M&A-Experte Julian Riedlbauer im Interview

Julian Riedlbauer, Foto: Annette Koroll
Julian Riedlbauer, Foto: Annette Koroll

Als Partner des weltweit aktiven Tech-Investmentunternehmens GP Bullhound ist Julian Riedlbauer ein herausragender Experte des IT-Markts. Wie kaum ein anderer kann der M&A-Experte einschätzen, wie sich innovative Start-ups und Konzerne verhalten, wonach sie suchen, was sie verlangen. Im Interview beschreibt Riedlbauer den Siegeszug der „Unicorns“ – also von Start-up-Unternehmen, die mittlerweile die Grenze eines Firmenwerts von einer Milliarde Dollar übersprungen haben. Für IT-Experten bieten diese Firmen ganz besondere Chancen. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Julian Riedlbauer ist seit August 2012 Partner von GP Bullhound, nachdem seine M&A-Beratungsgesellschaft Pure Equity Advisors in die britische Technologie-Investmentbank integriert wurde. Vor seiner Gründung von Pure Equity Advisors war Julian Riedlbauer dreieinhalb Jahre lang als Geschäftsführer bei Corporate Finance Partners tätig. Insgesamt war er an mehr als 50 M&A-Prozessen von Technologie-Unternehmen beteiligt, sowohl auf der Käufer- als auch auf der Verkäuferseite. Schon als Schüler sammelte er erste Erfahrungen mit eigenen IT- und Network- Unternehmen.

Herr Riedlbauer, können Sie kurz erläutern, was Unicorn-Unternehmen auszeichnet?
Unicorns sind Unternehmen mit einer Bewertung von mindestens einer Milliarde US-Dollar. In unserem zuletzt veröffentlichten Tech-Titans-Report haben wir Unicorn-Unternehmen untersucht, die im Jahr 2000 oder später gegründet wurden und die ab 2014 Wachstumskapital in Höhe von 20 Millionen US-Dollar oder mehr eingesammelt haben. Insbesondere die Kapitalbeschaffung, aber auch der schnelle Umsatz- und Personalzuwachs sind Merkmale, die Unicorns auszeichnen und von anderen Unternehmen unterscheiden.

Wie schneidet Europa bei den Unicorn-Unternehmen ab?
Die Entwicklung der Unicorns abseits der Vorreiter China und den USA ist spannend, denn zuletzt hat auch Europa einige prominente Milliarden- Unternehmen hervorgebracht. Dazu zählen unter anderem Spotify, Zalando oder auch der niederländische Zahlungsdienstleister Adyen. In Europa beheimatet Großbritannien mit 25 Unternehmen die meisten dieser Unternehmen. Schweden ist mit sieben Vertretern und einer Gesamtbewertung von 54 Milliarden US-Dollar auf Platz zwei und Deutschland folgt auf Platz drei – mit acht Unicorns, die insgesamt aber nur auf eine Bewertung von 36 Milliarden US-Dollar kommen.

Sind diese Unicorns noch Start-ups oder schon Konzerne?
So pauschal lässt sich das nicht sagen. Nur weil die Unternehmensbewertung über einer Milliarde US-Dollar liegt, kann es sich von der Dynamik und Führung her trotzdem noch um ein Startup handeln. Da spielen andere Faktoren eine Rolle, zum Beispiel das Gründungsjahr, der Innovationsgrad, die Mitarbeiteranzahl, Organisationsstruktur oder ihr Skalierungspotenzial – eine Rolle, die ausschlaggebend für die Kategorisierung Start-up oder bereits Konzern sind. Neben harten Fakten wie Umsatz und Personalwachstum sind auch die kulturellen Aspekte wichtig in der Differenzierung zu Konzernen. Ein gutes Beispiel hierfür ist Celonis, ein Spezialist für Big Data-Technologien. Das Start-up ist erst im Juni in die Riege der Einhörner aufgestiegen, beschäftigt inzwischen insgesamt 400 Mitarbeiter. Dieses Software-Unternehmen ist bereits ein Unicorn, aber mit dieser vergleichsweise kleinen Zahl an Mitarbeitern ganz klar ein Start-up und noch kein Konzern.

Welche Arbeits- und Führungskultur finden Einsteiger bei diesen Unicorns vor und wer oder was prägt die jeweilige Unternehmenskultur?
Das ist natürlich sehr individuell und von Unternehmen zu Unternehmen verschieden. Aber gerade in vielen Start-ups und auch größeren Digitalunternehmen gibt es flache Hierarchien, agile Teams, neue Managementund Arbeitsansätze – Stichwort: „New Work” – und dadurch dementsprechend schnellere Entscheidungswege und eine hohe Dynamik. Flexible Arbeitszeiten, inklusive Home-Office- Regelungen oder Remote Work sowie die Arbeit aus Coworking-Spaces gehören zum Alltag.

Welcher Gründer träumt nicht davon, dass sein Unternehmen irgendwann einmal eine Milliarde wert ist?

Mit Blick auf noch junge Start-ups, die noch keine Unicorns sind: Ist der Weg in diese Klasse heute für viele Startups das große Ziel?
Das große Ziel ist es für sehr viele Start-ups auf jeden Fall. Welcher Gründer träumt nicht davon, dass sein Unternehmen irgendwann einmal eine Milliarde wert ist? Inwiefern das in vielen Fällen tatsächlich realistisch ist, steht wiederum auf einem anderen Blatt. Hier können sich viele deutsche und europäische Unternehmen doch noch eine gehörige Scheibe von den großen Tech-Giganten aus dem Silicon Valley abschneiden, die von Anfang an mit Pioniergeist, großen Finanzierungsrunden und Innovationskraft überzeugt haben. Gleichzeitig gilt aber auch: Die Politik muss mehr tun, um bürokratische Hürden abzubauen und das Gründen und die Finanzierung von Unternehmen leichter zu machen.

Auf der anderen Seite, wie beurteilen Sie aktuell die Kooperation von Konzernen, die auf das Know-how und die Innovationskraft von Start-ups zurückgreifen wollen?
Solche Kooperationen sind wichtig und richtig. Ich bin froh, dass viele Konzerne mittlerweile dazu übergegangen sind, auch den eigenen Mehrwert zu erkennen. Früher sprach man dann doch zu allererst vor allem davon, welche Vorteile die Start-ups hätten, wenn sie sich mit den großen Marktplayern zusammentun. Dabei sind die Formen dieser Zusammenarbeit extrem vielfältig. Es gibt diverse Inkubatoren, über die Unternehmen wie Metro, Deutsche Bahn, Microsoft oder Lufthansa einerseits Start-ups fördern, andererseits aber auch auf den Austausch von Know-how setzen. Gleichzeitig haben sich neue und tiefergehende Formen der Kooperation entwickelt: So setzt die BMW Startup Garage zum Beispiel auf das sogenannte Venture-Client- Modell: Start-ups, die für BMW spannend sind, werden mit Geld gefördert und im besten Falle irgendwann zu wirklichen Zulieferern des Münchener Autobauers. Eine Win-win-Situation für beide Seiten.

Beobachten Sie weiterhin den Trend, dass Konzerne selbst digitale Start-ups ausgründen, um dann – gerne in Tech- Hubs wie zum Beispiel Berlin – innovative Labore zu errichten?
Auf jeden Fall, wir beobachten diesen Trend in vielen klassischen Branchen. Konzerne wie VW oder auch Daimler haben Start-ups aus dem Unternehmen heraus gegründet: Heycar und MOIA bei VW, Turo bei Daimler. VW betreibt zusätzlich auch ein Digital Lab in Berlin. Hier steht besonders die Umsetzung agiler Arbeitsmethoden und Pair Programming im Vordergrund.

Das heißt, es sitzen zwei Entwickler an einem Rechner: Einer schreibt den Code, der andere kontrolliert und spricht direkt kritische Punkt an?
Genau. Es gibt aber auch externe Dienstleister wie den US-Konzern Pivotal, die VW zum Beispiel bei der Software-Entwicklung unterstützen. Weitere Beispiele sind die Digitalisierungseinheit des Lufthansa-Konzerns – der Lufthansa Innovation Hub – sowie der Bosch IoT-Campus in Berlin, der Unternehmen bei der Entwicklung und Umsetzung von Projekten für vernetzte Lösungen unterstützt.

Sehr gut qualifizierte Kandidaten können sich den Arbeitgeber aussuchen. Für diese geht es vielmehr darum, welcher Arbeitgeber das beste Angebot macht.

Es scheint, als dürften sich IT-Einsteiger auf eine sehr bunte und dynamische Arbeitswelt freuen.
Ja. Und die Angebote für Arbeitskräfte mit Fokus auf Software-Entwicklung und Digitalthemen werden weiter massiv zunehmen – der Bedarf an solchen Experten ist enorm: Digitalisierung ist die Top-Priorität sowohl bei Beratungsunternehmen, dem klassischen Mittelstand als auch bei Großkonzernen. Zusätzlich suchen auch Start-ups, große Digitalunternehmen wie Zalando oder Delivery Hero, aber auch internationale Start-ups, die ihre Büros in Deutschland öffnen, nach Fachkräften.

Die Nachfrage ist groß, aber welche Herausforderungen werden an Einsteiger gestellt?
Ich bin mir sicher: Es bleiben auch weiterhin Kompetenzen wie Teamfähigkeit und Belastbarkeit gefragt. Sehr gut qualifizierte Kandidaten können sich den Arbeitgeber aussuchen. Für diese geht es vielmehr darum, welcher Arbeitgeber das beste Angebot macht: Wie sieht es mit flexiblen Arbeitszeiten oder der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus? Gleichzeitig müssen Unternehmen darauf achten, ihre Recruitment-Prozesse zu verbessern und auch mal neue, innovative Wege zu beschreiten. Darüber hinaus ist für sehr gute Software-Entwickler und Digitalexperten eine rein projektbezogene Arbeit als Freelancer zu einer echten Alternative geworden.

Zum Unternehmen

Das weltweit agierende M&A-Beratungs- und Tech- Investitionsunternehmen GP Bullhound mit Stammsitz in London berät sowohl Unternehmen als auch Gründer und Investoren in den Bereichen Mergers & Acquisitions (M&A) und Wachstumsfinanzierungen. Seit seiner Gründung 1999 hat GP Bullhound mehr als 240 erfolgreiche M&A- und Privat-Placement-Transaktionen mit führenden Industrieunternehmen abgeschlossen und hat mittlerweile neben Standorten wie San Francisco, Hongkong und New York auch einen Sitz in Berlin.

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