… das letzte Wort von Andrea Zug

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Andrea Zug wurde 1984 als eines von sechs Kindern im Rheinland geboren. Für ein Studium der Sozialarbeit zog sie 2007 nach Esslingen. Seit einigen Jahren arbeitet sie, inzwischen in Teilzeit, als Sozialarbeiterin in der Sozialpsychiatrie in Stuttgart.
Mit acht Jahren begann Andrea Zug außerdem, klassischen Gitarrenunterricht zu nehmen. Später folgte Gesangsunterricht. Und seit Sommer 2014 arbeitet sie auch als Sängerin. Im Stuttgarter Gospelchor „Gospel im Osten“ (GiO) sang sie bis Anfang 2015 als Solistin – unter anderem auch mal im Rahmen eines SWR-Fernsehbeitrags. 2015 nahm sie an dem Musikshowformat „The Voice Of Germany“ teil. Dort konnte sich Andrea Zug gegen 10.000 Mitbewerber durchsetzen und schaffte es im Team von Andreas Bourani bis in die „Battles“. Die Fragen stellte Christoph Berger

Frau Zug, Ihre Leidenschaft für Musik gibt es bei Ihnen seit Kindertagen. Doch nach der Schule haben Sie sich erst einmal für ein Studium der Sozialarbeit entschieden. Warum fiel die Wahl auf dieses Fach?
Ich war ein sehr empfindsames Kind. Besonders in Jugendjahren war ich stark adipös und habe in Folge von Mobbingerfahrungen sehr unter dieser, meinem Selbst und dem Leben gelitten. Vermutlich habe ich deshalb kein Vertrauen darin gehabt, dass ich die Prüfung an der Musikhochschule bestehen würde und mich aus Angst dafür entschieden, diese gar nicht erst zu absolvieren.

Und vielleicht habe ich mich damals genau wegen dieser eigenen Unsicherheiten schon immer für alle Themen interessiert, die den Menschen betreffen – sei es aus biologischer, medizinischer, psychologischer oder sozialer Sicht. Besonders innerpsychische und interaktionelle Prozesse fand ich äußerst spannend. Mit Hilfe einer Außensicht habe ich versucht, ein Verständnis für mich und meine Umwelt zu entwickeln. Daraus ist der Wunsch entstanden, nicht nur mir selbst, sondern auch anderen Menschen zu helfen. So wollte ich relativ früh in meinem Leben schon Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin werden. Die Tätigkeit im Feld der Sozialen Arbeit sollte nur einen Zwischenschritt darstellen. Und tatsächlich verfolge ich diesen Plan noch immer. Im kommenden Sommer werde ich berufsbegleitend den Master der Sozialen Arbeit beginnen, um im Anschluss die Ausbildung zur Psychotherapeutin machen zu können.

Meine Leidenschaft zur Musik blieb jedoch über all die Jahre hinweg weiterhin bestehen. Meine Hoffnung war es immer, meine Musikalität in die Arbeit mit Menschen integrieren zu können.

Spielt die Musik bei Ihrer Arbeit in der Sozialpsychiatrie denn eine Rolle?
Da ich immer noch in Teilzeit in der Gemeindepsychiatrie tätig bin, spielt sie tatsächlich sogar ganz aktuell eine Rolle. Erst kürzlich habe ich gemeinsam mit einer Kollegin ein kleines, internes Projekt gestartet: Unsere Dienststelle ist umgezogen und wir haben für die Eröffnungsfeier einen Chor gegründet, der sowohl aus Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, als auch aus Klientinnen und Klienten besteht. Die Eröffnungsfeier hat vor wenigen Tagen stattgefunden und unser erster gemeinsamer Auftritt war ein voller Erfolg. Besonders schön empfand ich den Moment, als wir gemeinsam mit den Gästen sangen. In solchen Momenten entsteht unheimlich viel Energie und Verbindung zwischen allen Singenden.

Mein Job als Sozialarbeiterin ist es, für meine Klientinnen und Klienten da zu sein und meine eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. Nicht umgekehrt.

Ansonsten trenne ich aber zwischen meiner Tätigkeit als Sängerin und als Sozialarbeiterin. Es kommt für mich nicht in Frage, bei Veranstaltungen zu singen, bei denen Klientinnen und Klienten von mir anwesend sein sollen. Nicht, weil ich sie von etwas ausschließen möchte. Es wäre in meinen Augen aber eine Art Rollentausch, der nicht sein darf. Meine Klientinnen und Klienten sollen mich nicht für meinen Gesang und meine ‚Selbstdarstellung‘ bewundern. Das würde ich als missbräuchlich empfinden. Mein Job als Sozialarbeiterin ist es, für sie da zu sein und meine eigenen Bedürfnisse hintenanzustellen. Nicht umgekehrt. In meinen Augen wäre das eine Ablenkung und Störung in der Beziehung zu ihnen.

Aber einige Ihrer Klienten wissen, dass Sie nicht nur als Sozialarbeiterin arbeiten?
Vereinzelt haben Klientinnen und Klienten natürlich durch die Medien von meinem Zweitjob erfahren. Punktuell gibt es also immer mal wieder Momente, in denen meine Tätigkeit als Sängerin zum Thema gemacht wird. Allerdings denke ich, dass es mir ganz gut gelingt, den Fokus von mir zurück zum Klienten zu richten und ihnen mitzuteilen, dass ich mich zwar freue, dass sie Interesse an mir und meiner Tätigkeit haben, aber es in der folgenden Gesprächseinheit um sie gehen soll.

Einen kleinen Chor anzubieten – so wie ich es aktuell tue – finde ich hingegen sehr stimmig. Hier geht es nicht um mich als Sängerin. Vielmehr geht es darum, meine Musikalität zu nutzen, um Menschen zum Singen zu bringen, weil ich fest davon überzeugt bin, dass gemeinsames Musizieren therapeutisch wirken kann.

Wie es Ihnen selbst auch hilft?
Genau. Ich selbst habe zum Beispiel das Singen immer als einen sehr heilsamen Prozess erlebt. Besonders in den vereinzelten Gesangsstunden, die ich im Laufe der Jahre genommen habe, erlebte ich Heilung von meinen Ängsten und Unsicherheiten. Dies begann bereits bei den Achtsamkeitsübungen und anschließenden Atemübungen zu Beginn einer Stunde. Sich loszulösen von inneren Blockaden – von leisen, zu lauten Klängen –, in die Einheit von Körper, Geist und Seele zu gelangen, hat mich massiv gefordert und meine Gesanglehrerin sicher das ein oder andere mal verzweifeln lassen. Denn es fiel mir unglaublich schwer, loszulassen. Aber irgendwann gelang es mir dann und mein erster öffentlicher Auftritt war vor 2000 Leuten in der Stuttgarter Liederhalle. Ab diesem Moment verselbstständigte sich mein musikalisches Leben und ich konnte mich nebenberuflich selbstständig machen. Aber nicht nur mein musikalisches Leben veränderte sich. Ich fühlte mich endlich so befreit und lebendig, wie nie zuvor in meinem Leben.

Ein lohnenswertes Therapieergebnis…
… ja, ein Ergebnis, dass ich mir natürlich auch für meine Klientinnen und Klienten wünsche. Es muss ja nicht die große Karriere sein. Und Musik ist auch nicht für jeden das passende Medium. Aber es reicht, wenn bei einem Teil der Menschen ein Funke eines Feuers sowie Inspiration, Leidenschaft und Lebendigkeit entsteht. Gemeinsames Singen kann vieles Lösen, und ich freue mich sehr, diesen Prozess begleiten zu dürfen. Mit unserem ersten Chorauftritt sind wir – meines Erachtens – auf einem guten Weg dorthin.

Sie benutzen häufig Vokabeln wie „Herz“, „genießen“, „berühren“, „Gabe“ und „Dankbarkeit“. Auf was kommt es Ihnen bei Ihren Auftritten an, wie sollen Menschen Ihre Auftritte und Konzerte verlassen?
Ich habe meinen bisherigen Weg der Persönlichkeitsentwicklung eine lange Zeit als sehr leidvoll erfahren. Das Überwinden meiner Ängste, um meiner Leidenschaft nachgehen zu können, empfinde ich wie einen Befreiungsschlag. Ohne die Hilfe vieler Menschen, die immer an mich und meine Fähigkeiten geglaubt haben, hätte ich diesen Weg vermutlich niemals gehen können. Worte können nicht zum Ausdruck bringen, wie dankbar ich mich dafür fühle.
Meine Klientinnen und Klienten haben in der Regel noch viel schwerere Schicksale zu tragen und leiden unter den immer noch sehr ausgeprägten Stigmatisierungen, die ihnen oftmals gesellschaftlich entgegengebracht werden.

Ich möchte an das Herz der Menschen appellieren, sie berühren und einladen, zu überprüfen, was ihnen wirklich wichtig im Leben ist.

Ich habe den Wunsch und mir selbst auferlegten Auftrag: Ich möchte Menschen zur Menschlichkeit auffordern. Ich möchte an ihr Herz appellieren, sie berühren und einladen, zu überprüfen, was ihnen wirklich wichtig im Leben ist. Und dafür möchte ich mutig sein und zu meiner eigenen Befindlichkeit stehen. Dazu stehen, dass ich alles andere als perfekt bin. So kann es zum Beispiel bei einem Konzert durchaus mal geschehen, dass ich unter Ankündigung etwas ausprobiere, von dem ich mir nicht sicher bin, ob es mir gelingen wird. Es ist mir wichtig, zu mir zu stehen und zu zeigen, dass Fehler sein dürfen und nicht immer einen Grund für Scham darstellen müssen. Ebenso ist es mir wichtig, zu meinen Emotionen zu stehen: Schmerz, Angst, Freude, Wut und Scham gehören zur großen Palette unserer Gefühlswelt. Wenn mich etwas sehr berührt, fließen bei mir auch Tränen. Durchaus auch mal auf der Bühne. Zum Beispiel wenn ich vor einem großen Publikum stehe und es nicht glauben kann, dass diese Menschen alle gekommen sind, um mir zuzuhören.

Am Ende möchte ich, dass die Menschen mit einem Mehrwert nach Hause gehen. Dass sie sich inspiriert und berührt fühlen. Und das funktioniert am besten, wenn das Publikum mit eingebunden wird. Deshalb gibt es in jedem meiner Konzerte Einheiten, in denen ich Songs gemeinsam mit ihnen singe. Gerne auch mehrstimmig. In der Regel sind das die Momente, die am meisten berühren, denn beim gemeinsamen Singen entsteht eine gemeinsame Verbindung unter allen Beteiligten. Zumindest empfinde ich das immer so.

Sind dies Dinge, die für Sie auch in der Rolle der Sozialarbeiterin entscheidend sind?
Ein respekt- und liebevoller, authentischer, interessierter sowie wohlwollender Umgang mit meinen Mitmenschen ist mir enorm wichtig und ein entscheidender Teil meiner Haltung. Sowohl in meiner Arbeit als Sozialarbeiterin, als auch als Sängerin. Aber natürlich möchte ich mich auch in meinem persönlichen und privaten Umfeld so zeigen. Da fällt es mir jedoch meistens deutlich schwerer als in allen anderen Bereichen.

Sie haben den Rollentausch bereits angesprochen: Bedeutet die Arbeit als Sängerin einen größeren Abstand zu den Menschen zu haben als dies bei der Arbeit im Krankenhaus der Fall ist?
Es ist eine andere Nähe, die ich mit meinem Publikum teile. In der Sozialpsychiatrie stelle ich mich möglichst bewertungsfrei auf mein Gegenüber ein. Ich halte meine eigenen Bedürfnisse zurück und bin bemüht, mich für die Schwingungen und Bedürfnisse meines Gegenübers zu öffnen und zur Verfügung zu stellen. Ich nehme diese auf und nutze die Emotionen, die diese bei mir in der Reaktion auslösen, um damit weiterzuarbeiten. Wie eine Art Wegweiser. Einige Klientinnen und Klienten teilen ihre schmerzhaftesten Erlebnisse mit mir. Ich sehe mich als eine Begleiterin, als diejenige, die deren Gefühle mit aushält und soweit es geht, trägt. In diesen Kontakten kann sehr viel emotionale Nähe entstehen.

Ich empfinde das Singen als etwas sehr Intimes. Ich zeige mich pur, mit meinen kraftvollen, zarten, bedürftigen, empfindsamen und verletzbaren Anteilen.

Auf der Bühne ist es anders. Hier sind meine eigenen Emotionen die, die ich nach außen trage. An denen ich mein Publikum teilhaben lasse. Ich empfinde das Singen als etwas sehr Intimes. Ich zeige mich pur, mit meinen kraftvollen, zarten, bedürftigen, empfindsamen und verletzbaren Anteilen. Dabei muss man immer damit rechnen, dass es das Gegenüber vielleicht nicht so nett mit einem meint. Das war lange der Grund, warum ich mich nicht getraut habe, auf die Bühne zu gehen. Ich hatte Angst, dass die Menschen meinen Gesang, meine Art mich zu präsentieren und somit auch einen Teil von mir selbst ablehnen und abwerten könnten. Aber überwiegend erlebe ich etwas anderes: nämlich ein Publikum, das mein Sein liebevoll annimmt und auf meine Emotionen einschwingt, sich berühren lässt. Das kann ich am Klatschen, Mitsingen, Lachen und auch am Weinen erkennen. Auch hier entsteht eine besondere Nähe.

Für welche Situationen oder Lebensereignisse ist die Musik die beste Therapie?
Musik kann Emotionen verstärken. Das kennt sicherlich jeder: Wenn man traurig ist und hört dann einen Song, der „Herzschmerz“ bei demjenigen auslöst, dann kann es sein, dass plötzlich die bis dahin zurückgehaltenen Tränen fließen. Genauso kann die gute Stimmung, die man zum Beispiel in Vorfreude auf einen gemeinsamen Abend mit Freunden empfindet, noch weiter durch eher fröhlich anmutende und rhythmische Musik gehoben werden. So kann Musik hilfreich dabei sein, das Gefühl, das man aktuell vorherrschend in sich spürt, noch tiefer zu spüren. Meiner Überzeugung nach wollen Gefühle gelebt werden, damit sie sich auflösen können. Emotionen, die man nicht so mag, können gefühlt und dann losgelassen werden.

Ich habe mir mal eine Playlist für solche Momente zusammengestellt, in denen ich mich sehr wütend, oder traurig gefühlt habe. Diese beginnt mit Songs, die die Wut in mir anregen, bei denen ich kraftvoll mitsingen und alles rauspowern kann. Dann folgen Songs, die eher die Trauer in mir hervorrufen – ich gehe davon aus, dass sich oft Trauer oder Angst hinter Wut verbergen. Dann fließen die Tränen. Danach folgen Songs, die leicht und sanft werden und sich zu freudefördernden Songs steigern. Wenn ich die Playlist einmal durchgehört und mitgesungen habe, geht es mir am Ende meistens wieder gut.

Weitere Infos zu Andrea Zug:
www.andrea-zug.com

Und welche in der Sozialarbeit gemachten Erfahrungen können Sie als professionelle Sängerin nutzen?
Ich glaube, dass ich eher vom umgekehrten Fall profitiere. Der Gesang und meine Bühnenpräsenz helfen mir immer wieder in meinem Job als Sozialarbeiterin. Seit diesem Jahr habe ich die Koordination eines relativ neuen Bereiches zum Thema „Kinder psychisch kranker Eltern“ für drei Standorte meines Trägers übernommen. Ein Teil meiner Arbeit besteht darin, Multiplikatoren auszubilden und Schulungen zu dem Thema zu geben. Mich vor vielen Menschen zu zeigen und zu präsentieren, fällt mir heute nicht mehr schwer. Ich bin weiterhin aufgeregt, jedes mal. Aber es ist nie eine solch überwältigende Angst, wie ich sie früher erlebt habe. Aber natürlich prägt die intensive Arbeit mit Menschen mein Menschenbild und meine Haltung. Diese zieht sich selbstverständlich ein Stückweit durch mein gesamtes Leben. Es fällt mir somit beispielsweise grundsätzlich leicht, mich auf Menschen unterschiedlichster Art einzustellen, was im Kontakt mit Kunden oder Auftraggebern immer hilfreich ist.

karriereführer ingenieure 2.2018 – Biokratie: Wie Ingenieure die Zukunft neu gestalten

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Biokratie: Ethik, Nachhaltigkeit, Gerechtigkeit – Wie Ingenieure jetzt die Zukunft neu gestalten

Für Ingenieure bricht ein neues Zeitalter an. Ihre Entwicklungen dürfen nicht nur wenigen Privilegierten nutzen, die Technik von morgen muss Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit fördern. Experten hoffen dabei auf die Lebenswelten der jungen Generation – und setzen auf alternative Modelle wie Biokratie und technische Ethik.

Biokratie: Ethik hält Einzug in die Arbeitswelt der Ingenieure

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Für Ingenieure bricht ein neues Zeitalter an. Ihre Entwicklungen dürfen nicht nur wenigen Privilegierten nutzen, die Technik von morgen muss Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit fördern. Experten hoffen dabei auf die Lebenswelten der jungen Generation – und setzen auf alternative Modelle wie Biokratie und technische Ethik. Von André Boße

Angenommen, ein Ingenieur arbeitet an einer Lösung des Mobilitätsproblems in den Städten: Es gibt einerseits zu viele Autos und Emissionen, zu wenig Parkplätze und Platz auf den Straßen. Andererseits spielt ihm die Digitalisierung in die Hände: Apps und vernetzte Fahrzeuge bieten schon bald die Chance einer neuen urbanen Mobilität, die den Nutzer mit Hilfe kombinierter Mobilitätskonzepte ans Ziel bringt – und von denen das eigene Auto nur eines ist. Die Folge: weniger Stau, weniger Emissionen, weniger Stress. Klingt nach Zukunft. Unabhängig von der Frage der Technik, die damals noch nicht so weit war: Hätte dieser Ansatz auch schon vor 20 oder 30 Jahren funktioniert?

In einer Zeit, als der Besitz des eigenen Autos noch ein Statussymbol war – und man sich als Besitzer kaum vorstellen konnte, das Fahrzeug vor den Toren stehen zu lassen und auf andere Art in die Stadt zu fahren? Wohl kaum. Die modulare Mobilität wird erst heute zu einem Markt, in einer Zeit, in der der mobile Mensch nicht mehr unbedingt mit seinem eigenen Gefährt von A nach B fahren muss, sondern deutlich mehr Wert darauf legt, bequem unterwegs zu sein. Und wenn möglich: umweltfreundlich.

Unbewusste Treiber des Wandels

Für Prof. Dr. Thomas Heupel ist dies nur eines von vielen Beispielen, das zeigt, wie sehr technische Innovationen, Umweltschutz und der individuelle Lebensstil der Jüngeren ineinandergreifen.

„Studien zeigen, dass die Generationen Y und Z für einen entmaterialisierten Konsum stehen“, verdeutlicht der Wirtschaftsprofessor an der FOM Hochschule für Oekonomie & Management in Essen. Dinge zu besitzen sei dieser Generation weniger wichtig als noch bei den Angehörigen der Generation X oder den Babyboomern, so Heupel. Statt Besitztümer anzuhäufen, sind die jüngeren Generationen in virtuellen Räumen der sozialen Netzwerke unterwegs.

Technik, Wandel, Zukunft

Die Technikexperten der verschiedenen Fraunhofer Institute haben ein Impulspapier zum Thema „Wandel verstehen, Zukunft gestalten“ veröffentlicht: Aus fünf Thesen zur Bedeutung von Innovationen im Jahr 2030 haben die Autoren Themen und Aufgaben für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft abgeleitet. Dabei komme es unter anderem darauf an, das Wissen für alle zu öffnen, Innovationsprozesse zu digitalisieren und Offenheit, Lernfähigkeit sowie Kooperation als Leitbilder von Innovation zu betrachten. Das Papier ist als PDF gratis unter folgendem Link verfügbar: s.fhg.de/innovation2030

„Dabei denken sie, wie unsere Ergebnisse zeigen, nicht einmal besonders ökologisch“, sagt der Professor. „Aber weil sie eben auf bestimmte Dinge wie ein eigenes Auto verzichten können, werden sie quasi unbewusst zum Treiber eines Wandels hin zu mehr Nachhaltigkeit.“

Festgestellt hat Thomas Heupel jedoch eine generelle Sensibilisierung für ökologische Themen: „Wohin man auch schaut: Es gibt Bio-Produkte oder ökologisch zertifizierte Geräte, auch Discounter und Elektrogroßmärkte kommen nicht mehr ohne aus.“ Das zeige: Es gibt einen Markt für Nachhaltigkeit. Und es gibt eine junge Generation, deren Lebensstil mit diesem Markt einhergehe. „Das wiederum“, so Heupel, „bringt einen Begriff auf die Agenda, der diese biologisch-ökologische Dimension des Marktes und der Gesellschaft weiter stärken kann: die Biokratie“.

Der Umweltökonom Georg Winter gilt als Pionier dieser Idee, der Natur Rechte zu verleihen. Winter definiert Biokratie auf seiner Website www.rechte-der-natur.de als eine „hypothetische Regierungsform, in der alles Leben eine mitbestimmende Funktion einnimmt“. Der Begriff beschreibt damit ein Konzept, das Fauna und Flora eine Teilhabe an der Staatsführung zuschreibt. Somit sei die Biokratie als Staatsform als eine Erweiterung der Demokratie zu sehen, „in der nicht allein die Menschen, sondern sämtliche Lebewesen als Staatsvolk anerkannt, mit Grundrechten ausgestattet und parlamentarisch vertreten sind“, so Winter. Drei Hauptaspekte der Biokratie sind laut dem Umweltökonom die Umweltwissenschaften, die (Umwelt-)Ethik sowie das Umweltrecht (inklusive Tierrecht).

Biokratie: Der Natur eine Stimme

Man dürfe das Wort Biokratie jedoch nicht mit einem dogmatischen Kampfbegriff verwechseln, sagt Thomas Heupel. Mit einer von oben verordneten Öko-Diktatur habe die Biokratie nichts zu tun. „In ihr steckt die Demokratie, die hier nun ergänzt wird, indem sie genauso wie die Bürgerinnen und Bürger mit Rechten ausgestattet wird.“ Die Biokratie wird damit zu einer um eine grüne Dimension erweiterten Demokratie: Die Natur erhält eine Stimme. Und die hat sie auch bitter nötig.

„Wenn heute von Nachhaltigkeit die Rede ist, dann meinen wir damit häufig das Konzept der ,Schwachen Nachhaltigkeit’“, differenziert Thomas Heupel. Diese stehe dafür, dass die Nachhaltigkeit verhandelbar sei: „Betreiben wir Raubbau an der Natur, verbessern damit aber die Infrastruktur oder die sozialen Gegebenheiten, gilt dieser Prozess dennoch als nachhaltig.“ Ein Beispiel ist der Bau einer neuen Autobahn durch ein Waldgebiet: Die Natur leidet, aber der Schaden wird ausgeglichen, weil die Region die neue Verkehrsader nutzt, sich neue Firmen dort ansiedeln, dadurch neue Arbeitsplätze entstehen.

„Die Biokratie setzt dagegen auf die ,Starke Nachhaltigkeit’“, so Heupel. Der Schutz der Natur sei hier eben nicht verhandelbar: Die Natur habe quasi ein Veto-Recht für Projekte, die ihr Schaden zufügten. „Ich glaube“, sagt Thomas Heupel, „dass wir diese ,Starke Nachhaltigkeit’ dringend benötigen, um den Klimawandel und die Umweltzerstörung in den Griff zu bekommen.“ Eine von oben verordnete Biokratie sei jedoch eine problematische Option, weil sich die Menschen ungern Dinge vorschreiben ließen.

Daher hofft der Ökonom so sehr auf den „natürlichen Wandel“, angetrieben vom Lebens- und Arbeitsstil der jungen Generation: „Auch die jungen Ingenieure denken von sich aus weniger materialistisch. Sie sind das digitale Arbeiten gewohnt, bringen ein Gespür für die Notwendigkeit von Naturschutz mit, denken bei Kunden weniger an Besitzer als an Nutzer.“ All dies könne die Entwicklung einer Technik im Sinne der Biokratie fördern.

Technik für mehr Weltgerechtigkeit

Wie wichtig diese „Starke Nachhaltigkeit“ ist, beziffert Prof. Michael Lauster, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen (INT) in Euskirchen im Rheinland. Die Erde stehe vor drei großen Herausforderungen, sagt Lauster: Bevölkerungswachstum, Klimawandel und Urbanisierung. „Diese Trends beruhen auf sehr stabilen und langwelligen Veränderungsraten, sodass sie mit hoher Zuverlässigkeit prognostiziert werden können.“

Zwischen zehn und elf Milliarden Menschen werden bis Mitte dieser Dekade die Erde bevölkern, die mittlere Temperatur auf dem Planeten steigt an – „Das muss als Fakt anerkannt werden“, fordert Lauster –, der Trend zur Verstädterung setze sich fort: Die Anzahl der Megacities, also von Städten mit mehr als zehn Millionen Einwohnern, werde von heute 30 auf mehr als 50 anwachsen. „Wobei mit dem ungesteuerten Wachstum zahlreicher Stadtregionen erhebliche Probleme bei der Versorgung der Einwohner mit Nahrung, hygienischen Verhältnissen, Medizin und Sicherheit verbunden sind“, wie der promovierte Ingenieur und Inhaber des Lehrstuhls für Technologieanalyse an der RWTH Aachen sagt.

Die einzelnen Probleme verstärkten sich nun noch dadurch, dass sie auf der Erde ungerecht verteilt seien. „So findet das größte Bevölkerungswachstum in Regionen statt, die am stärksten vom Klimawandel betroffen sind“, sagt Lauster. Gerade diese Analyse führt dazu, dass bei der Entwicklung und beim Einsatz neuer Techniken ein Paradigmenwechsel stattfinden muss. „Technologieentwicklung darf zukünftig nicht mehr nur unter dem Aspekt stattfinden, dass es einer begrenzten Anzahl privilegierter Regionen deutlich besser geht als anderen“, sagt der Techniktrend-Analyst.

„Es muss die Einsicht erzielt werden, dass alle Menschen ernährt, mit hygienischen Verhältnissen versorgt und in sicheren Lebensumständen untergebracht werden müssen.“ Sprich: Ingenieure müssen nicht nur Technik und Ökologie, sondern auch Technik und Gerechtigkeit zusammen denken. „Sonst“, sagt der Fraunhofer-Institutsleiter, „zerstören die Industrienationen ihre Lebensgrundlage selbst.“

Ingenieure müssen Ethik entdecken

Damit erhält das Thema Ethik Einzug in die Arbeitswelt der Ingenieure. Neu ist das nicht: Schon immer besaß die Entwicklung einer neuen Technik einen direkten Bezug zum Thema Verantwortung. Spätestens war das ab dem Zeitalter der Atomkraft der Fall. „Moderne Technologien sind in der Lage, Wirkungen zu erzeugen, die nicht nur lokal, sondern – im schlimmsten Fall – sogar global sind“, sagt Michael Lauster.

ARD-Themenwoche

„Gerechtigkeit“ Vom 11. bis 17.11.2018 behandelt die ARD das Thema Gerechtigkeit aus verschiedenen Blickwinkeln: von Armut bis Zeitarbeit, politisch, philosophisch, persönlich. Mehr zur Themenwoche: www.ard.de

Weitere Beispiele sind Nano- und Gentechnologien, deren Auswirkungen bislang nur schwer abzuschätzen sind. Verschärft wird die ethische Debatte durch Ansätze, die mit Hilfe neuer Techniken in das Weltklima eingreifen wollen. Das klingt attraktiv: Ingenieure und Forscher retten die Welt, indem es ihnen zum Beispiel gelingt, CO2 aus der Atmosphäre zu entziehen – oder ein ähnliches technisches Wunder zu vollbringen.

Der Trendanalyst vom Fraunhofer INT warnt jedoch davor, diese technischen Eingriffe in ihrer Wirkung zu unterschätzen. „Diese Technologien sind mit komplexen Systemen verknüpft, deren kennzeichnendes Merkmal ist, auf einfache Eingaben mit vielfältigen, teilweise schwer- oder unvorhersehbaren Antworten zu reagieren – deshalb nennen wir sie ja komplex.“ Das Problem sei jedoch, dass man die Mechanismen vieler dieser Systeme bis heute noch nicht vollständig verstehe. Daher könne auch die Wirkung von Eingriffen in diese Systeme bislang noch nicht abgeschätzt werden.

„Eingriffe mit unvorhersehbaren und eventuell sogar irreversiblen Folgen zu tätigen, würde deutlich ethische Grenzen überschreiten“, sagt Michael Lauster. Entsprechend rät er jungen Ingenieuren, neben den üblichen Fahigkeiten, die man für eine gute Karriere benötigt, zwar stets offen für Neues zu sein. Wichtig sei es darüber hinaus aber auch, „auf die Bedürfnisse der Menschen zu sehen, den Blick in die Zukunft zu richten und die Auswirkungen des gegenwärtigen Handelns abzuschätzen – sprich: Verantwortung für sich und andere zu übernehmen“. Vorsprung darf also nicht an anderer Stelle Nachteile erzeugen. Weder für Menschen noch für die Natur – die im Sinne der Biokratie eine Stimme erhalten soll.

Buchtipps

Digitaler Humanismus

Cover Digitaler HumanismusDie Bestseller-Autorin Dr. Nathalie Weidenfeld und ihr Mann, der Philosoph und ehemalige Staatsminister Prof. Dr. Julian Nida- Rümelin, zeigen mit dem Buch „Digitaler Humanismus“ eine, so der Untertitel, „Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz“. Mit einem Brückenschlag zwischen philosophischen Gedanken und Zukunftsszenarien legen die beiden Autoren einen Gegenentwurf zur Ideologie im Silicon Valley vor, wo die Künstliche Intelligenz zu einem Manna der Fortschrittsgläubigen zu werden droht – zumal bei einem reinen Blick auf die Nutzbarkeit fürs Business. Ingenieuren bietet das Buch Impulse, wie es gelingen kann, den technischen Fortschritt im ethischen Kontext zu betrachten. Julian Nida-Rümelin/Nathalie Weidenfeld: Digitaler Humanismus: Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Piper Verlag 2018. 24 EuroJetzt kaufen bei Amazon

Nachhaltigkeit und Digitalisierung

Cover Nachhaltiges WirtschaftenDas Fachbuch „Nachhaltiges Wirtschaften im digitalen Zeitalter“ zeigt für die Begriffe Innovation, Steuerung und Compliance auf, wie sich Ökonomie, Technik und Umweltschutz mit der digitalen Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft verbinden lassen. Unter anderem verdeutlicht Prof. Dr. Thomas Heupel in einem Kapitel, warum mit der Biokratie ein neues Konzept der Nachhaltigkeit vor dem Hintergrund der Generationen Y und Z sowie der künftigen Megatrends eine Chance erhält. Andreas Gadatsch, Hartmut Ihne, Jürgen Monhemius, Dirk Schreiber (Hrsg.): Nachhaltiges Wirtschaften im digitalen Zeitalter. Springer Gabler 2018. 54,99 EuroJetzt kaufen bei Amazon

Cover NachhaltigkeitJahrbuch Nachhaltigkeit 2018. Nachhaltig wirtschaften. Einführung, Themen, Beispiele. Metropolitan 2018. 14,95 Euro Jetzt kaufen bei Amazon

Energiewende: Energie-Analyst Frank Peter im Interview

Als stellvertretender Direktor des Think Tanks Agora Energiewende überblickt Frank Peter den Ausbau der erneuerbaren Energien und ihre Integration ins Stromnetz. Im Interview erklärt er, warum Flexibilität in der Nachfrage der Schlüssel für die Energiewende ist und an welchen Stellen der Energiewirtschaft Ingenieure spannende Aufgabenfelder finden. Das Interview führte André Boße.

Zur Person

Frank Peter ist stellvertretender Direktor von Agora Energiewende, in dieser Funktion koordiniert er auch die Arbeiten des Teams Deutschland. Bevor er zu Agora kam, arbeitete er zwölf Jahre bei der Prognos AG in Berlin. Frank Peter hat zahlreiche Projekte zu Klimaschutzfragen, Strommarktentwicklungen und erneuerbaren Energien sowohl für politische als auch privatwirtschaftliche Stakeholder geleitet. Im Rahmen seiner Tätigkeiten war er mehrfach als Sachverständiger für den Bundestag und die Bundesregierung zu verschiedenen Energiefragen tätig. Frank Peter hat an der Technischen Universität Berlin Technischen Umweltschutz studiert. Zum Unternehmen Agora Energiewende wurde im Jahr 2012 von der European Climate Foundation und der Stiftung Mercator ins Leben gerufen, um die Herausforderungen der Energiewende anzupacken. Die Initiative ist Teil der gemeinnützigen Smart Energy for Europe Platform (SEFEP) gGmbH. Das Mandat von Agora Energiewende besteht darin, akademisch belastbare und politisch umsetzbare Wege zu entwickeln, wie sich die Energiesysteme in Deutschland und zunehmend weltweit in Richtung sauberer Energie transformieren lassen. Die Kernfinanzierung stammt von der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation. Agora Energiewende kann daher unabhängig von Geschäftsinteressen und politischem Druck arbeiten.

Herr Peter, wir hatten einen heißen Sommer mit langer Dürrezeit, es wurde viel über den Klimawandel gesprochen. Bringen solche Debatten auch die Energiewende weiter voran?
Jede Debatte über die Auswirkungen des Klimawandels bringt die Energiewende ins Bewusstsein. Der Druck, die Klimaschutzziele mit Hilfe der Energiewende zu erreichen, ist noch einmal gestiegen. Wir hätten uns aber tatsächlich einen noch deutlicheren Link zwischen den beiden Themen Klima und Energie gewünscht.

Wer erzeugt beim Thema Klima und Energie den Druck, von dem Sie sprechen?
Ich glaube, dass die Gesellschaft diesen Druck erhöht. Ein Sommer wie der vergangene zeigt, dass auch wir in der Mitte Europas vom Klimawandel betroffen sind – und zwar nicht erst in 50 Jahren, sondern schon jetzt. Wir befinden uns also bereits in diesem Wandel, und der Gesellschaft wird bewusst, dass wir jetzt dringend damit beginnen müssen, die CO2-Emissionen zu verringern. Hier spielen die erneuerbaren Energien eine große Rolle.

Deutschland war Vorreiter der Energiewende. Sind wir das noch immer?
Als eine der größten Weltwirtschaften nehmen wir im internationalen Kontext eine Vorreiterrolle und eine Vorbildfunktion ein. Es geht dabei auch um die Glaubwürdigkeit der deutschen Industrie und Wirtschaft: Deutschland hat sich sehr schnell für die Energiewende entschieden und mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien begonnen. Jetzt werden wir natürlich international beäugt: Wie machen die das, wie schnell geht es voran? Wie zufrieden sind Sie mit den Fortschritten? Ich glaube, dass ein wenig verspätet die Erkenntnis reift, dass alleine der Ausbau der erneuerbaren Energien kein Klimaschutz bedeutet. Es ist schon entscheidend, dass man dazu aus den alten Energien, insbesondere aus der Kohle, aussteigt. Das muss wirtschafts- und strukturpolitisch organisiert werden – und hier ist Deutschland bislang zu langsam.

War der Begriff der Energiewende vielleicht zu optimistisch?
Man stellt sich darunter ja einen schnellen Richtungswechsel vor, dabei ist der Prozess komplex und langwierig. Haben Sie schon einmal im Fahrerhäuschen eines alten Lastwagens ohne Lenkunterstützung gesessen? Wenn Sie versuchen, so ein Fahrzeug auf engem Raum zu drehen, dann erfahren Sie, wie kompliziert und langsam eine solche Wende sein kann – und wie viel Nervenstärke, langen Atem und Armmuskulatur Sie dafür benötigen. Ich glaube, so muss man sich auch die Energiewende vorstellen.

Ein Sommer wie der vergangene zeigt, dass auch wir in der Mitte Europas vom Klimawandel betroffen sind – und zwar nicht erst in 50 Jahren, sondern schon jetzt.

Fällt der Ausstieg auch deshalb so schwer, weil bei den erneuerbaren Energien noch technische Lösungen fehlen?
Wir kommen in technischer Hinsicht gut voran, einige Lösungen werden aber noch gebraucht. Zum Beispiel müssen wir eine Flexibilität auf der Nachfrageseite organisieren, schließlich handelt es sich bei den erneuerbaren Energien Wind und Sonne um fluktuierende Quellen. Bislang war es so, dass die Stromerzeugung der Nachfrage folgte.

Sprich: Wurde viel Strom benötigt, wurden die Kraftwerke weiter hochgefahren.
Genau. In Zukunft wird es so sein, dass die Nachfrage sich am Angebot orientiert. Es gibt bei den Abnehmern Anwendungen, die deutlich flexibler gestaltet werden können und die zeitlich so verlagert werden, dass sie dann Strom benötigen, wenn die Erneuerbaren tagsüber mehr Energie erzeugen. Ich denke hier zum Beispiel an das Einheizen oder Kühlen von Industrieanlagen, aber auch an das Aufladen von Elektroflotten, das so organisiert werden kann, dass es nicht zu den Stoßzeiten passiert, wenn generell viel Strom benötigt wird.

Wie kann diese Flexibilität technisch organisiert werden?
Ideal ist, wenn der Verbraucher davon gar nichts mitbekommt, sprich: wenn zum Beispiel Apps die Steuerung des Stromverbrauchs übernehmen. Es gibt bereits eine Menge Start-ups, die Software dieser Art entwickeln. Und auch in den Unternehmen denken die Ingenieure darüber nach, wie es gelingen kann, bei der Stromnachfrage flexibler zu werden. So entstehen in Industrieunternehmen neue Hallen, in denen selbstproduzierte Grundstoffe zwischengelagert werden, sodass deren Herstellung durch energieintensive Verfahren wie zum Beispiel der Elektrolyse zu Stoßzeiten auch mal ausgesetzt werden kann, ohne dass die weiterführende Produktion darunter leidet. In meinen Augen sind das wichtige Aspekte, denn die Flexibilisierung der Nachfrage ist einer der Schlüssel, um ein erneuerbares Energiesystem zu realisieren.

Die Digitalisierung ist der Enabler der Energiewende.

Welche Rolle spielen digitale Techniken bei der Umsetzung der Energiewende?
Ich sprach eben schon von Apps, die entwickelt werden, auch smarte und vernetzte Knotenpunkte werden eine Rolle spielen. Viele Anwendungen stehen auf der Schnittstelle zwischen Energietechnik und IT, die Digitalisierung ist somit der Enabler der Energiewende. Das zeigt sich schon alleine daran, dass in einem komplexen Energiesystem schon heute in Echtzeit unglaublich viele Zustandsbeschreibungen ausgetauscht und auf dieser Basis Entscheidungen getroffen werden. Hier wird die Digitalisierung zum Schlüssel für ein smartes System – mit Blick auf die Informationstechnik, aber auch auf den Datenschutz. Und ich gehe davon aus, dass hier in naher Zukunft ein Markt für neue Entwicklungen entsteht, der insbesondere für Ingenieure sehr spannend werden wird.

Wobei der Ingenieur hier mit IT-Spezialisten zusammenarbeiten wird.
Ja, diese Entwicklung beobachten wir schon seit einigen Jahren bei den großen Netzbetreibern: Die Systemsteuerung geschieht zunehmend automatisiert. Es gibt immer weniger Mitarbeiter, die Knöpfe drehen oder Hebel betätigen. Diese Aufgabe wird von Algorithmen übernommen, die typischerweise weniger fehleranfällig sind. Das heißt jedoch nicht, dass es für Ingenieure weniger zu tun gibt: Gesucht werden kreative Lösungen für diese Systeme, zudem rücken Themen wie die Sicherheit der Systeme in den Fokus, damit verhindert wird, dass kriminelle Manipulationen das gesamte Energiesystem lahmlegen.

Gibt es ein weiteres Feld, bei dem Sie – gerade mit Blick auf junge Ingenieure – großes Potenzial sehen?
Ich glaube, dass die Wasserstofftechnik an Bedeutung gewinnen wird. Wasserstoff als Energiespeicher ist in vielen Bereichen eine gute Lösung, um im Güter- und Luftverkehr, aber auch in der Industrie auf fossile Brennstoffe zu verzichten. Wasserstoff bietet eine Vielzahl guter Eigenschaften: Er ist auf verschiedene Art herstellbar, bietet eine enorme Energiedichte, man kann bei einer Beimischung zu Erdgas direkt mit ihm Motoren betreiben, in der Industrie ist er an vielen Stellen einsetzbar. Kurz: Wasserstoff ist ein wichtiger Allrounder und in meinen Augen die Schlüsseltechnologie, um weitreichend CO2-Ausstöße einzusparen. Hier werden wir in den kommenden Jahren erkennbare Innovationsschübe erleben.

Neue Anforderungen durch Industrie 4.0

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Was kommt auf Ingenieure im Zuge der Digitalisierung zu? Welche neuen Fähigkeiten sind künftig gefragt? Von Dr. Franziska Schmid, Referentin für Bildungspolitik, VDMA Bildung

Der Maschinen- und Anlagenbau ist der größte industrielle Arbeitgeber in Deutschland. Er ist überwiegend mittelständisch geprägt und beschäftigt rund 1,3 Millionen Mitarbeiter, darunter gut 190.000 Ingenieure. Die Unternehmen des Maschinen- und Anlagenbaus genießen international einen hervorragenden Ruf und stellen in 16 von 31 Industriesparten den Weltmarktführer. Ein weiteres besonderes Merkmal des Maschinen- und Anlagenbaus ist sein fortwährender Wandel, was er auch im Zeitalter der Digitalisierung unter Beweis stellt.

Industrie 4.0, also die digitale Vernetzung der kompletten Produktion und die Verfügbarkeit aller relevanten Informationen in Echtzeit, wird den Maschinen- und Anlagenbau fundamental verändern. Mit Industrie 4.0 wird eine selbstorganisierte Steuerung des gesamten Produktionsnetzwerks vom Zulieferer über die eigentliche Produktion bis zur Auslieferung an den Kunden möglich. Es entsteht eine neue Stufe der Automatisierung sowie eine höhere Flexibilität in der Produktion. Eine weitere Ressourcenoptimierung, die Produktindividualisierung bis hin zu Losgröße 1 oder gar ganz neue Geschäftsmodelle werden möglich. So ist eine der Schlüsselinnovationen von Industrie 4.0 „Predictive Maintenance,“ also die vorausschauende Wartung von Maschinenkomponenten durch die kontinuierliche Messung und Auswertung von Daten.

Paradigmenwechsel

Zur Bewältigung der Herausforderungen durch Industrie 4.0 wird der Maschinen- und Anlagenbau – bereits heute größter Ingenieurarbeitgeber in Deutschland – in Zukunft einen noch stärkeren Bedarf an gut ausgebildeten Ingenieuren haben. Gleichzeitig werden sich die Anforderungen an deren Kompetenzen und Qualifikationen aufgrund der immer weiter fortschreitenden Digitalisierung ändern.

Das technologische Zusammenrücken von physischer und virtueller Ebene bedeutet auch ein Zusammenwachsen von Kompetenzen. Der Maschinen- und Anlagenbau wird dadurch interdisziplinärer werden. Dies bedeutet nicht, dass jeder Maschinenbauingenieur zum Programmierer werden muss. Aber er sollte die Sprache der Informatik sprechen und verstehen und zukünftig in der Lage sein, seine Anforderungen an eine Steuerungssoftware oder ein Regelungsprogramm klar zu kommunizieren.

Industrie 4.0 bedeutet auch das systematische Erheben, Analysieren und Nutzen der im Unternehmen entstehenden Daten. Der Umgang mit diesen „Big Data“ wird eine zunehmend wichtigere Qualifikation werden. Es werden Ingenieure mit mathematischer und statistischer Expertise, mit Fähigkeiten in der Modellierung und Simulation sowie in methodischen Kompetenzen der Datenanalyse und -aufbereitung gefragt sein. Auch Aspekte wie Datenschutz und Datensicherheit werden an Bedeutung gewinnen.

Vernetzung von Software-Industrie und Maschinenbau

Die AMB, eine internationale Ausstellung für Metallbearbeitung in Stuttgart, zeigte in diesem Jahr in der Sonderschau Digital Way, wie die Vernetzung von Softwareindustrie und Maschinenbau vorangeschritten ist. Die Sonderschau widmet sich der zunehmenden Digitalisierung in der Produktion. Demnach wird Machine Learning langfristig ein Thema sein, ebenso wie Predictive Maintenance. Condition Monitoring und Big Data Analytics. Die zunehmende Digitalisierung stellt die Unternehmen nach eigener Aussage jedoch auch vor große Probleme: Personalengpässe in den Softwareentwicklungsabteilungen, der weiter steigende Personalbedarf sowie die Ausund Weiterbildung werden für immer mehr Unternehmen zur Herausforderung.

Durch Industrie 4.0 werden neue, überfachliche Qualifikationen und sogenannte Soft Skills immer wichtiger. Denn die Digitalisierung verlangt zunehmend nach Lösungen, die ein Unternehmen nicht mehr für sich alleine bewältigen kann. Die Vernetzung der Wertschöpfungskette benötigt mehr Prozess- und Überblickswissen. Kooperationskompetenz Teamfähigkeit, Kommunikationsstärke und interdisziplinäres Denken innerhalb des Unternehmens nehmen an Bedeutung zu.

Der technologische Fortschritt wird sich durch Industrie 4.0 weiter beschleunigen. Daher ist es zunehmend notwendig, Wissen schneller zu aktualisieren. Ein erster Studienabschluss kann nur der Beginn eines lebenslangen Lernens sowie der kontinuierlichen Aneignung von Fachwissen sein. Motivation, Selbstverantwortung, Wissbegierde, Learning on the job sowie Flexibilität und Veränderungsbereitschaft sind deshalb zentrale Schlüsselkompetenzen für die Industrie 4.0.

Die technologische Entwicklung bietet die Chance, zu einem Wachstumstreiber des Maschinen- und Anlagenbaus zu werden sowie den Produktionsstandort Deutschland weiter zu stärken. Dafür suchen die Unternehmen hochqualifizierte Mitarbeiter und bieten spannende Aufgaben in einem weiten Spektrum, gute Entwicklungsmöglichkeiten und oft flache Hierarchien.

Digitalisierung lernen

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Im Digital Capability Center (DCC) in Aachen lernen Fach- und Führungskräfte produzierender Unternehmen sowie angehende Ingenieure, wie sie die digitale Transformation in ihren Unternehmen vorantreiben können. Von Sabine Olschner

Das DCC ist eine Kooperation der Unternehmensberatung McKinsey & Company, der ITA Academy GmbH, also dem Bildungsdienstleister des Instituts für Textiltechnik der RWTH Aachen, sowie führenden Technologieunternehmen wie etwa dem international tätigen Softwareanbieter PTC. Die Lernfabrik mit dem Schwerpunkt Industrie 4.0. bildet eine realitätsgetreue Fabrikumgebung nach.

In praxisnahen Workshops nähern sich die Teilnehmer dem Thema Industrie 4.0 und lernen dabei, wo und wie sie neueste Technologien entlang der gesamten Wertschöpfungskette einsetzen können. Sie erhalten Einblick in digitale Lösungen und Technologien wie Echtzeit-Diagnosewerkzeuge, Big Data Analytics, prädiktive Instandhaltung, digitales Performancemanagement, 3-D-Druck oder kollaborative Roboter.

Der Softwareanbieter PTC hat dazu seine Expertise im Bereich Internet der Dinge sowie Augmented Reality eingebracht. „Unsere Technologien befähigen Unternehmen, die Brücke zwischen physischer und digitaler Welt zu schlagen“, sagte Kathleen Milford, Executive Vice President von PTC. „Das DCC bietet Unternehmen das perfekte Setting, um ihre eigene digitale Transformation zu beginnen.“

In der Lernfabrik wird ein smartes Armband produziert, das die Workshop-Teilnehmer individuell konfigurieren können. Die Produktionslinie besteht aus einem Mix aus älteren und moderneren Maschinen mit jeweils unterschiedlichen Steuerungen und Schnittstellen. Die Erkenntnisse, die die Teilnehmer in den Workshops gewinnen, lassen sich auf fast alle Praxisfälle in den unterschiedlichen Branchen übertragen. Es werden konkrete Lösungen für individuelle Problemstellungen im Unternehmen erarbeitet – von der ersten Kundenanfrage über die Entwicklung, Produktion und Auslieferung bis zum Servicegeschäft.

Dem weltweit ersten DCC in Aachen sollen weitere folgen: McKinsey plant mit anderen Kooperationspartnern noch in diesem Jahr Neueröffnungen in Singapur, Chicago, Peking und Venedig. McKinsey-Seniorpartner Christoph Schmitz ist überzeugt: „Durch den Einsatz von Industrie-4.0-Technologien können Unternehmen ihre Instandhaltungskosten und Ausfallzeiten von Maschinen um bis zu 50 Prozent reduzieren und ihre Produktivität um bis zu 55 Prozent erhöhen.“

Intelligente Europaletten

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Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Materialfluss und Logistik IML haben gemeinsam mit der European Pallet Association e.V. (EPAL) die klassische Europalette zu einem automatisch verfolgbaren und steuerbaren Ladungsträger gemacht. Daraus sollen in Zukunft intelligente Logistiknetzwerke werden. Von Sabine Olschner

Ziel der gemeinsamen Entwicklung ist die Digitalisierung des weltweit größten offenen Palettenpools: Die EPAL hat allein in Europa rund 500 Millionen Paletten im Umlauf. Die Standard-Europalette ist der wichtigste Ladungsträger in der Logistik. Zahlreiche Systeme in der Förder- und Lagertechnik sowie viele Transportmittel und Verpackungen sind auf EPAL-Europaletten ausgelegt.

Die neuen intelligenten Paletten kommunizieren mithilfe der Funktechnologie NarrowBand IoT der Deutschen Telekom und sind in der Lage, über Smart Devices in einem dezentralen Netzwerk zu kommunizieren. Damit sind die Paletten nicht mehr nur Ladungsträger, sondern künftig auch Informationsträger. Das noch junge Narrowband IoT wurde speziell für das Internet der Dinge entwickelt und ist auf Massennutzung ausgelegt. Die Technologie ist deshalb nahezu beliebig skalierbar. Die Forscher haben diese Lösung im erst kürzlich gegründeten Telekom Open IoT Lab entworfen.

„Die Logistik steht auf Paletten. Diese intelligent zu machen, heißt, die Logistik intelligent zu machen“, sagt Prof. Dr. Dr. h. c. Michael ten Hompel, geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer IML. „Intelligente Palettennetzwerke sind ein Meilenstein auf dem Weg zum Internet der Dinge, mit dem sich der wahre Datenschatz in der Logistik heben lässt.“ Die Wissenschaftler hoffen, dass die neuen Paletten auch dem Mittelstand den überfälligen IoT-Anstoß geben. Bislang nutzen nur sehr wenige mittelständische Industrieunternehmen die Vorteile einer digitalisierten Supply Chain.

Auf der LogiMAT 2018 in Stuttgart, der internationalen Fachmesse für Intralogistik- Lösungen und Prozessmanagement, hat das Fraunhofer IML als Weltpremiere eine Anwendung der kommunizierenden Paletten demonstriert. Es wird erwartet, dass die Nachfrage nach automatisch verfolgbaren und steuerbaren Ladungsträgern im Zuge von Industrie 4.0 rasant ansteigen wird. Das Start-up Ahrma hat mit dem Chemiekonzern BASF eine vergleichbare Lösung entwickelt. Diese arbeitet standardmäßig mit Bluetooth Low Energy, lässt sich aber ebenfalls mit IoT-tauglichen Standards wie LoRa, Sigfox oder LTE-M verwenden. Bei dieser Lösung wird die Mehrwegpalette mit einem Polyurethan-Sprühsystem beschichtet und hat einen aktiven drahtlosen RFID-Transponder.

„Wir dürfen nicht mehr so viel Müll produzieren“

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Verena Krebs ist Vorstandsmitglied des Vereins Pacific Garbage Screening, der eine schwimmende Plattform entwickeln will, die Plastik und Plastikpartikel aus dem Wasser filtert. Die Bauingenieurin mit Schwerpunkt Konstruktiver Wasserbau erläutert im Interview, wie sie und ihr Team die Meere von Plastik befreien wollen. Die Fragen stellte Sabine Olschner

Wie entstand die Idee zu der Meeresplattform?
Die Idee entwickelte Marcella Hansch während ihrer Masterarbeit im Fach Architektur. Sie entwarf die Architektur für die Plattform und suchte anschließend Experten aus den verschiedenen Fachbereichen, um die Idee weiterzudenken. Als Doktorandin im Bereich Wasserbau kam ich nach einem Vortrag an unserem Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft mit ihr in Kontakt. Gemeinsam mit anderen überlegten wir, ob und wie das Konzept tatsächlich umgesetzt werden kann.

Wie setzt sich das Team zusammen?
Unser interdisziplinäres Team ist seit der Gründung des Vereins vor zwei Jahren stark gewachsen. Es besteht aus Studenten, Doktoranden und Absolventen unter anderem verschiedener Ingenieurbereiche wie Entsorgungsingenieurwesen, Werkstofftechnik und Maschinenbau, aber auch aus Vertretern der Biotechnologie, der Meeresbiologie und der Geographie. Die meisten sind wie ich an der RWTH Aachen tätig. Wir bekommen viele Anfragen, derzeit sind wir aber erst einmal genug Leute – außer es melden sich Experten aus dem Schiffsbau und der Meerestechnik.

Wie soll Ihre schwimmende Plattform funktionieren?
Die meisten Plastikarten, die in das Meer gelangen, sind leichter als Wasser, sodass die Plastikpartikel bei ruhiger Strömung aufschwimmen. Mit der Architektur der Plattform soll das Wasser im Meer so weit beruhigt werden, dass die Plastikpartikel an die Oberfläche kommen und dort gesammelt und entfernt werden können. Darüber hinaus wollen wir Ideen entwickeln, wie der Plastikmüll wiederverwertet werden könnte.

Problem Plastikmüll

Derzeit gelangen pro Jahr schätzungsweise zwischen 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastikmüll in die Meere, ist auf der Website des WWF zu lesen. Das entspricht einer Lastwagenladung pro Minute. Wird die Entwicklung nicht gestoppt, wird sich im Jahr 2050 genau so viel Plastikmüll wie Fisch in den Meeren befinden. Ein Großteil des Plastikmülls landet im tieferen Gewässer oder auf dem Meeresboden und ist daher schwer einzusammeln. Schätzungen zufolge haben sich bislang dort etwa 80 Millionen Tonnen angesammelt. Über 800 Tierarten in Meeren oder im Küstenbereich sind vom Plastikmüll beeinträchtigt – also fast die Hälfte aller Meeressäuger- und Seevogelarten.

Wie weit sind Sie technisch mit dem Konzept?
Das Projekt steckt noch immer in den Kinderschuhen. Wir haben sehr viele Ideen, die weiter untersucht werden müssen. Wir bereiten derzeit Modelle im kleinen Maßstab vor, mit denen wir Versuche vornehmen können. Da wir alle nur ehrenamtlich arbeiten, versuchen wir Sponsoren zu gewinnen, die uns eine Machbarkeitsstudie ermöglichen. Ein Schwerpunkt in letzter Zeit lag daher auf dem Marketing, das unsere Idee erst richtig bekannt gemacht hat. Dadurch konnten wir erfolgreich eine Crowdfunding-Kampagne durchführen. Mit dem Geld, das wir hier gesammelt haben, können wir schon mal ein paar halbe Stellen finanzieren. Dann geht es hoffentlich mit mehr Tempo voran.

Wann wird Ihre Plattform tatsächlich für die Meere einsatzbereit sein?
Ob unser Konzept es wirklich auf die Meere schaffen wird, wissen wir derzeit noch gar nicht. Momentan konzentrieren wir uns darauf, einen Weg zu finden, die Plattform an Flussmündungen einzusetzen. Denn 80 Prozent des Plastiks gelangt über die Flüsse in die Meere. Es ist für uns einfacher, das Ganze erst einmal auf einer kleineren Skala umzusetzen. Wenn es dort funktioniert, können wir uns weitere Lösungen für das Meer überlegen.

Pacific Garbage Screening Mehr zur Meeresplattform, die Müll sammeln soll, unter www.pacific-garbage-screening.de

Was glauben Sie: Werden wir in der Lage sein, die Meere jemals plastikfrei zu bekommen?
Zum jetzigen Zeitpunkt denke ich, das ist unmöglich. Aber wir sollten alles dafür tun, dass sich die Situation verbessert und es vielleicht doch möglich wird. Zum Glück passiert momentan wahnsinnig viel auf diesem Gebiet: Man diskutiert über Plastik- beziehungsweise Müllvermeidung, und es gibt zahlreiche Projekte für die Reduzierung der Müllmengen, die sich bereits in der Umwelt befinden. Immer mehr Leuten wird bewusst, dass wir künftig nicht mehr so viel Müll produzieren dürfen wie bisher. Ich hoffe, dass viele der Projekte, die derzeit angegangen werden, Wirkung zeigen. Denn am Ende muss die Quelle, also der Plastikeintrag in die Umwelt, versiegen, nur so können wir mit technischen Lösungen wie unseren das Problem wirklich in den Griff bekommen.

The Ocean Cleanup

Auch der 23-jährige Boyan Slat, ehemaliger Student der Luft- und Raumfahrttechnik aus den Niederlanden, will die Weltmeere von Plastikmüll säubern. Er möchte riesige schwimmende Filter im Meer platzieren, in die der Müll hineintreibt. Bis zu sieben Millionen Tonnen Plastik könnten so aus dem Wasser geholt werden. Der junge Holländer führte mit seinem Unternehmen The Ocean Cleanup eine Machbarkeitsstudie durch und ist überzeugt, „dass das Konzept eine machbare Methode ist, um fast die Hälfte des gesamten Plastiks der Großen Pazifischen Müllhalde zu entfernen“. Seit September werden die ersten Anlagen in Kalifornien getestet. www.theoceancleanup.com

Cleanriverproject.de

Stephan Horch, Fotodesigner, -künstler und Freizeitpaddler, macht mit Fotokunst auf den zunehmenden Plastikmüll in Flüssen aufmerksam: Er sammelt auf seinen Kajaktouren Müll ein und fotografiert ihn vor der Entsorgung. Dafür erhielt er den Ehrensache-Preis vom SWR Fernsehen. www.cleanriverproject.de

 

 

Engpass auf dem Ingenieurarbeitsmarkt

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Der Fachkräftemangel auf dem Ingenieurarbeitsmarkt ist aktuell hoch. Insgesamt waren im ersten Quartal 2018 monatsdurchschnittlich 124.930 offene Stellen zu besetzen. Damit festigt sich die Arbeitskräftenachfrage in den Ingenieurberufen auf einem konstant hohen Niveau. Von Hanna Büddicker, VDI Verein Deutscher Ingenieure e. V.

Zu diesem Ergebnis kommt der neue Ingenieurmonitor, den das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) im Auftrag des VDI vierteljährlich erstellt. Im Vergleich zum Vorjahresquartal legte die Arbeitskräftenachfrage um 14,3 Prozent zu. Die äußerst stabile Wirtschaftslage und positive Konjunkturerwartungen geben Grund zur Annahme, dass die Nachfrage nach Ingenieuren in den kommenden Quartalen nicht abebben wird. Besonders gesucht sind Informatiker.

Seit 2016 ordnet die Hochschulstatistik des Statistischen Bundesamts die Informatik der Fächergruppe Ingenieurwissenschaften zu. „Die Informatikberufe bilden im ersten Quartal 2018 mit monatsdurchschnittlich 41.350 offenen Stellen die größte Kategorie des Stellenangebots in den Ingenieurberufen und setzen sich damit an die Spitze“, erklärt VDI-Direktor Ralph Appel.

Die Zahl der Arbeitslosen in Ingenieurberufen hatte bereits Ende 2017 ein Rekordtief seit Beginn der Aufzeichnungen 2010 erreicht. Im ersten Quartal 2018 setzt sich der Trend der sinkenden Arbeitslosenzahlen weiter fort. Monatsdurchschnittlich suchten 32.391 Personen eine Beschäftigung in einem Ingenieurberuf, wovon 24.500 auf die bis dato berichteten acht Ingenieurberufskategorien und 7.891 auf Informatikberufe entfielen. Verglichen zum Vorjahresquartal sank die Zahl der arbeitslos Gemeldeten damit um 7,3 Prozent.

Die Informatikberufe bilden mit monatsdurchschnittlich 7.891 Arbeitslosen die größte Kategorie des Arbeitskräfteangebots in den Ingenieurberufen. Gemeinsam mit der Berufskategorie Technische Forschung und Produktionssteuerung, in der 6.231 Personen arbeitslos gemeldet waren, vereint diese Ingenieurkategorie rund 47 Prozent des gesamten Arbeitskräfteangebots in den Ingenieurberufen auf sich. In den Bauberufen, die rund 26 Prozent des Stellenangebots ausmachen, suchten 6.321 Personen eine Beschäftigung, was 20 Prozent des gesamten Arbeitskräfteangebots entspricht.

Verglichen zum Vorjahresquartal hat die Zahl der Arbeitslosen mit Ausnahme der Metallverarbeitung in allen Berufskategorien abgenommen. Den stärksten Rückgang gegenüber dem Vorjahresquartal verzeichnete die Energieund Elektrotechnik (-13,2 Prozent).

Ingenieurmonitor

Der vollständige VDI-/ IW-Ingenieurmonitor steht kostenfrei zum Download unter www.vdi.de/ingenieurmonitor

„Die anhaltend rückläufige Entwicklung der Arbeitslosenzahlen verdeutlicht die zunehmenden Schwierigkeiten für Arbeitgeber, offene Stellen zu besetzen. In der Folge gewinnt das Thema Arbeitskräfteengpass auch im deutschen Mittelstand zunehmend an Bedeutung“, so Appel. Die Arbeitskräftenachfrage zieht weiter kräftig an und hat ein Niveau von nahezu 125.000 zu besetzenden Stellen erreicht. Diese Entwicklungen spiegeln sich auch in der Engpasskennziffer wider, die bundesweit und über alle Ingenieurberufskategorien hinweg im ersten Quartal 2018 bei 386 offenen Stellen je 100 Arbeitslosen lag.

In sämtlichen regionalen Arbeitsmärkten lag im ersten Quartal 2018 ein Ingenieurengpass vor. In acht von zehn dieser Arbeitsmarktregionen lag er sogar bei einer Relation von über 300 offenen Stellen je 100 Arbeitslosen. In Bayern entfielen sogar jeweils rund 580 offene Stellen auf 100 Arbeitslose. Lediglich in der Region Berlin/Brandenburg (151) zeigte sich die Lage weiterhin weitgehend entspannt.

Verglichen zum Vorjahresquartal legte die Engpasskennziffer in jeder einzelnen betrachteten Arbeitsmarktregion im zweistelligen Bereich zu. In Sachsen betrug der Anstieg der Engpassrelation über 60 Prozent, in der Region Sachsen-Anhalt/ Thüringen knapp 35 Prozent. Auch wenn in den ostdeutschen Regionen die Engpässe noch nicht so gravierend ausfallen wie in den süddeutschen Bundesländern, stehen auch ostdeutsche Arbeitgeber bei der Rekrutierung von Ingenieur- und IT-Experten zunehmend vor besonderen Herausforderungen.

Die Informatikberufe bilden den größten Engpass unter den Ingenieurberufen, gefolgt von den Bauingenieurberufen.

Die Informatikberufe bilden mit monatsdurchschnittlich 524 offenen Stellen je 100 Arbeitslosen den größten Engpass unter den Ingenieurberufen, gefolgt von den Bauingenieurberufen mit einer Relation von 505 je 100. Die Baubranche boomt und hat einen erhöhten Bedarf an Fachkräften. Ein Ende ist kaum absehbar. In sämtlichen Ingenieurberufskategorien lag ein spürbarer Engpass vor, der sich mit Ausnahme der Ingenieurberufe in der Metallverarbeitung in sämtlichen Kategorien im Vergleich zum Vorjahresquartal nochmals deutlich verschärft hat.

In Zeiten der digitalen Transformation sind bei Ingenieuren insbesondere IT- und BWL-Kenntnisse gefragt. „Die Digitalisierung ist ein Versprechen für neue Technologien, Produkte und Dienstleistungen, innovative digitale Geschäftsmodelle und neue Märkte. Das birgt nicht nur einen technologischen, sondern vor allem auch qualifikatorischen Wandel, der Ingenieure branchenweit vor Herausforderungen stellt“, sagt Appel. Ingenieure müssten neue Fähigkeiten hinzulernen und Kenntnisse erweitern. Dazu zählen Business-Knowhow, Kreativitäts- und Szenariotechniken, Innovationsmethodiken, Technologie- und Innovationsmanagement sowie die Expertise, Kundenbedürfnisse noch besser zu verstehen und sogar zu antizipieren.

Trendthema Future Mobility

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Was tut sich beim Thema Mobilität der Zukunft? Der karriereführer hat ein paar spannende Neuerungen gefunden. Einen Blick auf das Thema Mobillity wirft Sabine Olschner

Autofahren über VR-Brille

Auf der diesjährigen Digital Lifestyle Preview in München und Hamburg präsentierten Unternehmen und Startups im Vorfeld der IFA und der games.com Journalisten ihre neuesten digitalen Produkte. Eines davon: eine VR-Brille, mit der man sich virtuell auf dem Fahrersitz eines Autos befindet. Das Besondere daran: Auf die virtuelle Windschutzscheibe werden reale Bilder aus einer Onboard-Kamera eines tatsächlich existierenden Fahrzeuges übertragen. Mit Handbewegungen lässt sich das Auto in der Ferne in Echtzeit lenken, bremsen und beschleunigen. Der eigene reale Avatar oder Stellvertreter, den man auf diese Weise in der Ferne kontrolliert, kann ein Modellauto, ein echter Pkw, eine Maschine oder ein Roboter sein. Die nächsten Preview-Termine finden sich unter www.preview-event.de

Volocopter werden kommen

Prof. Dr. Michael Schreckenberg, Verkehrsforscher an der Uni Duisburg Essen, zeigte sich im ARD Morgenmagazin davon überzeugt, dass kleine Personenfluggeräte wie der Volocopter das Fortbewegungsmittel der Zukunft sind – wenn die Bedingungen dafür geschaffen wurden. Offen sei derzeit, wie es mit den Zulassungen der Flugtaxis ausschaut: Wer darf sie fliegen, welche Lizenzen werden benötigt, wo dürfen sie landen? Auch die Frage, ob die Volocopter autonom oder nur mit einem Piloten in der Luft sein dürfen, müsse geklärt werden. In Dubai fanden erste Testflüge mit den Personenfluggeräten statt. Und auf der diesjährigen CEBIT in Hannover präsentierte das Start-up Volocopter GmbH den ersten bemannten, vollelektrischen Senkrechtstarter der Welt, der eine vorläufige Verkehrszulassung für bemannte Flüge erhalten hat. Unterstützt wurde das Start-up dabei von Intel. Die technische Umsetzbarkeit des futuristischen Hubschrauberkonzepts hat Volocopter beim erfolgreichen Jungfernflug im September 2017 unter Beweis gestellt.

Future Mobility Summit

Entscheider aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden und Gewerkschaften diskutieren beim zweitägigen Future Mobility Summit die wichtigsten Fragen zur Zukunft der Mobilität. Im April 2018 präsentierten die Tageszeitung Tagesspiegel, die Berliner Landesagentur für Elektromobilität eMO und das Forschungscampus Mobility2Grid den 1200 Teilnehmern auf dem EUREFCampus in Berlin-Schöneberg 75 Sprecher und Technologien zum Anfassen. Der nächste Future Mobility Summit findet vom 8. bis 9. April 2019 auf dem EUREF-Campus statt. Weitere Infos unter www.futuremobilitysummit.de

Mobilität weiter gedacht

Auf dem MQ! Innovation Summit versammelt Audi zahlreiche Sprecher und Keynote Speaker, die sich zum Thema Mobilität der Zukunft äußern. MQ steht für The Mobility Quotient. Die Mobilität auf den Straßen ist dabei nur ein Thema, das die Veranstaltung beleuchten will. Weitere sind die räumliche Mobilität, die soziale Mobilität, die zeitliche Mobilität und die nachhaltige Mobilität. Der nächste Summit findet am 8. und 9. November 2018 in Ingolstadt statt. Für Tickets kann man sich bewerben unter www.the-mobility-quotient.com

Sommerakademie Elektromobilität

Die Sommerakademie DRIVE-E vermittelt Studierenden seit 2010 mit Vorträgen und Exkursionen Einblicke in die Vielfalt der Elektromobilität. 5 der 50 Teilnehmer wurden im September mit dem DRIVE-E-Studienpreis 2018 ausgezeichnet. Der erste Platz in der Kategorie Masterarbeiten ging an Julian Hölzen von der Leibniz Universität Hannover, der sich mit der technologischen Modellierung und wirtschaftlichen Analyse von hybrid-elektrischen Antriebssystemen beschäftigte. Den ersten Platz bei den Projekt- beziehungsweise Bachelorarbeiten sicherte sich Adrian Candussio von der Technischen Universität München: In seiner Arbeit zum Thema Energiespeicher analysierte er die Alterung von Lithium-Ionen-Zellen. Bewerbung zum nächsten DRIVE-E unter: www.drive-e.org

Lufttaxi für die Olympischen Spiele

Der kleine Flughafen Merzbrück bei Aachen soll zu einem Forschungsflughafen umgebaut werden. Dort will die RWTH Aachen ein Lufttaxi entwickeln, das besonders leise unterwegs ist. Es soll 100 Kilometer weit fliegen können und von zwei Elektromotoren und zwei kleinen Verbrennungsmotoren angetrieben werden. Geschäftsführer der RWTH Campus Aachen GmbH ist Prof. Günther Schuh, Inhaber des Lehrstuhls für Produktionssystematik. Er kennt sich aus mit der Mobilität der Zukunft: Er hat bereits den elektrischen Kleinwagen e.Go sowie den elektrischen Transporter Streetscooter entwickelt, mit dem die Post ihre Pakete ausliefert. Das neue Lufttaxi könnte bei den Olympischen Spiele 2032 als Zubringer für die Sportstätten zum Einsatz kommen, falls die Rhein-Ruhr City GmbH bei ihrer Bewerbung für die Austragung der Olympischen Spiele zum Zuge kommt.

Von der Work-Life-Balance zur Full-Life-Dynamik

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Work-Life-Balance, das große Zauberwort der modernen Unternehmenskultur, ist fast immer ein Frust. Das liegt nicht am Angebot der Unternehmen, sondern am Prinzip. Matthias Horx, Gründer des Zukunftsinstituts, plädiert stattdessen für Full-Life-Dynamik.

Was haben wir an die Work-Life-Balance geglaubt: privat, politisch, in den Organisationen, in denen man schon vor 20 Jahren erkannte, dass der Rollenwechsel zwischen Mann und Frau einen neuen Umgang mit Zeit- und Genderthemen nötig machte. Wenn Männer UND Frauen berufstätig sind, müssen Arbeitszeiten flexibler werden.

Viele Firmen schufen eine ganze Palette von Ausgleichsformen: Elternzeiten, Betriebskindergärten, Notbetreuung für den Krankheitsfall. Um ihre High Performer zu halten, waren den Unternehmen Investitionen in die Flexibilität von Arbeit und Leben – in Arbeitszeit und Familienzeit – recht und teuer. Die Ergebnisse von 20 Jahren Work-Life- Balance sind jedoch bescheiden.

Nach wie vor dringen wenige Frauen in den Führungsbereich vor, obwohl sich die Bedingungen verändert haben. Teilzeit und Familie sind inzwischen auch für Männer Fallen. Noch immer regieren die heroischen 14-Stunden-am-Tag-Männer die Führungsetagen. Woran liegt das?

Die Idee der Work-Life-Balance geht von der naiven Vorstellung aus, dass zwei deutlich voneinander geschiedene, aber aneinander gekoppelte Sphären harmonisiert werden können: Familie hier, Beruf da. In den letzten zwanzig Jahren ist aber die Anzahl der „ungewöhnlichen Familien“ – Patchwork, Single, Alleinerziehende – ebenso gestiegen wie die „Flüssigkeit“ der Arbeitszeiten selbst. Komplexitätsfaktoren haben sich in das Balance-Spiel geschlichen, etwa die ständige Erreichbarkeit durch das Handy, das es gar nicht mehr möglich macht, Beruf und Privat zu trennen.

Es muss keine Restauration der alten Rollen geben.

Zudem ist der Identifikationsfaktor der Arbeit generell gestiegen. Viele Menschen erleben ihre Arbeit nicht mehr als „Lohnarbeit“, und damit als Zeitkontingent, das man dem Unternehmen zur Verfügung stellt, sondern als Selbstverwirklichung. Arbeit ist heute (oft) der Ort, an dem wir soziale Fülle und Wirksamkeit erleben, während die Familie einen Kontrollverlust bedeutet. Die Folge ist, dass Menschen, die eine Balance versuchen, sich in beiden Sphären frustriert und gestresst fühlen. Was also tun?

Die Arbeits-Lebens-Balance-Modelle müssen in Phasen-Modelle verwandelt werden. Alles hat seine Zeit, seine Phase, sein eigenes Gesetz. Eine echte Führungsposition erfordert nun einmal das ganze Leben – aber das heißt nicht, dass man lebenslang darin bleiben muss. Familie macht eine späte Karriere nicht unmöglich. Es wird in Zukunft mehr Familien geben, in denen sich der Mann oder die Frau für eine volle Berufskarriere entscheiden wird – vielleicht, um danach konsequent die Rollen zu tauschen. Es muss also keine Restauration der alten Rollen geben. Familien fordern den vollen Einsatz. Die Arbeit aber auch, wenn sie erfüllend ist.

Ich nenne diese Entwicklung Full-Life- Dynamik: das Eingeständnis, dass sich das Leben nicht immer regeln und kontrollieren lässt. Durchwursteln und Chaos-Organisation gehören dazu. Wenn wir es richtig machen, könnte aus dieser Erkenntnis Befreiung entstehen. Befreiung vom Stress des ewigen Sowohl-als-auch und vom Terror des doppelten schlechten Gewissens. Stürzen wir uns hinein in die Herausforderungen, die das Leben uns anbietet. Und finden wir eine neue Sprache, eine neue Balance, in der sich mehr und mehr die Bedingungen dem Leben anpassen, und nicht umgekehrt.