Das letzte Wort – Prof. Dr.-Ing. Klaus Holschemacher im Gespräch

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Dr.-Ing. Klaus Holschemacher ist Professor für Stahlbetonbau am Fachbereich Bauwesen der HTWK Leipzig und seit 2016 zudem öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Stahlbetonbau. Darüber hinaus ist Holschemacher fachlicher Leiter des BetonkanuTeams der HTWK Leipzig. Bei der 16. Deutschen Betonkanu-Regatta im Juni 2017 in Köln sicherten sich sowohl das Frauen- als auch das Männerteam der Hochschule die beiden Goldplätze. Die Fragen stellte Christoph Berger

Herr Dr. Holschemacher, bei der Betonkanu-Regatta dieses Jahr in Köln belegte sowohl das Frauen- als auch das Männerteam Ihrer Hochschule den ersten Platz. Lag das erfolgreiche Abschneiden Ihrer Teams an den sportlichen Voraussetzungen der Kanutinnen und Kanuten oder an der Konstruktion des Betonkanus?
Für das erfolgreiche Abschneiden des Teams waren sowohl das sportliche Können als auch die Konstruktion des Betonkanus entscheidend. Die Formgebung des Betonkanus orientierte sich an den im Sport verwendeten Rennkanus, wobei daneben natürlich die in der Ausschreibung des Wettbewerbs vorgegebenen Mindestabmessungen zu berücksichtigen waren. Eine besondere Herausforderung bestand darin, die Besonderheiten des Baustoffes Beton bei der Entwicklung des Betonkanus vorteilhaft zu nutzen.

Das von uns selbstgesteckte Ziel bestand darin, ein stabiles, stromlinienförmiges und leichtes Boot – aktuell wiegt es 53 Kilogramm und hat eine Dichte nahezu wie Wasser – zu konstruieren, welches sowohl für den Geradeauslauf als auch für Slalombewegungen geeignet ist. Das war deshalb wichtig, weil im Kanurennen zunächst 100 Meter gerade Strecke, anschließend eine 180 Grad Rechtswende und schließlich der Rückweg im Slalom um zwei Bojen gefordert waren. Am Ende wurde mit der gewählten Konstruktion aus dem neuartigen Baustoff Carbonbeton ein guter Kompromiss zwischen Gewichtsreduzierung und Stabilität gefunden. Neben den technischen Aspekten, die das Betonkanu betrafen, musste natürlich auch an den sportlichen Qualitäten gearbeitet werden. Das langfristige Training mit Unterstützung des Bootsverleihs am Leipziger Klingerweg hat sich letztlich ausgezahlt.

Ihr Betonkanu trägt den Namen „Reformator“. Reformation steht für Erneuerung beziehungsweise Wiederherstellung. Warum wählten Sie den Namen für Ihr Boot?
Stichwort Erneuerung: Seit Jahren hat das Team der Uni Twente aus den Niederlanden gewonnen. Mit dem Sieg der HTWK-Teams ist die Reformation also gelungen. Stichwort Wiederherstellung: Letztmals im Jahr 2007 bei der Betonkanu-Regatta in Hannover konnten ebenso beide Teams der HTWK überzeugen und den Titel holen. Das 500. Jubiläum des Thesenanschlags von Martin Luther war daher passender Namensgeber.

Die Betonkanu-Regatta ist eine Spezialdisziplin. Können die Kanus auch mit handelsüblichen Kanus mithalten?
Die älteren Betonkanus liegen beim Bootsverleih Klingerweg vor Anker und können jederzeit genutzt werden. Sie sind trotz teilweise jahrelanger Lagerung unter freier Bewitterung fahrtüchtig. Übliche 2-Kanadier-Boote wiegen allerdings nur 25 bis 35 Kilogramm und können Kratzer leichter verkraften. Beton ist spröde. Allerdings ist eine Reparatur, wenn zum Beispiel ein Loch im Bootsrumpf ist, bei herkömmlichen Kanus weitaus schwieriger, als bei unseren Betonkanus.

Das Bauen wird immer mehr zur Teamarbeit, der Lebenszyklusgedanke spielt eine immer größere Rolle und die Betreiber von Bauwerken sollten schon in die Planungen einbezogen werden. Welche Rolle spielte Teamwork bei der Konstruktion Ihrer Kanus?
Eine sehr große, der Erfolg spiegelt die Teamarbeit wider. So ist der Gedankenaustausch bei Detailproblemen, für die es keine Standardlösungen gibt, sehr wichtig. Die Organisation rund um das Projekt beinhaltet neben dem eigentlichen Bau der Kanus auch Bereiche wie Sponsorensuche, Abrechnung, Medien und Dokumentation, Veranstaltungen, Öffentlichkeitsarbeit und Logistik. Nur eine gute Abstimmung zwischen den Einzelbereichen lässt Synergien zu und das Projekt zu einer „runden Sache“ werden.

karriereführer bauingenieure 2017.2018 – Generation Future

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Abheben in die Zukunft

Vom seriellen Bauen bis hin zu Smart-Cities: Das Bauen wird und muss sich ändern. Die Städte der Zukunft verlangen nach besseren und nachhaltigeren Gebäuden, nach digital aufgerüsteten Häusern und modularen Wohnungen, nach neuen Ansätzen zum Baustoff-Recycling und Begrünungskonzepten für dichte urbane Räume. Bauingenieure nehmen im Wandel eine Schlüsselposition ein, gefragt sind Innovationsfreude und Mut, die Möglichkeiten der Digitalisierung zu nutzen.

Logo Bauindustrie
Herausgegeben in Zusammenarbeit mit dem
Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e.V.

E-Paper karriereführer bauingenieure 2017.2018

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Hauptverband der Deutschen Bauindustrie e.V.

Kliniken Schmieder (Stiftung & Co.) KG

Branche
Gesundheitswesen

Produkte/Dienstleistungen
Neurologie und neurologische Rehabilitation

1950 gründete Prof. Dr. med. habil. Friedrich Schmieder die Kliniken Schmieder in Gailingen am Hochrhein. Heute betreiben wir sechs neurologische Rehabilitationskliniken in Baden-Württemberg. Wir sind stolz darauf, uns in den über 60 Jahren unseres Bestehens einen europaweiten Ruf als neurologisches Fachkrankenhaus und als Vorreiter in der neurologischen Rehabilitation erarbeitet zu haben.

Jährlich suchen rund 13.000 Menschen mit neurologischen Erkrankungen aller Phasen und Schweregrade bei uns Heilung. Eine Zahl, die wir als Ausdruck großen Vertrauens ansehen. Eigene Institute für Rehabilitationsforschung und Lehre garantieren höchsten fachlichen Standard.

Anzahl der Standorte
6 Standorte in Baden-Württemberg

Anzahl der MitarbeiterInnen
Ca. 2.000

Bedarf an HochschulabsolventInnen
Ca. 20 pro Jahr

Gesuchte Fachrichtungen
Neurologie, psychotherapeutische Neurologie, Psychiatrie, Innere Medizin

Mögliche Einstiegstermine
Laufend

Auswahlverfahren
Interview, Hospitation

Einstiegsgehalt
Gemäß Haustarifvertrag; für Mediziner (m/w) orientiert sich der Haustarifvertrag an den Abschlüssen des Marbuger Bundes für kommunale Krankenhäuser

Angebote für StudentInnen
Hospitationen, Famulaturen, PJ

Kliniken Schmieder

Ansprechpartner
Haiko Schröter

Anschrift
Zum Tafelholz 8
78476 Allensbach

Fon
07533 808 1148

Fax
07533 808 1108

E-Mail
h.schroeter@kliniken-schmieder.de

Internet
www.kliniken-schmieder.de

Ärzte dringend gesucht

„Allein in unseren Krankenhäusern fehlen bis zum Jahr 2030 etwa 111.000 Ärztinnen und Ärzte, prognostiziert die Unternehmensberatung Roland Berger“, war bereits 2014 in der Ärztestatistik der Bundesärztekammer zu lesen. Die Karrierechancen für Mediziner sind bis heute blendend. Doch egal, wo sie tätig sind: Die Digitalisierung bringt neue Methoden und Techniken in die Praxen und Kliniken und der Arzt rückt näher an die Schnittstelle zur IT heran. Soziale Kompetenzen und ethische Fragen werden dadurch umso wichtiger. Von André Boße

Die Gesellschaft altert, und es gibt kaum eine Berufsgruppe, die davon so sehr beeinflusst wird, wie die Ärzteschaft. „Die deutsche Bevölkerung wird zukünftig deutlich älter sein als jetzt: Prognosen gehen davon aus, dass 2060 jeder Dritte mindestens 65 Jahre alt sein wird“, heißt es im aktuellen Dossier der Bundeszentrale für politische Bildung zum demografischen Wandel. Für Ärzte bedeutet das zweierlei:

Erstens, weil die Menschen immer älter werden, steigt der Bedarf nach ärztlicher Behandlung – in den Krankenhäusern erhöhte sich die Zahl der Behandlungsfälle in den vergangenen zehn Jahren um mehr als 2,5 Millionen auf fast 19,8 Millionen, wie die neuesten Zahlen der Ärztestatistik 2016 der Bundesärztekammer (BÄK) zeigen.

Neurologie hilft bei Deep Learning

Die Entwicklung von Künstlicher Intelligenz mithilfe der Methoden des maschinellen Lernens wird längst nicht nur von der IT vorangetrieben. Die Basis für diesen Ansatz liefert die Neurologie. Beim 90. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der im September 2017 in Leipzig stattfand, war das „Human Brain Project“ ein Schwerpunktthema. Es verfolgt laut Prof. Dr. Katrin Amunts, Leiterin des Führungsgremiums, drei Ziele: „Erstens, das komplette menschliche Gehirn innerhalb der nächsten zehn Jahre detailgetreu von der Genetik über die molekulare Ebene bis hin zur Interaktion ganzer Zellverbände auf einem Supercomputer der Zukunft simulieren. Zweitens, neue Technologien entwickeln und Computer bauen – und sich dabei vom Gehirn inspirieren lassen. Drittens, Wissen über das Gehirn verfügbar machen.“
www.humanbrainproject.eu

Zweitens, neben der Gesellschaft „altert auch die Ärzteschaft mit“, wie BÄK-Präsident Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery sagt. „Fast jeder vierte niedergelassene Arzt plant, in den nächsten fünf Jahren seine Praxis aufzugeben.“ Zwar stieg im Jahr 2016 die Zahl der berufstätigen Ärzte unter 35 Jahren, die Statistik verbucht ein Plus von gut 2300 Medizinern. Doch die Zahl der noch berufstätigen über 65-Jährigen stieg auf knapp 2500 – die Jungen können die Zahl der Ruheständler von morgen also kaum kompensieren.

Vollbeschäftigung und Personalnot

„Es gibt wohl kaum einen anderen akademischen Beruf mit derart guten Karrierechancen wie den des Arztes“, folgert PD Dr. Peter Bobbert, Bundesvorstandsmitglied des Marburger Bundes, aus den Zahlen. Nach volkswirtschaftlichen Kriterien könne man praktisch von Vollbeschäftigung sprechen. „Obwohl Jahr für Jahr rund 10.000 Medizinabsolventen nachrücken, herrscht in Kliniken und Praxen abseits der Metropolen vielfach Personalnot.“ Jedoch beobachtet Bobbert, Oberarzt im Evangelischen Krankenhaus Hubertus Berlin, dass Berufsanfänger mit ganz eigenen Wünschen und Bedürfnissen in die Karriere einsteigen.

Das Bild des jungen Arztes, der sich opferbereit in die Mühlen des Berufs stürzt, ist überholt. „Nicht jeder ist in gleichem Maße bereit, eine Vollzeitstelle anzutreten. Gerade die Jüngeren legen besonderen Wert auf Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Sie sind eher bereit, weniger zu arbeiten, um dafür mehr freie Zeit zu haben.“ Bei der Analyse der Karrierewege von Einsteigern hat der Marburger Bund festgestellt, dass sich vor allem junge Ärztinnen gegen die Karriere in einer Klinik und für eine angestellte Tätigkeit im ambulanten Bereich entscheiden. Bobbert: „Hier haben sie keine Zusatzdienste, wie sie im Krankenhaus üblich sind. Dieser Trend wird sich aller Voraussicht nach fortsetzen.“

Trend zur Festanstellung

Im Jahr 2016 betrug der Zuwachs bei den Festanstellungen im ambulanten Bereich laut Ärztestatistik der Bundesärztekammer 10,1 Prozent. Die Gesamtzahl der im ambulanten Bereich angestellten Ärzte erhöhte sich auf 32.348; damit hat sich ihre Zahl seit 1993 fast versechsfacht. Bemerkenswert sei der hohe Frauenanteil von 62,7 Prozent in dieser Gruppe. Die Zahl der niedergelassenen Ärzte dagegen sank im Jahr 2016 um 0,9 Prozent auf 119.641.

Und noch einen Trend hat der Mediziner erkannt: Praxisgemeinschaften und medizinische Versorgungszentren verzeichnen seit Jahren einen immer größeren Zulauf. „Die Zusammenarbeit und der fachliche Austausch mit Kollegen ist in diesen kooperativen Strukturen besser möglich als in der Einzelpraxis.“ Und darauf legte gerade der Nachwuchs gesteigerten Wert.

Karriere in der Forschung: Rahmenbedingungen stimmen nicht

Als alternative Laufbahn bietet sich in dieser Hinsicht auch eine Karriere in Forschungseinrichtungen an: Das Knowhow der Mediziner ist hier gefragt, in Teams gearbeitet werden kann auch hier. Doch der Zulauf hat Luft nach oben. „Die Deutsche Forschungsgemeinschaft hat schon im Jahr 2010 beklagt, dass sich zu wenige Medizinstudierende für eine Tätigkeit in der Forschung oder in der Hochschulmedizin entscheiden. Daran hat sich seitdem nicht viel geändert“, sagt Peter Bobbert. Das liege vor allem an den Rahmenbedingungen: „Das Medizinstudium bietet zu wenig Freiräume für experimentelle Doktorarbeiten, in der klinischen Weiterbildung kommt die Forschung oft zu kurz, denn die jungen Ärzte sind voll in den Klinikalltag eingebunden. Forschung findet häufig nach Dienstschluss statt, also in der knapp bemessenen freien Zeit.“

Haben Ärzte dann den Weg in die Wissenschaft eingeschlagen, hänge das weitere Fortkommen meist davon ab, ob der öffentlichen Forschungseinrichtung projektbezogene Mittel zur Verfügung stehen. Dass die Arbeitsverträge in der Forschung häufig befristet sind, trage ebenfalls dazu bei, dass die Forschung für junge Ärzte an Attraktivität verliert, wie das Vorstandsmitglied des Marburger Bundes feststellt: „Die Unsicherheit über die weitere Karriereperspektive ist am Anfang schon sehr groß.“ Anders liege der Fall bei Laufbahnen in der pharmazeutischen Industrie. Bobbert: „Hier ist die Bezahlung in der Regel besser; man ist dann aber Teil eines gewinnorientierten Unternehmens und handelt in dessen Interesse.“

Gewebe aus dem 3-D-Druck

Egal, wo Ärzte tätig sind: Geprägt wird ihre Arbeit durch den grundlegenden Wandel der Digitalisierung. Die Rede ist hier nicht mehr nur von computergestützter Arbeit; die Veränderungen, die sich durch Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz oder der Robotik ergeben, gehen viel weiter. Der OP-Roboter Da Vinci ist bereits heute in vielen Kliniken im Einsatz, die Technik des 3D-Drucks sorgt dafür, dass Medikamente und Implantate ausgedruckt werden können.

Warnung vor Hackern

Die amerikanische Food and Drug Administration hat davor gewarnt, dass Herzschrittmacher und Defibrillatoren nicht ausreichend gegen Hackerangriffe gesichert seien. Betroffen von einem notwendigen Software-Update sind auch Tausende Patienten in Deutschland, teilte das Deutsche Ärzteblatt mit.

In Dresden arbeitet am Biotechnology Center der TU ein Team um den Materialforscher Dr. Ivan Minev an elektronischen Gewebetechnologien. „Wir sind daran interessiert, Organe zu reparieren, die durch eine Verletzung oder eine Krankheit in Mitleidenschaft gezogen worden sind“, sagt der Wissenschaftler. „Unsere Vision ist es, Miniatur- Labore zu entwickeln, die innerhalb des Körpers die notwendigen Therapieprogramme starten. Zum Beispiel kann durch eine Kombination aus kleinen elektrischen Impulsen sowie den Einsatz von Ersatzzellen und Medikamenten der Selbstheilungsprozess eines beschädigten Gewebes in Gang gesetzt werden.“

Im Fraunhofer Institut für Bildgestützte Medizin (MEVIS) nutzt man die IT-Technik des Maschinellen Lernens, um die Veränderungen von Tumoren genauer zu analysieren. „Unsere Technik erhöht die Sicherheit bei der Vermessung und Nachverfolgung der Tumoren“, sagt Mark Schenk, der an der Schnittstelle zwischen IT und Medizin forscht. „Die Software kann zum Beispiel erfassen, wie sich das Volumen eines Tumors im Laufe der Zeit verändert und unterstützt beim Aufspüren neuer Geschwulste.“ Das Besondere: Der Computer verrichtet seine Arbeit mithilfe Künstlicher Intelligenz, je mehr Datensätze das Programm analysiert, desto besser sind die Ergebnisse.

„Surgeoneering“:

Zusammenarbeit von Medizinern, Informatikern und Ingenieuren Die Medizinische Fakultät der Universität Leipzig bietet Studenten technischer Fachrichtungen als auch angehenden Humanmedizinern in einem Innovationszentrum für computerassistierte Chirurgie (ICAAS) besondere Lehrveranstaltungen an. Hier werden Vorlesungen wie zum Beispiel diese angeboten: „Chirurgische Navigation, Mechatronik und Robotik“.

www.uni-leipzig.de

Diese Ansätze des maschinellen Lernens – auch Deep Learning genannt – nutzt das Fraunhofer Institut MEVIS auch für Softwaresysteme, die Ärzte bei der Entscheidung für die richtige Therapie unterstützen. Große Datenbanken und die automatische Erkennung von Mustern und Gesetzmäßigkeiten erleichtern den Medizinern die Diagnoseund Therapieentscheidungen. „Wenn es um das Erkennen relevanter Muster und Zusammenhänge in komplexen Datenmengen geht, sind Computer mittlerweile besser als der Mensch“, sagt Horst Hahn, Institutsleiter von Fraunhofer MEVIS. „Das bedeutet aber nicht, dass der Rechner die Therapieentscheidung trifft, sondern dass er die Ärzte durch sein datenbankbasiertes Wissen unterstützt.“

Debatte über Transparenz und Ganzheitlichkeit

Dennoch: „Solche Technologien berühren den Kern ärztlicher Tätigkeit und haben das Potenzial, sie in Teilen zu ersetzen“, sagt Peter Bobbert vom Marburger Bund. Dieser mache sich deshalb dafür stark, dass die zugrundeliegenden Algorithmen transparent sind. „Insbesondere muss verhindert werden, dass zum Beispiel kommerzielle Aspekte verdeckt oder offen die Entscheidungen beeinflussen. Ärzte müssen auch zukünftig das Recht haben, entgegen der Empfehlung von intelligenter Software abweichende Behandlungsentscheidungen im Interesse ihrer Patienten und gemeinsam mit diesen zu treffen.“

Der Berufsgruppe der Ärzte stehen hier interessante Debatten ins Haus, wobei Bobbert glaubt, dass die digitale Technik die Medizin auf ein neues Niveau heben wird: „Wenn es stimmt, dass sich das medizinische Wissen alle zwei bis drei Jahre verdoppelt und dieser Zeitraum eher noch kürzer werden wird, dann brauchen wir neuartige Technologien, die diese Datenmengen aus unterschiedlichen Quellen zusammenführen, auswerten und für die ärztliche Fakten- und Evidenzgenerierung verfügbar machen.“ Jedoch könne eines nicht ersetzt werden: die ganzheitliche Betrachtung des Patienten durch den Arzt – die eben nicht nur medizinische Daten beinhaltet, sondern auch die sozialen Aspekte: Ein Computersystem, das ein vertrauensvolles Gespräch mit dem Arzt ersetzen kann, steht noch nicht in Aussicht.

BÄK fordert Spielregeln bei Digitalisierung

Teil der Digitalisierung der Medizin sind nicht nur Deep-Learning-Verfahren und OP-Roboter in der Forschung und in Kliniken. Die Zahl von Apps, die für Patienten Daten erheben, steigt von Monat zu Monat. Die Ärzte pochen dabei im Sinne des Patientenschutzes auf klare Spielregeln für diese digitalen Helferlein, heißt es in einem Papier der Bundesärztekammer (BÄK): „Es muss sichergestellt sein, dass niemand unwissentlich mit persönlichen Daten für scheinbar kostenlose Gesundheits-Apps bezahlt“, fordert BÄK-Präsident Prof. Dr. Frank Ulrich Montgomery. „Solche Apps müssen genauso zugelassen und zertifiziert werden wie andere Medizinprodukte.“

E-Paper karriereführer ärzte 2017.2018

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karriereführer ärzte 2017.2018 – Ärzte dringend gesucht

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Foto :Fotolia/yuriyzhuravov
Foto :Fotolia/yuriyzhuravov

Zwischen KI und Empathie

Liebe Leserinnen und Leser,

die Medizin wandelt sich radikal – sie ist in Zukunft revolutionär, digital, individuell und personalisiert. Auch das Berufsbild des Arztes veränder t sich – und diesen Transformationsprozess der Medizin und der Arbeitswelt begleiten wir mit dem neuen karriereführer ärzte: als Chronist, Trendscanner, Coach und Kurator.

Zu unserem Selbstverständnis gehört auch, Sie als  Nachwuchsärzte bei Entscheidungen zu unterstützen:  Welcher Arzt will ich sein? Wo will ich meine Berufung leben? Wie kann es gelingen, dabei selbst in Balance zu bleiben? Starten wollen wir genau an der spannenden Schnittstelle von Medizin und Digitalisierung. Die „Digitalisierung revolutioniert die Medizin“, „Ärzte bescheinigen 3-D-Druck großes Potenzial in der Medizin“, „Sieben von zehn Ärzten begreifen digitale Technologien als Chance“, hallt es durch die Medien. Mit der Digitalisierung in der Medizin ist ein Milliardenmarkt eröffnet worden.

Und wie steht es um die Akzeptanz bei Patienten? Drei von zehn Deutschen würden Online-Sprechstunden nutzen, ergab eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom zusammen mit der Bayerischen TelemedAllianz (BTA). Eine weitere Studie von Deloitte und Bitkom zu „Mobile Health“ zeigt, dass über 90 Prozent der Befragten ihre mobil erhobenen Gesundheitsdaten mit ihrem Arzt teilen würden. – Gleichzeitig finden Debatten zu Ethik, Transparenz, Ganzheitlichkeit und nicht zuletzt zu Datenschutz und Risiken statt.

Die Bedeutung sozialer Kompetenz und emotionaler Intelligenz nimmt damit zu. Dr. med. Eckart von Hirschhausen schreibt als Leitsatz für junge Ärzte: „Ihr seid das Medikament! Die Wirkung von jedem Schmerzmittel hängt zu 35 Prozent davon ab, mit welchen Worten, welcher Haltung und welcher Zuwendung ihr es verabreicht . Entwickelt eure Persönlichkeit!“ Bei allem Wandel in der Medizin: Menschlichkeit ist nach wie vor das A und O für Ärzte.

Ihr
karriereführer-Team

Dr. med. Lukas Fierz im Interview

Der Schweizer Lukas Fierz ist Neurologe, Politiker – und Schriftsteller. In seinem Buch widmet er sich in Reportagen dem „Leibhaftigen“. Im Gespräch lobt er seine Roboter- Kollegen, beklagt das Ende der Virtuosität im medizinischen Alltag und erklärt, was Medizin und Politik gemeinsam haben. Die Fragen stellte André Boße.

Herr Dr. Fierz, immer häufiger gibt es Nachrichten, dass Roboter die Arbeit von Ärzten übernehmen: Sie operieren, erstellen Diagnosen, behandeln. Was denken Sie, wenn Sie von diesen technischen Entwicklungen hören?
Davor habe ich keine Angst. Nach dem Studium besuchte ich 1969 Vorlesungen über Computertechnik an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Ich lernte etwas programmieren und habe seit 1974 mit Computern gearbeitet. Anfang der 90er-Jahre kam ein älterer Dachdecker in die Praxis wegen invalidisierendem Schwindel. Er hatte auch leichte Gedächtnisstörungen, etwas Spastik, eine Spur Parkinson. Die Ursache war ganz unklar. Ich gab seine Symptomatik in das damals schon verfügbare amerikanische Computer-Diagnostikprogramm „DXplain“ ein – die einzige Antwort: Hirntrauma. Ich stellte den Mann zur Rede. Tatsächlich war er vor 40 Jahren Amateurboxer gewesen, dabei sogar mehrmals Kärntner Meister, hatte mehrere Knockouts durchgemacht – eine klassische Boxer-Enzephalopathie. Ich war von dieser Computerdiagnose doch recht beeindruckt.

Ich würde immer den Roboter verwenden, wenn dieser besser ist.

Unter welchen Umständen würden Sie sich als Patient von einem Medizin- Roboter behandeln lassen?
Ich würde immer den Roboter verwenden, wenn dieser besser ist. Für gewisse Prostatektomien ist der DaVinci- Roboter eindeutig besser. Gewisse lokalisierte Prostatakarzinome lassen sich mit der computerisierten Focal- One-Technik völlig atraumatisch mit Ultraschall entfernen. Gewisse Herzrhythmusstörungen lassen sich mit dem magnetgesteuerten Stereotaxis- Roboter besser behandeln als von Hand. Roboter sind einfach erweiterte Werkzeuge. Sie sind aber nur so gut, wie derjenige, der sie benutzt.

Zur Person

Lukas Fierz (76) ist Neurologe, er studierte in der Schweiz, Frankreich und England. Ab 1980 betrieb er eine neurologische Praxis in Bern, zeitweilig saß er für die Partei der Grünen im Schweizer Parlament, dem Nationalrat. Als Publizist schrieb er unter anderem für DIE ZEIT und die NZZ. In seiner ärztlichen und politischen Tätigkeit ist er auf Probleme und Geschichten gestoßen, die seiner Meinung nach in die öffentliche Diskussion gehören. Davon erzählt er in seinem Buch „Begegnung mit dem Leibhaftigen“

Wie gut können Ärzte noch sein in dieser Zeit, in der Effizienz so wichtig ist?
Bezüglich Ausbildung kann ich nur für die Schweiz sprechen. Hier haben 44-Stundenwoche und Teilzeitarbeit Einzug gehalten. Die angewiesene Schlafzeit während der Dienste zählt als Arbeitszeit. Mehrarbeit wird vom Arbeitsinspektorat verboten, arbeitspolizeilich erfasst und mit hohen Bußen für Chefärzte und Spitäler bestraft, sogar mit Eintrag ins Strafregister. Unter solchen Randbedingungen kann man vielleicht noch ein guter Dermatologe oder Ohrenarzt werden. Aber es ist mir schleierhaft, wie man durch diese strengen Arbeitszeitregulierungen die Virtuosität erwerben wollte, die nötig ist, um in den großen Fächern wie der Inneren Medizin oder der Chirurgie mit Kompetenz, Freude sowie mit sicherer Hand zu arbeiten.

Ich wurde bei einem Chef an der Internmedizinischen Universitätsklinik in Genf ausgebildet. Wir hatten eine 70-Stundenwoche. Der Chef, ein hochvirtuoser Mediziner, vor dem wir alle Respekt bis Angst hatten, rechnete uns vor, dass es diese Arbeitszeit brauche, damit man innerhalb von vier Jahren alle wichtigen Krankheitsbilder des Inneren wenigstens einmal gesehen habe. Wir haben begeistert mitgemacht.

Im Dienst der Krebsforschung

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PD Dr. med. Daniel C. Christoph ist 38 Jahre alt und arbeitet als Oberarzt an den Kliniken Essen-Mitte. Hier ist er am Aufbau eines Zentrums für Thoraxonkologie beteiligt. In seinem Erfahrungsbericht für den karriereführer ärzte beschreibt er seinen beruflichen Werdegang.

PD Dr. med. Daniel C. Christoph, Foto: Kliniken Essen-Mitte
PD Dr. med. Daniel C. Christoph, Foto: Kliniken Essen-Mitte

Die Onkologie, gehörte schon während meines klinischen Studiums zu den spannendsten Fächern – und das gilt nach wie vor. Während des vorklinischen Studiums interessierte ich mich sehr für die Biochemie der Regulation und Signaltransduktion. Störungen in diesem Gebiet haben häufig die Entstehung bösartiger Tumorerkrankungen zur Folge. Deshalb interessierte mich nicht nur die molekulare Pathogenese der malignen Tumore, sondern insbesondere auch die systemische Therapie dieser Erkrankungen.

Forschungsaufenthalt in den USA

Nach Abschluss des Studiums trat ich unmittelbar eine Assistenzarztstelle in der Inneren Klinik (Tumorforschung) des Universitätsklinikums Essen an. Dort absolvierte ich meine Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Hämatologie/ Onkologie. Während der Weiterbildungszeit verbrachte ich von 2010 bis 2013 einen Forschungsaufenthalt an der University of Colorado Denver.

Nach meiner Rückkehr nach Deutschland setze ich meine Forschungstätigkeit neben der klinischen Tätigkeit fort und konnte so genügend Originalarbeiten in wissenschaftlichen Journalen publizieren, um damit meine Habilitation einreichen zu können. Anfang 2017 konnte ich das Habilitationsverfahren erfolgreich abschließen. Von 2015 bis 2017 konnte ich als Facharzt und später als Oberarzt an vielen klinischen Studien der Phasen I bis III teilnehmen und war bei klinischen Studien im Bereich der Thoraxonkologie (Behandlung von Patienten mit Lungenkarzinomen oder Pleuramesotheliom) Hauptprüfer. Zusätzlich konnte ich mein klinisches Wissen im Bereich der Thoraxonkologie durch regelmäßige Aufenthalte in der Ruhrlandklinik Essen und dabei insbesondere durch die Teilnahme an Interdisziplinären Tumorkonferenzen vertiefen.

Zentrum für Thoraxonkologie

Anfang diesen Jahres bot sich mir dann die Gelegenheit, beim Aufbau eines neuen Zentrums für Thoraxonkologie unter der Leitung von Professor Dr. Michael Stahl an den Kliniken Essen-Mitte mitwirken zu können und dabei eine führende Rolle zu übernehmen. Deshalb entschied ich mich recht kurzfristig, in die Klinik für Internistische Onkologie/Hämatologie mit integrierter Palliativmedizin zu wechseln.

Dort bin ich sowohl in der onkologischen Tagesklinik mit der ambulanten Behandlung von Patienten mit Lungenkarzinom und Pleuramesotheliom betraut und bin gleichzeitig regelmäßig als Konsiliararzt in der Klinik für Pneumologie präsent, um gemeinsam das Zentrum für Thoraxonkologie aufzubauen. Dabei schätze ich insbesondere den kollegialen Umgang mit Mitarbeitern der eigenen Klinik sowie der anderen Kliniken.

Ich hab‘s am Bauch und nicht am Kopf

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Körperliche Beschwerden ohne organische Ursache sowie auch seelische Beschwerden aufgrund organischer Erkrankungen stellen Patienten sowie Ärzte manchmal vor ein Rätsel. In diesem Spannungsfeld bewegt sich die psychosomatische Medizin, welche sich mit Wechselwirkungen zwischen seelischen, körperlichen und sozialen Vorgängen beschäftigt. Von Dr. med. Sigrid R.-M. Krause, Chefärztin, Fachklinik für Psychosomatik und Verhaltensmedizin, MediClin Deister Weser Kliniken (sigrid.krause@mediclin.de)

Dr. med. Sigrid R. M. Krause, Foto: privat
Dr. med. Sigrid R. M. Krause, Foto: privat

In der psychosomatischen Medizin geht es nicht um „entweder körperlich krank oder seelisch krank“, sondern um „ein sowohl als auch“. Damit begegnen Ärzte in der Psychosomatik ihren Patienten auf Augenhöhe, klären auf, nehmen Schuldgefühle, vermitteln Lösungswege und ermöglichen Zugang zu Emotionen, welche häufig über körperliche Symptome unbewusst einen Ausdruck erlangen.

In der modernen Psychosomatik erfolgt eine sorgfältige Anamnese unter Einschluss organmedizinischer Befunde sowie persönlicher Lebensumstände, Persönlichkeitsmuster, Lernerfahrungen, Beziehungsgestaltung, Bindungserfahrungen als auch sozialer Kontextfaktoren. Für den Patienten ist es wichtig, dass er mit seinen Beschwerden ernstgenommen wird. Die Patienten haben nämlich oft die Erfahrung gemacht, dass ihnen gesagt worden ist „Sie haben nichts“ und sie somit auf die „Psycho-Schiene“ geschickt wurden.

Somit vergehen mithin im Schnitt sieben Jahre bis ein Patient in eine fachgerechte Behandlung gelangt und somit dann auch erstmalig die Chance erhält, ein Erklärungsmodell für seine Beschwerden zu erhalten. Im Rahmen von Chronifizierungsvorgängen über diesen langen Zeitraum entsteht dann häufig ein Teufelskreis. Somit gesellen sich zu körperlichen Beschwerden Erschöpfungszustände oder Ängste, welche ihrerseits die Symptomatik negativ beeinflussen und zu einer hohen Komplexität beitragen.

Therapeutische Ansätze erfolgen über Edukation und Erarbeitung eines individuellen Erklärungsmodells. Der Patient soll Experte für seine Erkrankung werden. Hier kommen Techniken zur Gefühlsregulation und Entspannung, Problemlöse- und Distanzierungstechniken, soziales Kompetenztraining, Schmerzbewältigungstraining, Selbstbeobachtungsprotokolle und Körperwahrnehmung sowie Arbeit mit bereits vorhandenen Ressourcen zum Einsatz.

Junge Kollegen, die sich für den Einstieg in die psychosomatische Medizin entscheiden, erwartet ein spannendes und gefragtes Fachgebiet mit der Möglichkeit, kranken Menschen nicht nur mittels ihrer organmedizinischen Expertise zu helfen, sondern sie darüber hinaus in ihrer Gesamtpersönlichkeit und ihren sozialen Beziehungsgefügen zu behandeln und somit nachhaltig und effektiv therapeutisch erfolgreich wirksam zu sein. Wir brauchen Sie!

Wünsche für die Mediziner von morgen

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Dr. med. Eckart von Hirschhausen, Mediziner und Wissenschaftsjournalist, hat eine Spezialität: medizinische Inhalte auf humorvolle Art und Weise zu vermitteln und gesundes Lachen mit nachhaltigen Botschaften zu verbinden. Seit über 20 Jahren ist er als Komiker, Autor und Moderator in den Medien und auf allen großen Bühnen Deutschlands unterwegs. Für den karriereführer ärzte hat er aufgeschrieben, was er sich von Medizinern wünscht.

1Erinnert euch daran, wofür ihr mal gestartet seid! Am besten schreibt ihr einmal auf, was euch wichtig ist, warum ihr Medizin studieren wollt, und was ihr anders machen wollt. In jedem Semester schaut ihr einmal auf den Zettel und checkt, ob ihr auf der richtigen Spur seid. Morgens in den Spiegel schauen hilft auch!

2Ihr seid das Medikament! Die Wirkung von jedem Schmerzmittel hängt zu 35 Prozent davon ab, mit welchen Worten, welcher Haltung und welcher Zuwendung ihr es verabreicht. Entwickelt eure Persönlichkeit! Per- Son ist, wer sich durch die Maske zu erkennen gibt. Ihr spielt eine große Rolle im Leben von anderen Menschen – spielt sie gut!

3Lernt von den Besten! Wer sind eure Vorbilder? Welcher Arzt, Lehrer, Pflegekraft, Erzieher hat euch schon als Kind beeindruckt und geprägt? Packt eine Schatzkiste von guten Beispielen und persönlichen Geschichten! Medizin lernt man aus Büchern. Heilkunst vermittelt sich wie jede Kunst durch die Meister des Fachs, die ihre Kunst intuitiv vorleben, vermitteln und mit anderen teilen. Werdet selber zu einem guten Vorbild für andere!

Redaktionstipp

Cover Wunder wirken WunderDr. med. Eckart von Hirschhausen: Wunder wirken Wunder. Wie Medizin und Magie uns heilen. Rowohlt 2016. 19,95 Euro

4Pflegt Freundschaften! Macht einen roten Kringel im Adressbuch um die Menschen, mit denen ihr lachen, weinen und schweigen könnt. Das sind eure größten Schätze – gerade wenn sie nichts mit Medizin zu tun haben. Pflegt eure Hobbys und Macken! Engagiert euch sozial, denn dabei lernt ihr euch besser kennen, baut neue Fähigkeiten auf und lernt viel über Menschen. All das ist bestes Training, um zu verstehen, wie andere ticken, was sie brauchen und was Medizin kann und was sie nicht kann.

5Wenn ihr nicht mehr könnt, holt euch Hilfe! Leistungsdruck macht krank. Sucht, Suizid und Depression prallen nicht am weißen Kittel ab, im Gegenteil sind helfende Berufe traditionell schlecht darin, sich selber pfleglich zu behandeln. Ihr müsst gut für euch sorgen, wenn ihr für andere sorgen wollt.

6Macht Fehler! Und redet darüber.

 

7Setzt euch zu Patienten ans Bett, die in Not sind. Haltet ihre Hand! Ein paar Minuten Zuwendung können für einen anderen Menschen lebensrettend sein. Begegnet und berührt Menschen so, wie sie es ihnen gut tut. Bevor ihr losredet, schaut Menschen einmal ins Gesicht. Und bevor ihr jemandem in die Armbeuge stecht, fühlt mal die Hand und den Puls.

8Die größten Herausforderungen sind nicht auf der Rezeptorebene, sondern auf der gesellschaftlichen. Soziale Ungerechtigkeit macht krank und Unglück können wir uns nicht länger leisten. Die großen Themen der Gegenwart und Zukunft sind seelische Gesundheit, Altersmedizin, Prävention von Hochdruck, Fettleibigkeit, Depression und Demenz. Es ist naiv zu glauben, dass es dafür jemals einen Schalter oder eine Pille geben kann. Gesundheit findet im Alltag statt, wo Wissen zu Verhalten wird. Und zu Lebensfreude.

9Die Zukunft der Medizin ist weiblich, patienten- und prozessorientiert, präventiv und kommunikativ. Die Ausbildung bevorzugt nach wie vor oft Einzelkämpfer, Spezialistentum und Ellenbogen. Gute Ideen setzen sich nicht nur durch, weil sie gut sind. Sondern weil die Gegner aussterben. Haltet durch!

10Pflegt die Pflege! Lernt von fitten Stationsleitungen und gebt Anerkennung und Wertschätzung, wo ihr könnt. Ohne Pflegekräfte wird nichts von euren schlauen Verordnungen beim Patienten landen. Feiert gemeinsame Erfolge! Macht Fotos von Patienten, denen ihr helfen konntet, so wie die Kinderfotos auf der Neonatologie einem mit einem Blick sagen, dass es sich lohnt zu kämpfen, so könnte es auf jeder Station Fotos, Postkarten und Bilder geben, die einen daran erinnern, wie oft wir helfen können.

11Der Tod ist nicht euer Feind. Menschen sind sterblich, und das ist gut so. Ein Leben ohne Ende wäre sterbenslangweilig. Lernt loszulassen und da zu sein, ohne etwas tun zu müssen. The art of medicine is to do as much nothing as possible (House of God).

12Humor beginnt da, wo der Spaß aufhört. Humor ist nichts Oberflächliches, sondern das tiefe Verständnis davon, dass Dinge manchmal nicht zu ändern sind, das Leben gleichzeitig schön und schrecklich sein kann, und dass wir aus Staub kommen und zu Staub werden und dazwischen versuchen, viel Staub aufzuwirbeln. Habt eine rote Nase dabei, verschenkt wo ihr könnt ein Lächeln, und wo es passt eine Umarmung! Steckt andere an!

 

Am 19.12.2017 feiert von Hirschhausen mit seinem Bühnen-Programm „Endlich!“ Premiere. Tour-Termine bis Ende 2018 gibt es auf seiner Website www.hirschhausen.com.

 

Medizin, die schmeckt! Kultur-, Buch- und Linktipps

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EIN PACKENDER ROMAN

Cover Das GenSiddhartha Mukherjee arbeitet in seinem Labor in erster Linie an der Krebs- und Stammzellenforschung. Der Pulitzerpreisträger und Bestseller-Autor lebt mit seiner Frau und zwei Töchtern in New York. Schon sein Buch „Der König aller Krankheiten: Krebs – eine Biographie“ war ein weltweiter Erfolg. Großartig, fesselnd und folgenreich ist auch sein neues Buch, in dem er meisterhaft die Geschichte der Entzifferung des Mastercodes, der unser Menschsein bestimmt, erzählt. Siddhartha Mukherjee machte sich dafür auf eine Reise in seine indische Heimat und besuchte seinen Cousin, der an Schizophrenie leidet – wie auffällig viele seiner Verwandten. Fasziniert begann er sich mit der Geschichte der Gene zu beschäftigen: von den Erbsenkreuzungen Mendels bis zur neuesten Gen-Bearbeitungsmethode CRISPR schreibt Mukherjee den spannenden Roman einer wissenschaftlichen Suche und verwebt ihn mit der Geschichte seiner Familie. Siddhartha Mukherjee: Das Gen – Eine sehr persönliche Geschichte. S. Fischer 2017. 26 Euro.

WEITERBILDUNG „MEDIZINETHIK“

Foto: Thomas Reimer/Fotolia
Foto: Thomas Reimer/Fotolia

Bereits seit dem 1999 wird am Institut für Philosophie der FernUniversität in Hagen das weiterbildende Studienangebot „Medizinische Ethik“ angeboten – mit großer Nachfrage und sehr erfolgreich. Die Leitung hat Prof. Dr. phil. Dr. med. h. c. Jan P. Beckmann. Das Studienangebot richtet sich allgemein an Interessierte sowie speziell an Berufstätige aus dem Bereich des Gesundheitswesens: unter anderem an Ärzte und Ärztinnen, Krankenpfleger, Krankenschwestern, Mitarbeiter der Ärztekammern sowie an Studierende der Medizin. www.fernuni-hagen.de

GESUNDHEITSTIPPS GRATIS DAZU

Martin Gubelt ist im „echten Leben“ Arzt. Doch das reichte ihm nicht. Nebenbei betreibt er nun einen Kiosk in Köln. Büdchen – wie die kleinen Verkaufsstellen hier heißen – bieten neben Zeitungen, Schokoriegeln, Kaffee und anderen Getränken immer auch sozialen Austausch. Das mag den Arzt gereizt haben, der direkt um die Ecke wohnt, wie der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtet. Und so gibt’s hier Gesundheitstipps gratis zum Kaffee dazu.

MEHR ACHTSAMKEIT ÜBEN!

Foto: frankie´s/Fotolia
Foto: frankie´s/Fotolia

Achtsamkeit spielt sowohl in der Gesellschaft als auch immer mehr im Wirtschaftskontext eine Rolle. Der Harvard Business Manager titelte in seiner ersten Ausgabe 2017 mit „Der achtsame Manager“. Der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx bezeichnet Achtsamkeit bzw. Mindfulness als „Megatrend“. Er rechnet damit, dass Achtsamkeit in den nächsten 20 bis 30 Jahren in allen Lebensbereichen in der Gesellschaft und in der Wirtschaft prägend sein wird. So widmet sich zum Beispiel auch ein ganzer Kongress dem Thema. Im März 2018 lädt unter anderem die Universität Witten/Herdecke zur „Mindful Leadership Konferenz“ (www.mindful-leadership-konferenz.de). Dass Yoga und Meditation Wege zu mehr Achtsamkeit sein können, schreibt zum Beispiel das Ärzteblatt und verweist auf eine Studie von Baruch Rael Cahn von der Universität South California. Probanden, die über drei Monate täglich Yoga und Meditation gemacht hatten, wiesen weniger depressive, ängstliche und somatische Symptome auf als vorher.

NEUE STUDIE VON ROLAND BERGER: REGENERATIVE MEDIZIN

Regenerative Behandlungsmethoden wie Stammzell- oder Gentherapie versprechen die vollständige Heilung von Krankheiten, die mit Arzneimitteln bisher nur behandelt werden konnten. Für die Gesundheitsbranche bedeutet das einen radikalen Wandel: Bisher basiert das Geschäftsmodell der Pharmaindustrie auf der oft jahrelangen medikamentösen Behandlung unheilbarer Erkrankungen. Dagegen werden regenerative Behandlungsmethoden zum größten Teil von Kliniken und Spezialanbietern entwickelt. Obwohl der Markt für die neuen Therapien rasant wächst – von 2020 bis 2025 voraussichtlich um 33 Prozent jährlich –, ist die Pharmaindustrie bisher wenig daran beteiligt und läuft so Gefahr, auf diesem wichtigen Markt den Anschluss zu verpassen. Derzeit hat er weltweit ein Volumen von 20 Milliarden Euro; 2025 werden es voraussichtlich 130 Milliarden Euro sein, so die neue Studie von Roland Berger.

AUSSTELLUNG: DAS MIKROBIOM – DER MENSCH IST NICHT ALLEIN

Foto: Sagittaria/Fotolia
Foto: Sagittaria/Fotolia

Bis Ende Februar 2018 wird in der Medizin- und Pharmaziehistorischen Sammlung Kiel eine vielfältige und ganz andere Sichtweise auf die Entzündungsforschung gezeigt: Billionen Bakterien und andere Mikroorganismen auf unserem Körper bilden unser Mikrobiom. Um erfolgreiche Strategien zur Therapie chronischentzündlicher Erkrankungen zu schaffen, ist ein umfangreiches Wissen über dieses zusätzliche „Organ“ unerlässlich. Studierende der Muthesius Kunsthochschule übersetzten diese komplexen Forschungsinhalte in eine verständliche, künstlerische Sprache. Nach Besuchen im Labor und in der Klinik, bei denen ein inhaltlicher Austausch mit Wissenschaftlern des Exzellenz-Clusters Entzündungsforschung stattfand, entstanden insgesamt 18 Projekte, darunter Fotografien, Comics, Malerei und Installationen. www.mikrobiom-cluster.de

PLÄDOYER GEGEN „SPRACHLOSE MEDIZIN“

Cover Der KrankenfluestererIn seinem Buch „Der Krankenflüsterer“ berichtet der leidenschaftliche Arzt Walter Möbius von den bewegendsten Begegnungen und Fällen seines Berufsalltags – und spart auch seine eigene Entwicklung als Arzt nicht aus. Der Diagnostiker hat schon viele Prominente als Lotse durch ihre Krankheiten begleitet, und nicht selten reflektieren seine Einsätze Geschichte: ob seine Erfahrungen beim Contergan-Prozess, seine Intervention beim Hungerstreik der RAF in Stammheim oder seine Betreuung kasernierter französischer Soldaten. Dabei folgt der Diagnostiker vor allem einem Credo: „Menschlichkeit ist die beste Medizin!“ Walter Möbius: Der Krankenflüsterer: Ein Diagnostiker erzählt von seinen interessantesten Fällen. Dumont 2015. 9,99 Euro.

BLOG „PFLEGERS SCHACH MED.”

Foto: Rawf8/Fotolia
Foto: Rawf8/Fotolia

Schach, das königliche Spiel, ist seit dem 13 Jahrhundert in Europa etabliert und übt auch auf viele Mediziner eine große Faszination aus. So auch auf Dr. med. Helmut Pfleger. Er ist Arzt und internationaler Schachgroßmeister. Humorvoll und kenntnisreich schreibt er seit vielen Jahren über Schach und veröffentlicht monatlich eine Schachaufgabe in der Fachzeitschrift der Ärzte. Diese Beiträge sind nun für alle Interessierten im Blog „Pflegers Schach med.“ zugänglich. www.aerzteblatt.de/blogs/177/Pflegers-Schach-med