Nach ihrem Promotionsstudium der Amerikanistik und Theologie in Würzburg, Irland und den USA studierte sie Filmregie in München und Köln bei Dominik Graf. Sie hat Musikvideos für U2 gedreht und mit Größen wie Götz George, Joachim Król, Hannes Jaenicke oder Nina Hoger gearbeitet – über 130 Kurz- und Langfilme und Musikvideos sind seit den 2000er Jahren entstanden, bei denen Bettina Höchel als Regisseurin und freie Filmemacherin, Drehbuchautorin und Filmproduzentin beteiligt war. Mit karriereführer-Autorin Kerstin Neurohr traf sie sich in Neustadt/ Weinstraße zum Gespräch.
Zur Person
Bettina Höchel ist Diplom-Filmemacherin sowie Kuratorin und Veranstalterin von „FilmGugger, das FilmFanFestival der Pfalz“ in Neustadt an der Weinstraße.
Liebe Frau Höchel, der Film, an dem Sie gerade arbeiten, heißt „Wütend und Frei – der Weg der Angry Young Girls“ – worum geht es? Ich habe mit der US-amerikanischen Sängerin Sarah Lee Guthrie gedreht, der Enkelin des legendären Woody Guthrie – und zwar am Hambacher Schloss in Neustadt. Da, wo ich geboren bin und heute, nach vielen Stationen in Deutschland und der Welt, wieder lebe. Es geht um den Kampf um Freiheit, um strukturelle Benachteiligung – und um Wut. Wut ist so wichtig, für mich war sie immer eine Antriebskraft. Überhaupt sind viele Frauen in der Filmbranche wütend – und diese Wut nutzen sie kreativ.
Worauf sind Sie denn wütend? (lacht) Ich finde, es gibt viele Gründe wütend zu sein! Zum Beispiel, dass die Filmbranche 2026 immer noch ein Boys Club ist. Trotz #MeToo, trotz Pro Quote Film, trotz Gleichstellungsbonus: Frauen sind massiv unterrepräsentiert: Mit 24 Prozent sind sie immer noch eine Minderheit in der Filmindustrie. Der Gender Pay Gap ist in der Filmbranche mit 35% noch höher als im Allgemeinen. Und Frauen bekommen weniger Förderung für ihre Filme: Im Schnitt erhält ein Film, den eine Frau inszeniert, ca. 660.000 Euro Filmförderung, während ein Film, den ein Mann inszeniert über eine Million Euro bekommt. Ganz besonders schwer ist es für Frauen ab 45 – die scheinen plötzlich einfach zu verschwinden. In der Altersgruppe sind nur noch magere 16 Prozent der regieführenden Frauen weiblich.
Trotzdem halten Sie sich seit mehr als einem Vierteljahrhundert in der Branche – wie haben Sie das geschafft? Ich bin und war schon immer eine One-Woman-Show. Als jüngstes Kind der Familie hatte ich viele Freiheiten, wurde wenig kontrolliert. Meine Mutter war Konzertpianistin und ist durch die Welt gereist, und sie war immer der Meinung, dass Frauen das tun sollen, was ihnen Spaß macht. Und das habe ich auch getan! „Bettina Chaotina“ war mein Spitzname. Ich war noch so jung, nicht mal volljährig, da bin ich schon nach Irland gezogen – das waren prägende Jahre, da habe ich auch die ersten Musikvideos gedreht. Ein großes Glück war auch, dass ich später den Regisseur Dominik Graf kennengelernt habe, der mir so vieles beigebracht und mich gefördert hat. Und schließlich: Ich habe mich mit patriarchalen Mustern auseinandergesetzt. Die muss man erkennen, aber man darf sie nicht bedienen – das zu tun, halte ich für den größten Fehler der Frauen.
Linktipps:
www.hoechel-film.com
www.filmgugger.deFilmFanFestival der Pfalz | 29.-31.10.2026
Was ist denn Ihr Tipp an junge Frauen, die jetzt von der Hochschule kommen und ins Berufsleben einsteigen? Sucht euch weibliche Netzwerke, fragt Kolleginnen nach ihren Erfahrungen und nach Rat. Und macht euch klar, dass die Welt heute euren Blick, eure Fähigkeiten braucht. Ich beobachte zum Beispiel, wie flexibel Frauen oft sind. Die drehen nicht gleich durch, wenn der Drehplan geändert werden muss – das ist toll. Und Einsteigerinnen in die Filmbranche möchte ich sagen: Die heutigen modernen Kameras sind eure stärkste Waffe. Schnappt sie euch, legt los. Ihr braucht keinen Kameramann, der das schwere Ding trägt – ihr könnt das selbst machen. Ihr seid frei!


