Partnering macht den Erfolg komplexer Bauprojekte planbar

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Die Risiken eines Bauvorhabens steigen mit seiner Komplexität: Je höher die Zahl der Schnittstellen, je herausfordernder die Konstruktion, desto größer die Gefahr von Budgetüberschreitungen und Bauzeitverzögerungen. Mit Partnering, der verbindlichen, frühzeitigen Partnerschaft aller Projektbeteiligten, werden diese Risiken beherrschbar und der Erfolg schlüsselfertiger Großprojekte systematisch planbar. Von Jens Quade, technischer Leiter der Züblin-Direktion Nord

Bereits vor 25 Jahren haben wir bei uns im Konzern die Grundzüge eines Partnerschaftsmodells entwickelt, das heute als Züblin teamconcept bekannt ist. Seither etablierte sich die Managementmethode des Partnerings in Deutschland als branchenweit anerkanntes Prinzip zur effizienten Realisierung großer und komplexer Projekte vor allem im Hoch- und Ingenieurbau. Ein Erfolgsmodell, das sich seither mit einer stetig wachsenden Referenzliste regelmäßig aufs Neue bewährt. Kern des Partnerings ist der systematische, vertraglich geregelte Schulterschluss von Auftraggeberschaft und Bauunternehmen für das Projekt schon in der Planungsphase. Das funktionierende, gemeinsam gebildete Team ist der Schlüssel zum Erfolg. Das klingt simpel, war aber lange Zeit nicht selbstverständlich. Kooperation statt Konfrontation hieß daher das Motto, als wir in den 1990er-Jahren als einer der Pioniere des partnerschaftlichen Bauens einen Kulturwandel auf deutschen Baustellen in Gang brachten. Ein wesentliches Partnering- Prinzip ist die frühzeitige Zusammenarbeit und Einbindung aller Kompetenzen. Ihm liegt die Erkenntnis zugrunde, dass sich Kosten und Termine umso leichter kalkulieren und kontrollieren lassen, je früher alle an einem Bauprojekt Beteiligten kooperieren. Das entwickelte teamconcept gliedert sich daher klassisch in getrennt abgeschlossene Verträge für die Preconstruction-Phase (also Projektierung und Planung) und die Construction-Phase. Ziel der Partnering- Vereinbarung ist es, dass alle Baubeteiligten nach dem Grundsatz „Best for Project“ an einem Strang ziehen.
Die Projektcharta bildet zusammen mit der vereinbarten vollen Transparenz („open books“) die Basis für ein breites wechselseitiges Vertrauen.
In unserem Konzept wird mit einem Teambuilding-Workshop zum Austausch der wechselseitigen Erwartung begonnen – gemeinsam wird ein Regel-Katalog definiert und eine für alle bindende Projektcharta verabschiedet. Das ist die Grundlage für die fair geregelte Teamarbeit von Bauunternehmen und Auftraggeberseite. Sie bildet zusammen mit der vereinbarten vollen Transparenz („open books“) die Basis für ein breites wechselseitiges Vertrauen. Der stetige Austausch über den Projektverlauf in regelmäßigen Team-Treffen mit festen Ansprechpersonen ermöglicht rasche und gemeinsame Konfliktlösungen und Reaktion auf Planänderungen oder Störungen im Bauablauf. Damit ist die kontinuierliche Optimierung von Kosten, Terminen und Qualität gewährleistet, und zwar zum Nutzen aller Beteiligten. Effizienz als Win-win-Situation: Auch dies regelt die Partnering-Vereinbarung. So kommen beispielsweise beim Abschluss eines klassischen GMP-Vertrags (Garantierter Maximalpreis) Unterschreitungen des vereinbarten Budgets beiden Partnern – Generalunternehmen und Auftraggeberseite – gleichermaßen zugute. Gemeinsame Nachunternehmervergaben im open book-Verfahren geben Anreize zur Kostenoptimierung. Im Laufe der Zeit haben wir unser Partnering- Verfahren stetig weiterentwickelt und verfeinert. Heute lässt es sich mit sechs unterschiedlichen Vertragsmodellen und durch Kombination klar definierter Prozess-Module („open tools“, zum Beispiel Lean Construction) flexibel auf jeden Projektbedarf abstimmen. Die zunehmende Nutzung der fortgesetzt optimierten digitalen Werkzeuge des Building Information Modelling (BIM) erleichtert zum einen die für das Partnering essenzielle Vernetzung und Transparenz und erhöht zum anderen die Qualitäts-, Termin- und Kostensicherheit für die Auftraggeberseite.

Als Bauingenieur im Großunternehmen

Große Firmen aller Branchen bieten zahlreiche Beschäftigungsmöglichkeiten für Bauingenieure. Der berufliche Werdegang und die Arbeitszeit können flexibel und individuell gestaltet werden. Gesundheitsförderung und Unterstützung im Alltag sind weitere Vorteile. Von Fabian Hesse M.A. bauingenieur24 Informationsdienst

Große Unternehmen und Institutionen verfügen häufig über eine Vielzahl unterschiedlicher Liegenschaften, darunter Bürogebäude, Produktionsstätten, Lagerhallen oder Industrieanlagen. Unabhängig von der jeweiligen Branche werden für Planung, Bau und Betrieb dieser firmeneigenen Bauten fach- und sachkundige Bauingenieure benötigt. Daraus ergibt sich für Bauingenieure ein breites Spektrum an potenziellen Arbeitgebern mit konzernähnlichen Strukturen. Sowohl die berufliche Karriere als auch das Privatleben mit Familie und Freizeit können davon profitieren. Zunächst kann ein großes Unternehmen unterschiedliche Positionen anbieten. Für Bauingenieure bei der Deutschen Bahn AG sind das beispielsweise die Gewerke „konstruktiver Ingenieurbau“, „Fahrbahn“ sowie „Elektrotechnik“ und „Leit- und Sicherungstechnik“. Zu den vielfältigen Aufgaben gehören die Planung von Stellwerken, Gleisen, Weichen oder Brücken, deren Erhalt sowie die Bauüberwachung externer Unternehmen. Wem es in seinem Beruf auch um gesellschaftliche Anerkennung geht, der hat bei der Bahn mit etwas Zielstrebigkeit womöglich auch die Chance, an prestigeträchtigen Großprojekten, wie zum Beispiel der Verbindung Stuttgart- Ulm („Stuttgart 21“), mitzuwirken. Maja Weihgold von der DB Netz ist sich sicher: „Von einigen dieser Bauwerke werden noch die Enkel und Urenkel sprechen. Oder sie zumindest nutzen.“ Um bleibende Bauwerke der Infrastruktur geht es auch bei der Deutsche Einheit Fernstraßenplanungs- und -bau GmbH, kurz Deges. Bauingenieure werden hier für die Straßenplanung (Autobahnen), den konstruktiven Ingenieurbau sowie in der Bauvorbereitung und der Bauüberwachung beschäftigt. Darüber hinaus ist der Einsatz im Vertragsmanagement beziehungsweise Vertrags- und Vergabewesen möglich. Als Verwalterin der bundeseigenen Liegenschaften ist die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BImA) ebenfalls ein großer Arbeitgeber für Bauingenieure. Nach eigenen Angaben wird die BImA in den kommenden Jahren ein Bauvolumen von über zehn Milliarden Euro umsetzen. Dafür werden deutschlandweit Bauingenieure gebraucht, die von der Projektleitung einzelner Baumaßnahmen bis zur Übernahme von Führungsaufgaben als Teamleiter oder als Experte für ein Fachthema tätig sind.

Vielfältige Einstiegsmöglichkeiten

Bewerber bei großen Unternehmen wie den genannten haben derzeit ausgesprochen gute Chancen. Allein die Deutsche Bahn stellt aktuell jährlich etwa 1000 neue Ingenieure ein. Vorteile haben hier naturgemäß erfahrene Bewerber, die bereits Infrastrukturaufgaben gemeistert haben. Zwingend sind diese Voraussetzungen laut Maja Weihgold aber nicht: „Wenn jemand für eine Aufgabe bei der Bahn brennt und voll motiviert ist, dann findet sich fast immer ein Weg.“ Ähnlich verhält es sich auch bei der Deges. Neben dem Direkteinstieg wird ein internes Traineeprogramm angeboten. Gesucht werden sowohl Berufseinsteiger als auch erfahrene Fachkräfte. „Wichtig ist uns eine langfristig erfolgreiche und zufriedenstellende Zusammenarbeit mit Perspektive“, so Nicole Drieschner von der Kommunikationsabteilung. Die BImA wirbt ihrerseits damit, dass eine Laufbahn „vom Baumanager zur Führungsperson“ für Bedienstete nicht nur möglich, sondern „erwünscht“ ist. Interne Wechsel in eine der Hauptstellen oder in die Zentrale in Bonn würden dabei keine Hürde darstellen. Um sich für einen höheren Posten zu qualifizieren, wird ein postgradualer Masterstudiengang an der Bergischen Universität Wuppertal angeboten.

Umfangreiche Work-Life-Balance-Angebote

Neben dem Blick auf die Möglichkeiten der Karriere stellt sich für Absolventen die Frage nach der Work-Life-Balance. Große Unternehmen und Konzerne haben inzwischen die Bedeutung der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben erkannt. Moderne Tarifverträge sorgen daher zum Beispiel bei der Bahn dafür, dass man zwischen mehr Gehalt oder mehr Urlaub wählen kann. Zusätzlich gibt es die Möglichkeit zu temporären Auszeiten. Weitere Vorzüge bei der Bahn sind Freifahrten und eine betriebliche Altersvorsorge. Die Deges wirbt für sich mit Vertrauensarbeitszeit beziehungsweise generell flexiblen Arbeitszeiten. Mitarbeiter können auch mobil arbeiten und Überstunden in Freizeit ausgleichen. In Kooperation mit einem Dienstleistungsund Beratungsunternehmen wird zudem Unterstützung in allen Lebenslagen angeboten, darunter Kinderbetreuung, Pflege oder Krisenberatung. Um die Gesundheit der Mitarbeiter zu fördern, erhalten diese bei der Deges einen Zuschuss von 250 Euro im Jahr für Sport- beziehungsweise Präventionsmaßnahmen. Weiterhin bezuschusst das Unternehmen den sportlichen Ausgleich in der Freizeit bei Staffelläufen und beim Beachvolleyball.

Redaktionstipp:

BIM-Institut Um die Entwicklung und Implementierung der Methode BIM voranzutreiben, die Forschung in diesem Bereich für die Bauwirtschaft zu bündeln, Lehr-, Ausbildungs- und Weiterbildungskonzepte zu entwickeln und Beratung zur Optimierung von Bauprozessen anzubieten, wurde von den Wissenschaftlern der Bergischen Universität Wuppertal das BIM-Institut gegründet. www.biminstitut.de
Gleitzeit, Teilzeit und Telearbeit (Homeoffice) sowie Gesundheitsförderung und Altersvorsorge sind, neben anderen Angeboten, wie einem geförderten Jobticket, auch bei der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben gängige Praxis. Besonders attraktiv dürfte die Hilfe bei der Suche nach möglichst arbeitsortnahem und bezahlbarem Wohnraum im Rahmen der Wohnungsfürsorge des Bundes sein. Vergleichbare Angebote finden sich immer häufiger auch in den Stellenanzeigen anderer Arbeitgeber und in Stellenportalen. Die genannten Beispiele zeigen, dass große Firmen, Konzerne oder Behörden ihren Mitarbeitern im Vergleich zu kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) vor allem hinsichtlich der Arbeitszeit mehr Flexibilität bieten können. Den Grund nennt Sebastian Jung von der Personalberatung Cobalt Recruitment: „KMU können auf den einzelnen Mitarbeiter schwieriger im Arbeitsalltag verzichten. Unternehmen mit einer deutlich größeren Belegschaft können Auszeiten und mehr Freizeit der Angestellten leichter tragen.“ 

Personalengpass am Bau

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Die Auftragsbücher der Bauunternehmen sind voll. Doch die Sorgen der Unternehmen sind dadurch nicht beseitigt. Ganz im Gegenteil: Sie werden verstärkt. Denn es fehlt an Fachkräften, um die Aufträge abzuarbeiten. Die aktuellen Absolvent*innen- Zahlen bieten da nicht unbedingt Trost. Von Christoph Berger

Die Zahlen sprechen trotz vielfacher internationaler und nationaler politischer Unsicherheiten für sich. Im Juni 2019 konnte Peter Hübner, Präsident des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, vermelden, dass die Prognose für das nominale Wachstum der baugewerblichen Umsätze im Bauhauptgewerbe von 6,0 Prozent auf 8,5 Prozent angehoben wird. Und nicht nur das. Auch die Beschäftigung in der Branche werde weiter zulegen und um 20.000 Erwerbstätige auf 857.000 steigen. Dabei war im Jahr 2017 gerade erst die Marke von 800.000 Branchen-Beschäftigten überschritten worden. Aktuell zurückgehende Baugenehmigungen und eine Abschwächung im Auftragseingang trüben zwar derzeit etwas die Stimmung, aber gerade zum Thema Auftragslage fügt Dieter Babiel, Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, hinzu: „Diese vergleichsweise schwache Entwicklung ist aber auch darauf zurückzuführen, dass wir mittlerweile ein hohes Auftragsniveau erreicht haben.“ Letztlich hätten für den gesamten Zeitraum von Januar bis August 2019 die Auftragseingänge immer noch um nominal 9,7 Prozent über dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum gelegen.
Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes lassen allerdings den Schluss zu, dass der Bedarf weiterhin nicht gedeckt werden kann.
Die Auftragsbücher sind also voll, Arbeit en masse vorhanden. Dementsprechend wird dringend qualifizierter Nachwuchs in der stark vom Fachkräftemangel gebeutelten Branche benötigt. Kommt es zu Bauverzögerungen, hängt dies immer häufiger mit fehlendem Personal zusammen, das die komplexen Aufgaben des Bauens mit seinem Know-how bewältigen kann. Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zu den Absolvent*innen- Zahlen im Studienbereich Bauingenieurwesen lassen allerdings den Schluss zu, dass der Bedarf weiterhin nicht gedeckt werden kann. So machen sich langsam die seit 2011 im Trend leicht rückläufigen Anfängerzahlen bemerkbar: 2018 wurden von dem Amt 10.483 bestandene Prüfungen registriert, 2,2 Prozent weniger als noch im Jahr 2017. Und nicht nur das. Denn auch von diesen 10.483 neuen Bauingenieur* innen stehen nicht alle dem Arbeitsmarkt sofort zur Verfügung. Zählt man diejenigen zusammen, die einen Master- (4.296), einen universitären (206), einen Fachhochschul- (189) abschluss beziehungsweise eine Promotion (368) erzielt haben, kommt man auf lediglich 5.059 Absolvent*innen. Nur diese stehen dem Arbeitsmarkt (überwiegend) unmittelbar zur Verfügung. Immerhin ist diese Gruppe im Vergleich zum Vorjahr um 3,5 Prozent beziehungsweise 173 Personen angestiegen. Bei den Bachelor-Absolvent*innen wurde jedoch ein Rückgang im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von sieben Prozent beziehungsweise 410 Absolvent*innen registriert. Wie hoch der Anteil derer ist, die nach diesem Abschluss die Hochschule verlassen und für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, geht aus der Statistik des Bundesamtes nicht hervor. Was das Geschlechterverhältnis unter den Absolvent*innen betrifft, so liegt der weibliche Anteil mit 31 Prozent zwar deutlich über anderen Ingenieurdisziplinen, doch ist die absolute Zahl der Absolventinnen im Studienbereich Bauingenieurwesen im Vorjahresvergleich deutlicher zurückgegangen (-3,5 %) als die Zahl der männlichen.

Aufbau von Know-how

Das Bauwesen ist einem stetigen Wandel unterworfen, Weiter- und Fortbildungen sind da unerlässlich. Der karriereführer stellt fünf Möglichkeiten für Bauingenieurinnen und Bauingenieure vor. Von Christoph Berger

Lehrgang „Lean Baumanagement“ an der TU Graz

Im Zentrum des neuen Lehrgangs „Lean Management“ – dem laut der TU Graz ersten Universitätslehrgang für „Lean Baumanagement“ im deutschsprachigen Raum, steht nicht primär eine möglichst schnelle Umsetzung von Bauprojekten im Zentrum. Vielmehr geht es um strukturiertes und effizientes Arbeiten in bestmöglicher Qualität. „Im Lean Baumanagement werden die Ressourcen Mensch, Maschine und Material optimal eingeteilt und aufeinander abgestimmt“, sagt Gottfried Mauerhofer vom Institut für Baubetrieb und Bauwirtschaft der TU. Dafür brauche es einen möglichst freien Informationsfluss, eine partnerschaftliche Projektabwicklung und eine offene Fehlerkultur. Weitere Informationen unter: www.leanbaumanagement.at

MBA Unternehmensführung Bau an der Akademie der Hochschule Biberach

Für Führungskräfte in der Bauwirtschaft sind neben technischem Wissen auch betriebswirtschaftliche, rechtliche und organisatorische Kenntnisse sowie Führungs- und Managementkompetenzen unabdingbar. Genau solches Know-how wird Bauingenieuren und Architekten im berufsbegleitenden MBA-Studiengang Unternehmensführung Bau vermittelt: Praxiserfahrene Fachleute und Führungskräfte vermitteln in Vorträgen, interdisziplinären Fallstudien und Gruppenarbeiten Wissen in den Bereichen Controlling, Finanz- und Risikomanagement, Recht, Strategieentwicklung, Kommunikation, Verhandlungstechniken, Mitarbeiterführung, Digitalisierung etc. Organisiert ist das Studium in Kompaktblöcken. So lässt es sich parallel zum Beruf absolvieren – innerhalb von etwa zwei Jahren. Aufgrund der Zusammensetzung des Dozententeams ist ein ausreichender Praxisbezug gewährleistet. Weitere Informationen unter www.akademie-biberach.de/web/akademie/master/unternehmensfuehrung

Projektmanagement (M.Eng.) [Bau und Immobilie/Fassade/Ausbau/Holzbau] an der Hochschule Augsburg

Das weiterbildende Masterstudium Projektmanagement [Bau und Immobilie/Fassade/Ausbau/Holzbau] richtet sich an Bauingenieure, Architekten sowie Ingenieure verwandter Disziplinen, die Projektleitungs- und Führungsaufgaben als Selbstständige oder Angestellte haben beziehungsweise anstreben. Der auf fünf Semester angelegte Studiengang besteht aus einem zweisemestrigen Basismodul, in dem es um vertragliches und betriebswirtschaftliches Wissen sowie den Ausbau der Schlüsselkompetenzen im Bereich Führung, Präsentation und internationales Bauen geht, sowie einem ebenfalls zweisemestrigen Vertiefungsmodul. In diesem können Studierende die Wahl zwischen Bau und Immobilie, Fassade, Ausbau oder Holzbau treffen. Das Mastermodul (1 Semester) dient neben dem Besuch des Masterseminars und dem Absolvieren von abschließenden Prüfungen hauptsächlich der Erstellung der Masterarbeit. Weitere Informationen unter: www.hs-augsburg.de/Architektur-und-Bauwesen/ibi/Master-Projektmanagement.html

Masterstudiengang Baurecht und Baumanagement an der Leuphana Universität Lüneburg

Die Professional School der Leuphana Universität Lüneburg bietet mit dem berufsbegleitenden Masterstudiengang Baurecht und Baumanagement eine Qualifizierungsmöglichkeit für Führungskräfte aus der Baubranche. Sie reagiert damit auf den angesichts immer komplexerer Bauprojekte wachsenden Bedarf an Managementkompetenzen und Fachkenntnissen in Baurecht, -ökonomie und -technik. Studierende befassen sich unter anderem mit Nachtrags- und Vertragsmanagement, Kalkulation, Wirtschaftsrecht, Baurecht, Bauprojektmanagement und Bauablaufsstörungen, Architekten-/Ingenieursrecht, Vergaberecht, Konfliktmanagement und Verhandlungsführung. Den Master-Abschluss können Studierende in vier Semestern erwerben, ein vertiefendes Studium über zwei weitere Semester ist ebenfalls möglich. Weitere Informationen unter: www.leuphana.de/ma-baurecht

Master Bauingenieurwesen und Umweltingenieurwesen an der Leibniz Universität Hannover

Die Leibniz Universität Hannover bietet den neuen Masterstudiengang Bauingenieurwesen an, der aus den bisherigen, spezifischen Studiengängen „Konstruktiver Ingenieurbau“, „Wasser-, Küsten- und Umweltingenieurwesen“ und „Windenergie-Ingenieurwesen“ entstanden ist. All diese Schwerpunkte können innerhalb des Studiums auch vertieft werden, hinzugekommen ist das „Baumanagement“. Somit werden in dem Studium alle Aspekte des klassischen Arbeitsgebietes von Bauingenieurinnen und -ingenieuren vereint: Die Bandbreite reicht von Tragwerksanalyse über Baumanagement bis zur Anwendung numerischer Simulationsmethoden. Laut der Uni kommen dabei die neuesten wissenschaftlichen Methoden zum Einsatz sowie stark praxisorientierte Lehrangebote und die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen naturwissenschaftlich-ingenieurtechnischen Fachgebieten zum Tragen. Weitere Informationen unter www.uni-hannover.de/de/studium/studienangebot/info/studiengang/detail/bauingenieurwesen

Nach dem Ende der Neustart

Die Abbrecherquote in den Ingenieurwissenschaften ist hoch. Das gilt auch für das Bauingenieurwesen. Doch mit dem Abbruch eines Bauingenieurstudiums muss die Karriere am Bau nicht beendet sein. Von Christoph Berger

Die Gründe für einen Studienbruch sind vielfältig. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW) aus dem Jahr 2017 zählen dazu unter anderem unbewältigte Leistungsanforderungen, mangelnde Studienmotivation, der Wunsch nach einer praktischen Tätigkeit oder auch finanzielle Engpässe. Gleichzeitig liefert die Untersuchung aber auch das Ergebnis, dass die überwiegende Mehrheit der Studienabbrecher nach Verlassen der Hochschule ihren weiteren Bildungs- oder Berufsweg erfolgreich gestaltet. Unterstützt werden sie dabei von inzwischen zahlreichen spezialisierten Beratungs- und Weiterbildungsangeboten sowie Initiativen. Für Abbrecher der Studiengänge Bauingenieurwesen, Architektur oder Vermessungswesen bieten beispielsweise die Eckert Schulen in Kooperation mit Unternehmen im Ausbildungsmodell „Fast Track“ eine neue Berufsperspektive. Studienabbrecher können in dem Programm in zweieinhalb Jahren gleich zwei staatlich geprüfte Abschlüsse erwerben: zum Beispiel den Abschluss zur/m Staatlich geprüfte/n Industrietechnologin/ Industrietechnologe Bau und zur/zum Staatlich geprüfte/n Bautechnikerin/ Bautechniker. Damit wird einem dem Bachelor of Engineering ebenbürtiger Abschluss erlangt. Und es zeigt sich, dass bisher im Studium erworbenes Wissen und investierte Zeit nicht umsonst war, denn die im Studium erbrachten Leistungen werden anerkannt – 30 ETCS-Punkte werden angerechnet.

Nützliche Links zum Thema

www.studienabbruch-und-dann.de www.karrierefuehrer.de/neustart
Prinzipiell läuft die Teilnahme an dem Programm folgendermaßen ab: Gestartet wird mit einem einmonatigen Vorpraktikum. Danach beginnen zeitgleich die Ausbildung zum Staatlich geprüften Industrietechnologen sowie die Weiterbildung zum Staatlich geprüften Techniker. Nach einem Jahr wird dann bereits die Ausbildung abgeschlossen, und es geht in den Partnerbetrieb, um Berufserfahrung zu sammeln. In Fernlehre wird parallel dazu die Weiterbildung zum Staatlich geprüften Techniker absolviert. Neben derart konkreten Projekten für Abbrecher baunaher Studiengänge bieten die Hochschulen natürlich Beratungsangebote für all diejenigen, die an ihrem Studium zweifeln oder den Abbruch bereits fest eingeplant haben. Im Projekt „ask for change II“ beispielsweise arbeitet die Hochschule Wismar eng mit der Universität Rostock und dem Unternehmerverband Norddeutschland Mecklenburg-Schwerin e.V. zusammen. Sie bieten eine individuelle und vertrauliche Beratung, in der Möglichkeiten aufgezeigt werden, die bei der Orientierung vor und nach Abbruch des Studiums helfen sollen. Es gibt also zahlreiche Angebote, die jungen Menschen den Weg der Neugestaltung des beruflichen Wegs nicht allein gehen lassen. 

„Uns interessiert die individuelle, private Komponente“

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Olga Blaszak schloss ein Bachelor-Studium Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Hamburg-Harburg und ein Master-Studium Bauingnieurwesen an der RWTH Aachen ab. Sie arbeitete unter anderem als freiwillige Mitarbeiterin auf Baustellen für den Internationalen Bauorden und absolvierte ein Trainee-Programm bei Arup. Jetzt gründet sie das Start-up BerlinGreen. Von Christoph Berger

Frau Blaszak, hätten Ihnen in der heutigen Situation nicht alle Türen am Bau offen gestanden und Sie hätten einigermaßen beruhigt in die Zukunft blicken können – stattdessen gründen Sie ein Start-up mit ungewissem Ausgang, warum? Ich wollte schon immer etwas Eigenes gründen. Schon während des Studiums hatte ich eine Idee für mein eigenes Business, aber damals haben die Zeit und die Finanzierung gefehlt. Als sich die Option mit dem Berliner Startup-Stipendium ergab, hatte ich bereits einen festen Job in der Tragwerksplanung. Es war eine schwierige Entscheidung, aber ich dachte mir – entweder mache ich das jetzt oder wahrscheinlich nie. Andererseits entwickelt BerlinGreen mit der GreenBox ein Produkt als Antwort auf die Frage nach Möglichkeiten des urbanen Lebens. Machen Sie im Kleinen was das Bauwesen im Großen machen muss? Wir, mein Mitgründer Filip Wawrzyniak und ich, kommen aus der Baubranche. Was in der Baubranche leider ein bisschen frustrierend ist, ist die Menge an Geld und Zeit, die man braucht, um überhaupt etwas zu schaffen. Uns interessiert die individuelle, private Komponente. Und wie wir die Natur in die Gebäude bringen können, ohne dabei große Investitionen machen zu müssen. Unsere Produkte sollte sich jeder leisten können. Nun sind Sie für Finanzen und den Vertrieb zuständig. Welches Wissen aus Ihrem Bauingenieurstudium und dem vorherigen Berufsleben können Sie heute noch anwenden? Ich finde, es kommt weniger auf Inhalte an, sondern auf die Fähigkeit, analytisch denken zu können. Das ist das Wichtigste, was ich während des Ingenieurstudiums gelernt habe. Wenn Probleme vorkommen – und die gibt es in einem Start-up die ganze Zeit, muss man eine Strategie entwickeln und die Situation in kleine Bestandsteile zerlegen. Könnte ich erneut ein Studium auswählen, würde ich mich für Wirtschaftsingenieurwesen mit Fachrichtung Bauingenieurwesen entscheiden. Der wirtschaftliche Teil hat in dem reinen Bauingenieurstudium auf jeden Fall gefehlt. Nach dem harten Studium an der RWTH Aachen war das aber kein großes Problem. Ich habe die fehlenden Inhalte einfach selbst gelernt. Und welches sind die größten Herausforderungen, die Ihr Unternehmen zu meistern hat? Hardware zu machen, ist leider nicht einfach und frisst viel Geld und Ressourcen. Wir bereiten jetzt die Produktion vor. Zum Glück haben wir dafür einen guten Partner gefunden, der eine hohe Qualität gewährleisten kann. Die größte Herausforderung ist momentan, wie wir diese finanzieren können. Entweder machen wir dafür eine Crowdfunding- Kampagne oder wir suchen einen großen Investor.
www.berlingreen.tech
Wie lange wird es noch dauern, bis die GreenBox tatsächlich auf den Markt kommt? Der Vorverkauf ist für Februar 2020 geplant. Hoffentlich bleibt das so, so dass wir die GreenBox kurz danach an den ersten Kunden liefern können.

Das letzte Wort hat: Architekturkritiker Dr. Klaus Englert

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Klaus Englert ist als Architekturkritiker unter anderem für die FAZ, den Deutschlandfunk sowie den WDR tätig. Er studierte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und Salamanca Spanisch, Philosophie und Germanistik und promovierte 1986 mit einer Untersuchung der Zeichentheorie bei Jacques Derrida an der Universität Düsseldorf zum Dr. phil. Die Fragen stellte Christoph Berger

Dr. Klaus Englert, Foto: Karoline Künkler
Dr. Klaus Englert, Foto: Karoline Künkler
Herr Englert, in Ihrem Buch zeichnen Sie unter anderem die Entwicklung des Wohnens nach. Dabei wird deutlich, dass Wohnraummangel beispielsweise auch schon in den 1920er-Jahren herrschte. Wie unterscheiden sich die damaligen Ideen und Konzepte, dieser Misere zu begegnen, von den heutigen? Der Schweizer Kunsthistoriker Sigfried Giedion, der Generalsekretär des Congrès Internationaux d’Architecture Moderne (CIAM) war, setzte sich in den zwanziger Jahren öffentlichkeitswirksam für neue, funktionale und preisgünstige Wohnungen ein. Er forderte die „befreite Wohnung“. In der Zeit von Weltwirtschaftskrise und Wohnungsmangel verkündete er auf dem Frankfurter CIAM-Kongress von 1929: „Gerade die Beschränktheit der Mittel und die Beschränktheit des Raumes werden sich als fördernde Faktoren erweisen. Das Haus für das Existenzminimum muss bei geringerem Preis mehr Komfort bieten als die heute übliche bürgerliche Behausung.“ Die heutigen Raumkonzepte wären größtenteils ohne die Bauhaus-Wohnungen nicht denkbar gewesen: freie Grundrisse und flexible Raumgestaltung, damit man sich jederzeit an neue Lebenssituationen (Vergrößerung oder Verkleinerung der Familie) anpassen kann. Sie beschreiben, das Wohnende heute durch ihr Tun die Umwelt mitgestalten, dieses Tun aber gleichzeitig wieder durch die Umwelt geprägt wird. Was sind die großen Themen, denen sich Wohnende heute durch die Umwelt ausgesetzt sehen? In meinem Buch habe ich Bert Brecht zitiert, der von einem Wohnen spricht, „das seine Umgebung gestaltet.“ Nicht erst aufgrund der Klimakatastrophe dürfte den Menschen mehr und mehr bewusst sein, welche Auswirkung die eigene Wohnung auf die Umwelt hat. Der Wohnende ist niemals einfach der Höhlenbewohner, der sich um seine Umwelt nicht zu scheren braucht. Unsere Wohnung ist niemals losgelöst von unserer Umwelt. Klimabewusst leben bedeutet auch klimabewusst wohnen. Es stellt sich die Frage: Wie und wo (beispielsweise auf dem Wasser) kann man wohnen, ohne die Umwelt zu belasten? Und wie reagiert die Mehrheit der Wohnenden darauf? Das konventionelle Lebensziel „Gründe eine Familie, kaufe ein Auto und schaffe Dir eine Wohnung an“ ist in der Gesellschaft noch tief verwurzelt. Dabei hat die bürgerliche Kleinfamilie schon längst begonnen, sich aufzulösen. Jahrzehntelang wurde das Eigenheim im Grünen als Lebensideal gepriesen. Im Grunde ist dieses Ideal von den wenigsten heute finanziell einzulösen, es sei denn, sie strampeln sich ihr Leben lang ab. Es kommt hinzu, dass peu à peu und gegen alle inneren Widerstände die Einsicht zunimmt, dass sich durch das Eigenheim im Grünen unsere Abhängigkeit von den Autos nicht lösen wird und die dramatische Flächenversiegelung nicht abnimmt. Was das Planen und Bauen betrifft, bemängeln Sie einen Qualitätsverlust in beiden Bereichen. Welchen Beitrag können Bauingenieure leisten, hier entsprechend gegenzusteuern? Um das Wohnen zu verändern, müssten sich alle Akteure ändern, die am Wohnungsbau beteiligt sind. Bauingenieure müssten sich (zusammen mit den anderen am Bau Beteiligten) Gedanken darüber machen, mit welchen technischen Standards das Leben in den Wohnungen zu verbessern und die Umwelt zu entlasten ist. Gesunde und umweltverträgliche Baumaterialien einzusetzen, die zudem leicht rezyklierbar sind, scheint mir eine der wichtigsten Anforderungen zu sein. Dazu gehört auch Textilbeton, der, bei gleichen statischen Eigenschaften, fünfzig Prozent weniger Gewicht hat. Auch wenn das Wohnen heute immer mehr auf die Bedürfnisse nach Flexibilität und Mobilität eingeht: Einen Nestcharakter haben Wohnungen noch immer, oder? Ursprünglich war die bürgerliche Wohnung so etwas wie der Schutz vor der bedrohlichen Außenwelt. Die eigene Wohnung war Höhle und Schutzburg, in die man sich jederzeit zurückziehen konnte. Das war das Wohnmodell des fin de siècle. Ich denke, dieses Modell hat heute ausgedient. Wenn wir heute Wohnungen mit der Qualität von Antidepressiva bauen können, dann hängt das mit der Veränderung unserer Vorstellung von Wohnen zusammen. Viele möchten Licht und Luft hineinlassen und sich nicht länger von der Umwelt abschotten. Giedions Vorstellung von „befreiter Wohnung“ und Nest war vielleicht in den 1920er-Jahren noch Utopie. Heute sind die technischen Möglichkeiten vorhanden, um sie endlich zu realisieren.

karriereführer bauingenieure 2019.2020 – Bauvisionen für Mensch und Klima

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Cover karrierefuehrer bauingenieure 2019-2020

Bauvisionen für Mensch und Klima

Das Bauwesen steht vor einem grundlegenden Wandel: Um die Erderwärmung zu stoppen, muss die Branche neue Stoffe und innovative Gebäudetypen entwickeln. Das Ziel: null Emissionen, bauen im Einklang mit der Natur und Materialrecycling vor Ort. Gefragt sind Bauingenieure, die mutig weiterdenken und sich als Nachhaltigkeitsmanager verstehen. Gelingt das, ergeben sich für den Bau ganz neue Geschäftsfelder.

karriereführer handel/e-commerce 2019.2020 – Evolution statt Revolution

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Cover karriereführer handel/ecommerce 2019-2020

Evolution statt Revolution

Der stationäre Handel steht vor einer Erneuerung, indem er digitale Technik nutzt, sich als „Ökosystem“ neu erfindet und sich dorthin begibt, wo der Kunde Produkte nachfragt. Taktgeber ist hierbei die junge Generation, die schnell, effizient und individuell bedient werden möchte. Die Retail-Unternehmen setzen auf den Nachwuchs, um auf die scheinbar paradoxen Bedürfnisse zu reagieren.

Gefragt: Paradoxie-Kompetenz

Der stationäre Handel steht vor einer Erneuerung, indem er digitale Technik nutzt, sich als „Ökosystem“ neu erfindet und sich dorthin begibt, wo der Kunde Produkte nachfragt. Taktgeber ist hierbei die junge Generation, die schnell, effizient und individuell bedient werden möchte. Die Retail-Unternehmen setzen auf den Nachwuchs, um auf die scheinbar paradoxen Bedürfnisse zu reagieren.

Der Onlinehandel dominiert, der stationäre Handel verliert gleichzeitig mehr und mehr an Boden? Nicht, wenn man sich die Zahlen der aktuellen Branchenstudie des EHI Retail Institute anschaut. Diese aktuelle Analyse der deutschen Retail- Landschafft zeigt: Der Umsatz der drei größten stationären Handelskonzerne (Edeka, Lidl, Aldi Süd) ist mit 62 Milliarden Euro größer als der des gesamten Onlinehandels (56 Mrd. Euro). „Auch, wenn der E-Commerce sich inzwischen knapp über 10 Prozent Marktanteile sichern kann, bleibt der stationäre Handel die tragende Säule des Einzelhandels“, fassen die Autoren der Studie das Ergebnis zusammen. Das ist der Blick auf den Umsatz – und hier liegt die Hoheit weiterhin beim stationären Handel.

Was Google fürs Wissen ist, ist Amazon fürs Shopping

Doch es gibt noch eine erweiterte Perspektive, und diese zeigt, wie sehr sich die Landschaft kulturell gewandelt hat. Das Kölner IFH-Institut hat untersucht, wie groß der Einfluss des digitalen Handels – und hier insbesondere des mit Abstand größten Players Amazon – auf den Konsum ist. Das Ergebnis: Selbst, wenn der Kunde nicht bei Amazon kauft, sondern dafür den stationären Handel besucht, ist der Einfluss des E-Commerce- Riesen immens. „Die Relevanz von Amazon als Informationsquelle nimmt nicht nur branchenübergreifend, sondern auch kanalübergreifend weiter zu“, heißt es in dieser Studie. Amazon sei damit längst kein reines Onlinephänomen mehr. Als „Top-Produktsuchmaschine“ der Konsumenten greife Amazon immer stärker in den stationären Handel ein, in vier von fünf betrachteten Branchen informierten sich Konsumenten mittlerweile vor ihrem stationären Einkauf bei Amazon. Wer etwas wissen will, schaut bei Google nach. Wer etwas kaufen will, informiert sich bei Amazon. Mit Folgen für den Handel, wie die Zahlen der Studie zeigen: „24 Prozent der gesamten deutschen Nonfood-Umsätze (online und stationär) werden bereits durch die Informationssuche bei Amazon beeinflusst. In der Konsequenz aus Kaufvorbereitung bei Amazon auf der einen und Online-Shopping bei Amazon auf der anderen Seite, ist heute so bereits jeder dritte Euro im gesamten deutschen Nonfood-Handel abhängig von Amazon.“

Robo-Verkäufer im Retail

Nichts geht über einen gut informierten und freundlichen Einkaufsberater, doch können sich die Konsumenten durchaus vorstellen, dass Roboter im stationären Handel Mehrwert erzeugen. Die PwC-Studie „Kunden begeistern – vom Einkauf zum Erlebnis“ zeigt, dass Kunden es als Mehrwert empfinden, wenn ein Roboter
  • durch das Geschäft zum Produkt führt (39 Prozent der Befragten),
  • Infos zum Produkt nennt (36 Prozent),
  • Alternativen aufzeigt, wenn ein Produkt nicht erhältlich ist (36 Prozent),
  • Tipps zur Anwendung des Produkts gibt (23 Prozent) oder
  • weitere Empfehlungen zu Produkten gibt, die zum gerade ausgesuchten Produkt passen (21 Prozent).
Das IFH spricht daher sogar von einer „amazonisierten“ Handelswelt. Jedoch dürfe diese starke Rolle des einen Anbieters nicht dazu führen, dass der gesamte stationäre Handel in eine Art Schockstarre falle – die dann dazu führe, dass notwendiger Wandel nicht eingeleitet werde. „Der eigene Erfolgsweg ist auch in einer amazonisierten Welt gestaltbar“, schreiben die IFH-Experten. „Dazu ist es jedoch essenziell, seinen Markt und seine Kunden genau zu kennen und die neuen Gesetzmäßigkeiten im Amazon-Zeitalter zu verstehen.“

Shopping-Zukunft: Menschlicher als gedacht

Aber um welche Gesetzmäßigkeiten handelt es sich? Und wie werden sie den Handel verändern? Theresa Schleicher zählt im deutschsprachigen Raum zu den führenden Retail- Beraterinnen, seit 2013 beschäftigt sie sich beim Zukunftsinstitut mit kommenden Entwicklungen und ihre Auswirkungen auf die Handelsbranche. Ihre neusten Ein- und Ansichten hat sie im „Retail Report 2020“ zusammengefasst, ihr Fazit: „Die nahe Zukunft ist viel menschlicher, als vor zehn Jahren noch gedacht.“ Damals, im Jahr 2009, prallte die Digitalisierung erstmals mit voller Wucht auf die Handelswelt. „Und zwar so immens, dass man sich die Frage stellte, ob der Handel offline überhaupt eine Zukunft hat“, erinnert sich Theresa Schleicher. Die Krise habe sogar dazu verleitet, das Ende des stationären Handels auszurufen: „Man sprach vom Aussterben der Innenstädte, zum boomenden E-Commerce kamen immer mehr Fachmarktzentren und Shopping-Center auf der grünen Wiese hinzu, die den Städten und Gemeinden die Besucher und Kunden raubten.“

Evolution statt Revolution

Auf der einen Seite habe die Branche die Möglichkeiten des Handels im Netz überhöht, auf der anderen Seite die Kraft und die Alleinstellungsmerkmale inhabergeführter Fachgeschäfte unterschätzt. Mit der Folge, dass der Wettstreit zwischen online und stationär anders ablief, als man 2010 vermutete: „Beim Kampf Online gegen Offline ging nicht einer der beiden als Sieger hervor, sondern es kam zu einer Vermischung“, so Theresa Schleicher. „Die Revolution im Handel war eine Evolution, bei der sich die anpassungsfähigsten und innovativsten Player – ob groß oder klein – prima platzieren konnten.“ Wobei Anpassung eben auch heißt, dass ausgerechnet die Online-Giganten stationäre Stores eröffnen. Hier sei schon eine gewisse „Paradoxie-Kompetenz“ notwendig, wenn man sich mit den Entwicklungen im Handel beschäftigt, sagt Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts: „Ich habe schon unzählige Diskussionen erlebt über die Bedrohung des stationären Handels durch die Online-Plattformen. Und jetzt sind wir Zeugen einer Expansion Amazons mit eigenen stationären Stores.“ Und Gatterer nennt noch eine zweite Paradoxie: „Weltweit spricht man von Achtsamkeit und der Sehnsucht nach Entschleunigung, aber zugleich sind die Konsumenten ungeduldiger denn je.“

Gefragt: „Paradoxie-Kompetenz“

Die Handelsunternehmen könnten sich über diese wechselnde Laune ihrer Kunden beklagen. Die bessere Strategie ist es aber, die Bedürfnisse mit Hilfe der „Paradoxie-Kompetenz“ aufzunehmen, sie mit all ihrer Widersprüchlichkeit zu analysieren und daraufhin smarte Konzepte zu entwickeln. Nehmen wir den Trend des „Instant Shoppings“, den Handelsexpertin Theresa Schleicher in der „Ära des ungeduldigen Konsumenten“ verortet: Konsumenten leben, entscheiden und kaufen hektisch und schnell, und dem stationären Handel macht diese Ungeduld zu schaffen. Wie darauf reagieren?  

Age of Ecosystems

Branchen-Expertin Theresa Schleicher ruft in ihrem „Retail Report 2020“ das Zeitalter der Ökosysteme aus. Erfolgreich seien Anbieter, die sich zu digitalen Ökosystemen verwandeln: Nicht mehr der eigene Online-Shop genießt Priorität, sondern die Erschaffung eines Netzwerkes auf digitalen Marktplätzen unter dem Dach der starken Marke. „Doch längst können nicht nur die Big Player von der Plattform-Ökonomie profitieren In diesen Ökosystemen bieten sich auch für kleine Händler immense Chancen: Denn ein Ökosystem kann nur dann erfolgreich existieren, wenn es einen Wert für alle Akteure schafft, die Teil des Systems sind – egal ob groß oder klein“, so die Expertin. Die Zukunft des Handels liege in smarten Kooperationen – „branchenübergreifend und selbst mit vermeintlichen Konkurrenten“.
Denken wir an das alte Sprichwort, nach dem, wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, der Prophet eben zum Berg kommen muss: Theresa Schleicher schlägt Strategien vor, die an die Kompetenzen der „Fliegenden Händler“ von früher erinnern, die ein Gespür dafür besaßen, wann welcher Kunde welches Produkt benötigt. Von diesem Instinkt könne der Handel etwas lernen: „Indem der Verkaufsort zum Kunden kommt oder dort zu finden ist, wo sich der Kunde gerade aufhält, können die Waren sofort mitgenommen und genutzt werden. Oder die Lieferung erfolgt dorthin, wo man sich gerade befindet – natürlich innerhalb weniger Minuten.“

Intensiver und schneller Konsum an „Third Places“

An so genannten „Third Places“ ist heute schon zu beobachten, wie das funktioniert. Dabei handelt es sich um Orte wie Hauptbahnhöfe, Flughäfen oder auch Tankstellen, Plätze also, an denen sich Menschen zwar nur aufhalten, um schnell wieder wegzukommen, dafür aber intensiv bereit sind, Angebote zu nutzen. Der Handel hat das Potenzial dieser Orte erkannt, Zahlen zeigen, dass zum Beispiel der Einzelhandel im Sicherheitsbereich der Flughäfen bereits 61 Prozent der Fläche erobert hat, der Gastronomieanteil liegt nur bei 35 Prozent. Doch einfach nur da zu sein, reicht in Zukunft nicht aus. Die App AtYourGate zeigt auf, wie es gelingen kann, auf den Kunden zuzugehen: Schnell vor dem Abflug können die Konsumenten noch Einkäufe tätigen, natürlich per Online-Bezahlung und mit minimalen Lieferzeiten: Handelsunternehmen, die mit der App kooperieren, lassen ihre Ware innerhalb von 30 Minuten direkt ans Gate liefern, sei es Aufladekabel oder Bluetooth-Kopfhörer, Krawatte oder Hemd, Spielzeug als Geschenk für die Kinder oder ein Fachbuch, das man gerne auf dem Flug lesen möchte. Wohin der Weg gehen kann, zeigen die „Stop & Shop“-Supermärkte, die an der Ostküste der USA unterwegs sind: Die Shops sind autonom mobil unterwegs, der Kunde kennt das Sortiment, die gewünschte Ware wird automatisch herausgegeben, der Kunde kann sie sich anschauen und dann entscheiden, ob er zugreift oder nicht.

Tradition der „Fliegenden Händler“

Doch solche mobilen Angebote sind nicht zwingend automatisiert: Das deutsche Print-Magazin MINT, das seine Zeitschrift ausdrücklich an die Sammler von Vinyl-Schallplatten richtet, schickt ab Ende des Jahres einen Vinyl-Bus durch die Republik; Station macht das mit Tausenden LPs geladene Gefährt in Städten, in denen es keine Plattenläden mehr gibt. „Sammler, die dort leben und ihrer Leidenschaft nachgehen wollen, haben keine andere Chance, als lange Fahrten in größere Städte auf sich zu nehmen oder ihre Platten übers Netz zu bestellen. Durch Gespräche mit unseren Lesern erfahren wir jedoch, dass diese Leute ein großes Bedürfnis danach haben, dort, wo sie wohnen, nach Platten zu stöbern und direkt vor Ort zu kaufen. Ohne Fahrerei. Und ohne, dass die Ware erst verschickt werden muss“, sagt MINT-Herausgeber Michael Lohrmann, der die Idee zum Vinyl-Bus hatte.

Zukunftsinstitut: Retail-Trends für 2020

Neben Instant-Shopping nennt der Retail Report 2020 des Zukunftsinstituts weitere Trends für das kommende Jahr:
  • „Playful Stores“: Statt der Flächenproduktivität (Einnahmen pro Quadratmeter) zählt das Erlebnis pro Quadratmeter.
  • Event-Shopping“: Black Friday, Cyber Monday, Record Store Day etc. – der Handel kreiert immer weitere Shopping-Tage, sollte es damit aber nicht übertreiben.
  • „Cashfree Retail“: In vielen Ländern schon obligatorisch, doch Deutschland hinkt beim „Bezahlen im Vorbeigehen“ hinterher – noch.
Der Vinyl-Bus stößt damit in eine Nische vor – als mobiles Angebot eben ganz in der Tradition der „Fliegenden Händler“. Was ein solcher Vinyl-Bus in der Provinz leistet: Er begeistert die Kunden. Und genau darauf komme es an, heißt es in einer Retail-Studie des Beratungsunternehmens PwC. „Gut geschultes und aufmerksames Personal ist wichtig, um Kunden im stationären Einzelhandel ein positives Einkaufserlebnis zu schaffen“, heißt es in dem Report mit der Überschrift „Kunden Instant-Shopping begeistern – vom Einkauf zum Erlebnis“. Die Studie hat herausgefunden, dass sich drei Viertel der Kunden freundliche, aufmerksame und präsente Verkäufer wünschten. Digitale Technologien wie Roboter würden zwar als hilfreich eingeschätzt, um Verkäufer zu entlasten und zu unterstützen. „Menschliche Berater ersetzen können sie jedoch nicht“, heißt es in der Studie.

Junge Generation legt die Maßstäbe

Was die Beratung betrifft, ist im stationären Handel noch Luft nach oben: 59 Prozent der Konsumenten gaben an, dass sie bei ihrem letzten Einkauf den Verkäufer direkt ansprechen mussten, um beraten zu werden. „Nur jeder dritte Kunde berichtet, dass er bei seinem letzten Beratungsgespräch vom Verkäufer hinreichende Produktinformationen und Empfehlungen erhalten hat“, schreiben die Autoren der PwC-Studie. Dabei stellten die Handelsexperten fest, dass die junge Generation der Konsumenten neue Maßstäbe setze: „Die Generation der unter 30-Jährigen hat höhere Erwartungen an das Einkaufserlebnis im stationären Handel als alle anderen Generationen. Sie ist der Treiber von Digitalisierung und Individualisierung. Gleichzeitig sucht sie Orientierung und bildet die Kernzielgruppe für digitales Marketing.“ Die Autoren raten den Händlern, diese Ansprüche nicht als Sonderwünsche zu behandeln. Vielmehr sollten „die Erwartungen dieser jungen Menschen sehr schnell zum generationenübergreifenden Mainstream werden.“ Hohe Ansprüche hat die junge Generation zum Beispiel beim Blick auf digitale Services im stationären Handel: 43 Prozent der jüngeren Kunden wollen online einsehen, ob ein Produkt im stationären Shop erhältlich ist, knapp ein Drittel möchte zudem wissen, wie voll es im Laden ist. Hier zeigt sich, dass sich der stationäre Handel eben nicht als Gegenmodell zum Online-Anbieter verstehen sollte, sondern dass er digitale Potenziale in sein Angebot integriert. Im Vergleich zum Online- Handel punkten kann er durch den „Faktor Mensch“: Die PwCStudie zeigt, dass 44 Prozent der jungen Kunden erwarten, dass die Verkäufer sich für ihre persönlichen Präferenzen interessieren; rund ein Viertel wünscht sich persönliche Verkaufsberater sowie personalisier- und individualisierbare Produkte.

„Beratung ist geil“

Interessant dabei: Diese neue Generation zeigt sich in Teilen durchaus bereit dafür, sich diesen Mehrwert etwas kosten zu lassen: „Etwa jeder Zweite würde einen Aufpreis für kompetente Beratung beim Kauf von Elektronik, Möbeln und Sportartikeln bezahlen“, haben die PwC-Handelsexperten herausgefunden. Von wegen „Geiz ist geil“: Die junge Kundengeneration erhofft sich mehr – muss es aber nicht immer superbillig haben. Wohlwissend, dass besondere Erlebnisse nicht zum Geiztarif zu haben sind. Für den Handel ergeben sich daraus gute Chancen für innovative Idee und neue Absatzformen. Gefragt ist hier insbesondere der Nachwuchs im Handel, der die Wünsche der prägenden jungen Generation aus erster Hand kennt.