Spezialisiert! Buch-, Link- und Veranstaltungstipps

“Nestwärme”

Ein Leben mit der Sonne statt nach der Uhr, faire partnerschaftliche Beziehungen, Gewaltverzicht und klimaneutrale Mobilität – was können wir von Vögeln lernen? „Nestwärme“ ist ein überraschendes Buch über das Sozialverhalten unserer gefiederten Nachbarn, ein Plädoyer für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur – und eine augenzwinkernde Aufforderung, das eigene Leben hin und wieder aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Der vielfach ausgezeichnete Naturschützer Ernst Paul Dörfler hat ein berührendes Buch über das geheime Leben der Vögel geschrieben, die oft friedvoller und achtsamer miteinander umgehen als wir Menschen. Ernst Paul Dörfler: Nestwärme. Hanser Verlag 2019. ISBN 978-3-446-26357-4. 20 Euro

Hören, wie Karriere heute geht

Foto: AdobeStock/Fotomek
Foto: AdobeStock/Fotomek

Ein Interviewpodcast über aktuelle und zukünftige Berufsbilder und einen sich wandelnden Karrierebegriff: Hier sprechen Isabel, Fiona und Marie mit Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmern, Selbstständigen, Unternehmerinnen und Unternehmern mit verrückten und weniger verrückten Berufstiteln – über ihren Karrierebegriff und die Gestaltung ihrer persönlichen Lebensarbeitszeit. https://anchor.fm/karrierekneipe

Zum Öko werden

In nur fünf Wochen das eigene Leben nachhaltig umkrempeln? Wie das geht zeigen Benjamin und Fabian Eckert. Sie schlagen in ihrem Buch eine 35-Tage-Challenges vor, die den Umstieg in ein ressourcenarmes, klimaschonendes Leben erleichtert. Die zahlreichen Informationen, Tipps und praktischen Anleitungen verknüpfen dabei Klimaschutz mit individuellen Aspekten wie gesundheitlichem Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit. Benjamin Eckert, Fabian Eckert: Die 35-Tage-Challenge. Dein Weg in ein umweltbewusstes Leben. Oekom 2020. ISBN 978-3-96238-175-2. 19 Euro

Digitale Wissenschaftskommunikation

Ein Blog zu Wissenschaft, Wissenschaftskommunikation und weiteren zeitgenössischen Sachverhalten mit Texten über Naturwissenschaften, Medizin, Soziologie, Philosophie und anderes findet sich unter: www.wissenswerkstatt.net

Bewerben mit der Micro-Learning-Methode

Der Ratgeber „Bewerbung to go“ ist für alle, die keine Zeit haben, sich stundenlang mit einem Bewerbungsanschreiben zu beschäftigen, und die keine Lust haben, zu googeln, wie viele Leerzeilen zwischen Anschrift und Anrede stehen sollen. Denn für das perfekte Anschreiben reichen schon 15 Minuten, zeigt Sandra Gehde in ihrem neuen Buch. Sandra Gehde: Bewerbung to go. Entspannt und zeitgemäß zum neuen Job. Erfolgreich bewerben mit der Micro- Learning-Methode. metropolitan 2019. ISBN 978-3-96186-030-2. 14,95 Euro

“Die fabelhafte Welt der fiesen Tiere”

Was hat eine Grille mit einem Streichinstrument gemeinsam? Gibt es tatsächlich Käfer, die ihre Leuchtorgane dimmen können? Und wie kann es sein, dass man Heuschrecken einer bestimmten Spezies mal mit roten, mal mit grünen Beinen findet? Nur eine Laune der Natur, oder hat die Evolution hier eine neue Art hervorgebracht? Kakerlaken, Ameisen, Wespen, Quallen und Würmer – oft sind es die unscheinbaren, die stechenden, die vermeintlich ekligen Tierchen, die uns mit ihren faszinierenden Geschichten besonders überraschen. Frank Nischk: Die Fabelhafte Welt der fiesen Tiere“. Ludwig 2020. ISBN: 978-3-453-28114-1. 20,00 Euro

Deutsche Biotechnologietage

Die Deutschen Biotechnologietage– kurz DBT – werden vom Branchenverband BIO Deutschland organisiert und sind Treffpunkt für Unternehmer, Forscher, Politiker, Förderinstitutionen und Verwaltung. Die Konferenz befasst sich in Plenarvorträgen, Podiumsdiskussionen und Frühstücksrunden mit den Rahmenbedingungen und den vielfältigen Anwendungsfeldern der Biotechnologie und findet im Jahr 2021 am 13. und 14. April 2021 in Stuttgart statt. Mehr Infos: www.biotechnologietage.de

“Die Netzwerk-Bibel”

Kontakteknüpfen mittels Networking ist im Zuge der Digitalisierung einerseits einfacher, andererseits auch komplexer geworden: es gibt ein Überangebot an digitalen Plattformen, immer mehr Events und immer mehr Entscheider und Multiplikatoren, die wichtig erscheinen. Gleichzeitig hat Networking an Bedeutung gewonnen: ein tragfähiges Netzwerk und die richtigen Kontakte helfen, sich als Experte zu positionieren und beruflich erfolgreich zu sein – das gilt für Führungskräfte ebenso wie für Berufseinsteiger. Tijen Onaran zeigt, wie Networking heute wirklich funktioniert. In ihrem ersten Buch gibt die Autorin eigene Erfahrungen weiter, reflektiert ihre Erlebnisse, erzählt Anekdoten aus ihrer Zeit in der Politik und Wirtschaft und leitet daraus konkrete Handlungsempfehlungen ab. Tijen Onaran: Die Netzwerkbibel. Springer 2019. ISBN 978-3-658-23735-6. 19,99 Euro

“Seuchen”

Seuchen sind die Geißeln der Menschheit. Die Pest entvölkerte ganze Landstriche, Choleraepidemien forderten bis ins 20. Jahrhundert hinein Millionen Tote, mit HIV trat in den 1980er-Jahren eine völlig neue, zunächst unbeherrschbare Krankheit auf, heute versetzen uns Ebola, Sars, Vogelgrippe und Corona in Angst. Woher kommen die Erreger dieser Seuchen, warum führen manche von ihnen zu Epidemien? Aber vor allem: Was können Medizin und Forschung dagegen tun? Fachlich fundiert erzählt Kai Kupferschmidt die lange, teils krimiartige Geschichte eines vielgestaltigen Phänomens, deren Ende – man ahnt es – nicht absehbar ist. Kai Kupferschmidt: Seuchen. Reclam 2018. ISBN 978-3-15-020447-4. 10 Euro.

Das letzte Wort hat: Susanne Grube, Biologin und Science-Slammerin

Die 39-jährige Diplom- Biologin arbeitet als Wissenschaftskommmunikatorin im Naturkundemuseum Stuttgart. Sie ist auf Insekten spezialisiert. Seit 2013 tritt sie regelmäßig als Science-Slammerin auf, erklärt ihrem Publikum auf unterhaltsame Weise das faszinierende Sexualleben von Zikaden – und hat bereits einige Preise dafür bekommen. Die Fragen stellte Christiane Martin.

Susanne Grube, Foto: privat
Susanne Grube, Foto: privat

Frau Grube, woher kommt Ihre Leidenschaft für Insekten?
Spannend fand ich die Tiere schon immer. Doch während meines Studiums, als ich mehr über die Biologie und Evolution der Insekten lernte, wurde aus Faszination Leidenschaft. Diese wurde vor allem durch einen Professor geweckt, der mit unglaublicher Begeisterung von Insekten sprach, sodass ich regelrecht mitgerissen wurde. Die Tatsache, dass die größte Organismengruppe der Erde mit knapp einer Million beschriebenen Arten auf dem gleichen Grundbauplan beruht und dabei diese enorme Formenvielfalt hervorgebracht hat, muss einfach begeistern!

Und Sie ekeln sich niemals vor den Krabbeltieren?
Nein. Warum auch? Ekel ist ein Instinkt zur Prävention von Krankheiten. Mitunter auch erlerntes Verhalten. Zum Glück bin ich in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem mir kein Ekel oder Angst vor Tieren vorgelebt wurde. Es gibt (hoffentlich) kaum jemanden, der Angst vor einem Marienkäfer oder einem Schmetterling hat. Bei Schaben oder Fliegen, vor allem Maden, sieht es anders aus. Diese Tiere werden mit Krankheiten oder unhygienischen Bedingungen assoziiert. Doch eigentlich sind diese Tiere nützlich, denn ihre Funktion im Ökosystem ist die Rückführung von Nährstoffen in den Kreislauf.

Was halten Sie vom „Insektensterben“ und was müssen wir Ihrer Meinung nach dagegen tun?
Es ist furchtbar! Ist eine Art einmal verschwunden, ist sie unwiederbringlich weg. Wir können nur erahnen, was für Konsequenzen das für die einzelnen Ökosysteme und letztlich auch für den Menschen hat. Es ist außerdem Teil eines noch weitreichenderen Problems, nämlich dem Klimawandel und des menschlichen Umganges mit Ressourcen. Wir haben nicht nur ein Insektensterben, auch Pflanzen, Vögel und andere Organismen sind betroffen. Wir können Organismen nicht für sich allein betrachten, alle sind über komplexe ökologische Zusammenhänge miteinander verbunden.

Seit einigen Jahren treten Sie auch als Science-Slammerin auf. Warum und was macht Ihnen daran Spaß?
Teile seines eigenen Forschungsgebietes in 10 Minuten verständlich einem interessierten Nicht-Fach-Publikum zu präsentieren – das ist eine absolute Win-win-Situation: Zum einen zwingt es mich, mich kurz und verständlich auszudrücken; das ist nicht selbstverständlich bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Zum anderen bekommt das Publikum wissenschaftliche Erkenntnisse aus erster Hand und ist ganz nah an aktueller Forschung. Darüber hinaus lerne ich selbst jedes Mal noch was dazu und konnte über die Slammer-Szene einige berufliche Kontakte knüpfen.

Was können Sie speziell jungen Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern mit auf den Weg geben, die am Anfang Ihrer beruflichen Laufbahn stehen?
Freude, Flexibilität und Kommunikation. Nutzt die Möglichkeiten inter- und transdisziplinärer Arbeit, denn sie schafft oft neuen Erkenntnisgewinn. Außerdem leben wir in einer Zeit, in der Wissenschaftskommunikation von enormer Bedeutung ist. Lernt also nicht nur die Ausdrucksfähigkeit im eigenen Fachbereich, sondern auch die Kommunikation über euer Thema mit fachfremden Personen. Nur so können wir Wissenschaft für alle zugänglich machen.

E-Mail für dich von: Floriane Montanari, Bayer AG

Von: Floriane Montanari
Gesendet: 28. August 2020
An: Junge Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler
Betreff: Infos für Absolventen der Naturwissenschaften

Liebe Leserinnen und Leser,

mein Name ist Floriane Montanari und ich komme aus Frankreich. Ich habe Biologieingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Bioinformatik studiert. Konkret bedeutete das damals, dass wir nur vier Studierende waren und uns verschiedene Fähigkeiten wie das Kodieren in Python und Java oder das Verwalten und Abfragen von Datenbanken beigebracht wurden.

Während meines Studiums absolvierte ich jeden Sommer ein Praktikum. Eines davon war in Irland mit der Idee, meine Englischkenntnisse zu verbessern. Dort konnte ich auch meine erste wissenschaftliche Arbeit schreiben. Mein Master-Praktikum absolvierte ich bei Sanofi-Aventis, einem französischen Pharmaunternehmen. Dort arbeitete ich an der Entwicklung statistischer Modelle, die die Wahrscheinlichkeit vorhersagen sollten, mit der ein Wirkstoff langsam oder schnell von der Leber metabolisiert wird. Nach dieser Erfahrung verliebte ich mich in die pharmazeutische Industrie, in die computergestützte Chemie und in das maschinelle Lernen. Mir wurde sehr schnell bewusst, dass für eine Karriere als Forscherin in einem pharmazeutischen Unternehmen ein PhD und ein oder zwei Postdocs notwendig sein würden.

Dennoch war ich mir mit 23 Jahren nicht wirklich sicher, zu welchem Thema ich promovieren sollte, und arbeitete stattdessen als Forschungsassistentin in einem öffentlichen Forschungsinstitut in Barcelona. Dort wirkte ich in mehreren Projekten mit, unter anderem bei einem katalanischen Pharmaunternehmen. Ich priorisierte dabei die Vorschläge der medizinischen Chemiker, wobei ich auf unterschiedliche Techniken und die Hilfe eines ehemaligen Computerchemikers zurückgriff. In dieser Zeit habe ich auf vielen verschiedenen Gebieten wirklich viel gelernt.

Dann war es an der Zeit, mit der Doktorarbeit zu beginnen, und diesmal hatte ich keine Schwierigkeiten, das Thema auszuwählen. Ich zog nach Wien und studierte die sogenannten Lebertransporter. Das sind Proteine, die an der Membran der Hepatozyten exprimiert werden und ihre Substrate in Richtung Galle ausstoßen. Ich versuchte vorherzusagen, ob kleine Moleküle in ihre normalen biologischen Funktionen eingreifen könnten, und baute dafür verschiedene Modelle auf der Grundlage maschinellen Lernens.

Nach der Promotion bewarb ich mich auf Stellen bei verschiedenen Pharmaunternehmen und bekam eine Postdoc-Stelle bei Bayer. Ich zog nach Berlin und arbeitete dort an Anwendungen auf Basis von „Deep Learning“ zur Entdeckung kleiner Moleküle. Ich bin inzwischen fest angestellt und ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu. In meinem Berufsleben habe ich schnell entdeckt, dass „Soft Skills“ entscheidend sind, um komplexe Projekte mit interdisziplinären Teams zu steuern.

Für mich waren auf diesem Weg folgende Punkte entscheidend: so viele Praktika wie möglich zu machen, gute Englischkenntnisse zu haben, sich für Themen zu entscheiden, die das eigene Herz höher schlagen lassen, Chancen zu nutzen und mobil zu sein!

Viel Erfolg beim Einstieg und viele Grüße

Floriane Montanari
Forscherin im Bereich „Maschinelles Lernen“
Bayer AG, www.bayer.de

Veränderungsprozesse rechtssicher begleiten

Verwaltungen und Unternehmen wenden zunehmend neue Strategien an, um die Digitalisierung umzusetzen. Dabei ist vermehrt agile Führung die Lösung. Agile Arbeit – Chancen und Risiken für Arbeitnehmer erläutert verschiedene Methoden agiler Arbeitsweisen (von Scrum bis Design Thinking), gibt Praxisbeispiele und zeigt die Vor- und Nachteile dieser auf. Ebenso werden die Voraussetzungen für derartige Transformationsprozesse, wie die Unternehmenskultur und das erforderliche Mindset, beleuchtet.

Die Einführung neuer Arbeitsmodelle ruft auch immer den Personal- oder Betriebsrat auf den Plan, der bei der Einführung agiler Instrumente Beteiligungs- und Mitwirkungsrechte hat.

Der Autor zeigt auf, welche kritischen Fragen sich die Arbeitnehmervertretung stellen muss, um ihrer Funktion gerecht zu werden.

Personal- und Betriebsräte werden mit diesem Buch in die Lage versetzt

  • ihre Informationsrechte zu nutzen, um erkennen zu können, in welche Form der Arbeitgeber agile Instrumente einsetzt
  • ihre Beteiligungsrechte umzusetzen
  • die mit „agiler Arbeit“ verbunden Risiken zu erfassen und
  • eine eigene Strategie zu deren effektiver Umsetzung entwickeln zu können.

So kann die Arbeitnehmervertretung ihre Rechte und Pflichten rechtssicher und entschlossen durchsetzen.

Agile Arbeit – Chancen und Risiken für Arbeitnehmer. Handlungshilfe für Betriebsrat und Personalrat

Marcus Schwarzbach, metropolitan 2020, ISBN 978-3-8029-1606-9, 19,95 €

 

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Den drastischen Umbruch zu New Work meistern – so geht’s!

New Work hält überall Einzug mit offenen, flexiblen Raum- und Arbeitskonzepten, orts- und zeitungebundener Zusammenarbeit in verteilten Teams und vermehrter Homeoffice-Arbeit. Was einerseits enorme Innovations- und Einsparpotenziale verspricht, birgt andererseits Risiken wie HR-Probleme, Gesundheitsbelastungen und Produktivitätseinbußen.

Die disruptiven Veränderungen führen zu Umstellungsdruck und Unsicherheiten bei den Mitarbeitern, müssen sie sich doch auf den Verlust ihres eigenen Schreibtisches und das Auseinanderdriften der „Bürofamilie“ einstellen, komplett digitale, virtuelle Prozesse beherrschen lernen und sich den ständigen Änderungen anpassen. Die Hauptlast tragen dabei die Führungskräfte, Teamleiter und Personalverantwortliche – in ihrer Sandwichposition zwischen hohen Unternehmenszielen und heterogenen Mitarbeiteransprüchen.

Mit Fachwissen und Humor analysieren die Autorinnen die Veränderungen auf allen Ebenen. In diesem modular aufgebauten Ratgeber geben sie Führungskräften ein „Survival Kit“ mit erkenntnisreichen Selbsttests und Praxistipps für jede Stufe der Transformation an die Hand – von der Neuorientierung über die Eigenmotivation und Homeoffice-Organisation bis zu Teambuilding und neuem gesunden Führen.

Überleben in der neuen Arbeitswelt – Desksharing, Open Space, Mobiles Arbeiten & Co. / Survival Guide für Manager und Mitarbeiter

Ingrid Britz-Averkamp, Christine Eich-Fangmeier, metropolitan 2020, ISBN 978-3-96186-040-1, 29,95 €

 

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Anne Kohlmorgen – von der Wirtschaftswissenschaftlerin zur Shiatsu-Praktikerin

Ihr Weg klingt ein wenig nach “Eat, Pray, Love”: Vom Fuße des Schwarzwalds aus führte er sie zum BWL-Studium nach Köln, über Agentur-Jetset und Luxushotels in ganz Europa zum Lehramt ans kaufmännische Berufskolleg und schließlich nach Indien und Portugal. Jetzt ist sie voller Energie zurück in Köln und unterstützt in ihrer Shiatsu Praxis Menschen dabei, auch ihre Lebensenergie in Fluss zu bringen.

Mein beruflicher Werdegang war alles andere als geradlinig und genau deswegen so zielführend. Ich bin Reiseverkehrskauffrau, habe ein Diplom in Wirtschaftswissenschaften und einen Master in Mathematik. Ich habe in der freien Wirtschaft und als Lehrerin an einem Berufskolleg gearbeitet. Außerdem bin ich ausgebildete Yoga-Lehrerin Shiatsu-Praktikerin. Ich war viel in der Welt unterwegs, jetzt bin ich dem Weg meines Herzens gefolgt und habe meine Praxis Sei Du Shiatsu eröffnet – und sehr glücklich, dass ich so weitreichende Veränderungen gewagt habe. Alle Stationen, beruflich und persönlich, Erfolge wie Krisen, haben mich weitergebracht. Ich habe gelernt, meiner Intuition und dem Leben zu vertrauen. Ich kann mich in Menschen auf unterschiedlichsten Stufen der Karriereleiter und in verschiedenen Berufsumfeldern versetzen. Und ich kann ihnen mit Shiatsu helfen, ein besseres Körpergefühl zu entwickeln und die Balance von Körper, Geist und Seele zu finden. Gerade in stressigen Lebensabschnitten oder Umbruchsphasen wie Examen, Berufseinstieg oder bei anstrengenden Projekten kann Shiatsu gleichermaßen Entspannung wie Energie geben.

Nach meinem Abitur und der Ausbildung als Reiseverkehrskauffrau habe ich ein Jahr lang im Reisebüro gearbeitet und anschließend Wirtschaftswissenschaften studiert. Dann habe ich einen kurzen Abstecher in eine Unternehmens- und Personalberatung gemacht. Bei meinem nächsten Arbeitgeber, einer international tätigen PR-Agentur, war ich hauptsächlich im Eventbereich für Kunden aus der Automobil-Industrie tätig. Eine Zeit lang waren die vielen Reisen und das Arbeiten in Luxushotels in ganz Europa toll. Doch irgendwann stressten mich die langen Arbeitstage, die oft wochenlangen Aufenthalte in Hotels sowie das schnelllebige Agenturleben.

Sabbatjahr: Von der Lehrerin zur Shiatsu-Praktikerin

Ich entschied mich für einen Seiteneinstieg als Lehrerin am kaufmännischen Berufskolleg mit den Fächern Wirtschaft und Mathematik und absolvierte ein berufsbegleitendes Mathematik-Studium. In dieser Zeit entdeckte ich Yoga und Meditation – was mir für die Doppelbelastung durch Studium und Beruf viel Kraft gegeben hat. Die Arbeit mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat mir Spaß gemacht. Mit meinem zweiten Staatsexamen wurde ich verbeamtet. Ich war sehr gerne Klassen- und Beratungslehrerin und begleitete meine Schüler zum Fachabitur – alles lief rund. Trotzdem störte mich etwas: Das System Schule mit seinem starkem Leistungsdruck ließ wenig Zeit und Spielraum für die Bedürfnisse der einzelnen Schüler. Daher habe ich mich für ein Sabbatjahr entschieden. Ich reiste nach Portugal und Indien und beendete eine dreijährige Ausbildung zur Shiatsu-Praktikerin (GSD). Shiatsu ist eine ganzheitliche Massage und energetische Körperarbeit, die in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) wurzelt und in Japan weiterentwickelt wurde.

Ich habe meinen Entschluss keine Sekunde bereut, ich fühle mich heute lebendiger und wohler in meiner Haut.

Durch die Auszeit und vor allem auch durch Shiatsu wurde mir klar, dass ich meinem Herzen folgen und nochmal neue berufliche Wege gehen wollte. Ich kündigte und gab meinen Beamtinnen-Status auf. Für viele in meinem Umfeld, Freunde und Familie, war die Entscheidung anfangs schwer nachzuvollziehen. Aber ich habe meinen Entschluss keine Sekunde bereut, ich fühle mich heute lebendiger und wohler in meiner Haut. Shiatsu hat mich bestärkt und begleitet, die Richtung zu ändern zu einem ganzheitlicheren und bewussteren Arbeitsumfeld.

Nun helfe ich Menschen durch Shiatsu ihre eigenen inneren Kräfte anzuregen. Demnächst werde ich neben den Anwendungen in meiner Praxis noch Massagen auf einem mobilen Massagestuhl in Unternehmen anbieten. Eine erfrischende kurze Behandlung, etwa in der Mittagspause, lässt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auftanken und mit mehr Energie und Motivation zum Arbeitsplatz zurückkehren. Und auch für die, die gerade vielleicht nicht ganz genau wissen, wo es hingehen soll, kann Shiatsu vieles in Bewegung setzen. Manchmal muss man sich Zeit nehmen, um herauszufinden, was man kann und will. Und das ist nicht unbedingt das, was andere sich für einen wünschen. Sich entspannt und lebendig zu fühlen bedeutet für mich ganz bei sich selbst und authentisch zu sein. Daher kommt auch der Name meiner Praxis „Sei Du Shiatsu“.

karriereführer digital 2020.2021 – Die neue digitale Normalität in der Arbeitswelt

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Cover karriereführer digital 2020-2021

Die neue digitale Normalität
in der Arbeitswelt

Homeoffice ist plötzlich Standard, Video-Meetings sind kein Problem mehr. Offen wird über Tracing-Apps diskutiert, IT-Konzerne rüsten sich für den Kampf gegen den Klimawandel. Aus der Not heraus, hat die Welt durch die Pandemie einen Crashkurs in Sachen Digitalisierung absolviert. Nun gilt es, diesen Trend nachhaltig und sinnvoll fortzusetzen.

Beyond Crisis – Die neue digitale Normalität

Homeoffice ist plötzlich Standard, Video-Meetings sind kein Problem mehr. Offen wird über Tracing-Apps diskutiert, IT-Konzerne rüsten sich für den Kampf gegen den Klimawandel. Aus der Not heraus, hat die Welt durch die Pandemie einen Crashkurs in Sachen Digitalisierung absolviert. Nun gilt es, diesen Trend nachhaltig und sinnvoll fortzusetzen. Ein Essay von André Boße.

Wie eine Lupe legt die Corona-Krise Stellen offen, an denen das, was möglich ist, nicht mit dem korrespondiert, was tatsächlich passiert. Bei digitalen Themen ist das besonders ersichtlich: Im Jahr 2020, das eigentlich von der digitalen Transformation durchdrungen sein sollte, gehört es noch immer zur Realität, dass Lehrerkräfte ihren Schülern die Home-Schooling-Aufgaben als Kopien über den Gartenzaun reichen, Ämter und Behörden wichtige Daten faxen und Homeoffice in ländlichen Gebieten deshalb nicht möglich ist, weil das Netz zu langsam ist. Durch die Pandemie wird sichtbar, was sich wo ändern muss – und zwar schnell. Nicht nur, um im Post-Corona-Zeitalter (wie immer dieses aussehen mag) für eine jederzeit mögliche neue Pandemie besser gerüstet zu sein. Zwei weitere Aspekte sind mindestens so wichtig: Erstens geht es für das digitale Deutschland darum, nicht den internationalen Anschluss zu verlieren. Zweitens muss die Digitalisierung helfen, die großen weiteren Herausforderungen zu meistern, vor denen die Weltgesellschaft steht. Denn sicher ist: Gegen die Erderwärmung hilft kein Impfstoff. Wir zeigen vier Felder, in denen jetzt etwas passieren muss. Die Technik wäre schon so weit, daher kommt es jetzt auf die Menschen an, die sie umsetzen und gestalten müssen.

Auf dem Weg in eine grün-digitale Transformation

Durch die Lockdowns in fast allen Industrieländern auf der Erde hat sich der globale CO2-Ausstoß deutlich reduziert. So lagen die Kohlenstoffdioxid-Emissionen Anfang April bis zu 17 Prozent unter den Tageswerten aus dem Jahr 2019, in Deutschland sank der Wert sogar um 26 Prozent, wie eine Studie von internationalen Klimaforschern zeigt, die Anfang Mai im Wissenschaftsmagazin Nature Climate Change veröffentlicht wurde. Während einige „geht doch!“ rufen, verweisen andere auf die immensen Schäden, die dieser Lockdown angerichtet hat. Wie so oft: Recht haben beide Seiten. Entscheidend ist es, nun den richtigen Schluss zu ziehen: „Geht doch – anders!“

Ziel muss es sein, eine Wirtschaft zu gestalten, die eine Balance zwischen Leistung und Nachhaltigkeit findet. Dass die Krise die Gelegenheit für eine Art Neustart gibt, sagen auch die Wissenschaftler von der Forschergemeinschaft Leopoldina: „Angesichts der tiefen Spuren, welche die Coronavirus-Krise hinterlassen wird, vor allem aber wegen der mindestens ebenso bedrohlichen Klima- und Biodiversitäts-Krise, kann es nicht einfach eine Wiederherstellung des vorherigen Status geben“, heißt es in einem Positionspapier der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Es gelte daher, aus den Erfahrungen mit der Pandemie und ihren Ursachen Lehren für die Zukunft zu ziehen. Konkret werde es zwar darum gehen, wirtschaftliche Aktivitäten so anzustoßen, dass die Rezession nicht zu stark ausfällt und die Wirtschaft wieder auf einen Wachstumspfad zurückkehrt. „Dieser Pfad sollte allerdings stärker als zuvor von Prinzipien der Nachhaltigkeit bestimmt sein, nicht zuletzt, weil hierin enorme Potentiale für die wirtschaftliche Entwicklung liegen“, heißt es bei der Leopoldina.

Digitale Methoden helfen dabei. Sie sind Instrumente, um Risiken zu erkennen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, Innovationen voranzutreiben, nachhaltige Wirkungen zu analysieren.

Was die Digitalisierung hierbei zu tun hat? Sie ist der entscheidende Treiber für diese Transformation der globalen Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit. Harry Gatterer, Geschäftsführer des Zukunftsinstituts, fordert im Report „Die Welt nach Corona“ ein neues „systemisch-nachhaltiges Denken, das die Wirtschaft als Teilsystem der Gesellschaft versteht und auch die Interdependenzen mit anderen Teilsystemen wie Politik, Wissenschaft, Recht oder Religion untersucht“. Digitale Methoden helfen dabei. Sie sind Instrumente, um Risiken zu erkennen, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, Innovationen voranzutreiben, nachhaltige Wirkungen zu analysieren.

Wichtig ist dabei jedoch, dass die digitale Wirtschaft nicht nur den anderen hilft, sondern auch auf sich selbst schaut: Noch sind viele Akteure der digitalen Welt blind für den eigenen CO2-Fußabdruck. Das muss sich ändern. Und es gibt Anzeichen, dass die Digital-Konzerne das Problem in Angriff nehmen: Bei einer Video-Konferenz zum Thema Nachhaltigkeit kündigte Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung Microsoft Deutschland, Mitte Mai an, der Konzern wolle ab 2030 mit seinen Lösungen mehr CO2 aus der Atmosphäre entfernen als ausstoßen. Bis 2050 wolle Microsoft sogar eine Bilanz aufweisen, nach der das Unternehmen den gesamten Kohlenstoff aus der Atmosphäre beseitigt, den es seit seiner Gründung 1975 ausgestoßen hat. „Ein ehrgeiziger Plan“, sagt Sabine Bendiek, „aber Scheitern ist an dieser Stelle keine Option.“

Crashkurs in Sachen New Work

Die Krise ist der stärkste Digitalisierungsturbo, den wir bisher kennen. Das Digitale hat den Mythos der Zukunft überwunden und ist endgültig im Alltag angekommen.

Aus der Not heraus haben die Deutschen einen Crashkurs in Sachen Digitalisierung der Arbeit und des Lernens hingelegt. Schon nach wenigen Wochen waren die meisten mit Zoom-, Teams-, Slack- oder WebEx-Meetings vertraut. „Hat man über Jahre im Vertrauenskampf zwischen Führungskräften und Beschäftigten die Heimarbeit vermieden, ist diese nun über Nacht zur betrieblichen Realität geworden“, schreibt Harry Gatterer im Report des Zukunftsinstituts. Was für ein Paradigmenwechsel: Beim französischen Autohersteller PSA müssen Mitarbeiter heute nicht mehr begründen, warum sie von zu Hause aus arbeiten wollen – sondern warum sie ins Büro möchten. Höchstens eineinhalb Tage im Büro, sonst im Homeoffice, so lautet die Richtlinie des Konzerns. Wer hätte das noch im Februar dieses Jahres für möglich gehalten? „Dieser Crashkurs hat vielfache Nebeneffekte“, schreibt Harry Gatterer. „Immer mehr wird auch digital vorstellbar. Die Krise ist der stärkste Digitalisierungsturbo, den wir bisher kennen. Das Digitale hat den Mythos der Zukunft überwunden und ist endgültig im Alltag angekommen. Wir reden nicht mehr über die Digitalisierung, wir leben sie.“

Nun gilt es, diesen Schwung in Richtung New Work zu nutzen. Wobei eine Untersuchung des Think-Tanks Energy Factory St. Gallen zeigt, dass diese Schritte nicht automatisch folgen: „Die Nachhaltigkeit dieser Veränderungen ist fraglich“, schreiben die Autoren. So zeige das aktuelle Bild, dass fast „ausschließlich Veränderungen erfolgt sind, die zwangsläufiges Resultat der Corona-Beschränkungen sind, nämlich der Einsatz von digitalen Technologien und Kommunikationsformen sowie Homeoffice und eine sprunghaft gestiegene virtuelle Zusammenarbeit.“ Das Prinzip von New Work lebe jedoch davon, dass die Maßnahmen von einer inspirierenden und vertrauensbasierten Kultur getragen werden. „Nur dann können Menschen in ihrer Arbeit ihr Potenzial nutzen und selbstorganisiert im Team mit ihren Kollegen Dinge gestalten.“

Digitalisierung als Chance für Umwelt und Gesellschaft

Der digitale Wandel und das Entwickeln umweltfreundlicher Technologien sind eine Chance für Gesellschaft und Umwelt. – Das ist das Ergebnis zweier repräsentativer Befragungen der Forsa Politik- und Sozialforschung (Berlin) unter 1.029 Bundesbürgern ab 14 Jahren, die vor und während der Kontaktbeschränkungen im Rahmen der Covid-19-Pandemie im März und im April 2020 durchgeführt wurden. Im Vergleich zum ersten „DBU-Umweltmonitor: Digitalisierung“ aus dem Jahr 2018 stehen die Bundesbürger dem digitalen Wandel insgesamt positiver gegenüber. Unter den Eindrücken der Pandemie und der Maßnahmen zur Eindämmung haben sich diese Tendenzen noch verstärkt. So sehen 57 Prozent der Befragten in der Digitalisierung eine Chance für die Gesellschaft. Im Vergleich zu den Erhebungen vom März (49 Prozent) und von vor zwei Jahren (44 Prozent) ist das ein deutlicher Anstieg. Diese erhöhte Akzeptanz dürfte auch zu einem weiteren Anstieg an Job-Angeboten für Absolvent*innen führen, die sich mit der digitalen Transformation beschäftigen. Weitere Infos unter: www.dbu.de

Jedoch zeige die Studie, dass durch die Corona-Pandemie bisher kaum Veränderungen von Leadership, Kultur oder Kompetenzentwicklung erzielt worden seien. Viele Unternehmen ließen die Chancen zur digitalen Transformation der Arbeit bisher ungenutzt. „Sie lassen damit nicht nur Potenziale für eine flexiblere und damit marktorientiertere Ausrichtung verstreichen, sondern nehmen auch die erhöhte Belastung ihrer Mitarbeitenden in Kauf.“ Es zeigt sich, dass die Corona-Krise die Diskrepanz zwischen den Unternehmen mit und ohne einer Digital-Work-Kultur noch erhöht. Anders gesagt: Die einen leben Digitalisierung und profitieren – die anderen müssen aufpassen, nicht noch schneller abgehängt zu werden, als gedacht.

Wieder mobil werden – aber smarter

Eine der gravierendsten Folgen des Shutdowns war der Eingriff in die Mobilität: Kaum ein Flugzeug am Himmel, der ÖPNV war auch zur Rush-Hour mit Feiertagsfahrplan unterwegs, die Hauptbahnhöfe verwaist, die Verkehrsnachrichten so kurz wie nie. Ob die Post-Corona-Welt das Mobilitätsniveau von 2019 erreichen wird, ist eine offene Frage. Gut möglich, dass der neue Fokus auf New Work, aber auch eine neue Sensibilität sowie ein gesteigertes Kostenbewusstsein dafür sorgen, dass die Mobilität zwar wieder zulegt, aber keine Rekorde mehr bricht. Klug wäre es, diesen Neustart ins Ungewisse mit den richtigen Impulsen für eine neue Form von Mobilität zu verbinden – einer ökologischen, sozialen und digitalen Mobilität.

„Eine gut ausgebaute digitale Infrastruktur ist für die Planung und Organisation von Mobilität unabdingbar“, heißt es in einem Positionspapier des Verkehrsclubs Deutschland. Bei der Microsoft-Nachhaltigkeitskonferenz stellte Marion Tiemann, bei Greenpeace für das Thema Mobilität und Klimawandel zuständig, dar, dass der Verkehr in Deutschland spätestens in 15 Jahren CO2-neutral sein müsse, damit Deutschland die vereinbarten Klimaziele von Paris erreicht. „Dabei sind digitale Lösungen, Sharing-Angebote, zentrale Mobilitätsplattformen und Datenpools eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen der Mobilitätswende“, sagt Marion Tiemann. Im Fokus steht dabei mehr denn je die Gesundheit: Feinstaub in der Luft, stickige Waggons und wenig hygienisches Ticketing werden in Zukunft kritischer betrachtet werden, die Digitalisierung kann zum Beispiel mit Air-Conditioning, Luft-Qualitätsanalysen oder Touchless-Ticketing-Lösungen dafür sorgen, dass ein Grundrecht auf sichere und gesunde Mobilität gewährleistet wird.

Gewusst, wo und wie: Tracing braucht Vertrauen

Bei Tracing-Apps im Kampf gegen das Virus schieden sich von Beginn an die Geister, die einen fabulierten früh vom „App-Heilmittel“, die anderen hielten das Tool für nutzlos. Es gab Verfechter einer Tracing-Pflicht mit ausgehebeltem Datenschutz, aber auch Stimmen, die Tracing nicht generell ablehnten, aber nur, wenn es vollkommen mit den Persönlichkeitsrechten der Nutzer in Einklang zu bringen ist. Unabhängig von dem, was die App letztlich leistet: Was Deutschland durch diese Debatte gewonnen hat, ist ein Zugang zu diesem Thema. Und das ist eine Menge Wert, denn in der Bundesrepublik werden Diskussionen über das Für und Wider digitaler Techniken häufig vor allem unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt. Beim Thema Tracing gestaltete sich die Debatte anders, alle potenziellen Nutzer machten sich früh ein eigenes Bild, formten daraus persönliche Einschätzungen zu Fragen wie: Wie weit darf der Datenschutz eingeschränkt werden, wenn es darum geht, eine Pandemie in den Griff zu kriegen? Wie weit würde man bei einer freiwilligen App ganz persönlich gehen? Besitzen Länder wie Singapur oder Südkorea mit ihren digitalen Nachverfolgungen von Infektionsketten Vorbildcharakter – oder eher eine abschreckende Wirkung?

Es ist wichtig, dass sich eine Gesellschaft Gedanken zu diesem Thema macht. Digitale Vordenker sollten diese Dynamik nun nutzen, um Tracing-Konzepte weiterzudenken: Ob bei Themen wie Mobilität oder Gesundheit, im Kampf gegen die Erderwärmung oder im weiteren Umgang mit dem Virus, welche Chancen bieten Geodaten und das Tracing, welche Gefahren lauern dahinter? Wie kann man bei den Nutzern Vertrauen aufbauen, wo zieht man die Grenze zwischen Nutzen und Sicherheit, Pflicht und Freiheit? Die Debatte hat begonnen – und sie sollte offen und transparent fortgesetzt werden.

Ethics for Nerds

Seit 2015 wird an der Universität des Saarlandes die von Philosoph*innen und Informatiker*innen gestaltete Vorlesung „Ethics for Nerds“ für Studierende der Informatik und verwandter Fächer angeboten. Hintergrund des Angebots ist, dass Forschungen und Entwicklungen im Bereich der Informatik unsere Gesellschaft auf vielfältige Weise prägen. Viele dieser Wege sind nicht gut, aber die technologischen Errungenschaften könnten auch helfen, viele Probleme zu lösen und das Leben von Millionen und Milliarden Menschen zu verbessern. Daher zielt die Vorlesung darauf ab, den Hörer*innen einen methodischen und/oder philosophischen Hintergrund sowie die dafür notwendigen Kompetenzen zu vermitteln, um ihrer Verantwortung gerecht werden zu können und sie nicht mit den moralischen und gesellschaftlichen Aspekten ihrer Arbeit allein zu lassen.

Buchtipp

Die aktuellen Herausforderungen unseres Landes werden in dem Buch „Der Wettlauf um die Digitalisierung“ systematisch erarbeitet: Kann das „Modell Deutschland“, das als Sozialstaat für attraktive Arbeitsplätze, für Wissenschaft, für freiheitliches Denken und Umweltschutz steht, überhaupt gegen die radikalen Digital-Ansätze in den USA und China erfolgreich Widerstand leisten? In einem umfassenden Spannungsbogen werden historische Entwicklungen technologischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Natur dargestellt, unsere derzeitigen Infrastrukturen, Managementverfahren und Cyber Security betrachtet und herausragend wichtige Gebiete, deren weitergehende Digitalisierung wettbewerbsentscheidend ist, analysiert. Kai Lucks: Der Wettlauf um die Digitalisierung. Schäffer Poeschel 2020, 89, 95 Euro.

 

 

Der KI-Praktiker Prof. Dr. Wolf-Tilo Balke im Interview

Als Direktor des Forschungszentrums L3S beschäftigt sich der Informatik-Professor Dr. Wolf-Tilo Balke mit der Frage, wie sich Methoden der Künstlichen Intelligenz für Gesellschaft und Wirtschaft einsetzen lassen. Im Interview macht er klar, dass jede KI-Leistung davon abhängt, wie gut der Mensch das System aufgestellt und trainiert hat – was dazu führt, dass dieser Bereich schon jetzt eine Vielzahl an interessanten Job-Perspektiven bietet. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Professor Dr. Wolf-Tilo Balke ist Direktor des Forschungszentrums L3S sowie seit 2008 Professor am Institut für Informationssysteme an der TU Braunschweig. Studiert hat Balke ab 1991 Mathematik in Augsburg, an dieser Uni arbeitete er von 1998 bis 2001 am interdisziplinären Projekt HERON. Seit den 1990er-Jahren forscht er zu Daten und Algorithmen, 2004 stieß er als Associate Research Director zum L3S, zuvor hatte er einen Forschungsaufenthalt an der Universität in Berkeley, Kalifornien, absolviert.

Herr Balke, eine Frage zu Corona. Es gibt Leute, die enttäuscht fragen: Wo bleibt eigentlich der Beitrag der Künstlichen Intelligenz, um diese Pandemie zu beenden? Was erwidern Sie darauf?
Es gibt zahlreiche Projekte weltweit, die mit Hochleistung an intelligenten Verfahren zur COVID-19-Bekämpfung forschen und auch schon Ergebnisse liefern, zum Beispiel Vorhersagen möglicher Wirkstoffe und ihrer pharmazeutischen Eigenschaften. Einerseits sind das Verfahren auf Dokumentenkollektionen wie zum Beispiel der mehr als 60.000 Fachpublikationen umfassende CORD-19-Corpus des Allen Institute For AI in Seattle, andererseits Verfahren, die auf medizinische oder epidemiologische Datensätze zum Beispiel aus dem Forschungsdatenzentrum des Robert Koch Instituts angewandt werden. Der Vorteil liegt hier in der effizienten Verarbeitung und Auswertung massiver Datenmengen, der intelligenten Auswertung sowie Verknüpfung von Fachliteratur und der Zusammenführung von Daten aus heterogenen Quellen.

Wo stößt die Anwendbarkeit dieser Lösungen an ihre Grenzen?
Es gibt natürlich eine Sorgfaltspflicht gegenüber den betroffenen Patienten. Ärzte können nicht einfach ein „von der KI verordnetes“ Medikament einsetzen. In jedem Fall müssen zunächst klinische Studien durchgeführt werden, bei neuen Wirkstoffen ist das ein komplexes Zulassungsverfahren, um unerwünschte Nebenwirkungen zu minimieren. Wenn die Erkenntnisse der KI-Werkzeuge aber auch hier helfen, eine Priorisierung der Tests mit den wahrscheinlich wirksamsten Wirkstoffen zu bewirken, ist schon deutlich mehr erreicht, als wenn man unkoordiniert ausprobieren müsste.

Wo liegt generell das größte Missverständnis unserer Gesellschaft gegenüber Künstlicher Intelligenz?
Ich glaube, diese Frage hängt eng mit Ihrer ersten Frage zusammen. Die Künstliche Intelligenz wird zu oft als Allheilmittel verstanden, nach dem Motto: Ich werfe einfach alle Daten in ein System – und auf geradezu wunderbare Weise sucht die KI genau die für mich interessanten Zusammenhänge heraus, um auf dieser Basis immer die richtigen Entscheidungen zu treffen. Es ist eine oft bestätigte Faustregel, dass jedes technische System nur so gut sein kann wie der Input. KI-Systeme, die auf der Grundlage veralteter, verzerrter, verfälschter Daten arbeiten, werden die Eigenschaften dieser Daten als Realität ansehen – und deshalb manchmal unfaire oder sogar diskriminierende Entscheidungen ableiten.

Wichtig ist es jetzt, jenseits der üblichen technischen Hypes und politischer Parolen eine solide Infrastruktur zu finanzieren und zukunftsfähige, das heißt umfassend gebildete Fachkräfte an den Universitäten auszubilden.

Die Idee Ihres Forschungszentrums ist es, das Internet an die reale Welt anzubinden. Was muss gewährleistet sein, damit dadurch die reale Welt Vorteile erfährt – und keine Nachteile?
„Nur Vorteile und keine Nachteile“ ist natürlich eine Utopie, das muss durch die Formulierung „deutliche Vorteile bei akzeptablen Nachteilen“ ersetzt werden. Und das L3S arbeitet an genau diesen Problemen. Dazu gehört es, einerseits die Forschung voranzutreiben, um international konkurrenzfähig zu bleiben. Andererseits ist die Abschätzung der technischen und gesellschaftlichen Folgen eine wesentliche Aufgabe. Denn man kann eben zwar nicht alle Nachteile vermeiden, es sollte aber eine bewusste Entscheidung darüber möglich sein, worauf man sich einlässt und wie man den Rahmen bestmöglich regulieren kann. Wenn wir also durch unsere Forschung Vor- und Nachteile transparent machen und diese dadurch abgewogen werden können, haben wir viel erreicht.

Die aktuelle Pandemie zeigt uns auf, wie weit die Digitalisierung in Deutschland bereits fortgeschritten ist. Wie lautet ihr Urteil des Fortschritts?
Es wurden in Deutschland sicherlich einige Investitionen in die grundlegende digitale Infrastruktur, in die fokussierte Überarbeitung von Unternehmensprozessen sowie in die Aus- und Weiterbildung von Fachkräften versäumt. Allerdings sehen wir auch immer wieder positive Beispiele für Fortschritte in der Digitalisierung. Wichtig ist es jetzt, jenseits der üblichen technischen Hypes und politischer Parolen eine solide Infrastruktur zu finanzieren und zukunftsfähige, das heißt umfassend gebildete Fachkräfte an den Universitäten auszubilden. Ich glaube nicht, dass uns auf diesem Weg einfache Patentrezepte und schnelle Abkürzungen nützen, stattdessen müssen nachhaltige Prozesse an der Basis angesetzt werden. Das erzwingt, alte verkrustete Strukturen aufzubrechen – weshalb das Vorhaben einiges an Zeit und Geld kosten wird.

Wer sich als junge Fachkraft im Bereich der KI tummeln will, welche Kenntnisse und Fähigkeiten sind für diese Person unabdingbar?
Ich glaube, dass hier ein breiter Raum an Möglichkeiten zur Verfügung steht und man diesen mit verschiedenen Fertigkeitsprofilen erschließen kann – und auch muss. Im Zentrum stehen ganz offensichtlich Informatiker, Wirtschaftsinformatiker und Mathematiker, die technische Grundlagen in innovative Produkte, intelligente Prozesse und effektive Unternehmensstrukturen einbringen. Dazu gehört ein tiefes Verständnis der abstrakten technischen Konzepte, ihres Zusammenspiels und ihrer Möglichkeiten – aber eben auch ihrer Grenzen. Mit einfachen Parolen wie „Ab jetzt alles mit KI!“ ist niemandem geholfen, man benötigt das richtige Augenmaß – und dieses setzt ein tieferes Verständnis der Methoden voraus. Ergänzend werden sich auch die Ingenieurwissenschaften und Wirtschaftsingenieure stärker auf die Anwendung intelligenter Verfahren und Softwarekomponenten fokussieren. Da tut sich gerade viel, auch in der Gestaltung der entsprechenden Studiengänge. Dazu sind auch wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Kompetenzen wichtig, um KI erfolgreich und verantwortungsbewusst in verschiedenen Arbeits- und Lebensbereichen einzusetzen. In jedem Fall verdient es gerade dieses Thema, dass man sich tief mit seinem transformativen Charakter auseinandersetzt. Denn nutzt man es nur als Schlagwort, ohne zu verstehen, was es wirklich bedeutet, richtet man am Ende wahrscheinlich mehr Schaden als Nutzen an.

Für Studierende im MINT-Bereich mit einem entsprechenden Fokus auf maschinellem Lernen, Neuronale Netze, Data Mining oder deren Anwendung in Security, Robotik oder Bio-Informatik sehe ich ein breites und wachsendes Feld von Betätigungsmöglichkeiten.

In welchen Bereichen werden in den kommenden Jahren mit Blick auf die KI ganz neue Job-Profile entstehen?
Wir haben in den vergangenen Jahren bereits die Vorboten gesehen: Big Data Analytics, Network Analysis, Data Science – für diese Themen werden in naher Zukunft einerseits Fachkräfte gebraucht, die intelligente Komponenten und Entscheidungsprozesse als Werkzeuge entwerfen und entwickeln. Andererseits werden Fachkräfte gefragt sein, die neue Werkzeuge zusammen mit den veränderten Prozessen in die betriebliche Praxis tragen. Für Studierende im MINT-Bereich mit einem entsprechenden Fokus auf maschinellem Lernen, Neuronale Netze, Data Mining oder deren Anwendung in Security, Robotik oder Bio-Informatik sehe ich ein breites und wachsendes Feld von Betätigungsmöglichkeiten. Wobei auch für Absolventen im rechts-, wirtschaftsund sozialwissenschaftlichen Bereich mit einem klar technologie-orientierten Fokus große Karrierechancen entstehen werden.

Noch ein Blick in die technische Zukunft: Welche Entwicklungsschritte werden KI-Methoden machen müssen, damit sie noch stärker als heute im Dienst für Mensch und Gesellschaft arbeiten?
Ja, das ist in der Tat die große Frage. Das Potenzial selbstlernender KI-Technologien ist unglaublich, und ich bin sicher, dass viele der derzeitigen Probleme in den Griff zu bekommen sind. Darunter fallen zum Beispiel die mangelnde Erklärbarkeit und Nachvollziehbarkeit KI-basierter Entscheidungen, die Verlässlichkeit und Stabilität intelligenter Werkzeuge, Probleme der Robustheit und Anwendungssicherheit, aber auch Dinge, an die man nicht sofort denkt, wie zum Beispiel ethische Herausforderungen, die sich bei zunehmend autonomen Systemen ergeben. Es wird also auch in den nächsten Jahren noch jede Menge zu tun geben!

Zum Forschungszentrum

Das L3S als gemeinsame zentrale Einrichtung der Leibniz Universität Hannover und der Technischen Universität Braunschweig arbeitet mit rund 150 Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen daran, den digitalen Wandel zu erforschen, um aus den Erkenntnissen Handlungsoptionen, Empfehlungen sowie Innovationsstrategien für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft herzuleiten. Dazu gehört es einerseits, die Forschung voranzutreiben, um somit international konkurrenzfähig zu bleiben. Andererseits steht auch die Abschätzung der technischen und gesellschaftlichen Folgen im Fokus, insbesondere durch die Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern aus der Soziologie oder den Rechtswissenschaften.

www.l3s.de

Digitale Technologien am Bau

Bauen ist komplex. Außedem handelt es sich bei den meisten Bauten um Unikate. Da ist die Einführung von digitalen Standards eine besondere Herausforderung. Doch die Digitalisierung schreitet auch am Bau voran, unterschiedlichste Technologien finden Einzug – allen voran Building Information Modeling. Von Christoph Berger

BIM, also Building Information Modeling, Drohnen für die Vermessung, Erkundung und Bauwerksüberwachung, Sensortechnik für ein Dauermonitoring von Brücken, Roboter, die „eigenständig“ Wände mauern, Laserscanning, Häuser, die mit 3D-Druckverfahren gebaut werden, Blockchain-Technologie für ein automatisiertes und transparentes Vertrags- und Rechnungsmanagement, der Baustoffhandel, der seine Produkte mehr und mehr um BIM-Daten ergänzt und auch Bauwerke, die selbst smart sind, wie zum Beispiel der Cube Berlin, ein mit modernster Technik ausgestattetes Bürogebäude: Der Digitalisierung im Baubereich sind keine Grenzen gesetzt, die zur Verfügung stehenden Technologien finden nach und nach Einzug in die Branche mit entsprechenden Adaptionen.

Positionspapiere der Bauindustrie zur Digitalisierung in den drei Bausparten

  • BIM im Hochbau
  • BIM im Straßenbau
  • BIM im Spezialtiefbau

Vor fünf Jahren sah die Bauwelt hingegen noch anders aus. Damals schrieb der ehemalige Bundesminister Alexander Dobrindt im Vorwort des 2015 vorgestellten „Stufenplan Digitales Planen und Bauen“: „Um diese Potenziale in Deutschland zu heben, brauchen wir eine neue digitale Planungs- und Baukultur.“ Die zu hebenden Potenziale sah er bei der Qualität, Effizienz und Schnelligkeit im Bereich der Kompetenzen wie Produktion, Planen und Bauen. Durch digitale Technologien könnten beim Bau von Großprojekten „eine frühzeitige Vernetzung, enge Kooperationen und eine intensive Kommunikation aller Beteiligten“ sichergestellt werden, so sein Plan. Verschiedene Planungsvarianten könnten frühzeitig visualisiert, Prozesse standardisiert, Transparenz hergestellt, eine realistische Risikokalkulation erreicht und Bauzeiten sowie Baukosten erheblich reduziert werden.

BIM ist eine Methode

Nun, genauer gesagt Ende dieses Jahres, soll das in dem Stufenplan aufgezeigte Leistungsniveau 1 erreicht sein. Dies beschreibt die Mindestanforderungen, die dann in allen neu zu planenden Projekten – es geht um die Vergabe öffentlicher Aufträge für den Bundesinfrastrukturbau und den infrastrukturbezogenen Hochbau – mit BIM erfüllt werden sollen. Und an BIM hängt viel. Einige der anderen digitalen Technologien lassen sich hervorragend mit BIM kombinieren. Auch wenn BIM oftmals mit Software gleichgesetzt wird, durch deren Einsatz alle an einem Bauprojekt Beteiligten Zugriff auf das digitale Modell eines Bauwerks haben, steckt weit mehr als Technik dahinter.

Bei BIM geht es um eine Methode, um vernetztes und kollaboratives Arbeiten. Dobrindt spricht nicht umsonst von einer neuen Planungs- und Baukultur. Und diese Methode zieht sich über den gesamten Lebenszyklus eines Bauwerks: angefangen bei der Planung, über die Ausführung und den Betrieb bis hin zum Rückbau. All die Phasen werden mit digitalen Technologien und Prozessen dargestellt. Statt der voneinander getrennten Arbeitsweise von Projektplanern, den ausführenden Bauunternehmen sowie schließlich den späteren Betreibern, füllen bei BIM alle Projektbeteiligten den digitalen Zwilling mit relevanten Informationen. Heraus kommt dann ein mehrdimensionales Modell, das über das 3D-Modell mit einem räumlichen Körper hinausgeht.

Erweitert werden kann dieses Modell um die Dimensionen Zeit, Kosten, Nachhaltigkeit und Effizienz. Oder auch um die für das Facility Management erforderlichen Informationen. Letztlich können noch weitere Aspekte Berücksichtigung finden, sodass man nicht mehr nur von 3D, 4D, 5D und so weiter sprechen kann, sondern von nD. Das Zusammenbringen sämtlicher Informationen in einem Modell bedeutet zudem auch, dass die zahlreichen Aktenordner mit Plänen, Verträgen etc., die bisher über die Büros der Beteiligten verteilt waren, nun an einem Ort zu finden sind: im BIM-Modell.

Doch dies ist längst nicht der einzige Vorteil, den ein solches Digital-Modell mit sich bringt. Offensichtlich ist da zum einen die visuelle Darstellung des Bauwerks. Durch die räumliche Betrachtung werden Bauwerke vorstell- und erlebbar. Ein anderes ausschlaggebendes Argument für BIM ist die mit der Methode einhergehende Transparenz, da sich jede Datenänderung direkt auf das gesamte Modell auswirkt, das Modell durch jede neue Eingabe aktualisiert wird. Und wenn jede Änderung sichtbar wird, zeigt sich auch deren Auswirkung. So werden Korrelationen vermieden, die Kosten bleiben unter Kontrolle und auch die Bauabläufe können besser aufeinander abgestimmt werden – um nur einige damit zusammenhängende Punkte zu nennen.

Zertifizierte Weiterbildungen

Trotz der kooperativen Arbeitsweise braucht es auch bei der BIM-Methode eine Koordination für die Zusammenarbeit – ähnlich wie dies in agilen Projekten notwendig ist. BIM-Manager, BIMKoordinatoren oder BIM-Modellierer sind neue Rollenbilder, die im Zusammenhang mit BIM entstanden sind. Die nötigen Jobkompetenzen zu diesen Jobprofilen können in zertifizierten Weiterbildungen erworben werden. Das Kompetenznetzwerk für digitales Planen, Bauen und Betreiben von Bauwerken, Building Smart Deutschland, hat gemeinsam mit dem Verein Deutscher Ingenieure VDI einen Standard für BIMKenntnisse entwickelt. Einrichtungen der beruflichen Weiterbildung können ihre Programme über das Netzwerk zertifizieren lassen. Damit erhalten Teilnehmer die Sicherheit, dass ihre erworbenen BIM-Kenntnisse einem weltweit abgestimmten Standard entsprechen.

BIM-Weiterbildungen

Anbieter finden, die sich über Building Smart haben zertifizieren lassen.
BIM-Institut an der Bergischen Universität Wuppertal
BIM Deutschland – Zentrum für die Digitalisierung des Bauwesens

 

Forschungsprojekte für die Digitalisierung am Bau

SDaC – Smart Design and Construction
Bauen 4.0 – Digitalisierung auf derBaustelle
Bauen 4.0 – Effizienz & Produktivitätssteigerung durch Vernetzung & Kommunikation mobiler Maschinen
BIMcontracts
Autonom arbeitende Maschinen im Straßenbau 4.0 – ROBOT-Straßenbau 4.0

Und wie ist es um den BIM-Einsatz in deutschen Unternehmen bestellt? Laut Ergebnissen der im Dezember 2019 veröffentlichten Studie „Zukunft Bau – Beitrag der Digitalisierung zur Produktivität in der Baubranche“, die das ZEW Mannheim im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) erstellt hat, hinkt die deutsche Baubranche im Vergleich zu anderen Branchen und im internationalen Vergleich beim Einsatz digitaler Technologien zum Teil noch hinterher. Wobei es hier um den generellen Einsatz digitaler Technologien und nicht ausschließlich um BIM geht. Doch die Studienautoren monieren, dass die Baubranche bislang wenig in Digitalisierungsprojekte investiere und sich dann oftmals auf den Einsatz grundlegender digitaler Lösungen wie die der elektronischen Rechnungsstellung oder CAD-Anwendungen (genutzt von 38,5 bzw. 36,2 Prozent der Unternehmen in der Baubranche inklusive Planungsbereich) beschränke. Bauspezifische Technologien wie 3D-Scanner oder virtuelle Realität werden dagegen eher selten genutzt (2,8 bzw. 7,5 Prozent der Unternehmen).

Als zentrale Hemmnisse für die erfolgreiche Umsetzung von Digitalisierungsprojekten gelten der zu hohe finanzielle (62,4 Prozent der Unternehmen) und zeitliche (61,5 Prozent) Aufwand, der mit Digitalisierungsprojekten einhergeht. Als hinderlich werden von der Mehrzahl der befragten Unternehmen weiterhin zu strikte Datenschutzregeln (57,5 Prozent), der unzureichende Breitbandausbau (55,6 Prozent) und fehlende Standards und Schnittstellen (54,9 Prozent) wahrgenommen. Die Studie legt andererseits aber auch dar, dass die Baubranche die Potenziale der Digitalisierung für ökonomische Erfolgsvariablen wie Wettbewerbsfähigkeit, Innovationsfähigkeit oder Arbeitsproduktivität erkannt hat. Dies werde daran ersichtlich, dass deutlich mehr Unternehmen für die Zukunft positive Auswirkungen der Digitalisierung erwarten.

Gebündelte BIM-Kompetenzen

Damit noch mehr Unternehmen der Baubranche auf die Vorteile der Digitalisierung setzen, hat im Januar 2020 das nationale Zentrum für die Digitalisierung des Bauwesens „BIM Deutschland“ seine Arbeit aufgenommen. Das Zentrum führt Aktivitäten, Erkenntnisse und Erfahrungen zum Einsatz von BIM auf nationaler und internationaler Ebene zusammen und stellt dieses Wissen der gesamten Wertschöpfungskette Bau zur Verfügung. Dazu entwickelt BIM Deutschland Handlungsempfehlungen, einheitliche Vorgaben für öffentliche Auftraggeber des Bundes, eine Normungsstrategie sowie Konzepte für BIM-spezifische Aus- und Fortbildung.

Kernstück ist die Einrichtung eines BIM-Portals, das die gewonnene Expertise vermittelt und das Vorlagen für die vereinfachte Nutzung der BIM-Methode enthält. Allen Anwendern im Bau werden dort breit gefächerte Informationen, Muster, Vorgaben und Werkzeuge zur Verfügung gestellt. Nicht unerwähnt soll aber auch bleiben, dass manches Bauunternehmen bereits heute voll auf BIM setzt. Die dazu nötigen Erfahrungen wurden in aufwändig und durchgängig mit BIM durchgeführten BIM-Pilotprojekten gesammelt, sodass BIM-Know-how gestärkt und die nötigen Prozesse aufgebaut werden konnten. Sukzessive wurde BIM so mehr und mehr in den Projekten ausgeweitet.

Forschungsprojekte in vielen Technologiebereichen

Auch wenn die BIM-Methode mit Sicherheit eines der Hauptinstrumente bei der digitalen Transformation der Bauwirtschaft darstellt, beinhaltet die Digitalisierung des Bauens noch einige mehr Technologien als BIM. In einer Machbarkeitsstudie beispielsweise entwickelten Wissenschaftler der TU München zusammen mit Unternehmen eine Augmented Reality-Anwendung für Baggerfahrer. Dabei werden den Baumaschinenführern die für ihre Arbeit notwendigen Daten in Form von Hologrammen genau dort angezeigt, wo sie gebraucht werden. Dies kann dadurch erreicht werden, dass die intelligenten Ortungssysteme eines Baggers, die mit Satellitenunterstützung arbeiten, die genaue Position und Drehung des Baggers und seiner beweglichen Teile bestimmen können. Man kann die digitalen Daten an den gewünschten Orten platzieren, wodurch ein Baggerfahrer zum Beispiel beim Betrachten einer Grube direkt sehen kann, wie tief und wie weit er noch graben und in welchem Radius er den Baggerarm schwenken darf. Die Mixed Reality wird dabei mithilfe der Mixed-Reality-Brille Holo-Lens eingesetzt.

Mittelstand 4.0

Das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Planen und Bauen unterstützt kleine und mittlere Unternehmen sowie Handwerksbetriebe bei der Digitalisierung und beim Einstieg in Building Information Modeling (BIM).

Mobile Roboter

Husky A200 heißt die mobile Roboterplattform, mit der erforscht wird, wie künftig mobile Plattformen autonom über Baustellen fahren und Lasten transportieren können. Der rollende Roboter ist eines von vielen Projekten, mit denen das Fraunhofer Italia Innovation Engineering Center die Digitalisierung im Bauwesen vorantreibt und eine Brücke zwischen Robotik und Bauwirtschaft schlagen will.

Um selbstfahrende Bagger, ein kabelloses 5G-Netzwerk mit Baustellencloud und intelligente Werkzeuge geht es in einem gemeinsamen Projekt der TU Dresden mit mehr als 20 Partnern. Mit neuen Maschinen- und Kommunikationstechnologien will man eine vollständig vernetzte Baustelle einrichten. Das Projekt hat Pilotcharakter, heißt es, da es erstmals den kompletten Kommunikationsweg erforscht – von der Bau- und Prozessplanung über die Baustellenlogistik bis hin zur Maschine. Hierfür werden neue Technologien entwickelt und schlussendlich im realen Baustellenumfeld erprobt.

Im Forschungsprojekt SDaC – Smart Design and Construction sollen mithilfe einer neuen KI-Plattform die Weichen für ein digitales und vernetztes Datenmanagement in der Bauwirtschaft gestellt werden. „Die Bauwirtschaft ist eine der wichtigsten Branchen in Deutschland und stellt für alle gesellschaftlichen Bereiche die notwendige Infrastruktur zur Verfügung“, so Professor Shervin Haghsheno, Leiter des Instituts für Technologie und Management im Baubetrieb des KIT und wissenschaftlicher Leiter des Forschungsprojektes SDaC. „Mit der Entwicklung und Erprobung von Anwendungen der Künstlichen Intelligenz über unseren Plattformansatz möchten wir ein neues Ökosystem für innovative Produkte und Dienstleistungen schaffen und einen Beitrag dazu leisten, dass die Akteure in der Wertschöpfungskette Bau ressourcenschonender und effektiver arbeiten können.“ Auf der geplanten Plattform sollen die Metadaten aus Bauprojekten unternehmensübergreifend verknüpft und miteinander verglichen werden, so dass auch für klein- und mittelständische Unternehmen valide Prognosen möglich sind. Hierfür liefern die Praxispartner Daten aus mehr als 16.500 Bauprojekten. Technologiepartner mit entsprechendem Expertenwissen entwickeln die Plattform und die Anwendungen.

Expert*innen für Digitales

Und was bedeuten all die technologischen Entwicklungen für Absolventinnen und Absolventen? So breit die Palette der Anwendungen, so weit gefächert ist die Suche nach entsprechenden Experten – jeweils gepaart mit dem jeweiligen Technologiewissen. Für die Entwicklung von BIM-Software werden beispielsweise Anwendungs- und Softwareentwickler, Implementierungsexperten und Datenbankadministratoren gesucht – meist mit einem Bauingenieurstudium als Basis. Denn sollen zum Beispiel Softwarelösungen für den Brückenbau entwickelt werden, braucht es auch tiefgehende Kenntnisse im konstruktiven Ingenieurbau und Betonbau. Die Bauunternehmen selbst setzen auf Bauingenieure mit entsprechendem ITWissen sowie auf Weiter- und Fortbildungen, um die Digitalisierung voranzutreiben. So werden beispielsweise Einarbeitungsprogramme für Jungbauleiter angeboten, in denen es neben den Fach- auch EDV- und Methodenschulungen geben wird. So lässt sich prinzipiell resümieren: Jetzt werden die Weichen für die Zukunft des Bauens gestellt.

Buchtipp: Technophoria

Feuilleton-Redakteur Niklas Maak hat einen Roman zu den großen Fragen unserer Zeit geschrieben: Technophoria. Darin arbeitet Turek für eine Firma, die Smart Cities baut. Sein Chef ist besessen von einem alten Plan: Wenn es gelänge, die ägyptische Qattara- Senke mit Wasser aus dem Mittelmeer zu fluten, könnte man den Meeresspiegel senken, den Klimawandel bremsen – und Milliarden verdienen. Technophoria erzählt von den Schönheiten und Absurditäten der digitalen Welt, von Menschen, die an der Zukunft bauen oder ihr zu entkommen versuchen. Ein scharfer Blick auf eine Gesellschaft, die ihre Freiheit für Komfort und Sicherheit aufgegeben hat, und eine ungewöhnliche Liebesgeschichte, die um die ganze Welt führt, zu Gorillas und Robotern, in anarchistische Kommunen, sprechende Häuser und Serverfarmen – und zu Menschen, die ihr Leben so wenig auf die Reihe bekommen wie die Liebe. Niklas Maak: Technophoria. Hanser 2020, 23 Euro.