Der Bau spricht alle an

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Auch wenn die Absolventenzahlen im Studienfach Bauingenieurwesen bei weitem noch nicht den Bedarf decken, erfreut sich das Bauwesen an den aktuellen Zahlen: Gegenüber dem Tiefpunkt im Jahr 2008 hat sich ihre Zahl inzwischen mehr als verdoppelt. Doch die Statistik enthält auch einen Wermutstropfen. Von Christoph Berger

Der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbandes der Deutschen Bauindustrie, Dieter Babiel, zeigte sich Anfang September 2020 erfreut, als er die aktuellen Absolventenzahlen des Statistischen Bundesamtes zum Fach Bauingenieurwesen präsentierte: „Wir freuen uns, dass in diesem Jahr 10.550 Bauingenieure zusätzlich dem Bauarbeitsmarkt zur Verfügung stehen können. Das sind 5.870 mehr als zum Tiefpunkt 2008.“ Dies sei angesichts der nach wie vor hohen Zahl an offenen Stellen, sowohl bei Bauunternehmen als auch in den öffentlichen Verwaltungen, eine sehr gute Entwicklung. Die Anzahl der Absolventen, das Lehramt ist hierbei ausgenommen, sei 2019 gegenüber dem Vorjahr um 0,6 Prozent auf 10.546 gestiegen, das hohe Niveau hätte also gehalten werden können. „Die Hälfte der Absolventen hat allerdings einen Bachelorabschluss, von denen einige noch einen Master anstreben. Somit stehen nicht alle unmittelbar dem Arbeitsmarkt zur Verfügung.“

Der Anstieg der Absolventenzahlen sei vor allem auf die Zunahme der Frauen in dem Fach zurückzuführen. Babiel sagte: „2008 war nur jeder fünfte Absolvent eine Frau, mittlerweile ist es fast jeder Dritte. Damit ist die Bauwirtschaft für Frauen deutlich attraktiver als zum Beispiel der Maschinenbau mit einem Anteil von lediglich 20 Prozent.“ Die Zunahme allgemein wie auch die bei den Frauen ist auf verschiedene Gründe zurückzuführen. Zum einen hat die Baubranche in den letzten Jahren besonders stark für ihr Fach geworben, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken. Ein weiterer Grund dürfte in der Tatsache begründet sein, dass es sich beim Bau um eine Boombranche handelt, deren Peak bei all den gesellschaftlich zu bewältigen Aufgaben – sei es der Wohnungs- oder der Infrastrukturbau – noch längst nicht erreicht ist. Digitale Technologien führen darüber hinaus zu neuen Prozessen in den Bauunternehmen, die neue Jobs entstehen ließen, die ein flexibleres Arbeiten, eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf und auch nicht mehr zwingend für alle Beteiligten die Anwesenheit an Baustellen voraussetzen. Und last, but not least können Bauingenieure auch auf höhere Gehälter setzen. So führte die gute Baukonjunktur in den letzten Jahren zu steigenden Verdiensten im Hoch- und Tiefbau.

„Einziger Wermutstropfen ist die Entwicklung der Anfängerzahlen“, führte Babiel weiter aus. Diese seien mit knapp 10.830 zwar nach wie vor auf einem vergleichsweise hohen Niveau, in den vergangenen sechs Jahren aber leicht rückläufig. Somit könne die positive Entwicklung bei den Absolventen auch bald vorbei sein. Eine Tendenz, die er gerne stoppen möchte: „Wir können nur jedem Abiturienten empfehlen, der sich für ein Ingenieurstudium interessiert, den Studiengang Bauingenieurwesen zu wählen. Einen abwechslungsreicheren Beruf kann man sich kaum vorstellen, allein schon, wenn man sich die Herausforderungen der Digitalisierung am Bau vorstellt.“

Das letzte Wort hat: Florian Martens, Schauspieler

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Wenn Florian Martens die Wahl zwischen einer Rolle als Bösewicht und der des Guten hat, würde er sich für Erstere entscheiden – das sind die spannenderen Rollen. Doch seine endgültige Bekanntheit erlangte er in der Rolle des Hauptkommissars Otto Garber in der ZDFReihe „Ein starkes Team“, für die er 2010 mit dem Bayerischen Fernsehpreis in der Kategorie „Bester Schauspieler in Serien und Reihen“ ausgezeichnet wurde. Und was nach einer bald 35-jährigen Bühnen- und Filmkarriere vielleicht ein wenig in Vergessenheit geraten ist: Seinen beruflichen Werdegang begann Florian Martens auf dem Bau. Die Fragen stellte Christoph Berger.

Florian Martens, Foto: Privat
Florian Martens, Foto: Privat

Florian Martens wurde 1958 in Berlin geboren. Er ist der Sohn der Schauspielerin Ingrid Rentsch und des Schauspielers Wolfgang Kieling. Von 1982 bis 1986 absolvierte er, ohne Abitur, ein Studium an der Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“. Es folgten Engagements an der Volksbühne Berlin und Gastauftritte an mehreren anderen Bühnen. 1986 gab er außerdem sein Filmdebüt. Seitdem wirkte er in an die 150 Produktionen mit.

Herr Martens, Sie kommen aus einer Schauspielerfamilie, wählten selbst den Weg in die Schauspiel- und Filmbranche und sind heute bekannt und erfolgreich. Vor dieser Karriere absolvierten Sie eine Lehre zum Baumaschinisten und arbeiteten fünf Jahre als Bagger- und Planierraupenfahrer auf Montage. Was reizte Sie an dem Beruf?
Relativ wenig. Eigentlich hätte ich gerne etwas mit Rennpferden gemacht, Berufsreiter war mein Traumberuf. Doch dazu fehlten mir die körperlichen Voraussetzungen, ich war zu groß und zu schwer. Dann habe ich mich bei allen Gestüten in der DDR beworben, bekam aber wegen meiner schlechten Zeugnisse von überall Absagen. Die Zeugnisse waren tatsächlich miserabel, ich war nicht gerade ein pflegeleichter Jugendlicher. Ich hatte die Schnauze voll und wollte überhaupt nichts mehr machen. Da bekam meine Mutter Panik. Und überhaupt ging es nicht, dass man in der DDR keinen Beruf ausübte. Sie besorgte mir dann die Stelle. Das war Zufall. Ich hätte auch Maurer oder irgendeinen anderen Beruf lernen können.

Was gab nach dieser Zeit den Ausschlag, doch in die Familienfußstapfen zu treten? Na ja, ich war vor allem auf Montage, arbeitete im Oderbruch und der Job hat mir leidlich Spaß gemacht. Auch die Typen waren okay. Hätte ich dort allerdings weitergearbeitet, wäre ich versackt. Ich bin dann noch eine Zeit lang in Berlin Beton gefahren, später einen Kras- Kipper bei Tiefbau und wusste, dass ich dies nicht mein ganzes Leben machen will. Damals ging ich auch schon immer ins Arbeitertheater und führte dort Sketche auf. Bei mir haben die Leute am meisten gelacht, und nach mir wollte keiner mehr auftreten. Der Theaterleiter sagte dann eines Tages, dass ich mich doch mal an der Schauspielschule bewerben soll. Da ich wegen meines Vaters, der damals einer der besten und renommiertesten Schauspieler war, wusste, dass man mit dem Beruf etwas erreichen kann, habe ich mich einfach beworben. Allerdings war der Termin für die Aufnahmeprüfung unter der Woche. Da mein Brigadier mir nicht glaubte, dass man Schauspiel studieren kann, gab er mir für die Prüfung nicht frei. Also bin ich während der Arbeitszeit in Arbeitsklamotten mit einem 24-Tonner auf den Hof der Hochschule gefahren und habe Romeo vorgespielt. Die lagen flach vor Lachen. Ich habe trotzdem bestanden. So habe ich angefangen zu studieren.

War das eine schwierige Entscheidung, Sie waren 24 Jahre alt, als Sie zur Schauspielerei wechselten?
Nein, überhaupt nicht. Ich dachte, wenn etwas von den Genen meiner Eltern in mir hängengeblieben ist, dann könnte das was werden.

Was raten Sie jungen Menschen, die heute vor ähnlichen Entscheidungen stehen?
Man sollte auf jeden Fall Lust auf das haben, was man macht und eine realistische Aussicht auf Eignung mitbringen. Meiner Tochter, die auch Schauspielerin ist, habe ich gesagt: Wenn Du den Beruf kannst und viel Glück hast, dann kann es Dein Traumberuf sein. Ansonsten wird es hart. Ich selbst hatte mir damals geschworen: Wenn ich nur unteres Mittelmaß bin, gehe ich zurück auf den Bau.

Von welchen auf dem Bau gemachten Erfahrungen können Sie heute noch zehren?
Von wenigen. Dass ich eine Planierraupe fahren kann, bringt mir heute nichts mehr. Genauso wenig die Führerscheine für schwere Fahrzeuge. Obwohl, einmal musste ich für eine internationale Produktion einen 40-Tonner steuern. Das war aber 30 Jahre nach meiner Arbeit auf dem Bau. Und das Fahrzeug hätte auch meine Oma fahren können: Man musste da nur noch auf einen Knopf zum Starten drücken und alles andere lief mehr oder weniger automatisch. Wenn ich auf etwas zurückgreifen konnte, dann war es auf die Sprache der Leute auf dem Bau. Außerdem denke ich, dass es mir gutgetan hat, Erfahrungen aus dem Leben gesammelt zu haben.

Stehen heute noch Bauwerke, an denen Sie mitgearbeitet haben?
Ich war einer von vielen Arbeitern beim Bau der Siedlungen Marzahn und Hellersdorf in Berlin. Und ich habe am Palasthotel in Berlin-Mitte Ende der 70er-Jahre mitgearbeitet. Das war damals ein Prestigeobjekt. Als das dann 2001 abgerissen wurde und ich die Abrissarbeiten auch gesehen habe, ich lebte zu der Zeit in den Hackeschen Höfen, war das ein sehr merkwürdiges Gefühl – das Gebäude wurde nur abgerissen, weil es dem Investor nicht gefiel. 22 Jahre sind doch kein Alter für ein Gebäude.

Wenn Sie noch einmal für einen Tag zurück in den alten Beruf gehen könnten: An welchem bekannten Bauwerk würden Sie gerne mitarbeiten?
Ich würde heute nicht mehr auf den Bau zurückkehren. Zum einen haben sich ja bestimmt die Anforderungen alle geändert, zum anderen war ich vor allem für Bodenarbeiten zuständig.

Praktische Erfahrung sammeln im Master-Programm

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Attraktive Studienangebote der renommierten Technischen Universität München können jetzt auch in Heilbronn wahrgenommen werden. Auf dem hochmodernen Bildungscampus der Dieter Schwarz Stiftung trifft Exzellenzforschung und -lehre auf die spannenden, unternehmerischen Herausforderungen in einer der innovativsten Regionen Deutschlands.

Die Technische Universität München (TUM) ist mit rund 600 Professorinnen und Professoren, 43.000 Studierenden sowie 10.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern eine der forschungsstärksten Technischen Universitäten Europas.

Lösungen für die Herausforderungen von morgen

Seit dem Wintersemester 2018/2019 ist die Technische Universität München mit ihrer wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät, der TUM School of Management, am Bildungscampus Heilbronn präsent. Angeboten werden Lehrveranstaltungen mit den Schwerpunkten Management des digitalen Wandels, Familienunternehmen sowie Computer Science. Forschung und Lehre verbinden Wirtschafts- und Ingenieurswissenschaften. So entstehen moderne Forschungsfelder, etwa mit Bezug zu Digitaler Transformation und Plattformökonomie, die in den innovativen Unternehmen der Region Heilbronn-Franken, aber auch weltweit, Verwendung finden. „Wir legen Wert auf unternehmerische Fähigkeiten, indem wir unsere Studierenden zu verantwortungsbewussten Führungskräften ausbilden. Sie sollen nicht nur das Gelernte in der Praxis umsetzen, sondern im Beruf die richtigen Fragen stellen, um lösungsorientiert arbeiten zu können“, so Prof. Dr. Helmut Krcmar, Beauftragter des Präsidenten für den Campus Heilbronn der TUM School of Management.

TUM Studierende am Tisch, Foto: TUMDie Studierenden in Heilbronn haben die Wahl zwischen drei verschiedenen Studiengängen. Einer davon ist der Master in Management & Innovation. Junge Berufstätige mit Hochschulabschluss und erster Berufserfahrung können sich mit diesem Masterstudiengang für attraktive Karrieren in technologieorientierten Unternehmen qualifizieren.

Der Studiengang beinhaltet immer eine Praxisphase in einem Unternehmen, in der die Studierenden das erlernte Wissen in die Praxis umsetzen und in einigen Fällen vielleicht sogar schon lösungsorientierte Veränderungen im Partnerunternehmen bewirken können. Nützliche Fähigkeiten wie analytisches Denken, Schnittstellenverständnis, Kommunikationsfähigkeit und Durchsetzungsvermögen sowie vertiefte Kenntnisse betrieblicher Funktionen erwerben die Studierenden bei ihren Professoren am Campus der TUM Heilbronn.

Aufgrund des Coronavirus war die Anwendung des erworbenen akademischen Wissens auf reale betriebliche Problemstellungen in diesem Jahr eine besondere Herausforderung. Die Studierenden mussten sich in einem völlig abgelegenen Umfeld mit ihren Arbeitgebern, Kollegen, Verantwortlichkeiten, unternehmensinternen Strukturen, Maßnahmen und temporären Zielen vertraut machen.

Dennoch setzten verschiedene attraktive Unternehmen mit spannenden Aufgaben ihre Kooperationen mit der TUM School of Management fort, darunter IBM, die Voith-Gruppe und die Alfred Kärcher SE & Co.KG.

TUM School of Management

Rheinmetall AG

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Branche
Technologiekonzern

Produkte/Dienstleistungen
Die börsennotierte Rheinmetall AG mit Sitz in Düsseldorf steht als integrierter Technologiekonzern für ein ebenso substanzstarkes wie international erfolgreiches Unternehmen, das mit einem innovativen Produkt- und Leistungsspektrum auf unterschiedlichen Märkten aktiv ist. Rheinmetall ist ein führendes internationales Systemhaus der Verteidigungsindustrie und zugleich Treiber zukunftsweisender technologischer und industrieller Innovationen auf den zivilen Märkten. Die Ausrichtung auf Nachhaltigkeit ist integraler Bestandteil der Rheinmetall-Strategie. Bis 2035 will das Unternehmen CO2-Neutralität erreichen.

Mit seinen rund 42.000 Beschäftigten an 176 Standorten weltweit erzielte das Unternehmen, das seit März 2023 im DAX40 notiert ist, im Geschäftsjahr 2024 einen Umsatz von 9,8 Milliarden Euro. Rheinmetall ist für alle gleichermaßen ein ausgezeichneter Arbeitgeber. Einander zu fördern, zu fordern und zu unterstützen, gehört zu unserer Kultur.

Durch unsere Arbeit auf unterschiedlichen Feldern übernehmen wir bei Rheinmetall Verantwortung in einer sich dramatisch verändernden Welt. Mit unseren Technologien, unseren Produkten und Systemen schaffen wir die unverzichtbare Grundlage für Frieden, Freiheit und für nachhaltige Entwicklung: Sicherheit.

Anzahl der Standorte
Weltweit 174 Standorte

Jahresumsatz
9,8 Mrd. EUR

Anzahl der MitarbeiterInnen
Rund 42.000

Gesuchte Fachrichtungen
Innerhalb des Rheinmetall Konzerns können Sie den Grundstein für Ihre erfolgreiche Karriere legen und Themen gestalten, die Menschen bewegen: umweltschonende Mobilität und moderne Sicherheitstechnik.

Wir suchen u. a. Studierende, Absolventen, Young Professionals sowie erfahrene Spezialisten aus dem Bereich der Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften (z. B. Elektrotechnik, Fahrzeugtechnik, Gießtechnik, Konstruktion, Lasertechnik u.v.m.), IT (Softwareentwickler C++, Cybersecurity, Simulationssysteme) sowie Wirtschaftsingenieure mit Doppelfunktion.

Einsatzmöglichkeiten
Unter anderem Engineering, Forschung und Entwicklung, IT, Projektmanagement, Produktion, Vertrieb, Einkauf und Konstruktion

Einstiegsmöglichkeiten
Direkteinstieg, Praktika, Werkstudierendentätigkeit, Abschlussarbeiten, Traineeprogramm

Mögliche Einstiegstermine
Laufend

Angebote für Studierende
Praktika, Werkstudierendentätigkeit, Abschlussarbeiten

Weiterbildung und Zusatzleistungen
Rheinmetall bietet Ihnen vielfältige Möglichkeiten, sich persönlich und beruflich weiterzuentwickeln und die eigene Karriere gezielt voranzutreiben. Gemeinsam mit Ihrer Führungskraft und Kolleginnen und Kollegen der Personalentwicklung evaluieren wir Ihre Talente und Stärken und beschließen individuelle Weiterbildungsmaßnahmen. Unsere Konzepte, Trainings, Seminare, fachlichen Schulungen und Coachings unterstützen Sie dabei, Ihre Ziele zu erreichen.

Darüber hinaus erwarten Sie bei uns weitere Zusatzleistungen und Benefits.

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Ansprechpartner
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Anschrift
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karriereführer ärzte 2020.2021 – Zeit für den Techniksprung

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Cover karriereführer ärzte 2020-2021

Zeit für den Techniksprung

Lange Zeit blickten Patienten und die Ärzteschaft skeptisch auf die Möglichkeiten der Digitalisierung. Ist das sicher – und ist das gewünscht? COVID-19 ändert nun die Grundparameter. Ob im Kampf gegen die Pandemie oder im Umgang mit ihr: Digitale Methoden helfen der Medizin und den Menschen. Die junge Ärztegeneration nutzt diesen Rückenwind für Innovationen, Hilfsorganisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ engagieren sich für eine globale Technik- und Datengerechtigkeit.

Zeit für den Techniksprung

Lange Zeit blickten Patienten und die Ärzteschaft skeptisch auf die Möglichkeiten der Digitalisierung. Ist das sicher – und ist das gewünscht? COVID-19 ändert nun die Grundparameter. Ob im Kampf gegen die Pandemie oder im Umgang mit ihr: Digitale Methoden helfen der Medizin und den Menschen. Die junge Ärztegeneration nutzt diesen Rückenwind für Innovationen, Hilfsorganisationen wie „Ärzte ohne Grenzen“ engagieren sich für eine globale Technik- und Datengerechtigkeit. Von André Boße

Im Wortsinn bedeutet „Krise“ die Zuspitzung einer Situation, in der nun Entscheidungen gefordert sind. Der Mensch ist im Alltag bereits recht geübt darin, solche Entscheidungen zu treffen. Fußballclubs in der Krise werfen ihren Trainer raus, Parteien ihre Vorsitzende. Kriselnde Paare suchen nach professioneller Beratung, Patienten, die von einer Ärztin gesagt bekommen, sie bewegten sich viel zu wenig, ändern ihren Lebensstil. Die aktuelle Pandemie hat seit dem Frühjahr 2020 sämtliche Bereiche der Weltgesellschaft in den Krisenmodus versetzt: COVID-19 sorgt dafür, dass sich global Probleme und Herausforderungen zugespitzt haben. Mit der Folge, dass nun eben notwendige Entscheidungen anstehen. Dabei ist die Dichte dieser notwendigen Weichenstellungen im Gesundheitssystem besonders groß: Die Medizin stand schon in der allerersten Phase der Pandemie im Blickpunkt – und das wird so bleiben, auch dann noch, wenn SARS-CoV-2 eines Tages besiegt ist, sich aber neue Pandemien abzeichnen.

Gesundheit als Schutzschild für das System

Es ist daher anzunehmen, dass das Krisenjahr 2020 für das globale Gesundheitssystem einen dramatischen Wendepunkt darstellt: Es wandelt sich von einem System, in dem es verstärkt um Effizienz und Wertschöpfung ging, zu einem Sektor, der wie eine Art Schutzschild funktionieren soll, indem er mit seinen Strukturen, seiner Technik und seinem Know-how dafür Sorge trägt, dass Wirtschaft, Politik und Gesellschaft in den Normalmodus zurückgelangen – und diesen nicht mehr aufgeben müssen, weil eine Pandemie zu Lockdowns führt. Gesundheit, das zeigt sich im Pandemiejahr 2020, ist die Prämisse dafür, dass die anderen Systeme laufen. Insbesondere der Kapitalismus.

Ländlicher Raum: Digitalisierung stützt Versorgung

Ein willkommener Effekt der Digitalisierung in der Medizin ist, dass mit IT-Innovationen und neuen Techniken das Problem der Unterversorgung ländlicher Gebiete zumindest teilweise gelöst werden kann. So gibt es mittlerweile eine Vielzahl von Apps, mit denen Patienten ihre chronischen Krankheiten zu einem Teil selbst überwachen sowie die Daten ihrem Arzt zukommen lassen können, ohne in die Praxis zu müssen. Apps dieser Art gibt es für Asthma- oder Herzpatienten, besonders hilfreich sind sie auch im Falle einer Ansteckung mit SARS-CoV-2, da sie Daten erheben, wie sich die Infektion entwickelt und wann zum Beispiel bei der Sauerstoffsättigung des Blues kritischere Punkte erreicht werden.

In dieser Erkenntnis liegt der Grund für den Paradigmenwechsel: Man wird aufhören, weite Teile des Gesundheitssystems zu kapitalisieren, weil sich zeigt, dass dadurch in einem Notfall wie diese Pandemie ihn darstellt die Schlagkraft des Systems leidet. Daher geht es ab jetzt nicht mehr ausschließlich darum, das Gesundheitssystem nach Maßgaben der Effizienz und der Wertschöpfung zu betrachten. Entscheidend ist die Gewissheit, dass es funktioniert und dass es Stress aushält. Dass genügend Personal und Ressourcen zu Verfügung stehen. Und dass es auf dem neuesten technischen Stand arbeitet.

Damit dieser Anspruch erfüllt werden kann, bedarf es einiger Änderungen, wobei zwei Entwicklungen besonders signifikant sind. Zum einen benötigt das Gesundheitssystem die finanziellen Mittel: In Zukunft kann es sich die Politik kaum noch leisten, das Sparen zum obersten Gebot zu machen. Doch Geld alleine reicht nicht. Sinnvoll sind Investitionen dann, wenn sie mit einer guten Personalplanung sowie mit technischen Innovationen einhergehen. Wenn also diese Krise zu einer Entscheidung führt, dann zu der, die Digitalisierung im Gesundheitsbereich voranzutreiben endlich ihre Möglichkeiten umzusetzen.

COVID-19 sorgt für Digitalisierungsboost

Die Bertelsmann-Stiftung hat in der Zukunftsstudie „2035+: Leben, Arbeit, Bildung“ untersucht, welche zentralen Lebensbereiche in den kommenden Jahren besonders stark von der Künstlichen Intelligenz (KI), einer der Kerntechnologien der Digitalisierung, beeinflusst werden. Das Fazit der Befragung von Führungskräften aus den Bereichen Technik und Digitalisierung: „85 Prozent der befragten ExpertInnen gehen von einem zunehmenden Einsatz von KI-Technologie im Gesundheitssektor aus.“ Kein anderer Bereich kommt auf so hohe Werte, der Digitalisierunsboost wird in den Sektoren Healthcare und Lifescience als besonders stark eingeschätzt. Der Anteil derjenigen, die nicht an einen solchen Boost glauben, ist mit rund zwei Prozent äußerst gering.

Interessant ist, dass die Patienten diese Zustimmungswerte noch toppen, im Zuge der Pandemie scheint die Skepsis gegenüber digitalen Lösungen im Gesundheitssystem abgenommen zu haben. Nach einer Umfrage von Bitkom, dem Branchenverband der Digitalwirtschaft, sprechen sich 93 Prozent der Befragten für einen Ausbau der digitalen Gesundheitsversorgung aus. 62 Prozent sind der Meinung, dass die ärztliche Beratung per Chat weiter ausgebaut werden sollte, knapp 60 Prozent geben an, Video-Sprechstunden sollten standardmäßig verfügbar sein – und nicht nur in der Krisenzeit einer Pandemie. Gut jeder Zweite (53 Prozent) ist zudem der Ansicht, dass sich mithilfe digitaler Technologien der Kampf gegen solche Krisen erfolgreicher führen lasse. Dieser Boost sorge dafür, dass Digitalisierung der Medizin und des Gesundheitswesens mittlerweile in vollem Gange seien, sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. „Elektronische Patientenakte, E-Rezept und die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung sind schon bald für die Versicherten verfügbar. Zugleich bauen Ärzte telemedizinische Angebote wie Videosprechstunden aus, Start-ups entwickeln innovative Angebote, die die digitale Gesundheitsversorgung in Deutschland voranbringen. Diese Entwicklung wurde durch die Corona- Pandemie noch einmal beschleunigt und muss jetzt konsequent fortgesetzt werden“

Lange Liste digitaler Innovationen

Wie die Unterstützung digitaler Tools konkret aussehen kann, fasst der Verband Bitkom in der stetig wachsenden Liste „Digitale Lösungen in der Gesundheitsversorgung bei Covid- 19“ zusammen: Telemonitoring von Patienten, E-Learning- Methoden für medizinisches Personal, digitale Signaturen für E-Rezepte, Cyberschutz und Datensicherheit für Gesundheitseinrichtungen, Data-Mining-Methoden für gigantische Banken von Patientendaten, Tools, die in Notfallsituationen aus Hotelzimmern temporäre Krankenstationen machen, Schutzmasken und anderes Material aus dem 3D-Drucker, Wearables und Apps, die Symptome diagnostizieren oder Kontakte prüfen – die Vielfalt der Innovationen, die schon heute entwickelt, getestet oder sich bereits am Markt bewähren, ist groß. Nicht immer läuft alles reibungslos, wie auch die Corona-App zeigt. Aber die ersten Schritte sind gemacht, zumal die Bundesregierung mit ihren Richtlinien und der Gesetzgebung diesen Weg forciert.

Gerade Start-ups mit digitalen Innovationen hatten es im Gesundheits bereich hierzulande bisher nicht leicht. Sie sind wegen der strengen regulatorischen Rahmenbedingungen und datenschutzrechtlichen Bedenken oftmals vor hohe Hürden gestellt.

Interessant: Aktiv ist in diesem Bereich neben den großen IT-Konzernen auch eine Reihe von jungen Start-ups, die Know-how aus der Medizin mit IT-Wissen kombinieren. „Gerade Start-ups mit digitalen Innovationen hatten es im Gesundheitsbereich hierzulande bisher nicht leicht. Sie sind wegen der strengen regulatorischen Rahmenbedingungen und datenschutzrechtlichen Bedenken oftmals vor hohe Hürden gestellt“, sagt Michael Burkhart, Partner bei der Unternehmensberatung PwC und dort Leiter des Bereichs Gesundheitswirtschaft. Das habe durchaus eine gewisse Berechtigung: „Schließlich haben wir es im Gesundheitswesen mit hochsensiblen, persönlichen Daten zu tun. Doch während des Lockdowns mussten Ärzte und Patienten notgedrungen auf Video-Sprechstunden ausweichen und haben gelernt, solche Möglichkeiten zu nutzen und diese fest in den Arbeitsalltag zu integrieren. Ich gehe davon aus, dass sie das auch in Zukunft tun werden, wenn es zum Beispiel um die Versorgung im ländlichen Raum geht.“ Mit einem Healthcare-Barometer haben die Berater von PwC versucht, die Stimmung bei den Patienten gegenüber diesen digitalen Tools auszuloten, Burkharts Fazit: „Die Deutschen stehen den Neuerungen nicht euphorisch, aber überwiegend positiv gegenüber.“ Jedoch, relativiert Michael Burkhart, wurde dieses Stimmungsbild Ende 2019 eingeholt. „Ich könnte mir denken, dass die Offenheit gegenüber digitalen Angeboten nach den Erfahrungen der vergangenen Monate deutlich zugenommen hat.“

Globale Gerechtigkeit beim Zugang zur Technik

Was insbesondere der Ärzteschaft wichtig ist: Von den neuen Möglichkeiten des digitalisierten Gesundheitswesens soll nicht nur das deutsche Gesundheitssystem profitieren, auch auf globaler Ebene wollen Ärztinnen und Ärzte diese Tools im Sinne der Menschen nutzen. Wenn dem Virus Grenzen egal sind, dann soll das auch für medizinisches Know-how gelten. Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ hat sich Ende Mai an einem Aufruf beteiligt, um mit Blick auf die Bekämpfung der Pandemie weltweit für einen gerechten Zugang zu Medikamenten und Impfstoffen, aber eben auch zu Technologien zu sorgen. Der Aufruf fordert das Teilen von Wissen, geistigem Eigentum und Daten. „Es bedarf durchsetzbarer Maßnahmen und einer effektiven Umsetzung, um den Zugang für alle Menschen zu bestehenden und künftigen Technologien zur Bekämpfung von Covid-19 zu gewährleisten“, sagt Christos Christou, Internationaler Präsident der medizinischen Hilfsorganisation, die in mehr als 70 Ländern die Bekämpfung der Covid-19-Pandemie unterstützt. „Jetzt ist nicht die Zeit, um zuzulassen, dass Pharmakonzerne business as usual betreiben und kurzsichtiger Nationalismus von Regierungen einer globalen Zusammenarbeit bei der Entwicklung von medizinischen Instrumenten zur Bekämpfung dieser Pandemie im Wege stehen. Covid-19 ist so lange nicht vorbei, bis es für alle vorbei ist.“

Politische Schritte: „Digitale Gesundheit 2025“

Mit einer Reihe von politischen Impulsen und Gesetzesänderungen hat das Bundesgesundheitsministerium in den vergangenen Monaten die Weichen für eine fortschreitende Digitalisierung des Gesundheitswesens gestellt. So hat die Regierung die elektronische Patientenakte sowie elektronische Rezepte eingeführt, der Weg für Gesundheits-Apps ist geebnet, ein Forschungsdatenzentrum soll die Ergebnisse medizinischer Forschung besser bündeln. Seit 2019 gibt es zudem einen „Health Innovation Hub“, der als Thinktank die Medizin mit der Digitalszene verbindet, die Initiative „Zukunftsregion Digitale Gesundheit“ dient als Feld, in dem digitale Lösungen in der Praxis Anwendung finden, um so neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Herzspezialist Prof. Dr. Thomas Münzel im Interview

Weltweit steht COVID-19 im Fokus der Medizin. Das ist verständlich, jedoch gibt es globale Phänomene, die für weitaus mehr Krankheits- und Todesfälle verantwortlich sind – und das Jahr für Jahr. Der medizinische Forscher Prof. Dr. Thomas Münzel von der Uni Mainz schaut dabei besonders auf die Gefahren für das Herz-Kreislauf-System und widmet sich Risikofaktoren, die so allgegenwärtig sind, dass ihre negativen Wirkungen häufig verdrängt oder vernachlässigt werden. Zum Beispiel Feinstaub, der nach neuesten Daten auch ein wichtiger Co-Faktor in Bezug auf die COVID-Mortalität ist. Das Interview führte André Bosse.

Zur Person

Prof. Dr. Thomas Münzel ist Professor für Kardiologie und Direktor des Zentrums für Kardiologie I an der Johannes-Gutenberg- Universität Mainz. Vor seinem Studium absolvierte er eine komplette Ausbildung als Krankenpfleger. Nach seinem Medizinstudium an der Universität Freiburg war er dort ab 1985 erst als Stipendiat, dann als wissenschaftlicher Assistent tätig. Mitte der 1990er-Jahre absolvierte er ein Habilitandenstipendium in Atlanta, von 1995 bis 2004 war er Oberarzt am Uniklinikum Hamburg bei Professor Thomas Meinertz. 2004 erhielt er eine Professur für Innere Medizin an der Uni Mainz. Thomas Münzel ist Mitglied des Vorstands der Stiftung Mainzer Herz und Mitinitiator der Gutenberg- Herz-Studie sowie des Centrums für Thrombose und Hämostase. Zu seinen wissenschaftlichen Schwerpunkten gehört die Forschung in den Bereichen Lärm, Luftverschmutzung sowie ihre Auswirkungen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Herr Professor Münzel, Ihr Forschungskollege Jos Lelieveld spricht im Zuge Ihrer gemeinsamen Studie zu den Auswirkungen der Feinstaubbelastung von einer „Luftverschmutzungspandemie“. Warum erzeugt diese Pandemie nicht ansatzweise die Wahrnehmung wie das Corona-Virus?
Gute Frage. Wenn man die absoluten Exzess-Todesfälle betrachtet …

… also die mit Feinstaub assoziiert werden können …
… genau, dann sterben nach den Berechnungen von Jos Lelieveld und Richard Burnett pro Jahr weltweit knapp 9 Millionen Menschen an den Folgen von Feinstaub, wobei man davon ausgehen kann, dass rund 60 bis 70 Prozent dieser Todesfälle durch Feinstaub aufgrund von Herz-Kreislauf-Erkrankungen geschehen.

Das sind enorme Zahlen – und doch wird der Kampf gegen den Feinstaub nur sehr zögerlich geführt. Warum ist das so?
Das grundlegende Problem ist, dass auch viele Kardiologen die Dimensionen des Problems mit dem Feinstaub noch nicht erfasst haben. Wie gesagt, 9 Millionen Menschen sterben aufgrund von Feinstaub, an den Folgen des Rauchens versterben pro Jahr geschätzt 7,2 Millionen Menschen. Hier zeigt sich, warum die Kardiologischen Gesellschaften in Europa, das ist die ESC, und in den USA, also die AHA/ACC, den Feinstaub endlich als Herz-Kreislauf-Risikofaktor anerkennen müssen. Wobei es sich beim Feinstaub um einen Risikofaktor handelt, der weder durch Ärzte noch durch Patienten beeinflusst werden kann. Mit dem Rauchen kann ich aufhören, dem Feinstaub bin ich ausgesetzt. Eine Verbesserung kann nur die Politik in Gang setzen, indem sie Grenzwerte für Feinstaubkonzentrationen festlegt, die uns vor diesen gesundheitlichen Nebenwirkungen schützen.

Wie beurteilen Sie die aktuellen Grenzwerte?
Als viel zu hoch! In Europa liegen sie bei 25 Mikrogramm pro Kubikmeter. Im Vergleich dazu liegt er in den USA bei 12, in Australien bei 8 Mikrogramm pro Kubikmeter. Die WHO gibt einen Grenzwert von 10 Mikrogramm pro Kubikmeter vor, die Grenzwerte bei uns in Europa liegen also zweieinhalbmal so hoch. Das ist eigentlich ein Skandal! Nach Angaben der WHO leben 91 Prozent der Weltbevölkerung in einer Region, die über dem in meinen Augen passenden Grenzwert von 10 Mikrogramm pro Kubikmeter liegt. Würde man diesen Grenzwert weltweit implementieren, könnte man 50 Prozent der durch Feinstaub bedingten Todesfälle vermeiden.

Klar ist: Lärm macht krank – und muss wie der Feinstaub endlich als Herz-Kreislauf-Risikofaktor anerkannt werden.

Als Kardiologe warnen Sie vor negativen Einflüssen auf die Gesundheit von Menschen, Ihre Gegenspieler sind dabei häufig die Lobbyisten, sei es aus der Tabak- oder Autoindustrie. Welche Kompetenzen sind wichtig, um für diese Debatten gerüstet zu sein?
Was Sie beschreiben, ist tatsächlich ein extrem großes Problem. Wir verstehen uns daher als Forscher, die nicht nur feststellen, wie zum Beispiel Lärm unser Herz-Kreislauf-System schädigt, sondern als Forscher, die diese Botschaft auch nach außen tragen, um über die negativen Folgen von Lärm auf unser Herz-Kreislauf-System aufzuklären und damit eine Änderung zu bewirken. Denn klar ist: Lärm macht krank – und muss wie der Feinstaub endlich als Herz-Kreislauf-Risikofaktor anerkannt werden. Leider streifen die Leitlinien zur Prävention das Thema Lärm nur am Rande, es kommt in der Besprechung der wichtigen Risikofaktoren viel zu kurz. Das muss sich ändern, daran arbeiten wir – und dafür braucht man als Forscher einen langen Atem – und viele Daten.

Was sind Ihre Kernforderungen?
Experteninnen und Experten aus dem Bereich Luftverschmutzung müssen eingebunden werden, wenn es darum geht, die Leitlinien zur Prävention festzuschreiben. Nur so kann es gelingen, dass die richtigen Empfehlungen an die Kardiologen weitergegeben werden.

Viele der kardiologischen Krankheiten, mit denen Sie es zu tun haben, sind Krankheiten einer Wohlstandsgesellschaft.
Ja, und da stoßen wir gleich auf die klassischen Risikofaktoren: hohes Cholesterin, Bluthochdruck, Diabetes mellitus, Rauchen. Heute aber kommt hinzu, dass verstärkt neue Risikofaktoren für die Entwicklung einer koronaren Herzerkrankung erkennbar werden. Wobei diese Risikofaktoren meistens gekoppelt sind. Bleiben wir beim Feinstaub und Lärm: Dort, wo Sie Straßen- oder Fluglärm haben, leiden die Menschen auch an der Luftverschmutzung und Feinstaubbelastung. Wir müssen die Folgen dieser Lärmbelästigung unbedingt auch sozioökonomisch betrachten: Studien beziffern den Schaden auf bis zu 1 Billion Euro. Zum Vergleich: Die sozioökomischen Kosten beim Alkohol mit 50 bis 120 Milliarden Euro sowie beim Rauchen mit 544 Milliarden Euro sind deutlich geringer.

Ich sehe die Universitätsmedizin als eine zukunftsweisende Arbeitsstelle für Physician Scientists, die zum einen ihre klinischen Aufgaben erfüllen, zum anderen in der Lage sind, Herausragendes in der Forschung zu leisten.

Der Tabakkonsum ist weltweit rückläufig …
… hingegen geht man bei Lärm und Feinstaub heute davon aus, dass diese zwei Umwelt-Stressoren wachsen, sich zumindest additiv, vielleicht sogar exponentiell verstärken. Hinzu kommen weitere Risikofaktoren für unser Herz-Kreislauf-System: höhere Temperaturen insbesondere in den Städten, soziale Isolation, nach neuesten Erkenntnissen auch das Licht in der Nacht.

Wie nehmen Sie in diesem Zusammenhang jüngere Kolleginnen und Kollegen wahr, bringt die junge Generation den langen Atem mit, um zu forschen und gleichzeitig aufzuklären?
Schwierige Frage. Ich habe den Eindruck, dass bei den Mitarbeitern heute die wissenschaftliche Arbeit eine weniger wichtige Rolle spielt. Mehr und mehr an Bedeutung gewinnen Aspekte wie die Freizeitgestaltung und die Familie – wobei das ohne Frage Entwicklungen sind, die insgesamt als sehr positiv anzusehen sind.

Weil die Work-Life-Balance stimmt – was wiederum dazu führt, dass der Beruf weniger stressig wahrgenommen wird.
Genau. Kritisch betrachten muss man, dass in der Universitätsmedizin der wirtschaftliche Erfolg zunehmend an Bedeutung gewinnt. Das ist eine Entwicklung, die erfolgreiches, insbesondere wissenschaftliches Arbeiten nicht einfacher macht, weil dafür die notwendigen Strukturen fehlen, die infrastrukturellen wie auch die baulichen. Dennoch sehe ich die Universitätsmedizin als eine zukunftsweisende Arbeitsstelle für Physician Scientists, die zum einen ihre klinischen Aufgaben erfüllen, zum anderen in der Lage sind, Herausragendes in der Forschung zu leisten. Man muss Ihnen nur die Zeit dafür geben, so genannte Protected Time for Research. Man darf eben nicht verlangen, dass sie in ihrer Freizeit wissenschaftlich aktiv sind. Und in der Zeit, in der man für die Wissenschaft freigestellt wird, darf es keine Gehaltseinbußen geben. Wenn diese Voraussetzungen erfüllt sind, werden wir mit dem wissenschaftlichen Nachwuchs keine Sorgen haben.

Feinstaub und Letalität von COVID-19

Nach neuesten Daten ist Feinstaub ein wichtiger Co-Faktor in Bezug auf die COVID-Mortalität, je nach Ausprägung ist er mit bis zu 30 Prozent dafür mitverantwortlich, dass Menschen an einer Infektion mit COVID-19 versterben. „COVID-19-Viren gelangen über den ACE2-Rezeptor in die Endothelzelle, wobei neue Befunde darauf hinweisen, dass Feinstaub die Expression des ACE-2 Rezeptors erhöht – und damit die Aufnahme von Viren in die Zelle theoretisch gesteigert wird“, sagt Thomas Münzel Auch gebe es Vermutungen, dass der Feinstaub selbst als Vektor für den COVID-19-Virus fungieren kann. COVIDViren, die in die Endothelzelle aufgenommen werden, können eine sogenannte Endotheliitis verursachen, die jetzt erst kürzlich beschrieben wurde. „Das wiederum bedeutet, dass Herz-Kreislauf-Systeme, die schon vor der Infektion durch Feinstaub und andere Faktoren in Mitleidenschaft gezogen worden sind, durch das Virus zusätzlich belastet werden. So kann es zu Herzrhythmusstörungen, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und auch Schlaganfall kommen.“

Corona als Digitalisierungsbooster

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Dr. med. Dilan Sinem Sert hat nach ihrem Medizinstudium in der Gynäkologie im Ruhrgebiet gearbeitet. Heute betreibt sie erfolgreich ein E-Health-Start-up mit einem Marktplatz für ärztliche Tätigkeiten und einem Weiterbildungs- und Personaplanungstool. Das Interview führte Christiane Martin.

Frau Dr. Sert, was genau bieten Sie an und wie funktioniert der Service? SEDIDOC und SEDIWORK sind unsere zwei Produktlinien, mit denen wir die gesamten Personalprozesse im Klinikbetrieb organisieren und unterstützen. Dabei handelt es sich einerseits um die gesamte Weiterbildungsplanung und Rotationsplanung der Ärzte in Weiterbildung, also auch der Personaldispositionen für die kurz- und langfristigen Stellenbesetzungen. Kliniken können angeben, wann sie wen brauchen oder welche Slots sie frei haben und unsere Partner, die Weiterbildungsverbünde und auch externe Agenturen können diese Slots befüllen. Wir haben weitere Tools, die für alle Beteiligten individuelle Lösungen anbieten und dieses Angebot ausweiten.

Was hat Sie dazu bewogen, eine solche Plattform ins Leben zu rufen und was versprechen Sie sich davon? Ich habe in meiner ärztlichen Arbeit gemerkt, dass viele elementare Prozesse im Klinikbetrieb sehr manuell und papierlastig gesteuert werden. Wertvolle Personalressourcen, sei es in der Verwaltung oder in der Klinik, gehen dabei verloren. Der Patient steht nicht mehr im Mittelpunkt, sondern die administrativen Aufgaben. Hier wollte ich ansetzen.

Wer nutzt die Plattform mit welcher Motivation? Es gibt mehrere Zielgruppen. Kliniken und Praxen, die ihre freien Stellen einfach, transparent, übersichtlich besetzen und zudem ihre Fallzahl steigern wollen, durch weniger Verschwendung von Personalkapazitäten. Ärztinnen und Ärzte, die ihre Weiterbildung und Einsatzplanung effizient und übersichtlich gestalten wollen, damit mehr Zeit für ihre Berufung bleibt, die Patientenversorgung. So kann auch selbstbestimmtes Arbeiten gefördert werden, was bisher im Gesundheitswesen oft noch nicht möglich ist.

Digitalisierung im Gesundheitswesen wird oft kritisch betrachtet. Hat sich das mit „Corona“ etwas verändert? Und wenn ja, wie kann man das nutzen? Corona ist ein absoluter Digitalisierungsbooster, da in dieser außergewöhnlichen Situation schnelle und gute Lösungen gefunden werden mussten. Effizienz im Gesundheitswesen ist das Gebot der Stunde. Statt Risikodebatte werden jetzt gute Ideen einfach umgesetzt. Ich hoffe nur, wir nehmen die Chance auch langfristig an und fallen nicht bald wieder in alte Muster zurück. So können wir Sicherheit, hochwertige Patientenversorgung und gute Arbeitsbedingungen fördern.

Medizin, die schmeckt – Buch-, Link- und Veranstaltungstipps

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„Medizin ohne Ärzte“

cover Medizin ohne ÄrzteDer Frage, ob künstliche Medizin die menschliche Heilkunst ersetzen kann, geht Christian Maté in seinem neuen Buch nach. Er beleuchtet dabei große Themen: die Zukunft der Medizin, den Einsatz von Artificial Intelligence und Big Data in Diagnostik und Therapie. Was über Jahrhunderte als ärztliche Kunst bezeichnet wurde, können Maschinen zum Teil schon jetzt besser: Krankheiten diagnostizieren, individuelle Behandlungen auswählen oder operative Eingriffe durchführen. Sind Ärzte aus Fleisch und Blut schon bald überflüssig? Was hat der Patient der Zukunft zu erwarten? Christian Maté, selbst Mediziner, entwickelt spannende Thesen für die digitale Zukunft. Christian Maté: Medizin ohne Ärzte. Residenz Verlag 2020. ISBN 978-3-701-73502-0. 22 Euro

„Die Netzwerkbibel“

Kontakteknüpfen mittels Networking ist im Zuge der Digitalisierung einerseits einfacher, andererseits auch komplexer geworden: Es gibt ein Überangebot an digitalen Plattformen, immer mehr Events und immer mehr Entscheider und Multiplikatoren, die wichtig erscheinen. Gleichzeitig hat Networking an Bedeutung gewonnen: Ein tragfähiges Netzwerk und die richtigen Kontakte helfen, sich als Experte zu positionieren und beruflich erfolgreich zu sein – das gilt für Führungskräfte ebenso wie für Berufseinsteiger. Tijen Onaran zeigt, wie Networking heute wirklich funktioniert. In ihrem ersten Buch gibt die Autorin eigene Erfahrungen weiter, reflektiert ihre Erlebnisse, erzählt Anekdoten aus ihrer Zeit in der Politik und Wirtschaft und leitet daraus konkrete Handlungsempfehlungen ab. Tijen Onaran: Die Netzwerkbibel. Springer 2019. ISBN 978-3-658-23735-6. 19,99 Euro

Digitale Wisenschaftskommunikation

Die Wissenswerkstatt ist ein Blog zu Wissenschaft, Wissenschaftskommunikation und weiteren zeitgenössischen Sachverhalten mit Texten über Naturwissenschaften, Medizin, Soziologie, Philosophie und anderes.

„Ist das gesund oder kann das weg?“

cover Ist das gesund oder kann das wegDie erfahrene Apothekerin Christine Gitter nimmt die bunte Welt der Nahrungsergänzungsmittel unter die Lupe. Vitamine, Mineralstoffe, Spurenelemente, Superfood – die Hersteller versprechen mehr Gesundheit, Energie und Konzentration. Über Risiken und Nebenwirkungen wird gerne geschwiegen. Informativ und erfrischend unterhaltsam schafft Christine Gitter Abhilfe und beantwortet Fragen wie diese: Was genau bewirken Vitamine und Mineralstoffe im Körper? Sind die versprochenen Wirkungen eigentlich bewiesen? Und können wir getrost auf das eine oder andere Präparat verzichten? Christine Gitter: Ist das gesund oder kann das weg? Droemer HC 2020. 978-3-426-27808-6. 18 Euro

Podcast für Studium und Weiterbildung

In lockerer Folge interviewt in diesem Podcast Dr. Horst Gross, Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin, interessante Menschen und Experten zu Themen, die für Medizinstudierende und Ärzte relevant sind.

Studienbuch zur Ethik in der Medizin

Cover Ethik in der MedizinDas bewährte Grundlagenwerk für das Wahlpflichtfach „Ethik in der Medizin“ inzwischen in fünfter Auflage wurde gründlich überarbeitet und aktualisiert. Vollständig neu hinzugekommen sind die Kapitel „Ethik und Alter(n) in der Medizin“ sowie „Digitalisierung“. Ethik in der Medizin. 5. Aufl. Reclam 2020. ISBN 978-3-15-019337-2. 16,80 Euro

Bewerben mit der Micro-Learning-Methode

Cover Bewerbung to goDer Ratgeber „Bewerbung to go“ ist für alle, die keine Zeit haben, sich stundenlang mit einem Bewerbungsanschreiben zu beschäftigen, und die keine Lust haben, zu googeln, wie viele Leerzeilen zwischen Anschrift und Anrede stehen sollen. Denn für das perfekte Anschreiben reichen schon 15 Minuten, zeigt Sandra Gehde in ihrem neuen Buch. Sandra Gehde: Bewerbung to go. Entspannt und zeitgemäß zum neuen Job. Erfolgreich bewerben mit der Micro- Learning-Methode. metropolitan 2019. ISBN 978-3-96186-030-2. 14,95 Euro

Digitales Infomationsangebot zum Corona-Virus

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) beantwortet auf der Webseite infektionsschutz.de aktuell und fachlich gesichert Fragen zum Corona-Virus. Auf der Seite finden sich mehrsprachig wichtige Hygiene- und Verhaltensregeln und -empfehlungen zur Vorbeugung von Infektionen. Alle Infos sind tagesaktuell.

„Die beste Depression der Welt“

Cover Die beste Depression der WeltDer Roman „Die beste Depression der Welt“ bricht Tabus und handelt von einer Frau, die nach einem missglückten Suizidversuch mit ihrem Blog berühmt wird und nun einen Ratgeber zum Umgang mit Depressionen schreiben soll. Die Protagonistin Vera probiert alles aus, was gegen Depressionen helfen soll – und scheitert, scheitert, scheitert. Um sich wirklich besser zu fühlen, muss sie sich ihren eigenen Problemen stellen. Ein lehrreiches und gleichzeitig unterhaltsames Buch! Helene Bockhorst: Die beste Depression der Welt. Ullstein 2020. ISBN: 978-3-55020-076-2. 20 Euro

Kuratiert: Neuigkeiten aus der Gesundheitsbranche

Lebensretter werden Klimaretter

Unternehmen und Einrichtungen der gesamten Gesundheitsbranche können sich gemeinsam mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für den Klimaschutz engagieren: Mit dem seit 2017 vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit (BMU) geförderten Projekt „Klimaretter – Lebensretter“ der Stiftung „viamedica“ werden die Beschäftigten des Gesundheitswesens zu Klimarettern. Die Teilnehmer erhalten kostenlos ein komplett ausgearbeitetes Maßnahmenpaket für ein firmeninternes Klimaschutzprojekt sowie wertvolle Tipps, wie man mehr Klimaschutz am Arbeitsplatz erreicht. Bis Sommer 2020 wurden schon 615.337 kg CO2 vermieden von 4.508 Teilnehmer*innen aus 88 Unternehmen im medizinischen Bereich.

Hausärzte mit Schlüsselstellung

Wie die „Ärztezeitung“ schreibt sind die niedergelassenen Hausärzte wichtige Personen bei Diagnose und Therapie von psychosomatischen Erkrankungen, an denen in Deutschland jedes Jahr 25 bis 30 Prozent der Bevölkerung erkranken. In einem von der „Ärztezeitung“ zitieren Gutachten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) gaben deutlich mehr als die Hälfte der Befragten an, sich mit Depressionen (56,7 Prozent) oder Schmerzen ohne körperliche Erkrankung (69,4 Prozent) zunächst an den Hausarzt zu wenden. Damit steht der Hausarzt als Vertrauensperson an erster Stelle.

Roboter in der Pflege – Chancen und Risiken

Der deutsche Ethikrat hat im Frühjahr 2020 eine Stellungnahme zum Einsatz von Robotern in der Pflege veröffentlicht. Er gelangt zu dem Urteil, dass sie einen wertvollen Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität pflegebedürftiger Menschen und der Arbeitsqualität im Pflegebereich leisten können. Dies setzt jedoch voraus, dass der Einsatz von Robotertechnik zwischenmenschliche Beziehungen nicht ersetzt. Die Erforschung und Entwicklung robotischer Anwendungen sowohl für die häusliche Pflege als auch für Pflegeeinrichtungen wird seit einigen Jahren mit erheblichen öffentlichen Mitteln gefördert. Zur Begründung wird von politischer Seite auf die drängenden infrastrukturellen, personellen und finanziellen Probleme verwiesen, die sich angesichts des Fachkräftemangels in der Pflege bei gleichzeitig wachsender Zahl pflege- und assistenzbedürftiger Menschen stellen. Der Deutsche Ethikrat erkennt zwar den möglichen Nutzen der Robotik für den gesamten Pflegebereich an, sieht diesen jedoch weniger in der Beseitigung von Personalengpässen oder Pflegenotstand als vielmehr in ihrem Potenzial zur Förderung guter Pflege.

Hilfe auf der Straße

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Das ArztMobil Hamburg ist ein Team aus Ärzten, Krankenschwestern und -pflegern sowie anderen engagierten Menschen, die auf der Straße notwendige medizinische Hilfe leisten. Sie alle handeln aus Überzeugung und ausschließlich ehrenamtlich. Die Fragen an die Geschäftsführerin Julia Herrmann stellte Christiane Martin.

Frau Herrmann, Was waren die Beweggründe für die Gründung von „ArztMobil Hamburg“?
Ende des Jahres 2016 haben wir festgestellt, dass eine eklatante medizinische Versorgungslücke für Menschen besteht, die auf der Straße leben. Wir wollten und wollen diese Lücke schließen. Deswegen haben wir uns zunächst mit nur beschränkter medizinischer Ausrüstung zu Fuß aufgemacht, um buchstäblich Nothilfe vor Ort zu leisten: Behandelt wurde auf der Straße, in Hauseingängen, auf Autohauben.

Heute sind Sie per Auto unterwegs …
Ja, zunächst hatten wir ein Maskenmobil, das zum Schminken von Schauspielern genutzt und von uns entsprechend medizinisch ausgestattet wurde, zur Verfügung. Und jetzt nutzen wir seit August 2019 zusätzlich ein vom Hamburger Spendenparlament, einem Verein, der für soziale Aktivitäten Spenden sammelt, finanziertes Fahrzeug.

Wir behandeln jeden, der Hilfe benötigt, kostenfrei, respektvoll und immer auf Augenhöhe.

Wo sind die Fahrzeuge im Einsatz?
Wir fahren gezielt Standorte an, die den Hilfesuchenden inzwischen bekannt und die hoch frequentiert sind. Beendet ist die Sprechstunde erst dann, wenn auch der letzte Patient versorgt ist.

Und wer genau sind die Menschen, die Sie behandeln?
Bei der medizinischen Versorgung geht es um Menschen, die auf der Straße leben; aber das Klientel ist bunt gemischt: Unter anderem suchen auch von Altersarmut Betroffene, Flüchtlinge und Drogenabhängige unsere Hilfe. Es sind genau diese Menschen, die häufig von der üblichen Regelversorgung abgeschnitten sind; sie haben kaum Chancen auf eine adäquate medizinische Versorgung – ob aufgrund fehlender Krankenversicherung oder der Scham, Arztpraxen aufzusuchen. In den meisten Fällen handelt es sich um chronisch oder akut kranke Menschen, denen ohne medizinische Versorgung schwerwiegende gesundheitliche Folgen drohen können. Das Team vom ArztMobil Hamburg setzt genau hier an: Wir behandeln jeden, der Hilfe benötigt, kostenfrei, respektvoll und immer auf Augenhöhe – ohne Nachweis von Krankenversicherung und Personalien und unabhängig von Herkunft, Geschlecht und Lebensweise. Wir handeln dabei ganz nach unserem Leitmotiv: Wer die Not sieht, muss handeln!

Das letzte Wort hat: Tobias Schlegl, Autor, Moderator, Reporter und Notfallsanitäter

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Tobias Schlegl ist Autor, Moderator, Reporter – und Notfallsanitäter. Der Wunsch, etwas gesellschaftlich Relevanteres zu machen, hatte ihn 2016 dazu veranlasst, sich weitgehend aus dem Fernsehgeschäft zurückzuziehen und die Ausbildung zum Notfallsanitäter zu beginnen. Nach drei Jahren Lehre bestand er die Prüfung – und nun rettet Tobias Schlegl Leben.

Rettungswagen statt Fernseh-Studio – was genau hat sie zum Umstieg bewogen?
Ich habe als Reporter oft über Menschen berichtet, die etwas „Großes“ leisten. Dabei habe ich mich immer öfter gefragt, was ich eigentlich leiste und ob das wirklich einen entscheidenden gesellschaftlichen Wert hat. Deshalb die Notfallrettung. Hier kann man ganz konkret helfen. Und das damals neu geschaffene Berufsbild „Notfallsanitäter“ mit seiner dreijährigen Ausbildung plus Staatsexamen war da sehr reizvoll.

Haben sich Ihre Erwartungen erfüllt?
Ja. Ich konnte helfen. Ich konnte Leben retten. Jedenfalls dazu beitragen. Gleichzeitig sind die Arbeitsbedingungen mit ihren Überstunden und der mäßigen Bezahlung alles andere als extrem motivierend. Darunter leiden viele Kollegen im Rettungsdienst.

Was war bisher Ihr eindrücklichstes Erlebnis als Notfallsanitäter?
Dass sich jemand, den ich auf der Straße reanimiert habe, persönlich bei mir bedankt hat. Allein dafür hat sich alles gelohnt.

Tobias Schlegl, Foto: Thomas Leidig
Tobias Schlegl, Foto: Thomas Leidig

Seit einigen Monaten sieht man Sie auch wieder ab und an im Fernsehen. Hat Ihnen die Kamera gefehlt oder warum sind Sie wieder eingestiegen?
Ich arbeite auch noch als Notfallsanitäter. Der Rettungsdienst ist aber leider kein Bereich, in dem man wirklich alt werden kann. Außerdem habe ich meinen alten Job tatsächlich vermisst. Das wusste ich aber erst, als er nicht mehr da war. Jetzt strebe ich eine Fifty-fifty-Mischung aus Rettungsdienst und Moderatorendasein an.

Was würden Sie angehenden jungen Ärztinnen und Ärzten gern beim Berufseinstieg mit auf den Weg geben?
Auf jeden Fall würde ich ihnen empfehlen, Erfahrungen in der Notfallrettung zu sammeln. Wir haben den Erstkontakt zu den Patienten. Wir sehen das wahre Leben. Wir haben für die Versorgung keine Klinikbedingungen: gutes Licht, Verstärkung, den Oberarzt auf Zuruf in der Nähe.

Sie haben ein Buch geschrieben? Es heißt „Schockraum“. Worum geht es?
Es ist ein Roman. Die fiktive Geschichte des Notfallsanitäters Kim, der durch einen Einsatz schwer traumatisiert ist und dessen Leben vor seinen Augen zerbricht. Es geht um Freundschaft, Tod und den Umgang mit Ängsten. Eine emotionale Achterbahnfahrt, die im Schockraum beginnt und im Schockraum endet. Eine eindringliche Geschichte und gleichzeitig ein Weckruf, die psychischen Belastungen des Rettungsdienstes ernst zu nehmen.

Lesetipp

Tobias Schlegl: Schockraum Piper 2020 ISBN 978-3-492-07019-5 22 Euro