Der Weltraum boomt. Neben dem Mond wird auch der Mars ein Ziel. Staaten und Unternehmen investieren Millionen. Im Orbit entsteht ein Markt, mit neuen Job-Profilen für Ingenieur*innen. Dr. Walther Pelzer, Generaldirektor der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR, erläutert im Interview, welche Hoffnungen mit dem All verbunden sind, welche Rolle deutsche Unternehmen spielen und warum Astronaut*innen weiterhin die besten Botschafter für die Raumfahrt sind. Die Fragen stellte André Boße
Zur Person
Dr. Walther Pelzer, Jahrgang 1967, ist seit 2018 Mitglied des DLR-Vorstands und seit 2020 Generaldirektor der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR mit Sitz in Bonn. Er studierte an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) in Aachen Maschinenbau und promovierte anschließend am Fraunhofer-Institut für Produktionstechnologie. Von 1999 bis 2002 arbeitete er zunächst im Vorstandsbereich eines Großkonzerns, für den er anschließend als Werksleiter in die USA wechselte. Von 2002 bis 2007 war er als Geschäftsführer bei einem österreichischen Automobilzulieferer tätig, bevor er 2007 in die Abteilung Forschung und Technologie des NRW-Innovationsministeriums wechselte. Zu seinem Verantwortungsbereich gehörten dort unter anderem das Forschungszentrum in Jülich und das DLR. Ab 2008 war Pelzer im Sonderprojekt zusätzlich verantwortlich für den Rückbau und die Entsorgung des Versuchsreaktors AVR in Jülich, bevor er 2018 zum DLR wechselte. Von 2005 bis 2008absolvierte er einen berufsbegleitenden MBA in Zürich, Wien, St. Gallen und Boston.
Herr Dr. Pelzer, der Mond war lange Zeit ziemlich out. Nun ist er dank des „Artemis“-Programms der NASA wieder ein Ort im Orbit, der Fantasien weckt. Was steckt dahinter?
Stimmt, der Mond hat nach dem Ende des Apollo-Programms bis in die 1990er-Jahre als langweiliger und kalter Stein gegolten. Heute aber, nach einigen neuen Erkenntnissen und Entwicklungen, erkennt man, dass er in zweifacher Hinsicht interessant ist: aus wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Aspekten.
Beginnen wir gerne mit der Sicht der Wissenschaft.
Auf dem Mond können wir einen tiefen Blick in die Historie der Erde werfen. Der Mond ist ungeschützt, er hat keine nennenswerte Atmosphäre. Es gibt dort auch keine Erosionen. Daher lassen sich Erkenntnisse gewinnen, die viel über die Entstehung und Beschaffenheit der Erde erzählen. Hinzu kommen wirtschaftliche Aspekte. So hat man am Südpol des Mondes und später auch an anderen Stellen Wassereis gefunden. Es besteht aus Wasserstoff und Sauerstoff, und das sind nicht nur die Grundelemente, um zu überleben, sondern auch, um Treibstoff herzustellen. Damit wird der Mond zu einer interessanten Zwischenstation, um von ihm aus den Mars zu erreichen.
Er qualifiziert sich also als Basis.
Genau. Zumal er nicht nur keine nennenswerte Atmosphäre hat, sondern auch eine viel geringere Anziehungskraft. Mit Blick auf den Treibstoff und die Triebwerkstechnik ist der Weg vom Mond zum Mars also deutlich einfacher. Zusätzlich könnte der Abbau von Ressourcen dort interessant sein. Ich sehe zwar nicht, dass wir solche Materialien vom Mond auf die Erde transportieren, dafür fehlen aus meiner Sicht die Geschäftsmodelle. Das Regolith, das es dort gibt, ließe sich aber auf dem Mond als Rohstoff weiterverarbeiten.
Raumfahrt ist kritische Infrastruktur.
Gibt es im Orbit eigentlich ein Regelwerk?
Es gibt ein Weltraumrecht, das auf dem Weltraumvertrag der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1967 und weiteren Ergänzungsverträgen beruht. Aber wir brauchen neue Regeln, wie man sich im All zu benehmen hat. Es gibt da unterschiedliche Ansätze. China und Russland fordern ein Waffenverbot. Wir in Europa plädieren dafür, zusätzlich Verhaltensregeln zu definieren. Denn ein Satellit, der mit 28.000 km/h durchs Weltall fliegt, ist ja im Grunde eine Waffe. Daher benötigen wir Sicherheitsregeln für den Orbit, damit es dort oben nicht kracht. Denn wenn das passiert, hat das auf der Erde große Auswirkungen. Wie verloren wir Menschen heute wären, würden alle Navigationssysteme ausfallen! Wir würden uns alle verfahren, weil ja niemand mehr in der Lage ist, Karten zu lesen. Aber Satellitennavigation kann noch viel mehr. Ohne ihre hochpräzisen Zeitsignale würden der Finanz- und der Energiesektor zusammenbrechen. Raumfahrt ist kritische Infrastruktur.
Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt, hat kürzlich in einem Interview für das Portal Table.Media gesagt, der Weg ins All führe künftig über Deutschland. Das klingt selbstbewusst. Hat sie recht?
Ja, Deutschland spielt definitiv eine sehr starke Rolle. Der größte Beweis für die Kompetenz Deutschlands und auch Europas im Bereich der Raumfahrt ist, dass die US-Amerikaner deutsche Produkte brauchen, um wieder zum Mond zu gelangen. Das „Artemis“-Mond-Programm der NASA nutzt das Orion-Raumschiff. Dieses besteht aus zwei Teilen, der Crew-Kapsel selbst sowie dem europäischen Servicemodul ESM, in dem unter anderem die Energieversorgung sowie die Antriebs- und Thermalkontrolltechnik untergebracht sind. Dieses Servicemodul liefern wir aus Europa, rund 50 Prozent davon werden in Deutschland hergestellt. Es ist das erste Mal, dass sich die NASA bei einem missionskritischen Bauteil auf einen Zulieferer verlässt, der nicht auf US-Boden entwickelt und produziert. Die Ministerin hat also recht: Ohne Deutschland, ohne Europa, werden die USA erst einmal nicht zum Mond kommen.
Wie bewerten Sie aktuell die Innovationskraft deutscher Unternehmen in der Raumfahrttechnik?
Deutschland profitiert als Impulsgeber davon, dass die Wirtschaft weniger von großen Konzernen als von KMU, kleinen und mittleren Unternehmen, geprägt ist. Diese Akteure sind häufig wendiger als große Konzerne, was in innovativen Branchen von Vorteil ist. Und auch die großen Konzerne in Deutschland sind es gewohnt, die Innovationskraft der KMU durch Partnerschaften zu integrieren. Was beim Thema Raumfahrt lange fehlte, war ein Markt. Diesen brauchen die Unternehmen aber für Wachstum. Jetzt ist dieser Markt da. Es fließt heute viel mehr Geld in die Raumfahrttechnik, nicht nur Steuergelder, sondern große Summen an privaten Investitionen. Diese sind besonders wichtig, weil die Unternehmen dann kundenfokussiert arbeiten und darauf schauen: Wo liegt der Mehrwert?
Welche Mehrwerte generiert die Raumfahrttechnik aktuell?
Wer den Begriff Raumfahrt hört, denkt in erster Linie an Raketen und Satelliten. An das, was man sieht. Klar, das ist wichtig, und ich finde in technologischer Hinsicht eine Rakete und einen Satelliten hoch spannend. Nur: Diese Rakete darf kein Selbstzweck sein. Ihre Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass wir Satelliten in die Umlaufbahn bringen, die wiederum Daten gewinnen. Daten, mit denen es uns gelingt, das Leben auf der Erde besser, schneller, effizienter zu machen. Diese Daten zu generieren, zu verarbeiten, nutzbar zu machen und zu verkaufen – das ist der Job der Unternehmen. Mit dem Ziel, dass zum Beispiel in naher Zukunft keine Vermessungsingenieure mehr mit Messstangen durch die Gegend laufen müssen, sondern wir für diese Vermessung die Daten von Satelliten nutzen. Was nicht heißt, dass die Ingenieure, die diesen Job gemacht haben, danach nichts mehr zu tun haben. Das Gegenteil ist der Fall: Wir brauchen Ingenieurinnen und Ingenieure in der Raumfahrttechnik.
Wie sehen die Jobprofile in dieser Branche aus?
Das Hauptprofil hat sich nicht geändert: Ingenieurinnen und Ingenieure nutzen ihr Wissen, um Produkte herzustellen, die Probleme lösen. Was sich geändert hat, sind die Schwerpunkte der Tätigkeiten. Themen wie Digitalisierung oder Künstliche Intelligenz nehmen schon heute einen großen Raum ein, hinzu kommt die Cybersecurity: Es ist nicht nur wichtig, dass ein Produkt funktioniert, es muss auch sicher sein, nicht nur in der Anwendung, sondern auch vor Angriffen und Missbrauch. Aber in der Raumfahrt werden nicht nur Ingenieurinnen und Ingenieure gesucht. Auch die Profession des Wissenschaftlers, des Technikers, der Juristen, der Wirtschaftswissenschaftler sowie der Analysten sind gefragte Jobs im Raumfahrtsektor.
Die Verletzlichkeit der Erde kann niemand so gut vermitteln wie jemand, der einmal aus großer Höhe von außen auf die Erde geschaut hat.
Gibt es in der Raumfahrttechnik einen Mangel an Fachkräften?
In Bereichen wie Optik, Telekommunikation, Halbleitertechnik oder Signalverarbeitung haben wir schon heute einen Bedarf, den wir aktuell kaum abdecken können.
Es gibt in Deutschland immer dann einen Hype um die Raumfahrt, wenn mal wieder ein Deutscher im Weltraum ist. Zuletzt verbrachte Matthias Maurer mehr als ein halbes Jahr auf der ISS, mit Rabea Rogge war im April 2025 zum ersten Mal eine deutsche Astronautin im All. Warum sind diese Geschichten wichtig?
Weil wir diese Technik für die Menschen machen. Und niemand kann Emotionen so gut rüberbringen wie ein Mensch. Ich bin als studierter Maschinenbauer ein großer Fan der Robotik, habe selbst Produktionsabläufe automatisiert, mit der Erkenntnis, dass es Dinge gibt, die Roboter besser als Menschen hinbekommen. Die Verletzlichkeit der Erde jedoch, die kann niemand so gut vermitteln wie jemand, der einmal aus großer Höhe von außen auf die Erde geschaut hat. Deshalb sind Astronautinnen und Astronauten besser als alle anderen in der Lage, eine Begeisterung für MINT-Disziplinen und die Raumfahrt zu vermitteln. Gerade junge Menschen hängen ihnen an den Lippen. Weshalb ich eines nie mache: Bei einem Kongress im Anschluss an eine Astronautin oder einen Astronauten zu sprechen. Denn da hört mir keiner mehr zu.
Zum DLR und zur Deutschen Raumfahrtagentur im DLR Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) ist eine Einrichtung, die in den Bereichen Luftfahrt, Raumfahrt, Energie, Verkehr und Sicherheit forscht und dabei in viele nationale und internationale Kooperationen eingebunden ist. Die Deutsche Raumfahrtagentur im DLR mit Sitz in Bonn übernimmt im Auftrag der Bundesregierung die Konzeption und Durchführung des deutschen Raumfahrtprogramms auf nationaler, europäischer und internationaler Ebene. Hierzu gehören neben dem nationalen Raumfahrtprogramm die deutschen Beiträge zur Europäischen Weltraumorganisation ESA und zur Europäischen Organisation zur Nutzung meteorologischer Satelliten (EUMETSAT). Hauptauftraggeber ist das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt (BMFTR). Das Gesamtbudget der Deutschen Raumfahrtagentur im DLR lag 2025 bei rund 1,95 Milliarden Euro. Davon entfielen rund 1,17 Milliarden Euro auf den deutschen Beitrag zur Europäischen Weltraumorganisation (ESA), derzeit ist Deutschland mit einem Anteil von 23 Prozent der größte Beitragszahler der ESA.


