karriereführer wirtschaftswissenschaften 2.2020 – Post-Corona-Arbeitswelt

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Cover karriereführer wirtschaftswissenschaften 2-2020

Post-Corona-Arbeitswelt: Neugierde, Aufgeschlossenheit und Mut sind die neuen Superskills

die Welt hat sich gewandelt, seitdem die letzte Ausgabe des #kf_wiwi erschienen ist: Corona hat unser Privatleben genauso wie die Arbeitswelt massiv verändert. Und auch, wenn die Situation uns allen gerade viel Flexibilität und Geduld abfordert, birgt sie Chancen – und diese möchten wir beleuchten. Wir haben mit Vorausdenker Prof. Dr. Gunter Dueck darüber gesprochen, wie wir die Zukunft gestalten statt nur die Gegenwart zu verwalten. Und „Übermorgenmacher“ Prof. Dr. Wilhelm Bauer hat uns erklärt, was die Krise bedeutet und warum Resilienz gerade jetzt so wichtig ist: Sie hilft uns, aus Krisen gestärkt hervorzugehen. Und – eine gute Nachricht – sie lässt sich erlernen!

Wirtschaftsprüfung: In der Verantwortung

Der Paradigmenwechsel ist da: Klima- und Coronakrise treiben Unternehmen zum Umdenken an. Erfolgreich zu sein, bleibt das Ziel des Managements. Doch die Dimensionen erweitern sich: Soziale, ökologische und gesundheitliche Faktoren gewinnen immens an Bedeutung. Einfluss hat das auch auf die Wirtschaftsprüfung, in der die Arbeit an und Beratung zu nichtfinanziellen Unternehmensberichten verstärkt zum Thema wird. Von André Boße.

„Das Geschäft des Unternehmens ist das Geschäft.“ Diesen legendären Satz des Wirtschaftsnobelpreisträgers Milton Friedman zitiert Martin Wambach, Geschäftsführender Partner der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft Rödl & Partner im Vorwort einer aktuellen Publikation des Unternehmens, die sich dem Thema Klimaschutz widmet. Wobei Wambach klarmacht: Dieser Satz stammt noch aus den 70er-Jahren. Aus einer anderen Epoche also. Über Jahrzehnte hat er die Agenda der Unternehmen bestimmt – als eine Agenda, die „intensiv vom Ziel der Gewinnmaximierung bzw. der Maximierung des Shareholder Values beherrscht wurde“, wie Wambach schreibt. Im Jahr 2020 jedoch gerate diese Agenda massiv ins Wanken: „Wir alle beginnen zu verstehen, dass in einer globalisierten und vernetzten Welt die einzelnen gesellschaftlichen Akteure ihre Agenden nicht an monokausalen, singulär betriebswirtschaftlichen Zielen ausrichten können.“

Unternehmen sind erst dann im Jahr 2020 angekommen, wenn sie erkennen, dass ihre Verantwortung weit über die eigenen Geschäfte hinausgeht.

Es geht um gesellschaftliche Akzeptanz

Wie Friedman seinen Satz heute formulieren würde, mit Blick auf die riesigen ökologischen, sozialen und gesundheitlichen Herausforderungen? Wambach schlägt folgendes vor: „Das Geschäft des Unternehmens ist gesellschaftliche Akzeptanz.“ Keine Rede also mehr von Business und Kapital, wobei Martin Wambach damit nicht meint, die Unternehmen müssten sich kleinmachen. Im Gegenteil, für ihn ist es an der Zeit, dass die wirtschaftlichen Akteure ihre bestimmende Rolle in dieser Welt annehmen: „Unternehmen prägen unsere Gesellschaft in mehrfacher Hinsicht. Zum einen werden sie als selbstständige Akteure verstanden, zum anderen prägen Unternehmen ihre Mitarbeiter. Sie wirken als Multiplikatoren und sind Katalysatoren von Veränderungen. Aus diesen Funktionen erwächst eine Verantwortung, die Unternehmen gezielt kraftvoll einsetzen können, wenn sie dauerhaft erfolgreich sein wollen.“

Leitlinien zu klimabezogenen Berichten

Die EU-Kommission hat im Juni 2019 unverbindliche Leitlinien zur Berichterstattung über klimabezogene Informationen veröffentlicht. Diese geben Unternehmen Empfehlungen, wie sie darüber berichten können, wie ihre Aktivitäten sich auf den Klimawandel auswirken und welchen Einfluss dieser auf das Geschäftsmodell nimmt. Hier stehen besonders potenzielle Risiken im Fokus. Die Leitlinien erhalten zudem Best Practice-Beispiele zur Berichterstattung über wesentliche Erfolgsfaktoren. Die Leitlinien zum Download: Website der Kommission oder der Wirtschaftsprüferkammer.

Die Grundlage des Erfolgs hat sich seit den 70er-Jahren also entscheidend geändert: Zu Friedmans Zeiten war alleine das Geschäft ausschlaggebend – ein enger Blick, der damals sinnvoll erschien: Wer Dinge verkaufen will, der muss sich halt blendend darauf verstehen, diese Dinge herzustellen und zu vertreiben. In den 20er-Jahren des 21. Jahrhunderts erweitert sich nun der Erfolgsbegriff um weitere Ebenen. Ausschlaggebend ist nicht nur, ob ein Unternehmen mit seinen Produkten ein Angebot herstellt, das im Markt nachgefragt wird. Im Blick haben müssen die wirtschaftlichen Organisatoren zu jeder Zeit die gesamte Gesellschaft – also auch diejenigen Akteure, die zwar als Kunden nicht in Frage kommen, sich aber dennoch sehr genau anschauen, auf welche Art das Unternehmen Geschäfte macht und welche Folgen diese haben. Unternehmen sind erst dann im Jahr 2020 angekommen, wenn sie erkennen, dass ihre Verantwortung weit über die eigenen Geschäfte hinausgeht. Diese Verantwortung, so Martin Wambach, beinhalte, „sich als verlässlicher Partner im Veränderungsprozess und Treiber für nachhaltige Entwicklungen zu begreifen.“

Gesamtes Management auf dem Prüfstand

Diese Transformation in die Nachhaltigkeit lässt keinen Bereich aus. Modernes Management analysiert daher in allen Segmenten der Organisation den Ist-Zustand, um daraus Ziele abzuleiten. Dazu zählen zukunftsorientierte Rechenzentren, die zu einer deutlich nachhaltigeren IT-Landschaft führen – wobei hier auch die Kommunikationskultur eine Rolle spielt: Es ist wichtig, dass Mitarbeiter begreifen, dass es zwar gut ist, auf digitale Kommunikation zu setzen und somit Papier zu sparen, dass andererseits aber auch jede verschickte E-Mail einen CO2-Fußabruck hinterlässt. Zur Management-Aufgabe im Jahr 2020 zählt es auch, mit Blick auf die Folgen der Pandemie zu analysieren, welche neuen Arten des Arbeitens und von Meetings in einer Post- Corona-Zeit beibehalten werden können.

Mobiles und flexibles Arbeiten war lange Zeit eine softe Idee, der selten harte Entscheidungen folgten. SARS-CoV-2 hat das geändert, sehr wahrscheinlich sogar für immer: Der französische Autokonzern PSA hat im Zuge der Corona-Krise einen Paradigmenwechsel vorgenommen, der Ende 2019 kaum möglich gewesen wäre: Der Mutterkonzern der Marken Opel, Citroën und Peugeot hat eine „Neue Ära der Agilität“ ausgerufen, die den CO2-Abdruck verkleinert, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie stärkt und die Gesundheit jedes Einzelnen sowie der Belegschaft schützt. Was das konkret heißt? Wer nicht in der Produktion arbeitet, für den ist ab jetzt nicht mehr der Arbeitstag im Office die Regel, sondern im Homeoffice. Ein bis anderthalb Tage in der Woche im Konzernbüro – das müsste reichen, wer häufiger kommen will, müsse das begründen, so die PSADirektive.

Homeoffice wird zum Standard

Was für ein Wandel! Noch bis Ende 2019 war es üblich, dass diejenigen die Begründung vorlegen mussten, die im Homeoffice tätig sein wollten, wobei nicht selten alles Argumentieren nichts half. Hier wird deutlich, wie sehr die Pandemie tatsächlich an vielen Stellen im Management den Hebel umgelegt hat. „Mit der Gelegenheit des Paradigmenwechsels nach der Krise wollen wir unseren Handlungen mehr Sinn geben, die richtige Energie zur richtigen Zeit am richtigen Ort einsetzen, Ressourcen und Zeit verantwortungsbewusster nutzen“, sagt Xavier Chéreau, Personalchef der Groupe PSA und zuständig für die Transformation des Unternehmens. Ganz bewusst spricht er von „Sozialpartnern“, mit denen zusammen der Konzern gesellschaftliche Veränderungen beobachtet, „die uns darin bestärken, die Motivation und das Wohlbefinden unserer Mitarbeiter zu wichtigen Säulen der Unternehmensleistung zu machen“. Man könnte nun fragen: Warum nicht schon früher? Andererseits, besser spät als nie.

Klimaschutz-Unternehmen

Im Verein Klimaschutz-Unternehmen haben sich Unternehmen zusammengetan, die sich als Vordenker und Vorreiter bei diesem Thema sehen. Aktuell hat der Verband 39 Mitglieder. Die Idee ist es, sich ambitionierte Ziele zu setzen und individuelle Lösungen für die betriebliche Energieeffizienz bei Produkten, Dienstleistungen und Produktionsprozessen zu entwickeln, die einen wirklich messbaren Unterschied machen und als Best-Practice-Modelle auch für andere Unternehmen umsetzbar sind. www.klimaschutz-unternehmen.de

Einen Einfluss hat dieser Paradigmenwechsel in Richtung gesellschaftlicher Verantwortung auch für den Bereich der Wirtschaftsprüfung. Noch geht es hier um Zahlen, jedoch gibt es Signale, dass sich bereits vieles ändert – und noch mehr ändern wird. Die EU-Kommission erlässt Gesetze und formuliert Leitlinien, die von den Unternehmen „nichtfinanzielle Berichte“ fordern oder empfehlen. Das Corporate Social Responsibility (CSR)-Richtlinie-Umsetzungsgesetz verpflichtet bestimmte kapitalmarkorientierte Unternehmen bereits jetzt dazu, nichtfinanzielle Berichte anzufertigen, die erläutern, was das Unternehmen in den Belangen der Umwelt, der Arbeitnehmer, der Menschenrechte sowie der Korruptionsund Bestechungsbekämpfung tut. „Die inhaltliche Prüfung der nichtfinanziellen Erklärung hat durch den Aufsichtsrat als Überwachungsorgan zu erfolgen. Der Abschlussprüfer muss lediglich prüfen, ob die Erklärung bzw. der Bericht abgegeben wurde. Er kann allerdings freiwillig mit einer inhaltlichen Prüfung beauftragt werden“, sagt Christian Maier, Wirtschaftsprüfer bei Rödl & Partner.

Klimabezogene Berichterstattung: Fokus auch für Prüfer

Wer sich in dieser Angelegenheit freiwillig prüfen lässt? Unternehmen mit Weitblick. Für Maier ist das ernsthafte Engagement in diesem Bereich sowie die Fähigkeit, diese Aktivitäten auch tatsächlich zu erläutern, eine Chance, sich „tatsächlich mit der Resilienz ihres Geschäftsmodells im Zeichen des Klimawandels auseinanderzusetzen.“ Eine Arbeitsgruppe der EU in Brüssel hat sich die klimabezogene Berichterstattung von Unternehmen genauer angeschaut, die Analyse stellt fest, wo es hakt: Häufig seien die Aussagen zum Klimaschutz zu allgemein, zu wenig auf das Unternehmen bezogen. Maßnahmen werden häufig aufgezählt, jedoch ohne ihnen einen kontextuellen Rahmen zu geben, sodass es schwerfällt, ein Gesamtbild der Aktivitäten zu erkennen.

Eines ist klar: Der Paradigmenwechsel ist eingeleitet – und einen Schritt zurück wird es nicht mehr geben.

Der Wirtschaftsprüfer Christian Maier sagt, es werde deutlich, „dass die Unternehmen bei der klimabezogenen Berichterstattung noch in den Kinderschuhen stecken.“ Sein Ratschlag: Auch, wenn aktuell nur bestimmte kapitalmarktorientierte Unternehmen zur Berichterstattung verpflichtet seien, sollten sich auch kleine und mittelständischer Unternehmen Gedanken zu freiwilligen klimabezogenen Angaben machen. „Der Klimawandel und seine Folgen müssen unternehmensspezifisch adressiert, Geschäftsmodelle in Zeiten des Klimawandels auf den Prüfstand gestellt werden“, sagt Maier – und betont: „Der Preis, sich nicht mit dem Thema auseinanderzusetzen, kann hoch ausfallen.“ Es stehe dabei weitaus mehr als „nur“ Reputation auf dem Spiel: Er gehe davon aus, dass die Regelungen und Leitlinien, die aktuell nur für bestimmte kapitalmarktorientierte Unternehmen gelten, auch auf andere Unternehmensarten erweitert werden. „Und zwar eher früher als später.“

Für junge Menschen, die in der Wirtschaftsprüfung Karriere machen möchten, ergeben sich hier neue Chancen: Die Gesellschaften benötigen in Zukunft verstärkt Mitarbeiter, die sich nicht nur mit Zahlen auskennen, sondern auch in der Lage sind, klimabezogene Berichte zu bewerten. Im Fokus stehen dabei insbesondere drei Aspekte: Wird das Unternehmen der Verantwortung gerecht? Ergeben sich durch wenig nachhaltige und klimaschädliche Segmente und Aktivitäten unternehmerische Risiken? Und, nicht zuletzt: Wirken die Maßnahmen im Sinne von Nachhaltigkeit, Klimaschutz und sozialer Gerechtigkeit attraktiv auf Investoren sowie Kunden – und halten sie der kritischen Prüfung von Seiten der Politik und NGOs stand? In den Beratungs- und Prüfungsgesellschaften werden die Kräfte gute Chancen haben, die Unternehmen fundiert beraten, aber auch im Sinne der Gesellschaft die Unternehmen so genau prüfen, dass zum Beispiel ein „Greenwashing“ nicht mehr möglich sein wird. Denn eines ist klar: Der Paradigmenwechsel ist eingeleitet – und einen Schritt zurück wird es nicht mehr geben.

Buchtipp: Vertrauen

Vertrauen ist für die Gesellschaft so wichtig wie für den Einzelnen die Luft zum Atmen – doch wir befinden uns in einer Vertrauenskrise: Unternehmen wird nicht mehr vertraut, Politikern auch nicht, und der Presse wird vorgeworfen, Fake News zu verbreiten. Martin Hartmann, Professor für Praktische Philosophie an der Universität Luzern, betrachtet diese Krise und analysiert, was Vertrauen ist, warum es so grundlegend wichtig ist und wie wir „dem Vertrauen Luft zum Atmen geben“. Sein Plädoyer: Wagen wir wieder mehr Vertrauen – für ein besseres Miteinander. Martin Hartmann: Vertrauen. Die unsichtbare Macht. S. Fischer 2020. 22 Euro

Der Vorausdenker Prof. Dr. Gunter Dueck im Interview

Deutschland ist gut darin, an Optimierungen zu arbeiten. Prof. Dr. Gunter Dueck, langjähriger Chief Technology Officer (CTO) bei IBM, heute Buchautor und Redner, reicht das nicht. Der promotivierte Mathematiker mit BWL-Background fordert von den Unternehmen einen mutigen Blick nach vorn, um die Zukunft zu gestalten statt nur die Gegenwart zu verwalten. Motor des Wandels könnte ausgerechnet die Krise sein: Im Interview nennt Gunter Dueck eine Reihe von Dingen, die aktuell massive Änderungen einleiten. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Gunter Dueck, Jahrgang 1951, studierte Mathematik und Betriebswirtschaft und promovierte 1977 an der Universität Bielefeld in Mathematik. Nach seiner Habilitation war er ab 1981 Professor für Mathematik an der Universität Bielefeld, 1987 wechselte er an das Wissenschaftliche Zentrum der IBM in Heidelberg. Dort gründete er eine Arbeitsgruppe zur Lösung von industriellen Optimierungsproblemen und war maßgeblich am Aufbau des Data-Warehouse- Service-Geschäftes der IBM Deutschland beteiligt. Er arbeitete an der Strategie und der technologischen Ausrichtung der IBM mit und kümmerte sich um Cultural Change, bis zum August 2011 war er Chief Technology Officer (CTO) der IBM Deutschland. Derzeit ist er freischaffend als Autor, Business-Angel und Speaker tätig.

Herr Dueck, in Ihrem Buch kritisieren Sie, Deutschland baue immer weiter Deiche statt endlich neuer Schiffe. Ist diese Haltung historisch zu erklären?
Vor 50, 60 Jahren gab es Begeisterung ohne Ende! Da tauschten die Bauern begierig alle ihre Pferde gegen Traktoren aus – und niemand hatte ein Problem damit, dass dieser Wandel Arbeitskräfte ohne Ende freisetzte: Damals waren mehr als ein Drittel der Deutschen in der Landwirtschaft beschäftigt, heute sind es nur noch weniger als zwei Prozent. Es war aber so, dass die aufsteigenden Industrien wie die Autobranche oder der Straßenbau die Arbeitssuchenden aufsogen. Was man sich vergegenwärtigen sollte: Wir hatten damals in Deutschland einen Atomminister!

Der erste hieß: Franz-Josef Strauß.
Der Technologieglaube war also ungebrochen, oder eigentlich: zu groß. Dennoch, wir erarbeiteten das deutsche Wirtschaftswunder und waren stolz, überall der Musterschüler und mit „Made in Germany“ die Nummer eins zu sein. Das ist alles weg. Wir begegnen allem Neuen mit Argwohn – wenn auch zum Teil natürlich mit Recht. Wir fangen selbst nichts Neues an, lassen trotz sprudelnder Steuereinnahmen so ziemlich alle unsere Infrastrukturen verrotten, die wir früher vorbildlich aufgebaut haben. Wir sind dabei immer noch seltsam stolz, obwohl wir bei allen Ländervergleichen, vom Bildungsthema bis zum Internet, nur noch mittelmäßig abschneiden. Diesen Stolz scheinen wir einfach behalten zu wollen, ohne dafür etwas zu tun. Man träumt in der Vergangenheit und ignoriert die aufstrebenden Nationen. Es ist wie eine süßliche Müdigkeit. Mahnungen zum Aufbruch werden als unwillige Meckerei aufgenommen, niemand mag Umlernen – trotz des gleichzeitigen Gebrabbels über die Notwendigkeit eines lebenslangen Lernens. Es wäre ja schön, wenn Unternehmen zu lernenden Einheiten werden, aber soweit ist es noch lange nicht. Wir nehmen einfach die Realität nicht wahr, verkennen den Trend. Wenn sich ein Schüler von einer Sechs auf eine Drei hocharbeitet, ein anderer von einer Eins auf die Drei abfällt, dann bekommen beide im Zeugnis eine Drei. Wem aber gehört die Zukunft? Wir wissen es.

An der Börse sagt man: „The trend is your friend.“
Das ist die simple Mathematik des Wandels.

Sie beschreiben, wie das Management in Unternehmen den Menschen quasi „amputiert“, ihn also nicht für voll nimmt – obwohl genau das gewinnbringend wäre. Welche Denkschule steckt hinter diesem Ansatz?
Seit es Computer und besonders Software wie Excel oder SAP gibt, wird in den Unternehmen viel genauer nachgerechnet: Was bringt etwas, was nicht? Parallel haben die Betriebswirte die Ingenieure und Juristen aus den Vorständen gedrängt, wo sie mit ihren gelernten Methoden diese Berechnungen durchführen und dabei feststellten, dass es im Unternehmen ungeheure Ineffizienzen gibt, die man mit Einsparungen im großen Stil beseitigen kann. Das war der Triumph der Effizienzmanager!

Aber diese Manager waren mit ihrer Effizienzstrategie durchaus erfolgreich, oder?
Ja, und die Erfolge ließen sich für eine so lange Zeit ernten, dass man schließlich nur noch Effizienzmanagement betrieb und daher heute – um es sehr pauschal zu sagen – „nichts anderes mehr kann“. Das Unternehmerische ist verloren gegangen, auf Kosten einer ritualisierten Suche nach Effizienz.

Gibt es denn in Ihren Augen überhaupt noch Effizienzpotenzial?
Nein, es gibt nun nichts mehr einzusparen, außer man geht soweit, zu sagen: Wir verdichten die Arbeit bis zum Burnout, fordern unbezahlte Überstunden, weil jeder einen Beitrag leisten muss, steigern die Auslastung durch Leiharbeiter oder wälzen das Unternehmensrisiko auf Mitarbeiter und Staat ab. Was ich damit sagen will: Beim Effizienzmanagement wird heute nicht mehr nur überflüssiges Fett vom Unternehmen abgeschnitten – es blutet schon lange. Man geht ans Eingemachte, lässt die Infrastrukturen, aber auch die Mitarbeiter verlottern, was schließlich dazu führt, dass man den Mitarbeiter nicht mehr ehrt. Er ist nur noch: eine Ressource. In der Folge werden sie nicht genügend weitergebildet, schon gar nicht zukunftsfähig gemacht. Man stellt Leute ein, die genau nur das können, was sie für ihre Arbeit brauchen. Braucht man andere Fähigkeiten, stellt man eben andere Menschen ein.

Die digitale Zukunft erfordert ganz neue Mitarbeiter: selbstständig arbeitende innovative Fachkräfte, die in ganz neuen Branchen tätig sind.

Ist dieser Ansatz noch zeitgemäß?
Nein, denn die digitale Zukunft erfordert ganz neue Mitarbeiter: selbstständig arbeitende innovative Fachkräfte, die in ganz neuen Branchen tätig sind, wo sie an autonom fahrenden Autos arbeiten, an anderen Energieformen, an medizinischen Revolutionen.

Wird die Corona-Krise tatsächlich ein Treiber des Wandels sein, wie einige glauben?
Wir lernen, uns zu behelfen, wenn wir Abstand halten müssen. Viele der neuen Fähigkeiten, die wir dabei entwickeln, legen wir gleich wieder ab, manche aber werden bleiben: die Möglichkeit des Home-Office zum Beispiel, das Zahlen mit Karte oder das Einkaufen im Netz. Aktuell zum Beispiel hat Shopify, ein Portal für Online-Shops, sensationelle Umsatzsteigerungen vermeldet, diese Firma wird heute als Amazon von morgen gesehen. Wer im Home-Office arbeitet, verliert keine eineinhalb Stunden auf dem Weg zum Büro und zurück, fährt weniger Kilometer, was der Umwelt hilft, kann weiter weg vom Büro wohnen, weil man ja nicht mehr so oft dorthin muss, sitzt nicht mehr in so sehr vielen Meetings, benötigt dafür aber eine Infrastruktur zu Hause – was übrigens zur Frage führt, ob der Arbeitgeber die Miete für einen halben Raum bezahlen muss: Hallo Gewerkschaften, das ist euer Thema!

Bei IBM hatten wir diese Entwicklung bereits ab 2000. IBM hat die nötigen Büroflächen dramatisch verkleinert, was, wenn das alle Firmen tun? Was passiert dann mit den Immobilien? Sie sehen, eine vollständige Liste der Veränderungen würde diesen Rahmen sprengen. Was ich sagen will: Da beschleunigt sich etwas. Und indem sich nun viele Leute neu in die Digitalisierung begeben, bemerken sie, wie schlecht und ausbaufähig diese noch ist. Leute wie ich merken das gar nicht so sehr; ich habe noch DOS gekannt, kann reparieren und ohne Schmerzen SAP anwerfen. Durch die vielen Newbies jedoch kommt jetzt Schwung ins Digitale.

Wie kann es gelingen, aus diesem Schwung heraus neue Denkschulen zu etablieren – und zwar schnell, bevor es zu spät ist?
Früher wurde das Dilemma jeweils von der neuen jungen Generation gerettet, die neu dachte und die Alten per „Golden Handshake“ in den Vorruhestand geschickt hat. Diese Umwälzung vollzieht sich ja heute teilweise bei den Start-ups – es kann also funktionieren. Insgesamt ist die Lage aber wohl prekärer: Es gibt zu wenig Geld für einen üppigen Vorruhestand – denken Sie an die Effizienz –, vor allem aber gibt es zu wenige Junge und zu viele Alte. Ihre Frage macht mich traurig, besonders Ihr Zusatz „und zwar schnell“: Wir sind noch nicht einmal so weit, dass das Problem überhaupt angenommen wird. Danach geht es noch darum, ob es wirklich verstanden wird – und erst danach geht es zur Sache.

Das dauert.
Ja. Schneller geht es nur, wenn die Wand wehtut, vor die man gefahren ist. Aber auch dann stellt sich die Frage: Merkt man, warum es weh tat? Schauen Sie nur auf die Klimadiskussion: Wie lange müssen wir wohl noch das wärmste Jahr aller Zeiten erleben, bis etwas geschieht?

Die junge Generation gibt gerade bei diesem Thema dringliche Appelle. Reicht das?
Greta Thunberg bewegt etwas. Sie hat in gewisser Weise eine Art Führungsrolle übernommen. Egal, wie Sie zu ihr stehen: Solche Menschen braucht die Erde, braucht das Land! Deutschlands Wirtschaft hatte solche Leute, die Führung übernommen haben: Gottlieb Daimler, Robert Bosch, Werner Otto. Später dann Ferdinand Piëch, die SAP-Gründer, die Dasslers, Fresenius. Und heute?

Heute schon einen Prozess optimiert?

In seinem neuen Buch bricht Gunter Dueck mit der Vorstellung, beim Menschen 4.0, der im Umfeld der Industrie 4.0 tätig sei, handele es sich um ein kreatives und eigenverantwortliches Wesen: Dueck beschreibt eindringlich, warum Mitarbeiter (besonders in deutschen) Unternehmen weiterhin in einer Management-Routine aus methodischen Ritualen, Prozessoptimierungen und permanenten Kontrollen feststecken. Sein Credo: Wir Menschen sind längst robotisiert – und zwar von Systemen, die weder Ideen noch Neugier fördern. Nicht ohne Gründe verweist Dueck auf einen Song der Band Kraftwerk: „Wir sind die Roboter“. Gunter Dueck: Heute schon einen Prozess optimiert?: Das Management frisst seine Mitarbeiter. Campus 2020. 24,95 Euro.

Remote arbeiten

Viele Teams sind derzeit im Homeoffice. Dadurch werden stabile Strukturen durch die neue Arbeits- und Kommunikationssituation auf die Probe gestellt. Das beinhaltet eine Vielzahl von Herausforderungen. Von Christoph Berger

Komplett von zu Hause zu arbeiten: Für viele mag das unter Umständen vielleicht erst einmal eine schöne Vorstellung sein. Doch eine Herausforderung liegt schon einmal in dem Umstand, dass die wenigsten darauf eingestellt sind, längere Zeit von zu Hause aus zu arbeiten. Das Setting ist oftmals suboptimal, heißt es von Seiten des DFK – Verband für Fach- und Führungskräfte. Das erzeugt Stress bei Mitarbeitern und Führungskräften. „In diesen Zeiten merkt man, wie wichtig der persönliche Austausch in der Kaffeeküche ist. Weil eben auch berufliche Themen hier schnell und unbürokratisch besprochen werden können“, sagt Nils Schmidt, Vorstand beim DFK. Zumal, wie im vom auf Online-Sprachtraining spezialisierten Unternehmen Speexx veröffentlichten Whitepaper „Das neue Arbeiten: Remote Work & digitale Teams“ erklärt wird: „In vielen Kulturen transportieren sprachliche Wendungen sowie Gesten und Körpersprache viel vom Kontext der Kommunikation.“ Führungskräfte, so der DFK, müssen diesen Stress auffangen – nicht nur, weil er der Produktivität entgegensteht, sondern auch, weil ernsthafte Konflikte untereinander entstehen können.

Führung ist immer auch Selbstmanagement beziehungsweise Selbstführung

Um die Problemzonen zu reduzieren, hat der DFK acht Tipps zusammengestellt, die das Arbeiten aus der Ferne möglichst konfliktfrei machen sollen. So braucht es beispielsweise für die virtuellen Team-Treffen feste Termine und Regeln. Überhaupt: Auch für den Austausch zwischen einzelnen Team-Mitgliedern werden feste Termine für den Austausch empfohlen. So ist Verfügbarkeit und Anwesenheit garantiert. „Führung ist immer auch Selbstmanagement beziehungsweise Selbstführung“; erklärt Nils Schmidt. Das beinhaltet für Führungskräfte unter anderem, nun in den Video-Konferenzen den gewohnten Kleidungsstil aufrechtzuerhalten. Das vermittelt Verlässlichkeit. Eine weitere Voraussetzung für die gemeinsame Zusammenarbeit aus der Ferne sind das Festlegen von Zielvereinbarungen. So können alle Teammitglieder die ihnen zugedachten Aufgaben zu ihnen passenden Zeiten erledigen.

Diese Arbeitsweise setzt Vertrauen voraus. Und den offenen Umgang mit der ungewohnten Situation inklusive einer konstruktiven Feedback-Kultur. Schmidt betont: „Umso wichtiger, dass Ihre Mitarbeiter*innen von Ihnen die Rückmeldung erhalten, die sie brauchen. Bestenfalls positiv, aber immer konstruktiv. Und deutlich mehr, als sie es im Büro tun würden.“ Ein weiterer Tipp ist die schnelle und umfassende Weitergabe von Informationen sowie die Kommunikation, wenn es nichts Neues gibt. Haben Team-Mitglieder das Gefühl, nicht informiert zu sein, kommt Unruhe auf. Schließlich noch ein Rat für Unstimmigkeiten: Hierfür braucht es sofortige Termine zur Aussprache, wobei der Sachverhalt zuerst in Einzelgesprächen geklärt werden sollte. Das Arbeiten aus der Ferne dürfte sich nach Bewältigung der Corona-Pandemie übrigens nicht erledigt haben. So ergab eine Umfrage des Marktforschungsunternehmens Gartner Anfang April 2020 unter 229 HR-Führungskräften, dass viele Arbeitnehmer planen, in Zukunft häufiger aus der Ferne arbeiten zu lassen. Die DFK-Tipps werden also auch nach Corona Bestand haben.

„Wir müssen alle an unserer medialen Inszenierungskompetenz arbeiten“

Prof. Dr.-Ing. Prof. e. h. Wilhelm Bauer ist geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, Stuttgart. Außerdem berät er Politik und Wirtschaft, ist Autor von zahlreichen wissenschaftlichen und technischen Veröffentlichungen und Lehrbeauftragter an den Universitäten Stuttgart und Hannover. Im Jahr 2012 erhielt Prof. Bauer die Ehrung des Landes Baden-Württemberg als „Übermorgenmacher“. Wir haben mit ihm darüber gesprochen, welche Auswirkungen die Corona-Krise auf Unternehmen hat und was sie für Berufseinsteiger bedeutet. Die Fragen stellte Sabine Olschner

Wie sind die deutschen Unternehmen Ihrer Ansicht nach durch die Corona- Krise gekommen?
Mein Eindruck ist, dass deutsche Unternehmen bislang noch gut durch die Corona-Krise kommen. Zu diesem Schluss kommt auch eine weltweite Umfrage unter 2.600 Firmen der Großbank HSBC, veröffentlicht im August 2020. Demnach ist der Anteil der Unternehmen, die durch die Pandemie stark beeinträchtig sind, in Deutschland mit 53 Prozent am geringsten. Der Grund liegt laut HSBC in der schnellen und umfangreichen Reaktion staatlicher Institutionen. Ich glaube aber, dass dazu auch die Unternehmen und ihre Mitarbeitenden selbst einen wichtigen Beitrag geleistet haben: Lockdown und Quarantäne haben vielen Unternehmen die Kontrolle über die Gestaltung und Feinsteuerung der Arbeit entrissen. Notgedrungen ist auf einmal gelebte Realität, was bisher nur als die Zukunft der Arbeit im Raum stand. Die Unternehmen arbeiten agil! Sie mussten kurzfristig Abstandsregelungen und Mehrschichtsysteme improvisieren.

Zwangsläufig haben viele Unternehmen auf Homeoffice umgestellt und nutzen die technischen Möglichkeiten, von unterschiedlichen Orten gemeinsam zu arbeiten. Die Führungskraft ist fern, eine enge Anleitung und Kontrolle der Beschäftigten ist weder sinnvoll, noch durchführbar. Mit viel Eigeninitiative und Kreativität bewältigen die Betroffenen Arbeit, Kinderbetreuung, räumliche Enge und technische Herausforderungen. Weil eine lückenlose Erfassung fehlt, ist Vertrauensarbeitszeit gelebte Praxis in der Zusammenarbeit geworden. Dieses hohe Maß an Flexibilität, Anpassungsfähigkeit und Disziplin von uns allen hat in Kombination mit den staatlichen Rahmenbedingungen und Sofortprogrammen dazu geführt, dass die Welt auf Deutschland und seinen Umgang mit der Corona-Krise schaut.

Was haben die Unternehmen aus dieser Ausnahmesituation gelernt?
Die Corona-Krise zeigt uns schonungslos Stärken und Schwächen auf. Wir haben definitiv gelernt, dass wir „Krise können“. Das darf aber nicht dazu führen, wieder zur Normalität überzugehen. Wichtig ist daher, den Blick nach vorn zu richten und sich mit Themen zur eigenen Unternehmensstrategie, zur Passgenauigkeit des Geschäftsmodells, zur Unternehmenskultur und zum zukünftigen Investitionsverhalten zu beschäftigen. In all diesen Bereichen werden meines Erachtens Fragen zu Technologie, Innovation, Resilienz und Nachhaltigkeit eine zentrale Bedeutung haben.

Wie können sich Unternehmen und ihre Mitarbeitenden auf mögliche weitere Pandemien oder Krisen vorbereiten?
Eine gezielte Vorbereitung würde bedeuten, dass wir genau wissen, was als nächste Krise auf uns zukommt – und das wiederum entspricht nicht dem Naturell von Krisen. Wir müssen uns daher weiterentwickeln und beispielsweise die jetzt auf die Schnelle eingeführten Prozesse einer verteilten und dezentralen Arbeitsorganisation zum „New Normal“ verstetigen. Aus meiner Sicht spielt hier der Begriff der Souveränität eine entscheidende Rolle. Die Basis zur souveränen Bewältigung von Herausforderungen sind Eigenständigkeit und Unabhängigkeit. Jede Maßnahme, die zur Schaffung einer Souveränität in Bezug auf Technologie, Innovation, Wertschöpfung und Organisation unter der Maxime einer Kosteneffizienz führt, dient der Vorbereitung auf zukünftige Herausforderungen und auch Krisen.

Muss sich die Art der Führung ändern?
Die Zukunft des „New Normal“ liegt in einer hybriden, flexiblen und nachhaltigen Arbeitswelt. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie des Fraunhofer- Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO, die wir gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Personalführung (DGFP) durchgeführt haben. Dabei gaben uns Top-Führungskräfte vornehmlich aus dem HR-Bereich aus 500 Unternehmen hochaktuelle Einsichten. Corona wird tatsächlich den Blick auf das Büro als den Hauptarbeitsort verändern und die Grunderwartung jedes Beschäftigten, dass man „zur Arbeit geht“, deutlich erschüttern. Überwältigende 56 Prozent („stimme voll und ganz zu“) bzw. 33 Prozent („stimme eher zu“) kommen zu der Einschätzung, dass Homeoffice in größerem Umfang realisiert werden kann, ohne dass hieraus Nachteile entstehen. Die annähernd gleichen Prozentzahlen ergeben sich bei der Frage, inwieweit auch Dienst- bzw. Geschäftsreisen in Zukunft virtuell z.B. über Videokonferenzen abgewickelt werden können. Die Studie hat aber auch gezeigt, wo noch Aufholbedarf vorhanden ist. Es gibt eine Reihe von Handlungsbereichen, die sich stark auf die größeren, längerfristigen Veränderungen durch die Arbeit auf Distanz konzentrieren. Sie umfassen die Prävention negativer gesundheitlicher Folgewirkungen (insbesondere der Entgrenzung von Berufs- und Privatleben), die Führung auf Distanz, notwendige Kompetenzen im Bereich der Mediennutzung sowie Ansätze, die informelle Strukturen und Kommunikation zwischen den Menschen stützen.

Welchen Einfluss hat die Krise auf die weitere Berufsentwicklung von Absolventen und Berufseinsteigern?
Unabhängig von fachlichen Qualifikationen, die über das Berufsleben hinweg immer aktuell gehalten und angepasst werden müssen, werden meines Erachtens die eher weichen Faktoren an Bedeutung gewinnen. Dabei handelt es sich weniger um Fähigkeiten als um Fragen der persönlichen Disposition wie Neugierde, Aufgeschlossenheit, Mut zum Neuen und auch zum Scheitern. Was mir die Zeit mit der Pandemie aber auch gezeigt hat ist, dass wir alle an unserer medialen Inszenierungskompetenz arbeiten müssen. Die nächste Telko, der dringende Skype-Call, die x-te Video-Konferenz und das virtuelle Einstellungsgespräch sind zunehmend selbstverständlicher Bestandteil unseres Arbeitstags. Und dort sehen wir selbst jeden Tag: Es gibt brillante Performende und mediale Naturtalente, aber auch viele, die mit der Kamera fremdeln und am liebsten im Grau der Tapete verschwinden.

Es gibt CI-konforme und ästhetisch ansprechende Bildschirmhintergründe genauso wie schlecht ausgeleuchtete Besprechungssituationen, die die Mimik eher ahnen lassen. Gar nicht zu denken an die Qualitätsunterschiede in Darbietungen, die womöglich karriereentscheidend sind: das entscheidende Bewerbungsgespräch oder der entscheidende Strategie- Pitch. Ich bin überzeugt davon: Das rein technische Bedienwissen zum Umgang mit all diesen virtuellen Plattformen muss ergänzt werden durch mediale Inszenierungskompetenz. Die sich auf mein eigenes Bühnenbild, meinen eigenen Auftritt, aber auch meine Interaktion mit den anderen Beteiligten, den Spannungsbogen und reibungsfreie Nutzung aller möglichen „Bühnentechniken“ beziehen muss.

Wie wichtig ist die Fähigkeit der Resilienz in beruflichen Krisensituationen?
Die Fähigkeit zur Resilienz im Allgemeinen halte ich für sehr wichtig. Unsere Lebens- und Arbeitswelt lässt sich immer weniger trennen. Diese Erfahrung haben wir alle auch während der Corona-Krise ein ums andere Mal gemacht. Wichtig daher ist, dass wir in der Lage sind, in Krisensituationen bedacht, optimistisch und selbstbewusst zu agieren, uns mit dem was vor uns liegt auseinanderzusetzen und nicht über Vergangenes zu hadern. Resilienz ist daher eine Frage des Bewertungsstils und hilft uns, aus Krisen gestärkt hervorzugehen. Egal ob im privaten oder im beruflichen Umfeld. Dies gilt dann übrigens im übertragenen Sinne nicht nur für Individuen, sondern auch für Organisationen und Unternehmen.

Kann man Resilienz für das Berufsleben lernen?
Die gute Nachricht ist: Resilienz ist kein Schicksal. Jede*r Einzelne kann seinen individuellen Bewertungsstil verändern und beispielsweise schädliche Assoziationen verlernen. Klar ist aber auch, dass eine solche Veränderung nicht mal eben schnell geschaffen werden kann. Hier handelt es sich um einen Lernprozess, der stark auf Erfahrungen und Lessons Learned aus bereits Erlebtem beruht. Mit einem Besuch eines Resilienzseminars ist es daher sicher nicht getan.

Business-Smoothie Kultur-, Buch- und Linktipps

Online Ausstellungen entdecken

Foto: AdobeStock/ Sentavio
Foto: AdobeStock/ Sentavio

Mit dem Laptop auf dem Sofa eine Ausstellung erleben anstatt ins Museum zu gehen – spätestens seit Corona ist das nichts Ungewöhnliches mehr. Das ZDF präsentiert in der Digitalen Kunsthalle eine interessante Auswahl an Ausstellungen, in Kooperationen mit zahlreichen deutschen Kulturinstitutionen. So ist beispielsweise die Ausstellung „Max Beckmann. weiblich-männlich“ ab Ende September in der Hamburger Kunsthalle zu sehen, zuvor kann man online schon 50 der kuratierten Werke entdecken. Bis Ende des Jahres ist außerdem eine Ausstellung über Beethoven im Angebot – inklusive Führung mit dem Schauspieler Devid Striesow. https://digitalekunsthalle.zdf.de

Richard David Precht über Künstliche Intelligenz

Was macht Künstliche Intelligenz mit uns, unserem Selbst- und Menschenbild? Danach fragt der Philosoph Richard David Precht in seinem Essay – und warnt: Man wird die menschliche Moral nicht auf Maschinen übertragen können. Wir müssen also darüber nachdenken, welcher Sinn durch Künstliche Intelligenz ermöglicht wird und welcher gerade nicht, und vor allem, welche Grenzen wir ziehen müssen, damit unsere Zukunft menschlich wird. Richard David Precht: Künstliche Intelligenz und der Sinn des Lebens. Goldmann 2020. 20 Euro

Podcast für Gründer

Foto: AdobeStock/ zaurrahimov
Foto: AdobeStock/ zaurrahimov

Sidepreneurs – der Podcast ist nach seiner Zielgruppe benannt: nebenberufliche Gründer. Die Macher, Peter-Georg Lutsch und Juliane Benad haben beide neben ihrem Angestellten-Job gegründet. Mittlerweile haben sie über 200 Podcast-Folgen veröffentlicht, darunter zahlreiche Interviews und Folgen mit viel praktischem Input zum nebenberuflichen Unternehmertum.

www.sidepreneur.de

Rassismuskritisch denken lernen

Tupoka Ogette, Foto: Stephen Lawson
Tupoka Ogette, Foto: Stephen Lawson

Tupoka Ogette ist Wirtschaftswissenschaftlerin und Expertin für Vielfalt und Antidiskriminierung. Sie leitet Trainings, Workshops und Seminare zu Rassismus und dessen Auswirkungen auf die deutsche Gesellschaft und ist darüber hinaus als Rednerin, Beraterin und Autorin tätig. Ihr Buch „exit RACISM – rassismuskritisch denken lernen“ ist bereits 2017 erschienen und wurde zum Bestseller – mittlerweile liegt die achte Auflage vor. Nun gibt es exit RACISM auch als Hörbuch, gelesen von Tupoka Ogette und weiteren Stimmen. www.exitracism.de

Stärken einsetzen, Welt verbessern

Worin bin ich eigentlich richtig gut? Mit welchen Tätigkeiten, in welchem Beruf will ich mein Leben verbringen? Wie kann ich meine Talente am besten einsetzen und auch für meine Karriere nutzen? Diese Fragen stellen sich wohl alle Absolventen und Berufseinsteiger. Don Clifton, früherer Vorsitzender des Markt- und Meinungsforschungsinstituts Gallup meint: Wer weiß, wo die eigenen Stärken liegen, hat die besten Chancen, erfolgreich und zufrieden zu werden. Mit seinem Buch zeigt er, wie man Stärken entdeckt. Enthalten ist auch ein Online-Text, der die fünf größten Talente offenbart und Empfehlungen gibt, wie diese am besten genutzt und weiterentwickelt werden können. Don Clifton: Erkenne deine Stärken. Der Strengthsfinder für Studierende und Berufseinsteiger Campus 2020. 19,95 Euro

Gegen die Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt

Die Arbeitnehmer der Gig Economy prägen mittlerweile das Stadtbild: Sie liefern mit dem Fahrrad Essen aus, sammeln E-Scooter ein, bringen Fahrgäste in ihren Autos von A nach B. Für die Nutzer eine praktische Sache, doch die Menschen, die diese Dienste anbieten, müssen mit dem Schlechtesten aus zwei Welten zurechtkommen: mit der Unfreiheit von Angestellten und der Unsicherheit von Freelancern. Auch andere Beschäftigungsmodelle sind in die Krise geraten: Minijobs und aufgeweichter Kündigungsschutz, unfreiwillige Teilzeit und Zeitarbeit sind Facetten einer Entwicklung, die den Arbeitsmarkt erschüttert. Colin Crouch liefert eine differenzierte Analyse und bietet Vorschläge für zeitgemäße Reformen, mit denen die Unsicherheiten auf dem Arbeitsmarkt abgefedert werden könnten. Colin Crouch: Gig Economy: Prekäre Arbeit im Zeitalter von Uber, Minijobs & Co. Suhrkamp 2019. 14,00 Euro

New Work – so geht´s

New Work verspricht enorme Innovations- und Einsparpotenziale, birgt aber auch Risiken: Die Mitarbeiter müssen sich auf den Verlust ihres eigenen Schreibtisches und das Auseinanderdriften der „Bürofamilie“ einstellen, virtuelle Prozesse beherrschen lernen und sich den ständigen Änderungen anpassen. Die Autorinnen analysieren die Veränderungen und geben ein „Survival Kit“ mit Selbsttests und Praxistipps für jede Stufe der Transformation an die Hand – von der Neuorientierung über die Eigenmotivation und Homeoffice-Organisation bis zu Teambuilding. Ingrid Britz-Averkamp, Christine Eich-Fangmeier: Überleben in der neuen Arbeitswelt. Desksharing, Open Space, Mobiles Arbeiten & Co. Survival Guide für Manager und Mitarbeiter. metropolitan 2020. 29,95 Euro

Antworten eines brillanten Denkers!

Der geniale Physiker Stephen Hawking gibt in seinem letzten Buch Antworten auf große Fragen: Gibt es einen Gott? Werden wir auf der Erde überleben? Was hält die Zukunft bereit? Er nimmt die Leser mit auf eine persönliche Reise durch das Universum seiner Weltanschauung. Verständlich und klar erläutert er die Folgen des menschlichen Fortschritts – vom Klimawandel bis hin zu künstlicher Intelligenz – und diskutiert die damit verbundenen Gefahren. Stephen Hawkings: Kurze Fragen auf große Antworten. Klett-Cotta.2018. 20,00 Euro

Jetzt startet die Dekade der Naturwissenschaften

Wie nie zuvor kommt es heute darauf an, mithilfe der Forschung globale Risiken zu identifizieren und an Problemlösungen zu arbeiten. Es liegt dabei in der Hand der jungen Generation, zu beweisen, dass Wissenschaft und Wirtschaft keine Gegenspieler sind, sondern die gleichen Ziele verfolgen. Ob im Kampf gegen Krankheiten oder gegen den Klimawandel: Wohlstand gibt es nur in einer gesunden und nachhaltigen Welt. Von André Boße

Treffen sich eine Wissenschaftsjournalistin und ein Virologe im virtuellen Raum eines Podcasts und reden miteinander, minutenlang geht es um Themen, die für Laien zunächst so fremd wirken wie die sprichwörtlichen böhmischen Dörfer, es geht um Viruslasten und Replikationen, um den Unterschied zwischen Ribonukleinsäure und Desoxyribonukleinsäure, um die drei Zelltypen, nämlich die Ziliierten Zellen, Clara-Zellen und die Becherzellen. Wie viele Menschen hätten bei einem solchen Gespräch in normalen Zeiten zugehört? Ein paar Hundert vielleicht, Leute aus der Forscher-Community. Dass die Zeiten alles andere als normal sind, zeigt der gigantische Erfolg des Podcasts, den der Charité-Virologe Christian Drosten zusammen mit NDR-Info auf die Beine gestellt hat. Millionenfach werden die Folgen abgerufen, in der Frühphase der Pandemie, Mitte und Ende März, als ein ganzes Land nur noch auf Sicht fahren konnte, funktionierten die Erläuterungen von Drosten wie ein letzter Anker im Alltag. Kein Wunder, dass das Format im Sommer den „Grimme Online Award“ gewonnen hat.

Naturwissenschaft wird gehört

An dem Podcast zeigt sich eine Entwicklung, und zwar auch unabhängig von Corona und Lockdowns: In dieser komplexen Welt mit ihrer schwindelerregenden Ereignisdichte finden naturwissenschaftliche Stimmen Gehör. Insbesondere dann, wenn ihnen bei der Kommunikation gelingt, inhaltliche Dichte und niedrigschwellige Ansprache in Balance zu bringen. Christian Drosten vereinfacht seine Themen kaum (und wenn, dann mit hörbarem Unbehagen), aber er erklärt sie mit Geduld und Empathie gegenüber seinen Zuhörern, auch weil er weiß: Wer hier zuhört, der will etwas lernen – und nicht nur unterhalten werden. „Ich erzähle hier ja keine Gutenachtgeschichten“, sagte er am Ende der 50. Folge.

Dabei ist Drostens Erfolg kein Einzelfall: Auf Youtube hat sich die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim mit fundierten Clips ein Millionenpublikum erarbeitet; ihr Kanal „maiLab“ zählt für viele Menschen zum ersten Anlaufpunkt, um zu erfahren, wie naturwissenschaftliche Forschung, politische Entscheidungen und öffentliche Berichterstattung zusammenhängen. 2019 erhielt Mai Thi den renommierten Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, zusammen mit dem TV-Kollegen Harald Lesch, dessen Fernsehsendungen ebenfalls komplexe Inhalte und zuschauerfreundliche Ansprache kombinieren.

Woher das Interesse an Forschung und den Naturwissenschaften in dieser Pandemie rührt, ist offensichtlich: Alle Systeme der Öffentlichkeit –Politik, Wirtschaft, Bürgertum – benötigen händeringend Informationen, um die Risiken dieser neuen Krankheit COVID-19 abzuschätzen. Was bringen Kontaktsperren? Wie ansteckend sind Kinder? Welche statistischen Methoden gibt es, um die Ansprüche an das Gesundheitssystem zu ermitteln? Im Corona-Jahr 2020 zeigt sich, dass die Forschung eben nicht nur dafür da ist, Lösungen für eine kaum absehbare Zukunft zu finden. 2020 wird deutlich, wo ihre Kernaufgabe liegt: In der Bewertung der Risiken der Gegenwart – und der Suche nach Lösungen.

In Geiselhaft der Politik

Wichtig zu erwähnen: Auch Naturwissenschaftler besitzen keine Superkräfte. „Der grundsätzliche Anspruch, dass ‚die Wissenschaften‘, namentlich die Naturwissenschaften, im Alleingang die meisten Probleme der Menschheit lösen können, wird heute nicht mehr ernsthaft vertreten“, so Dr. Uta Müller, Leiterin des Themenbereichs Ethik und Bildung im Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW). In der aktuellen Situation zeige sich, dass man mithilfe der Forschung zwar über die Charakteristika des Corona- Virus aufklären könne. „Aber bereits dann, wenn es um die Ansteckungsgefahr geht, werden in der Forschung praktische – nicht-biomedizinische – Überlegungen relevant.“ In diesem Moment gelangen andere Felder ins Blickfeld: Gesellschaft, Politik, Wirtschaft. Die Ergebnisse der Forschungen hätten zwar Auswirkungen auf weitere Handlungsentscheidungen, so Uta Müller, sie werden aber „von politischen Akteur*innen in einem gesellschaftlichen Kontext interpretiert“.

Preprint und die Qualität

In den Naturwissenschaften sind Prepint-Server eine Art Versuchslabor für Studien: Hier werden sie bewertet, weisen Kollegen auf Fehler hin. Durch die Öffentlichkeitswirksamkeit im Zuge der Corona-Krise fühlen sich einige Forscher motiviert, dort früher als üblich Studien zu publizieren, mit der Folge, dass Cochrane Deutschland – ein Bewertungsnetzwerk für wissenschaftliche Arbeiten aus dem Gesundheitsbereich – die Qualität einiger Preprint-Studien bemängelte: „In der Tat sehen wir zur Zeit aus aller Welt eine große Anzahl von Studien zu COVID-19 mit teils erheblichen methodischen Limitationen, beispielsweise ohne Vergleichsgruppen oder mit sehr geringen Teilnehmerzahlen, die auf die Schnelle als Preprint ohne Peer Review veröffentlicht werden. Solche Studien werden dann gelegentlich in sozialen und sonstigen Medien, teils auch durch Wissenschaftler selbst, als wichtige wissenschaftliche Ergebnisse dargestellt, die Entscheidungen in der Gesundheitsversorgung einzelner Patienten oder auch politische Entscheidungen auf Systemebene begründen sollen. Dies ist äußerst problematisch, da die Berichterstattung oft die Unsicherheit nicht ausreichend berücksichtigt, die wir in Bezug auf viele Fragen im Zusammenhang mit COVID-19 leider noch immer haben“, sagt Jörg Meerpohl, Direktor von Cochrane Deutschland.

Genau das passiert im Zuge dieser Pandemie andauernd: Die Naturwissenschaft stellt Fakten zur Verfügung – dann kommen Protagonisten aus anderen Bereichen und vereinfachen, dehnen oder interpretieren sie so, dass diese Fakten zu Begründungen des eigenen Handelns werden. Das Prolem: Die Naturwissenschaft wird damit in Geiselhaft genommen.

Mai Thi hat das in einem Clip auf ihrem „maiLab“-Kanal sehr gut dargestellt: Die Naturwissenschaften bieten Antworten auf das „What?“, „Was ist Sache?“. Die gesellschaftlichen Akteure benötigen jedoch ein „Was machen wir daraus?“. Die Pandemie zeigt, dass sich Naturwissenschaftler hier in einem Spannungsfeld bewegen: Es will gelernt sein, zu jeder Zeit zwischen „What?“ und „So what?“ zu unterscheiden. Nur so kann man verhindern, von der Politik oder anderen gesellschaftlichen Akteuren vor den Karren gespannt zu werden, so wie es im Zuge von Corona selbst einigen hockrenommierten Wissenschaftlern passiert ist.

Konstruktiv gegen den Klimawandel

Bleiben wir noch kurz bei der Pandemie: Die naturwissenschaftliche Suche nach dem Heiligen Gral ist die Forschung nach wirksamen Impfstoffen. Was, wenn dieses Vorhaben gelingen wird, pendelt sich dann alles wieder ein? Tritt die naturwissenschaftliche Forschung also wieder zurück in die zweite Reihe, erreichen wissenschaftliche Podcasts wieder nur ein Fachpublikum? Niemand kann es vorhersagen, aber man darf vermuten: Nein. Schließlich steht der Weltgesellschaft die wohl größte Herausforderung noch bevor, nämlich der Kampf gegen die Erderwärmung. Auch hier nimmt die Naturwissenschaft eine wichtige kommunikative Rolle ein.

Der erste Schritt erfolgte vor 10 bis 15 Jahren: In ihrem Buch „Alltagsbilder des Klimawandels“ schrieb die Autorin Melanie Weber im Jahr 2008: „Der globale Klimawandel stellt nicht nur ein komplexes globales Umweltproblem dar, sondern ist für Laien überhaupt erst durch die Kommunikation der Wissenschaft wahrnehmbar.“ Sprich: Ohne die Erkenntnisse und die Kommunikation dieser Erkenntnisse vonseiten der Naturwissenschaft wäre das Risiko „Erderwärmung“ wohl kaum mit dieser Wirkung in die Gesellschaft durchgedrungen. Heute, 12 Jahre später, hat sich die Rolle der Naturwissenschaftler geändert. Längst sind die Folgen der Erderwärmung bekannt und werden an immer mehr Orten in der Welt offensichtlich: Wärmerekorde in Sibirien, Dürremonate in Deutschland, Vibrionen-Belastung in der Ostsee. Wie bei der Pandemie geht es daher nun verstärkt darum, an konstruktiven Alternativen und Lösungen zu forschen.

Zu tun gibt es für die verschiedenen Naturwissenschaften eine Menge. Die Chemie beschäftigt sich eindringlich mit der Frage, ob das Wasserstoffauto eventuell eine viel größere Zukunft hat als das Elektromobil. Die Physik erarbeitet zusammen mit der Mathematik Simulationen über das globale und regionale Klima, bindet diese in soziökonomische Szenarien ein. Die Biologie schaut zum Beispiel gebannt auf die Entwicklung der globalen Moorlandschaften, die zwar nur drei Prozent der Landfläche bedecken, jedoch mit 400 bis 550 Gigatonnen 20 bis 30 Prozent des gesamten im Boden gelagerten Kohlenstoffs speichern: „Jeder Hektar geschütztes Moor spart jährlich rund neun Tonnen CO2 ein, knapp so viel, wie jeder von uns im Durchschnitt pro Jahr verursacht“, erklärt der WWF-Naturschutzexperte Michael Zika in einer Presseerklärung der Bundesregierung zum Thema Moore und Klimaschutz.

Die Agrarwissenschaft wiederum steht vor der Aufgabe, Grundlagen für neue Formen von Landwirtschaft zu erforschen, die Böden und Umwelt schonen – und dennoch die Ernährungssicherheit garantieren. Und die Pharmazie? Wird sich in den kommenden Jahren ohnehin nicht über mangelnde Arbeit beklagen. Noch einmal will sich die globalisierte Welt nicht von einer Pandemie überraschen lassen, in den folgenden Jahren wird es darum gehen, potenzielle Viren und andere Krankheitserreger noch genauer zu erforschen, um epidemiologische Risiken zu verringern. Wobei sich Staaten und Unternehmen sehr gut überlegen werden, hier Forschungsgelder zu kürzen. Im Gegenteil, es ist anzunehmen, dass die Entwicklungsabteilungen und Institute leichter denn je an die für ihre Arbeit notwendigen Mittel kommen.

Ökologie und Ökonomie – es geht nur zusammen

Egal, in welcher der Naturwissenschaften die kommende Generation tätig sein wird: Sie steht vor einer großen Chance. Erneut erteilt die Pandemie eine Lehre: Offensichtlich wird, dass in denjenigen Ländern die Wirtschaft mittel- und langfristig profitiert, in denen die notwendigen Lockdowns frühzeitig, konsequent und lange genug angeordnet und befolgt wurden. Hat man dabei zu Beginn der Corona-Zeit häufig eine Konkurrenzsituation zwischen Ökonomie und Virologie erzeugt, nach dem Motto „Die einen wollen öffnen, die anderen verbieten das“, zeigte sich später, dass es starke gemeinsame Interessen von Gesundheit und Wirtschaft gibt. Prägend war hier zum Beispiel eine gemeinsame Studie des Wirtschaftsinstituts ifo sowie des Helmholtz-Instituts für Infektionsforschung HZI, in der die Forscher eindeutig das Fazit ziehen: „Es zeigt sich, dass es in Bezug auf eine starke Lockerung der Maßnahmen keinen Konflikt zwischen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Kosten gibt.“

maiLab: Wissenschaft und Öffentlichkeit

In ihren jüngeren Clips des „maiLab“-Kanals zeigte Mai Thi eindrucksvoll, welche Auswirkungen eine verdrehte Berichterstattung über die Wissenschaft haben kann. „Wissenschaftler irren“ heißt eine Folge der Reihe: Mai This Anliegen ist es hier, klarzustellen, dass die Naturwissenschaft dann, wenn sie sich neuen Themen widmet (und das Corona-Virus ist so eines), immer neue Fakten erforscht, die schließlich zu neuen Erkenntnissen führen – eine Selbstverständlichkeit, die bitte weder mit Meinungen noch mit Unfehlbarkeit verwechselt werden dürfe. Ihr Credo: „Solange man sich den Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis bewusst ist, ist Wissenschaft für komplizierte gesellschaftlich relevante Fragen die verlässlichste Entscheidungsgrundlage, die wir haben.“ www.youtube.com/mailab

Wer dieses Denken übernimmt, hat als Naturwissenschaftlerin oder Naturwissenschaftler jetzt beste Chancen – ob in der freien Wirtschaft, an einem der Institute oder an den Hochschulen. Der Kampf gegen den Klimawandel, gegen Feinstaub in der Luft, Plastikmüll in den Ozeanen? Ökonomie und Ökologie sind stets Partner, wenn es darum geht, lähmende und teure Katastrophen zu verhindern und neue Wachstumsmärkte zu erschließen. Die Kooperation aus Ökonomen und Naturwissenschaftlern bei der gemeinsamen Studie von ifo und HZI zeigt, welche Erkenntnisse möglich sind, wenn verschiedene Wissenschaften miteinander statt gegeneinander arbeiten: Gemeinsam entwickelte Forschungsszenarien zeigen der Gesellschaft auf, was Sache ist. Was daraus gemacht wird, bleibt in der Verantwortung der politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger. Doch wenn sich Physik und Pharmazie, Biologie und Physik in dieser extrem herausfordernden Zeit der Aufgabe stellen, das „What?“ nicht nur zu erforschen, sondern auch zu kommunizieren, dann ist 2020 tatsächlich der Startpunkt der Dekade der Naturwissenschaften.

Der Biotechnologe Prof. Dr. Stefan Schillberg im Interview

Geht es nach Stefan Schillberg, schlägt in diesem Jahrzehnt die große Stunde der Pflanzen. Einsetzbar sind sie als nachwachsende Rohstoffe und Lieferanten für pharmazeutische Wirkstoffe – nicht zuletzt im Kampf gegen COVID-19. Dabei werde ihr Potenzial noch gar nicht voll ausgeschöpft, sagt der Leiter des Bereichs Molekulare Biotechnologie am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME. Das Interview führte André Boße.

Zur Person

Prof. Dr. Stefan Schillberg ist kommissarisches Mitglied der Institutsleitung des Fraunhofer IME und dort Leiter des Bereichs Molekulare Biotechnologie mit Sitz in Aachen. Schillberg promovierte 1994 am Institut für Pflanzenphysiologie der RWTH Aachen, wo er danach als PostDoc und Gruppenleiter seine berufliche Karriere begann. Seit 2001 ist er am Fraunhofer IME, wo er zunächst die Abteilung Pflanzenbiotechnologie leitete, seit 2009 ist er dort Leiter des Bereichs Molekularbiologie. Seit 2011 hält er zudem eine Honorar-Professur am Institut für Phytopathologie der Justus-Liebig-Universität Gießen inne. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt das Molekulare Farming, bei dem Proteine und Wirkstoffe aus Pflanzen gewonnen werden.

Herr Prof. Dr. Schillberg, das Fraunhofer Institut – auch das Fraunhofer IME, für das Sie tätig sind – setzt auf das Prinzip der angewandten Forschung, was kann man sich konkret darunter vorstellen?
Unser Auftrag als Fraunhofer Institut ist es, Dinge von der Grundlagenforschung in die Anwendung zu bringen. Das gelingt, indem die Wirtschaft mit konkreten Aufträgen auf uns zukommt oder wir das, was wir leisten können, gezielt für die Wirtschaft und die Öffentlichkeit anbieten. Wichtig ist daher, dass alle, die für die Fraunhofer arbeiten, ein Gespür dafür haben, was die Wirtschaft will.

Wenn sie es denn selbst weiß …
Das ist tatsächlich manchmal ein Balanceakt. Wichtig für uns ist, dass wir unser eigenes, auf der Forschung basierendes Denken behalten. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass die Wirtschaft unsere Erkenntnisse schnell anwenden möchte, wir aber sagen: Es ist klug, noch etwas in die Tiefe zu gehen, um dann ein besseres Produkt entwickeln zu können.

Wobei viele der großen Unternehmen ja auch selbst Forschung betreiben.
Das stimmt, insbesondere bei vielen großen Konzernen im Bereich Life- Science ist das der Fall, hier liegt dann die Herausforderung bei uns, entweder etwas Neues anbieten zu können – oder besser zu sein.

In welchen Bereichen können Sie hier besonders gut punkten?
Ich glaube, wir sind gut darin, innovative Ideen zu entwickeln. Wir sind nah an den neuesten Forschungsergebnissen dran, verfügen fast immer über direkte Anbindungen an die Universitäten, zum Beispiel dadurch, dass die jeweiligen Institutsleiter eine Professur an den lokalen Hochschulen besetzen, viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort Lehraufträge wahrnehmen und viele Bachelor- und Master-Studierende sowie Doktoranden bei uns ihre Arbeiten anfertigen.

Im Zuge der Pandemie hat die Öffentlichkeit viel darüber gelernt, wie wichtig es ist, dass sich Forschung, Politik und Wirtschaft gemeinsam einem Problem widmen. Betrachten Sie das als einen positiven Effekt dieser Corona- Krise?
Absolut, wobei sich schon beim Thema des Klimawandels abgezeichnet hat, dass aufmerksam beobachtet wird, was die Forschung zur Lösung des Problems beitragen kann. Für uns kann das nur von Vorteil sein. Ich finde sogar, die Politik könnte es noch forcieren, indem sie zum Beispiel deutlicher herausstellt, welche Forschungsmittel wohin fließen – und welche Erkenntnisse am Ende des Tages gewonnen werden.

„Pflanzen bieten ein alternatives System, um Proteine zu produzieren, die in unterschiedlichen Anwendungen eingesetzt werden, zum Bespiel für Impfstoffe.“ „Unsere Aufgabe ist es, die Pflanze wettbewerbsfähig zu machen, in dem wir innovative Produkte entwickeln.“

Der Standort Aachen des Fraunhofer IME, an dem Sie tätig sind, widmet sich der Molekularen Biotechnologie. Zum Thema Fraunhofer und Corona haben Sie den Hashtag #WeKnowHow entwickelt, was tragen Sie zum Kampf gegen die Pandemie bei?
Pflanzen bieten ein alternatives System, um Proteine zu produzieren, die in unterschiedlichen Anwendungen eingesetzt werden. Zum Bespiel für Impfstoffe. Ein wichtiger Vorteil der Pflanzen gegenüber anderen konventionellen Systemen ist, dass die Proteine sehr schnell produziert und aus den Pflanzen gereinigt werden können. Wir sprechen hier von einer Prozessdauer von drei bis fünf Tagen, und das schafft kaum ein anderes System. Müssen jetzt, wie in der Pandemie, sehr schnell große Mengen an Proteinen bereitgestellt werden, für den Impfstoff, aber auch für diagnostische Tests, bietet der Ansatz der Proteinproduktion in Pflanzen Vorteile. Denn es ist ja nicht so, dass die bisherigen Produktionskapazitäten für Proteine komplett umgewidmet werden können, wir brauchen die anderen pharmazeutischen Anwendungen ja auch weiterhin. Die Stärke der Pflanze als Proteinlieferant ist es, sehr schnell in diese Lücke reinspringen zu können – zum Beispiel als Produzent von diagnostischen Proteinen wie viralen Antigenen.

Können denn die pflanzlich gewonnenen Proteine in der Qualität mithalten?
Ja, für einige Anwendungen ist deren Qualität sogar besser, zum Beispiel aufgrund der Zusammensetzung von Zuckermolekülen, die dem Protein angeheftet werden.

Der Klimawandel wird uns als Problem deutlich länger beschäftigten als die Pandemie. Was kann Ihre Forschungsarbeit hier leisten?
Wir erkennen, dass die konventionelle Landwirtschaft nicht nur sehr viele Ressourcen verbraucht, sondern auch einen großen Teil des CO2-Ausstoßes verursacht. Eines unserer Forschungsfelder sucht daher nach neuen Agrarsystemen. Stichworte sind hier zum Beispiel Indoor- oder Vertical-Farming. Die Idee: Pflanzen werden in einem Gebäude vertikal über mehrere Ebenen angebaut. Wir haben hier verschiedene Anlagen konzipiert und führen gerade Studien durch, inwieweit diese dazu beitragen können, die CO2-Emissionen zu reduzieren und gleichzeitig die Landwirtschaft resilienter zu machen.

„Unsere Innovationen können der Landwirtschaft mehr Robustheit in Krisenfällen geben, zum Beispiel in Pandemien, aber auch mit Blick auf die Auswirkungen der Erderwärmung wie Dürren.“

Was heißt Resilienz hier konkret?
Unsere Innovationen können der Landwirtschaft mehr Robustheit in Krisenfällen geben, zum Beispiel in Pandemien, aber auch mit Blick auf die Auswirkungen der Erderwärmung wie Dürren. Dabei ist die Bio-Ökonomie generell eine Forschungsrichtung, die in Zukunft wichtiger werden wird – und zwar insbesondere, um unsere erdölbasierte in eine biobasierte Wirtschaft zu transferieren. Hier gibt es unzählige Beispiele dafür, wie Pflanzen helfen können, zum Beispiel als nachwachsende Rohstoffe für die Energiegewinnung oder für die Entwicklung von Baustoffen.

Warum steht die Pflanze eigentlich trotz Ihrer ökologischen und auch ökonomischen Vorteile nicht viel höher auf der Agenda?
Es gab und gibt eben noch Alternativen, wie zum Beispiel das Erdöl. Hier haben sich Strukturen und feste Wirtschaftszweige etabliert, das ist letzten Endes immer auch eine Frage des Geldflusses. Nach und nach erkennen wir jedoch die negativen Folgen, sodass nachwachsende Rohstoffe in den Fokus geraten. Unsere Aufgabe ist es dabei, die Pflanze nun wettbewerbsfähig zu machen, in dem wir innovative Produkte entwickeln.

Zu Ihren Forschungsfeldern gehört auch die Bio-Genetik, wobei sich die Deutschen diesem Bereich sehr vorsichtig, wenn nicht sogar ablehnend positionieren.
Ja, und das Thema bleibt schwierig, was auch daran liegt, dass die Diskussion meiner Meinung nach ein wenig an der Realität vorbeigeht. Vielfach wird suggeriert, dass die Nahrungsmittel, die wir heute in Deutschland kaufen können, auf ganz natürliche Weise hergestellt werden. Das ist aber nicht der Fall. Wer sich die Produkte genauer anschaut, erkennt, dass bereits heute 90 Prozent der pflanzlichen Nahrung und Futtermittel mithilfe von Mutationszüchtungen hergestellt werden.

Zum Fraunhofer IME

Das Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME umfasst die drei Bereiche Molekulare Biotechnologie, Angewandte Oekologie und Bioressourcen sowie Translationale Medizin. Es versteht sich als Partner für Forschung in den Bereichen Pharma, Medizin, Chemie, Bioökonomie, Landwirtschaft sowie Umwelt- und Verbraucherschutz. Die Forschungs- und Dienstleistungsangebote richten sich dabei an die Industrie sowie die öffentliche Hand. Das Institut beschäftigt mehr als 500 Mitarbeiter an den Standorten Aachen, Münster, Schmallenberg, Gießen, Frankfurt/Main und Hamburg. Stets gibt es eine enge Verknüpfung zu den Hochschulen an den jeweiligen Standorten.

karriereführer naturwissenschaften 2020.2021 – Go for it!

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Cover karriereführer naturwissenschaften 2020-2021Go for it! Start in die Dekade der Naturwissenschaften

Wie nie zuvor kommt es heute darauf an, mithilfe der Forschung globale Risiken zu identifizieren und an Problemlösungen zu arbeiten. Es liegt dabei in der Hand der jungen Generation, zu beweisen, dass Wissenschaft und Wirtschaft keine Gegenspieler sind, sondern die gleichen Ziele verfolgen. Ob im Kampf gegen Krankheiten oder gegen den Klimawandel: Wohlstand gibt es nur in einer gesunden und nachhaltigen Welt.

Jung und erfolgreich bei: CureVac

Die Welt ein wenig besser zu machen, das war schon immer mein Ziel. Ausschlaggebend für meine Entscheidung, eine naturwissenschaftliche Studienrichtung zu wählen, war meine Freude am Fach Biologie in der gymnasialen Oberstufe.

Nicole Armbruster, Foto: privat
Nicole Armbruster, Foto: privat

Name: Dr. rer. nat. Nicole Armbruster
Position: Scientist
Stadt: Leinfelden-Echterdingen
Studiengang: Technische Biologie
Abschlusszeitpunkt: Studium 2013, Promotion 2017
Interessen: reiten, schwimmen, reisen
Berufliches Ziel: zur Entwicklung von innovativen Medikamenten und Impfstoffen beitragen

Für ein Studium der Technischen Biologie an der Universität Stuttgart habe ich mich in der Konsequenz entschieden, weil ich mein Interesse an Biologie mit der technologischen Ausrichtung des Studiengangs verbinden konnte. Im Verlauf des Studiums habe ich mich dann mehr und mehr mit medizinischer Forschung beschäftigt. Während eines Praktikums bei der Firma Merck in Darmstadt erhielt ich erste Einblicke in die Pharmaindustrie und konnte an der Forschung und Entwicklung von Zellkulturmedien mitwirken. Meine Diplomarbeit am Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut der Universität Tübingen ermöglichte mir erste Einblicke in den Bereich der Tumorbiologie, und hat sich mit der Rolle von Proteinen im Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs) befasst.

Während meiner Doktorarbeit am Universitätsklinikum Tübingen fand ich dann so richtig Spaß an der medizinischen Forschungsarbeit im Bereich Immunologie. In einem interdisziplinären Team haben wir Grundlagenforschung auf dem weiten Feld der multiresistenten Keime betrieben. Die Teamarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen Humanmedizin, Veterinärmedizin und Biologie, zusammen mit den Erfahrungen aus dem Praktikum in einem führenden Pharmaunternehmen, haben daraufhin dazu geführt, mich bei einem Biotech-Startup zu bewerben.

Seit fast zwei Jahren arbeite ich nun bei der Firma CureVac als Wissenschaftlerin an der Entwicklung von Impfstoffen. Der innovative Ansatz von CureVac, mRNA als Informationsträger zu nutzen, um den menschlichen Körper zur Produktion der entsprechenden Proteine selber anzuleiten, hat mich von Anfang an fasziniert. Seit einigen Monaten arbeite ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen intensiv an der Entwicklung des Impfstoffs gegen das neuartige Coronavirus (SARSCoV- 2). Ein spannenderes Projekt ist kaum vorstellbar. Mein Wunsch, an der Entwicklung des medizinischen Fortschritts mitzuarbeiten, hat sich voll erfüllt und das Arbeitsklima bei CureVac ist hervorragend.

Aufgestiegen zur Thematischen Leiterin

Ein Erfahrungsbericht von Nadine Biesemann, Biomedizinisches Chemie-Studium, eingestiegen 2014 als Postdoc bei Sanofi, aufgestiegen 2019 zur Thematischen Leiterin

Nach meiner Doktorarbeit am Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung war ich unschlüssig, ob ich eine akademische Karriere weiterverfolgen oder in die Industrie wechseln sollte. Das Verständnis von Krankheiten und die Erforschung neuer Medikamente hatten mich schon immer inspiriert und angespornt, jedoch fehlte mir noch eine echte Vorstellung davon, wie Forschung in der Industrie aussieht. Als Sanofi eine Postdoc-Stelle zur Untersuchung mitochondrieller Modulatoren für Muskelschwund ausschrieb, entschied ich, mich zu bewerben und mir vor Ort die Wissenschaftler und ihre Arbeit anzuschauen. Schon beim Vorstellungsgespräch war ich von der Gruppe, ihrer Offenheit und der Zusammenarbeit beeindruckt. Also habe ich den Sprung ins Ungewisse gewagt, immer mit dem Hintergedanken, dass ich ja zurück in die akademische Forschung könnte, falls es mir in der Industrie nicht gefällt.

Mein erster Eindruck im Vorstellungsgespräch hat sich dann aber auch über die Jahre bestätigt: Teamarbeit und Kooperation sind essenzielle Bestandteile der Forschung in der Pharmaindustrie, und die Möglichkeiten, translationale Forschung zu betreiben, sind immens. In meinem Postdoc-Projekt war ich in einer Abteilung, deren Fokus auf Muskelerkrankungen und der Identifikation neuer therapeutischer Ansätze dafür lag. Ich hatte einen großartigen Betreuer, der mir sehr viel beigebracht und mich in das Wirrwarr der 1000 Abkürzungen in der Pharmaindustrie eingeführt hat. Durch ihn kam ich dann auch mit vielen Wissenschaftlern aus anderen Abteilungen in Kontakt und verstand durch die Zusammenarbeit die verschiedenen Phasen der Arzneimittelforschung und -entwicklung besser. Neben meinem eigentlichen Postdoc- Projekt hatte ich aber auch die Möglichkeit, die weiter fortgeschrittenen Projekte kennenzulernen und meine Erfahrung und Ideen mit einzubringen.

Training für Mitarbeiterführung

Nach anderthalb Jahren erhielt ich dann eine feste Stelle als Laborleiterin, in einer Zeit, in der sich der Fokus unserer Arbeit hin zu Autoimmunerkrankungen wie Rheumatoider Arthritis änderte. Plötzlich hatte ich drei Mitarbeiter, deutlich mehr Meetings und kaum noch Zeit, um selbst im Labor zu arbeiten. Ich war für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihre Arbeit und Gesundheit verantwortlich und musste mich auch in die Dokumentationen dafür einarbeiten. Gleichzeitig wollte ich natürlich auch mehr über Leadership lernen. Sanofi hat mir dafür z. B ein zweijähriges Training für Mitarbeiterführung ermöglicht, das mir sehr geholfen hat. Nach einiger Zeit wurde ich Projektleiterin, bin seitdem für alle Bereiche eines Projekts wissenschaftlich verantwortlich und leite globale Projektteams für „High priority“- Projekte.

„Teamarbeit und Kooperation sind essenzielle Bestandteile der Forschung in der Pharmaindustrie, und die Möglichkeiten, translationale Forschung zu betreiben, sind immens.“

Innerhalb meiner Abteilung, der Therapeutischen Einheit Immunologie, betreuen wir Projekte von der frühen Forschung bis hin zur ersten Planung von „Phase I Studien“. Dieser Teil der Forschung dauert ca. fünf Jahre, und es müssen viele Hürden überwunden werden, bis wir in der Lage sind, neue Medikamente am Menschen zu testen. Gleichzeitig liebe ich diese Art der translationalen, interdisziplinären Forschung, bei der kein Tag wie der andere ist und man sich ständig neuen Herausforderungen stellen muss. Ein weiterer wichtiger Bestandteil dieses Jobs sind Projektpräsentationen und -verteidigungen vor verschiedensten Gremien, teilweise ähnlich zu Doktorprüfungen. Inzwischen ist mein Labor auch immer weiter angewachsen und ich betreue regelmäßig Bachelor- und Masterstudierende und Postdocs, was mir großen Spaß macht.

Personalverantwortung und Kooperation

Seit 2019 bin ich neben meiner Funktion als Labor- und Projektleiterin noch für ein eigenes Themengebiet in der Immunologie, den Bereich Immunmetabolismus, verantwortlich. Das bedeutet, dass ich alle Projekte und Labore in dem Bereich koordiniere, also neben der vollen inhaltlichen auch deutlich mehr Personalverantwortung habe. Da ich für das Portfolio in diesem Bereich zuständig bin, evaluiere ich auch potenzielle Zusammenarbeiten mit anderen Firmen und leite Kooperationen mit akademischen Partnern. Generell evaluieren wir Innovationen in dem Feld und arbeiten eng mit anderen Abteilungen innerhalb von Sanofi zusammen, um neue Medikamente für Patienten mit Autoimmunerkrankungen zu entwickeln.

Für meinen Tagesablauf bedeutet das, dass ich den Großteil meiner Zeit damit verbringe, mich mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auszutauschen, Daten zu diskutieren und neue Kooperationen aufzubauen. Dies schließt auch ein, dass ich regelmäßig reise und dadurch neue Länder und Kulturen kennenlernen kann. Ähnlich zur Projektleitung sind interne und externe Präsentationen essenzieller Teil meiner Arbeit. Schließlich muss ich auch immer wissenschaftlich in meinem Gebiet up to date bleiben. Dazu besuche ich Konferenzen und publiziere einen Teil unserer Ergebnisse. Die neue Stelle ist verbunden mit einem Platz in unserem Leitungsteam, wodurch ich mehr Verantwortung für das allgemeine Portfolio habe und gleichzeitig sehr viel über Leadership, Finanzen, Strategie und Ressourcenplanung lerne.

Teil dieses Teams zu sein, ist eine wundervolle, zusätzliche Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln und gleichzeitig eigene Ideen besser einbringen zu können. Wenn ich nun auf die letzten sechs Jahre zurückblicke, wäre dieser Karriereaufstieg nicht ohne die Unterstützung meiner Chefs möglich gewesen. Sie haben sehr früh an mich geglaubt und mir immer neue, herausfordernde Aufgaben gestellt, an denen ich wachsen und mich profilieren konnte. Gleichzeitig hatten sie natürlich auch wichtige Rollen als Vorbilder und Mentoren und die Gespräche mit ihnen haben mir geholfen, meine eigenen Stärken besser zu verstehen und ein klareres Bild von meinen Möglichkeiten zu bekommen. Parallel dazu wurde ich gezielt mit HR-Programmen im jeweiligen Stadium unterstützt und früh als „High Potential“ eingestuft. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, mit dem globalen Management zu interagieren und meine Projekte und Ideen vorzustellen.

Ich selbst hatte nie ein klares Karriereziel vor Augen, sondern war und bin angetrieben von der Leidenschaft für meinen Beruf und dem Spaß an immer neuen Herausforderungen. Auch dies kann – in der richtigen Umgebung – zu einer Karriereentwicklung führen.