich bin und war schon immer eine One-Woman-Show. Als jüngstes Kind der Familie hatte ich viele Freiheiten, wurde wenig kontrolliert. Meine Mutter war Konzertpianistin und ist durch die Welt gereist, und sie war immer der Meinung, dass Frauen das tun sollen, was ihnen Spaß macht. Und das habe ich auch getan! „Bettina Chaotina“ war mein Spitzname. Ich war noch so jung, nicht mal volljährig, da bin ich schon nach Irland gezogen – das waren prägende Jahre, da habe ich auch die ersten Musikvideos gedreht. Ein großes Glück war auch, dass ich später den Regisseur Dominik Graf kennengelernt habe, der mir so vieles beigebracht und mich gefördert hat. Und schließlich: Ich habe mich mit patriarchalen Mustern auseinandergesetzt. Die muss man erkennen, aber man darf sie nicht bedienen – das zu tun, halte ich für den größten Fehler der Frauen.

Linktipps:

www.hoechel-film.com www.filmgugger.de FilmFanFestival der Pfalz | 29.-31.10.2026
Was ist denn Ihr Tipp an junge Frauen, die jetzt von der Hochschule kommen und ins Berufsleben einsteigen? Sucht euch weibliche Netzwerke, fragt Kolleginnen nach ihren Erfahrungen und nach Rat. Und macht euch klar, dass die Welt heute euren Blick, eure Fähigkeiten braucht. Ich beobachte zum Beispiel, wie flexibel Frauen oft sind. Die drehen nicht gleich durch, wenn der Drehplan geändert werden muss – das ist toll. Und Einsteigerinnen in die Filmbranche möchte ich sagen: Die heutigen modernen Kameras sind eure stärkste Waffe. Schnappt sie euch, legt los. Ihr braucht keinen Kameramann, der das schwere Ding trägt – ihr könnt das selbst machen. Ihr seid frei!  

Orbit beflügelt den Erfindergeist

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Ein Aufzug in den Orbit, Quantencomputer im Weltraum, superleichte Teile aus dem 3D-Drucker, klimaneutraler Treibstoff für Flugzeuge – technologischer Fortschritt findet aktuell im großen Stil in der Luft und im All statt. Unternehmen, Investoren und Staaten geben gigantische Summen aus, damit oben unsere Probleme unten gelöst werden. In diesen Branchen, in die viel Geld fließt, haben Ingenieur*innen optimale Chancen, viel zu bewirken – und raketenhafte Aufstiege hinzulegen. Ein Essay von André Boße

Per Aufzug in den Weltraum – das ist ein Menschheitstraum, bis heute aber Science-Fiction. Bestseller-Autor Frank Schätzing schrieb über diese Utopie in seinem Buch „Limit“, in seiner Story kommt es zu einem Wettbewerb der Wirtschaftssysteme: Wer konstruiert zuerst einen solchen „Space-Elevator“, China oder die USA? Schätzing ließ seinen Roman, veröffentlicht 2014, im fiktiven Jahr 2025 spielen. Im echten Jahr 2026 ist es zwar noch lange nicht so weit, dass ein Lift ins All in Betrieb genommen werden kann. Ernsthaft geforscht und experimentiert wird aber. Zum Beispiel an der Hochschule Neu-Ulm.

Orbit-Lift aus Neu-Ulm

Dort konstruierte im Wintersemester 2025/2026 ein interdisziplinär besetztes Team den Prototyp eines Roboters, der sich nach dem Prinzip des Weltraumlifts vertikal an einem Seil nach oben und unten bewegen kann. In technischer Hinsicht ging es für die Studierenden darum, Antriebssysteme, Motoren und Steuerungskomponenten zu entwickeln, Bewegungsabläufe zu programmieren und die Bauteile mithilfe des 3D-Druck-Verfahrens zu konstruieren. Der das Projekt betreuende Professor Oliver Kunze lobte im Anschluss vor allem die Vielfalt der Ansätze: „Die Studierenden haben technische Kompetenz, Erfindergeist und unternehmerisches Denken erfolgreich miteinander verknüpft und so kreative Ideen und pragmatische Problemlösungsansätze entwickelt“, wird er auf der Homepage der Hochschule zitiert.
Foto: AdobeStock/Natubhai
Foto: AdobeStock/Natubhai

Quantencomputer

Was genau einen Quantencomputer von einem konventionellen Rechner unterscheidet, ist gar nicht so einfach zu erklären. Auf der Homepage des Max-Planck-Instituts gibt die Physikerin Dr. Birgit Krummheuer anhand eines Gedankenexperiments von Schrödingers Katze, die in einer Kiste sitzt, eine Erklärung: Die Kiste ist mit einem Mechanismus ausgestattet, der zufällig ein giftiges Gas freisetzt. „In unserer ‚normalen‘ Welt befindet sich die Katze somit entweder im Zustand ‚tot‘ oder im Zustand ‚lebendig‘ – je nachdem, ob das Gas bereits ausgetreten ist oder nicht.“ In der Quantenwelt sieht dies anders aus, dort existiert die Katze auch in merkwürdigen Mischzuständen aus tot und lebendig, einer Überlagerung. Ganz ähnlich funktioniert ein Quantencomputer: Ein konventionelles Bit kann nur die Werte 0 oder 1 annehmen. „Für ein sogenanntes Qubit sind auch alle Mischzustände aus 0 und 1 möglich – und davon gibt es unendlich viele.“ Diese Überlegung lässt das gewaltige Potenzial des Quantencomputers erahnen: In einem einzelnen Qubit lässt sich viel mehr Information speichern.
Nun sind diese Mini-Weltraumlifte aus Neu-Ulm von der Utopie des „Space-Elevators“, den Frank Schätzing in seinem Weltraumthriller „Limit“ im Sinne hatte, noch weit entfernt. Dennoch: Dass die Studierenden in ihrem Projekt mit einer Idee aus einem Science-Fiction-Thriller experimentierten, ist kein Zufall: Der Orbit ist angesagt. Er beflügelt die Innovationskraft junger und angehender Ingenieur*innen als einen Ort, an dem Zukunftstechnologie zum Einsatz kommen kann. Und dadurch ein großer Wachstumsmarkt entsteht.

Wachstumsmarkt Weltraum

Das Journalismus-Portal Table.Media nannte Ende 2025 in einer Meldung konkrete Zahlen zur Marktentwicklung: So habe der globale Raumfahrt-Markt im Jahr 2024 mit 7,8 Prozent das größte Wachstum in den vergangenen drei Jahren erreicht. In der Summe beziffert Table.Media das Marktvolumen mit 613 Milliarden US-Dollar. „Laut der Space Foundation soll der Markt bis 2032 auf eine Billion US-Dollar anwachsen“, heißt es in der Meldung. Zum Vergleich: Die weltweite Autoindustrie hat ein Marktvolumen von rund 2,4 Billionen Dollar. Die Raumfahrt rückt also langsam, aber sicher heran. Treiber dafür ist laut Table.Media vor allem die private Wirtschaft: „78 Prozent des globalen Volumens entfielen auf kommerzielle Anbieter.“ Dieser Trend ändert den Markt und die Ansprüche an die Unternehmen. „Die Luft- und Raumfahrtbranche befindet sich in einem tiefgreifenden Wandel“, heißt es in einer Pressemeldung des Fraunhofer Instituts für Lasertechnik (ILT). Der Wettbewerb im Weltall sei so groß wie nie zuvor: „Unternehmen stehen vor der Herausforderung, Entwicklungszyklen drastisch zu verkürzen, nachhaltigere Technologien zu entwickeln und gleichzeitig Kosten zu senken. Zudem erfordern Fortschritte in der Satellitentechnologie neue Fertigungsansätze, um kleinere, leichtere und leistungsfähigere Systeme zu entwickeln.“ Auch eine Ebene weiter unten, in der Luftfahrt, sei ein Wandel erkennbar. So erfordere der Klimawandel innovative Lösungen in der Luftfahrt. „Die Einführung alternativer Antriebe, der Einsatz nachhaltiger Werkstoffe und der Wunsch nach emissionsfreien Flugzeugen erhöhen den Druck auf die Branche“, meldet das Fraunhofer-Institut. Gefragt ist an dieser Stelle technisches Know-how, das neues Denken mit modernsten Technologien kombiniert. Die Expert*innen vom Fraunhofer Institut ILT glauben, dass neue Laser-Technologien in Kombination mit 3D-Druck-Verfahren der Treiber für Prototypen oder die Produktion von „funktionsoptimierten Bauteilen in Luft- und Raumfahrt“ sind. Die Vorteile dieser Prozesse: kurze Entwicklungszyklen und geringere Kosten.

Superschlauer Schuhkarton

Von Effizienz und geringen Kosten sind die Entwickler*innen von Quantencomputern weit entfernt. Aber auch bei dieser Zukunftstechnologie tut sich etwas. Anfang 2026 sorgte eine Meldung für Aufsehen in den Medien: Einem interdisziplinären und internationalen Team, geleitet von der Universität Wien, ist es gelungen, per Satellit einen funktionierenden Quantencomputer ins All zu schießen. Leiter des Projekts ist der Wiener Physikprofessor Philip Walther. In einem Interview mit der Zeitschrift Profil berichtet er, wie es zu der Idee kam. Ausgangspunkt seien Diskussionen mit Forschenden aus verschiedenen Fachbereichen gewesen. Der Anspruch: von der Theorie ins Handeln zu kommen. Die Devise: Geht nicht gibt’s nicht. „Wir hatten die Idee, aber keine Ahnung, wie wir am besten vorgehen, denn das hat vor uns noch niemand gemacht. Alle Space-Technology-Firmen, an die wir uns gewandt haben, konnten die Teile, die wir benötigten, nicht oder nicht in der Zeit bauen“, sagte Walther dem Magazin Profil. Also beschloss das Team selbstbewusst, dass sie halt alles selbst bauen. „Wir waren getrieben von der Freude und Sinnhaftigkeit des Tuns und von dem Ansporn, die Ersten der Welt zu sein.“
Foto: AdobeStock/LOBSTER LARRY
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Anteil der Luftfahrt am Klimawandel

Laut Studie der Allianz Trade ist der Anteil der Luftfahrt an den klimaschädlichen Emissionen weiterhin groß. Im Jahr 2023 habe der Luftverkehr rund eine Gigatonne Kohlenstoffdioxid (CO2) ausgestoßen. „Das entspricht etwa 2,5 Prozent aller vom Menschen verursachten direkten und indirekten CO2-Emissionen, einschließlich Landnutzungsänderungen wie zum Beispiel durch Entwaldung“, heißt es in der Studie. Berücksichtigt man auch Nicht-CO2-Auswirkungen wie Kondensstreifen und Stickoxide, steigt der Anteil des Sektors an der globalen Erwärmung auf etwa 6 Prozent.
Der in diesem Team entwickelte Quantencomputer hat laut Projektleiter Walther lediglich die Größe eines Schuhkartons – was im Vergleich zu den Ungetümen, die man sich unter Quantencomputern lange vorgestellt hat, unglaublich klein ist. Hinzu kommt: Die stationären Quantencomputer stehen in sehr sicheren Umgebungen. Die Schuhkarton-Version fürs All musste erst mit einer Rakete in den Orbit geschossen werden. Das hatte nicht nur Erschütterungen zur Folge, sondern auch ungemütliche Bedingungen beim Austritt aus der Atmosphäre. Daher waren bei der Konstruktion viele Anpassungen nötig. Und der Plan ging auf: „Das Ding ist oben, hat den Launch überstanden, funktioniert“, resümiert der Projektleiter im Profil-Interview. Im Einsatz soll das System nun in 550 Kilometer Höhe die von einer Kamera an Bord gesammelten Daten direkt auf dem Satelliten verarbeiten, anstatt dass diese erst noch über Kommunikationskanäle übertragen werden müssen. „Edge Computing“ nennt man dieses dezentrale IT-Verfahren: Die Daten bleiben „am Rand“ (englisch: „edge“) des Systems, werden dort in Echtzeit analysiert. Das spart Zeit, verhindert Latenz und Störungen.

Blick von oben für Probleme hier unten

Welche genauen Aufgaben der Quantencomputer im All genau übernimmt, will das Forschungsteam im Detail noch nicht preisgeben. Klar ist, dass ein Quantencomputer im Orbit der Erdbeobachtung enorme Fortschritte bescheren kann. Schon heute wird die Erde von oben sehr detailliert betrachtet. Zum Beispiel, um das GPS-System zu aktualisieren. Um in Katastrophenfällen Hilfstrupps zu dirigieren. Oder um Diagnosen über den Zustand der Umwelt oder die Folgen des Klimawandels anzustellen. Quantencomputer besitzen eine um ein Vielfaches größere Rechenleistung als konventionelle Rechner. Insofern wären sie in der Lage, aus der Orbit-Perspektive komplexe Zusammenhänge oder bereits minimale Veränderungen zu erkennen und Frühwarnsysteme zu alarmieren. Damit die Erdbeobachtung in Zukunft weniger durch den Klimawandel ausgelöste negative Effekte diagnostizieren muss, ist eine Ebene unterhalb des Orbits die Luftfahrtbranche gefragt, den Weg zum klimaneutralen Fliegen fortzuschreiten. Doch dieser ist weit. Ende 2025 veröffentlichte die Kreditversicherungsgesellschaft Allianz Trade eine Studie zur Dekarbonisierung der Luftfahrt. Die Überschrift fasst zusammen, was der Branche bevorsteht, will sie das globale Klimaneutralitätsziel bis 2050 erreichen: Es wird eine „Herkulesaufgabe“ sein. Vor allem seien hohe Investitionen nötig. „Die Dekarbonisierung der Luftfahrt wird kein günstiges Unterfangen. Im Gegenteil: Bis 2050 erfordert dies nach unseren Berechnungen Investitionen von etwa 5,1 Billionen US-Dollar“, wird Maria Latorre, Branchenexpertin bei Allianz Trade, in einer Pressemeldung zur Studie zitiert. Das ist ein schweres Gepäck. „Aber ein Verharren auf dem aktuellen Status quo käme für die Gesellschaften mit geschätzten acht Billionen US-Dollar noch teurer.“ Das liegt an den Mechanismen des Emissionshandels: Noch sind die Zertifikate zum Ausgleich vergleichsweise günstig. „In den kommenden Jahren könnten diese allerdings deutlich steigen, was zu einer stärkeren Belastung der Fluggesellschaften führen dürfte“, heißt es in der Studie.
Vor allem die Entwicklung nachhaltiger Kraftstoffe steht an, die erstens selbst klimaneutral sind und die zweitens mit erneuerbaren Energien hergestellt werden.

Geld fürs klimaneutrale Fliegen

Es hilft also nichts: Die Luftfahrt muss sich der Herkulesaufgabe stellen. Gelingen könne dies nur, wenn „viele Zahnräder ineinandergreifen“, so die Expertin der Allianz Trade. „Die Reduzierung des aktuell großen CO2-Fußabdrucks in der Luftfahrt erfordert ein umfassendes Maßnahmenpaket, das sowohl Technologie, Treibstoffe und Betrieb als auch Politik umfasst.“ Vor allem die Entwicklung nachhaltiger Kraftstoffe steht an, die erstens selbst klimaneutral sind und die zweitens mit erneuerbaren Energien hergestellt werden. Gefragt sind damit nicht nur Ingenieur*innen, die immer leichtere, effizientere und damit energiesparende Flugzeuge konstruieren, sondern die bereits im Vorfeld eine neue Infrastruktur für die Herstellung von klimaneutralen Treibstoffen aufbauen. Die Aufgabe ist groß. Die Summe der Investitionen, die hier in den kommenden Jahren im Spiel sein werden, aber auch. Denn eines scheint klar: So, wie der Mensch nicht aufhören wird, von einem Aufzug ins Weltall zu träumen, will er auch weiterhin mit dem Flugzeug unterwegs sein. Auch daher sollte der Blick für die Ingenieur*innen von morgen nach oben gehen: Über den Wolken scheint die Arbeit grenzenlos zu sein.
Foto: AdobeStock/SanyBRZ
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Was bleibt von Raketen übrig?

Wo der Mensch wirkt, hinterlässt er Rückstände. So auch im All. Das Magazin Geo zitierte jetzt die Studie einer internationalen Forschergruppe um Robin Wing vom Leibniz-Institut für Atmosphärenphysik in Kühlungsborn. Das Team konnte nachweisen, dass sich in einer Höhe von rund 96 Kilometern eine deutlich erhöhte Menge Lithiumatomen feststellen ließ – mit Werten, die zehnmal so hoch wie normal seien. Gemessen wurde diese Lithiumwolke knapp 20 Stunden, nachdem eine Raketenstufe in die Atmosphäre eingetreten war. Einen Zufall schließen die Forscher aus – und werten den Fund als ein Warnsignal: „Trotz der wichtigen Rolle, die die obere Erdatmosphäre beim Schutz des irdischen Lebens spielt, sind die Folgen der zunehmenden Verschmutzung durch wiedereintretende Weltraumtrümmer auf den Strahlungstransport, die Ozonchemie und die Aerosolmikrophysik weitgehend unbekannt“, schreiben sie in ihrem Forschungspapier.
               

Raumfahrtexperte Dr. Walther Pelzer im Interview

Der Weltraum boomt. Neben dem Mond wird auch der Mars ein Ziel. Staaten und Unternehmen investieren Millionen. Im Orbit entsteht ein Markt, mit neuen Job-Profilen für Ingenieur*innen. Dr. Walther Pelzer, Generaldirektor der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR, erläutert im Interview, welche Hoffnungen mit dem All verbunden sind, welche Rolle deutsche Unternehmen spielen und warum Astronaut*innen weiterhin die besten Botschafter für die Raumfahrt sind. Die Fragen stellte André Boße

Zur Person

Dr. Walther Pelzer, Jahrgang 1967, ist seit 2018 Mitglied des DLR-Vorstands und seit 2020 Generaldirektor der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR mit Sitz in Bonn. Er studierte an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen Maschinenbau und promovierte anschließend am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie. Von 1999 bis 2002 arbeitete er zunächst im Vorstandsbereich eines Großkonzerns, für den er anschließend als Werksleiter in die USA wechselte. Von 2002 bis 2007 war er als Geschäftsführer bei einem österreichischen Automobilzulieferer tätig, bevor er 2007 in die Abteilung Forschung und Technologie des NRW-Innovationsministeriums wechselte. Zu seinem Verantwortungsbereich gehörten dort unter anderem das Forschungszentrum in Jülich und das DLR. Ab 2008 war Pelzer im Sonderprojekt zusätzlich verantwortlich für den Rückbau und die Entsorgung des Versuchsreaktors AVR in Jülich, bevor er 2018 zum DLR wechselte. Von 2005 bis 2008absolvierte er einen berufsbegleitenden MBA in Zürich, Wien, St. Gallen und Boston.
Herr Dr. Pelzer, der Mond war lange Zeit ziemlich out. Nun ist er dank des „Artemis“-Programms der NASA wieder ein Ort im Orbit, der Fantasien weckt. Was steckt dahinter? Stimmt, der Mond hat nach dem Ende des Apollo-Programms bis in die 1990er-Jahre als langweiliger und kalter Stein gegolten. Heute aber, nach einigen neuen Erkenntnissen und Entwicklungen, erkennt man, dass er in zweifacher Hinsicht interessant ist: aus wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten. Beginnen wir gerne mit der Sicht der Wissenschaft. Auf dem Mond können wir einen tiefen Blick in die Historie der Erde werfen. Der Mond ist ungeschützt, er hat keine nennenswerte Atmosphäre. Es gibt dort auch keine Erosionen. Daher lassen sich Erkenntnisse gewinnen, die viel über die Entstehung und Beschaffenheit der Erde erzählen. Hinzu kommen wirtschaftliche Aspekte. So hat man am Südpol des Mondes und später auch an anderen Stellen Wassereis gefunden. Es besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff, und das sind nicht nur die Grundelemente, um zu überleben, sondern auch, um Treibstoff herzustellen. Damit wird der Mond zu einer interessanten Zwischenstation, um von ihm aus den Mars zu erreichen. Er qualifiziert sich also als Basis. Genau. Zumal er nicht nur keine nennenswerte Atmosphäre hat, sondern auch eine viel geringere Anziehungskraft. Mit Blick auf den Treibstoff und die Triebwerkstechnik ist der Weg vom Mond zum Mars also deutlich einfacher. Zusätzlich könnte der Abbau von Ressourcen dort interessant sein. Ich sehe zwar nicht, dass wir solche Materialien vom Mond auf die Erde transportieren, dafür fehlen aus meiner Sicht die Geschäftsmodelle. Das Regolith, das es dort gibt, ließe sich aber auf dem Mond als Rohstoff weiterverarbeiten.
Raumfahrt ist kritische Infrastruktur.
Gibt es im Orbit eigentlich ein Regelwerk? Es gibt ein Weltraumrecht, das auf dem Weltraumvertrag der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1967 und weiteren Ergänzungsverträgen beruht. Aber wir brauchen neue Regeln, wie man sich im All zu benehmen hat. Es gibt da unterschiedliche Ansätze. China und Russland fordern ein Waffenverbot. Wir in Europa plädieren dafür, zusätzlich Verhaltensregeln zu definieren. Denn ein Satellit, der mit 28.000 km/h durchs Weltall fliegt, ist ja im Grunde eine Waffe. Daher benötigen wir Sicherheitsregeln für den Orbit, damit es dort oben nicht kracht. Denn wenn das passiert, hat das auf der Erde große Auswirkungen. Wie verloren wir Menschen heute wären, würden alle Navigationssysteme ausfallen! Wir würden uns alle verfahren, weil ja niemand mehr in der Lage ist, Karten zu lesen. Aber Satellitennavigation kann noch viel mehr. Ohne ihre hochpräzisen Zeitsignale würden der Finanz- und der Energiesektor zusammenbrechen. Raumfahrt ist kritische Infrastruktur. Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, hat kürzlich in einem Interview für das Portal Table.Media gesagt, der Weg ins All führe künftig über Deutschland. Das klingt selbstbewusst. Hat sie recht? Ja, Deutschland spielt definitiv eine sehr starke Rolle. Der größte Beweis für die Kompetenz Deutschlands und auch Europas im Bereich der Raumfahrt ist, dass die US-Amerikaner deutsche Produkte brauchen, um wieder zum Mond zu gelangen. Das „Artemis“-Mond-Programm der NASA nutzt das Orion-Raumschiff. Dieses besteht aus zwei Teilen, der Crew-Kapsel selbst sowie dem europäischen Servicemodul ESM, in dem unter anderem die Energieversorgung sowie die Antriebs- und Thermalkontrolltechnik untergebracht sind. Dieses Servicemodul liefern wir aus Europa, rund 50 Prozent davon werden in Deutschland hergestellt. Es ist das erste Mal, dass sich die NASA bei einem missionskritischen Bauteil auf einen Zulieferer verlässt, der nicht auf US-Boden entwickelt und produziert. Die Ministerin hat also recht: Ohne Deutschland, ohne Europa, werden die USA erst einmal nicht zum Mond kommen. Wie bewerten Sie aktuell die Innovationskraft deutscher Unternehmen in der Raumfahrttechnik? Deutschland profitiert als Impulsgeber davon, dass die Wirtschaft weniger von großen Konzernen als von KMU, kleinen und mittleren Unternehmen, geprägt ist. Diese Akteure sind häufig wendiger als große Konzerne, was in innovativen Branchen von Vorteil ist. Und auch die großen Konzerne in Deutschland sind es gewohnt, die Innovationskraft der KMU durch Partnerschaften zu integrieren. Was beim Thema Raumfahrt lange fehlte, war ein Markt. Diesen brauchen die Unternehmen aber für Wachstum. Jetzt ist dieser Markt da. Es fließt heute viel mehr Geld in die Raumfahrttechnik,   nicht nur Steuergelder, sondern große Summen an privaten Investitionen. Diese sind besonders wichtig, weil die Unternehmen dann kundenfokussiert arbeiten und darauf schauen: Wo liegt der Mehrwert? Welche Mehrwerte generiert die Raumfahrttechnik aktuell? Wer den Begriff Raumfahrt hört, denkt in erster Linie an Raketen und Satelliten. An das, was man sieht. Klar, das ist wichtig, und ich finde in technologischer Hinsicht eine Rakete und einen Satelliten hoch spannend. Nur: Diese Rakete darf kein Selbstzweck sein. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass wir Satelliten in die Umlaufbahn bringen, die wiederum Daten gewinnen. Daten, mit denen es uns gelingt, das Leben auf der Erde besser, schneller, effizienter zu machen. Diese Daten zu generieren, zu verarbeiten, nutzbar zu machen und zu verkaufen – das ist der Job der Unternehmen. Mit dem Ziel, dass zum Beispiel in naher Zukunft keine Vermessungsingenieure mehr mit Messstangen durch die Gegend laufen müssen, sondern wir für diese Vermessung die Daten von Satelliten nutzen. Was nicht heißt, dass die Ingenieure, die diesen Job gemacht haben, danach nichts mehr zu tun haben. Das Gegenteil ist der Fall: Wir brauchen Ingenieurinnen und Ingenieure in der Raumfahrttechnik. Wie sehen die Jobprofile in dieser Branche aus? Das Hauptprofil hat sich nicht geändert: Ingenieurinnen und Ingenieure nutzen ihr Wissen, um Produkte herzustellen, die Probleme lösen. Was sich geändert hat, sind die Schwerpunkte der Tätigkeiten. Themen wie Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz nehmen schon heute einen großen Raum ein, hinzu kommt die Cybersecurity: Es ist nicht nur wichtig, dass ein Produkt funktioniert, es muss auch sicher sein, nicht nur in der Anwendung, sondern auch vor Angriffen und Missbrauch. Aber in der Raumfahrt werden nicht nur Ingenieurinnen und Ingenieure gesucht. Auch die Profession des Wissenschaftlers, des Technikers, der Juristen, der Wirtschaftswissenschaftler sowie der Analysten sind gefragte Jobs im Raumfahrtsektor.
Die Verletzlichkeit der Erde kann niemand so gut vermitteln wie jemand, der einmal aus großer Höhe von außen auf die Erde geschaut hat.
Gibt es in der Raumfahrttechnik einen Mangel an Fachkräften? In Bereichen wie Optik, Telekommunikation, Halbleitertechnik oder Signalverarbeitung haben wir schon heute einen Bedarf, den wir aktuell kaum abdecken können. Es gibt in Deutschland immer dann einen Hype um die Raumfahrt, wenn mal wieder ein Deutscher im Weltraum ist. Zuletzt verbrachte Matthias Maurer mehr als ein halbes Jahr auf der ISS, mit Rabea Rogge war im April 2025 zum ersten Mal eine deutsche Astronautin im All. Warum sind diese Geschichten wichtig? Weil wir diese Technik für die Menschen machen. Und niemand kann Emotionen so gut rüberbringen wie ein Mensch. Ich bin als studierter Maschinenbauer ein großer Fan der Robotik, habe selbst Produktionsabläufe automatisiert, mit der Erkenntnis, dass es Dinge gibt, die Roboter besser als Menschen hinbekommen. Die Verletzlichkeit der Erde jedoch, die kann niemand so gut vermitteln wie jemand, der einmal aus großer Höhe von außen auf die Erde geschaut hat. Deshalb sind Astronautinnen und Astronauten besser als alle anderen in der Lage, eine Begeisterung für MINT-Disziplinen und die Raumfahrt zu vermitteln. Gerade junge Menschen hängen ihnen an den Lippen. Weshalb ich eines nie mache: Bei einem Kongress im Anschluss an eine Astronautin oder einen Astronauten zu sprechen. Denn da hört mir keiner mehr zu.
Zum DLR und zur Deutschen Raumfahrtagentur im DLR Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist eine Einrichtung, die in den Bereichen Luftfahrt, Raumfahrt, Energie, Verkehr und Sicherheit forscht und dabei in viele nationale und internationale Kooperationen eingebunden ist. Die Deutsche Raumfahrtagentur im DLR mit Sitz in Bonn übernimmt im Auftrag der Bundesregierung die Konzeption und Durchführung des deutschen Raumfahrtprogramms auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Hierzu gehören neben dem nationalen Raumfahrtprogramm die deutschen Beiträge zur Europäischen Weltraumorganisation ESA und zur Europäischen Organisation zur Nutzung meteorologischer Satelliten (EUMETSAT). Hauptauftraggeber ist das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Das Gesamtbudget der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR lag 2025 bei rund 1,95 Milliarden Euro. Davon entfielen rund 1,17 Milliarden Euro auf den deutschen Beitrag zur Europäischen Weltraumorganisation (ESA), derzeit ist Deutschland mit einem Anteil von 23 Prozent der größte Beitragszahler der ESA.

Kuratiert

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Produktiver im Homeoffice

Eine aktuelle repräsentative Umfrage von TimO, einem deutschen Anbieter für digitale Arbeitszeiterfassung und Workforce-Management-Lösungen, unter 1.000 Beschäftigten in Deutschland zeigt: 75,9 Prozent der Arbeitnehmer arbeiten im Homeoffice produktiver als im Büro, selbst während sie Wäsche waschen oder Pakete annehmen. Jeder Dritte nutzt private Tätigkeiten bewusst als kurze Entspannungspause, um danach fokussierter weiterzuarbeiten. Rund 18 Prozent gaben an, sich erst konzentrieren zu können, wenn der Haushalt in Ordnung ist. Entgegen der Sorge vieler Arbeitgeber leidet die Leistung nicht unter der Flexibilität. Im Gegenteil: 75,9 Prozent der Befragten bewerten ihre Produktivität zu Hause als „höher“ oder „viel höher“ im Vergleich zum Büro. Nur 0,6 Prozent fühlen sich im Homeoffice deutlich weniger produktiv. Dabei bleibt das Zeitmanagement diszipliniert: 74 Prozent der Arbeitnehmer verbringen insgesamt weniger als 30 Minuten pro Tag mit privaten Aufgaben.

Dr. Wilhelmy VDE Preis für drei Ingenieurinnen

Der Dr. Wilhelmy VDE Preis will mehr Sichtbarkeit für junge Ingenieurinnen in der Elektround Informationstechnik schaffen. 2025 wurden drei Kandidatinnen für ihre herausragenden Dissertationen ausgezeichnet: Umweltingenieurin Dr.-Ing. Miriam Schüttoff von der Universität Ulm hat Lebensdauertests für Brennstoffzellen optimiert, Dr.-Ing. Arezoo Zarif von der TU Dresden befasste sich mit optischen Chips für die Glasfaserkommunikation, und Dr.-Ing. Lisa Maile von der Universität Erlangen-Nürnberg beschäftigte sich damit, wie sich Echtzeitrechnernetzwerke bei minimalen Anforderungen an die Hardware sicher und flexibel auslegen lassen. Die Preise sind mit jeweils 3.000 Euro dotiert.

Generation Z erklärt 2026 zum analogen Jahr

Voll retro? Auffällig viele Postings auf Instagram, Youtube und Tiktok beschäftigen sich mit der Rückkehr zu alten Geräten und Medien: Cassetten, Schallplatten und Musik-CDs boomen derzeit genauso wie klassische MP3-Player und „Dumb Phones“ – also Handys ohne Internetzugang. Videospiele feiern ein Comeback. Ein Youtuber kaufte das Unternehmen Commodore Corporation und will den einst beliebten Computer Commodore 64 aufleben lassen. Auch eine neue Amiga-Version soll demnächst auf den Markt kommen. Warum dieser Hype für die analoge Welt? Viele junge Menschen fühlen sich überreizt von den 24/7 verfügbaren Digitalangeboten, sehnen sich nach Offline-Zeit. Keiner weiß mehr, wie viel KI in Musik, Videos, Bildern und Texten steckt. Sie wollen sich der ständigen Überwachung durch Großkonzerne entziehen und wieder Herr über ihren Besitz werden. Denn: Was ich selber besitze und kontrolliere, kann mir keiner nehmen. Das gilt für einen Musiktitel genauso wie für persönliche Daten. Kuratiert von Sabine Olschner

Christopher Herget Projektingenieur Batteriezelle bei FEV Europe

„Hi, ich bin Christopher und komme aus Köln. In meiner Freizeit gehe ich gerne bergsteigen oder mache Sport: Triathlon und seit kurzem Padel, eine Mischung aus Tennis und Squash. Studiert habe ich Maschinenbau mit Fachrichtung Produktentwicklung an der RWTH Aachen. Bereits dort bin ich durch das Studentenprojekt Team Sonnenwagen Aachen und meine Werkstudentenstelle beim Batterieentwickler Air Energy in die Welt der Batterien eingetaucht und in diesem Bereich auch bis heute tätig.“

Im Maschinenbaustudium stellt man sich als Arbeitgeber fast ausschließlich die großen OEMs vor: Autobauer, Flugzeugbauer usw. Jetzt bin ich Projektingenieur bei einem Engineering- oder auch Entwicklungsdienstleister – ein Jobtitel, den ich während des Studiums nicht unbedingt auf dem Schirm hatte. Doch nach drei Jahren bei FEV kann ich sagen: zu Unrecht. Zum Ende meines Studiums wollte ich nochmal etwas Neues kennenlernen, gerne ein großes Unternehmen. So landete ich 2022 für meine Masterarbeit bei FEV und konzeptionierte einen neuartigen Prüfstand für Sicherheitstests an Batteriezellen. Die anschließende Festanstellung bei FEV ermöglichte mir, dieses Thema nahtlos weiterzuverfolgen – ein Übergang, der mir sowohl fachlich als auch persönlich viel bedeutet hat. Als einer der weltweit führenden Engineering-Dienstleister entwickelt mein Arbeitgeber hoch innovative technologische und strategische Lösungen für das gesamte Mobilitätsökosystem, die Luft- und Raumfahrt sowie den Energiesektor. Heute kümmere ich mich dort um den Ausbau des Prüffeldes, die Testplanung und das Projektmanagement in Kundenprojekten und sorge so dafür, dass Elektroautos und andere Batterieanwendungen der Zukunft noch sicherer werden. Beispielsweise begleite ich aktuell die Entwicklung eines batterieelektrischen Pkw, plane die notwendigen Batterietests über den Entwicklungszyklus und bereite die Testergebnisse für die weitere Entwicklung oder Musterfreigabe auf. Was mich an der Tätigkeit bei einem Entwicklungsdienstleister von Anfang an gereizt hat, ist die Vielfalt: die Zusammenarbeit mit unterschiedlichsten Unternehmen, das Kennenlernen verschiedener Organisationsstrukturen, Arbeitsweisen und technologischer Ansätze sowie die Möglichkeit, regelmäßig in neue Themenbereiche einzutauchen. Die große Bandbreite des FEV-Portfolios eröffnet immer wieder neue Entwicklungsmöglichkeiten und sorgt dafür, dass kein Projekt dem anderen gleicht. Diese Vielfalt ist zugleich auch eine der größten Herausforderungen. Die Arbeit mit zahlreichen Kunden, parallelen Projekten und unterschiedlichen Zeitplänen erfordert hohe Flexibilität und ein gutes Gespür für Priorisierung – insbesondere im Prüffeld, wo Ressourcen wie Teststände, Messtechnik oder Sicherheitsinfrastruktur präzise geplant und koordiniert werden müssen. Doch gerade in dieser Komplexität liegt für mich ein großer Reiz: die Fähigkeit, technische und organisatorische Anforderungen zusammenzuführen und gemeinsam mit den Projektpartnern tragfähige Lösungen zu erarbeiten.

„Mit Freude in die Veränderungswellen stürzen“

Sind die goldenen Zeiten für Bewerber*innen vorbei? Absolvent*innen brauchen laut Bundesagentur für Arbeit und Analysen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung heutzutage länger, bis sie eine passende Stelle finden, als vor ein paar Jahren. Arbeitsmarktexperte Dr. Tobias Zimmermann ist der Ansicht: Die Lage ist besser, als sie vielen erscheint. Die Fragen stellte Sabine Olschner

Zur Person

Dr. Tobias Zimmermann ist ein anerkannter Arbeitsmarktexperte und Keynotespeaker. Seit 2018 beschäftigt er sich mit Fragen rund um die Arbeitswelt. Seit Januar 2026 verantwortet er den Bereich Talent Intelligence & Attraction bei der TÜV NORD Group. Der gebürtige Bielefelder promovierte 2016 an der Universität Münster in Politikwissenschaft. In seinem Buch „Zeit der Chancen“ erklärt er, warum sich trotz Wirtschaftskrise, Stellenabbau und Insolvenzen gerade jetzt ungeahnte Job-Chancen eröffnen.
Viele angehende Absolvent*innen haben Angst, aufgrund der aktuellen wirtschaftlichen Lage nach dem Studienabschluss keinen Job zu bekommen. Ist diese Angst berechtigt? Die Arbeitswelt und der Arbeitsmarkt verändern sich derzeit massiv, und natürlich sind die drei Jahre Rezession nicht spurlos an uns vorübergegangen. Schaut man sich aber mal die konkreten Zahlen an, ist unser Blick auf den Arbeitsmarkt meines Erachtens viel zu dystopisch: Wir haben aktuell eine Erwerbslosenquote von 3,7 Prozent. Das ist historisch gesehen enorm niedrig. Es gibt eine Million offene Stellen – mehr als zum Vergleichszeitpunkt vor zehn Jahren, als Deutschland das Vorbild und der Wirtschaftsmotor Europas war. Ja, es gibt einen Veränderungsdruck am Arbeitsmarkt. Berufsprofile verändern sich immer schneller, das heißt, ich muss mich anpassen. Den einen Job fürs Leben gibt es nicht mehr, ich muss permanent in meine Employability investieren. Wer das tut, dem bieten sich aktuell gute Chancen und in Zukunft noch bessere. Wie sieht denn nun die aktuelle Arbeitsmarktsituation für Absolvent*innen tatsächlich aus? Dem Institut der deutschen Wirtschaft zufolge werden Unternehmen im Jahr 2028 rund 770.000 Stellen in Deutschland nicht besetzen können. Dabei gibt es in einigen Branchen eine sehr hohe Nachfrage, in anderen weniger. Ein sehr starker Mangel ist bei zwischenmenschlichen Tätigkeiten zu beobachten, also in den Bereichen Bildung, Erziehung und Gesundheit. Und es herrscht eine riesige Nachfrage nach technischer Expertise, allen voran für den Bereich Energie, wo wir dringend Ingenieur*innen brauchen, die die neuen Technologien zum Leben erwecken. In der IT brauchen wir Expert*innen, die die künstliche Intelligenz weiterentwickeln, verstehen, kontrollieren und mit ethischen Grundsätzen steuern. Laut dem Branchenverband Bitcom werden uns bis 2040 rund 600.000 IT-Experten fehlen. Und auch die Büros des Landes werden weiter Chancen für Wirtschaftswissenschaftler, Sozialwissenschaftler und Co. bieten. Gerade unter Studierten ist die Beschäftigung in Feldern wie Unternehmensorganisation oder Finanzen in den letzten Jahren überdurchschnittlich gestiegen. Für Absolvent*innen gilt generell: Sie müssen aktiv ihre Fähigkeiten und ihre Karriere managen, dann haben sie auch weiterhin gute Chancen. Ist die künstliche Intelligenz eine Gefahr für den Arbeitsmarkt? Die KI wird uns kurzfristig einmal kräftig durchschütteln und uns viel abverlangen. Das wird sicherlich anstrengend. Künstliche Intelligenz wird aber nicht dafür sorgen, dass uns die Arbeit ausgeht, sondern sie wird nur die Art der Aufgaben verändern. Wir reden aus meiner Sicht viel zu wenig darüber, welche riesigen Chancen uns die KI eigentlich bietet, indem sie die Arbeitswelt interessanter, abwechslungsreicher und menschlicher macht. Denn die KI befreit uns vor allem von den langweiligen, repetitiven Aufgaben. Keiner von uns ist schließlich auf die Welt gekommen, um Zahlen in einer Excel-Tabelle von links nach rechts zu schieben oder zu kontrollieren, ob sich nicht irgendwo ein Tippfehler eingeschlichen hat. Wir sind doch hier, um auf Basis von Analysen kreative Lösungen zu finden. Es wird künftig viel mehr kreative Jobs geben, während die langweiligen Jobs verschwinden werden. Auch in der Vergangenheit ist uns die Arbeit ja noch nie ausgegangen, trotz aller technischen Erneuerungen. Wichtig ist: Wer sich jetzt schon bestmöglich für die Zukunft aufstellt, kann weiterhin attraktive Jobs bekommen und schnell nach oben aufsteigen. Wenn ich aber nicht aufpasse und meine Fähigkeiten veraltet sind, bekomme ich Probleme und muss meine Arbeitsfähigkeit wieder herstellen.
Es wird künftig viel mehr kreative Jobs geben, während die langweiligen Jobs verschwinden werden.
Welche Fähigkeiten werden denn in Zukunft wichtig sein, um Erfolg zu haben? Allen voran stehen die sozialen Fähigkeiten: Je mehr wir automatisieren, umso mehr Bedeutung bekommt das Zwischenmenschliche. Projektmanagement wird stärker werden, also muss ich gut mit anderen zusammen arbeiten können, kommunikationsfähig und empathisch sein. Als Projektmanager brauche ich auch Führungsfähigkeiten, um die Menschen in meinem Team zu leiten und das Projekt im Griff zu haben. Des Weiteren sind Fähigkeiten wie kritisches Denken, Kreativität, Anpassungsfähigkeit und Flexibilität wichtig. Und ich brauche auch digitale Skills, um zu wissen, wie ich künstliche Intelligenz bestmöglich einsetzen kann. Das heißt nicht, dass wir jetzt alle programmieren lernen müssen. Aber ich muss verstehen, was die künstliche Intelligenz kann, wo ihre Schwächen liegen und wie ich sie möglichst effizient einsetzen kann. Viele junge Menschen sehnen sich heutzutage nach Sicherheit. Gibt es heute überhaupt noch einen sicheren Job, den ich mein Leben lang behalte? Aus meiner Sicht hat der sichere Job weitgehend ausgedient. Junge Menschen werden in ihrem Berufsleben nicht nur viele verschiedene Jobs haben, sie werden sogar mehrere Karrieren haben und sich immer wieder neu erfinden – entsprechend dem, was sie gut können, worauf sie Lust haben und was am Markt gebraucht wird. Die Sicherheit, die sie erwarten, müssen sie sich selber geben, indem sie dafür sorgen, dass sie die Fähigkeiten besitzen, die gebraucht werden, und dahin gehen, wo es für sie gute Zukunftschancen gibt. Um es mit einem Bild zu sagen: Es rollen derzeit viele Veränderungswellen auf uns zu. Ich kann am Strand stehen und der Welle den Rücken zudrehen, oder ich kann mir das Surfboard schnappen und versuchen, die Welle zu surfen oder mich mit Freude hineinstürzen. Ich denke, Letzteres macht deutlich mehr Spaß.

Cover Zeit der ChancenBuchtipp

Tobias Zimmermann: Zeit der Chancen. Wie und warum du gerade jetzt Karriere machst. Campus Verlag 2026. 25 Euro

Lieblingsbücher

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Richtige Einstellung

Cover Work Life RemixFlexibilität ist längst kein Nice-to-have mehr – sie entscheidet über Wettbewerbsfähigkeit, Innovationskraft und Zukunftsfähigkeit Eurer Organisation. In „Work Life Remix. Finde die Arbeitsweise, die zu deinem Leben passt“ zeigen Carsten Meier, Nina Meier-Hahasvili und Gregor Kalchthaler, wie Menschen, Teams und Organisationen mit den richtigen Einstellungen zu Arbeit und Leben leistungsfähiger und zufriedener werden. Mit fünf zentralen Dimensionen von Flexibilität – von Lokalität bis Digitalität – liefert das Buch ein flexibles Framework für modernes und effizientes Arbeiten. Mit Fallbeispielen zeigen die Autor*innen, warum Flexibilität in Arbeit und Leben zu einer der Kernkompetenzen einer Wirtschaft von morgen werden. Carsten Meier, Nina Meier-Hahasvili, Gregor Kalchthaler: Work Life Remix. Finde die Arbeitsweise, die zu deinem Leben passt. Murmann Publishers 2026. 39 Euro

Mischt euch ein!

Cover Nehmt eure Zukunft in die Hand89 Prozent der 14- bis 29-Jährigen sind überzeugt: Wenn sich ihre Generation nicht wehrt, zahlt sie die Schulden von heute als Steuern von morgen. Zu diesem Ergebnis kommt eine repräsentative Umfrage vom Mai 2025 unter Leitung des Zukunftsforschers Horst Opaschowski. Auch die Sorge vor Wohlstandsverlusten ist groß. Die Zahlen deuten auf wachsendes Misstrauen gegenüber Politik und Gesellschaft hin – und auf das Potenzial eines Generationenkonflikts. In seinem neuen Buch zieht Opaschowski Konsequenzen aus diesen Befunden. Er ruft die junge Generation dazu auf, Verantwortung zu übernehmen, sich einzumischen und die eigene Zukunft aktiv zu gestalten, statt auf staatliche Lösungen zu warten. Sein Appell: mehr Eigeninitiative, mehr Solidarität zwischen Jung und Alt – und der Mut, als „Just-do-it-Generation“ die Zukunft selbst in die Hand zu nehmen. Horst Opaschowski: Nehmt eure Zukunft in die Hand! Message an die nächste Generation. Claudius Verlag 2025. 20 Euro

Weniger Stress

Cover Auf Knopfdruck runterkommenNeues Jahr, neue Ziele, neue berufliche Herausforderungen – und oft auch neuer Druck. Strategische Weichenstellungen, hohe Erwartungen, volle Terminkalender und der Anspruch, immer leistungsfähig und souverän zu sein: Da steigt der Puls schnell. Wer wünscht sich da nicht, einfach auf Knopfdruck runterzukommen? Coach und Leadershipexperte Claude Heini zeigt mit der Herz-Kohärenz-Methode an, wie sich Stress in kurzer Zeit reduzieren und innere Stabilität herstellen lässt. So bleibt der Kopf klar, Entscheidungen fallen besonnener, Emotionen können bewusster eingesetzt werden, und ein souveränes Auftreten wird möglich. Claude Heini: Auf Knopfdruck runterkommen. BusinessVillage Verlag 2025. 22,95 Euro

Menschlicher kommunizieren

Cover Abenteuer Kommunikation2026 wird das Jahr, in dem wir aufhören, KI zu fürchten, und anfangen, von ihr zu lernen. Ausgerechnet die Maschine zeigt uns, was guter Kommunikation fehlt: Wir lernen, Maschinen mit klaren Prompts zu steuern – und merken plötzlich, wie unklar wir mit Menschen sprechen. Denn die Regeln für einen guten Prompt sind dieselben wie für ein gutes Gespräch. Wirtschaftspsychologe Prof. Ingo Hamm leitet aus diesem Paradox eine überraschende Lösung ab: Was wäre, wenn ausgerechnet die Maschine uns lehrt, menschlicher zu kommunizieren? Hamm zeigt, warum Missverständnisse in Beruf und Alltag so hartnäckig sind und wie viel Frust, Konflikte und Energieverlust sie erzeugen. Ingo Hamm: Abenteuer: Kommunikation! Murmann Verlag 2026. 25 Euro

Ins Rampenlicht treten

Cover Alles was wirklich zaehltSchauspieler und Regisseur Francisco Medina plädiert dafür, endlich die Hauptrolle im eigenen Leben zu übernehmen. Denn allzu oft überlassen wir anderen die Führung und unser Potenzial bleibt ungenutzt. Anhand persönlicher Erfahrungen und Anekdoten zeigt der Autor, wie wir alle mithilfe von Coaching- und Schauspieltechniken ins Rampenlicht treten. Er inspiriert dazu, uns neu zu erfinden, mutig zu sein und mit Authentizität und einem kraftvollen Mindset für uns einzustehen. Francisco Medina: Alles was wirklich zählt. Wie du der Star im Drehbuch deines Lebens wirst. NOW Verlag 2026. 19 Euro

Mythen zur Energiewende aufgedeckt

Cover Ploetzlich KriseDie Energiewende zerreißt Familien und Freundeskreise, spaltet Gesellschaft und Wirtschaft. Wie lange bleibt unsere Zukunft noch planbar? Was wird aus meinem Eigenheim, wenn die nächste Krise kommt? Wer wird am Ende wirklich zahlen müssen? Rast Deutschland sehenden Auges in den Abgrund? Die brutale Realität: Das 1,5-Grad-Ziel ist Geschichte, Ressourcenkriege verwüsten bereits ganze Kontinente. In ihrem neuen Buch konfrontiert Carolin Oder uns mit den heute neu gestellten klimapolitischen Fragen und deckt auf, wo Mythen gefährliche Realitäten verschleiern. Sie zeigt, welche Technologien noch funktionieren könnten und wie der Gasausstieg Deutschland zum Technologie-Weltmarktführer macht – wenn uns die Zeit bleibt. Carolin Oder: Plötzlich Krise – was jetzt? novum Verlag 2025. 21,30 Euro

Frauen treten ins Rampenlicht

Cover Be Visible. Be YouGerade Frauen spüren, dass mehr in ihnen steckt. Doch warum bleiben sie dennoch im Hintergrund? Eigentlich ist das doch der Zeitpunkt, aus der Masse hervorzutreten und sichtbar zu werden. Viele Frauen verfügen über ein profundes Fachwissen, Ideenreichtum und Potenzial, nutzen es aber nicht und bleiben unsichtbar. Sichtbarkeit entsteht nur, wenn sie sich zeigen. Ganz gleich, ob als Vortragsredner, im Meeting oder im Daily Business: Wer wahrgenommen werden will, muss präsent sein. Doch wie macht man sich mit seiner Expertise sichtbar? Warum ist Public Speaking dabei so wirksam? Verena Laumayer zeigt in ihrem Buch, wie Frauen sicher auftreten und Public Speaking – unabhängig vom Karrierelevel – zum Katalysator für den beruflichen Erfolg machen. Im Fokus stehen Women in Tech, doch die Impulse nutzen allen, die ihre berufliche Wirkung gezielt steigern wollen. Verena Laumayer: Be Visible. Be You. Be in Tech. Wie du dein Potenzial nutzt, überzeugend auftrittst, sichtbar wirst und deine Karriere erfolgreich gestaltest. BusinessVillage 2026. 24,95 Euro

Das letzte Wort hat Thilo Hamm, Co-Gründer von ScrapBees

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Thilo Hamm  gründete im Corona-Lockdown zusammen mit Florian Kriependorf und Sebastian Kopsan das Recycling-Unternehmen ScrapBees, in Deutschland aktiv unter dem Namen SchrottBienen. Ihre Teams bauen Heizungsanlagen, Rohrleitungen oder anderes Altmetall auf Baustellen aus, entsorgen das Material und bringen Neugeräte direkt dorthin, wo sie gebraucht werden. Wie verlief Hamms Weg vom Elektrotechnikstudium zum Unternehmer? Das Interview führte Sabine Olschner.

Erzählen Sie uns über Ihr Studium und den Berufseinstieg. Weil mich immer schon Musik interessiert hat und ich wissen wollte, wie Verstärker und Audiogeräte funktionieren, habe ich an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Dresden Nachrichtentechnik studiert. Nach meiner Diplomarbeit bei einem Telekommunikationsunternehmen in Stockholm bin ich bei einem Kabelhersteller als Produktmanager eingestiegen. Berufsbegleitend habe ich ein MBA-Studium an der WHU – Otto Beisheim School of Management absolviert, weil mich Wirtschaftsthemen schon immer gereizt haben. Wie kam es dazu, dass Sie sich dann selbstständig gemacht haben? Das MBA-Studium hat mich zusätzlich mit dem Gründervirus infiziert. Nach dem Masterstudium habe ich mein erstes Unternehmen gegründet: Wir haben Installateure für Smarthome-Lösungen an Kunden vermittelt. Das hat nur so mittelmäßig geklappt. Daher haben wir unser Konzept verändert und uns auf Installateure für Alarmanlagen und Sicherheitssysteme konzentriert. Nach einigen Jahren habe ich diese Firma verkauft. Wie ging es mit dem Unternehmertum weiter? Nach einer Kooperation mit einem Family Office reifte bei mir der Entschluss, erneut zu gründen. Auf einer Netzwerkveranstaltung traf ich einen meiner heutigen Mitgründer wieder, es entstand die Idee zu den SchrottBienen. Heute verantworte ich die operativen Themen und gestalte gemeinsam mit dem Team den Aufbau und die Weiterentwicklung eines Unternehmens mit rund 90 Mitarbeitenden. Inhaltlich bin ich damit zwar weit entfernt von der klassischen Nachrichtentechnik, mein technischer Hintergrund ist jedoch weiterhin wertvoll: Da wir Dienstleistungen für Handwerksbetriebe und die Baubranche anbieten, hilft mir dieses Verständnis, die technischen Herausforderungen unserer Kunden praxisnah einzuordnen und Lösungen entsprechend auszurichten. Was sehen Sie als die größte Herausforderung bei einer Gründung? Herauszufinden, welche Probleme unsere Kunden wirklich haben. Mein wichtigstes Learning: Löst Probleme, die relevant sind und für die der Kunde bereit ist, Geld zu bezahlen. Wir haben eine Weile gebraucht, bis wir erkannt haben, was der Kern unserer Dienstleistung ist: Statt Metallschrott bei Privatleuten abzuholen, sind wir heute ein Serviceunternehmen, das das Problem des Fachkräftemangels in der Branche Sanitär, Heizung, Klima löst. Wir entlasten Facharbeiter auf der Baustelle, indem wir ihnen den Abbau von alten Anlagen und die Entsorgung abnehmen. Mit diesem Fokus hat unser Vertrieb eine ganz andere Dynamik bekommen.
www.schrottbienen.de
Welches Wissen aus dem Ingenieurstudium ist noch relevant für Ihr heutiges Unternehmen? Keine Angst vor großen und komplexen Themen zu haben. Ich weiß, wie man Probleme angeht und wie ich mir das Wissen dazu aneigne. Auch Selbstdisziplin habe ich im Studium gelernt. Ich kann anstrengende Phasen gut überstehen, indem ich hartnäckig dranbleibe.

E-Paper karriereführer recht 1.2026 – KI: Die junge Generation definiert den Rechtsmarkt von morgen

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Die Zeit der Experimente

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Zeitenwende auf dem Rechtsmarkt: Nach einer ersten Abtastphase erkennen Kanzleien, dass KI-Anwendungen ab sofort in ganzer Breite eingeführt werden müssen. Nur dann ergeben sich Effizienz und Mehrwert für Mandanten. Dem Nachwuchs bietet sich die Chance, die Implementierung mitzuprägen – und damit im besten Fall ein paar Levels zu überspringen. Ein Essay von André Boße

Die amerikanischen Analyse-Profis von Bloomberg Law besitzen eine gewisse Routine darin, Jahr für Jahr den Rechtsmarkt zu beobachten, um aus dem, was sie sehen, Schlüsse zu ziehen und Prognosen aufzustellen. Die Reports der vergangenen Jahre begannen in der Regel mit einem Satz in der Art von: „Der Rechtsmarkt ist im Wandel.“ Das Credo des aktuellen Reports Bloomberg Law 2026 liest sich anders. Was vor allem mit den einschneidenden Erfahrungen des Vorjahres zu tun hat: „2025 war kein Jahr wie jedes andere“, heißt es im Vorwort der globalen Branchenanalyse. „Scheinbar von Woche zu Woche brachen alte Paradigmen zusammen und neue Normen setzten sich durch, was die Rechtsbranche in Unsicherheit stürzte.“
Die KI-Experimentierphase ist vorbei.

Zeitenwende auf dem Rechtsmarkt

Zuletzt ist viel von politischen Zeitenwenden gesprochen worden. Nun wird immer klarer, dass auch der Rechtsmarkt eine solche erlebt. Das große Plus der jungen Generation: Sie hängt nicht „alten Zeiten“ nach. Sie hat Lust auf Zukunft, ohne nostalgisch einer Vergangenheit nachzuhängen. Daher bietet die Zeitenwende auf dem Rechtsmarkt für den Nachwuchs beste Einstiegsbedingungen. Zumal bei einer Wende wie dieser, die zwar sehr stark von politischen, wirtschaftlichen und juristischen Unsicherheiten geprägt ist, aber eben auch der Künstlichen Intelligenz als neuer Technologie. Dabei betrifft die KI den Rechtsmarkt gleich doppelt. Zum einen wird zu diesem Thema juristischer Rat von Mandanten nachgefragt, die in ihren Organisationen KI-Lösungen implementieren und dabei auf Regulierungen treffen sowie sich Haftungs- und Compliance-Fragen zu stellen haben. Zum anderen stehen die Kanzleien selbst vor der Aufgabe, bei ihrer juristischen Arbeit KI-Anwendungen zu implementieren. Laut Bloomberg-Report wächst in den Kanzleien zwar die Begeisterung für KI-Themen, „noch lassen messbare Erträge beim Einsatz von Generativer KI aber auf sich warten“. Was vor allem daran liege, dass beim Thema KI „die Implementierung allein noch keine Transformation bedeutet“.

Künstliche Intelligenz in der Wirtschaftsprüfung

Foto: AdobeStock/rofikgraph24
Foto: AdobeStock/rofikgraph24
Künstliche Intelligenz (KI) wird künftig zur zentralen Technologie in der Abschlussprüfung sowie im Finanz- und Rechnungswesen insgesamt. So lautet eines der zentralen Ergebnisse der aktuellen Studie Künstliche Intelligenz im Corporate Accounting und Audit, für die PwC Führungskräfte aus dem Finanz- und Rechnungswesen deutscher Unternehmen befragt hat. Der Studie zufolge erwarten rund drei Viertel der befragten Unternehmen (76 Prozent), dass KI die Abschlussprüfung in den kommenden Jahren technologisch massiv verändern wird. Und etwa zwei Drittel der Befragten (66 Prozent) gehen davon aus, dass es künftig mindestens in Teilen der Abschlussprüfung nicht mehr ohne KI gehen wird.
Damit sich die Investitionen in die Technologie rechnen, also ein return of investment (ROI) erkennbar ist, brauche es laut Branchenanalyse von Bloomberg Law nicht nur eine konsequente Einführung, sondern auch eine solide Datenbasis. Ohne eine gut entwickelte Dateninfrastruktur scheitern KI-Systeme daran, echte Wertschöpfung zu erzielen. Ohne Daten ist die KI kein Boost fürs Geschäft, sondern eine Trockenschwimmerin, greifen die Anwendungen ins Leere. Weil diese Erkenntnis in den Kanzleien angekommen ist, geht die Bloomberg-Analyse davon aus, dass die Organisationen aktuell ihre Hausaufgaben erledigen, indem sie sich darauf konzentrieren, sich „KI-ready“ zu machen. Was erstens bedeutet, die interne Dateninfrastruktur so vorzubereiten, dass Machine Learning-Anwendungen genügend Daten haben und diese ausreichend sortiert sind, zweitens, bei den Mitarbeitenden das Vertrauen in diese neue Technologie und ihre Chancen aufzubauen.

Implementierung in der Breite

In dieser Hinsicht hinterfragt Bloomberg Law den nachvollziehbaren Schritt nicht weniger Kanzleien, die bislang KI-Anwendungen erst einmal in isolierten Bereichen und mit kleinen Benutzergruppen getestet haben. Solche Pilotprojekte eignen sich zwar dafür, Abläufe auszuprobieren und Erfahrungen zu sammeln. Jedoch kommt eine Kanzlei beim Thema KI mit dieser Methode kaum voran, wie die Expert*innen von Bloomberg Law schreiben: „Solange die KI nicht in die täglichen Arbeitsabläufe integriert ist, bleiben das Datenvolumen und die Datenqualität begrenzt.“ Die Autor*innen des Reports appellieren an die Kanzleien, die KI erstens nicht nur in Silos zu implementieren, sondern übergreifend, und zweitens eine ehrliche Analyse zu erstellen, was genau man sich von der KI erhofft. Schnelle Effizienzgewinne? Ergebnisse nach wenigen Monaten? Diese naheliegenden Ziele seien allein deshalb kaum möglich, „weil KI-Tools für die Rechtspraxis nach wie vor eine erhebliche Überwachung brauchen, was oft die versprochenen Effizienzgewinne zunichte macht“. Entscheidend sei es daher, innerhalb der Kanzlei einen strategischen Konsens zu erzielen, was mit den KI-Systemen erreicht werden soll. Und zwar nicht auf Knopfdruck, sondern Schritt für Schritt. „Die Einführung“, heißt es im Report, „ist schließlich kein einmaliger Vorgang, sondern ein sich entwickelnder Prozess, der von Kultur, Vertrauen und der Integration in Arbeitsabläufe abhängt. Solange KI nicht in allen Teams und Tätigkeitsbereichen universell verankert ist, wird ihre messbare Wirkung auf Rechtsabteilungen begrenzt bleiben.“ Kanzleien stehen damit nicht nur vor der Aufgabe, die Art des Arbeitens neu zu denken. Das Thema KI zeigt: Die Zeit des Abschottens ist vorbei. Die Zeit starrer Hierarchien auch. Wovon die junge Generation profitiert.
Sharing is winning.

Neuer Karrieregeist in Kanzleien

Künstliche Intelligenz ist ein offenes Thema. Eines, das von digitaler Neugier und der Idee von Kollaboration getragen wird. Um es überspitzt zu sagen: Die Zeit von Partner*innen, die in Kanzleien gegen- statt miteinander arbeiten, beim digitalen Know-how aber nicht über das Office-Paket hinauskommen, läuft ab. Gefragt sind ab jetzt innovative Köpfe, die ihre Begeisterung für neue Themen auch nach außen zeigen. Einer von ihnen: Nico Kuhlmann, Fachanwalt für Marken- und Urheberrecht und Senior Associate in der Hamburger Kanzlei Hogan Lovells – und Youtuber. Als Teil der Digital Transformation Academy seiner Kanzlei gibt er Tech-Tutorials über „Prompt-Engineering für Anwälte“: Welche Aufträge und Befehle muss ich dem KI-System geben, um für einen Juristen wertvolle Ergebnisse zu erzielen? Kuhlmann hat sich einen Namen als KI-Experte gemacht, der nicht auf der Meta-Ebene formuliert, sondern sehr praxisnahe Tipps gibt.

Steigende Angst vor Cyber-Angriffen

Foto: AdobeStock/Vilogsign
Foto: AdobeStock/Vilogsign
Lange Zeit handelte es sich bei Cyber-Security um einen abstrakten Begriff. Das ändert sich nun: Eine aktuelle Studie des digitalen Branchenverbands Bitkom sagt aus, dass in Deutschland die Angst vor Cyberangriffen und sogar einem Cyberkrieg um sich greife: „70 Prozent der Menschen in Deutschland schätzen die Gefahr durch Cybercrime insgesamt als hoch ein und ebenso viele halten Deutschland für schlecht vorbereitet. 61 Prozent haben Angst vor einem Cyberkrieg und für rund zwei Drittel (64 Prozent) ist Deutschland dafür nicht gut gewappnet“, heißt es in einer Pressemitteilung zur Vorstellung der Untersuchung. „Deutschland wird täglich digital angegriffen. Die Grenzen zwischen Cybercrime und hybrider Kriegsführung, zwischen privaten und staatlichen Akteuren sind inzwischen fließend“, wird Bitkom-Präsident Dr. Ralf Wintergerst in der Pressemitteilung zitiert. „Die Bedrohungslage wird sich verschärfen, wir müssen deshalb unsere nationale Sicherheit sowohl klassisch als auch im digitalen Raum stärken – in Behörden und der Verwaltung, aber auch in kritischer Infrastruktur und in den Unternehmen.
Dass sein Arbeitgeber diese Tutorials online stellt und damit für jeden verfügbar macht, zeigt den neuen, kooperativen und offenen Geist, der in immer mehr Kanzleien herrscht. Angetrieben wird dieser Spirit von der Idee einer digitalen Arbeitswelt, in der KI-Systeme dann gewinnbringend sind, wenn möglichst viele daran beteiligt sind. Natürlich, andere Kanzleien bleiben Mitbewerber, und im Umgang mit den neuen Anbietern von digitalen Legal Services müssen Kanzleien ihr Revier verteidigen. Es gibt aber eben auch die Erkenntnis, dass die KI in verschlossenen Silos ein zahnloses Tool bleibt.

Geteiltes Know-how schafft Mehrwert

Wie heißt es so schön im Englischen: „Sharing is caring.“ Übertragen auf den neuen Rechtsmarkt könnte man sagen: Sharing is winning. Akteure außerhalb der Kanzleien füllen dieses Motto bereits mit Leben. So vermeldete Anfang des Jahres der juristische Content-Anbieter Wolters Kluwer die Übernahme von Libra, einem Anbieter von KI-Workspaces für Jurist*innen. Es ergibt sich ein perfektes Match: Ein Partner bietet die Struktur, der andere die Inhalte. In einem Interview auf dem Portal Legal Tribune Online (LTO) erklärt Stephanie Walter, Geschäftsführerin von Wolters Kluwer, welche Strategie hinter der Akquisition steckt. Dabei nimmt sie mit Blick auf den Rechtsmarkt den Begriff der Zeitenwende auf: „Mandanten fordern qualitativ hochwertige Beratung und kurzfristige Reaktionszeiten zu einer angemessenen Honorierung. Die bestehenden Geschäftsmodelle der Kanzleien und das System der billable hour geraten zunehmend unter Druck und die Notwendigkeit einer engen Zusammenarbeit mit den Mandanten, auch in Corporate Legal Departments, steigt.“ Stephanie Walter geht davon aus, dass die Zeit kleiner Lösungen für wenige KI-affine Jurist*innen vorbei ist: „Wir sehen, dass die Zielgruppe bereit ist für Lösungen, die nicht nur auf wenige Use Cases zugeschnitten sind, sondern im Arbeitsalltag in der Breite der Mandate sofort nutzbar sind.“ Ihre Botschaft: „Die KI-Experimentierphase ist vorbei. Was jetzt zählt, sind Qualität, Vertrauen und fachliche Autorität.“ Die gute Nachricht für die junge Generation lautet: Mit klugen KI-Kollaborationen kann der Nachwuchs in allen diesen Kategorien schneller denn je neue Levels erreichen. Die KI ist damit, richtig eingesetzt, nicht nur ein Hebel für mehr Effizienz. Sondern auch ein echter Karriere-Boost.

Christian Kuß im Interview

Was tun, wenn die Technologie zu halluzinieren beginnt? Und warum geht an der Implementierung neuer Lösungen kein Weg vorbei, um auf dem Rechtsmarkt weiterhin Erfolg zu haben? Antworten auf diese Fragen gibt Christian Kuß, Rechtsanwalt und Partner bei der Großkanzlei Luther und dort Experte für die Themen Künstliche Intelligenz und Future Work. Die Fragen stellte André Boße

Zur Person

Christian Kuß studierte von 2002 bis 2007 Rechtswissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mit dem Schwerpunktbereich Informationsrecht. Im Anschluss erwarb er den Master of Laws in Bristol, England. Während seiner Referendarausbildung war er unter anderem bei großen Wirtschaftskanzleien im Bereich IP/IT beschäftigt. Seit 2011 war Christian Kuß als Rechtsanwalt im Informationsrecht für eine internationale Kanzlei in Düsseldorf tätig. Er ist seit 2013 bei Luther beschäftigt.

Luther

Mit 21 Standorten und 420 Anwält:innen und Steuerberater:innen gehört die deutsche Kanzlei Luther zu den führenden Wirtschaftskanzleien. Der Hauptsitz ist Köln. Im Bereich der Künstlichen Intelligenz launchte Luther 2024 ein eigenes internes System für generative KI, das zusammen mit dem Fraunhofer Institut entwickelt wurde. 2025 ging Luther eine Partnerschaft mit dem Legal-Tech-Unternehmen Bryter ein, um gemeinsam bereits bestehende Services zu optimieren und neue Lösungen zu entwickeln.
Herr Kuß, die Analyse, wie bedeutend die KI in naher Zukunft sein wird, pendelt aktuell zwischen den beiden Polen „stagniert schon jetzt“ und „wird alles auf den Kopf stellen“. Wo stehen Sie? Die Zukunft vorherzusehen, ist naturgemäß schwer. Aktuell würde ich sagen, dass die KI ein wenig überschätzt wird. Das ist aber gar nicht erstaunlich, denn der Hype-Cycle, entwickelt von einer Beraterin des US-Marktforschungsunternehmens Gartner, beschreibt genau das: Nach dem Durchbruch einer neuen Technik kommt es erst zu einer Phase von überzogenen Erwartungen, dann zu einer Phase von Enttäuschungen, bis schließlich Realismus einzieht. Wo stehen wir aktuell? Wahrscheinlich zu Beginn der Enttäuschungsphase. Man dachte, durch die neue Technologie wird alles besser, schöner, toller. Jetzt stellt man fest: So ganz klappt es noch nicht. Nun stehen wir vor der Aufgabe, die Technologie dort in die Anwendung zu bringen, wo es sinnvoll ist. In welchen Bereichen ist KI in Kanzleien sinnvoll? Überall dort, wo es darum geht, juristische Schreiben zu entwerfen, Schriftsätze vorzubereiten, Gutachten zu erstellen oder Dokumente zu übersetzen. Alles dies kann eine KI sehr schnell und sehr gut, hier wird sie uns langfristig sehr helfen, als ein Tool, effizient zu arbeiten. Und wo stößt die KI bei Ihrer täglichen Arbeit an ihre Grenze? Bei der Recherche und der Korrektheit der getroffenen Aussagen, ganz klar. Ich hätte gedacht, genau hier ist sie gewinnbringend. Dafür ist die Fehlerquote gerade bei der Recherche weiterhin zu hoch. Gebe ich zum Beispiel dem System den Auftrag: Suche mir mal Urteile heraus, die ähnlich zum Fall sind, den ich gerade bearbeite, dann sucht sie zwar ein, zwei relevante Urteile raus, ein drittes erfindet sie aber einfach dazu. Diese Halluzinationen sind weiterhin gegeben. Wie verhindert man, dass die KI einfach was erfindet? Wenn man sie auf einem abstrakten Level einsetzt und ihr genaue Vorgaben macht. Was funktioniert, ist eine Anweisung wie: Entwerfe mir eine Vertragsklausel für einen genau bestimmten Zweck. Oder: Liefere mir Argumente für diese oder jene juristische Frage. Was die KI dann ausspuckt, ist zwar nicht zu einhundert Prozent fertig, aber der Output ist eine Inspirationsquelle, mit der man sehr gut weiterarbeiten kann. Das macht mich als Anwalt schneller und teilweise besser. Wobei ich als Anwender selbst ein hohes und spezielles Wissen mitbringen muss. Nur dann kann ich die Antworten der KI schnell bewerten und zum Beispiel feststellen, dass es dieses angebliche EUGH-Urteil in meinem Spezialbereich nicht gegeben haben kann. Glauben Sie, dass diese Halluzinationen eine Kinderkrankheit der KI sind? Ich denke, man muss ein großes Fragezeichen hinter der Annahme machen, ob diese Fehleranfälligkeit ganz verschwinden kann. KI arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten, und meiner Vorstellung nach wird die Fehlerrate geringer werden, aber nie gleich Null sein. Und das ist im Feld des juristischen Arbeitens natürlich ein Problem. Wie ändert die KI das Geschäftsmodell der Kanzleien? Ich glaube, sie stellt auf den Prüfstein, ob das Geschäftsmodell einer Kanzlei Beratung auf Stundenbasis) in Zukunft weiterhin funktionieren kann. Die typische Struktur einer Großkanzlei mit Seniorpartnern, Counsels und jungen Associates wird zunehmend in Frage gestellt. Denn in diesem Abrechnungsmodell ist ineffizientes Arbeiten angelegt, ausgehend vom Grundgedanken: Wer schneller arbeitet, verdient weniger Geld, warum sollte man es dann machen? Die KI-Technologie bringt einen gewissen Druck in dieses System. Es geht jetzt darum, das Geschäftsmodell der Großkanzleien zu professionalisieren und modernisieren. In welche Richtung? In fast jeder anderen Branche erleben wir sehr eindeutige Diversifizierungen. In komplexen Branchen wie der Automobilindustrie ist jeder Mitarbeitende ein Zahnrad im Getriebe. Das haben wir in Kanzleien nicht. Überspitzt formuliert: Es gibt die Partner, die alles können müssen, und rundherum gibt es Satelliten, die ihnen helfen. Wir sind gezwungen, dieses System neu zu denken, anzupassen und zu verändern. Viele sehen das als ein Risiko, ich betrachte es als Chance. Inwiefern? Das traditionelle Geschäftsmodell basiert darauf, Zeit gegen Geld zu tauschen. Das war und ist auch weiterhin lukrativ. Man muss aber auch sehen, was daraus folgt: Wer gut verdienen will, der muss auch viel Zeit investieren. Nun kommt die Generation Z und sagt: Uns ist Freizeit aber auch wichtig. Ich habe Verständnis für diese Ansicht, zumal es die KI-Technologie möglich macht, dass wir in Zukunft eben nicht mehr Zeit gegen Geld tauschen, sondern Wert gegen Geld. Wenn wir uns die Margen in der Softwareindustrie anschauen, die längst nach diesem Prinzip arbeitet, dann sind diese deutlich höher als im Beratungsbusiness.
In Zukunft tauschen wir nicht mehr Zeit gegen Geld – sondern Wert gegen Geld.
Das gelingt den Softwareunternehmen durch Serviceleistungen, die teilweise tief ins Unternehmen des Kunden hineingreifen. Ich denke, das könnte auch ein Weg für Kanzleien sein, weil wir hier eine größere Wertschöpfung heben können. Es ist zum Beispiel vorstellbar, als Kanzlei mit Hilfe von digitalen Tools, zu denen auch KI-Systeme zählen, den kompletten Einkaufsprozess eines Mandanten zu steuern. Bislang liefern wir da „nur“ die Verträge, und ich glaube, dass wir diesen Service erweitern können. Unser Anspruch sollte es sein, die Wertschöpfung breiter zu denken, als wir das bisher tun. Wechseln wir auf die Ebene des KI-Rechts: Obwohl das Feld noch diffus ist, gibt es mit dem AI Act bereits ein KI-Gesetz. Ist es sinnvoll, bereits jetzt juristische Richtlinien festzulegen? Ich glaube nicht, dass das ein guter Move war, die KI-Verordnung, so wie sie jetzt, ist zu erlassen, bevor wir in der Fläche überhaupt praktische Anwendungen haben. Was heißt, dass schon bei der Verabschiedung dieses Gesetzes Behelfskrücken drin sind, bei denen gar nicht klar ist, was genau geregelt wird. Zum Beispiel: Die großen KI-Konzerne jagen unzählige Songs oder Gemälde durch ihre Systeme, damit die KI daraus lernt, eigene Werke zu erstellen. Die Probleme mit dem Urheberrecht, die damit einhergehen und die unbedingt gelöst werden müssen, sind in der KI-Verordnung nicht adressiert. Was wäre die Alternative gewesen? Erst mal machen. Dann schauen, wo sich welche Herausforderungen stellen. Und schließlich juristische Leitlinien definieren. So aber erkennen wir in der Beratungspraxis, dass wir viele Fragen unserer Mandanten nicht sicher beantworten können, weil das Gesetz an vielen Stellen von abstrakten Ängsten geleitet ist. Eine Helikopter-Gesetzgebung, analog zu Helikopter-Eltern, die ihre Kinder vor allen nur vorstellbaren Gefahren schützen wollen. Ja, genau so ist es. Es wird schon im vorauseilenden Gehorsam behütet und versucht, alle Risiken abzufangen. Für uns Europäer wäre es besser gewesen, wir hätten nicht eine voreilige Gesetzgebung in die Welt hinausgetragen, sondern eine eigene KI-Technologie. Inwiefern ist es für Sie wichtig, als Kanzlei beim Thema KI ein First Mover zu sein? Es ist entscheidend, um erfolgreich zu sein und für junge Talente attraktiv zu bleiben. Um schnell Fortschritte zu erzielen, sind wir Kooperationen eingegangen, haben zum Beispiel gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut eine eigene KI-Lösung entwickelt, die wir auf eigenen Servern einsetzen, was uns bei Compliance-Themen wie Sicherheit und Datenschutz hilft. Hinzu kommt seit einigen Monaten eine Partnerschaft mit Bryter, einem Unternehmen, das Lösungen für juristische Automatisierungen anbietet. Genauso wichtig ist auch der Austausch mit unseren Mandanten, um bei neuen Services zu fragen: Was meint ihr, wie gut ist das? Ein solches gemeinsames Denken ist neu, oder? Durchaus, ja, und getrieben von der Sorge, dass es durchaus sein kann, dass neue Player auftreten, die uns auf dem Rechtsmarkt Konkurrenz machen. Nehmen wir an, einer der großen Tech-Konzerte bringt eine große Anwalts-KI auf den Markt. Wer jetzt denkt: „Ach, nicht schlimm, unser Beruf ist ja durch das Rechtsberatungsprivileg geschützt“, der sollte sich daran erinnern, was der Taxi-Branche passiert ist. Als Uber auf den Markt kam, dachten die deutschen Taxi-Unternehmer auch, die Regelungen zur Personenbeförderung schützen uns. Aber jetzt fahren die Uber-Autos doch. Da ist es doch besser, nach vorne zu denken, um selbst neue Lösungen und Modelle anzudenken und umzusetzen.  

Kuratiert

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Female Future Festival an vier Standorten

Das Female Future Festival ist der nach eigenen Angaben „größte Empowerment-Treffpunkt der DACH-Region für Karriere, Innovation, New Leadership, New Work und Job-Chancen“. An gleich vier Standorten findet das Festival statt: In München, am Bodensee, in Zürich und Wien. Namhafte Speakerinnen sprechen über Themen wie Personal Branding, New Work, Diversity, Change, Finanzen, Mental Health und vieles mehr.

Forum für Künstliche Intelligenz im Deutschen Museum Bonn

Künstliche Intelligenz ist die bedeutendste Technologie unserer Zeit – deshalb widmet das Deutsche Museum Bonn dem Thema bunt gestaltete Erlebnisräume, in denen das vielseitige und komplexe Thema KI sehr zugänglich vermittelt wird: Interaktive und unterhaltsame Exponate und Demonstrationen machen Grundlagen und aktuelle Entwicklungen der KI verständlich. Da gibt es interaktive Stationen zum Ausprobieren und Anfassen statt trockener Texte und Erläuterungen. Für ein aktives Museumserlebnis sorgen die Museotainer*innen, die den Besucher*innen zur Seite stehen und das abstrakte Thema KI mit Leben füllen. Ihre „KI:ckstarts“ – kurze dialogische Rundgänge – eröffnen den Museumsgästen einen verständlichen Zugang zur Welt der Künstlichen Intelligenz.

Neue Studie: Karriere nicht um jeden Preis

Arbeit ist nicht mehr alles – zumindest nicht für die junge Generation. Eine aktuelle Umfrage der Stiftung für Zukunftsfragen zeigt: Immer weniger Menschen sehen im Beruf den zentralen Sinn ihres Lebens. Statt Karriere um jeden Preis rücken Lebensqualität, Selbstbestimmung und Zeit für Privates in den Vordergrund. Besonders Jüngere hinterfragen klassische Erfolgsideale. Für Hochschulabsolventinnen und -absolventen bedeutet das einen Perspektivwechsel: Arbeit bleibt wichtig, soll aber zum Leben passen – nicht umgekehrt. Auch juristische Karrieren stehen damit vor neuen Erwartungen an Arbeitsmodelle, Führung und Sinnstiftung. Kuratiert von Kerstin Neurohr und Sonja Theile-Ochel