Der Nachhaltigkeitsberater Hubertus Drinkuth im Interview

Seit mehr als 20 Jahren ist Systain als Nachhaltigkeitsberatung am Markt erfolgreich, das Unternehmen zählt damit zu den Pionieren in diesem Bereich. 2010 kam Hubertus Drinkuth als Managing Director hinzu. Im Interview berichtet er, wie sich die Nachhaltigkeitsberatung im Laufe der Jahre gewandelt hat, warum sie heute ein kernstrategisches Thema ist und auf welche Skills es in diesem Bereich ankommt. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Hubertus Drinkuth ist Diplom-Kaufmann und begann seine Beraterkarriere 1996 bei Roland Berger in München. Nach Auslandsstationen in Japan und China wechselte er 2006 nach Hamburg in die Otto Group, wo er als Divisional Vice President für die Konzernstrategie verantwortlich war. Nach einem Zwischenjahr in einer konzernnahen Stiftung wurde Hubertus Drinkuth 2010 Managing Director der Nachhaltigkeitsberatung Systain Consulting, einer Tochter der Otto Group. Thematisch ist er dort in den Schwerpunkten umfassende Nachhaltigkeitsstrategien und Wesentlichkeitsanalyse (Materialitätsanalyse) tätig.
Herr Drinkuth, das Beratungsunternehmen Systain existiert seit mehr als 20 Jahren, seit fast elf Jahren sind Sie dort als Managing Director tätig. Wie hat sich die Nachhaltigkeitsberatung im Laufe der Zeit gewandelt? Als ich 2010 zu Systain kam, hatte ich, so ehrlich muss ich sein, von Nachhaltigkeitsberatung keine Ahnung. Null. Ich hatte bei Roland Berger gearbeitet, war für den Otto-Konzern, zu dem Systain gehört, für die Group Strategy verantwortlich und war danach ein Jahr lang in einer konzernnahen Stiftung tätig gewesen. Als 2010 die Geschäftsführung von Systain vakant war, dachte man sich wohl, ich sei als Unternehmensberater mit Stiftungserfahrung perfekt für diese Position geeignet. Dabei war das für Sie ein Sprung ins kalte Wasser. Schon, ja, wobei ich bei meiner Tätigkeit für die Stiftung schon gemerkt hatte, dass es Bereiche gibt, in denen Leute Ansichten und Argumente haben, die sich mit meinen neoklassischen Consultant-Argumenten nicht aushebeln ließen. Die Welt besteht nicht nur aus Zahlen. So ungefähr, ja. Und auf solche Menschen bin ich dann auch bei Systain getroffen: Gearbeitet haben dort, kurz gesagt, begabte Menschen mit einem echten Faible für Nachhaltigkeit. Was mir damals recht schnell klar wurde: Wir müssen die beiden Sichtweisen verheiraten, also die Unternehmens- mit der Nachhaltigkeitsperspektive verbinden, um Unternehmen langfristig erfolgreich zu machen. War dieser Ansatz neu? Ja. Viele Unternehmen haben damals noch gar nicht verstanden, was die Nachhaltigkeitsleute von ihnen wollen. Oft war es so, dass die Unternehmen Anrufe von Nachhaltigkeitsaktivist* innen bekannter Nichtregierungsorganisationen bekamen, die ihnen sagten: „Ihr müsst etwas beim Thema Wasser oder CO2-Emissionen machen!“ Daraufhin haben die Unternehmen hektisch Maßnahmen eingeläutet und diese dann in ihren Nachhaltigkeitsberichten verkauft. Wobei diese wiederum, weil Nichtregierungsorganisationen in der Regel gleich mehrere Unternehmen angerufen hatten, sehr gleichförmig aussahen. Nachhaltigkeit auf Zuruf? Genau. Eine Strategie gab es nicht. Kaum ein Unternehmen wusste, warum man sich eigentlich diesen Nachhaltigkeitsthemen widmen sollte. Nach einer kurzen Phase der Ernüchterung darüber, dass noch kaum ein Unternehmen über eine wirkliche Nachhaltigkeitsstrategie verfügt, fühlten wir uns motiviert, Systain neu aufzubauen.
Es musste zunächst darum gehen, eine Faktenbasis zu schaffen, als Grundlage für unternehmerische Entscheidungen. Und was braucht man dafür? Keine Geschichten, sondern Zahlen.
Mit welchem Ziel? Es musste zunächst darum gehen, eine Faktenbasis zu schaffen, als Grundlage für unternehmerische Entscheidungen. Und was braucht man dafür? Keine Geschichten, sondern Zahlen. Und zwar welche mit Euro-Zeichen am Ende. Also haben wir unser Input-Output-Modell entwickelt, das in der Lage ist, auf Basis volkswirtschaftlicher Modelle die gesamte Wertschöpfungskette eines Unternehmens zu simulieren. Und diese Simulation haben wir mit Environmental Extensions erweitert – also Daten, die benennen, wie hoch zum Beispiel die CO2-Emissionen sind, die entstehen, wenn ich als Unternehmen für einen Euro Stahl aus China beziehe und nicht aus dem Ruhrgebiet. Bewertet man diese Emissionen dann mit ihren externen Kosten, habe ich am Ende eine Zahl, die jeder CEO versteht: Die Schadkosten an der Umwelt in Euro, die sein Geschäftsmodell verursacht, für die das Unternehmen aber nicht bezahlt. Consultants sind gut darin, Chancen und Potenziale zu benennen. Wenn es bei der Nachhaltigkeitsberatung weiterhin darum geht, Schäden zu beziffern: Wie gelingt es Ihnen, einen positiven Spin zu generieren? Indem wir Nachhaltigkeitsthemen auch dahingehend analysieren, ob in ihnen Unternehmenswert steckt, ob man mit ihnen positiv auf die Entwicklung des Unternehmens einzahlen kann. Mit Beginn dieser Diskussion erhält das Thema Nachhaltigkeit auf einem Schlag kernstrategische Relevanz, weil das Management merkt: Hier stellen mir keine Nachhaltigkeitsfreaks unangenehme Fragen, hier erfahre ich als derjenige, der z. B. die Logistik leitet, welche Risiken ich verringere, sobald ich eine bestimmte Entscheidung treffe. Das Management erkennt in diesem Moment eine unternehmerische Chance, und oft ist es so, dass die Verantwortlichen erst beim zweiten Nachdenken merken: „Ah, das ist ja darüber hinaus auch noch nachhaltig, wie praktisch!“ In genau diesem Moment entsteht der positive Spin: Wir müssen nachhaltiger werden, ja – aber wenn wir das Thema angehen, dann nutzen wir doch bitte diejenigen Aspekte, mit deren Hilfe wir etwas Positives für das Unternehmen und die Gesellschaft und/oder Natur herausziehen können. Sie sprachen vom Unternehmenswert, ist dieses beim Thema Nachhaltigkeitsberatung rein ökonomisch zu betrachten? Hier verlassen wir uns mit unserem Consulting tatsächlich auf die Welt der großen Hardcore-Strategieberatungen. Bei diesen geht’s häufig um das nackte Ergebnis, die „Bottom-Line“. Im Nachhaltigkeitsbereich lässt sich eine solche Zahl eigentlich nur im Bereich der Effizienz generieren. Wobei bei einem Thema wie Energieeinsparung heute oft die letzten Stellschrauben bereits gedreht sind. Womit wir uns beschäftigen, sind erweiterte Bereiche, um Unternehmenswerte zu schaffen. Einer ist zum Beispiel der Markenwert, den wir aus drei Perspektiven betrachten: erstens aus Richtung des Kapitalmarkts. Dieser koppelt den einfachen Zugang zu Geld immer stärker an Nachhaltigkeit, die EU-Taxonomie wird diesen Trend noch verstärken.
Immer mehr junge Menschen achten bei der Wahl ihres Arbeitgebers darauf, ob ihnen dieser Job Purpose verspricht. Unternehmen, die ihre Nachhaltigkeitsaufgaben nicht gemacht haben, bekommen daher keine Talente mehr, was weder an Gehältern noch an der Attraktivität des Stammsitzes liegt.
Der zweite Wert ergibt sich mit Blick auf den Human Ressources-Markt: Immer mehr junge Menschen achten bei der Wahl ihres Arbeitgebers darauf, ob ihnen dieser Job Purpose verspricht. Unternehmen, die ihre Nachhaltigkeitsaufgaben nicht gemacht haben, bekommen daher keine Talente mehr, trotz guter Gehälter und einer hohen Attraktivität des Arbeitsortes. Ein dritter Wert ist die Resilienz, die durch die Pandemie enorm an Bedeutung gewonnen hat. Viele Unternehmen haben erkannt, dass ihr Geschäftsmodell lange nicht so gut gegen externe Schocks gewappnet ist, wie sie gedacht haben: „Da kommt so ein kleiner Virus – und schon liegt mein Geschäft am Boden.“ Die Manager erkennen daraufhin zum Beispiel, dass es nicht klug ist, ausschließlich auf preisgünstige Lieferanten aus Fernost zu setzen. Lange hat man sich diese Frage nur selten gestellt. Jetzt merkt man: Es ist sinnvoll, das zu balancieren. Aus ökonomischen Gründen. Aber eben auch mit Blick auf die Nachhaltigkeit. Stichworte: CO2-Emissionen oder auch eine mögliche Menschenrechtsproblematik. Welche Beraterskills sind notwendig, um in diesen ja doch sehr komplexen Feldern tätig zu sein? Ich glaube, die in diesem Bereich notwendigen Skills unterscheiden sich gar nicht so sehr von denen, die Berater*innen generell mitbringen sollten. Wir benötigen analytische Skills und müssen gut mit Menschen umgehen können. Verbindet man beides, entsteht das Vertrauen, das wir für unsere Arbeit benötigen. Und wichtig für unseren Beruf ist Erfahrung, die man sich im Laufe vieler Projekte aneignet, ein Gespür für Probleme, Herausforderungen, für Hotspots, also von Ecken, in denen das Nachhaltigkeitsproblem besonders deutlich wird. Das kann man nicht im Lehrbuch lernen, das bringt einfach die Erfahrung mit sich. Wichtig ist auch, sich in der Nachhaltigkeitsberatung der eigenen Grenzen bewusst zu sein. Wir verstehen uns zum Beispiel nicht als Prozessoptimierer von Fabrikabläufen, denn wir sind keine Ingenieure. Arbeiten wir mit Kunden zusammen, die denken, wir könnten für sie auch ihre Maschinen richtig einstellen, damit das Nachhaltigkeitsziel erreicht wird, dann sagen wir in bestimmten Fällen: Da müssen wir passen. Diese Offenheit ist wichtig. Schließlich wissen wir, was wir können – und was eben nicht.

Zum Unternehmen

In den ersten Jahren ab 1999 war das Beratungsunternehmen Systain mit Sitz in Hamburg dafür verantwortlich, für den Mutterkonzern Otto Group Beratungsexpertise in den Nachhaltigkeitsfeldern aufzubauen. Von 2003 bis 2009 entwickelt Systain hauptsächlich für Kunden aus der Textilindustrie Lösungsansätze für nachhaltige Lieferketten. Seit 2010 orientiert sich Systain hin zum faktenbasierten Nachhaltigkeitsmanagement und begleitet Kunden aus den verschiedensten Branchen, vor allem Industriekunden. Das Beratungsunternehmen entwickelt neue Methoden und Modelle, um Nachhaltigkeit als strategisch relevantes Thema in den Unternehmensstrategien von Kunden zu verankern. Dank der intensiven Entwicklungsarbeit erhielt Systain 2013 den Hamburger Consulting Preis, war 2014 beim Gewinn des CSR-Preises der Bundesregierung der Otto Group maßgeblich beteiligt und wurde 2016 mit dem More-than-a-Market-Award in China ausgezeichnet. www.systain.com

Die Wirtschaftsprüfung wird zunehmend digitaler

Künstliche Intelligenz (KI), Audit Bots und Algorithmen: Laut einer Studie planen die Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungsgesellschaften massive Investitionen für die Umsetzung ihrer Digitalstrategien. Eine gesteigerte Effizienz ist ein Ziel dieser Maßnahmen, ein zweites betrifft direkt die Arbeit der Prüfer*innen. Von Christoph Berger

Die Budgets der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften für ihre digitale Transformation steigen von Jahr zu Jahr. Derzeit, so das Ergebnis der zusammen von Lünendonk und RSM erstellten Sonderpublikation „Digitalisierung in der Wirtschaftsprüfung“, planen die Unternehmen, durchschnittlich 3,7 Prozent ihres Umsatzes in diesen Bereich zu stecken. Im Hinblick auf deren Strategie bedeutet dieses Mehr, dass es vor allem um die Optimierung von digitalen Prozessen, den Ausbau der IT-Infrastruktur, Business Analytics und Business Intelligence (BI) sowie den Einsatz von Prüfungssoftware geht. Dass dies zu nachhaltigen Veränderungen in der Arbeitsweise der Wirtschaftsprüfer führen wird, steht außer Frage. So erwarten immerhin 25 der führenden WP-Gesellschaften aus der aktuellen Lünendonk-Studie 2020, dass bereits im Jahr 2026 mehr Prüfungsleistungen mittels Maschinen erbracht werden als durch Menschen. Legt man im Vergleich dazu den Fokus auf die zu prüfenden Unternehmen, so ist auch dort ein ähnlicher Trend festzustellen – PwC befragte hierzu für die Studie „Digitalisierung im Finanz- und Rechnungswesen 2020“ im letzten Jahr mehr als 100 mittelständische und Großunternehmen unterschiedlicher Branchen. Demnach werden für immer mehr und immer komplexere Aufgaben im Accounting moderne Technologien eingesetzt. Stichworte sind hier KI und Robotic Process Automation, abgekürzt RPA. Bei RPA bearbeiten Software-Roboter strukturierte Prozesse automatisiert. Es geht dabei also vor allem um das Abarbeiten von immer wiederkehrenden Standardaufgaben. Die Studie beleuchtete auch die Erfahrungen der befragten Entscheider mit und ihre Erwartungen an eine zunehmend digitale Abschlussprüfung. So glauben zehn Prozent (2019: fünf Prozent) von ihnen, dass sie dadurch „in erheblichem Umfang“ bis dato unbekannte Informationen über ihr Unternehmen erhalten. Und mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent) erwartet einen Automatisierungsgrad von 40 Prozent und mehr in den nächsten fünf Jahren. Ein derartiges Ergebnis ordnet PwC als Appell ein, die Automatisierung der Abschlussprüfung auch zu ermöglichen. Doch genau dabei gibt es laut der Lünendonk-Untersuchung noch einige Hürden zu überwinden. Denn: Nicht nur die Menge an gesammelten Daten spielt bei der Digitalisierung der Abschlussprüfung eine zentrale Rolle, sondern auch deren Qualität. Und bei der scheint es auf Seite der Mandanten noch Nachholbedarf zu geben. So hätten Studienteilnehmer die mangelnde Datenqualität auf Mandantenseite als größtes Hindernis für die digitale Transformation in der Prüfung identifiziert: 91 Prozent bewerteten diese Aussage mit „zutreffend“ beziehungsweise „auf jeden Fall zutreffend“. Auf den Plätzen zwei und drei folgen die „schwere Umsetzung von Erfahrungswissen in automatisierte Prozesse“ und die „Zurückhaltung oder Unkenntnis auf Mandantenseite“.
„Die Wirtschaftsprüfung braucht künftig Experten, die einerseits neben einer ausgewiesenen IT-Expertise auch statistische Fähigkeiten haben und andererseits in der Verbindung zwischen Wirtschaftsprüfung und Informationstechnologie ihre Berufung sehen.“
Trotz dieser noch zu bewältigenden Herausforderungen setzen die Prüfer und Berater laut Lünendonk und RSM „verstärkt auf Big Data Analytics, Process Mining und Künstliche Intelligenz“. 83 Prozent der Studienteilnehmer würden sich mit diesen Themen im Hinblick auf eine digitalisierte Abschlussprüfung beschäftigen, heißt es. Die Vorteile des Technologieeinsatzes klar vor Augen: die Vermeidung von Fehlern in der Abschlussprüfung und die Möglichkeit, die Konzentration auf komplexere Aufgaben zu legen. Was genau diese komplexeren Aufgaben sein könnten und wie sich überhaupt das Berufsbild der Prüfer*innen durch die Digitalisierung verändern könnte, auch diesen Fragen gingen die Studienautoren von Lünendonk und RSM nach. Eine Erkenntnis: „Verantwortliche im HR-Bereich müssen nicht nur zukünftig, sondern bereits heute Mitarbeiter finden, die Kenntnisse sowohl in der Rechnungslegung als auch in der Informatik mitbringen.“ So hätten immer mehr Mitarbeiter in den WP-Gesellschaften einen Studienabschluss einer technischen Hochschule. Außerdem würden die Kooperationen mit Start-ups und IT-Unternehmen zunehmen. In der von der Wirtschaftsprüfungskammer herausgegebenen Broschüre „Wirtschaftsprüfer“ wird außerdem erläutert, dass sich neben dem klassischen Karrierepfad im Accounting und Audit aufgrund der vielfältigen Herausforderungen ein Spezialisten-Karrierepfad etablieren wird: IT-Spezialist, IFRS-Spezialist. Diese Kenntnisse seien „für ein klares Verständnis der zu analysierenden Daten und vor allem der dahinterliegenden selbstständigen Prozesse unabdingbar, um Daten effektiv und verlässlich analysieren zu können. Die Wirtschaftsprüfung braucht daher künftig Experten, die einerseits neben einer ausgewiesenen IT-Expertise auch statistische Fähigkeiten haben und andererseits in der Verbindung zwischen Wirtschaftsprüfung und Informationstechnologie ihre Berufung sehen.“ Aufgrund der vermehrten Entbindung von einfachen und sich wiederholenden Tätigkeit durch den Technikeinsatz, würden laut Lünendonk und RSM zudem Kapazitäten für Bewertung und Beratung sowie für Sach- und Sonderthemen frei. All dies führe im Ergebnis zu einer ansteigenden Attraktivität des Berufsbildes. In eine ähnliche Kerbe schlug bereits 2019 Gerhard Ziegler, Präsident der Wirtschaftsprüferkammer. Im Rahmen der damaligen Versammlung der Wirtschaftsprüferkammer sagte er: „Unsere Chance wird sein, die Künstliche Intelligenz zu unserem unterstützenden Partner zu machen. Unser Berufsstand wird weiterhin gefordert sein, die uns gelieferten Analyseergebnisse im wirtschaftlichen und rechtlichen Umfeld des Mandanten einzuordnen.“ Und auch in diesem Jahr wird der Leitgedanke der im November stattfindenden bundesweiten Kammerversammlung das Thema „Wirtschaftsprüfung und Digitale Zukunft“ sein. Und so kommen schließlich auch die Autoren von Lünendonk und RSM zu ihrem klaren Fazit: „Die Arbeit der klassischen Wirtschaftsprüfungs- und Steuerberatungs-Gesellschaften wird durch die Digitalisierung in der Zukunft auch nicht überflüssig, sondern abwechslungsreicher.“

Buchtipps

Cover LaueRalf Laue, Agnes Koschmider, Dirk Fahland: Prozessmanagement und Process-Mining. De Gruyter Studium 2020, 39,95 Euro IDW (Hrsg.): Data Analytics in der Wirtschaftsprüfung. IDW Verlag 2021, 49 Euro.

Nachhaltigkeit wird zu einem Muss

0

Das Thema Nachhaltigkeit hat längst das Nischendasein verlassen und wird von Gesetzen reguliert. Doch nicht nur das. Auch Investoren wollen über Nachhaltigkeitsrisiken informiert werden. Und nicht zuletzt: Nachhaltigkeit rechnet sich. Von Christoph Berger

Im März 2020 formulierte Yngve Slyngstad, bis Herbst letzten Jahres CEO des norwegischen Staatsfonds, des Government Pension Fund Global (GPFG), eine Forderung, die die zukünftige Richtung vorgibt – der norwegische Staatsfonds ist der weltweit größte Fonds: „In den letzten Jahren haben wir die Unternehmen aufgefordert, in ihrer Nachhaltigkeitsberichterstattung von Worten zu Zahlen überzugehen. Wir wünschen uns eine relevantere und vergleichbarere Berichterstattung von Unternehmen, damit wir als Investor die Exposition der Unternehmen gegenüber Nachhaltigkeitsrisiken analysieren können.“ Wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, sollten die Unternehmen beispielsweise bei den Umweltthemen wie Klima und Wasser die Plattform des Carbon Disclosure Project verwenden, einer Non- Profit-Organisation mit Sitz in London. Der GPFG ist hinsichtlich seiner Anforderungen längst kein Einzelfall mehr. „Weltweit berichten immer mehr Unternehmen über Nachhaltigkeitsthemen, und sie tun dies auch ausführlicher. Treiber sind oft regulatorische Anforderungen, aber auch die zunehmenden Anforderungen von Kapitalgebern – Nachhaltigkeit wird immer wichtiger für die Equity Story“, sagt Christian Hell, Leiter des Bereichs Sustainability Services bei KPMG in Deutschland. Die Berichterstattung stelle daher auch immer häufiger einen Bezug zu potenziellen Geschäftsrisiken her, ausgelöst durch den Klimawandel. Hier würden die Unternehmen zunehmend finanzielle Risiken sehen – während man sich vor einigen Jahren noch Gedanken um damit verbundene Reputationsrisiken gemacht habe. Hell erklärt weiter: „Wir gehen davon aus, dass auch andere Nachhaltigkeitsthemen wie Menschenrechte, Diversity oder angemessene Entlohnung schon bald auch in ihren finanziellen Dimensionen erkannt werden.“ Dass Klimaschutz zudem nicht nur ein politisch gewolltes und gesellschaftlich verlangtes Ziel ist, sondern sich auch wirtschaftlich rechnet, zeigen Ergebnisse der Studie „Net-Zero Europe“ von McKinsey. So sei das von der Europäischen Union erklärte Ziel der Klimaneu tralität bis 2050 ohne gesamtwirtschaftliche Mehrkosten zu erreichen. Zwar müssten jährlich zusätzliche 180 Milliarden Euro investiert werden, die jedoch durch Einsparungen an anderer Stelle kompensiert würden. Der grüne Umbau der europäischen Wirtschaft könnte unterm Strich fünf Millionen zusätzliche Arbeitsplätze schaffen: Während zwar sechs Millionen Jobs verloren gingen, entstünden in Zukunftsbranchen elf Millionen neue Arbeitsplätze. Die Hälfte der insgesamt nötigen Emissions-Einsparungen können mit bereits ausgereiften Technologien erreicht werden. Da wundert es nicht, welch entscheidende Rolle das Thema in den Unternehmen spielt. Am Beispiel der Technologieunternehmen zeigt zum Beispiel der Technology Sustainability Survey von Deloitte, dass das Thema Nachhaltigkeit für 86 Prozent der befragten Führungskräfte ein wesentlicher Bestandteil ihrer Geschäftstätigkeit ist – vor allem bei Unternehmen mit mehr als 1000 Mitarbeiter*innen. Und auch hier werden zahlreiche Vorteile identifiziert: die Senkung von Betriebskosten, die Eroberung neuer Märkte sowie die Nachfrage ihrer Kunden. Auch die Motivation der eigenen Mitarbeiter spielt für immerhin ein Drittel der Befragten noch eine Rolle. Das Mindern von Klimarisiken (21 %) und intrinsisches Engagement (6 %) stehen jedoch noch hinten auf der Liste der Beweggründe.

Vielfalt begünstigt Erfolg

0

Diversity wird von immer mehr Unternehmen in die Unternehmenskultur integriert. Das hat viele Gründe: unter anderem mehr Mitarbeiterzufriedenheit und eine höhrere Innovationskraft. Und auch der Unternehmenserfolg hängt mit der Vielfalt zusammen. Von Christoph Berger

Es sind die konkreten Umsetzungen, die in den Belegschaften ankommen und mit denen Unternehmen bei den Themen Vielfalt und Inklusion punkten. Trainings für Angestellte zur Förderung eines integrativen Handelns, den Aufbau einer vielfältigen Belegschaft und die Einstellung von Führungskräften mit diversem Hintergrund werden dabei laut dem aktuellen Randstad Arbeitsbarometer besonders wohlwollend bewertet. Carlotta Köster-Brons, Leiterin des Hauptstadtbüros bei Randstad Deutschland, sagt: „Für Arbeitnehmende zählen handfeste Veränderungen, die zeigen, dass es ihre Arbeitgeber ernst meinen. Abstrakte Maßnahmen wie Spenden oder Aufrufe dazu erachten Mitarbeitende als weniger wichtig für Inklusion und Vielfalt.“ Und die Maßnahmen wirken sich äußerst positiv auf die Unternehmenskultur aus. So berichten die von der PageGroup für die Diversity Management Studie 2021 Befragten von einer spannenderen Arbeitsatmosphäre (53%), einer gesteigerten Mitarbeiterzufriedenheit (47%) und einer höheren Innovationskraft (27%), die in vielfältigen Teams wahrzunehmen sind. „Diverse Teams profitieren von den verschiedenen Charakterzügen, interkulturellen Kompetenzen und Erfahrungen einzelner Teammitglieder. Deshalb gilt es, sie zu fördern“, beschreibt Goran Bariç, Geschäftsführer der PageGroup Deutschland, die Ergebnisse. Hinzu kommen die Wirkung nach außen. 66 Prozent der Studienteilnehmer*innen hätten angegeben, dass Diversity Management- Initiativen die Wahrnehmung der Arbeitgebermarke bei Bewerber*innen steigern und sich das Unternehmensimage verbessert. „Je diverser, desto erfolgreicher.“ Dies ist auch das Ergebnis der Studie „Diversity Wins – How Inclusion Matters“, für die McKinsey Daten von mehr als 1000 Unternehmen in 15 Ländern analysiert hat. Diese deckten aber auch noch eine andere Tatsache auf: Zwei Drittel der seit 2014 analysierten Unternehmen hätten in den vergangenen fünf Jahren keinen Fortschritt gemacht, etwa 30 Prozent hätten vorherige Erfolge nicht weiter ausgebaut und ein weiteres Drittel habe sich sogar verschlechtert. Nur 33 Prozent der untersuchten Unternehmen hätten sich verbessert, gerade mal fünf Prozent deutlich. Diese Nachzügler würden laut McKinsey nun einen hohen Preis zahlen: Das Viertel der Unternehmen mit der niedrigsten Diversität nach Geschlecht und ethnischem Hintergrund hat eine um 25 Prozent niedrigere Wahrscheinlichkeit, überdurchschnittlich zu performen. Denn, so McKinsey-Partnerin und Diversity-Expertin Julia Sperling: „Um in der heutigen Arbeitswelt zu bestehen und die aktuellen Herausforderungen zu bewältigen, sind andere Führungsstärken gefragt. Homogene Führungsteams haben es schwer, passende Antworten auf diese Veränderungen zu finden.“ Dass bei den Beratungsunternehmen selbst – auch wenn sie in Bezug auf die vertretenen Disziplinen sicher schon breit aufgestellt sind und Interdisziplinarität seit Jahren aufbauen – in Sachen Diversität und Inklusion noch einiges an Arbeit vor sich haben, davon zeugt der erst Anfang 2020 im BDU ins Leben gerufene Arbeitskreis Diversity im Consulting.

Unternehmen und Diversity

Ein Gespräch mit Aletta Gräfin von Hardenberg (Geschäftsführerin der Charta der Vielfalt) und zwei Vertreterinnen des BDU-Arbeitskreises Diversity:

Scanner-Blick Kultur-, Buch- und Linktipps

0

Kultur-, Buch- und Linktipps

It´s now

Cover Janina Kugel It´s nowDie ehemalige Siemens-Personalvorständin Janina Kugel, eine der einflussreichsten Frauen in der deutschen Wirtschaft und prominente Mitinitiatorin der Initiative #ichwill, beschreibt in ihrem ersten Buch, wie wir unsere (Arbeits)Welt von morgen aktiv gestalten und neu denken können. Die technologischen Disruptionen, die gesellschaftlichen Umbrüche in der Welt und nicht zuletzt die Corona-Krise wirken hierbei wie ein Katalysator, der uns buchstäblich vor Augen führt, mit welcher Rasanz und Dynamik diese Veränderungen unser Leben auf den Kopf stellen. In dem Buch berichtet sie außerdem erstmals von ihren persönlichen Erfahrungen und liefert konkrete Vorschläge und Denkanstöße – ein Plädoyer, neue Wege zu gehen: mit Optimismus, Mut und Leidenschaft. Janina Kugel: It’s now. Ariston 2021, 22 Euro..

Die erste Linienflugkapitänin der Welt

Cover FreiflugDeutschland in den Siebzigerjahren. Katharina Berner stammt aus einer gut situierten Unternehmerfamilie, geht aber seit jeher ihren eigenen Weg. Dass sie Jura studieren wollte, statt eine Familie zu gründen, haben weder ihr Vater, der alte Patriarch, noch ihre Mutter oder Schwestern je verstanden. Doch sie hat sich durchgesetzt und arbeitet in einer großen Kanzlei in Köln – glücklich ist sie allerdings nicht. Die männlichen Kollegen machen ihr den Alltag zur Hölle, am liebsten würde sie sich selbstständig machen. Nur wie, wenn nicht einmal jemand Büroräume an sie vermieten will? Da bittet eine junge Frau Katharina um Hilfe: Rita Maiburg besitzt eine Pilotenlizenz, versucht jedoch vergeblich, eine Anstellung zu bekommen. Die Lufthansa hat ihre Bewerbung mit der Begründung abgelehnt, dass sie grundsätzlich keine Frauen als Piloten einstellt. Diese Ungerechtigkeit will Rita sich nicht gefallen lassen. Katharina nimmt den Fall an, und die beiden beschließen zu klagen – gegen die Lufthansa und die BRD. Einen Verbündeten findet Katharina in ihrem Vermieter Theo, der sie nach Kräften unterstützt. Doch wird es den beiden Frauen gelingen, Ritas Traum vom Fliegen endlich Wirklichkeit werden zu lassen? Christine Drews: Freiflug. Dumont 2021, 20 Euro.

Move

Cover MoveIn diesem Buch eröffnet Parag Khanna, indisch-amerikanischer Politikwissenschaftler und in Singapur lebender Vordenker, einen anderen, neuen Blick auf die Welt. Er bringt Geschichte, Politik und die natürlichen Lebensbedingungen des Menschen, die sich gerade rasant verändern, zusammen und leitet daraus Voraussagen für die Zukunft ab. Seine Grundthese: Die Menschheit wird sich in den nächsten Jahrzehnten neu auf der Erde verteilen (müssen). Gebiete, die bislang von der Natur bevorzugt wurden, drohen unbewohnbar zu werden; alte Industrieregionen, die Millionen von Menschen angezogen haben, werden veröden, neue Zentren entstehen. All dies wird nicht auf ein Land beschränkt sein, sondern zum weltweiten Phänomen. Die Gründe, die Khanna für riesige Migrationsströme über die Kontinente hinwegsieht, sind vielfältig: von demographischen Schieflagen und unterschiedlichen Modernisierungsgeschwindigkeiten über Klimaveränderungen bis zu sich neu verteilenden Arbeitsmöglichkeiten. Parag Khanna: Move. Rowohlt 2021, 24 Euro.

Zukunftsrepublik

Cover ZukunftsrepublikUm ein Land zukunftsfähig zu machen, braucht es vor allem eines: kreative Köpfe, die über das Morgen hinausdenken. Darum haben die Herausgeberinnen und Herausgeber des Buchs „Zukunftsrepublik“ 80 herausragende Persönlichkeiten zusammengebracht, die unsere Zukunft mit ihren Ideen entscheidend prägen werden. Das Buch ist ein Feuerwerk an Zukunftsvisionen, persönlichen Einschätzungen und Wegweisern für die sechs Kategorien Bildung, Wirtschaft, Arbeit, Gesundheit, Politik und Gesellschaft. Marie-Christine Ostermann, Celine Flores Willers, Miriam Wohlfarth, Daniel Krauss, Andreas Rickert, Hauke Schwiezer (alle Hrsg.): Zukunftsrepublik – 80 Vorausdenker*innen springen in das Jahr 2030. Campus 2021, 24,95 Euro.

Kapital und Ressentiment

cover Kapital und RessentimentEs zieht sich eine Spur der Zerstörung von der Herrschaft der Finanzmärkte über die neuen Netzgiganten bis hin zur dynamisierten Meinungsindustrie. Auf der Strecke bleiben dabei Demokratie, Freiheit und soziale Verantwortung. Joseph Vogl rekonstruiert in seiner Analyse, wie im digitalen Zeitalter ganz neue unternehmerische Machtformen entstanden sind, die unser vertrautes politisches Universum mit einer eigenen Bewertungslogik überschreiben und über nationale Grenzen hinweg immer massiver in die Entscheidungsprozesse von Regierungen, Gesellschaften und Volkswirtschaften eingreifen. Joseph Vogl: Kapital und Ressentiment. C.H. Beck 2021, 18 Euro.

Die Wildgans-Strategie

Cover WildgansstrategieIn vielen Unternehmen werden das geschäftliche Miteinander sowie die Arbeitsabläufe noch immer von Konkurrenzdenken und Egoismus dominiert. Dabei ist das, was vor hundert Jahren noch die Norm und erfolgversprechend war, schon längst überholt. Anhand einer Parabel, die veranschaulicht, wie wichtig Vertrauen und Teamwork für eine nachhaltige Unternehmenskultur und für eine erfolgreiches Personalmanagement sind, zeigt Sofie Klos, dass Kooperation und Vertrauen langfristig betrachtet deutlich erfolgreicher sind. Die Autorin stellt unterschiedliche Kooperationsstrategien vor, die sinnbildlich anhand des Verhaltens von Vögeln bei einem Wettflug betrachtet und analysiert werden. Sofie Klos: Die Wildgans-Strategie. Cherry Media 2020, 14,90 Euro.

Zusammen führen

Cover Zusammen führenDas Buch von Eva-Maria Kraus zeigt auf, wie Führungskräfte ein strategisches Netzwerk aufbauen. Krisen wie die Corona-Pandemie haben gezeigt, dass wir nur gemeinsam im Miteinander zu auch langfristig erfolgreichen Lösungen kommen können. Hier funktioniert kein Silodenken oder das Kleben an traditionellen Hierarchien. Eva-Maria Kraus ist überzeugt: Nur durch die Schaffung einer Kultur des Miteinander und Füreinander werden Unternehmen gerüstet in die Zukunft auch nach Corona gehen können. Hier sind die Dynamik und Kraft von strategisch vernetztem Arbeiten essenziell. Eva-Maria Kraus: Zusammen führen. Wiley-VCH 2021, 24,99 Euro.

Dein perfekter Unternehmertag

cover Dein perfekter UnternehmertagMit Anfang 30 da sein, wo viele gern am Ende des Lebens wären: Rayk Hahne hat es geschafft. Er ist Unternehmensberater, BMX-Profisportler, Familienvater und Podcaster. Aus den über 100 Tools und Techniken, die seine Gäste wie Investor Frank Thelen oder Sportikone Marcell Jansen in seinem Podcast verraten haben, stellt er die Essenz vor. Von „Wie sieht ein perfekter (Unternehmer)Tag aus“ bis hin zu „Denke groß wie Frank Thelen“ zeigt Rayk Hahne, wie sich mit hartem Einsatz, Disziplin und einem klaren (Trainings)Plan Freiheit in allen Lebensbereichen, beruflich wie privat, erreichen lässt. Rayk Hahne: Dein perfekter Unternehmertag. FinanzBuch Verlag 2021, 17,99 Euro.

Das letzte Wort hat: Prof. Dr. Burkhard Schwenker, Unternehmensberater

0

Prof. Dr. Burkhard Schwenker hat sich mit Leidenschaft der Beratung verschrieben. Nun hat er mit Mitstreiter*innen ein Plädoyer für die Betriebswirtschaftslehre verfasst. Oder: Das Strategieberatungskonzept für eine Wissenschaftsdisziplin. Im Interview erklärt er zudem, welche Rolle BWLer*innen in Beratungsunternehmen zukommt. Die Fragen stellte Christoph Berger

Zur Person

Prof. Dr. Schwenker, Foto: privat
Prof. Dr. Schwenker, Foto: privat
Prof. Dr. Burkhard Schwenker, Jahrgang 1958, studierte Mathematik und Betriebswirtschaftslehre. Seine berufliche Karriere startete er bei der PWA Papierwerke Waldhof- Aschaffenburg AG. Später wurde er Berater bei Roland Berger. Dort stieg er bis zum Vorsitzenden des Executive Committee auf. Es folgte der Vorsitz im Aufsichtsrat. Heute besetzt er zahlreiche Posten in Unternehmen und Institutionen und widmet sich der Lehre.
Herr Dr. Schwenker, vor welchen Herausforderungen steht die Disziplin Betriebswirtschaftslehre heute und auf welche Herausforderungen sollte sie Antworten finden? Inhaltlich und von der Hauptzielgruppe kommend, den Unternehmen, wird Unternehmensführung schwieriger und anspruchsvoller. Kurzfristig hängt das mit den Corona- Effekten zusammen. Aber auch darüber hinaus können wir davon ausgehen, dass technologische Sprünge weiterhin extrem zunehmen werden. Damit verbunden sind die Vermischung von Branchengrenzen, die Abgrenzungen des Tätigkeitsfelds eines Unternehmens schwieriger machen. Wir können davon ausgehen, dass die politischen Konflikte zunehmen werden und selbstverständlich gibt es das gesamte Thema Nachhaltigkeit – sowohl auf Kundenseite als auch aus Richtung der Regulatorik. Die ganz große Überschrift für diese Phänomene ist: Ungewissheit. Wir wissen heute weder, welche Ereignisse vor uns liegen, noch wie ihre Wahrscheinlichkeiten aussehen. Das führt dazu, dass viele der klassischen betriebswirtschaftlichen Instrumente, die explizit oder implizit immer auf der Vorstellung beruhen, dass Wahrscheinlichkeiten bekannt sind, heute nicht mehr funktionieren. Man muss also neu denken. In Ihrem Buch tauchen auch Schlagworte wie Purpose, New Work oder Agilität auf. Sind dies Themen, die umgesetzt werden müssen, um zu einer „guten“ BWL zu kommen, wie Sie sie nennen? Die Herausforderung besteht darin, all dies in der Unternehmensführung umzusetzen. Mit der Zunahme des Anspruchs muss sich auch die BWL darauf ausrichten. Das muss der Anspruch sein: Sie muss die Forschung auf diese Themen ausrichten, die Lehre umstellen – es geht darum, die Instrumente zu reflektieren statt nur ihre Anwendung zu lehren. Das Paket ist groß. Andererseits wird BWL von den Unternehmensführungen sehr geschätzt. Sie setzt somit auf einer guten Basis auf, von der aus sie sich weiterentwickeln kann. Damit steht die BWL genau vor dem Wandel, vor dem auch die Branchen und Unternehmen stehen. Genau. Auch die BWL muss ihre Denkmuster überarbeiten. Dabei wäre es wünschenswert, wenn sie schneller als die Unternehmen wäre. Denn die Aufgabe jeder anwendungsorientierten Wissenschaft ist es, Entscheidungshilfen zu bieten. Kann ein/eine Betriebswirt*in dieser komplexer werdenden Welt überhaupt noch den Überblick behalten? Es geht immer darum, sich einen Überblick zu verschaffen, ein Gespür für mögliche Entwicklungen aufzubauen. Das bedeutet, dass man sich breit aufstellen muss, dass man als Betriebswirt Interesse daran haben muss, was in der Welt passiert, was geopolitisch läuft, was in der Politik eine Rolle spielt. Und, bezogen auf die Forschung, was in den Nachbarwissenschaften passiert. Es ist sehr deutlich geworden, dass ein Teil der Zukunft darin liegt, interdisziplinärer vorzugehen. Im Kern muss also die Fähigkeit gelehrt werden, zu denken, komplexe Sachverhalte versuchen zu durchdringen. Die Auseinandersetzung mit Theorien wird somit bedeutsam. Dies braucht man, um besser denken zu können. Mit diesen Fähigkeiten und diesem Know-how ausgestattet: Welche Rolle können Betriebswirte dann in Strategieberatungen übernehmen? Jede wichtige. Für exzellente Betriebswirte, Frauen oder Männer, stehen die Türen auf und die Karriereleitern offen. Vorausgesetzt, sie sind kreativ, weltoffen und bringen genau das Rüstzeug mit, über das wir gesprochen haben: hohe analytische Fähigkeiten, Reflexionsvermögen, Empathie – denn wer führen will, muss Menschen mögen – und Einsatzbereitschaft.

Buchtipp

Erfolgsfaktor BWLSchwenker, Albers, Ballwieser, Raffel, Weißenberger: Erfolgsfaktor Betriebswirtschaftslehre. Vahlen 2021, 24,90 Euro

karriereführer ingenieure 1.2021 – Der Green Deal ist ein Big Deal

0

Der Green Deal ist ein Big Deal

Der Fahrplan der EU in Richtung klimaneutrales Europa führt zur erhofften Dynamik: Die Investitionen in nachhaltige Technologien steigen, und Ingenieur*innen nehmen die Herausforderung an, Lösungen für die bekannten Probleme zu finden. Dies funktioniert im Himalaya genauso wie auf fränkischen Sportplätzen.

Der Green Deal ist ein Big Deal

Der Fahrplan der EU in Richtung klimaneutrales Europa führt zur erhofften Dynamik: Die Investitionen in nachhaltige Technologien steigen, und Ingenieur*innen nehmen die Herausforderung an, Lösungen für die bekannten Probleme zu finden. Dies funktioniert im Himalaya genauso wie auf fränkischen Sportplätzen. Ein Essay von André Boße

Die EU hat Ende 2019 ihren Green Deal vorgestellt, einen „Fahrplan für eine nachhaltige EU-Wirtschaft“, wie es offiziell heißt. Dieser hat zwei Ziele: Erstens sollen bis 2050 keine Netto-Treibhausgasemissionen mehr freigesetzt werden. Kurz gesagt: Die EU wäre dann klimaneutral. Zweitens soll das Wirtschaftswachstum von der Ressourcennutzung abgekoppelt werden. Das bedeutet: Wachsen, ja, aber nicht mehr auf Kosten der Umwelt. Rund eineinhalb Jahre später kann man sagen: Der Green Deal ist definitiv ein „Big Deal“. Der Fahrplan ist keine kraftlose Forderung aus Brüssel an die Unternehmen, bitte etwas nachhaltiger zu wirtschaften. Die Maßgabe der EU hat sich zum Gamechanger entwickelt. Denn Unternehmen erkennen, dass das nachhaltige Wirtschaften der entscheidende Erfolgsfaktor der Zukunft ist. Zumal er sich koppeln lässt mit dem zweiten Megatrend von heute: der Digitalisierung.

Bill Gates investiert in nachhaltige Start-ups

Microsoft-Gründer Bill Gates ist bekannt als Akteur, der hohe Summen in Zukunftstechnologien zugunsten der Weltgesellschaft investiert. Mitte Februar kündigte er an, in den kommenden fünf Jahren zwei Milliarden USDollar in Start-ups und andere Projekte gegen den drohenden Klimawandel zu investieren. Dies berichtete er in einem Interview mit dem „Handelsblatt“. Es gelte, mit Innovation eine „Klimakatastrophe“ zu verhindern, sagte der Microsoft-Gründer. Gates forderte in dem Interview zusätzlich eine Verfünffachung der globalen staatlichen Forschungsinvestitionen in saubere Energien und andere Klimainnovationen innerhalb des nächsten Jahrzehnts. Dies wären dann jährlich mindestens 110 Milliarden US-Dollar, also rund 90 Milliarden Euro.

Corona stärkt Green Deal

Als die EU im Dezember 2019 den Green Deal vorstellte, wurden im chinesischen Wuhan die ersten Patient*innen mit einer ungewöhnlichen Lungenkrankheit gemeldet. Andere Länder wussten aber noch nichts über dieses Virus. Das änderte sich nur wenige Wochen später: Corona hat seitdem die Welt im Griff. Interessant ist, dass es dem Virus aber nicht gelingt, den Green Deal zu schwächen. Im Gegenteil: Die Krise zeigt, warum es gerade jetzt wichtiger denn je ist, Risiken abzuschätzen und Wachstumsstrategien zu überdenken. „Es ist kein Zufall, dass die Pandemie vor allem die überhitzten Branchen des alten Normal besonders hart getroffen hat – Fleischproduktion, Kreuzfahrtschiffe, Flugverkehr, exzessiver Tourismus, fossile Automobilität“, stellt Vorwärtsdenker Matthias Horx vom Zukunftsinstitut in seinem Kommentar „2021: Das Jahr der Entscheidungen“ fest. Was diese „Krisen-Branchen“ verbinde, sei ihr Streben nach schnellem Wachstum, sagt Horx. „Wo aber Wirtschaft zur reinen Effizienzmaschine wird, wird sie besonders fragil. Das haben Krisen so an sich: Sie beenden Exzesse. Sie konfrontieren uns mit unserer eigenen Dekadenz. Sie lösen festgefräste Denkmuster auf und zerstören das Überkommene. Sie erzwingen Innovationen, die vorher im Latenten stecken geblieben waren.“ Innovationen zielen häufig darauf, Risiken besser zu managen. Jedes Jahr zum Weltwirtschaftsforum veröffentlicht das veranstaltende Word Economic Forum einen Report über die „Globalen Risiken“, für den rund 650 Leiter weltweiter Unternehmen einschätzen, welche Gefährdungen für die Wirtschaft am relevantesten sind. Ganz oben auf der Liste der Risiken 2021: Wetterextreme, ein Scheitern beim Klimaschutz sowie die vom Menschen gemachte Ausbeutung und Verschmutzung der Umwelt. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren noch wurde das Risikoranking von Themen wie Fiskal-, Liquiditäts- und Preiskrisen dominiert. Als einziges „grünes“ Thema fand sich der Klimawandel in der oberen Hälfte der Liste, umgeben war es von ökonomischen Themen.

Leitlinien zu klimabezogenen Berichten

Die EU-Kommission hat im Juni 2019 unverbindliche Leitlinien zur Berichterstattung über klimabezogene Informationen veröffentlicht. Diese geben Unternehmen Empfehlungen, wie sie darüber berichten können, wie ihre Aktivitäten sich auf den Klimawandel auswirken und welchen Einfluss dieser auf das Geschäftsmodell nimmt. Hier stehen besonders potenzielle Risiken im Fokus. Die Leitlinien erhalten zudem Best Practice-Beispiele zur Berichterstattung über wesentliche Erfolgsfaktoren.

Ingenieurideen mildern „Grüne Risiken“

Was bedeutet diese Entwicklung für technische Innovationen und für die Arbeit der Ingenieur*innen? Mehr denn je kommt es darauf an, dass sie an Lösungen arbeiten, die nachhaltiges Wachstum generieren. Damit das Unternehmen weiter Umsätze generiert – das ist klar. Aber nicht länger auf Kosten der Umwelt. Sondern, mehr noch, mit Technologien, die dabei helfen, die „Grünen Risiken“ abzumildern. Die gute Nachricht: Den Ingenieur*innen kommt dieser Arbeitsauftrag wie gelegen. Er korrespondiert mit den digitalen Möglichkeiten, aber auch mit dem Bedürfnis der jungen Generation. Sie versteht unter dem Konzept New Work, Dinge zu tun, die gedankliche Freiräume garantieren und sinnvoll dazu beitragen, die Welt lebenswert zu erhalten sowie nachhaltig zu gestalten. Wie wirksam an dieser Stelle der Hebel allein für den Maschinenbau ist, zeigt eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmens Oliver Wyman. Unmittelbar sei der Maschinenbau zwar nur für rund ein Prozent der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich – etwa durch den Wärme- und Stromverbrauch bei der Fertigung von Maschinen. „Ungleich größer ist jedoch das Potenzial, anderen Sektoren wie etwa der Stahlverarbeitung oder der Zementbranche durch die Bereitstellung innovativer Technologien zu CO2-Einsparungen zu verhelfen: Fast 70 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen können durch den Maschinenbausektor beeinflusst werden“, heißt es in der Analyse. Dr. Daniel Kronenwett, Partner bei Oliver Wyman, nennt einen konkreten Anwendungsfall: „Ersetzen Stahlhersteller zukünftig beispielsweise Koksöfen durch Wasserstofftechnologie oder Fabriken extern bezogenen Kohlestrom durch dezentrale Energieversorgung auf Basis erneuerbarer Energien, ist das ein enormer Hebel.“ Wie groß der Markt ist, zeigt die Kalkulation des Beratungsunternehmens: Um die Ziele des Green Deal zu erreichen, müssten jährlich mehr als 120 Milliarden Euro investiert werden, davon der größte Teil in Technologien und Equipment, die Nachhaltigkeit erzeugen.
Um die Ziele des Green Deal zu erreichen, müssten jährlich mehr als 120 Milliarden Euro investiert werden, davon der größte Teil in Technologien und Equipment, die Nachhaltigkeit erzeugen.
Für die Ingenieur*innen im Maschinenbau zeigen die Berater drei Handlungspfade auf: Erstens gehe es darum, die Energieeffizienz des vorhandenen Maschinenportfolios zu erhöhen. Hier helfen das Industrial Internet of Things (IIoT) sowie neue IT-Management-Systeme. Zweitens raten die Studienautoren zu Investitionen in Brückentechnologien zur Abscheidung, Speicherung oder Weiterverarbeitung von vorhandenem CO2. Drittens sei es wichtig, den Ausbau vielversprechender Durchbruch-Technologien zur Vermeidung von CO2 voranzutreiben, zum Beispiel die industrielle Wasserstofftechnologie. „Die erst kürzlich verabschiedete nationale Wasserstoffstrategie der Bundesregierung dürfte dem Thema einen weiteren Impuls nach vorn geben“, sagt Daniel Kronenwett.

Eis-Wasser-Speicher im Sommer

Alte Maschinen optimieren, in Überbrückungstechnologien investieren, Durchbruch-Technologien entwickeln – so lautet der anspruchsvolle Dreischritt, vor dem weltweit die Ingenieur* innen stehen. Nicht zuletzt in dieser Pandemie zeigt sich: Steigen die Anforderungen, steigt auch die Innovationskraft. Die Impfstoffforschung ist hier ein gutes Beispiel. Auch Ingenieur* innen belegen weltweit, was diese Berufsgruppe schon immer ausgezeichnet hat: Sie finden Lösungen für Probleme, die zunächst unlösbar scheinen. Werfen wir einen Blick in den Himalaya, wo auf einer Höhe von 3500 Metern über dem Meeresspiegel in den Bergen von Ladakh die Bauern unter einer akuten Wasserknappheit leiden: Fällt in der Region überhaupt Niederschlag, dann häufig Schnee, wobei die Wolken an den Berggipfeln hängenbleiben. Die Winter hier oben sind kalt, in den Sommern wird es wärmer und noch trockener.

Europäischer Erfinderpreis

Einmal im Jahr schreibt das Europäische Patentamt den Europäischen Erfinderpreis aus. Bewerben können sich kluge Köpfe aus Industrieunternehmen, aus kleinen und mittelständischen Betrieben oder aus der Forschung. Die Gewinner des letzten Wettbewerbs haben zum Beispiel ein Verfahren für ein verbessertes Kunststoffrecycling oder eine umweltfreundliche Verpackung aus Pilzen entwickelt.
Der Ingenieur Sonam Wangchuk entwickelte die Idee, moderne Pipelinetechnik mit einer uralten Tradition der Wasserspeicherung zu kombinieren: Schmelzen Schnee und Eis auf dem Gipfel, wird das Wasser die Hänge hinab auf die landwirtschaftlichen Gebiete geleitet. Dort „sprudelt“ das Wasser unter Druck senkrecht aus der Erde und geht auf einem künstlich angelegten Eishügel nieder – eine Art Mini-Gletscher, der durch seine besondere Form bei Plustemperaturen nur sehr langsam schmilzt. Die Eishügel funktionieren wie ein Speicher, der nach und nach Wasser abgibt und somit die Wasserversorgung sichert. Der 2015 gebaute Prototyp wurde mit Hilfe einer Crowdfunding- Kampagne finanziert, die alle Kosten der 2,3 Kilometer langen Pipeline von einem Schmelzwasserfluss bis hinunter zum Dorf deckte. Der Eishügel steht bis Anfang Juli und spendet jährlich rund 1,5 Millionen Liter Schmelzwasser – wohlgemerkt Wasser, das sonst versickert wäre. Sonam Wangchuk gewann für diese Entwicklung den „Rolex-Preis für Unternehmungsgeist“, wobei er den Eishügel am Hang als Pilotprojekt für weitere Investitionen betrachtet: Die Eishügel sollen eine wirksame Klimaanpassungsmaßnahme und Begrünungstechnologie für die Wüste sein. Mittelfristig möchte der studierte Maschinenbauer in seiner Heimatregion 50 noch größere Eishügel anlegen, von denen jeder rund zehn Millionen Liter für die Bewässerung von je zehn Hektar Land liefert, heißt es in einem Pressetext des „Rolex-Preises“.

Guter Platz, kein Mikroplastik

Während der Ingenieur Sonam Wangchuk also im Himalaya die Wasserversorgung garantiert, arbeiten Forschungsteams am Institut für angewandte Biopolymerforschung der Hochschule Hof daran, Kunststoffe auf biologischer Basis zu entwickeln – und diese auch einzusetzen. Gelungen ist dies bereits auf Sport- und Spielplätzen mit Kunststoffbelägen. Diese Beläge bieten grundsätzlich eine Menge Vorteile: Sie vermeiden Verletzungen, sind robust, schimmeln nicht. Das Problem: „Durch Abrieb aus Bodenbelägen, Kunstrasen und Spielplatzgeräten könnten kleinste Kunststoffteilchen in die Umwelt und somit in die Trinkwasserversorgung gelangen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Instituts. Nun gelang es den Forschern, abriebfeste Beläge aus rein natürlichen Biopolymeren zu entwickeln. Obwohl es sich um ein organisches Element handelt, könne dieses nicht schimmeln und sei witterungsbeständig. Eingesetzt wird er bereits auf zahlreichen Plätzen in Franken. „Dank künstlicher Intelligenz funktioniert der Belag darüber hinaus wie ein Wärmetauscher: Bei Hitze kühlt sich der Boden ab, im Winter lässt die eis- und schneefreie Oberfläche kein Training oder Spiel aufgrund eines unbespielbaren Platzes ausfallen“, informiert das Institut. Die Beispiele zeigen, wie vielfältig der Green Deal ist: Nachhaltige Verbesserungen zum Wohle der Menschen sowie zum Schutz von Klima und Umwelt sind überall nötig. Was benötigt wird, sind erfinderische Ingenieur*innen, die vorwärts denken: in eine Zukunft, in der es mehr denn je darauf ankommt, das Wohl von Mensch, Welt und Unternehmen zusammenzudenken. Das Schöne an dieser Perspektive: Diese Arbeit erfüllt einen Sinn. Weil sie nicht mehr nur danach verlangt, jede Schraube so zu platzieren, dass die Maschine schneller läuft. Sondern weil es zum Job der Ingenieur*innen gehört, dem System der Nachhaltigkeitstechnologie immer wieder neue wirksame und ineinandergreifende Zahnräder hinzuzufügen.

Das grüne Paradoxon

Cover das grüne ParadoxonManche Beiträge zum Klimaschutz sind nicht nur sinnlos, sondern kontraproduktiv, sagt Hans-Werner Sinn, emeritierter Hochschullehrer an der Ludwig-Maximilians-Universität München und ehemaliger Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. Zum Beispiel habe die Beimischung von Biosprit fatale Folgen von globalem Ausmaß, so der Autor: Wenn wir Lebensmittel tanken, pfl egen wir unser grünes Gewissen zu Lasten der Menschen in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Die europäische Umweltpolitik unterliegt laut dem Professor der Illusion, dass sie durch einseitige Maßnahmen zur Verringerung der Emissionen und damit der Nachfrage nach fossilen Rohstoffen die weltweite Produktion solcher Rohstoffe verringern kann. Doch was, wenn aus Angst vor einer Verschlechterung der Marktlage sogar noch mehr Rohstoffe gefördert werden? Der Autor zeigt in seinem Buch die gefährlichen Irrtümer der Umweltpolitik. Sein Plädoyer: Wenn wir unser Klima retten wollen, muss der blinde Aktionismus gestoppt und eine globale Strategie zur Verlangsamung des Ressourcenabbaus gefunden werden. Hans-Werner Sinn: Das grüne Paradoxon. Plädoyer für eine illusionsfreie Klimapolitik. Weltbuch Verlag 2020. 19,90 Euro

Every Day For Future

Die Buchreihe „Every Day For Future“ bietet den Leser*innen konkrete Tipps, um im Alltag das Klima zu schützen und weniger Ressourcen zu verbrauchen. Die Ausgabe „Digital & Technik“ zeigt, dass die scheinbar so saubere digitale Welt alles andere als klimaneutral ist. Bei den Ratschlägen für einen bewussteren Verbrauch blickt Autor Frerik Precht auf die Lebensdauer, Leistungsfähigkeit und Stromversorgung von digitalen Geräten. Nicht alle der 75 Tipps werden die Welt verbessern, aber für jeden sind einige nachhaltige Denkanstöße dabei. Frerik Precht: Every Day For Future – Digital & Technik. 75 Dinge, die du selbst tun kannst, um nachhaltiger online zu sein und Technik bewusst einzusetzen. Frech Verlag 2020. 8 Euro

Zeitsprung in eine bessere Welt

Menschen haben die Erde in den Klimakollaps gestürzt, und Menschen werden sie auch wieder aus dem Dreck ziehen. Eric Holthaus ist Meteorologe und Wissenschaftsjournalist. Er berichtet seit Jahren über Überschwemmungen, Hurrikans und Dürren. Auch er weiß: Weltweit ist das Wetter aus den Fugen geraten, die Extreme nehmen zu. Eine Klima-Apokalypse scheint unausweichlich. Doch Resignation, Ignoranz oder Zynismus sind für Holthaus keine Option. Stattdessen nimmt er uns mit in das Jahr 2050 und skizziert, wie es uns in drei Jahrzehnten gelungen sein könnte, den totalen Kollaps unserer Ökosysteme abzuwenden. Denn der erste Schritt zum Wandel, ist die Vorstellung, dass er möglich ist. Eric Holthaus: Die Erde der Zukunft. Wie wir die Klimakrise verhindern – und wie unsere Welt danach aussieht. HarperCollins 2021. 18 Euro

Öko-Thriller-Autor und Unternehmer Dirk Roßmann im Interview

Jeder kennt Dirk Roßmann als Unternehmer und Gründer der Drogeriekette Rossmann. Mit 74 Jahren hat er Ende 2020 noch einmal ein Debüt gegeben: „Der neunte Arm des Oktopus“ ist sein erster Roman: ein fiktiver Öko-Thriller zum sehr realen Thema des Klimawandels. Im Interview erzählt Dirk Roßmann, warum ihn das Thema selbst nachts nicht mehr losließ und er große Hoffnungen in die junge Ingenieurgeneration setzt. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Dirk Roßmann eröffnete 1972 in seiner Geburtsstadt Hannover einen „Markt für Drogeriewaren“, es war der erste Drogerie- Discountmarkt in Deutschland überhaupt. Bis heute ist die Dirk Rossmann GmbH ein inhabergeführtes, international agierendes Familienunternehmen und befindet sich mehrheitlich im Besitz der Familie Roßmann. Dirk Roßmann setzt sich intensiv für den Klimaschutz ein. Dass der Klimawandel eine Bedrohung für die Menschheit, unsere Kinder und Kindeskinder ist, beschäftigt ihn nicht nur als Unternehmer und Schriftsteller, sondern auch als Vater und Großvater. Als Mitbegründer der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (www.dsw.org) engagiert er sich seit 1991 für eine zukunftsfähige Bevölkerungsentwicklung. Der Autor ist verheiratet mit Alice Schardt-Roßmann und hat zwei Söhne, die ebenfalls im Unternehmen tätig sind.
Herr Roßmann, soll Ihr Öko-Thriller, „Der neunte Arm des Oktopus“, eher unterhalten oder eher zur Weltrettung beitragen? Im besten Fall beides! Ich will Gehör finden für das Problem des Klimawandels und die gewaltige Aufgabe, die uns bevorsteht, um das Problem zu bewältigen. Sachbücher gibt es schon viele zu diesem Thema, aber ein Thriller bietet andere Möglichkeiten. Ich gehe den Weg der Fantasie, möchte den Leser fesseln. Beim Lesen eines Romans tauche ich bewusst in eine fremde Wirklichkeit ein. Die Schicksale der Menschen, die unmittelbar vom Klimawandel betroffen sind, bekommen ein Gesicht, sie werden dadurch viel stärker zur Realität als durch eine Nachrichtenmeldung. Welche konkreten Erlebnisse haben Sie dazu gebracht, sich diesem Buchprojekt zu widmen? Konkrete Erlebnisse gab es viele. Beispielsweise die verheerenden Brände in Australien, denen alleine zwischen Ende 2019 und Anfang 2020 über eine Milliarde Tiere zum Opfer gefallen sind. Aber auch die sichtbare Veränderung unseres europäischen Klimas – das können Sie direkt vor der eigenen Haustür sehen: Die Temperaturen steigen, die Sommer werden immer heißer, unsere Eichen schreien förmlich nach Wasser. Erst war es so, dass sich verschiedene Erlebnisse und Wahrnehmungen regelrecht in mir aufgestaut haben, was letztlich zu einer seltsamen Begebenheit geführt hat: Im Dezember 2019 habe ich 14 Tage lang, immer zur selben Zeit, frühmorgens gegen vier Uhr, in einem Zustand zwischen Wachen und Träumen einen Großteil der Handlung meines Romans geträumt. Und dann war er da – der Zwang, das auf Papier zu bringen. Beim Schreiben des Buches haben Sie sich, wie man liest, eine hartnäckige Magenschleimhautentzündung zugezogen, die wohl auch etwas mit dem Stress zu tun hatte. Was hat Sie mehr gestresst: der für Sie ungewöhnliche Prozess des Schreibens oder die Dringlichkeit des Themas? Das eine bedingte das andere. Ich habe den enormen Drang verspürt, das Geträumte aufzuschreiben. Das war mein Weg, mit der Bedrohung durch den Klimawandel umzugehen, die wie eine dunkle Wolke über uns schwebt. Ich habe mich mit den schrecklichen Folgen auseinandergesetzt, die der Klimawandel für die Menschen bedeutet, welches Leid und welche Not er mit sich bringt. Zugleich wollte ich, dass der Thriller richtig gut wird – denn eines war mir klar: Um zum Nachdenken anzuregen, musste das Buch zu einem Erfolg und von vielen Menschen gelesen werden. Ihnen war die wissenschaftliche Präzision des Buches wichtig, gleich mehrere Experten haben Ihnen beim Recherchieren und Verfassen geholfen. Warum ist es wichtig, dass selbst eine fiktive Geschichte wie Ihre auf Fakten basiert? Mein Roman handelt von einer realen Bedrohung! Auch wenn die Handlung fiktiv ist, so müssen wir uns doch der tatsächlichen Problematik und den Folgen des Klimawandels stellen. Da ist es enorm wichtig, dem Leser ein Szenario vor Augen zu führen, das so eintreten kann und möglicherweise auch eintreten wird, sollten wir nicht sehr bald das Ruder herumreißen. Dürren, Überschwemmungen, auftauende Permafrostböden: Alle diese Dinge sind ja leider heute schon Realität und werden mit steigender globaler Temperatur erschreckende Ausmaße annehmen. Sie sind in erster Linie als erfolgreicher Unternehmer bekannt. Welche Rolle spielen Unternehmen, wenn es darum geht, die Weichenstellungen für eine bessere Zukunft vorzunehmen? Als Unternehmen schauen wir natürlich, wie wir uns nachhaltiger aufstellen können. Und: Wir haben die Möglichkeit, Menschen zu erreichen. Entscheidungsmacht besitzen wir aber nicht. Letztendlich liegt es bei den Staaten – insbesondere den großen –, Maßnahmen durchzusetzen, die weitreichend sind und den rasch fortschreitenden Klimawandel stoppen oder zumindest verlangsamen können.
Wir sollten unsere Hoffnung nicht allein auf eine rein technische Lösung setzen. Technik ist wichtig. Sie wird vieles möglich machen. Und auch möglich machen müssen, zum Beispiel in der Automobilindustrie oder dem Energie-Sektor. Am Ende ist es aber an uns allen, umzudenken und unsere Lebensweise zu verändern.
Es sieht so aus, als rette uns in dieser Pandemie eine medizintechnische Forschungsleistung, nämlich der Impfstoff. Was kann die Technik beitragen, um die Klimakrise zu lösen? Wir sollten unsere Hoffnung nicht allein auf eine rein technische Lösung setzen. Technik ist wichtig. Sie wird vieles möglich machen. Und auch möglich machen müssen, zum Beispiel in der Automobilindustrie oder dem Energie-Sektor. Am Ende ist es aber an uns allen, umzudenken und unsere Lebensweise zu verändern. Dazu gehört zum Beispiel, unseren Fleischkonsum deutlich zu reduzieren, weniger zu reisen und erneuerbare Energien zu fördern. Wir sehen doch aktuell in der Pandemie, was möglich ist, wenn uns eine Situation zwingt umzudenken. Nur ist der Klimawandel für viele zu abstrakt, zu unwirklich, zu weit entfernt, als dass sie zum Handeln bereit sind. In welcher Rolle sehen Sie junge Ingenieure und Ingenieurinnen, die jetzt mit ihrer Karriere beginnen: Welche Rolle werden sie in naher Zukunft spielen? Eine sehr wichtige! Denn ihr Ideenreichtum wird Entwicklungen vorantreiben. Sie steigen mit einem anderen Bewusstsein in ihr Berufsleben ein: mit einem Bewusstsein für Nachhaltigkeit und für den Klimawandel. Dieser Blick wird es ihnen ermöglichen, Wege zu finden, die wir jetzt vielleicht noch gar nicht auf dem Schirm haben. Ich setze große Hoffnungen in sie und in ihre Innovationen. An welchen technischen Stellschrauben könnten Sie in Ihrem Unternehmen drehen, um Rossmann noch nachhaltiger wirtschaften zu lassen? Das Spannende an der Nachhaltigkeit ist doch, dass wir stetig dabei sind, uns zu verbessern. Denken Sie nur zehn Jahre zurück, wer kannte da das Thema Mikroplastik? Lange hieß es, Mikroplastik könne nicht ersetzt werden. Heute haben wir allein 1000 mikroplastikfreie Produkte im Sortiment. Das Beispiel zeigt: Es gibt noch viele Stellschrauben, sowohl auf Produkt- als auch auf Verpackungsebene. Aktuell beschäftigen wir uns intensiv mit dem Thema Klimaneutralität. Unsere Naturkosmetik der Eigenmarke ist bereits klimaneutral, da ist sicherlich noch Einiges mehr möglich. Wenn Sie jetzt nachts wachliegen, müssen Sie sich ja keine Thriller-Geschichte mehr erträumen. Wenn Sie sich stattdessen eine technische Erfindung erträumen dürften, welche wäre das? Natürlich wäre eine technische Erfindung großartig, die die Erderwärmung stoppt oder in Teilen sogar umkehren könnte. Aber mit solchen Träumen sollte man immer mit Bedacht umgehen. Denn ein so großer, gravierender Eingriff in das Welt-Klima hätte sicherlich nicht nur positive Folgen. Ich denke daher, dass unser Leben und unser Planet für die eine, große Erfindung einfach zu komplex sind.

Zum Buch

Cover Der neunte Arm des OktopusWas es mit dem Buchtitel auf sich hat? Das will Dirk Roßmann nicht verraten: „Das erfahren Sie, wenn Sie mein Buch lesen.“ Nur eines wolle er verraten: Der Oktopus habe ihn sehr fasziniert: „Er steht für das Wunder der Natur, das wir schützen müssen. Ein Oktopus ist perfekt, wie er ist, er braucht keinen weiteren Arm, er ist im Einklang mit sich, seiner Umwelt, den weiten Ozeanen, die alles verbinden und unseren Planeten zum blauen Planeten machen.“ Der Roman startet an dem Punkt, an dem die drei Supermächte China, Russland und die USA einen radikalen Weg einschlagen, um den Klimawandel noch in den Griff zu bekommen. Wobei die Maßnahmen der Allianz gravierend in das Leben der Menschen eingreifen – und nicht jeder diese neue Wirklichkeit kampflos akzeptieren will. Dirk Roßmann: Der neunte Arm des Oktopus. Lübbe Verlag 2021. 20 Euro
     

Ideenwettbewerb: Wasserstoffrepublik Deutschland

0

Das Bundesforschungsministerium (BMBF) fördert 16 Projekte der Wasserstoff- Grundlagenforschung mit 56 Millionen Euro. Weitere Partner können sich bewerben. Von Sabine Olschner

Die Gewinner der ersten Runde des BMBF-Ideenwettbewerbs „Wasserstoffrepublik Deutschland“ stehen fest und erhalten staatliche Förderungen für ihre Grundlagenforschungen im Bereich Wasserstoff. Die Grundlagenprojekte beschäftigen sich mit der nächsten und der übernächsten Technologiegeneration. Sie sollen dazu beitragen, Antworten auf grundlegende Fragen der Wasserstoffwirtschaft zu finden und damit die wissenschaftliche Basis für neue Produkte und Anwendungen legen. Bundesforschungsministerin Anja Karliczek möchte Deutschland weltweit zur größten Wissensquelle für den Grünen Wasserstoff machen – dem zentraler Baustein zur Energiesicherheit des Hochtechnologielandes Deutschland. Der Grundlagenforschung für Wasserstofftechnologien als Hochtechnologien kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. An den 16 ausgewählten Projekten des Wettbewerbs arbeiten insgesamt 71 Partner. 48 der Partner stammen aus der Wissenschaft, 23 aus der Wirtschaft. Mehr als 100 weitere Projektideen befinden sich in der Begutachtung für eine zweite Förderrunde. Die Bewerbung für eine dritte Runde ist weiterhin möglich. Ein Projekt der Wasserstoff-Grundlagenforschung nennt sich AEMready: Hier sollen bessere Elektroden- und Katalysatoren- Materialien für die AEM-Elektrolyse entwickelt werden, die die Wasserstoffgestehungskosten künftig deutlich senken. Ein weiteres Projekt ist CORAL-HD, das sich mit Brennstoffzellen-Elektroden mit langer Lebensdauer für Nutzfahrzeuge beschäftigt. Wasserstoffbrennstoffzellen sind eine vielversprechende Option für den nachhaltigen Güter- und Schwerlastverkehr: Um auch Lkw und Busse klimafreundlich anzutreiben, wandeln Brennstoffzellen Wasserstoff in elektrische Energie für den Antrieb um. Dabei müssen sie den vielfältigen Belastungen des Alltags gewachsen sein. Ein drittes Beispiel ist CarbonCycleMeOH, die eine Machbarkeitsstudie zur Methanol-Herstellung aus CO2-Abgasen und Grünem Wasserstoff erstellt. Die stoffliche Verwertung von industriellen CO2-Emissionen mit der Hilfe von Grünem Wasserstoff kann einen wichtigen Beitrag dazu liefern, den CO2-Fußabdruck wichtiger Kernbranchen zu reduzieren. Die Machbarkeitsstudie richtet ihr Augenmerk auf die Chemiebranche.

Grüner und Grauer Wasserstoff

Die Herstellung von Wasserstoff erfolgt aktuell vorwiegend auf Basis von fossilen Energiequellen. Dies wird als Grauer Wasserstoff bezeichnet. Grüner Wasserstoff hingegen wird CO2-neutral mit Hilfe von erneuerbaren Energien hergestellt. Ein Green Tech Cluster in Österreich hat sich die Potenziale von Grünem Wasserstoff in erster Linie für Europa angeschaut.

Windenergie – eine Branche mit Zukunftspotenzial

0

Welche Chancen haben Hochschulabsolvent*innen in der Windenergiebranche? Felix Tobias, Inhaber von WindPersonal, eine auf die Windenergie spezialisierte Personalberatung, gibt Tipps für den Einstieg. Aufgezeichnet von Sabine Olschner

Die derzeitige Situation ist etwas ungewöhnlich: Aufgrund eines Systemwechsels innerhalb des Erneuerbaren-Energien- Gesetzes (EEG) im Jahr 2017 ging der Zubau an neuen Windkraftanlagen in Deutschland zurück, da sich bedingt durch den Systemwechsel hin zu Ausschreibungsverfahren die Vergütung für Strom aus Windenergie stark gesenkt hat. Obwohl sich dies insgesamt negativ auf die Branche ausgewirkt hat, merken wir keinen Rückgang bei der Nachfrage nach neuen Mitarbeiter*innen. Der Bedarf in der Branche steigt aus unserer Sicht weiterhin. Auch die Corona-Pandemie hat daran nichts geändert. Aufgrund der neuen politischen Ausrichtung in Sachen Windkraft haben sich natürlich die Schwerpunkte verschoben. Bis 2017 rekrutierten verstärkt Projektierungsbüros Mitarbeiter*innen, die sich zum Beispiel mit der Flächensuche, der Genehmigung und dem Bau von neuen Windkraftanlagen beschäftigten. Heute steht eher die Betreuung bestehender Anlagen, also die kaufmännische und technische Betriebsführung, die Wartung und die Entstörung sowie das sogenannte Repowering, also der Austausch von alten Anlagen gegen modernere, im Vordergrund. Auch Gutachtertätigkeiten nehmen zu. Der höchste Bedarf an neuem Personal besteht im Norden und im Nordosten Deutschlands, wo die meisten Anlagen stehen und neu gebaut werden. Wer hingegen im Bereich der kaufmännischen und technischen Verwaltung der Anlagen arbeiten will, wird bundesweit fündig. Die Qualifikationen, die Unternehmen suchen, unterscheiden sich je nach Aufgabe: Für die Entwicklung von elektronischen und mechanischen Komponenten und deren Optimierung sind Ingenieur*innen gefragt, die gern tüfteln und nach innovativen und effizi enteren Lösungen suchen. Projektentwickler* innen benötigen technisches und kaufmännisches Know-how sowie Projektmanagementfähigkeiten. Und wer im Vertrieb von ganzen Anlagen oder deren Komponenten arbeiten will, sollte technisches Wissen sowie Vertriebskompetenz mitbringen.
Die Karrierechancen stehen gut, sofern man sich auf die Besonderheiten der Branche einlässt und etwas bewegen will.
Ob Ingenieur*innen einen Bachelor oder einen Masterabschluss mitbringen, ist erst einmal zweitrangig. Viel wichtiger ist Praxiserfahrung in der Windenergiebranche oder die Spezialisierung auf diesen Bereich. Mitarbeiter*innen mit viel Erfahrung sind in der noch relativ jungen Branche nicht besonders zahlreich zu finden – erst Anfang/Mitte der 1990er-Jahre wurden die ersten Windkraftunternehmen gegründet. Daher greifen die Arbeitgeber oft auch auf Quereinsteiger*innen zurück. Als Personalberatung suchen wir eher Leute mit Erfahrung, um Stellen zu besetzen, die ein bestimmtes Know-how erfordern. Fachlich ist ein Quereinstieg aus anderen Branchen meist kein großes Problem. Allerdings tickt die Windenergiebranche anders als viele andere technische Industriezweige. Die ersten Unternehmen sind in den 90er-Jahren mit viel Idealismus und Pioniergeist gestartet. Dieser besondere Flair ist auch heute noch in vielen Unternehmen spürbar: Es gibt oft keine starren Strukturen, und man muss Lust haben, sich mit seinen Ideen einzubringen. Die politischen Rahmenbedingungen ändern sich im Bereich der Erneuerbaren Energien schnell, sodass sich die Unternehmen und ihre Mitarbeiter*innen immer wieder auf Neues einstellen und flexibel reagieren müssen. Das bedeutet aber auch, dass Einsteiger*innen schnell aufsteigen können, wenn sie sich engagieren. Die Karrierechancen stehen gut, sofern man sich auf die Besonderheiten der Branche einlässt und etwas bewegen will. Insgesamt sehe ich in der Windenergiebranche ein hohes Zukunftspotenzial. Schon allein die steigenden Zulassungszahlen von Elektrofahrzeugen wird den Bedarf an Strom erhöhen. Auf lange Sicht werden wir also um die Windkraft als Stromerzeugung nicht herumkommen. Wer überzeugt ist, bei den erneuerbaren Energien gut aufgehoben zu sein, wird seinen Weg finden.

Windenergie schafft Arbeitsplätze

2016 waren 160.200 Menschen in der Windbranche beschäftigt: 27.200 im Offshore-, 133.000 im Onshore- Bereich. 2017 wurden zahlreiche Arbeitsplätze in der Branche abgebaut, zum Jahresende gab es nur noch 135.100 Beschäftigte. Derzeit liegen keine aktuelleren Zahlen vor. Die Branchenverbände BWE und VDMA gehen von gut 100.000 Beschäftigten im Jahr 2020 aus. Quelle: Bundesverband WindEnergie

Telegramm: Neues aus der Ingenieur-Welt

0

Deutsche vertrauen KI in HighTech

Foto: Fotolia/ sester1848
Foto: Fotolia/ sester1848
Laut des Reports „KI-Zukunftskompass“ von Bosch befürworten mehr als zwei Drittel der Deutschen KI-basierte Lösungen bei der Fehlerdiagnose von Maschinen, bei der industriellen Produktion von Waren und Maschinen sowie in der Raumfahrt und anderen High-Tech-Bereichen. Hier sei das Vertrauen in die Möglichkeiten der KI vonseiten der Bevölkerung bereits groß. In Einsatzgebieten, die eher mit Menschenkontakten zu tun haben, etwa in der Krankenpflege oder bei der finanziellen Anlageberatung, seien die Zustimmungsraten für den KI-Einsatz laut Studie mit 40 Prozent bzw. 31 Prozent deutlich geringer.

UniRanking:

Foto: Fotolia/ lovemask
Foto: Fotolia/ lovemask
Wo studieren die meisten Frauen? Die WBS GRUPPE hat untersucht, wie hoch der Frauenanteil an Deutschlands Hochschulen ist – die Studie vergleicht den Anteil an 44 der größten deutschen Hochschulen und Universitäten. Es zeigt sich: In Sachen Geschlechtergerechtigkeit ist weiterhin Luft nach oben. So ist zwar die Hälfte aller immatrikulierten Studierenden weiblich, doch der Anteil an Professorinnen beträgt im Durchschnitt nur etwas über 25 Prozent, und nur rund 18 Prozent der Dekanate stehen unter weiblicher Leitung. Besonders gering ist der Anteil weiblicher Professorinnen am Karlsruher Institut für Technologie (nur knapp 14 Prozent) und der RWTH Aachen. An den Technischen Hochschulen ist auch der Anteil weiblicher Studierender besonders niedrig, zeigt eine weitere Studie, durchgeführt von der digitalen Bildungsplattform charly.education: Von den acht Universitäten mit den wenigsten weiblichen Studierenden sind sechs Technische Hochschulen.

Corporate Foresight, Technology Foresight und Technology Intelligence

Foto: Fotolia/ Mykola
Foto: Fotolia/ Mykola
Im Masterstudiengang Innovations- und Technologiemanagement (ITM) am Fachbereich Wirtschaftsingenieurwesen und Technologiemanagement der Wilhelm Büchner Hochschule werden seit diesem Jahr drei neue Vertiefungen angeboten: Corporate Foresight, Technology Foresight und Technology Intelligence. Sie stehen ganz im Zeichen des Zukunftsmanagements und ergänzen das bestehende Portfolio der vier bewährten Vertiefungen Innovationsmanagement, Technologiemanagement, Qualitätsmanagement und Entrepreneurship. Während die Vertiefung Corporate Foresight, also Geschäftsmodell-Management, auf Generalisten, Entscheider sowie Entrepreneure und Intrapreneure abzielt, wendet sich das Vertiefungsmodul an Technologie-Expert*innen. Die Vertiefung Patentmanagement ist darauf ausgerichtet, die Potenziale moderner Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) zur Beschaffung, Analyse und Nutzung von Information über Technologien und die zugrunde liegenden technisch-gewerblichen Schutzrechte in Form von Patenten einzusetzen.