Der Tumorbekämpfer Dr. Niels Halama im Interview

Wie kann das körpereigene Immunsystem dabei helfen, Tumoren zu bekämpfen? Welche Rolle spielen dabei mRNA-Botenstoffe, die aktuell die effektivste Waffe gegen das Corona-Virus sind? Und warum sorgen diese Entwicklungen dafür, dass sich das Berufsbild des Mediziners immer weiter ausdifferenziert und altes Silodenken keine Chance mehr hat? Antworten von Dr. Niels Halama, der am Deutschen Krebsforschungszentrum neue onkologische Ansätze entwickelt. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Privatdozent Dr. Niels Halama leitet am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) die Abteilung Translationale Immuntherapie sowie seit 2015 die Forschungsgruppe Adaptive Immunotherapie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg. Dort ist er auch Oberarzt und vertritt den Schwerpunkt kolorektales Karzinom. Seine Forschungsgebiete sind unter anderem die Tumorimmunologie, tumorassoziierte Entzündungen sowie die immunologische Biomarker- Identifikation. Neben der klassischen Laborforschung ist die Entwicklung neuer digitaler Methodiken wie Machine Learning ein weiterer wichtiger Fokus. Er studierte an der Universität Heidelberg mit zwei US-Stationen in Houston (2002) und Ohio (2004). Er startete seine Berufskarriere 2006 am NCT und verbindet so die Forschung im Labor mit der Umsetzung in der Klinik, insbesondere im Rahmen von frühen innovativen Studien.

Herr Dr. Halama, ist die Corona-Pandemie der wirksamste Volkshochschulkurs zum Thema Medizin, den eine Gesellschaft erfahren kann?
Es ist tatsächlich so, dass wir derzeit in der Öffentlichkeit eine sehr große Bandbreite an medizinischen Themen verhandeln. Das beginnt bei der basalen Biologie, zum Beispiel der Frage, was mRNA bedeutet, bis hin zu Fragen zur Infektion, zur Impfung sowie zum Immunsystem des Menschen. Man kann daher mit Fug und Recht sagen, dass die Pandemie ein umfangreiches Bildungsproramm für die Öffentlichkeit gestartet hat.

Auf welche Weise verändert dieses neuartige Virus die Medizin?
Die Pandemie ist in erster Linie ein Ereignis mit traurigen Folgen. Auch hat sie auf viele Missstände in der Medizin hingewiesen, gerade im Pflegebereich. Was ich aber auch sehe: Die Pandemie belegt eindrücklich, wie engmaschig die Entwicklungen im medizinischen Bereich aktuell passieren. Nehmen Sie den mRNA-Ansatz, wir erleben ihn aktuell insbesondere bei der Impfung gegen das Corona-Virus. Das ist ein großartiger Anwendungsbereich, keine Frage. Die medizinische Entwicklung schaut aber bereits weit darüber hinaus, ausgehend von der Frage: Bietet uns mRNA ein ganz neues Set an Werkzeugen, um an diverse Behandlungen ganz anders ranzugehen? Um es bildlich auszudrücken, wir öffnen hier gerade die Tür zu einer ganz neuen Landschaft, die der Medizin vielfältige Fortschritte ermöglichen wird.

Besonders im Fokus steht dabei die Krebstherapie, wie kann der mRNA-Ansatz die Onkologie revolutionieren?
Die klassische Chemotherapie wirkt, um es sehr überspitzt auszudrücken, beinahe mittelalterlich: Wir geben Gift in einen Patienten und hoffen, dass am Ende der Tumor abstirbt und der Patient möglichst wenig Schaden erleidet. Was die Krebsforschung lange prägte, war der eindeutige Fokus auf den Tumor: Warum entsteht er, was treibt sein Wachstum an, wie kann es sein, dass die Zellen nicht mehr sehen, was links und rechts passiert, sondern nur noch wachsen wollen? An einem gewissen Punkt musste die Medizin allerdings festhalten: Wir kommen hier nicht weiter. Nicht nur gewinnen wir kaum noch neue Erkenntnisse, die Patienten profitieren auch nicht substanziell genug. Also begann die Medizin damit, verstärkt nach links und rechts zu schauen – und die Immunologie zu entdecken, als einen Bereich, der zuvor stets ein wenig als esoterisch angehaucht und irrelevant galt.

Warum?
Weil er zu wenig technisch und messbar zu sein schien. Das änderte sich durch neue Labortechniken, neue Erkenntnisse, klinische Umsetzungen sowie Studien, die zeigten: Wir können hier etwas bewegen – und zwar in einer Dimension, wie wir es mit der Chemotherapie eben nicht mehr konnten.

Jetzt lasst uns als Experten doch nicht weiter jeder für sich über einen Patienten reden, sondern alle gemeinsam mit diesem Patienten!

Man spricht in der Wirtschaft vom „Ende des Silodenkens“, Abteilungen in den Unternehmen arbeitet nicht mehr abgeschottet, sondern zusammen – und organisieren diese Kooperationen immer wieder neu. Ist dieser Trend auch in der modernen Medizin erkennbar?
Absolut, und zwar sowohl in der Forschung als auch in den Kliniken. Es trat eine neue Generation von Medizinerinnen und Medizinern auf, die sagte: Jetzt lasst uns als Experten doch nicht weiter jeder für sich über einen Patienten reden, sondern alle gemeinsam mit diesem Patienten! Klar, es ist anstrengend, dieses Silo aufzubrechen, neue Gedanken anzustoßen, Maßnahmen zu verhandeln, statt sie festzulegen. Denn es ist fraglos komfortabel, in meiner eigenen Blase zu sitzen und das, wofür ich mich entscheide, als das einzige Wahre und Schöne zu bezeichnen. Da muss ich wenig Energie aufwenden. Anders ist es, wenn ich meine Ansätze hinterfrage, wenn ich beginne, sie mit den Ideen anderer zu ergänzen. Diese Auseinandersetzungen kosten Zeit und Kraft, und sie bringen mich manchmal eben auch zu der Erkenntnis, dass mein Ansatz kritisch hinterfragt wird. Das ist heraufordernd. Aber dieses Vorgehen lohnt sich, weil sich die Therapieerfolge dadurch massiv verbessern lassen.

Sind die Klinkkulturen vorbereitet auf diese neue Art der Arbeit?
Hier ändert sich was, auch wieder geprägt von einer neuen Generation. Vor zwei Jahrzehnten stand das sehr hierarchische Denken noch viel stärker im Vordergrund, heute finden wir verstärkt Strukturen, die den Austausch fördern. Mit dem großen Vorteil, dass simple Ja-Nein-Entscheidungen, wie es sie früher gab, heute von differenzierteren Entscheidungen ersetzt werden. Zum Wohle des einzelnen Patienten. Wobei wir feststellen, dass dieser Wandel der Gedankenwelt auch den Medizinerinnen und Medizinern zugutekommt. Denn letztlich waren es ja diese Hierarchien, war es das Feststecken in den Silos, was zur beruflichen Frustration geführt hat.

Mit Blick auf die Fortschritte in der Onkologie: Welche Rolle spielen IT-Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz und Big Data?
Vor fünf bis zehn Jahren war es die Regel, dass die Patienten zu uns kamen und sagten: Macht bitte, was mir hilft! Heute kommen Patienten nicht selten mit einer Festplatte im Gepäck, auf der Unmengen Daten und Messwerte über den Tumor liegen. Wobei der Anspruch lautet: Hier sind meine Daten, nun macht da bitte etwas ganz Nützliches daraus. Wir stehen als Mediziner vor der Aufgabe, diese Daten zu integrieren und einen Nutzen daraus zu ziehen. Das ist manchmal sehr sportlich oder sogar unmöglich. Womit wir bei den digitalen Systemen sind: Sie sind es, die uns dabei unterstützen, diese Daten in eine sinnvolle Anwendung zu bringen. Dabei wird sich in Zukunft zeigen, welche Rolle die Künstliche Intelligenz und Machine Learning spielen werden: Wird sie ein zentraler Helfer sein – oder nur ein Werkzeug unter vielen? Da ist der Ausgang weiterhin offen. Was dagegen klar ist: Junge Medizinerinnen und Mediziner mit Interesse an digitalen Themen müssen sich keine Zukunftssorgen machen. Das Thema wird bleiben und den Klinikalltag prägen.

Ändert also diese Vielzahl an Entwicklungen das Berufsbild einer Ärztin und eines Arztes?
Ich glaube schon, ja. Hinter einer Berufsbezeichnung wie Onkologe stecken schon heute viele verschiedene mögliche Schwerpunkte. Diese Differenzierung wird sich fortsetzen. Die Medizin war immer schon sehr vielfältig, der klassische Herzchirurg hat schon immer ganz andere Dinge gemacht als der Onkologe oder Labormediziner. Doch ist der Grad dieser Differenzierung in den vergangenen zehn Jahren noch einmal explodiert. Das Spektrum erweitert sich enorm. Der Medizinberuf verästelt sich mit der Physik und der Informatik, mit der Ethik und der Kommunikation. Wobei dieser Prozess kein Ende finden, sondern sich immer weiter fortsetzen wird.

mRNA in der Immuntherapie

Im menschlichen Erbgut gibt es Signalmoleküle, die als kurzlebige Botenstoffe fungieren. Zunächst erschienen diese Messenger- RNA wegen ihrer Kurzlebigkeit wenig attraktiv zu sein. Als es im Labor gelang, sie etwas langlebiger und vor allem steuerbar zu machen, reifte die Überlegung, diese Botenstoffe als Medikament einzusetzen. Zumal die kurze Halbwertzeit auch ein Vorteil darstellt: Die Moleküle geben die Chance, sehr präzise Informationen an das Immunsystem bzw. den Körper zu vermitteln, ohne dass dabei langfristige Folgen entstehen. Vermitteln die bekannten Corona-mRNA-Impfstoffe einen Teil des Bauplans des Virus, so geben die Botenstoffe in der Onkologie Informationen über die zu bekämpfenden Tumorzellen weiter. Wobei die Kurzlebigkeit der Moleküle der Medizin die Chance gibt, die Art der Botschaft immer wieder kleinteilig, individuell und maßgeschneidert anzupassen. Die Erfolge klinischer Studien geben Grund zur Hoffnung, dass der mRNA-Ansatz die Krebstherapie einen großen Schritt nach vorne bringen wird. Im Zentrum der aktuellen Forschung steht dabei das „Feintuning“, das verhindert, dass das Immunsystem falsch oder überreagiert.

Medizin, die schmeckt – Kultur-, Buch- und Linktipps

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Das Leben ist einfach…

Cover das Leben ist einfachDer erfahrene Psychotherapeut Holger Kuntze erklärt in seinem neuen Buch, warum wir persönlichen Krisen nicht hilflos ausgeliefert sind – und warum sie manchmal geradezu sinnvoll sein können. Er gewährt uns mithilfe moderner Verhaltenstherapie sowie neuester Erkenntnisse der Neurowissenschaft und Evolutionsforschung einen Blick hinter die Kulissen unseres eigenen Fühlens und Denkens. Mit kleinen Notfallinterventionen und zwanzig Begriffspaaren, die das Leben leichter machen, öffnet er einen Zugang zu unseren inneren Freiräumen. Konkret und mit Beispielen aus seiner eigenen Praxis benennt er Ressourcen, die uns auf der Basis akzeptanzbasierter Strategien ermöglichen, die Zumutungen des Lebens anzuerkennen und uns mit ihnen auseinanderzusetzen. Holger Kuntze: Das Leben ist einfach, wenn du verstehst, warum es so schwierig ist. Kösel 2021. 18 Euro.

Neuer Podcast „FAMILIE UND CORONA“

Foto: AdobeStock/Fotomek
Foto: AdobeStock/Fotomek

Wissenschaftler*innen der Hochschule für Gesundheit haben einen Podcast zu den Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Kinder und Familien ins Leben gerufen. Der Wissenschaftspodcast mit dem Titel „Familien und Corona“ erscheint seit dem 16. April 2021 ein- bis zweimal im Monat.

Stimmtraining

Cover Sei eine StimmeStarke Stimme – starker Auftritt: Unsere Stimme ist der Spiegel unserer Seele. Sie hat großen Einfluss darauf, wie unsere Umwelt uns wahrnimmt. Habe ich überhaupt eine Stimme? Was habe ich der Welt zu sagen? Wie verschaffe ich mir Gehör? Wer bin ich? Was sagt meine innere Stimme? Der Musikwissenschaftler, Theologe und Coach Gerrit Winter macht in seinen Trainings den Menschen ihre schlummernden Fähigkeiten bewusst und birgt lange vergessene Potenziale. Gerrit Winter: Sei eine Stimme, nicht nur Echo. ZS-Verlag 2021. 16.99 Euro.

„Unendliche Weiten, faszinierende Welten“

Der Wissenschaftspodcast der Humboldt-Universität (HU) bringt die Hörerinnen und Hörer in Kontakt mit den Forschenden der HU.

„Fenster ins Gehirn“

Cover Fenster ins GehirnZu wissen, was im Kopf des Gegenübers vor sich geht, ist seit jeher eine tiefe Sehnsucht des Menschen. Tatsächlich kann die Forschung bereits Gedanken aus der Hirnaktivität auslesen. Der Neurowissenschaftler und Psychologe John-Dylan Haynes hat es geschafft, verborgene Absichten in den Hirnen seiner Probanden zu entschlüsseln. Aus seiner Forschung ergeben sich provokante Fragen: Sind unsere Gedanken wirklich so frei und sicher wie wir glauben? Oder wird man irgendwann per Gehirnscan unsere Wünsche und Gefühle oder gar unsere PINs auslesen können? Kann die Werbung unsere Hirnprozesse gezielt beeinflussen? Haben wir überhaupt einen freien Willen oder sind unsere Entscheidungen durch unser Gehirn vorherbestimmt? John-Dylan Haynes und Matthias Eckoldt zeigen, was heute schon möglich ist, und worauf wir uns in den kommenden Jahren einstellen sollten. John-Dylan Haynes und Matthias Eckoldt: Fenster ins Gehirn. Ullstein 2021. ISBN 978-3-550-20003-8. 24 Euro.

Gesundsheits-App „AUDIO RESONANCE THERAPY“

Foto: AUDIO RESONANCE THERAPY
Foto: AUDIO RESONANCE THERAPY

Mehr als 3300 Nutzer*innen verwenden die Meditations- und Gesundheits-App „Audio Resonance Therapy“ (A.R.T.), um Stress zu bewältigen und ihre Resilienz zu stärken. Die Kombination von stimulierenden, eigens komponierten Klangsequenzen und wirkungsvollen Meditationstechniken zur therapeutischen Unterstützung und Prävention kann dabei helfen, Erschöpfung, Angstzustände, Burnout, Schlafstörungen und gar Depressionen zu lindern. Entwickelt wurde die A.R.T. von der Medizinerin und Buchautorin Dr. med. Roya Schwarz und dem Komponisten Dirk Reichardt. Die App ist in allen bekannten Online-Stores erhältlich.

„Unsichtbarer Tod“

Cover Unsichtbarer TodAm Anfang war der Lockdown: Menschen wurden sesshaft, Tiere gesellten sich zu ihnen. Das war praktisch. Aber tödlich. Weil sich unsere Vorfahren das Sterben nicht erklären konnten, suchten sie Antworten bei den Göttern. So entstanden religiöse Hygiene- und Nahrungsvorschriften. Man fand heraus, welchen Wert saubere Straßen, frisches Wasser, gut belüftbare Wohnungen besaßen, man entdeckte die Keime und das Penicillin. Dirk Bockmühl, Professor für Hygiene und Mikrobiologie, nimmt uns mit auf einen faszinierenden Streifzug durch die Geschichte der Zivilisation, der Religionen, der Architektur, der Medizin und der Wissenschaften. Er erzählt eine Geschichte ohne Ende, ein wesentliches Kapitel schreiben wir alle gerade selbst … Dirk Bockmühl: Der unsichtbare Tod. Dtv 2021. ISBN 978-3-423-28304-5. 24 Euro.

telegramm – Neues aus der Welt der Medizinforschung

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Neues Fraunhofer-Institut für Translationale Medizin und Pharmakologie

Foto: Fotolia/warmworldSchon 2012 wurde mithilfe des hessischen LOEWE-Programms (Landesoffensive für ökonomische und wissenschaftliche Exzellenz) am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME eine Fraunhofer-Projektgruppe für Translationale Medizin und Pharmakologie TMP eingerichtet, um das Portfolio der Fraunhofer-Gesellschaft auf dem Gebiet der Arzneimittelforschung und -entwicklung zu erweitern. Basierend auf ihrer hohen Expertise auf den Gebieten Wirkstoffsuchforschung, pharmazeutische Technologie, hochdifferenzierte und indikationsspezifische pharmakologische Modelle bis hin zur klinischen Forschung hat sich die einstige Fraunhofer- Projektgruppe TMP in den letzten Jahren auf dem Gebiet der Immunerkrankungen international sichtbar etabliert. Aufgrund dieser positiven Entwicklung wurde der Institutsteil TMP des Fraunhofer IME zum 1. Januar 2021 in ein eigenständiges Institut mit Hauptsitz in Frankfurt am Main und Standorten in Hamburg und Göttingen überführt. www.fraunhofer.de

Blick ins Gehirn: Sonderforschungsbereich geht in die Verlängerung

Foto: Fotolia/sester1848Das Säugetiergehirn ist außerordentlich komplex – schätzungsweise besteht es aus rund 100 Milliarden Nervenzellen. Jede dieser Zellen ist über Synapsen mit Zehntausenden anderen Gehirnzellen verknüpft. Wie arbeiten die Elemente eines solchen komplexen Netzwerks zusammen, um Verhalten zu erzeugen? Wie verändern sich die Netzwerke durch Erkrankungen? Diesen und weiteren Fragen gehen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler seit acht Jahren im Sonderforschungsbereich (SFB) 1089 „Synaptische Mikronetzwerke in Gesundheit und Krankheit“ der Universität Bonn nach. Mit großem Erfolg: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft fördert den interdisziplinären Verbund über weitere vier Jahre. Die beantragte Fördersumme beträgt rund 11,1 Millionen Euro. Partner sind das Forschungszentrum caesar in der Max-Planck- Gesellschaft und das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Bonn. www.uni-bonn.de

Hohe Bereitschaft zur Spende von Gesundheitsdaten

Foto: Fotolia/Mykola-lovemaskIn der Covid-19-Pandemie sind viele Menschen bereit, ihre Gesundheitsdaten der Forschung zur Verfügung zu stellen. Das ist ein wichtiges Ergebnis einer Studie des Technologie-Zentrums Informatik und Informationstechnik (TZI) der Universität Bremen. Die Forschenden haben die persönliche Einstellung der Nutzerinnen und Nutzer zur Corona-Datenspende-App des Robert-Koch-Instituts untersucht und daraus Empfehlungen für die Entwicklung von Technologien abgeleitet, die bei zukünftigen Krisen zum Einsatz kommen sollen. Entgegen bisheriger Erfahrungen mit anderen Projekten aus der Gesundheitsforschung geben die App-Nutzer auch dann ihre Daten für die Forschung frei, wenn sie keinen direkten Nutzen für sich selbst sehen. Offenbar genügt in diesem Fall der Anreiz, einen Beitrag zur Bewältigung eines großen gesellschaftlichen Problems zu leisten. Während den meisten Nutzerinnen und Nutzern das Ziel der App – die frühzeitige Erkennung von Corona-Hotspots – bewusst war, konnten sie den persönlichen Wert ihrer Datenspende nicht nachvollziehen. Das Forschungsteam schließt daraus, dass für die Nutzerinnen und Nutzer das Gemeinwohl die vorherrschende Motivation war. www.uni-bremen.de/tzi/

Das letzte Wort hat: Dota Kehr – Liedermacherin, Musikproduzentin und studierte Medizinerin

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Dota, eigentlich Dorothea Kehr, ist nicht nur eine deutsche Liedermacherin und Musikproduzentin, sondern auch studierte Medizinerin. Bekannt wurde die Berlinerin mit ihrer Musik als Kleingeldprinzessin, heute schreibt und singt sie die Lieder der Band DOTA. Gerade ist das neue Album „Wir rufen dich Galaktika“ erschienen. Die Fragen stellte Christiane Martin.

DOTA, Foto: Annika Weinthal
DOTA, Foto: Annika Weinthal

Sie haben Medizin studiert, verdienen Ihr Geld aber mit Musik. Wird das für immer so bleiben?
Ich gehe davon aus. Zwar habe ich mit viel Interesse und Begeisterung Medizin studiert und wenn der Tag 48 Stunden hätte, würde ich vielleicht versuchen, beiden Berufen parallel nachzugehen, aber da die Zeit begrenzt ist, entscheide ich mich für die Musik. Ohne zu singen, könnte ich nicht leben.

Was hat Sie dazu bewogen Medizin zu studieren? Was fasziniert Sie an diesem Fach?
Zunächst war es – schon in der Schulzeit – eine Neigung zu naturwissenschaftlichen Fächern, dann die Faszination für Physiologie und der Drang zu verstehen, wie der Organismus in allen Details funktioniert. Ich hätte mir damals auch eine Betätigung in der medizinischen Grundlagenforschung vorstellen können. Später im Studium hat mich die ganze kommunikative Ebene ebenso begeistert – und ich glaube, dass sie mir auch liegt. Und im PJ habe ich die Chirurgie entdeckt. Ich glaube, wenn ich in der Medizin geblieben wäre, hätte ich mich für ein Fach mit chirurgischem Anteil entschieden. Gynäkologie oder Urologie vielleicht.

Gibt es Parallelen im Leben einer Ärztin und einer Sängerin?
Eigentlich wenige. In der Medizin gibt es an vielen Stellen Protokolle, denen zu folgen ist, im diagnostischen Vorgehen, in der Behandlung etc. In der Musik habe ich überhaupt keine Vorgaben. Kein Treppengeländer sozusagen. Ich taste mich mit jedem neuen Lied in unbekanntes Gebiet vor. Eine gewisse Disziplin ist für jeden Beruf notwendig. In dem freien Beruf von Künstlern ganz besonders. Ich muss mir jeden Tag die notwendigen Erledigungen und zu erreichenden Ziele selber vorgeben.

Was bedeutet für Sie Erfolg?
Auf der Bühne zu stehen und in strahlende Gesichter zu blicken. Das Radio einzuschalten und zufällig ein Lied von mir zu erwischen. Zu hören, wie Leute meine Lieder nachsingen – ein ganz besonders schmeichelhaftes Erlebnis war, dass ein Lied von mir Eingang gefunden hat, in die Liederbücher der Pfadfinder und landauf, landab nachgesungen wird.

DOTA „Wir rufen dich Galaktika“

DOTA „Wir rufen dich Galaktika“
Kleingeldprinzessin Records 2021

Universitätsklinikum Münster

Branche
Krankenhaus, Klinikum, Universitätsklinik

Produkte/Dienstleistungen
Universitätsklinikum der Maximalversorgung

Anzahl der Standorte
Münster und Steinfurt

Anzahl der MitarbeiterInnen
Ca. 10.800

Angebote für StudentInnen
Vielfältige Angebote für Studentische Hilfskräfte und Studentische Aushilfen, Abschlussarbeiten sind möglich, das PJ wird für Studierende der Medizin angeboten, Promotionsstellen sind ebenfalls zahlreich ganzjährig vorhanden.

Logo UKM

Anschrift
Albert-Schweitzer-Campus 1
48149

Internet
www.ukm.de
www.karriere.ukmuenster.de

karriereführer wirtschaftswissenschaften 2.2021 – Zukunft gestalten: Die Arbeitswelt wird digitaler und nachhaltiger

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cover karrierefuehrer wirtschaftswissenschaften 2-2021

Zukunft gestalten: Die Arbeitswelt wird digitaler und nachhaltiger

Veränderungen sind nicht immer einfach – aber sie eröffnen uns oft Möglichkeiten zur Gestaltung. Mit dieser Ausgabe schauen wir auf Veränderungen der Arbeitswelt: Digitale Prozesse und Nachhaltigkeit sind dabei die großen Schlagworte. Mit Prof. Dr. Matthias Finkbeiner haben wir über Ökobilanzen gesprochen. Der Leiter des Fachgebietes Sustainable Engineering und geschäftsführende Direktor des Instituts für Technischen Umweltschutz an der TU Berlin beobachtet positive Veränderungen: „In den Unternehmen wird seit vielen Jahren gehandelt“, sagt er. Die Unternehmen könnten zwar immer noch mehr tun, aber führende Unternehmen seien in einigen Bereichen weiter als die Umweltpolitik. Außerdem haben wir uns angeschaut, wie die digitale Transformation den Beruf des Wirtschaftsprüfers neu definiert. Und wir werfen einen Blick auf Megatrends, die den Handel in Zukunft prägen werden.

E-Paper karriereführer wirtschaftswissenschaften 2.2021 – Zukunft gestalten: Die Arbeitswelt wird digitaler und nachhaltiger

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Wirtschaftsprüfung 4.0

Kontinuierliche Prüfungsprozesse, mit Künstlicher Intelligenz und Big Data, hohen Compliance-Standards und permanenter Vernetzung mit dem Mandanten: Die digitale Transformation definiert den Beruf des Wirtschaftsprüfers neu. Dabei ist weiterhin der Mensch gefragt: als Vertrauensgarant, Berater und Möglichmacher. Dass es aktuell an Nachwuchs mangelt, könnte sich bald ändern: Durch die steigende IT-Affinität gewinnt der Job an Attraktivität. Von André Boße.

Die Sache kippt im Jahr 2026. Dann, so schätzen Verantwortliche der 25 führenden Wirtschaftsprüfungsgesellschaften in Deutschland, werden erstmals mehr Maschinen als Menschen Prüfungs-Dienstleistungen erbringen. Das ist das Ergebnis der aktuellen Marktstudie des Analyse- Unternehmens Lünendonk. Werden also in fünf Jahren keine Wirtschaftsprüfer*innen mehr benötigt? Die Antwortet lautet: doch! Aber andere. Den tiefgreifenden Wandel erkennt man auch daran, welche neuen Begriffe im Bereich der Wirtschaftsprüfung schon heute zum Alltagsvokabular zählen: Big Data Analytics und Process Mining, IT Audit und TaxTech – die Sprache in der Branche ändert sich. Auf die Industrie 4.0 folgt die Wirtschaftsprüfung 4.0: Zur Anwendung kommen vernetzte Systeme mit Künstlicher Intelligenz und Big Data. Was das konkret für die Arbeitsweisen- und inhalte bedeutet, macht Lünendonk-Geschäftsführer Jörg Hossenfelder deutlich:

„Der Wirtschaftsprüfer der Zukunft muss nicht nur die digitalen Geschäftsideen verstehen, sondern in diesen auch beraten. Er beherrscht den Jargon aus der IT-Branche und kann sein bestehendes Know-how in die digitale Welt übertragen.“ Wirtschaftsprüfer*innen werden damit zu Begleitern von Mandant*innen, deren Geschäftsbeziehungen sich komplett ändern. Für die Unternehmen werden aus Wertschöpfungsketten Netzwerke, die Intensität der notwendigen Kommunikation mit Partnern nimmt zu, geführt wird diese mit Hilfe digitaler, häufig vollautomatisierter Tools. „Dies alles führt zu einer immer engeren Verflechtung von Unternehmen und deren Lieferanten auf der einen Seite und Kunden auf der anderen“, beschreibt Jörg Hossenfelder den Wandel. Die Wirtschaftsprüfung erhält in diesem Geflecht ganz neue Aufgaben. Erstens arbeiten die Gesellschaften mit hoher Priorität daran, die Netzwerkstruktur der Mandant*innen mitzugestalten. Zweitens ergeben sich mit Blick auf diese Veränderungen „Fragen hinsichtlich Investitionen, Compliance und Cyber Security“, sagt Hossenfelder. Und, klar, die Prüfungen selbst stehen natürlich auch noch an.

„Causa Wirecard“: Kontrolle in der Komplexität

„Muss das denn alles sein?“, werden sich konservative Wirtschaftsprüfer fragen. Expert*innen sagen: Ja. Für diese notwendigen Schritte der Digitalisierung sprechen einmal die enormen Potenziale, mit Hilfe des Wandels Prozesse effizienter und kostengünstiger zu gestalten. Doch diese simple Kosten-Nutzenrechnung darf heute nicht der einzige Grund sein, in der Wirtschaftsprüfung neue Wege zu finden. Was hinzu kommt: Die komplexe Gemengelage ruft nach neuen Formen der Kontrolle.

Es gab in den vergangenen Monaten nicht viele Ereignisse, die sich gegen das Dauerthema Pandemie durchsetzen konnten. Die „Causa Wirecard“ war eines davon. Abseits der gerichtlich zu entscheidenden Fragen über Schuld und Verantwortung zeigte sich, dass die turbodigitalisierte Wirtschaft mit ihren unzähligen internationalen Verflechtungen nach neuen Methoden verlangt, um sie wirksam durchleuchten zu können. Zumal weiterhin mit zusätzlichen regulatorischen Vorgaben zu rechnen ist, die eine höhere Compliance-Qualität nötig machen.

Eine Methode, auf die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Mandanten setzen, ist das „Continuous Auditing“, also eine Art kontinuierliche Abschlussprüfung. Was widersprüchlich klingt ergibt Sinn, wenn man sich genauer anschaut, wie sich die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsprüfer und Mandant zuletzt gestaltet hat.

Eine Methode, auf die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften und Mandant* innen dabei setzen, ist das „Continuous Auditing“, also eine Art kontinuierliche Abschlussprüfung. Was widersprüchlich klingt (ein Abschluss kann eigentlich nicht kontinuierlich sein) ergibt Sinn, wenn man sich genauer anschaut, wie sich die Zusammenarbeit zwischen Wirschaftsprüfer* innen und Mandant*innen zuletzt gestaltet hat. „Der Druck auf Unternehmen, externe und interne Anforderungen einzuhalten, wächst stetig und erreicht in Unternehmen mit unterschiedlichen Standorten und ITSystemen eine herausfordernde Komplexität“, heißt es in einem Newsletter des Beratungs- und Wirtschaftsprüfungsunternehmen Rödl & Partner. Wichtig werden daher Methoden eines „Continuous Auditing & Control Monitoring“ (CACM), das kontinuierliches Risikomanagement gewährleistet. „Ziel des CACM ist es, permanent Transparenz über die Wirksamkeit von wichtigen KPIs und Kontrollen zu erreichen sowie Abweichungen in Echtzeit zu erkennen“, heißt es im Newsletter.

Darüber hinaus könne das CACM auch prüfungsunterstützend für die Interne Revision oder externe Prüfung dienen, um Prüfungsnachweise bereitzustellen oder den Umfang von Stichprobenprüfungen zu reduzieren. Ergänzt werde diese Effizienz durch ein gesteigertes Sicherheitsgefühl: „Fehler werden durch automatisierte Kontrollen sofort erkannt, definierte Personen automatisch informiert.“ Die CACM-Experten von Rödl & Partner geben an, dass auf diesem Wege „Einsparungen von bis zu 60 Prozent der Prozess-, Überwachungs- und Audit-Kosten“ keine Seltenheit seien. Zudem spare sich das Unternehmen eine Reihe von manuellen Tätigkeiten, um Informationen und Daten zu sammeln, aufzubereiten und zu analysieren.

Warum eigentlich 4.0?

Abgeleitet von der Industrie 4.0 lässt sich in vielen Bereichen beobachten, dass die dort formulierten Standards der vierten industriellen Revolution auch in anderen Sektoren zu Megatrends werden. So zum Beispiel auch in der Wirtschaftsprüfung. Kurz die Schritte von der ersten bis zur vierten Revolution:

1.0: Durch die Mechanisierung mit Hilfe von Dampf und Hydraulik blüht der Maschinenbau auf.
2.0: Die Elektrisierung ermöglicht den Aufbau moderner Fabriken mit Fließbandarbeit.
3.0: Speichermedien und EDV eröffnen das digitale Zeitalter.
4.0: IT-Systeme vernetzen sich intelligent miteinander.

Deutlich wird, dass sich die Rolle von Wirtschaftsprüfer* innen durch solche digitalen Methoden ändert. Das Continuous Auditing & Control Monitoring ist tief in der IT der Organisation verankert, es kommt daher auf ein enges Zusammenspiel zwischen der internen IT und den ITExpert* innen des Wirtschaftsprüfungsunternehmens an. Dort wieder gilt es, Know-how in Sachen IT und Wirtschaftsprüfungen so zusammenzubringen, dass bei den – zu Beginn vielleicht noch kritischen – Mandant*innen schnell der Nutzen der Umstellung deutlich wird. Entsprechend wichtig sind Leistungen wie Beratung und Begleitung der Prozesse – wobei gerade der Erfolg digitaler Transformationen davon abhängig ist, dass sich die Beteiligten Vertrauen.

Gleicher Personalbedarf, höhere Anforderungen

Diese Einschätzung deckt sich mit einer aktuellen Studie der Personalberatung Maxmatch für den Finanzbereich: Zwar gaben mehr als 80 Prozent der Befragten an, dass die Zahl der benötigten Mitarbeiter*innen trotz der digitalen Transformation konstant bleibt – dass also der Wandel weder dazu führt, dass weniger Leute gebraucht werden, noch dazu, dass der Personalbedarf sinkt. „Doch was sich für die Teamzusammenstellung eindeutig geändert hat, sind die Anforderungen, die Mitarbeiter erfüllen müssen“, heißt es in der Studie. „79,1 Prozent der Studienteilnehmer bestätigen, dass durch die digitale Transformation neue Kompetenzen von Mitarbeitern verlangt und erwartet werden.“ Als besonders wichtig eingeschätzt werden dabei Anwender-Kenntnisse in kollaborativen Technologien, Kenntnisse im Bereich Datenbanken sowie Erfahrungen im Umgang mit großen Datenmengen.

So klar die Herausforderungen für die befragten Verantwortlichen der Unternehmen aus dem Finanzbereich sind, so unklar ist, wie es gelingen soll, Nachwuchskräfte zu rekrutieren, die diese mitbringen. „Mehr als jeder Zweite der Umfrageteilnehmer bewertete die Suche nach Mitarbeitern mit den entsprechenden digitalen Kompetenzen als ‚schwer‘ oder ‚sehr schwer‘“, heißt es in der Studie. Ein Ergebnis, dass das Marktforschungsunternehmens SWI Finance in einer Befragung bestätigt: 86 Prozent aller befragten Steuerberater*innen und Wirtschaftsprüfer*innen – und sogar 95 Prozent der großen Kanzleien – sehen sich auch in diesem Jahr vor die kontinuierliche Herausforderung gestellt, qualifiziertes Personal zu finden.

Recruiting: IT-Affinität kommunizieren

Das Bild des Wirtschaftsprüfers, der sich aufgrund gesetzlicher Vorschriften durch immer wiederholende Aufgaben und Tätigkeiten wühlt, ist überholt.

Was hilft? Ein anderes Image. Und auch das ergibt sich durch die digitale Transformation. Das Bild von Wirtschaftsprüfer* innen, die sich aufgrund gesetzlicher Vorschriften durch immer wiederholende Aufgaben und Tätigkeiten wühlen, ist überholt. „Kenner der Branche verbinden mit dem Berufsstand Eigenschaften wie abwechslungsreich, analytisch, attraktiv bezahlt und kommunikativ sowie krisensicher. Das Bild der Wirtschaftsprüfung in der heutigen Zeit ist deutlich vielfältiger, komplexer und anspruchsvoller geworden“, findet Jörg Hossenfelder von Lünendonk. Nun bringt dieses intern empfundene Image nichts, wenn der Wiwi-Nachwuchs es nicht auch so sieht – und sich für eine Karriere in diesem Bereich begeistern lässt. Hier sei es Aufgabe der Unternehmen und der Lehrenden an den Hochschulen, den jungen Interessierten zwei Dinge klarzumachen: Erstens sorge die Digitalisierung dafür, dass die Wirtschaftsprüfer* innen von einfachen, sich wiederholenden Tätigkeiten befreit werden – „was eine verstärkte Beschäftigung mit Sach- und Sonderthemen ermöglicht“, wie Jörg Hossenfelder es formuliert. Zweitens, dass es bei dieser Arbeit viel mehr IT-Kenntnisse ankommt, als man denken könnte.

Hier komme es auch auf die Art und Weise an, wie Hochschulen die kommenden Absolvent*innen auf das Examen und das anschließende Berufsleben vorbereiten: Fast neun von zehn Umfrageteilnehmer*innen der Lünendonk-Studie gaben bei der Umfrage an, dass sich in der internen Weiterbildung sowie der Vorbereitung auf das Wirtschaftsprüfungs- Examen etwas ändern müsse. Eine solche Zahl zeigt: Der Wandel ist im vollen Gange.

Was Wirtschaftsprüfungen bei der Digitalisierung bremst

Die Lünendonk-Studie hat Verantwortliche der größten Prüfungsgesellschaften gefragt, welche Hürden sie bei der digitalen Transformation als besonders restriktiv erachten.

Das Ergebnis:

  • 91 Prozent halten die mangelnde Datenqualität ihrer Mandant*innen für einen Behinderungsfaktor.
  • 67 Prozent sehen die Umsetzung des erlernten WP-Know-hows in automatisierte Prozesse als problematisch.
  • 62 Prozent nennen die Zurückhaltung der Mandant*innen bei diesem Thema.
  • 48 Prozent verweisen auf den strengen Datenschutz als Hürde.

Wirtschaftsprüfung digital: Was sich ändert…

  • Algorithmen übernehmen Standard- und Routinetätigkeiten.
  • Prüfungen sind nicht mehr an Zeiten und Orte gebunden, da Daten jederzeit über die Cloud abrufbar sind.
  • Big Data-Methoden und automatisierte Audit Bots prüfen in hohem Tempo. riesige Datenmengen, sodass statt Stichproben Vollprüfungen möglich werden.
  • Tools prüfen auch die Daten-Qualität der/des Mandant*in.
  • Vorteil für Mandant*innen: Versteckte Verschwendungen und Potenziale werden aufgezeigt, Risiken minimiert.

Der Ökobilanzierer Prof. Dr. Matthias Finkbeiner im Interview

Eine betriebswirtschaftliche Bilanz ist selbstverständliches Handwerkszeug des Rechnungswesens. Wie jedoch erstellt man eine Ökobilanz, also eine Lebenszyklusanalyse der Umweltwirkungen eines Menschen, Produkts oder Unternehmens? Und warum ist das auch für Wirtschaftswissenschaftler wichtig? Fragen an Prof. Dr. Matthias Finkbeiner, der an der TU Berlin zu diesem Thema forscht und vor kurzem die erste Ökobilanz eines Menschen erstellt hat – mit einem bemerkenswerten Ergebnis. Das Interview führte André Boße.

Zur Person

Prof. Dr. Matthias Finkbeiner ist Leiter des Fachgebietes Sustainable Engineering und geschäftsführender Direktor des Instituts für Technischen Umweltschutz an der Technischen Universität Berlin. Er besitzt eine Gastprofessur an der chinesischen Akademie der Wissenschaften. Seine Arbeitsschwerpunkte sind u.a. die Erforschung von CO2- und Wasser-Fußabdrücken, die Erstellung von Ökobilanzen sowie die Analyse der Ressourceneffizienz. Er war Teil der Jury des Umweltzeichen „Blauer Engel“ und Präsident ISO-Ausschuss für Ökobilanzen. Als Autor schrieb er sechs Bücher zu seinen Forschungsthemen, zudem ist er Chefredakteur der führenden Fachzeitschrift zu Ökobilanzen, dem „International Journal of Life Cycle Assessment“.

Herr Prof. Finkbeiner, der Mensch bevölkert die Erde seit vielen Jahren, warum waren Sie und Ihr Team die ersten, die eine Ökobilanz erstellt haben?
Die Ökobilanz ist methodisch noch recht jung, es gibt sie erst seit den 80er-Jahren. Entwickelt wurden sie für einzelne Produkte oder Unternehmen, um herauszufinden, welche Wirkungen auf die Umwelt sie während ihres gesamten Lebenszyklus haben. Diese Methode auf den Menschen anzuwenden, führte zu ein paar heiklen Fragen. Wie zum Beispiel rechnet man die Kindheit an, sind zum Beispiel die Eltern für die Ökobilanz ihrer Kinder mitverantwortlich? Auch kann es ethisch schwierig werden, die Ökobilanzen von Menschen in ganz unterschiedlichen Lebenssituation zu vergleichen, zum Beispiel zwischen Leuten in der Stadt und auf dem Land. Da kann es schnell zu einer Vergleichsdebatte kommen, die wenig zielführend ist.

Sie haben die Ökobilanz des Unternehmers, Autors und Rechtanwalts Dirk Gratzel erstellt. Was hat Sie am Ergebnis überrascht?
Das Ausmaß seiner Bilanz und der hohe Anteil der Mobilität. Wir wussten, dass er beruflich bedingt viel unterwegs ist, die absoluten Zahlen haben uns aber schon überrascht.

In den ersten 50 Jahren seines Lebens hat er CO2-Emmissionen in Höhe von 1147 Tonnen verursacht.
Ja, und ich denke schon, dass eine solche Vergegenwärtigung einen kathartischen Effekt hat. Es beginnt das Nachdenken darüber, wohin wir uns bewegen, was wir besitzen, was wir konsumieren.

Es beginnt das Nachdenken darüber, wohin wir uns bewegen, was wir besitzen, was wir konsumieren.

Wäre also doch eine Ökobilanz für jeden sinnvoll?
Das zu fordern, dafür reicht mein Sendungsbewusstsein nicht aus. Zudem kann es nicht jeder so machen, wie es Dirk Gratzel für sein Buchprojekt angegangen ist, das wäre ein zu großer Aufwand. Es gibt zwar im Internet relativ simple Rechner, die einem zumindest ein Grundgefühl für die eigene Bilanz geben. Aber diese Tools vereinfachen schon sehr stark: Fliege ich oder nicht, esse ich Fleisch oder nicht – die Komplexität des Lebens besteht ja eben darin, dass wir meistens zwischen den Ja- und Nein-Antworten stehen. Gut wäre daher eine App, die ein individuelles Tracking erlaubt. Das machen die Leute ja eh andauernd, zum Beispiel beim Sport. Da wäre eine Art Konsum-Tracking eine interessante Ergänzung. Denn: Die Zahlen zu sehen, löst bei dem einen oder anderen sicher etwas aus.

Liegen uns Menschen Bilanzen mehr als normative Appelle?
Ich glaube schon, ja. Ich habe aus dem Bauch heraus eine Sympathie für das moralische Pathos, mit dem zum Beispiel die Diskussion über das Klima geführt wird. Andererseits erreiche ich damit einige Menschen eben nicht. Die machen dicht, weil sie sich moralisch nicht in eine Ecke drängen lassen wollen – mit der Folge, dass sich die Gesellschaft in Gruppen spaltet, die dann gegeneinander agieren. Wir sehen es als Wissenschaftler als unsere Aufgabe an, Zahlen, Daten und Fakten bereitzustellen und das normative Element bewusst außen vor zu lassen. Denn das hilft hoffentlich, dass die Debatte freier und ehrlicher wird.

Inwiefern?
Wenn ich normativ argumentiere und Ihnen sage, Sie dürften kein Fleisch mehr essen oder keine Kurzstreckenflüge mehr buchen, dann lasse ich Sie nicht davonkommen und drücke Ihnen einen bestimmten Lebensstil auf. Eine Bilanz dagegen gibt Ihnen die Möglichkeit, selbstbestimmt an bestimmten Stellschrauben zu drehen. Sie könnten zum Beispiel Ihren Konsum generell reduzieren, oder Sie verzichten auf einige Sachen komplett, behalten anderes aber bei. Bilanzen geben Ihnen also mehr Gestaltungsspieltraum und lassen Raum für Individualität – wobei die Zahlen am Ende ganz nüchtern für sich sprechen.

Welche Rolle spielen Ökobilanzen in Unternehmen?
Hier sind ökologische Bilanzbetrachtungen schon länger etabliert, jedoch nicht so sehr in der Öffentlichkeit: 95 Prozent der Ökobilanzen in Unternehmen dienen primär dem internen Erkenntnisgewinn und werden nicht kommuniziert.

Weil sie so schlecht sind?
Eher, weil sie kompliziert zu kommunizieren sind. Eine Bilanz hat die Aufgabe, das gesamte Bild zu zeigen. Und dieses Bild ist fast nie Schwarz oder Weiß. Hat ein Unternehmen zum Beispiel zehn Umweltwirkungen analysiert, dann ist es häufig so, dass man zwar bei acht davon deutlich besser wird, bei zweien aber Rückschritte macht. Ein solches Ergebnis in einer Kultur zu kommunizieren, die über Twitter-Vereinfachungen funktioniert, ist nicht ganz einfach. Nehmen Sie als Beispiel die Frage, was ökologisch besser ist, ein Verbrenner- oder ein Elektroauto: Die Ökobilanz beantwortet diese Frage nicht mit entweder oder, auch wenn die Öffentlichkeit das gerne so hätte. Die Ökobilanz zeigt, unter welchen Herstellungs-, Nutzungs- oder Recyclingbedingungen die jeweilige Technologie ökologische Vor- oder Nachteile mit sich bringt.

Erkennen Sie, dass die Ökobilanzen der Unternehmen besser werden?
Auf jeden Fall, ja. In den Unternehmen wird seit vielen Jahren gehandelt – übrigens im Rahmen dessen, was wir Konsumenten nachfragen: Unternehmen haben heute in vielen Fällen ökologisch bessere Lösungen, und wie sehr sie diese in den Fokus stellen, liegt vor allem daran, wie gut sie im Markt funktionieren. Aber generell kann ich feststellen: Ja, die Unternehmen können immer noch mehr tun, aber führende Unternehmen sind in manchen Bereichen weiter als die Umweltpolitik.

Ich hielte es für sinnvoll, wenn jeder Wirtschaftswissenschaftler eine Lehrveranstaltung zu dem Thema belegen würde. Der Lerneffekt wäre groß – und er ist auch von Bedeutung, weil früher oder später jeder Wiwi- Absolvent mit diesem Thema konfrontiert werden wird.

Was denken Sie, bekommen Absolvent* innen der Wirtschaftswissenschaften im Studium genug Wissen über die Erstellung von Ökobilanzen mit?
Ich hielte es für sinnvoll, wenn jeder Wirtschaftswissenschaftler eine Lehrveranstaltung zu dem Thema belegen würde. Der Lerneffekt wäre groß – und er ist auch von Bedeutung, weil früher oder später jeder Wiwi-Absolvent mit diesem Thema konfrontiert werden wird. Ein Grundbriefing dafür, wie man ökologische Aspekte grundsätzlich bewertet und selbst Plausibilitätsbetrachtungen anstellt, wäre sinnvoll. Bei uns an der TU Berlin ist diese Lehrveranstaltung freiwillig, und wir merken, dass die Wiwis, die diese Veranstaltung besuchen, erstens Spaß daran haben und zweitens in den Prüfungen auch sehr gut abschneiden.

Was spricht dafür, die Ökobilanz eines Produktes oder einer Dienstleistung offen zu kommunizieren – und was spricht dagegen?
Natürlich ist es wichtig, den Konsumenten mit einer möglichst einfachen Zahl zu erreichen. Auf der anderen Seite ist es kaum machbar, die 10 bis 15 Kriterien, aus denen sich eine Ökobilanz zusammensetzt, lesbar und verständlich auf eine Packung zu bringen. Die Frage ist also, wie stark darf ich vereinfachen oder gewichten? Und da wird es heikel. Aktuell zum Beispiel spielen in der öffentlichen Diskussion Klimathemen eine dominierende Rolle. Kennzahlen zur Artenvielfalt, zur Bodenversauerung oder Wassernutzung haben es dagegen schwerer. Man würde daher dazu neigen, bei einer einfach zu kommunizierenden Ökobilanz der Klimakrise eine große Bedeutung zu geben, anderes dagegen bliebe unter dem Radar.

Haben Sie eigentlich persönlich nach der Erstellung der Ökobilanz von Dirk Gratzel entscheidende Dinge in Ihrem Leben verändert?
Na ja, in Maßen. Nicht so konsequent wie er, da sündige ich doch noch mehr. (lacht) Aber natürlich gibt es bei jeder Ökobilanz, die wir stellen, ob für einen Menschen, ein Unternehmen oder ein Produkt, einen Aha-Effekt. Wir lernen immer was dazu, es wird nie langweilig – und das macht diesen Bereich sehr interessant.

Ökobilanz eines Menschen

cover projekt green zeroDie Geschichte der Ökobilanzschreibung für Unternehmen und Produkte begann in den 80er-Jahren; die erste Ökobilanz eines Menschen folgte fast vier Jahrzehnte später: Als Auftragsarbeit für das Buchprojekt von Dirk Gratzel erstellte das Team von Matthias Finkbeiner die Ökobilanz des Unternehmers. Gratzel schreibt über die Idee, die Bilanz und ihre Auswirkungen in seinem Buch: Dirk Gratzel: Projekt Green Zero. Mein konsequenter Weg zu einer ausgeglichenen Ökobilanz. Ludwig 2020. 18,00 Euro

Megatrends, die den Handel prägen

Der Retail Report des Zukunftsinstituts benennt und erklärt die wichtigsten Trends im Handel. Seine Erläuterungen, Themenschwerpunkte, Tipps, Best Practices und Statistiken zeigen Händler*innen, welche Prinzipien und Modelle in Zukunft Erfolg haben werden. In der aktuellen Ausgabe schrieb Theresa Schleicher über sechs Megatrends, die für die Handelsbranche von besonderer Bedeutung sind. karriereführer- Leser*innen gibt sie einen Einblick. Von Theresa Schleicher

New Work prägt das Paradigma der Kollaboration

Der Megatrend New Work verändert den Handel von innen heraus: Mitarbeiter*innen haben andere Ansprüche an das Arbeitsleben. Die Kreativökonomie löst die rationale Leistungsgesellschaft ab. New Work stellt die Potenzialentfaltung eines jeden einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. Das reicht von Pioniergeist im Startup bis zum Hobby Professional. Denn Kreativität passiert nicht einfach am Schreibtisch zwischen 9 und 17 Uhr – Arbeit und Freizeit verschmelzen immer mehr. Work- Life-Blending beschreibt genau diese Trendentwicklung – mit all ihren Vorteilen der Sinnfindung im Job, aber auch den Herausforderungen des Nicht-abschalten-Könnens. Kollaboration in Teams und Organisationen wird großgeschrieben, inzwischen auch über die Unternehmensgrenzen hinweg – Networking ist das A und O von New Work. Der Trend zu Coopetition geht sogar noch einen Schritt weiter und beschreibt die lose Zusammenarbeit mit bzw. Unterstützung von Mitbewerber*innen, um gemeinsam komplexe Probleme zu lösen. Die Plattform-Ökonomie bietet die perfekte Infrastruktur für solche Kooperationen.

Neo-Ökologie sorgt für ein neues Verantwortungsbewusstsein

Der Megatrend Neo-Ökologie stellt die Retail-Branche nicht von heute auf morgen auf den Kopf, sondern manifestierte sich erst in Nischen. Heute kommt das Bewusstsein für nachhaltigen Konsum langsam aber sicher in der Mitte der Gesellschaft an. So zeigt sich z.B. im Luxusmarkt der Trend zu Sustainable Luxury, indem Statussymbole mit ethischem Mehrwert und nachhaltigem Anliegen aufgeladen werden. Doch auch Designobjekte werden immer häufiger recycelt oder upgecycelt und werden somit zum Ausdruck von Zero Waste und dem Denken in Kreisläufen der Circular Economy. Dass Umweltbewusstsein zwar mit dem Wunsch nach Minimalismus verbunden sein kann, jedoch nicht zwingend Verzicht bedeutet, zeigt der Trend zum Blue Commerce: eine Konsumhaltung, die ethisch korrekt und verschwenderisch zugleich ist.

Urbanisierung verdeutlicht: Ohne Handel keine Stadt

Der Megatrend Urbanisierung und der Handel sind seit jeher eng miteinander verwoben. Eine Stadt ohne Orte des Handels wie Ladengeschäfte oder Marktplätze ist kaum vorstellbar, Handel losgelöst von einem Ort allerdings ist längst Realität. Trends wie Local Commerce, AuthentiCity und Hybrid Spaces oder die Renaissance der Straßenmärkte sind kreative Maßnahmen, die Stadt als Handelsplatz wieder attraktiv zu gestalten. Vor allem Klein- und Mittelstädte in Deutschland haben mit der Abwanderung von Händler*innen und Marken aus den Einkaufsstraßen zu kämpfen. Die aktuelle Entwicklung zum ImmoTail zeigt allerdings auch, dass Städte die neuen Zentren der Macht sind: Sie greifen bewusst in die Entwicklung von Handelsstandorten ein, sodass Händler*innen ihre Konzepte nicht mehr losgelöst vom Umfeld denken können. Zugleich trägt dieser Trend zu vielfältigen und differenzierten Vierteln und Straßenzügen bei.

Mobilität löst den Handel von Raum und Zeit

Eng verbunden mit der Urbanisierung ist auch der Megatrend Mobilität, vor allem was die Versorgung in ländlichen Regionen angeht. Aber auch die Letzte-Meile- Lieferung im urbanen Raum verlangt von Handel und Logistik innovative Lösungen, um den städtischen Verkehr nicht unnötig zu belasten und zugleich kundenfreundliche – sprich auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnittene – Lieferungen zu ermöglichen. Der Trend Instant Shopping beschreibt das Bedürfnis der mobilen Nomaden, alles immer und überall zur Verfügung zu haben. Die ungeduldigen Konsument* innen der 24/7-Gesellschaft fordern nicht nur schnelle Reaktionen, sondern ein Shopping in Echtzeit – und dass Produkte zu ihnen dorthin kommen, wo sie gerade einen Zwischenstopp einlegen. Der Trend ist eine Fortschreibung zum Point of Situation: Dieses Konzept beschreibt, wie sich Verkaufsorte den Bedürfnissen der Kund*innen hin zu situativen Konsummöglichkeiten anpassen müssen, indem sie z.B. in Form von Pop-up-Flächen zu den Menschen kommen. Diese Trendphänomene im Handel sind Ausprägungen des Megatrends Mobilität: Menschen erwarten Angebote, die ihren mobilen Lebensstil ansprechen und sie begleiten.

Individualisierung macht den Handel menschlich

Dieser Wunsch nach Lifestyle Services ist zugleich Ausdruck der Individualisierung – ein weiterer Megatrend. Jeder Mensch möchte als Individuum angesprochen werden, die Zeiten des Massenkonsums sind längst vorbei. Sprachen wir vor circa zehn Jahren noch vom Trend zur Mass Customization, also von der individualisierten Massenfertigung, hat sich diese Entwicklung in zahlreichen Bereichen inzwischen durchgesetzt. Made to Measure beschreibt in der Fashionbranche die individuelle Anpassung von Schnittmustern auf die Maße des jeweiligen Menschen, sodass eine optimale Passform gewährleistet wird. Auch der Trend zum Curated Shopping ist Ausdruck des Wunsches nach Individualisierung und Vereinfachung in Zeiten von Überangebot.

RetailReport2021Der nächste Retail Report erscheint Ende 2021.
www.zukunftsinstitut.de

Konnektivität treibt den Handel zu Höchstleistungen

Big Data, Künstliche Intelligenz und Co. ermöglichen inzwischen auch eine hyperpersonalisierte Ansprache durch die Analyse der Kundendaten im Netz – mit all den offenen Fragen und Bedenken hinsichtlich Privatsphäre, Datenschutz und Cybersecurity rund um die digitalen Identitäten. Digitale Disruption ist zum Buzzword geworden und neue Technologien und digitale Innovatoren aus anderen Branchen stellen die Handelswelt auf den Kopf. Genauso schnell herrscht auch Überforderung in Anbetracht all der technologischen Trends, die damit verbunden sind. Omnichanneling ist heute der Mehrheit der Retailer ein Begriff, doch ob man nun in seinem Laden Roboter, dynamische Preise oder Augmented Reality einsetzen, ob man in seinem Online-Shop Voice Commerce anbieten oder doch lieber auf Subscription- Modelle setzen soll, sorgt für Überforderung. Doch dass Künstliche Intelligenz alle Dimensionen des Handels, von der Produktion bis zur Schnittstelle zum Kunden, verändert und auch künftig weiter verändern wird, steht außer Frage.

Redaktionstipp:

Masterstudiengang bereitet auf Handels-Karriere vor

Mit dem Masterstudiengang „Retail and Consumer Management“ bietet die Technische Hochschule Ingolstadt die Möglichkeit, in drei Semestern Kompetenzen u.a. in den Bereichen Strategie, Internationalisierung, Marketingkonzeption, Handels- und Konsumentenmanagement sowie Digitalisierung zu erwerben. Das englischsprachige Programm richtet sich an Studierende mit einem ersten Hochschulabschluss und praktischer Erfahrung im Kompetenzfeld Handel und Konsumenten. www.thi.de

 

„Die größte Mission in einer digitalen Welt: Gefühle zulassen und nutzen.“

Dr. Leon Windscheid, 32 Jahre, ist Psychologe, Unternehmer und Autor. Sein aktuelles Buch über Gefühle ist ein Bestseller, seine Leidenschaft für Psychologie vermittelt er bei Vorträgen, in seinem Live- Programm und in seinen drei Podcasts. Dem Fernsehpublikum wurde Leon Windscheid 2015 bekannt, als er bei Günther Jauchs Sendung „Wer wird Millionär?“ eine Million Euro gewann. Von Kerstin Neurohr

Herr Dr. Windscheid, der Berufseinstieg ist ja mit vielen verschiedenen Gefühlen verbunden: Man freut sich, aber oft sind da auch Angst und Unsicherheit. Wie geht man mit solchen Gefühlen um?
Viele Menschen haben ein unglaublich schlechtes Bild von der Angst. Sie wollen angstfrei leben. Aber gerade junge Menschen erleben oft Zukunftsangst, und da hilft es, sich ganz bewusst die positiven Optionen einer Entscheidung aufzuschreiben, sich zu fragen, was denn auch gut gehen könnte. Also den Spieß bewusst umdrehen, gegen diese Negativität angehen. Wobei es auch wichtig ist, die Angst anzunehmen, man kann auch einen Wert darin sehen. Ein Leben ohne Angst wäre langweilig. Keine Angst zu haben wäre tödlich, weil Angst eben auch ein Schutzmechanismus ist. Es ist normal, dass ich mir Angst, dass ich mir Sorgen mache. Das ist gut, denn es stellt den Fokus scharf.

Redet man überhaupt über Gefühle im beruflichen Kontext?
Meistens nicht – und ich glaube, das ist ein ganz großes Missverständnis in dieser digitalen und technisierten Welt: Dass wir uns messen sollten mit der Künstlichen Intelligenz, die immer besser wird, immer mehr Druck aufbaut, uns immer mehr Leistung abnimmt. Bisher dachte man, da gibt‘s auf der einen Seite das Rationale im Menschen und auf der anderen Seite das Emotionale. Und wir wollen alle das Rationale stringent geradeaus denken, keine Fehler machen. Das ist aber nicht menschlich. Wenn wir eine Zukunft haben wollen in einer digitalen Welt, dann müssen wir anerkennen, was uns wirklich einzigartig macht, was uns für immer von den Maschinen unterscheiden wird: Fühlen. Ein Gefühl wie Leidenschaft kann andere anstecken. Ein Gefühl wie Mut brauche ich, um neue Wege zu gehen. Empathie ist essentiell, um andere Menschen zu verstehen, um in einem großen Kollektiv zu funktionieren. Deswegen ist es ganz, ganz wichtig, dass die Berufswelt nicht mehr als eine betrachtet wird die rein rational sein soll, sondern im Gegenteil: Wir sollten Gefühle zulassen und auch nutzen lernen – das ist die größte Mission in einer digitalen Welt.

Wie zufrieden kann ein Job uns machen, und was trägt zur Zufriedenheit bei?
Ein Job ist ganz, ganz wichtig für uns Menschen und auch für unser Selbstverständnis. Wir haben das in der Coronakrise gesehen: Am Anfang dachten viele, toll, Homeoffice machen, vielleicht auch mehr freihaben, super! Aber ganz schnell spürt man doch, wie wichtig das echte Zusammenkommen ist. Das gibt Struktur. Der Austausch an der Kaffeemaschine – das ist etwas, was ganz wichtig ist. Neben all dem, was man im Beruf ohnehin erleben kann: Dass man sich verwirklichen kann, etwas bewegen kann, Dinge umsetzen kann. So kann ein Job ein ganz großer Beitrag zur Zufriedenheit sein.

Welche Rolle spielt Geld dabei?
Es geht nicht in erster Linie um das Geld. Klar, das Geld muss ungefähr stimmen. Aber Einkommen macht ab einem gewissen Punkt nicht immer mehr zufrieden. Wer nur dem Geld hinterherrennt, oder externen Faktoren wie Firmenwagen und Prestige, der untergräbt, dass eine Zufriedenheit aus ihm selbst heraus entsteht. Ich empfehle, immer mehrere Facetten zu betrachten, wenn man danach fragt, was einem der Job gibt. Passt das so grundsätzlich zu meiner Mission? Bin ich vielleicht jemand, der ökologisch leben möchte – und macht diese Firma das? Bin ich jemand, dem Diversity und Vielfalt wichtig ist – und setzt diese Firma das um? Wenn das nicht gegeben ist, kann der Job nicht wirklich zufrieden machen. Man sollte immer prüfen, ob man sich selbst verwirklichen kann. Unser Selbst möchte wachsen, sich weiterentwickeln. Das sollten wir versuchen einzufordern.

cover besser fühlenLeon Windscheid: Besser fühlen. Eine Reise zur Gelassenheit. Rowohlt 2021. 16,00 Euro Im Herbst geht Leon Windscheid mit seinem Programm „Altes Hirn, neue Welt“ auf Tour. Infos und Termine: www.leonwindscheid.de

Business-Smoothie: Kultur-, Buch- und Linktipps

Plädoyer für eine Weiterentwicklung der europäischen Verfassung

Globalisierung, Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und der Klimawandel stellen unsere Gesellschaft vor neue Herausforderungen und schaffen Handlungsbedarf. Mit „Jeder Mensch“ gibt Ferdinand von Schirach den Anstoß zu einer Ergänzung der EU-Grundrechtecharta. Er ruft dazu auf, eine „gesellschaftliche Utopie“ zu wagen, um auf die derzeitigen Entwicklungen in Europa und der Welt zu reagieren. Prominente Personen aus der Umweltbewegung, der Wirtschaft und dem Recht unterstützen die Idee bereits, auf www.jeder-mensch.eu kann man dies ebenfalls tun. Ferdinand von Schirach: Jeder Mensch. Luchterhand 2021. 5,00 Euro.

Podcast über das Innenleben im digitalen Zeitalter

„Being Underwater“ ist ein Podcast der Sozialunternehmerin und Anthropologin Joana Breidenbach, die auch das Buch „New Work needs Inner Work“ geschrieben hat. Sie spricht mit unterschiedlichsten Gästen, wobei es ihr darum geht, unsere Beziehung zur Technologie zu definieren, anstatt uns von der Technologie definieren zu lassen.

Thriller: Wer das Geld hat, hat die Macht.

Cover Monte CryptoWo ist das Vermögen von Gregory Hollister? Als der spleenige Start-up-Unternehmer bei einem Unfall ums Leben kommt, beginnt die Suche nach dem digitalen Schatz. Mehrere Millionen soll Hollister in der Kryptowährung Bitcoin angelegt haben – doch das Geld ist gut versteckt. Der Privatdetektiv Ed Dante macht sich auf die Suche und stellt schnell fest, dass auch noch andere hinter dem verschwundenen Geld her sind… Warum interessieren sich ausländische Geheimdienste, das FBI und die Mafia für den Schatz? Geht es um einen Finanzskandal, der die gesamte Weltwirtschaft in den Abgrund reißen könnte? Ein raffinierter literarischer Thriller über die neue internationale Finanzwirtschaft., hochspannend und aktuell. Tom Hillenbrand: Montecrypto. KiWi 2021. 16,00 Euro

Entspannt durch den Job-Alltag

Cover Stark trotz StressFür diesen Ratgeber haben sich fünf Frauen zusammengetan, die vielfältige Management-Erfahrung mitbringen und als Coachin oder Therapeutin tätig sind. Sie zeigen Strategien, mit denen es gelingt, trotz erhöhter Anforderungen im Alltag dauerhaft entspannt zu bleiben, die Energie-Akkus rechtzeitig wieder aufzuladen und nach Feierabend richtig abzuschalten. Sie erklären, warum Pausen so wichtig sind, wie man sich im Urlaub am besten erholt und warum Perfektionismus zur Karrierebremse werden kann. Vera Heim / Gabriele Lindemann u.a.: Stark trotz Stress. Gelassenheit finden und Kraft tanken im Job. Haufe 2021. 19,95 Euro

„Ihr werdet es einmal schlechter haben!“

Cover Working ClassSich Wohlstand aus eigener Kraft zu erarbeiten ist schwieriger geworden, insbesondere für die, die heute unter 45 sind. Die Hälfte von ihnen fürchtet, im Alter arm zu sein. Was sind die Ursachen für diesen großen gesellschaftlichen Umbruch? Julia Friedrichs hat Wissenschaftler*innen, Expert*innen und Politiker*innen befragt. Und sie hat Menschen begleitet, die dachten, dass Arbeit sie durchs Leben trägt, die reinigen, unterrichten, Tag für Tag ins Büro gehen und merken, dass es doch nicht reicht. Julia Friedrichs: Working Class. Warum wir Arbeit brauchen, von der wir leben können. Berlin Verlag 2021. 22,00 Euro.

Energie statt dauernder Müdigkeit

Cover EnergySich immer müde und erschöpft zu fühlen – das kennen auch viele Studierende und Berufseinsteiger*innen. Das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, dass man ein Leben auf Sparflamme führt, kann zermürbend sein. Dr. Anne Fleck, Ärztin für Präventiv- und Ernährungsmedizin, geht der Sache auf den Grund und erklärt, welche verborgenen Ursachen hinter ständiger Müdigkeit, Infektanfälligkeit und bisher unerklärlichen Beschwerden stecken können. Mit einem speziellen Programm zeigt sie Auswege: Dabei geht es darum, die Kraft der richtigen Ernährung zu nutzen, den individuell passenden Rhythmus zu finden, und das Immunsystem zu stärken. Anne Fleck: Energy! Der gesunde Weg aus dem Müdigkeitslabyrinth. dtv 2021. 25,00 Euro. Mit 30-Tage-Selbsthilfeprogramm

Zerreißt der radikale Individualismus unsere Gesellschaft?

Cover das ende der gierWarum werden die demokratischen Gesellschaften der westlichen Welt in ihrem Kern immer weiter ausgehöhlt? Und wie war es möglich, dass unter dem Firnis der Demokratie Extremismus und Populismus gedeihen? Danach fragen die beiden weltweit renommierten britischen Ökonomen Paul Collier und John Kay in ihrem Debattenbuch. Sie führen vor, wohin die Gier des Einzelnen führen kann – und was politisch geschehen muss, um das Auseinanderbrechen der Gesellschaft zu verhindern. Paul Collier, John Kay: Das Ende der Gier. Wie der Individualismus unsere Gesellschaft zerreißt und warum die Politik wieder dem Zusammenhalt dienen muss. Siedler 2021. 24,00 Euro

Theater im Stream: Cum-Ex Papers

CUM-EX-PAPERS, Bild: Anja Beutler
CUM-EX-PAPERS, Bild: Anja Beutler

Im Stile eines Wirtschaftsthrillers bringt das Theaterstück CUM-EX PAPERS von Regisseur Helge Schmidt den vermutlich komplexesten Finanzskandal der Jetztzeit auf die Bühne. Investoren und Banken bereichern sich mit phantasievollen Steuertricks auf Kosten des Sozialwesens. Mit welcher Rechtfertigung lehnen sie eine Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft ab? Wer empört sich darüber? Warum liegt die Strafverfolgung weit hinter den Tricksern zurück? Ein Jahr recherchierten Journalist*innen aus zwölf Ländern im Verborgenen, das Theaterteam durfte den journalistischen Prozess begleiten. Cum-Ex Papers – Eine Recherche zum entfesselten Finanzwesen. Stream auf www.spectyou.com, abrufbar zum selbst gewählten Preis ab 3,00 Euro.