„Es gab noch nie einen besseren Zeitpunkt für Frauen, um in die Techwelt einzusteigen.“

Foto: Fotolia/ Margo Basarab
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Dr. Anna Lukasson-Herzig hat gemeinsam mit ihrem Bruder Markus eine innovative Tech- Idee entwickelt: eine visuelle Suchmaschine. 2015 gründeten die Geschwister in Berlin das Start-up nyris. Ihr Produkt kommt gut an – von der Industrie bis hin zum E-Commerce nutzen Großunternehmen wie Daimler, Porsche oder Metro ihre Technik. Mittlerweile ist ein Büro in Düsseldorf dazugekommen und das Team besteht aus 24 Mitarbeitern. Im Interview spricht Anna Lukasson-Herzig darüber, was es bedeutet, sich in der Tech- Branche zu etablieren und verrät ihr Mantra für eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Die Fragen stellte Elisa Maifeld

Frau Dr. Lukasson-Herzig, Sie haben Ingenieurwesen studiert und waren mehr als zehn Jahre in der Unternehmensberatung tätig. Dann haben Sie nyris gegründet – wie kam es dazu?
Meine erste Tätigkeit war in der Stahlindustrie, wo ich ein Prozesskontroll- System zur Optimierung der Geometrie von Stahlbrammen entwickelte. Schon damals begann ich, mit KI-basierten Methoden zur visuellen Messdatenanalyse und Prozesskontrolle zu arbeiten und promovierte in diesem Bereich. Als ich 2014 Boston Consulting nach knapp zehn Jahren verließ, entwickelte ich mit meinem Bruder eine Alternative zur normalen Suchfunktion im Internet. 2015 gründeten wir dann nyris.

Vor welchen Herausforderungen standen Sie als Gründerin?
Vor vielen verschiedenen. (lacht) Ideen und Motivation allein reichen nicht aus. Es müssen zahlreiche bürokratische Hürden genommen werden, und anders als in den großen Unternehmen, wo mein Bruder und ich früher gearbeitet haben, mussten wir bei nyris alles selbst organisieren. Doch schnell konnten wir wichtige Mentoren und Sponsoren gewinnen, die uns in vielen Bereichen beraten und unterstützt haben, so wie die Flixbus-Gründer und besonders unser Investor Klaus Schneider.

In der Tech-Branche streben Sie ständig nach antreibenden Veränderungen im Business: Wo finden Sie Input?
Oftmals sorgt die pure Wissenschaft für neue Anreize und Inspirationen – in unserer Branche sind es häufig die Europäer und Kanadier, die die Nase vorn haben. Mit unseren Partnern wie Microsoft, Google oder SAP diskutieren wir die neusten Entwicklungen, teilweise haben wir Zugriff zu noch nicht für die Allgemeinheit verfügbaren Beta-Entwicklungen. Aber auch die Geschichten anderer Gründer finde ich spannend und lehrreich. Beispielhafte Netzwerke sind etwa der neue KI-Bundesverband sowie der Verband Deutscher Start-ups. Außerdem lerne ich viel von unseren Kunden, sie kennen das Business seit Jahrzehnten und bauen ihre Stellung und Reputation immer noch aus. Das schafft man nur mit einer konstanten Weiterentwicklung. Immer wieder bin ich überrascht, welch starke Unternehmen wir in der tiefsten Provinz in Europa beheimaten.

nyris – das steckt in der visuellen Suchmaschine:

nyris entwickelt eine hochmoderne Bilderkennungs-Engine, die auf neuesten KI- Frameworks basiert. Sie stellt ihre Technologie als SaaS (Software as a Service) für Handel und Industrie zur Verfügung. Das Konzept von nyris ermöglicht es, schnellste und genaueste Ergebnisse für 1D (Codes), 2D (Print2Web) und 3D (reale Produkte) zu liefern. In weniger als einer Sekunde werden bis zu 500 Millionen Produkt- oder Objektbilder durchsucht, um das Gleiche oder Ähnliches zu finden. nyris hat sich im B2BGeschäft positioniert.

Welche Anreize bietet die Tech- Branche besonders für Frauen?
Es gab noch nie einen besseren Zeitpunkt für Frauen, um in die Techwelt einzusteigen: Bewusstsein und Präsenz sind ebenso vorhanden wie die Erkenntnis, dass Diversität in der Techwelt enorm wichtig ist. Doch nur Wenige wissen: Die ersten Programmierer waren weiblich. Gerade Frauen bringen viele besonders wichtige Eigenschaften für die Techwelt mit, etwa Organisationstalent. In der Tech-Branche ist es extrem wichtig viele Bälle in der Luft zu halten ohne die Nerven und die Geduld zu verlieren. Frauen verändern diese Welt gerade signifikant, und das macht echt Spaß.

Während der Firmengründung waren sie in Elternzeit mit ihrem zweiten Kind. Wie verbinden Sie Beruf und Familie?
Als Gründerin genieße ich unglaubliche Freiheiten, aber auch Zwänge – diese Widersprüche versuche ich optimal auszuleben. Alles, was nicht unbedingt von mir persönlich gemacht werden muss, delegiere ich. So schaufele ich mir Zeit frei, die ich je nach Bedarf in Zeit mit meiner Familie oder nyris einteilen kann.

Haben Sie einen Tipp, wie sich junge Absolventinnen gut für den Einstieg in ein Tech-Unternehmen rüsten können?
Junge Absolventinnen sollten an sich glauben und ihrem Instinkt folgen. Frauen haben genauso wie Männer ihren Platz in der Tech-Industrie und sie können viel bewirken. Gerade dieser Bereich bringt viele Chancen, birgt aber auch Gefahren. Sicher ist nur: Frauen sind aktiv und haben Einfluss.

Buchtipp

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