karriereführer frauen in führungspositionen 2019.2020 – Aus Mut wird Wut

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Aus Mut wird Wut

Die Debatte über mehr Frauen in Führung läuft und läuft – doch ihre Wirkung bleibt gering. Selbst Ansätze wie mehr Homeoffice sorgen nicht für Wandel, sondern festigen die alten Strukturen. Es ist an der Zeit, den Ton zu ändern: Die Zeichen stehen darauf, den Ärger über den Status quo zu nutzen, und den Gegnern des Wandels etwas entgegenzusetzen – kreativ, aufklärerisch und mit klarer Kante.

Aus Mut wird Wut

Die Debatte über mehr Frauen in Führung läuft und läuft – doch ihre Wirkung bleibt gering. Selbst Ansätze wie mehr Homeoffice sorgen nicht für Wandel, sondern festigen die alten Strukturen. Es ist an der Zeit, den Ton zu ändern: Die Zeichen stehen darauf, den Ärger über den Status quo zu nutzen, und den Gegnern des Wandels etwas entgegenzusetzen – kreativ, aufklärerisch und mit klarer Kante. Von André Boße

Frauen müssen mutiger werden – dann klappt es früher oder später auch mit dem Aufstieg in die Führungspositionen. Sehr häufig wurde dieses Credo in diversen Interviews zum Thema genannt. Mutig zu sein, das klingt ja auch nach einem guten Plan. Aber funktioniert er?

Wo führen Frauen?

Bei steigender Unternehmensgröße nimmt der durchschnittliche Anteil von Frauen in Spitzenpositionen kontinuierlich ab und steigt dann bei den Großunternehmen wieder an, so das Ergebnis der Crifbürgel-Studie. Während in kleinen Firmen mit bis zu zehn Mitarbeitern mehr als jede vierte Führungskraft eine Frau ist (26,1 Prozent), sinkt die Chefinnenquote bei 101-bis- 500-Mitarbeiter-Unternehmen auf 12,1 Prozent. Bei Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern steigt die Frauenquote wieder an (13,4 Prozent), und bei Großunternehmen mit mehr als 10.000 Mitarbeitern liegt der Anteil von Frauen in Führungspositionen bei 16,8 Prozent.

Wie sieht es in den Branchen aus?

Der Informationsdienstleister Crifbürgel hat auch untersucht, in welchen Branchen Frauen häufiger oder weniger häufig Führungspositionen einnehmen. Bei dieser Analyse liefert das Gesundheitswesen mit einer Frauenquote von 38,0 Prozent den höchsten Wert. Aber auch im Handel (26,9 Prozent) und im Verlagswesen (24,0 Prozent) nehmen Frauen überdurchschnittlich häufig Führungspositionen ein. Wenige Frauen in Führungspositionen sind indes im Maschinenbau (9,3 Prozent), im Baugewerbe (9,7 Prozent), in der Energieversorgung (11,2 Prozent) sowie der Schifffahrt (11,9 Prozent) vertreten. Vollständige Studie: www.crifbuergel.de Aktuelles – Studien – 15.11.2018: Führungspositionen in Deutschland

Hier ein paar Fakten, die eher mutlos als mutig machen. Der Informationsdienstleister Crifbürgel hat Anfang 2019 die Ergebnisse einer groß angelegten Studie über Führungskräfte in Unternehmen veröffentlicht. Die Statistiker haben dafür rund 3,15 Millionen Positionen von Führungskräften aus knapp 1,3 Millionen Unternehmen in Deutschland betrachtet und hinsichtlich Alter, Geschlecht und Regionen analysiert. Bei den Führungspositionen handelt es sich um Geschäftsführer, Aufsichtsratsmitglieder und -vorsitzende sowie um Vorstandsmitglieder und -vorsitzende.

Debatte intensiv, Folgen minimal

Das Ergebnis ist ernüchternd. Zwar werde die Debatte um Frauen in Führungspositionen in Deutschland seit Jahren geführt, „zuletzt immer intensiver“, wie die Autoren der Studie feststellen. „In der Folge ist dagegen relativ wenig passiert. Die Zahl der Frauen an der Spitze nimmt kaum zu.“ So liegt der Anteil an Frauen in Führungspositionen in den untersuchten Betrieben derzeit bei 22,6 Prozent – und damit nur um 0,1 Prozentpunkte höher als vor 24 Monaten. Da helfe es auch wenig, wenn die Politik eingreift und Forderungen stellt: „Obwohl die Politik seit Jahren eine höhere Frauenquote in deutschen Aufsichtsräten fordert, beträgt der Frauenanteil aktuell 17,1 Prozent“, heißt es in der Studie.

Interessant ist ein Blick auf geografische Unterschiede: Die ostdeutschen Bundesländer nehmen eine Vorreiterrolle ein. Brandenburg liegt mit einer Frauenquote in Führungspositionen von 28,3 Prozent bundesweit an der Spitze, aber auch in Sachsen (27,1 Prozent) und Mecklenburg-Vorpommern (26,8 Prozent) liegt die Frauenquote in Spitzenpositionen deutlich höher als im Bundesdurchschnitt. Auf den letzten drei Plätzen: NRW (20,7 Prozent), Bayern (19,6 Prozent) und Baden-Württemberg (18,8 Prozent).

Homeoffice: Frauen in Doppelbelastung

Und noch eine Studie, die eher mutlos macht: Für das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der Hans- Böckler-Stiftung hat Dr. Yvonne Lott, Expertin für Gender und Arbeitszeit, auf Grundlage einer Studie einen Report verfasst, in dem sie der Frage nachgeht, wie sich verstärkte Homeoffice- Zeiten auf das Arbeitsverhalten von Männern und Frauen auswirken. Prinzipiell sei Homeoffice eine Chance, Frauen zu fördern – schließlich sei es ein zentraler Lösungsansatz für das Problem, Job und Familie unter einen Hut zu bringen. „Selbstbestimmte Arbeitszeiten und Homeoffice können Beschäftigten mehr Autonomie und somit die Möglichkeit geben, ihre Erwerbsarbeit an ihr Familienleben anzupassen“, schreibt Dr. Yvonne Lott. Doch wie nutzen Frauen und Männer diese Autonomie? Die Studie zeigt, dass die Freiheit nicht zur Entlastung führt. Im Gegenteil: „Während die Väter sehr viel mehr Zeit in den Job stecken, machen Mütter etwas mehr Überstunden, vor allem nehmen sie sich aber deutlich mehr Zeit für die Kinderbetreuung.“ Kurz: Die Männer arbeiten mehr. Die Frauen auch – und belasten sich zusätzlich noch mit den familiären Pflichten.

Homeoffice fördert Faulheit? Von wegen!

Die WSI-Studie widerlegt das Argument, flexible oder sogar frei gestaltbare Arbeitszeiten im Homeoffice sorgten dafür, dass die Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter sinkt. Das Gegenteil ist der Fall: Männer und Frauen arbeiten mehr, bei den Frauen kommt dazu, dass die Zeit für die Familie ebenfalls steigt. Zusätzliche Erholungszeit, also etwa für mehr Schlaf, individuell gestaltete Freizeit oder Sport, haben Beschäftigte mit Kindern im Haushalt durch flexible Arbeitszeiten generell nicht. Studienautorin Dr. Yvonne Lott sagt: „Einen Freizeitgewinn mit flexiblen Arbeitsarrangements gibt es weder für Mütter noch für Väter.“ Vollständige Studie: www.boeckler.de/pdf/p_wsi_report_47_2019.pdf

„Mütter, die im Homeoffice arbeiten, kommen in der Woche auf drei Stunden mehr Betreuungszeit für die Kinder als Mütter, die nicht von zu Hause arbeiten können; zugleich machen sie eine zusätzliche Überstunde im Job“, schreibt die Expertin in ihrem Report. Bei Vätern sehe es anders aus: „Sie machen im Homeoffice mehr Überstunden – wöchentlich zwei mehr als Väter ohne Heimarbeit –, nehmen sich aber nicht mehr Zeit für die Kinder.“ Das Fazit von Dr. Yvonne Lott: „Damit hilft flexibles Arbeiten zwar bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, es kann zugleich aber auch die klassische Rollenverteilung zwischen Frauen und Männern festigen oder sogar verstärken.“ Grundsätzlich führten flexible Modelle bei beiden Geschlechtern im Schnitt zu längeren Arbeitszeiten im Job. „Bei Männern ist dieser Effekt aber deutlicher ausgeprägt als bei Frauen. Wobei Letztere gleichzeitig mehr Zeit für die Kinder aufwenden und so häufig doppelt belastet sind.“

Zähne knirschen statt Wut rauslassen

Immer wieder haben Frauen flexible Arbeitszeiten gefordert, um damit ihre Optionen zu verbessern und Karrierechancen zu erhöhen. Und nun zeigt sich, dass dieses Instrument bei Frauen zu einer Doppelbelastung führt, während Männer es nutzen, um noch mehr zu arbeiten. Nein, Mut macht das nicht. Es ist eher so, dass solche Studien Wut erzeugen. Wobei hier schon das nächste Problem wartet: In einer Studie hat die amerikanische Sozialforscherin Jessica Salerno herausgefunden, dass bei Gerichtsverhandlungen wütende männliche Anwälte ihre Effektivität steigern, während diese bei wütenden weiblichen Anwälten sinkt. Der Grund: Dem Gender-Stereotyp nach sind Männer wütend, wenn die äußeren Umstände sie zur Weißglut bringen – und Frauen dann, wenn das innere Gleichgewicht nicht stimmt.

Das ist natürlich Unfug, genau wie das Klischee, nach dem Männer mehr Wut in sich tragen als Frauen. Die Wut ist da. Nur leben Frauen sie nicht so häufig aus, sondern nehmen das, was sie erleben, zähneknirschend hin. Und das lässt sich belegen: Bruxismus nennen Zahnmediziner das unbewusste aufeinanderpressen der Zähne im Schlaf, wodurch sich Abschleifspuren ergeben, die den Schutz der Zähne verringern. Gegen diese Folgen helfen Kieferschienen, und die Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) hat in einer Studie festgestellt, dass doppelt so viele Frauen diese Schienen erhalten. Als Grund vermutet SBK-Expertin Kathrin Pflügel, dass psychische Belastungen oder emotionale Herausforderungen zu diesem kontinuierlichen Anstieg führen: „Aus unserer Erfahrung wissen wir, dass Patienten immer häufiger Stresssituationen ausgesetzt sind, die sie im Schlaf verarbeiten.“

Was hilft: Inspiration und Aufklärung

Was also tun, raus mit der Wut? Zumindest besser, als den Ärger in sich reinzufressen. Ideal wird es, wenn Frauen ihren Ärger über das nur zögerliche Vorankommen und ihren Unmut über Gegenwind aus der Männerriege in kreative oder aufklärerische Projekte ummünzen. Kreativ ist zum Beispiel die Plattform „Sisters of Europe“, ins Leben gerufen von den zwei Autorinnen Prune Antoine und Elina Makri. Die Französin und die Griechin beginnen ihr Projekt mit Porträts von 17 Frauen, die andere Frauen inspirieren sollen. Die in dieser Reihe vorgestellten „Sisters of Europe“ sind in der Regel keine Prominente, sondern Heldinnen des Alltags, denen es gelungen ist, trotz widriger Umstände und im gesellschaftlichen Gegenwind Haltung zu zeigen und den Unterschied zu machen.

Fortgesetzt wird das Projekt dann mit Diskussionsveranstaltungen in europäischen Großstädten, in denen jeweils die Themen angegangen werden, die vor Ort eine große Bedeutung haben. So gab es bereits eine Debatte in Berlin, wo es um das Thema „Gender-Pay-Gap“ ging, also die ungerechte Bezahlung von Frauen und Männern, die gleiche Arbeit leisten. Unterstützt wurde das Projekt dort von den Initiatorinnen des Portals „Was verdient die Frau?“, das Themen wie den Pay-Gap oder Sexismus am Arbeitsplatz behandelt und unterstützt wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Stichwort Sexismus: Wann fängt dieser an, wie weit geht er – und wo liegt der Unterschied zur Misogynie, also der Geringschätzigkeit von Männern gegenüber Frauen? Die Philosophin Kate Manne hat mit „Down Girl“ ein Buch geschrieben, das die Logik der Misogynie erklärt und diesen Begriff vom Sexismus differenziert. Mannes These: Je stärker die Vorherrschaft des Patriarchats in Frage gestellt und angegriffen wird, desto vehementer wehren sich diejenigen Männer, die von diesem profitieren. Dabei haben sie eine Logik entwickelt, die Kate Manne wie folgt beschreibt: Männer teilen die Frauen ein, in die aus ihrer Sicht „schlechten“ Frauen, die die männliche Vorherrschaft angreifen, sowie in die „guten“, die den Männern die aus ihrer Sicht natürlich zustehende Anerkennung und Fürsorge zukommen lassen. „Die ‚guten’ Frauen werden geduldet, wohingegen die ‚schlechten’ kontrolliert, unterworfen und zum Schweigen gebracht werden müssen. Das ist die Struktur der Misogynie.“

Die patriarchalen Strukturen basieren nicht auf einer natürlichen oder rationalen Logik.

Wer Kate Mannes Buch liest, ist anschließend in der Lage, das, was tagtäglich in der Politik und Wirtschaft, aber auch in den kleinen und großen Unternehmen passiert, genauer zu durchleuchten und zu hinterfragen. Klar wird dabei vor allem eines: Die patriarchalen Strukturen basieren nicht auf einer natürlichen oder rationalen Logik. Sie sind nichts anderes als ein ungerechter Status quo. Wer sie verteidigt, hat entweder nichts verstanden oder will nur seine Pfründe retten. Es spricht wenig dagegen, diesen Männern nicht nur mutig, sondern auch mit einer gewissen Wut im Bauch gegenüberzutreten. So, wie es die Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez in den USA tut: Die 29 Jahre alte Kongressabgeordnete der Demokraten scheut sich nicht, offensiv Stellung zu beziehen. „Sie ist besonders effektiv darin, die frauenfeindlichen und lächerlichen Versuche, sie zu diskreditieren, offen zu benennen. Sie zeigt, dass man mit einer klaren Haltung und einem genauen Gespür für den Gegner sehr weit kommen kann“, sagt Kate Manne über Ocasio-Cortez in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung.

KI: Männer leichter ersetzbar als Frauen

Haltung und ein gutes Gespür für den Gegner: Diese Methoden sind es, die zum Erfolg führen. Und sowieso: Die Zukunft spricht für die Frauen. Der Informatiker Jürgen Schmidhuber, Direktor des schweizerischen Forschungsinstituts für Künstliche Intelligenz IDSIA und eines KI-Labs an der TU München, erforscht die Auswirkungen von Methoden mit Künstlicher Intelligenz auf die Arbeit. Immer wieder wird die Gefahr heraufbeschworen, die Maschinen seien eines Tages in der Lage, immer größere Anteile der menschlichen Arbeit zu übernehmen. Schmidtbauers These: Die Frauen dürfen sich entspannen, weil ihre Arbeit wesentlich schwerer durch Künstliche Intelligenz zu ersetzen sei. In einem Interview für den Deutschlandfunk erklärt der Informatiker seine Prognose: „Das liegt daran, weil die meisten Männer eigentlich nur eine Sache wirklich gut können – sie haben oft Tunnelbegabungen. Die Frauen hingegen können ganz viele verschiedene Sachen – und sie können auch vieles gleichzeitig tun.“ So seien Computer seit vielen Jahren in der Lage, den besten menschlichen Schachspieler zu besiegen. Doch können diese Rechner wirklich nur das: Schachspielen. Bei der Kombination, diverse Dinge parallel zu tun, scheitern sie. Multitasking ist ihre Sache nicht. Und wie man immer wieder hört, geht es da einigen Verteidigern des Patriachats nicht anders.

Buchtipp:

cover-die-logistik-der-misogynieMit „Down Girl – Die Logik der Misogynie“ hat die Philosophin Kate Manne eine kluge und vieldiskutierte Analyse vorgelegt, mit der sie zeigt, wie Misogynie in der Politik und im öffentlichen Leben verankert ist. Die Autorin ist Assistant Professor of Philosophy an der Cornell University, außerdem schreibt sie unter anderem für die New York Times und The Huffington Post. Das Magazin Times Higher Education und die Washington Post wählten „Down Girl“ zu einem der besten Bücher des Jahres 2017. Nun ist das Werk in deutscher Sprache erschienen. Kate Manne: Down Girl – Die Logik der Misogynie. Suhrkamp 2019. 32 Euro.Jetzt kaufen bei Amazon

Siemens-Personalvorstand Janina Kugel im Interview

Als Arbeitsdirektorin, Chief Human Ressources Officer und Mitglied des Vorstands von Siemens zählt Janina Kugel zu den Frauen mit der größten Personalverantwortung in Deutschland. Im Interview erzählt die 49 Jahre alte VWL-Absolventin, ob auch sie auf gläserne Decken und alte Vorurteile traf und was ihr Konzern tut, um Diversität in allen Bereichen zu garantieren. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Janina Kugel, 49 Jahre, studierte Volkswirtschaft an der Universität Mainz und an der Università degli Studi di Verona, Italien. Ihren beruflichen Werdegang begann sie 1997 als Management Consultant bei Accenture. 2001 kam sie als Vice President Business Transformation & Knowledge Management zu Siemens. Dort war sie in verschiedenen Führungspositionen tätig, bevor sie 2012 kurz als Personalchefin zu Osram ging. 2013 kehrte sie zu Siemens zurück, wo sie zunächst die Personalstrategie- und Führungskräfteentwicklung leitete, 2014 zusätzlich als Chief Diversity Officer tätig war und 2015 zum Mitglied des Vorstands berufen wurde.

Frau Kugel, als Arbeitsdirektorin tragen Sie die Verantwortung für rund 380.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Siemens. In welchen Momenten werden Sie sich dieser Verantwortung besonders bewusst?
Die Verantwortung ist allgegenwärtig, es geht schließlich um Menschen. Und besonders heute, wo die Digitalisierung immer schneller die Arbeitswelt verändert und viele Menschen verunsichert, ist Verantwortungsbewusstsein wichtig. Verantwortung müssen einerseits wir als Unternehmen gegenüber unseren Mitarbeitern übernehmen, andererseits muss aber auch jeder selbst Verantwortung für sich übernehmen, indem er bereit ist, ständig Neues zu lernen. „Lebenslanges Lernen“ ist keine Floskel – es ist in der heutigen Arbeitswelt zwingend erforderlich!

Wann wird diese Verantwortung unter Umständen zu einer Belastung?
Verantwortung übernehmen bedeutet, Entscheidungen zu treffen. Da muss ich das Wohl der gesamten Belegschaft im Blick behalten. Das bedeutet manchmal auch, dass eine Entscheidung für einige Mitarbeiter schmerzhaft ist, weil sie beispielsweise ihren Arbeitsplatz verlieren. Die Digitalisierung wird neue Arbeitsplätze schaffen, aber sie wird auch dazu führen, dass manche Arbeitsplätze nicht mehr benötigt werden. Wenn ich das den betroffenen Mitarbeitern von Angesicht zu Angesicht sagen muss, dann geht das auch an mir nicht spurlos vorüber.

Nur wenn wir ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen, werden wir mehr Diversität erreichen.

Wir tun aber viel, um für den gegenwärtig stattfindenden Strukturwandel gewappnet zu sein. Siemens gibt jährlich mehr als 500 Millionen Euro für Aus- und Weiterbildung aus. In den nächsten vier Jahren kommen noch einmal bis zu 100 Millionen Euro für Qualifizierungsmaßnahmen den Strukturwandel betreffend hinzu.

Was ist Ihr ganz persönlicher Ansatz, um Karrieren von Frauen in einem Konzern wie Siemens nachhaltig zu unterstützen?
Unser Engagement, Frauen auf allen Ebenen des Unternehmens zu fördern, endet nicht mit der Einhaltung gesetzlicher Vorschriften. Deshalb fördern wir weiterhin verschiedene Initiativen, Programme und Maßnahmen, um einen Kulturwandel in Geschlechtergleichheit, Vielfalt und Integration auszulösen. Beispielsweise gibt es bei Siemens weltweit mehr als 45 Netzwerke für Frauen. Allein im „Grow2Glow“-Netzwerk coachen mehr als 140 Führungskräfte ihre Kolleginnen. Mit Initiativen wie „Job Shadowing“ oder „Unconscious-Bias- Trainings“ wollen wir den Nutzen, den Diversity jedem von uns und dem Unternehmen bringt, verdeutlichen – besonders unseren Führungskräften. Denn dort muss Diversity vorgelebt werden. Neben all dem möchte ich aber auch an die Frauen selbst appellieren: Frauen müssen mutiger und selbstbewusster im Arbeitsalltag sein!

Sind Sie jemals an die ominöse gläserne Decke gestoßen?
Natürlich, die gläserne Decke ist ja leider immer noch allgegenwärtig. Schauen Sie sich die Besetzung von Führungspositionen an. Was Diversität betrifft, liegt Deutschland im internationalen Vergleich ziemlich weit hinten. Letztlich muss zwar jeder oder jede selbst durch Leistung überzeugen und hat damit ein Stück weit selbst die Karriere in der Hand. Dazu braucht es Wissen, Überzeugungskraft und Beharrlichkeit. Aber die Chancen sind nicht für alle gleich, insbesondere in Deutschland zeigt sich, dass die Herkunft und auch der Bildungsabschluss der Eltern für das eigene Fortkommen eine erhebliche Rolle spielen. Nur wenn wir ein Umdenken in der Gesellschaft erreichen, werden wir mehr Diversität erreichen. „Diversity“ beflügelt Innovationen und macht uns erfolgreicher! Und das gilt nicht nur für Gender-Diversity.

Wie blicken Sie generell auf die Wege von Frauen in großen Unternehmen? Tut sich was? Oder wird zwar viel geredet, bleiben die Folgen aber hinter Ihren Erwartungen zurück?
Auf Unternehmensseite gibt es heute viele gute Initiativen zur Frauenförderung – nicht nur bei Siemens. Wir dürfen aber nicht lockerlassen, sonst rutschen wir wieder in alte Denkmuster und Frauenbilder ab. Und die sind noch stark vertreten.

„Diversity“ beflügelt Innovationen und macht uns erfolgreicher! Und das gilt nicht nur für Gender-Diversity.

Welche meinen Sie konkret?
Ich finde es befremdlich, wenn ich lese, dass manche es nicht für im Interesse ihres Unternehmens halten, wenn Frauen zum Beispiel im Vorstand vertreten sind. Oder wenn manche immer noch glauben, dass nur Männer Führungskräfte sein können. Solche Beispiele zeigen, dass wir in der Gesellschaft noch einen weiten Weg vor uns haben – auch wenn wir schon viel erreicht haben.

Unter „Unconscious Bias“ versteht man unbewusste Vorurteile und Annahmen einer Person gegenüber. So leiden Frauen gerade in technischen Konzernen häufig darunter, dass man sie schon im Vorfeld unterschätzt. Wie gelingt es Ihnen, diese Voreingenommenheit auszuschließen oder zumindest ihre Wirkung bei Personalentscheidungen abzumildern?
Zunächst einmal sind unbewusste Denkmuster – oder auf Englisch „Unconscious Bias“ – nicht per se schlecht, sie können uns in manchen Situationen auch vor Gefahren schützen. Aber es gibt auch Denkmuster, die nicht einfach aus den Köpfen vieler Menschen herauszubekommen sind. Prominente Beispiele dafür sind bestimmte Frauen- oder Männerbilder. So hat eine Studie der Harvard University ergeben, dass mehr als 70 Prozent aller Menschen Karriere eher mit Männern, Familie dagegen eher mit Frauen verbinden. Das führt dazu, dass es Frauen schwerer haben, in Führungspositionen zu gelangen. Wir verzichten damit auf einen wertvollen Pool an Fachkräften. Das ist besonders gravierend in Zeiten des Fachkräftemangels.

Bei Siemens möchten wir unsere Mitarbeiter sensibilisieren, damit sie unbewusste Denkmuster erkennen und mit gezieltem Training überwinden können. So haben wir beispielsweise eine Online-Schulung entwickelt, die auf allen Hierarchieebenen – im Management, von Angestellten und in der Personalabteilung – genutzt werden kann. Vor drei Jahren haben wir zudem eine globale Unconscious-Bias-Expertengruppe ins Leben gerufen – als Ratgeber, um die lokale Realisierung von Projekten zu unterstützen. Denn wenn sich jeder von uns über seine „bias“ bewusst wird, dann besteht die Chance, aktiv dagegen zu steuern und damit auch die alten Denkmuster aufzubrechen.

Was geben Sie persönlich jungen Frauen mit auf den Weg, die jetzt vor dem Einstieg ins Berufsleben stehen?
Egal ob junge Frau oder junger Mann – ich gebe beiden denselben Rat mit auf den Weg: Seid bereit, euer ganzes Leben lang zu lernen und eure Qualifikationen ständig anzupassen. Es reicht heutzutage nicht mehr aus, nur mit einer Ausbildung das ganze Berufsleben zu bestreiten – dafür ändert sich die Welt, in der wir leben und arbeiten, viel zu schnell.

Zum Unternehmen

Siemens ist ein weltweit tätiges Unternehmen mit rund 380.000 Beschäftigten. Der Schwerpunkt des Geschäfts liegt auf den Gebieten Stromerzeugung und -verteilung, intelligente Infrastruktur bei Gebäuden und dezentralen Energiesystemen sowie Automatisierung und Digitalisierung in der Prozess- und Fertigungsindustrie. Durch das eigenständig geführte Unternehmen Siemens Mobility gestaltet das Unternehmen außerdem den Weltmarkt für Personen- und Güterverkehr. Über die Mehrheitsbeteiligungen an den börsennotierten Sparten „Healthineers“ und „Gamesa Renewable Energy“ gehört das Unternehmen zudem zu den führenden Anbietern von Medizintechnik und digitalen Gesundheitsservices sowie umweltfreundlichen Lösungen für die On- und Offshore-Windkrafterzeugung.

„Es gab noch nie einen besseren Zeitpunkt für Frauen, um in die Techwelt einzusteigen.“

Dr. Anna Lukasson-Herzig hat gemeinsam mit ihrem Bruder Markus eine innovative Tech- Idee entwickelt: eine visuelle Suchmaschine. 2015 gründeten die Geschwister in Berlin das Start-up nyris. Ihr Produkt kommt gut an – von der Industrie bis hin zum E-Commerce nutzen Großunternehmen wie Daimler, Porsche oder Metro ihre Technik. Mittlerweile ist ein Büro in Düsseldorf dazugekommen und das Team besteht aus 24 Mitarbeitern. Im Interview spricht Anna Lukasson-Herzig darüber, was es bedeutet, sich in der Tech- Branche zu etablieren und verrät ihr Mantra für eine ausgeglichene Work-Life-Balance. Die Fragen stellte Elisa Maifeld

Frau Dr. Lukasson-Herzig, Sie haben Ingenieurwesen studiert und waren mehr als zehn Jahre in der Unternehmensberatung tätig. Dann haben Sie nyris gegründet – wie kam es dazu?
Meine erste Tätigkeit war in der Stahlindustrie, wo ich ein Prozesskontroll- System zur Optimierung der Geometrie von Stahlbrammen entwickelte. Schon damals begann ich, mit KI-basierten Methoden zur visuellen Messdatenanalyse und Prozesskontrolle zu arbeiten und promovierte in diesem Bereich. Als ich 2014 Boston Consulting nach knapp zehn Jahren verließ, entwickelte ich mit meinem Bruder eine Alternative zur normalen Suchfunktion im Internet. 2015 gründeten wir dann nyris.

Vor welchen Herausforderungen standen Sie als Gründerin?
Vor vielen verschiedenen. (lacht) Ideen und Motivation allein reichen nicht aus. Es müssen zahlreiche bürokratische Hürden genommen werden, und anders als in den großen Unternehmen, wo mein Bruder und ich früher gearbeitet haben, mussten wir bei nyris alles selbst organisieren. Doch schnell konnten wir wichtige Mentoren und Sponsoren gewinnen, die uns in vielen Bereichen beraten und unterstützt haben, so wie die Flixbus-Gründer und besonders unser Investor Klaus Schneider.

In der Tech-Branche streben Sie ständig nach antreibenden Veränderungen im Business: Wo finden Sie Input?
Oftmals sorgt die pure Wissenschaft für neue Anreize und Inspirationen – in unserer Branche sind es häufig die Europäer und Kanadier, die die Nase vorn haben. Mit unseren Partnern wie Microsoft, Google oder SAP diskutieren wir die neusten Entwicklungen, teilweise haben wir Zugriff zu noch nicht für die Allgemeinheit verfügbaren Beta-Entwicklungen. Aber auch die Geschichten anderer Gründer finde ich spannend und lehrreich. Beispielhafte Netzwerke sind etwa der neue KI-Bundesverband sowie der Verband Deutscher Start-ups. Außerdem lerne ich viel von unseren Kunden, sie kennen das Business seit Jahrzehnten und bauen ihre Stellung und Reputation immer noch aus. Das schafft man nur mit einer konstanten Weiterentwicklung. Immer wieder bin ich überrascht, welch starke Unternehmen wir in der tiefsten Provinz in Europa beheimaten.

nyris – das steckt in der visuellen Suchmaschine:

nyris entwickelt eine hochmoderne Bilderkennungs-Engine, die auf neuesten KI- Frameworks basiert. Sie stellt ihre Technologie als SaaS (Software as a Service) für Handel und Industrie zur Verfügung. Das Konzept von nyris ermöglicht es, schnellste und genaueste Ergebnisse für 1D (Codes), 2D (Print2Web) und 3D (reale Produkte) zu liefern. In weniger als einer Sekunde werden bis zu 500 Millionen Produkt- oder Objektbilder durchsucht, um das Gleiche oder Ähnliches zu finden. nyris hat sich im B2BGeschäft positioniert.

Welche Anreize bietet die Tech- Branche besonders für Frauen?
Es gab noch nie einen besseren Zeitpunkt für Frauen, um in die Techwelt einzusteigen: Bewusstsein und Präsenz sind ebenso vorhanden wie die Erkenntnis, dass Diversität in der Techwelt enorm wichtig ist. Doch nur Wenige wissen: Die ersten Programmierer waren weiblich. Gerade Frauen bringen viele besonders wichtige Eigenschaften für die Techwelt mit, etwa Organisationstalent. In der Tech-Branche ist es extrem wichtig viele Bälle in der Luft zu halten ohne die Nerven und die Geduld zu verlieren. Frauen verändern diese Welt gerade signifikant, und das macht echt Spaß.

Während der Firmengründung waren sie in Elternzeit mit ihrem zweiten Kind. Wie verbinden Sie Beruf und Familie?
Als Gründerin genieße ich unglaubliche Freiheiten, aber auch Zwänge – diese Widersprüche versuche ich optimal auszuleben. Alles, was nicht unbedingt von mir persönlich gemacht werden muss, delegiere ich. So schaufele ich mir Zeit frei, die ich je nach Bedarf in Zeit mit meiner Familie oder nyris einteilen kann.

Haben Sie einen Tipp, wie sich junge Absolventinnen gut für den Einstieg in ein Tech-Unternehmen rüsten können?
Junge Absolventinnen sollten an sich glauben und ihrem Instinkt folgen. Frauen haben genauso wie Männer ihren Platz in der Tech-Industrie und sie können viel bewirken. Gerade dieser Bereich bringt viele Chancen, birgt aber auch Gefahren. Sicher ist nur: Frauen sind aktiv und haben Einfluss.

Buchtipp

cover-2062Bis zum Jahr 2062 haben wir Maschinen entwickelt, die so intelligent sind wie wir. Das prognostiziert Toby Walsh, einer der weltweit führenden KI-Wissenschaftler, und bietet mit seinem neuesten Buch viel Diskussionsstoff: Wohin führt uns dieser Wandel? Doch Walsh möchte auch Antworten liefern und zeigt auf, welche Entscheidungen wir heute treffen müssen, damit das Leben auch in Zukunft ein positives für uns Menschen bleibt. Toby Walsh: 2062. Das Jahr, in dem die künstliche Intelligenz uns ebenbürtig sein wird. riva 2019. 22 Euro. Jetzt kaufen bei Amazon

Pionierinnen

Sie kämpften in einer männlich dominierten Gesellschaft für ihre Überzeugungen, setzten sich an die Spitze der technischen und künstlerischen Innovation und prägten den Verlauf der Geschichte mit ihren Ideen. In unserer Pionierinnen-Reihe stellen wir Frauen vor, die mit ihrem Mut und ihrem Durchsetzungsvermögen den Weg zur Gleichberechtigung geebnet haben. Von Elisa Maifeld

Aenne Burda (1909 – 2005) – Wirtschaftswunderfrau mit Stil

Burda Moden prägte eine ganze Generation an Frauen – denn das Magazin zum Selbernähen traf zu Zeiten des deutschen Wirtschaftswunders den Nerv der Zeit. An der Spitze des herausgebenden Verlagshaues stand knapp 45 Jahre lang Aenne Burda. Nachdem der Verlag unter der Verantwortung ihres Ehemannes Franz Burda von dessen Geliebter – damals noch unter anderem Namen – wenig erfolgreich geführt wurde, übernahm Aenne Burda die Modezeitschrift und arbeitete sich in der schillernden Jetset-Modewelt hoch. Ab Januar 1950 brachte sie das Magazin unter dem Namen Burda Moden mit einer Auflage von 100.000 Exemplaren auf Erfolgskurs und sorgte dafür, dass es in den Folgejahren zum weltweit auflagenstärksten Modemagazin heranwuchs. Ihre bahnbrechende Idee: Die Frauen ihrer Generation konnten nähen, waren tatkräftig und hungrig nach Mode. Doch für viele Damen war modische Kleidung schlichtweg zu teuer. Der perfekte Zeitpunkt also, um Bögen für Schnittmuster zu liefern. So konnte sich jede Frau ihre Mode selbst schneidern – und das kurze Zeit nach den Modenschauen in den Metropolen wie Paris und London. Ihren größten beruflichen Erfolg feierte sie wohl im Jahr 1987 als sie den „Eisernen Vorhang“ durchbrach und bis nach Moskau expandierte. Eine Dokumentation über ihr Leben und Wirken ist noch bis Dezember in der ARD-Mediathek online abrufbar: www.daserste.de/unterhaltung/film/aenne-burda-die-wirtschaftswunderfrau

Gertrud Grunow (1870 – 1944) – Meisterin am Bauhaus in Weimar

Buchtipp:

Cover-Frauen-am-BauhausPatrick Rössler, Elizabeth Otto: Frauen am Bauhaus. Wegweisende Künstlerinnen der Moderne. Knesebeck 2018. 35 Euro.Jetzt kaufen bei Amazon

2019 feiert das Bauhaus sein 100-jähriges Jubiläum. Die Künstler der Anfangsjahre – darunter Walter Gropius, Paul Klee und Wassily Kandinsky – verschafften sich schnell Aufmerksamkeit und Gehör. Bis heute beinahe unbekannt ist jedoch die Lehrende Gertrud Grunow – zu Unrecht. Denn ihr Verdienst in Weimar von 1919- 24 ist unbestritten: Grunow, selbst Sängerin und Komponistin, entwickelte eine eigene Musikpädagogik und war der Auffassung „Klang und Farbe lösen im Menschen Bewegungen aus.“ Sie vermittelte ihren Studierenden eine gleichberechtigte, harmonische Nutzung aller Sinne und nahm so Einfluss auf die frühe Ausrichtung des Bauhauses. Zum Jubiläumsjahr präsentiert die Humboldt-Universität zu Berlin (HU) eine Online-Plattform und eine Open-Access-Publikation, die über Leben, Wirken und Theorie der Pionierin am Bauhaus informiert. Dafür haben die Wissenschaftler bisher unveröffentlichtes Archivmaterial aufbereitet.
www.gertrud-grunow.de und www.bauhauskooperation.de

Katharine Graham (1917 – 2001) – Mrs. Washington Post

Buchtipp

Katharine Graham: Die Verlegerin. Wie die Chefin der ‚Washington Post‘ Amerika veränderte. Rowohlt 2018. 18 Euro. Jetzt kaufen bei Amazon
Auch als E-Book erhältlich!

Tragische Lebensverläufe können auch ein Antrieb sein, um mutigen Schrittes vorwärts zu marschieren. Genau das beweist die Lebensgeschichte von Katharine Graham: Mit 46 Jahren wurde die Journalistin zur Verlegerin der Washington Post, einer der weltweit wichtigsten Tageszeitungen. Das Unternehmen gehörte ursprünglich ihrem Vater, später ihrem Ehemann. Nach dessen Suizid lehnte sie alle Angebote zum Verkauf des Verlags ab – ihr Weg: Sie übernahm den Chefposten des Gatten und setzte sich in der männerdominierten Welt des Journalismus durch. Bis heute prägen ihre mutigen Entscheidungen die Zeitung: Im Jahr 1971 ließ sie die streng geheimen „Pentagon-Papiere“ über den Vietnam-Krieg veröffentlichen. Von einer drohenden Strafe wegen Landesverrats ließ sie sich nicht abschrecken und entschied: „Wir drucken!“. Ein Jahr später deckte die Zeitung die „Watergate-Affäre“ auf und zwang damit den damaligen US-Präsidenten Richard Nixon im Jahr 1974 zum Rücktritt. In aller Bescheidenheit modernisierte sie das Unternehmen innerhalb von 20 Jahren vom Familienbetrieb zum modernen Medienhaus – dabei erarbeitete Graham sich großen Einfluss weit über die USA hinaus.

Zaha Hadid (1950 – 2016) – Stararchitekten mit Vorliebe für schräge Wände

Ihr Baustil ist unverwechselbar und rund um den Globus zu bestaunen: Zaha Hadid baute Gebäude, die in Bewegung zu sein scheinen. Dabei kam sie ohne senkrechte Wände und rechte Winkel aus. 2004 erhielt die irakische Stararchitektin mit englischem Pass als erste Frau den weltweit wichtigsten Preis für Architektur – den „Pritzker-Preis“. Ihre Bauten stehen für sich. Dazu gehören Museen wie das Phaeno Museum (Wolfsburg), Reinhold-Messner-Museum (Plan de Corones, Südtirol), Riverside Museum (Glasgow), Kulturgebäude wie das Opernhaus in Guangzhou (China), Heydar Aliyev Project in Baku (Aserbaidschan) oder funktionale Werke wie die BMW-Fabrik (Leipzig) oder das Schwimmzentrum im Olympiapark (London). Ihr Erstlingswerk steht in Deutschland: Hadid plante das Feuerwehrhaus des Möbelunternehmens Vitra in Weil am Rhein. Mit 65 Jahren verstarb die Frau, die nie ein Wohnhaus für sich selbst baute, unerwartet an einem Herzinfarkt.

Ruth Bader Ginsburg (*1933) – feministische Verfassungsrichterin

Ruth Bader Ginsburg ist Juristin und seit 60 Jahren Vorreiterin für die Gleichberechtigung. Mit 86 Jahren ist sie die älteste Richterin am US-amerikanischen Supreme Court. Seit ihren Studienjahren in Harvard weiß sie genau, was Diskriminierung bedeutet: In den 1960er Jahren ist sie eine von neun Frauen unter 500 Männern und muss wie ihre Weggefährtinnen die Schikanen des Dekans erdulden – doch sich unterkriegen zu lassen ist nicht ihr Stil. Seit Anbeginn ihrer juristischen Laufbahn kämpft sie vor Gericht für mehr Emanzipation, oftmals siegte sie. Erfolge erzielte sie dabei für Männer und Frauen gleichermaßen – denn damit Emanzipation gelingt, sind Männer ebenso wichtig wie Frauen. So erstritt sie beispielsweise Wohngeld für einen weiblichen Leutnant in der Air Force oder staatliche Finanzhilfen für einen jungen Vater, dessen Frau nach der Geburt des Kindes verstorben war. Eine Neuheit in den USA, denn solch eine Unterstützung war bis dato nur Witwen vorbehalten. Aktuell erholt sich Ginsburg von einem Krebsleiden und trotzt US-Präsident Donald Trump, der liebend gerne einem hart-rechten Juristen am Verfassungsgericht ihren Posten geben würde.

Filmtipp:

RBG – Ein Leben für die Gerechtigkeit, USA 2018 Regie: Betsy West, Julie Cohen.

 

 

 

Chapeau! Kultur-, Buch- und Linktipps

MICHELLE OBAMA: BECOMING

Cover Obama_BECOMINGSchonungslos und in gewohnter Michelle-Manier breitet die ehemalige First Lady der USA in ihrer Bestseller-Autobiografie ihr „ganzes Ich“ aus – um Mut zu machen, wie Michelle Obama selbst sagt. In ihren Memoiren blickt sie zurück auf viele besondere Kapitel ihres Lebens: Welche Stationen haben sie zu dieser starken Persönlichkeit reifen lassen? Als Anwältin, leitende Angestellte, erste afro-amerikanische First Lady, Mutter zweier Töchter und präsentes Vorbild erlebte sie viele Höhen und Tiefen. Überraschend ist, wie erfrischend und ehrlich ihre Anekdoten diese ganz persönliche Realität abbilden.

Michelle Obama: Becoming. Meine Geschichte. Goldmann 2018. 26 Euro. Auch als E-Book und Hörbuch erhältlich!Jetzt kaufen bei Amazon

100 PORTRÄTS. 100 JAHRE EMANZIPATION DER FRAUEN

Cover_100 Frauen65 Illustratorinnen zeichnen 100 starke Frauen. Denn 2019 feiern Deutschland und Österreich das hundertjährige Jubiläum des Frauenwahlrechts. Die kunstvollen Werke sind zusammengetragen in einem Buch, das mitnimmt auf eine Zeitreise zurück zum Selbstbestimmungsrecht und zu den Anfängen der sexuellen Revolution, Frauenfußball und mehr!

Sabine Kranz, Annegret Ritter: 100 Frauen und 100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland und Österreich. Jacoby Stuart 2018. 22 Euro.Jetzt kaufen bei Amazon

NEUE HELD*INNEN BRAUCHT DAS LAND

cover sheroesJagoda Marinić fühlt sich in vielen Ländern heimisch und schreibt als feste Kolumnistin unter anderem für die SZ oder taz. Mit ihrem neuesten Buch will sie wichtige Impulse in die Debatten zu Rollenbildern und Machtmissbrauch hineingeben. Was haben wir aus MeToo mitgenommen? Aber vielmehr noch: Welche Richtung schlagen wir gemeinsam ein? Gefragt sind alle Menschen, unabhängig vom Geschlecht.

Jagoda Marinic: Sheroes. Neue Held*innen braucht das Land. S. Fischer 2018, 12 Euro. Auch als E-Book erhältlich.Jetzt kaufen bei Amazon

GESCHICKT VERHANDELN

Cover_henningsmeyer_verhandeln_denn-sie-wissenAnja Henningsmeyer managte erfolgreich Filmfestivals, setzte sich als Inhaberin einer Bildagentur in Hongkong durch und behauptete sich in allen Positionen und in verschiedenen Kulturen. Ihre Erkenntnis: Frauen verhandeln anders als Männer. In ihrem Buch erklärt sie Schritt für Schritt, wie Frauen erfolgreich und zielsicher für ihre Ziele einstehen – und sich dabei gut fühlen.

Anja Henningsmeyer: Denn Sie wissen, was Sie tun. Wie Frauen erfolgreich verhandeln. Campus 2019. 19,95 Euro.Jetzt kaufen bei Amazon

ZEIT ZUM UMDENKEN: PLAN W – DER KONGRESS

PLAN-W-Kongress_2019„W wie weiblich, weise, wild“: Seit 2015 erscheint das Magazin PLAN W viermal jährlich als Beilage der Süddeutschen Zeitung. In diesem Jahr lädt die Redaktion gemeinsam mit dem SZ-Wirtschaftsgipfel zum ersten Kongress in Berlin. Am 5./6. Juni wird diskutiert, wie sich die Wirtschaft verändert, wenn Frauen mehr Einfluss haben. Das Programm in Auszügen: Gelegenheiten zum Netzwerken, 25 Rednerinnen und Redner, innovative Gesprächsformate, eine Abendrunde „Von den Besten lernen“.
www.sv-veranstaltungen.de/de/event/plan-w/

LMAA

Cover_nussbaum_lmaa„Gib auf, was dich bremst“, das ist einer der 66 Impulse, die die Wirtschaftsjournalistin und Expertin für Zeitmanagement Cordula Nussbaum in ihrem Buch gibt. Mit Geschichten, Anekdoten und konkreten Handlungsimpulsen liefert sie Input für mehr Selbsterkenntnis, um „Gegenwind in Rückenwind zu drehen“.

Cordula Nussbaum: LMAA. 66 Mini-Plädoyers für mehr Mut, Leichtigkeit und Gelassenheit. Gabal 2018. 15 Euro. Auch als E-Book erhältlich!Jetzt kaufen bei Amazon

JA, DIESMAL WÄHLE ICH!

Foto: weyo/adobe.stock.com
Foto: weyo/adobe.stock.com

„Wenn alle wählen, gewinnen auch alle“ – das gilt in diesem Jahr ganz besonders für alle Europäer in der EU, wenn sie ihr Parlament wählen. In Deutschland wird am 26. Mai gewählt. Vorab ruft die EU mit einer groß angelegten Kampagne dazu auf, nicht nur die eigene Stimme abzugeben, sondern auch andere zur Wahl zu motivieren. Ausführliche Informationen, wie Bürger unterschiedlicher Regionen vom Zusammenschluss der EU-Staaten profitieren, hat der wissenschaftliche Dienst des Europäischen Parlaments unter https://what-europe-does-for-me.eu gebündelt. Mehr Infos zur Kampagne sind zu finden unter: www.diesmalwaehleich.eu

ROLE MODELS – PODCASTS UND EVENTS

RoleModels-Podcast_@-Role-Models_David-NoelDie Gründer von Role Models, Isabel Sonnenfeld und David Noël, haben eine Mission: Sie möchten die nächste Führungskräfte-Generation inspirieren. Dazu laden sie inspirierende Frauen zu Gesprächen, die sie bei Events oder in Podcasts präsentieren. Für die Interessierten heißt es Ohren spitzen und vom Erfahrungsschatz der Interviewten profitieren – mit dabei waren bisher unter anderem Bundesjustizministerin Katarina Barley, Unternehmerin und Model Sara Nuru, Journalistin Dunja Hayali und viele internationale Gäste. Alle Episoden im Podcast sind auf vielen Kanälen zu finden – von Spotify bis iTunes oder Soundcloud.
www.rolemodels.co

Das letzte Wort hat: Frau Höpker, Organistin, Pianistin und Sängerin

Katrin Höpker bittet zum Gesang! Seit 2008 entfacht die ausgebildete Musikerin und Sängerin bei ihren Mitsing- Konzerten einzigartige Momente: Hunderte Menschen singen im Chor und erleben so einen Abend, der glücklich macht. Dieses Format hat Kultstatus erlangt. Im Interview verrät Frau Höpker unter anderem, wann sie welches Register ziehen muss, damit der Abend für jeden Gast unvergesslich wird. Die Fragen stellte Elisa Maifeld

Zur Person

Katrin Höpker ist ausgebildete Organistin, Pianistin und Sängerin. Sie arbeitete solo, mit diversen Bands und vielen namhaften Künstlern. Dabei wirkte sie bei Konzerten, Studio-, TV- und CD-Produktionen mit. Ihre Mitsingkonzerte und die langjährige Zusammenarbeit mit Veranstaltern, Kulturämtern und Initiativen führen Höpker regelmäßig in die Hallen der Städte und Gemeinden im Land.

frauhoepker.de

Frau Höpker, Sie haben mit vielen namhaften Künstlern gearbeitet, live und im Studio, und sagen selbst, dass diese Erfahrungen zum Erfolg Ihrer Mitsing-Konzerte beitragen. Inwiefern?
Als One-Woman-Show muss man musikalisch sehr versiert sein, in verschiedenen Genre zu Hause sein und über ein riesiges Repertoire verfügen – das sollte immer abrufbar sein. Ich habe Menschen bei so vielen unterschiedlichen Anlässen musikalisch begleitet, immer gut beobachtet und dadurch sehr viel gelernt. Das ist mein großer Schatz heute.

Musik ist Geschmackssache. Wie stellen Sie das Programm zusammen, damit alle Gäste einen beschwingten Abend haben?
Es gibt Klassiker und aktuelle Songs, die eine breite Akzeptanz haben und in der Regel gut funktionieren. Daneben präsentiere ich auch „Musiktrüffel“, also Songs die die meisten kennen, die aber keiner mehr spielt. Das macht meine Programme aus. Musikgeschmack ist eine Sache, viel wichtiger ist aber: Beherrschen die Gäste den Song? Die Mischung muss stimmen.

Neues Konzert, neues Publikum: Jeder Abend ist anders – was sind Ihre größten Herausforderungen?
Dass aus einem Publikum im Laufe des Abends eine homogene Gruppe wird, die wirklich miteinander musiziert.

Wenn Sie zum Gesang bitten, haben Sie Ihr Publikum fest im Griff – wie schaffen Sie das?
Mit Freude, positiver Energie, dem klaren Willen hier die Führungsrolle zu übernehmen und einer großen Portion Respekt vor dem Publikum und der Aufgabe.

Woran merken Sie, ob der Abend erfolgreich war?
Zunächst: Ich schaue in glückliche Gesichter! Man kann es aber auch hören, wenn alle angekommen sind – es ist dann eine unglaubliche Atmosphäre im Saal.

Stichwort Work-Life-Balance – was ist ihr Ausgleich, wie kommen Sie nach einem Konzert runter beziehungsweise bringen sich vor der Show auf Touren?
Zum Auftakt Einsingen, viel Trinken und Ruhe in der Garderobe. Nach dem Konzert freue ich mich erst auf ein Glas Bier, später auf einen Becher Tee und ein gutes Gespräch mit meinem Mann.

Im Mittelpunkt stehen will gelernt sein. Welche Tipps haben Sie für Absolventinnen, die kurz vor dem Berufseinstieg stehen?
Sich möglichst in allem was man tut, treu zu bleiben und aufrecht eigene Anliegen zu vertreten, ist wichtig. Ebenso aber auch Respekt vor der Leistung und Meinung anderer zu haben. Und vor allen Dingen: Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen. Nobody is perfect – zum Glück!

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karriereführer künstliche intelligenz 2019.2020 – Jetzt geht´s los!

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Cover karriereführer künstliche intelligenz 19-20

KI: Jetzt geht´s los!

Lange war die künstliche Intelligenz (KI) eine theoretische Möglichkeit – jetzt kommt sie in der Praxis an. Unternehmen nutzen sie, um zu optimieren, Risiken besser einzuschätzen und Fehler zu reduzieren. Dabei verändern die KI-Methoden im großen Stil die Arbeit. Ein Blick auf neue Job-Profile, innovative Anwendungen und auf das, was als nächstes kommt: Qubits, die nicht mehr entweder null oder eins sind – sondern zur gleichen Zeit alles zusammen.

Künstliche Intelligenz: Jetzt geht’s los!

Lange war die künstliche Intelligenz (KI) eine theoretische Möglichkeit – jetzt kommt sie in der Praxis an. Unternehmen nutzen sie, um zu optimieren, Risiken besser einzuschätzen und Fehler zu reduzieren. Dabei verändern die KI-Methoden im großen Stil die Arbeit. Ein Blick auf neue Job-Profile, innovative Anwendungen und auf das, was als nächstes kommt: Qubits, die nicht mehr entweder null oder eins sind – sondern zur gleichen Zeit alles zusammen. Von André Boße

Menschen mit Hang zur Nostalgie erinnern sich gerne an Berufe zurück, die es heute nicht mehr gibt. An den Wagner zum Beispiel, der im 18. und 19. Jahrhundert Räder oder ganze Wagons aus Holz herstellte. Den Köhler, der in einem aufwendigen Verfahren aus Holz Kohle generierte. Oder den Böttcher, der in den Dörfern die Aufgabe hatte, Fässer, Bottiche oder andere Gefäße herzustellen.

Wagner, Köhler, Böttcher – man kennt diese früheren Berufe heute noch als deutsche Nachnamen. Wäre es weiterhin so, dass sich deutsche Familien nach den Berufen der Eltern benennen, dann würde es in zehn Jahren allerhand neue Namen geben. Dann würde in einer Straße die Familie Data Detective neben der Familie Man Machine Teaming Manager wohnen. Und gegenüber wären die Highway Controllers Nachbarn der Familie Quantum Machine Learning Analyst.

Ist KI wirklich so bedeutsam ?

Über kaum eine technische Entwicklung wird so intensiv diskutiert wie die KI. Aber lohnt sich das überhaupt? Ist die KI ökonomisch wirklich so prägend? Eine Studie des deutschen, international aufgestellten Datendienstleisters Statista prognostiziert, dass KI das Potenzial besitze, das Bruttoinlandsprodukt von Staaten um zehn Prozent und mehr zu erhöhen, vor allem dank verbesserter Produkte und gesteigerter Effizienz. In der Liste der Branchen, die besonders profitieren, liegt laut Statista-Studie der Handel auf Platz 1, es folgen Transport und Logistik sowie die Touristik-Branche. Vordere Plätze belegen auch die Automotive- sowie die Gesundheitsindustrie und die Finanzbranche.

Es gehört zu den größten Mythen rund um die künstliche Intelligenz, anzunehmen, sie nehme uns Menschen die Arbeit weg. Die Wahrheit ist wohl: Manche Jobs fallen weg, das stimmt. Aber erstens nicht alle. Und zweitens werden neue entstehen. Das global tätige IT-Dienstleistungsunternehmen Cognizant hat in seinem Report „21 Jobs Of The Future“ allerhand neue Berufsprofile definiert, die in den kommenden zehn Jahren entstehen werden. Zum Beispiel die Data Detectives, die wie eine Art „Sherlock 4.0“ riesige Big Data-Landschaften von Unternehmen durchfahnden, um nach Ideen für Innovationen und Lösungen für Probleme zu suchen.

Als Man Machine Teaming Manager wiederum stehe man vor der Aufgabe, ein Interaktionssystem zwischen Menschen und Maschinen aufzubauen. Denn wenn, was die New Work- Experten wie Prof. Dr. Dirk Wagner sagen, Mensch und Maschine im Unternehmen zu Kollegen werden, dann muss zwischen beiden eine Kommunikation etabliert werden. Von der Fabrik der Zukunft auf die Straßen einer Stadt.

In naher Zukunft werden Autos autonom fahren, der Luftraum wird von Drohnen und fliegenden Taxis befahren werden, kurz: Es wird voll! Damit das Versprechen eines urbanen Lebens ohne viele Staus und Unfälle auch tatsächlich eingehalten werden kann, wird man weiterhin Menschen benötigen, die der KI dabei helfen, die Lage im Griff zu behalten. Die Highway Controller von morgen werden – so das von Cognizant entwickelte Job-Profil – also nicht mehr am Straßenrand stehen, sie sitzen in bestens ausgestatteten Kontrolleinheiten, von wo aus sie Zugriff auf das gesamte KI-gesteuerte Verkehrssystem besitzen.

Qubits: der nächste Schritt

Worauf die Autoren des Reports zudem hinweisen: Die KI ist nicht irgendwann da und bleibt dann so, wie sie ist. KI ist ein Prozess, der sich weiterentwickeln und sich schon bald in Themenbereiche wagen wird, die heute kaum vorstellbar sind. Hier schlägt dann die Stunde der Quantum Machine Learning Analysts: Statt auf Basis der herkömmlichen digitalen Informatik rechnen die Quantencomputer auf Grundlage der Gesetze der Quantenmechanik – was zu abenteuerlichen KI-Möglichkeiten führt. Denn während digitale Bits entweder Eins oder Null darstellen können, sind Qubits in der Lage, gleichzeitig beide Zustände darzustellen – sowie alle möglichen Zustände dazwischen.

KI und Deutschland

Ende 2018 ließen zwei Meldungen aufhorchen: Erstens berichtete zum Beispiel die FAZ im Oktober, Deutschland habe bei der Digitalisierung „den Anschluss bereits verloren“. Im November kündigte die Bundesregierung Investitionen in Höhe von sechs Milliarden Euro bis 2025 für die Entwicklung der KI an, um hier weltweit führend zu sein. Eine berechtige Hoffnung? Zumindest zitierte das Handelsblatt Anfang Februar 2019 aus einem Bericht des Nationalen Kompetenz Monitoring (NKM), nach dem Deutschland bei fast allen Schlüsselkompetenzen in der Data Science zu den führenden Ländern zähle. Deutlich werde aber die Dominanz der USA, was auch eine Statista-Untersuchung der Zahl von KI-Start-ups zeigt: Hiernach gebe es (Stand: 2018) davon in den USA knapp 1400, in China knapp 400 und in Deutschland nur knapp über 100.

Klingt wie Science Fiction, ist aber ein Thema der Gegenwart: Seit 2018 kooperiert der Volkswagenkonzern mit dem kanadischen Quantencomputern-Pionier D-Wave, um das Potenzial von Quantencomputern auszuloten. Und dieses Potenzial sei riesig, heißt es: „Alle Möglichkeiten für die Lösung eines Problems können gleichzeitig ausgetestet werden“, definiert Christian Seidel, Data Scientist im Data:Lab von Volkswagen in München. „Sollte es gelingen, viele Qubits stabil miteinander zu verschränken, ergäbe sich daraus eine enorme exponentielle Rechenleistung, die völlig neue Anwendungsfelder eröffnen würde.“

So haben KI-Spezialisten von Volkswagen die Maschinen von D-Wave dazu benutzt, eine Verkehrsflussoptimierung in der chinesischen Mega-Metropole Peking anzuschieben. Mit den Fahrdaten von einigen hundert Taxis wurden optimale Routen berechnet, auf denen die Taxis Staus umgehen konnten. Weitere bereits erprobte Anwendungen sind die Berechnung von Fluchtwegen bei Tsunamis oder die Simulation der Batterienutzung in Elektrofahrzeugen. „Die Abläufe auf mikroskopischer Ebene sind hier so komplex, dass Experten derzeit noch physische Prototypen bauen müssten, was Zeit und Geld kostet,“ heißt es in einer Pressemitteilung von Volkswagen. „Mit Quantencomputern könnte es möglich werden, die Batteriechemie realistisch zu simulieren – was entscheidend ist für die Weiterentwicklung neuer Batterien für die E-Mobilität der Zukunft.“

Von der Theorie auf den Marktplatz

Was wir heute als KI in den Unternehmen erleben, ist zwar erst der Anfang, aber die von der KI ausgelöste Welle ist bereits spürbar. Die Weltorganisation für geistiges Eigentum (WIPO) beschreibt in ihrem aktuellen Report zur künstlichen Intelligenz den Status Quo im Frühjahr 2019 wie folgt: „Die künstliche Intelligenz bewegt sich aus dem Reich der Theorie auf den globalen Marktplatz.“ Andrew Ng, einer der führenden Denker der KI-Entwicklung und CEO des Service-Unternehmens Landing Ai, bringt es als Gastautor im WIPO-Report auf den Punkt: „Künstliche Intelligenz ist die neue Elektrizität. Ich kann mir kaum eine Industrie vorstellen, die nicht von KI transformiert werden wird.“ Ablesen kann man diese Kraft an der Zahl der Patente, die in diesem Bereich angemeldet werden: Seit 2013 steige die Zahlt der Patente mit KI-Bezug rapide, heißt es in der WIPO-Studie, insgesamt gebe es weltweit knapp 340.00 solcher Patente, wobei die Hälfte von ihnen nach 2013 veröffentlicht wurden.

Künstliche Intelligenz ist die neue Elektrizität. Ich kann mir kaum eine Industrie vorstellen, die nicht von KI transformiert werden wird.

Interessant ist das Verhältnis zwischen den Patenten und den wissenschaftlichen Publikationen zu dem Thema: Noch 2010 kam auf acht theoretische Arbeiten lediglich ein Patent, 2016 lag das Verhältnis nur noch bei drei zu eins. Hier zeigt sich, dass die künstliche Intelligenz in der Praxis angekommen ist.

Aber wo genau findet man sie schon heute – und morgen noch verstärkt? In einem Gastbeitrag im WIPO-Report nennt der schweizerische KI-Experte Boi Faltings von der Eidgenössischen Technischen Hochschule Lausanne neben der Industrie drei weitere bedeutsame Felder. Erstens sei die KI als „Verteiler“ in der Lage, das Teilen von Ressourcen zu optimieren, ohne dass die Kunden sich dabei in ihrem Nutzungsverhalten einschränken müssten. Beispiele dafür seien Ladeplätze für Elektroautos, die mit Hilfe einer künstlichen Intelligenz dort stationiert werden, wo sie wirklich sinnvoll sind. Als Verteiler trete die KI aber auch in intelligenten Infrastrukturen auf, wo sie zum Beispiel den Energiebedarf steuere. „Diese Smart Grids verbinden intelligente Geräte wie Trockner- oder Waschmaschinen mit Energieversorgern, sodass die Nachfrage der Geräte nach Strom kontinuierlich mit dem Angebot an erneuerbarer Energie abgeglichen werden kann – und zwar ohne, dass der Nutzer dabei eine wesentliche Einschränkung erfährt“, schreibt Faltings.

Frauen und KI

Eine vom Weltwirtschaftsforum und dem Netzwerk LinkedIn durchgeführte Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass Frauen gerade mal 22 Prozent der KI-Professionals ausmachen. Diese Lücke sei dreimal größer als in anderen Talentpools der Branche. Die Analyse deute demnach auch darauf hin, dass Frauen in der KI nicht nur drei zu eins unterlegen sind, sondern auch weniger wahrscheinlich in Führungspositionen positioniert sind oder eine Signalkompetenz in hochkarätigen, aufstrebenden KI-Fertigkeiten besitzen. Die Auswertung der LinkedIn-Daten gebe zudem den Hinweis darauf, dass Frauen mit KI-Kenntnissen eher als Datenanalytiker, Forscher, Informationsmanager und Lehrer beschäftigt würden, während Männer eher Softwareingenieure, technische Leiter, IT-Leiter und Geschäftsführer seien. Quelle: www.weforum.org

So könne die KI dafür sorgen, dass das größte Problem der erneuerbaren Energie – nämlich ihre Fluktuation sowie die Schwierigkeiten bei der Speicherung – zu großen Teilen gelöst wird. Ein zweites wesentliches Feld sei die digitale Medizin: Es sei möglich, mit Hilfe einer App und der Kamera des Smartphones Hautkrebs in einem sehr frühen Stadium zu erkennen; tragbare Sensoren seien in der Lage, Daten über den körperlichen Zustand eines Patienten zu sammeln, sodass frühzeitig Diagnosen getroffen und Therapien begonnen oder angepasst werden könnten. Als dritten großen Bereich nennt Boi Faltings den Dienstleistungssektor, wo immer bessere Übersetzungstools Erinnerungen an den fiktiven „Babelfisch“ in Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“ aufkommen lassen: Sie sorgen dafür, dass das babylonische Sprachenwirrwarr auf der Erde aufgelöst wird, ohne dass dafür alle die gleiche Sprache sprechen müssen. „Das“, so Faltings, „führt zu vielen neuen Möglichkeiten, nicht nur für gute Geschäfte, sondern auch dafür, das Leben der Menschen zu bereichern.“

Besser prüfen und beraten – dank KI

Industrie, Mobilität, Medizin, Services – das sind die bekannten Zukunftsbereiche. Was aber passiert in den Feldern, die man in Sachen Fortschritt nicht unbedingt vorne erwartet? Auch dort tut sich etwas. Viele Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften haben erkannt, dass die KI auch ihre Branche verändern wird. Die Steuer- und Rechtsberatungsgesellschaft WTS hat zusammen mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) eine Innovationsstudie durchgeführt, um KI-Potenziale zu analysieren und herauszufinden, wie sich dadurch die Arbeit in der Steuerberatung ändert.

Das Ergebnis: Ob bei zolltariflichen Warenanmeldungen, Rechnungsprüfungen bei der Umsatzsteuer oder im Bereich des Risikomanagements: KITechnologien helfen, „Informationen zu klassifizieren, Fehler zu reduzieren, Zeit zu sparen, Anomalien zu erkennen, relevante Kennzahlen zu überwachen.“ Kurz: „Steuerrisiken lassen sich erheblich reduzieren.“

Und was, um zum Mythos der KI als Job-Killer zurückzukommen, machen dann die Berater? „Mit Hilfe von künstlicher Intelligenz werden Aufgaben automatisiert, die nur geringe soziale Intelligenz, Kreativität und Umgebungsinteraktionen erfordern“, heißt es in der Studie. „Demzufolge sind weitreichende Veränderungen des Tätigkeitsspektrums innerhalb der Steuerberatung zu erwarten.“

Es gehört zu den größten Mythen rund um die künstliche Intelligenz, anzunehmen, sie nehme uns Menschen die Arbeit weg.

Kurz gesagt: In der Beratung hat man dank der KI endlich die Zeit, eine sozial intelligentere Beratung zu bieten. Weshalb der Optimist auch sagt: Die künstliche Intelligenz bietet das Potenzial, dass wir uns selbst vornehmen können, immer besser zu werden.

Übrigens, Sie, liebe Leser*innen, dürfen sich sicher sein, dass dieser Text noch von einem Autor geschrieben worden ist. Doch mit dieser Sicherheit könnte es schon bald vorbei sein: GPT-2 ist der Name eines KI-Programms, das in der Lage ist, Texte zu schreiben. Was man dem Algorithmus, der aus Basis von Deep Learning-Ansätzen programmiert worden ist, lediglich an die Hand geben muss, ist ein Einleitungssatz. Danach macht sich die Maschine an die Arbeit und entwirft einen Text.

Die Redaktion der britischen Tageszeitung „The Guardian“ hat das KI-Tool in der Praxis ausprobiert, als Vorlage gab es einen dieser typischen Nachrichteneinstiege zum Thema Brexit: „Brexit hat der Wirtschaft des Vereinigten Königreichs seit dem Referendum schon jetzt 80 Milliarden Pfund gekostet, und viele Industrie-Experten gehen davon aus, dass der Schaden durch den Brexit deutlich größer werden wird.“ Nach dieser Vorlage schrieb die Maschine weitere Absätze, die sich auf den ersten Blick total schlüssig lasen: In der Deep Learning- Methode hatte die KI Millionen Brexit-Artikel analysiert, sie wusste also, welche Themen nun in der Regel folgen. Was die Maschine nicht weiß: Ob sie hier die Wahrheit verbreitet – oder doch Lügen. Weshalb die Entwicklergruppe von GPT-2 – die Non-Profit-Organisation OpenAI, mitgegründet von Elon Musk – selbst vor ihrem Tool warnte.

Buchtipp

cover MeinKopfGehoertMir„Mein Kopf gehört mir“ von Miriam Meckel Grundlage der KI ist das Deep Learning-Verfahren, dessen Kern es ist, einen Computer so vernetzt lernen zu lassen, wie es das menschliche Gehirn von Hause aus kann. Miriam Meckel, Professorin, Publizistin und Herausgeberin der Wirtschaftswoche, dreht den Spieß nun um. Provokant fragt sie: „Was, wenn es technisch möglich ist, unser Gehirn zu optimieren, es direkt ans Internet anzuschließen?“ In ihrem neuen Buch „Mein Kopf gehört mir. Eine Reise durch die schöne neue Welt des Brainhacking“ begibt sich Miriam Meckel auf die Reise in eine Zukunft der superintelligenten Hirnnetzwerke und Brainchats, bei denen Gedanken nicht erst formuliert werden müssen, bevor sie geteilt werden.

Miriam Meckel: Mein Kopf gehört mir. Piper 2018, 22 Euro Jetzt kaufen bei Amazon

Der KI-Kenner Prof. Dr. Dirk Nicolas Wagner im Interview

Wenn Mensch und Maschine Teams bilden, entstehen neuartige Kooperationen. Prof. Dr. Dirk Nicolas Wagner beschäftigt sich mit den Folgen für Organisationen und deren Kunden. Im Interview erklärt er, warum die künstliche Intelligenz mehr als nur ein weiteres digitales Hilfsinstrument ist und welche Kompetenzen für Einsteiger wichtig sind, um zusammen mit dem „Kollegen KI“ zu agieren. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Dr. Dirk Nicolas Wagner ist Professor für Strategisches Management an der Karlshochschule International University in Karlsruhe und Geschäftsführer des Karlshochschule Management Instituts. Zuvor war er in Deutschland und Großbritannien in leitenden Positionen in der Industrie tätig. Seit den 1990er-Jahren beschäftigt Wagner sich mit Fragestellungen rund um das Thema Mensch und Maschine. An der Universität Fribourg (CH) promovierte er zum Thema „Software Agents and Liberal Order“. Er ist regelmäßiger Autor von Beiträgen für das Zukunftsinstitut.

Herr Wagner, was ist zusammengefasst das Neue und Besondere an Teams, in denen Menschen und KI-Akteure kooperieren?
Bisher haben Organisationen IT-Systeme als Instrumente zur Unterstützung ihrer Arbeit genutzt. Mit dem Einzug von künstlicher Intelligenz ändert sich die Rolle von IT nun grundlegend. Der Aktionsradius dessen, was wir heute etwas verkürzt als KI bezeichnen, wird sich schnell ausweiten, wobei Menschen in diese Aktivitäten immer weniger eingreifen werden. Eine auf künstliche Intelligenz basierende IT ist daher nicht mehr länger als Hilfsinstrument, sondern als eigenständiger Akteur zu betrachten. Da menschliche und maschinelle Akteure unterschiedliche Eigenschaften mitbringen, müssen wir auch unsere Organisationsformen weiterentwickeln.

Wie müssen diese neuen Organisationsformen gestaltet sein?
Das ist noch weitgehend offen und wird stark vom weiteren technischen Fortschritt abhängen. Gewisse Entwicklungslinien sind jedoch bereits jetzt absehbar. So wird KI zukünftig von den meisten Unternehmen zugekauft und nicht selbst entwickelt werden. In der Folge wirken nicht nur die KI-Akteure autonom in der Organisation dieser Unternehmen, sondern indirekt eben auch die fremden Softwareunternehmen, die diese KI-Akteure entwickelt haben. Wenn man so will, erschließen wir neue Formen der Zeitarbeit.

Sprich: Von Softwareherstellern entwickelte KI-Akteure sind als Helfer im Unternehmen und übernehmen Aufgaben auf Zeit?
Allerdings mit dem gewaltigen Unterschied, dass Softwaregiganten wie Google, Amazon oder Microsoft ganz andere Einblicke ins eigene Unternehmen erhalten, als das klassische Zeitarbeitsfirmen mit ihren Mitarbeitern möglich wäre.

Der Aktionsradius dessen, was wir heute etwas verkürzt als KI bezeichnen, wird sich schnell ausweiten, wobei Menschen in diese Aktivitäten immer weniger eingreifen werden.

Es bilden sich also ganz neue Herausforderungen für die Sicherheit von Daten sowie für Betriebsgeheimnisse.
Ja, und dadurch wird der Umgang mit Chancen und Risiken zu einer interdisziplinären Gestaltungsaufgabe, nicht nur für Softwareingenieure, sondern auch für Wirtschaftswissenschaftler, Psychologen, Soziologen, allgemein Sozial wissenschaftler, Juristen oder auch Designer.

Vor welchen Herausforderungen stehen Unternehmen, in denen heute schon KI-Akteure an Schlüsselstellen tätig sind – einmal mit Blick auf die internen Prozesse, aber auch mit Fokus auf den Endkunden?
Die aktuelle Herausforderung besteht für Unternehmen vor allem darin, schnell und erfolgreich mit Hilfe von experimentellen Schritten zu lernen, ohne dabei den Kunden zu verärgern, Prozesse lahmzulegen oder ausufernde Fehlinvestitionen zu tätigen.

Experimentieren – und dabei negative Folgen ausschließen: Wie ist das möglich?
Intern wie extern gilt es, ständig zu fragen: „Was kann – und was soll auch tatsächlich automatisiert werden?“ Die Antworten können für Unternehmen sehr unterschiedlich ausfallen. So entscheidet sich heute zum Beispiel die eine Hotelkette für, eine andere wiederum gegen automatisierte Chat- und Beratungsangebote im Internet.

Denn je mehr wir automatisieren, desto größer ist auch die Hebelwirkung menschlicher Teams auf Erfolg oder Misserfolg.

Noch einmal zurück zu Teams, in denen KI-Akteure und Menschen kooperieren. Mit Blick auf Einsteiger, wie ließe sich schon heute eine Art von „Teamfähigkeit“ schulen, welche Kompetenzen sind dafür wichtig?
An der Schnittstelle zur KI wird es sicherlich ganz neue Teamerfahrungen geben. Für die erfolgreiche Zusammenarbeit mit KI werden grundlegende Kenntnisse darüber wichtig sein, wie KI Entscheidungen fällt, welche Fehler und Probleme auftreten können und wie man damit umgehen kann. Von enormer Bedeutung sind aber auch altbekannte Kompetenzen für die erfolgreiche Teamarbeit mit anderen Menschen, zum Beispiel, angemessen zu kommunizieren, zu organisieren und zu führen. Denn je mehr wir automatisieren, desto größer ist auch die Hebelwirkung menschlicher Teams auf Erfolg oder Misserfolg.

Noch sind solche Teams aus KI und qualifizierten Mitarbeitern recht abstrakt. Können Sie Beispiele aus der Praxis nennen, in denen diese neuen Formen der Kooperation schon sehr bald erlebbar sein werden?
Zum Beispiel wird sich weltweit die medizinische Versorgung weiter verbessern, und doch werden Patienten seltener bei einem Arzt vorstellig werden, sondern häufiger bei niedriger qualifizierten Kräften im Team mit KI in Behandlung sein. Es gibt bereits eine Reihe von Anwendungsbereichen, in denen die anstehenden Änderungen recht leicht vorstellbar sind. Schwieriger ist es, sich schon heute ein Bild von einer Entwicklung zu machen, die noch deutlich weiterreicht: KI wird sich ausnahmslos in allen Bereichen des öffentlichen, professionellen und privaten Alltags zwischen den Menschen einnisten.

Wird die KI – wie heute schon die IT – zu einem ständigen Begleiter?
Ja, wobei schon heute die fehlende Transparenz für die Bürgerinnen und Bürger, Kundinnen und Kunden, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine große Herausforderung darstellt. Denn die KI agiert vor allem hinter den Kulissen der Nutzeroberflächen. Ein Blick nach China zeigt uns, welchen Einfluss zum Beispiel der Staat nehmen kann. Aber auch in Deutschland lässt ein aufmerksames Verfolgen der Entwicklungen bei sprachgesteuerten Anwendungen wie Alexa, Siri & Co. ahnen, wohin die Reise mit Blick auf die einflussreichen privaten Technologiegiganten gehen wird.

KI in der Wirtschaftsprüfung

Daten sind schon immer das Geschäft der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften gewesen. Durch den KI-Einsatz im Umfeld großer Datenmengen lassen sich Tendenzen, Fehler oder auch Betrugsversuche leichter aufdecken.

„Big Data und KI werden dazu führen, dass zahlreiche Tätigkeiten nicht mehr auf den Arbeitsmärkten nachgefragt werden. So viel ist sicher.“ Diese Sätze sind in dem vom Bitkom und DFKI 2017 veröffentlichten Positionspapier „Entscheidungsunterstützung mit Künstlicher Intelligenz“ nachzulesen. Demnach sind davon auch solche Berufsgruppen betroffen, „in denen sich bisher viele Mitarbeiter als Wissensarbeiter auf der ‚sicheren Seite‘ wähnten. Gerade solche Berufsgruppen – von Sachbearbeitung bis Wirtschaftsprüfung – stehen aktuell im Fokus“. Ob es für die Wirtschaftsprüfer tatsächlich so gravierend wird, darüber gehen die Meinungen auseinander. So kommt das Marktforschungsunternehmen Lünendonk und Hossenfelder in seiner Studie „Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungs-Gesellschaften in Deutschland“ zu dem Ergebnis, dass die Digitalisierung die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften einerseits zwar vor große Herausforderungen stelle, gleichzeitig böten sich den Unternehmen aber auch neue Chancen.

Eine solche Chance wird zum Beispiel im KPMG-Blog „Klardenker“ aufgeführt. So könnte der Abgleich von gebuchten Sachverhalten mit den der Buchung zugrundeliegenden Unterlagen im Rahmen der Abschlussprüfung zukünftig von KI-Technologie erledigt werden. Bisher sei es üblich, dass die Informationen externer Dokumente händisch mit den elektronischen Informationen des Mandanten abgeglichen, das Ergebnis gewürdigt und dokumentiert werde. KI wird also zu einem unterstützenden Instrument für Wirtschaftsprüfer. Das Fazit des Autors fällt dann aber differenziert aus: „Erfahrene Experten wie Wirtschaftsprüfer bleiben unverzichtbar, um die Ergebnisse der KI Analysen im zunehmend komplexeren Kontext der Geschäftstätigkeit sowie des wirtschaftlichen und rechtlichen Umfelds des zu prüfenden Unternehmens kritisch zu würdigen und sich dabei kontinuierlich über die Analyseergebnisse mit den Adressaten auszutauschen.“

Und was die Herausforderungen betrifft, so offenbart die Lünendonk-Studie einen im Kontext der Digitalisierung ganz entscheidenden Aspekt: die Rekrutierung. HR-Verantwortliche müssten heute und künftig Mitarbeiter finden, die Kenntnisse sowohl in der Rechnungslegung als auch in der Informatik mitbringen. Die Mitarbeiterstruktur der von den Berufsträgern geprägten Unternehmen werde sich ebenso ändern wie die Partnerstrukturen. So hätten Immer mehr Mitarbeiter einen Studienabschluss einer Technischen Hochschule, Kooperationen mit IT-Unternehmen und Startups würden zunehmen, und es würde über eine weitere Reformierung des Zugangs zum Arbeitsmarkt sowie über eine Steigerung der Attraktivität nachgedacht.