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3-D-Druck-Forscher Dr. Ivan Minev

Dr. Ivan Minev leitet am Biotechnology Center TU Dresden (BIOTEC) eine Forschungsgruppe, die bioelektrische Stoffe entwickelt, mit denen sich im Körper eines Patienten Gewebe heilen lässt. Zum Einsatz kommen dabei biotechnologische Verfahren, aber auch 3-D-Drucker. Gefördert wird seine Arbeit vom Freigeist-Fellowship der VolkswagenStiftung. Im Gespräch erzählt der Physiker, wie sein Ansatz funktioniert und was 3-D-Drucker heute und in Zukunft leisten können. Das Interview führte André Boße.

Zur Person

Dr. Ivan Minev, Foto: BIOTEC
Dr. Ivan Minev, Foto: BIOTEC

Dr. Ivan Minev forscht seit Juni 2016 als Gruppenleiter am Biotechnology Center TU Dresden (BIOTEC) zu elektronischen Gewebetechnologien. Zuvor war er an der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL) als Post- Doctoral Research Associate tätig, wo er neuroprothetische Implantate für verletztes Rückenmark entwickelte. Seine Promotion absolvierte er am Department of Engineering der University of Cambridge. Während dieser Zeit von 2008 bis 2012 erforschte er Materialien und Technologien für dehnbare elektronische Geräte und untersuchte dünne Metallschichten auf elastischen Substraten für biomedizinische Anwendungen.

Herr Dr. Minev, was hat Sie zu Beginn Ihrer Karriere an der Erforschung elektronischer Stoffe fasziniert, die in der Lage sind, natürliche Organe und natürliches Gewebe zu ersetzen?
Mich haben die Berichte über Herzschrittmacher, Hörprothesen in Form von Cochlea-Implantaten sowie tiefgehende Gehirnsimulationen interessiert. Alles dies sind bioelektronische Technologien, die in den Kliniken bereits Anwendung finden und die dabei helfen, die Lebensqualität zahlreicher Patienten zu verbessern. Meine Motivation war es, zu erforschen, ob ähnliche Technologien an anderen Stellen im Körper und mit Blick auf andere Krankheiten entwickelt werden können. Ich begann meine Studien als Physiker und wende mein Wissen nun an der Schnittstelle zwischen Physik und Biowissenschaften an.

Als Sie mit Ihrer Forschung begannen, haben Sie sich da eher als Pionier oder als Außenseiter gesehen?
Es ist für jeden Naturwissenschaftler, so glaube ich, ein besonders aufregendes Gefühl, zu erkennen, wenn man mit einer Forschungsarbeit Neuland betritt. Vielleicht hat man einen bislang unbekannten Zugang zu einem alten Problem gefunden, vielleicht ist es auch gelungen, zwei bislang scheinbar nicht miteinander im Zusammenhang stehende Beobachtungen zu verknüpfen – es entsteht dann das Gefühl, dass nun etwas sehr Interessantes passieren könnte. Ob man sich dabei als Pionier oder Außenseiter betrachtet, spielt weniger eine Rolle.

Nehmen Sie zum Beispiel Alexander Volta, der Anfang des 19. Jahrhunderts mit den gerade erfundenen galvanischen Zellen experimentierte – das waren die Frühformen der Batterien. Aus irgendeinem Grund kam er auf die Idee, in jedes Ohr ein Stück Metall zu stecken und den Kreis mithilfe der galvanischen Zellen zu schließen. Danach beschrieb er ein lautes Knackgeräusch, das er in seinem Kopf hören konnte. Als wen bezeichnet man jemanden, der ein solches Experiment durchführt, ist er ein Außenseiter? Damals vielleicht, ja. Aber mehr als 200 Jahre später wurde aus seinem Ansatz die Vorlage für Cochlea-Implantate, die mit der Hilfe von kleinen elektrischen Impulsen das Innenohr stimulieren – und dafür sorgen, dass gehörlose Patienten wieder hören können. So wie damals Alexander Volta arbeiten wir Naturwissenschaftler heute nicht mehr, aber seine Abenteuerlust inspiriert mich – für mich ist genau dieser Geist das Aufregende an meinem Beruf.

Wenn Sie sich an ein neues Forschungsprojekt wagen, welche Eigenschaften sind wichtig, um sich gegen skeptische Stimmen durchzusetzen?
Man darf nicht aufgeben. Das klingt wie ein Klischee, aber es stimmt. Es gibt häufig sehr viele verschiedene Gründe dafür, einem Forschungsansatz skeptisch gegenüber zu treten. Manchmal wollen die Skeptiker nur erreichen, dass man sich als Forscher seine eigenen Ideen noch einmal klarer macht. Dann können die skeptischen Stimmen für den Verlauf der Forschung sehr wichtig sein. Man kann eine Menge lernen, wenn man darauf vorbereitet ist, sehr offen für Meinungen zu sein, die sich von der eigenen unterscheiden. Zugleich ist es wichtig, stets an sich zu glauben und sich nicht umwerfen zu lassen. Das zeigt schon der Umstand, dass viele Dinge, die vor 50 Jahren noch als Science Fiction galten, heute Realität sind.

Es ist für jeden Naturwissenschaftler, so glaube ich, ein besonders aufregendes Gefühl, zu erkennen, wenn man mit einer Forschungsarbeit Neuland betritt.

Zu Ihrer konkreten Forschung, können Sie kurz erklären, wie es Ihnen gelingt, dass ein elektronischer Gewebestoff an ein menschliches Organ andockt?
Wir sind daran interessiert, Organe zu reparieren, die durch eine Verletzung oder eine Krankheit in Mitleidenschaft gezogen worden sind. Unsere Vision ist es, Miniatur-Labore zu entwickeln, die innerhalb des Körpers die notwendigen Therapieprogramme starten. Zum Beispiel kann durch eine Kombination aus kleinen elektrischen Impulsen sowie dem Einsatz von Ersatzzellen und Medikamenten der Selbstheilungsprozess eines beschädigten Gewebes in Gang gesetzt werden. Die große Herausforderung ist es, einen Weg zu finden, damit unsere kleinen Geräte vom Körper akzeptiert werden, dass sie also biologischem Gewebe ähneln – und nicht einer elektronischen Anlage.

Wie gelingt Ihnen das?
Ein Ansatz ist, weiche Materialien zu finden, die ähnliche Eigenschaften wie natürliches Gewebe besitzen, an die sich Zellen anhängen können und die dabei elektronisch funktional bleiben. Wir bauen zwar eine elektronische Maschine, geben ihr aber genügend biologische Bestandteile. Wenn wir in diesem Bereich weitere Fortschritte machen, werden wir in der Lage sein, neue Behandlungen für schwerwiegende neurologische Krankheiten zu schaffen, zum Beispiel nach Gehirnverletzungen, Schlaganfällen oder Schädigungen des Rückenmarks.

Sie nutzen für Ihre Forschung auch die Technik des 3-D-Drucks. Wie hilft Ihnen diese Entwicklung?
Wir benutzen den 3-D-Druck für Prototypen von bioelektronischen Implantaten, mit denen wir das Nervensystem reparieren. Ein großer Vorteil der Technik ist es, dass wir für jeden Patienten spezifische Teile herstellen können. Auch ist es möglich, das Material, das schließlich ausgedruckt wird, so zusammenzusetzen, dass das Resultat alle therapeutischen Funktionen erfüllt. Für meine Arbeit ist aber kein tiefgehendes IT-Wissen notwendig, das über das generelle Know-how zum CAD-Design hinausgeht.

Eine Vision ist, dass Patienten mit chronischen Krankheiten keine Tabletten oder Injektionen mehr erhalten, sondern wir bioelektronische Implantate einsetzen, die diese krankmachenden Fehlfunktionen korrigieren.

Welche weiteren Innovationen werden mithilfe des 3-D-Drucks möglich werden?
Ich denke, dass die 3-D-Drucker den Weg in den Operationssaal schaffen werden, wo sie dann von den Chirurgen benutzt werden. Es wird wohl möglich sein, das Implantat direkt im beschädigten Gewebe herzustellen, vielleicht können wir auch Sensoren herstellen, die dann im Körper des Patienten Daten über seinen Gesundheitszustand ermitteln. Eine weitere Vision ist es, dass Patienten mit chronischen Krankheiten keine Tabletten oder Injektionen mehr erhalten, sondern wir bioelektronische Implantate einsetzen, die diese krankmachenden Fehlfunktionen korrigieren.

Welche Tätigkeiten als naturwissenschaftlicher Forscher begeistern Sie immer wieder aufs Neue?
Bedauernswerterweise fehlt mir heute häufig die Zeit, um wirklich noch mit meinen eigenen Händen zu experimentieren. Ich vermisse das sehr, denn ich mag diese praktischen Tätigkeiten: Substanzen zusammenmischen, Kabel verbinden. Was mir heute am meisten Spaß macht, ist daher die Diskussion mit den Wissenschaftlern in meinem Team über die Ergebnisse unserer Experimente und Forschungsansätze für die Zukunft. Manchmal entfernen wir uns bei diesen Debatten sehr weit vom Ausgangspunkt, und ich hoffe, dass meine Forschungskollegen gerne mit mir auf Gedankenreise gehen.

Freigeist-Fellowship

Im September 2016 wurde Ivan Minev mit einem Freigeist-Fellowship der VolkswagenStiftung ausgezeichnet. Die Fördersumme in Höhe von 920 000 Euro nutzt er fünf Jahre lang für den Aufbau seiner eigenen Forschungsgruppe. Die fachoffenen Freigeist-Fellowships richten sich an außergewöhnliche Forscherpersönlichkeiten nach der Promotion, die sich zwischen etablierten Forschungsfeldern bewegen und risikobehaftete Wissenschaft betreiben möchten.

https://www.volkswagenstiftung.de/unsere-foerderung/unser-foerderangebot-im-ueberblick/freigeist-fellowships

Jung und erfolgreich bei: Pfizer

Erkrankten Menschen helfen. Ich wusste schon mit 15, wo es beruflich für mich hingehen sollte. Heute bin ich genau dort angekommen und arbeite in einem forschenden Pharma-Unternehmen als Scientific Advisor. Schon früh hat mich die Forschung interessiert, weshalb ich als Schülerin ein Praktikum in der Klinischen Forschung gemacht habe. Danach wusste ich: Hier möchte ich anknüpfen.Von Dr. Ines Schneider

Dr. Ines Schneider Foto; Studioline Photography
Dr. Ines Schneider Foto; Studioline Photography

Name: Dr. Ines Schneider
Position: Scientific Advisor
Stadt: Berlin
Studiengang: Humanbiologie
Abschlusszeitpunkt: Master of Science im März 2010, Promotion im Januar 2016
Interessen: Tanzen, Reisen
Berufliches Ziel: zum medizinischen Fortschritt beitragen

In meinem Bachelorstudium wählte ich Molekulare Zellbiologie an der Universität Heidelberg mit einem Auslandssemester in Norwegen. Um den medizinischen Schwerpunkt zu vertiefen, habe ich mich dann für den Masterstudiengang Humanbiologie an der Universität Kopenhagen entschieden. Während meines Studiums habe ich unter anderem am Malaria-Erreger und in der Entwicklungsgenetik geforscht. In solchen Forschungsprojekten habe ich immer gerne mitgearbeitet – auch wenn häufig viel Geduld gefordert war. Als leidenschaftliche Turniertänzerin ist mir dies jedoch nicht unbekannt. Ähnlich wie das Tanztraining braucht der Forschungsprozess einfach Zeit, es klappt nicht alles auf Anhieb und man benötigt Durchhaltevermögen.

Während meiner Doktorarbeit an der Berliner Charité kam ich zum ersten Mal mit der Onkologie in Berührung. Hier habe ich untersucht, inwiefern Humane Papillomviren, von denen einige Typen Gebärmutterhalskrebs auslösen können, weißen Hautkrebs verursachen. Das Forschungsgebiet war für mich neu, deshalb aber nicht weniger spannend. Im Gegenteil, neue Tätigkeitsfelder zu entdecken, gibt mir die Möglichkeit, mich selbst weiterzuentwickeln. Insbesondere weil mich die Forschung und der medizinische Fortschritt interessieren und ich gerne ein Teil davon sein möchte. Dieses Interesse und der gleichzeitige Wunsch, erkrankten Menschen zu helfen, haben mich dazu bewogen, in die Pharma- Industrie zu wechseln.

Mittlerweile arbeite ich als Scientific Advisor bei Pfizer im Geschäftsbereich Onkologie. Hier kann ich meine Kenntnisse aus Studium und Forschung ideal einbringen. Ich unterstütze laufende klinische Studien, prüfe medizinische Inhalte für das Marketing oder leite die medizinischen Schulungen des Außendienstes. Aber ich plane auch die Budgets, erarbeite die medizinische Strategie und betreue von medizinischer Seite die Markteinführung neuer Medikamente.

Damit sind meine Aufgaben sehr abwechslungsreich – nicht nur inhaltlich, sondern auch bezogen auf meinen Arbeitsplatz: An einem Tag arbeite ich im Büro, an einem anderen bin ich auf einem nationalen oder internationalen Kongress unterwegs. Ich mag diese Dynamik und bin froh, dass ich heute so arbeiten kann. Mein Wunsch für die Zukunft: weiterhin bei der Einführung innovativer Medikamente mitzuwirken und damit einer Vielzahl von Menschen helfen zu können.

Aufgestiegen zum Produktleiter

Karriere in der Forschung oder neue Herausforderungen auf unbekanntem Terrain – das war die Frage, die ich mir irgendwann gestellt habe. Die Antwort habe ich mir nicht leicht gemacht, schließlich wollte ich immer schon in der Forschung arbeiten. Sollte ich das wirklich aufgeben? Ein Erfahrungsbericht von Dr. Stephan Kuhlenkötter

Dr. Stephan Kuhlenkötter, Foto: privat
Dr. Stephan Kuhlenkötter, Foto: privat

Biochemie- und BWL-Studium, bei Lilly eingestiegen 2012 als Trainee, aufgestiegen 2016 zum Produktleiter Marketing & Vertrieb

Nach dem Studium der Biochemie in Bochum und Witten habe ich in Göttingen am Max-Planck-Institut an meiner Promotion gearbeitet. Spannendes Thema, interessante Ergebnisse, Eigenverantwortung – das einzige, was mir aufgrund der hohen Fokussierung wirklich fehlte, war, dass ich mich nicht mit den vielen anderen Themen auseinandersetzen konnte, die mich auch interessierten. Daher habe ich mich entschlossen, neben der Promotion ein Studium der BWL an der Fernuniversität Hagen zu beginnen. Grundvoraussetzung für meinen späteren Wechsel war dies wohl nicht, aber dieser Entschluss hat mich nachhaltig darin bestärkt, mich wieder „breiter“ aufzustellen.

Sicherlich war es auch hilfreich, frühzeitig erste Kontakte zu verschiedenen Firmen geknüpft zu haben, bei denen ich durch Praktika und Projekte Einblicke erhalten habe.

Persönliche Interessen einbringen und Nutzen

Nach der Promotion war dann für mich klar: Ich möchte gerne in einem internationalen Unternehmen im Health-Care-Bereich arbeiten, in dem ich meine persönlichen Interessen einbringen und nutzen kann. Das Trainee-Programm von Lilly bot mir genau diese Gelegenheit. In mehreren Stationen im Innen- und Außendienst konnte ich frühzeitig Verantwortung übernehmen und das Unternehmen in verschiedenen Positionen kennen lernen. Durch die Übernahme eines eigenen Außendienstgebietes habe ich viel über unsere Kunden, den Aufbau von Kundenbeziehungen, aber auch über mich selbst gelernt. Diese Erfahrung möchte ich nicht missen und bin froh, dass ich sie machen konnte. Auch für die nachfolgenden Aufgaben im Marketing war diese Erfahrung eine gute Grundlage.

Neben dem „learning by doing“ gab es auch eine Reihe von interessanten Angeboten zur fachlichen und persönlichen Weiterbildung sowie die Gelegenheit, die Aufgaben verschiedener Fach- und Führungskräfte kennen zu lernen. Überrascht hat mich die Flexibilität und Offenheit bei Lilly, sich in verschiedene Richtungen entwickeln zu können.

Intensive Fachdiskussionen mit Kunden

Nach der zweijährigen Traineezeit wurde mir eine Position im Marketing als Brand-Manager in der Onkologie angeboten, die ich sehr gerne angenommen habe. Gerade in der sehr forschungsorientierten Onkologie war mein naturwissenschaftlicher Hintergrund hilfreich, zum Beispiel bei der Teilnahme an Kongressen, dem Lesen der neusten Publikationen oder auch, um mit unseren Kunden intensive Fachdiskussionen führen zu können. Im Laufe der Zeit habe ich mehr und mehr Verantwortung übernommen und war als Brandmanager für alle Lilly-Produkte in der Onkologie schon einmal zuständig. Somit konnte ich in den verschiedensten Indikationen Erfahrungen sammeln. Von der Produktneueinführung bis zum Patentauslauf konnte ich alle Stufen des Produktlebenszyklus begleiten.

Die Entscheidung, die Forschung zu verlassen, habe ich nicht bereut und ich habe nicht das Gefühl, etwas aufgegeben zu haben. Ich weiß aber, dass ich vieles dazu gewonnen habe.

Die Vielfalt der Aufgaben in dieser Position sorgte für viel Abwechslung und eine steile Lernkurve. Besonders der Austausch und die Zusammenarbeit mit vielen Kolleginnen und Kollegen in anderen Unternehmensbereichen machte die Aufgabe so interessant. Hohes Maß an Selbstständigkeit und Kundenorientierung Ende 2015 übernahm ich die Verantwortung für eine Produktneueinführung in Deutschland, Österreich und der Schweiz und leite seitdem den Bereich Marketing und Vertrieb für dieses Produkt. Neben einem hohen Maß an Selbstständigkeit sind hier auch Kundenorientierung, Führungsverantwortung und strategisches Talent gefragt.

Das Thema „Führung“ wird bei Lilly sehr ernst genommen. Dabei ist ein respektvolles Miteinander auf Augenhöhe quer durch alle Hierarchiestufen ein fester Bestandteil der Unternehmenskultur. Das Investment in diesen Bereich ist dementsprechend hoch und ermöglicht eine persönliche Weiterentwicklung der Mitarbeiter. So hatte ich vor kurzem erst die Gelegenheit eine Coaching-Zertifizierung abzuschließen, die auch außerhalb des Berufsalltags sehr hilfreich ist.

Internationaler Austausch über Ländergrenzen hinweg

Das Arbeiten über Ländergrenzen hinweg und ein intensiver internationaler Austausch sind fester Bestandteil der täglichen Routine. Hierbei lernt man nicht nur Neues über andere Märkte und Kulturen kennen, sondern es entstehen auch echte Freundschaften. Mein Fazit lautet: Die Entscheidung, etwas Neues und Unbekanntes zu machen und die Forschung zu verlassen, habe ich nicht bereut und ich habe nicht das Gefühl, etwas aufgegeben zu haben. Ich weiß aber, dass ich vieles dazu gewonnen habe.

Was macht eigentlich ein Betriebsingenieur der Verfahrenstechnik, Herr Müller?

Michael Müller ist Betriebsingenieur Verfahrenstechnik beim Chemiekonzern Wacker am Produktionsstandort Burghausen.Von Michael Müller

Ein Betriebsingenieur ist dafür verantwortlich, dass Produktionsanlagen sicher, störungsfrei und vor allem kosteneffizient funktionieren. Voraussetzung für den Beruf ist nicht nur ein Studium der Verfahrenstechnik und entsprechendes Fachwissen. Betriebsingenieure müssen auch flexibel, kreativ und teamfähig sein. Obwohl Chemie zu meinen Lieblingsfächern in der Schule gehörte, wollte ich etwas studieren, das Chemie und Technik verbindet.

Bei Messen zur Berufs- und Studienwahl und bei Schnuppertagen an der Technischen Universität München wurde ich auf das Studium Chemieingenieurwesen aufmerksam. Schnell wurde mir klar, dass das genau das Richtige für mich ist. 2003 schrieb ich mich an der TU München für den Studiengang ein. Einer meiner Studienschwerpunkte war thermische Verfahrens- und Reaktionstechnik. Für meine spätere Berufskarriere hätte ich keine bessere Entscheidung treffen können. Denn für klassische Chemieunternehmen sind Berufseinsteiger, die über verfahrenstechnisches Fachwissen verfügen, besonders interessant.

2008 bewarb ich mich als Praktikant beim Münchner Chemiekonzern Wacker und wurde prompt genommen. Drei Monate konnte ich in der Verfahrenstechnik im Stammwerk Burghausen mitarbeiten und erste Berufserfahrung sammeln. Ich war so begeistert, dass ich mir anschließend ein verfahrenstechnisches Thema für meine Diplomarbeit aussuchte. Das war sowohl für das Unternehmen als auch für mich von Vorteil: Ich konnte weitere Einblicke in die Produktion gewinnen, und mein künftiger Arbeitgeber lernte mich fachlich noch besser kennen. Noch im gleichen Jahr, keine vier Wochen nach dem Abschluss meiner Diplomarbeit, hat mich Wacker als Projektingenieur eingestellt.

Nach drei Jahren in der zentralen Verfahrensentwicklung arbeite ich inzwischen in einem Betrieb, in dem Siliconvorprodukte hergestellt werden. Hier sind Anlagen mit den unterschiedlichsten Apparaten samt Rohrleitungen zu betreuen: Rührwerke, Wärmetauscher, Kolonnen, Pumpen. Als Betriebsingenieur ist es meine Aufgabe, für einen reibungslosen Betrieb zu sorgen. Nur wenn unsere Anlagen sicher und störungsfrei laufen, können wir kosteneffizient produzieren.

Ein weiteres Aufgabengebiet ist die „Legal Compliance“, also die Einhaltung von gesetzlichen Vorgaben in Sachen Anlagen- und Arbeitssicherheit. Sicherheit und Umweltschutz hat oberste Priorität. Außerdem kümmere ich mich um die Einhaltung behördlicher Vorschriften und Auflagen. Beispiel: Jede Chemieanlage im Werk wird regelmäßig vom TÜV überprüft. Mein Job ist es, dafür zu sorgen, dass alle Anlagen, für die ich verantwortlich bin, die technischen Prüfungen ohne Beanstandung bestehen. Der Alltag eines Betriebsingenieurs verlangt immer wieder ein hohes Maß an Flexibilität. Neben geplanten Revisionen und Umbaumaßnahmen gibt es auch Arbeiten, die keinen Aufschub dulden und sofort erledigt werden müssen. Dabei gilt es, die betrieblichen Interessen mit den Interessen der Instandhaltung, der Planung und der Sicherheitsabteilung sinnvoll und bestmöglich unter einen Hut zu bringen.

Ein wesentlicher Teil meiner Arbeit ist es auch, die Effizienz und Produktivität bestehender Anlagen und Prozesse zu überprüfen und, wenn möglich, zu verbessern. Da ist Kreativität und Flexibilität gefordert. Das Wissen, dass eine Anlage nie zu Ende optimiert ist und es immer etwas zu verbessern gibt, motiviert mich ganz besonders. Neben unternehmerischem Denken und Handeln ist auch die Fähigkeit wichtig, im Team zu arbeiten. Bei jeder Reparatur, bei jeder Instandhaltungs- oder Modernisierungsmaßnahme arbeite ich mit unterschiedlichen Fachwerkstätten und Fachstellen zusammen. Da muss auch die Chemie zwischen Betriebsingenieur und Facharbeitern stimmen.

Inzwischen arbeite ich seit fünf Jahren als Betriebsingenieur. Langweilig wurde es mir in dieser Zeit nie. Jeden Tag warten neue, spannende Aufgaben auf mich. Der Beruf ist äußerst abwechslungsreich und vielseitig. Und da mein Arbeitgeber Produktionsstandorte in aller Welt betreibt, hätte ich auch die Möglichkeit, im Ausland zu arbeiten. Ein guter Verfahrensingenieur hat eben viele Möglichkeiten, sich beruflich zu betätigen – und das nicht nur in der Chemie.

Job-Steckbrief Betriebsingenieur für Verfahrenstechnik

Voraussetzungen:

Abgeschlossenes Hochschulstudium der Fachrichtung Verfahrenstechnik, Automatisierungstechnik, Chemieingenieurwesen bzw. Maschinenbau, erste praktische Erfahrungen (Praktika, Diplomarbeit in der Industrie), internationale Erfahrung, Kenntnisse der einschlägigen Gesetze, Vorschriften und technischen Regelwerke

Tätigkeitsfelder (Auswahl):

  • Anlagenoptimierung hinsichtlich Produktivität, Energie- und Umwelteffizienz
  • Planung und Überwachung von Reparatur- und Investitionsmaßnahmen
  • Projektarbeit beginnend bei der Konzepterstellung, Projektdefinition und Projektabwicklung
  • Aufrechterhaltung der Genehmigungsfähigkeit der Anlagen Beantragen erforderlicher Mittel für Investition und Reparatur sowie Planung und Kontrolle der Einhaltung des Budgets

Gehalt:

Im Durchschnitt 4.800 Euro
Quelle: www.gehaltsvergleich.com

Weiterbildung:

Business-Smoothie für Naturwissenschaftler

„SUMM, SUMM, SUMM – DAS BIENENBUCH

Cover Das Bienen-BuchBienen sind von essentieller Bedeutung für unseren Lebensraum, doch sie sind gefährdet und es gibt immer weniger von ihnen. „Das Bienen Buch“ zeigt, wie man dazu beitragen kann, die nützlichen kleinen Insekten zu schützen und zu bewahren – und gibt dabei einen faszinierenden Einblick in ihre Welt . Es vermittelt in vier Kapiteln alles, was es über Bienen zu wissen gibt – von ihrer Biologie über den Einstieg ins Imkern bis hin zur Verarbeitung des geernteten Honigs. Neben den interessanten Texten besticht das Buch aber auch durch seine liebevolle grafische Gestaltung: Die Kombination aus Farbfotos und Illustrationen sowie das edle Coverdesign mit Leinenhaptik machen es zu einem echten Hingucker. Fergus Chadwick, Steve Alton, Emma Sarah Tennant, Bill Fitzmaurice, Judy Earl:
Das Bienen Buch. Dorling Kindersley, 2017. ISBN: 978-3-8310-3229-7. 19,95 Euro.

ESSBARE WILDPFLANZEN

Foto: Joachim/Fotolia
Foto: Joachim/Fotolia

Brennnessel, Giersch und Co. wachsen am Wegesrand in Wald und Flur und sind mehr als lästiges Unkraut. Immer mehr Menschen entdecken die Wildkräuter als Gaumenschmaus und mixen Saucen, Smoothies und Salate aus dem essbaren Grün, das die Natur schenkt. Einer, der sich perfekt in dieser Welt auskennt, ist der Biologe und Geograph Dr. Markus Strauß. Er hat mehrere Bücher zum Thema „Essbare Wildkräuter“ geschrieben und bietet Seminare an. Auch auf seiner Webseite findet sich manche nützliche Info, zum Beispiel zahlreiche leckere Rezepte. www.dr-strauss.net

DIE WICHTIGSTEN FRAGEN DER MENSCHHEIT

Cover Warum landen AsteroidenDruckfrisch gerade erschienen: 33 fundierte Antworten auf ebenso viele Fragen. Warum landen Asteroiden immer in Kratern? Soll man das Geschirr vorspülen, bevor man es in den Geschirrspüler räumt? Kann man in einem Schwarzen Loch zu spät kommen? Wie entsorgt man eine Raumstation? Können Drachen Feuer speien? Sind Bakterien musikalisch? Und warum vergessen wir auf dem Weg von einem Zimmer ins andere, was wir wollten? Kabarettist und Master of Ceremony Martin Puntigam, Astronom Florian Freistetter und Mikrobiologe Helmut Jungwirth beantworten die fundamentalsten Fragen der Menschheit. Eine aufklärerische Kampfschrift zum 10-jährigen Jubiläum der Science Busters (s. u.). Martin Puntigam, Florian Freistetter, Helmut Jungwirth: Warum landen Asteroiden immer in Kratern? Hanser Literaturverlag, 2017. ISBN: 978-3-446-25727-6. 22,00 Euro.

CHEMIEWEN DE

Cover ChemiewendeDass die Energiewende machbar ist, hat sich gezeigt. Dass eine Chemiewende hin zu erneuerbaren, natürlichen Rohstoffen ebenso notwendig ist, zeigt das neue Buch des promovierten Chemikers und Gründers der Firma Auro Naturfarben. Es geht ihm und seinem Koautor Horst G. Appelhagen um einen radikalen Wechsel der Grundstoffe, aus denen wir unsere Alltagsgüter produzieren. Während die Chemieindustrie immer noch zu 90 Prozent auf Erdöl setzt, zeigen Pionierunternehmen wie es geht und stellen Autos, Baustoffe, Textilien oder Kosmetika auf der Grundlage von Pflanzen, Algen und Mikroorganismen her. Die Autoren sind diesen neuesten Entwicklungen auf der Spur. Sie führen den Leser aber auch zurück zur Magie der Stoffe, die das eigentliche Wesen der Chemie ausmacht, und zeigen eindrucksvoll, dass Pflanzen kein bloßer „Roh-Stoff“ sind, sondern durch ihre raffinierte Syntheseleistung selbst die Standards liefern, an denen jede wahre „Wert-Schöpfung“ ansetzen muss. Hermann Fischer, Horst G. Appelhagen: Chemiewende. Von der intelligenten Nutzung natürlicher Rohstoffe. Verlag Antje Kunstmann, 2017. ISBN 978-3-95614-173-7. 14 ,00 Euro.

THE JAZZ OF PHYSICS

Cover The Jass of PhysicsSchon vor mehr als 50 Jahren begeisterte sich John Coltrane für das Universum. Inspiriert von Albert Einstein, hatte Coltrane Physik und Geometrie in den Mittelpunkt seiner Musik gestellt. Diese Idee faszinierte den Physiker und Jazzmusiker Stephon Alexander seit frühester Jugend. Er zeigt anhand des Jazz, wie die größten Fragen der Physik über die Beschaffenheit des Universums beantwortet werden können. „The Jazz of Physics“ fasziniert und begeistert jeden, der sich für die Geheimnisse unseres Universums, der Musik und des Lebens interessiert. Stephon Alexander: The Jazz of Physics. Die Verbindung von Musik und der Struktur des Universums. Eichborn 2017. ISBN: 978-3-8479-0033-7. 25,00 Euro.

DAS SEELENLEBEN DER TIERE

Cover Das Seelenleben der TiereFürsorgliche Eichhörnchen, treuliebende Kolkraben, mitfühlende Waldmäuse und trauernde Hirschkühe – sind das nicht Gefühle, die allein dem Menschen vorbehalten sind? Der passionierte Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben lehrt den Leser seines Buches „Das Seelenleben der Tiere“ das Staunen über die ungeahnte Gefühlswelt der Tiere. Anhand neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse und anschaulicher Geschichten nimmt er ihn mit in eine kaum ergründete Welt: die komplexen Verhaltensweisen der Tiere im Wald und auf dem Hof, ihr emotionales und bewusstes Leben. Und man begreift: Tiere sind uns näher, als wir je gedacht hätten. Faszinierend, erhellend, bisweilen unglaublich! Peter Wohlleben: Das Seelenleben der Tiere. Liebe, Trauer, Mitgefühl – erstaunliche Einblicke in eine verborgene Welt. LUDWIG 2016. ISBN: 978-3-453-28082-3. 19,90 Euro.

DER ANTI-RATGEBER

Cover LaueftRobin Haring ist einer der jüngsten Professoren Deutschlands, Spiegel-Bestseller-Autor und großer Fan des konstruktiven Scheiterns. Der studierte Diplom-Demograph und anstudierte Schlagzeuger promovierte 2010 im Fach Epidemiologie, war 2011 als Post-Doc an der Boston University, habilitierte 2013 und wurde im Jahr 2014 mit 32 Jahren zum Professor berufen. Nun hat er den Anti-Ratgeber „Läuft bei mir!“ geschrieben. Statt der üblichen Standardrezepte zur Selbstoptimierung versammelt dieses Buch insgesamt 32 Strategien, Fähigkeiten und Tricks, neudeutsch auch Life Hacks genannt, die Leben und Karriere schlicht leichter und besser machen – ganz konkret und ganz entspannt. Robin Haring: Läuft bei mir! Wie man auch ohne Erfolgsregeln entspannt Karriere macht. Redline-Verlag 2017. ISBN: 978-3-86881-675-4. 14,99 Euro.

Marc Freukes, der Odenwald-Tipianer

Klassische Aussteiger sind selten geworden, doch ihre Sehnsucht nach unberührter Natur und fast grenzenloser Freiheit teilen auch heute viele Menschen. Marc Freukes hat den Traum wahrgemacht. Bevor er – nach eigenen Worten – ein Burn-out erlitt, stieg er aus seinem alten Leben als Golflehrer aus und zog Anfang 2014 in ein selbsterrichtetes Baumwollzelt, ein Tipi, mitten im Odenwald.

Obwohl er nach Minimalismus strebt, geht es ihm nicht darum, einen Steinzeitmenschen oder Indianer zu imitieren. Vielmehr will der Odenwald-Tipianer, wie er genannt wird, die Fertigkeiten der Naturvölker mit den Errungenschaften der Moderne verbinden und ein Leben führen, das im Einklang mit der Natur steht, anstatt sie zu zerstören. Seinen Lebensunterhalt verdient er mit dem Schreiben von Büchern und mit Outdoor-Kursen.

Herr Freukes, Sie leben seit fast vier Jahren im Wald in einem Zelt. Vermissen Sie nie den Komfort einer trockenen und warmen Wohnung?
Das Tipi ist zumindest halbwegs trocken durch eine zweite Decke, die ich hineingezogen habe und mein selbstgebauter Lehmofen macht es auch bei niedrigen Temperaturen mollig warm.

Warum genau wagen Sie dieses Experiment?
Zu Beginn des Projekts ging es mir darum, die Kosten des zivilisierten Lebens zu reduzieren, um Geld fürs Alter zu sparen, und einen Job zu finden, mit dem ich in der Nähe des Odenwaldes bleiben kann. Außerdem wollte ich das alte Leben und die Natur mehr in meinen Alltag integrieren und einen sinnvollen Beitrag leisten, indem ich Menschen zeige, wie einfach man leben kann und dass Verzicht kein Einschnitt sein muss.

Und was erreichen Sie damit?
Teil des Experiments ist, herauszufinden, wie viel ich zum Überleben brauche. Es ist befreiend wenig zu haben: getreu dem Motto: „Je mehr Dinge man hat, desto mehr haben einen die Dinge!“

Sie benutzen ab und an ein Handy. Ist das nicht gemogelt?
Da auch ich nicht komplett aufs Geld verzichte, bin ich darauf angewiesen den Kontakt zu Kunden so herzustellen wie sie es im 21. Jahrhundert gewohnt sind. Rauchzeichen waren bisher vergebens ;-) Auch die Moderne hat ihre Vorzüge, aber auf die Dosis kommt es an. „Wie viel Plastik, wie viel Handy, wie viel Technik brauche ich wirklich?“ ist eine meiner Leitfragen.

Also wollen Sie das Ursprüngliche, Natürliche mit dem Modernen verbinden – ist das sinnvoll?
Ich glaube, die Zukunft liegt in einer Mischung aus dem Neuen und dem Alten und der Erkenntnis, dass die lebenswichtigen Dinge nicht neu erfunden werden müssen, es geht nicht darum, die Zeit zurückzuschrauben.

www.wildniskurs.de

Gibt es etwas, das Sie Berufseinsteigern mit auf den Weg geben würden?
Nach langer Zeit auf sinnfreie Berufsjahre zurückzublicken, kann auch in die Depression führen. Gemeinnutz, Spaß und Sinn können Richtungsgeber bei der Berufswahl sein.

Und zum Schluss: Was ist denn Ihr Lieblingsessen und können Sie das auch im Wald kochen?
Mein Lieblingsessen ist: „4 P&C“, Penne-Pesto-Pute-Parmesan & Cashewnüsse, eine Eigenkreation aus Golflehrerzeiten.

E-Paper karriereführer naturwissenschaften 2017.2018

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karriereführer naturwissenschaften 2017.2018 – Bio trifft Digital

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Bio trifft Digital

Pillen aus dem Drucker, Big Data in der Forschung und Bio-Tech-Boom: Die Pharma-Branche profitiert schon heute von neuen technischen Entwicklungen, in naher Zukunft werden sich weitere Potenziale ergeben. Diese zu nutzen, ist Aufgabe der Pharma-Unternehmen und ihrer Mitarbeiter. Damit das funktioniert, müssen Mitarbeiter erkennen, wie sehr die Technik zum Enabler dieser Branche wird – und wie weitreichend der Kulturwandel sein wird. Das zeigt unser Blick auf zwei große Pharma-Trends: die Digitalisierung und die Biopharmazeutika.

karriereführer wirtschaftswissenschaften 2.2017 – Unternehmen der Zukunft – Individualität zählt

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Unternehmen der Zukunft – Individualität zählt

Trendwende. Die Unternehmen der Zukunft nehmen zwei Gruppen wichtiger als ihre Shareholder: die Kunden und die Mitarbeiter. Das ist klug – holen die eigenen Leute das Beste für die Kunden heraus, kommen die Aktionäre ganz von allein. Damit das funktioniert, benötigen die Firmen Führungskräfte mit hoher sozialer Kompetenz. Im Fokus stehen nicht mehr Leitung und Kontrolle: Es kommt darauf an, eine Organisation zu entwickeln, die Innovationsmanagern und Wirtschaftsprüfern gleichsam gerecht wird. Das bedeutet: Das Unternehmen der Zukunft tickt individuell.

E-Paper karriereführer wirtschaftswissenschaften 2.2017

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Unternehmen der Zukunft: Individualität zählt

Paradigmenwechsel: Erst die Kunden und Mitarbeiter, dann die Shareholder Trendwende. Die Unternehmen der Zukunft nehmen zwei Gruppen wichtiger als ihre Shareholder: die Kunden und die Mitarbeiter. Das ist klug – holen die eigenen Leute das Beste für die Kunden heraus, kommen die Aktionäre ganz von allein. Damit das funktioniert, benötigen die Firmen Führungskräfte mit hoher sozialer Kompetenz. Im Fokus stehen nicht mehr Leitung und Kontrolle: Es kommt darauf an, eine Organisation zu entwickeln, die Innovationsmanagern und Wirtschaftsprüfern gleichsam gerecht wird. Das bedeutet: Das Unternehmen der Zukunft tickt individuell. Von André Boße

Jack Ma ist nicht nur einer der reichsten Männer der Welt, der Chef des chinesischen E-Commerce-Konzerns Alibaba gilt auch als einer der bedeutsamsten Manager-Philosophen dieser Zeit. Der Geschäftsmann formulierte vor einiger Zeit einen Satz, der wie kaum ein anderer für den Wandel der Unternehmenswelt steht. Für seinen Konzern gelte folgende Rangordnung: „Die Kunden sind die Nummer eins, die Mitarbeiter die Nummer zwei, die Shareholder die Nummer drei.“ Diese Reihenfolge ergebe für ihn Sinn: Die Kunden bringen dem Unternehmen das Geld, die Mitarbeiter folgen der Vision des Unternehmers – die Aktionäre sind weg, sobald erste Anzeichen einer Krise erkennbar sind. „Meine Kunden und meine Mitarbeiter aber bleiben“, so Jack Ma.

Grösse schützt vor Service nicht

Zu den bestimmenden Entwicklungen für die Unternehmen der Zukunft zählt die Bain-Studie auch den Kundenservice. Bislang gilt hier – besonders in der Wahrnehmung der Kunden – je größer, desto unpersönlicher. Für die erfolgreichen Konzerne von morgen werde das nicht mehr gelten: „Neue Technologien und Analysetools ermöglichen es, Kundenbedürfnisse schneller zu erkennen und darauf zu reagieren“, formulieren die Autoren der Studie. Auch dies ist ein Bereich, in dem für den Nachwuchs IT-Know-how und ein Gefühl für soziale Kompetenz einhergehen.

Kunden und Mitarbeiter vor den Anteilseignern: Eine Studie der Unternehmensberatung Bain zu den „Unternehmen der Zukunft“ zeigt, dass hinter diesem Ranking ein radikaler Wandel steht. Seit den 1970er-Jahren sei es die Erfolgsformel der Konzerne, dass die Interessen der Shareholder die Strategie des Unternehmens bestimmen.

So entstand zum Beispiel das System der Bonuszahlungen: Sind die Aktionäre glücklich, darf das Management kassieren. Was die Kunden und Mitarbeiter davon halten, spielte keine große Rolle. Genau dieses System jedoch stehe nun auf der Kippe: „Der Shareholder-Value wird in Zukunft das Ergebnis einer guten Unternehmensstrategie sein, nicht mehr deren Ziel“, heißt es in der Studie.

Das nennt man einen Paradigmenwechsel: Es geht nicht mehr darum, das gesamte Unternehmen danach auszurichten, die Anteilseigner zufrieden zu stellen. Denn diese Zufriedenheit ergebe sich ganz von alleine, wenn das Unternehmen bei den Kunden erfolgreich ist und die besten Talente an Bord hat.

Personalarbeit wird individuell

Doch was bedeutet das konkret? Zunächst der Blick auf die Mitarbeiter: Seit vielen Jahren rauscht der Begriff der flexiblen Arbeitszeit durch die Debatten – vielfach offen ist allerdings die Frage, wie sich diese Flexibilität gestalten lässt, gerade mit Blick auf Industrie 4.0 und Systeme der künstlichen Intelligenz. Müssen jetzt, da Roboter zu Kollegen werden, die Menschen noch mehr wie eine Maschine arbeiten? Welcher Grad von Flexibilität erfreut den Mitarbeiter – und ab wann entsteht nur noch zusätzlicher Stress, weil man immer und überall auf Abruf zur Verfügung stehen muss?

Buchtipp

Cover James Allen Wie der Mensch denktKlassiker der Persönlichkeitsentwicklung „Wie ein Mensch in seinem Herzen denkt, so ist er“ – diese Redewendung hat den britischen Autor James Allen 1903 zu seinem Buchtitel inspiriert. Dieser Pionier war einer der ersten, der über Persönlichkeitsentwicklung und Selbsthilfe schrieb. Bis heute ist dieser Klassiker eines der am meist gelesenen Werke zu diesem Thema. Frisch in deutscher Sprache erschienen. James Allen: Wie der Mensch denkt, so lebt er. mvg – Münchner Verlagsgruppe 2017. 8,99 Euro. Auch als E-Book erhältlich!

Wie sehr die Arbeitgeber diese Fragen umtreiben, zeigt eine Umfrage, nach der die Themen Arbeitszeitflexibilität und gesetzlicher Arbeits- und Gesundheitsschutz die größten Herausforderungen für die Unternehmen der Zukunft sind. Dies ist das Ergebnis des Trendbarometers „Arbeitswelt“ des Instituts für angewandte Arbeitswissenschaft (ifaa). „Die Unternehmen sind sich ihrer Verantwortung bewusst“, sagt ifaa-Direktor Prof. Dr.-Ing. Sascha Stowasser. „Was sie brauchen, sind Informationen und praktische Unterstützung, um im Zeitalter neuer technischer Möglichkeiten individuelle Arbeitszeitsysteme einzuführen.“

Der Personaler von morgen jongliert also nicht mehr mit Modulen, sondern sucht mit den Mitarbeitern nach individuellen Lösungen – im Idealfall eng verknüpft mit dem IT-Bereich, der die digitalen Assistenzsysteme zur Verfügung stellt. Mehr denn je wird es im Unternehmen der Zukunft darum gehen, die Talente der Mitarbeiter optimal einzusetzen. Doch diese Arbeit wird komplexer, denn für den Businesserfolg kommt es in Zukunft verstärkt darauf an, die alten organisatorischen Strukturen aufzubrechen.

Mission erfüllen als Führungsaufgabe

Jedes Unternehmen hat in seinem Geschäftsmodell kritische Faktoren, die darüber entscheiden, ob die Strategie aufgeht oder nicht. Will zum Beispiel ein Möbelhersteller günstige Bio-Möbel anbieten, um umweltbewusste Kunden zu gewinnen, muss er einerseits sicherstellen, dass die Zulieferer diesen Ansprüchen genügen, andererseits die Effizienz der Produktion im Blick behalten – schließlich sollen die Öko-Modelle bezahlbar bleiben.

The Future of Finance

Einen Überblick zu aktuellen Entwicklungen der Transformation und Wirkungsweise neuer Geschäfts- und Marktmodelle bietet die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft pwc – PricewaterhouseCoopers unter: www.pwc.de/de/future-of-finance.html

Ein solches Unternehmen habe also eine klare „Mission“, so die Bain-Studie zu den „Unternehmen der Zukunft“. Steht die Mission fest, komme es darauf an, „erfolgskritische Rollen“ zu definieren – also Positionen zu bestimmen, die dafür sorgen, dass die Mission erfüllt wird. Das haben die Unternehmen bislang auch gemacht – aber mit einem anderen Ansatz. „Das Ziel der Organisation war es, die besten Kräfte ins obere Management zu befördern: Der geübteste Maurer wurde zum Vorgesetzten aller Maurer.“

So mauerte man, um im Bild zu bleiben, im Unternehmen auf verschiedenen Baustellen vor sich hin, zusammengeführt wurden die vielen Arbeiten häufig erst auf der Chef-Ebene. Dort kam es dann dazu, dass Steuerberater, Wirtschaftsprüfer und Controller auf der einen und Unternehmensstrategen auf der anderen Seite ziemlich unvermittelt aufeinander trafen. In Zukunft, so die Studie, komme es für die Unternehmen darauf an, immer wieder neue „Expertengemeinschaften“ zu etablieren, die eine bestimmte Mission erfüllen. Zum Beispiel die Lieferkette so zu gestalten, dass sie den Öko-Anspruch erfüllt. Und hier kann dann der Nachhaltigkeitsmanager direkt neben dem Wirtschaftsprüfer sitzen.

Führung morgen braucht soziale Kompetenz

So entstehen in den Unternehmen immer wieder neue Zellen, die – jedes Mal spezifisch zusammengesetzt – innovativ an Lösungen arbeiten. „Diese Mitarbeitergruppen schaffen einen direkten Kundenmehrwert“, schreiben die Autoren der Bain-Studie. „Sie müssen daher nicht nur gemanagt, sondern effektiv gefördert und weiterentwickelt werden.“ In den Unternehmen passiert dadurch etwas Interessantes: Die Zahl der herkömmlichen Manager nimmt ab. „Kooperationen und Outsourcing verringern den eigenen Investitions- und Managementbedarf“, so die Studie. „Durch effektives Partner-Management entstehen komplexe Unternehmens-Ökosysteme, die aktiv gepflegt werden müssen, um reibungslos zu funktionieren.“

Dadurch entstehen auch neue Karrierewege: Eine Führungskraft ist eben nicht mehr zwingend der Chef-Maurer, der dann anderen sagt, wie das Mauern am besten geht. Leadership stehe in Zukunft für die Qualität, diese Ökosysteme innerhalb der Unternehmen zu ermöglichen und zu fördern. Aber eben nicht dafür, diese zu leiten und zu kontrollieren. Das erfordert von den Führungskräften hervorragende soziale und kommunikative Kompetenzen, denn wer diese Zellen zusammensetzt, muss seine Leute wirklich kennen: Talente, aktuelle Lebenssituation, individuelles Arbeitszeitmodell – diese Punkte werden zu entscheidenden Faktoren für den Erfolg.

Rebellen gegen die Trägheit

Nun lesen sich Begriffe wie Zellen und Ökosysteme gut – wer aber als Einsteiger in ein Unternehmen kommt, wird merken, dass die Sprache größtenteils eine andere ist. „Unternehmen sind Organisationen – und die haben eines mit uns Menschen gemeinsam, nämlich die Trägheit“, sagt Reinhold Rapp. Der Unternehmensberater und Keynote-Speaker war Top-Manager im Bereich der Organisationsentwicklung bei der Lufthansa, bevor er sich als Consultant und Start-up-Unternehmer selbstständig machte. Wie Unternehmen ticken, weiß er also aus eigener Erfahrung und durch viele Einblicke. „Veränderungen ergeben sich selten aus den Organisationen heraus“, sagt er. „Verantwortlich dafür sind eher die Rebellen, die mit ihrem individuellen Verhalten den Wandel einsetzen.“

Create-ups: Nicht der Umsatz zählt

Businessplan? Kann man machen – muss aber nicht sein. Was die moderne Unternehmensform der Create-ups viel mehr interessiert, ist die Frage, wie man möglichst schnell viele Leute für eine Idee gewinnen kann. „Sie verlassen sich nicht auf ein bestehendes Geschäftsmodell, sondern drehen den Markt um“, schreibt Unternehmensberater Reinhold Rapp in einem Beitrag für das Zukunftsinstitut.

Mit Blick auf die Organisation funktionieren sie eher wie ein experimentelles Labor als eine klassische Firma. Und selbst wenn die Create-ups zunächst häufig keinen Gewinn erzielen, bleiben Investoren am Ball, weil die Zahl der Kunden steigt. Was macht die Kultur der Create-ups aus?

Blog von Reinhold Rapp

Auch auf seinem Blog „The next next thing“ berichtet Reinhold Rapp über aktuelle Trends: www.reinholdrapp.com/the-next-next-thing

Alleine mit dem Kopf durch die Wand – das wäre eine mögliche Strategie. Klüger ist es wohl, mit Hilfe von sozialen Kompetenzen ein innovationsfreudiges Netzwerk zu knüpfen, Allianzen zu schmieden – wobei es gar nicht das Ziel sein muss, das ganze Unternehmen umzukrempeln. Der Idee, dass Megatrends wie die Digitalisierung die gesamten Unternehmen umwälzen und dafür sorgen, dass kein Stein auf dem anderen bleibt, steht Rapp skeptisch gegenüber: „Es ist zunächst sogar sinnvoll, dass einige Bereiche in den Unternehmen weiterhin traditionell organisiert sind.“

Wenn der Berater in Unternehmen hineinschaut, beobachtet er bei Veränderungsprozessen häufig eine große Ungeduld. „Viele Führungskräfte und Top-Manager haben den Eindruck, der Wandel funktioniere überall sehr schnell – nur eben nicht im eigenen Unternehmen.“ In der Folge komme es schnell zu Wechseln auf den Positionen. Was dann fehle, sei die Kontinuität, die bei erfolgreichen Veränderungsprozessen genau so wichtig ist wie die Dynamik. „Sinnvoll ist daher eine klarere Trennung zwischen den Stabilitäts- und den Neuerungsbereichen“, schlägt Rapp vor. „Häufig werden Mitarbeiter heute dazu motiviert, beides zu machen: das Standardgeschäft zu optimieren und parallel dazu in einem Innovationsprojekt nach neuen Geschäftsmodellen zu suchen. Für den Mitarbeiter ist das schwierig.“

Drei Unternehmen in einem

Die Gefahr, dass sich das Unternehmen durch die Trennung in etablierte sowie innovativ-querdenkende Bereiche aufsplittet und nicht wieder zusammenfindet, sieht Rapp nicht. Im Gegenteil: Das Unternehmen der Zukunft sei für ihn eines, in dem drei Teil-Unternehmen existieren: eines für die Innovationen, eines für das Wachstum, eines für die Bereitstellung des Know-hows.

„Jeder dieser Unternehmensteile benötigt die besten Talente“, sagt Rapp, „und diese finde ich für meinen Bereich wesentlich besser, wenn er sauber von den anderen getrennt ist.“ Ein Mitarbeiter, der Wert auf Stabilität legt, muss sich nicht ständig Innovationsdruck aussetzen. Ein Querdenker steht nicht permanent vor der Aufgabe, sich Freiräume erkämpfen und (noch) fehlende Umsätze erklären zu müssen. Davon profitieren beide Typen, weil weniger Bemühungen darauf verwendet werden müssen, sich dem jeweils anderen anzunähern. Das kostet nämlich nicht nur Zeit, sondern auch Nerven.

Wirtschaftsprüfung:

Rekrutierung neben Digitalisierung wichtigstes Zukunftsthema Die aktuelle Lünendonk-Studie „Wirtschaftsprüfung und Steuerberatung in Deutschland“ belegt die Auswirkungen der digitalen Transformation auf den Markt: Die „Big Four“ haben ihre Mitarbeiterbasis um etwa 2.400 neue Arbeitsplätze aufgestockt. Und sowohl die Anforderungen an die Mitarbeiter als auch die Unternehmenskultur verändern sich. Klassische Wirtschaftsprüfung ist zunehmend weniger gefragt, bei einigen Gesellschaften liegt der Prüfungsanteil bereits unter 25 Prozent. Immer wichtiger werden Services wie Rechtsberatung, Managementberatung und Digital-Content-Services sowie digitale Transformation. Mehr zur Studie unter: www.luenendonk-shop.de

Work-Life-Blending: Interview mit Prof. Christian Scholz

Der Generationenkenner. Wenn sich BWL-Professor Christian Scholz mit den Unternehmen der Zukunft beschäftigt, blickt der Personal-Experte und Ökonom vor allem auf die Menschen, die dort arbeiten. Scholz erkennt, dass die junge Generation Z mit vielen Ansätzen bricht, die heute als zeitgemäß gelten. Garantien statt Flexibilität, Trennung statt Blending – Führungskräfte sind gut beraten, sich mit den Vorstellungen des Nachwuchses auseinanderzusetzen. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Christian Scholz (geboren 1952 in Vöcklabruck/Oberösterreich) studierte in Regensburg und an der Harvard Business School. Seit 1986 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Organisation, Personal- und Informationsmanagement an der Universität des Saarlandes in Saarbrücken. Er etablierte sich als Experte für Personalmanagement, sein zentrales Tätigkeitsfeld ist die Erforschung der Arbeitswelt. Dabei beschäftigt sich Christian Scholz intensiv mit der Generation Z und ihren Auswirkungen auf die Arbeitswelt der Zukunft. Im Oktober erscheint als Nachfolger zu „Generation Z“, ebenfalls bei Wiley, sein neues Buch „Mogelpackung Work-Life-Blending“.

Herr Prof. Dr. Scholz, Ihr neues Buch ist eine kritische Abrechnung mit der Idee des Work-Life-Blending. Was ist falsch daran, wenn die Grenzen zwischen Privatleben und Arbeit zerfließen?
Bei der Work-Life-Balance gab es noch den Anspruch, eine Balance zu finden. Das Blending – manche sagen auch Work-Life-Flow oder Work-Life-Integration – steht für eine völlige Vermischung: Alles geht ineinander über. Es gibt also keine zeitlichen und räumlichen Grenzen mehr zwischen Freizeit und Arbeitszeit. Das ist der Abschied von geregelten Arbeitszeiten, oft aber auch von festen Arbeitsplätzen. Wir reden also von der vollkommenen Flexibilisierung der Arbeit.

Aber ist diese Flexibilisierung der Arbeitszeit nicht genau die Entwicklung, die von der jungen Generation eingefordert wird?
Das wird behauptet. Von Seiten der Unternehmen und der Politik. Bei den Vertretern der Generation Y war das in vielen Fällen auch noch so: Die haben beim Einstieg in den Job geglaubt, dass sich Leistung lohnt und Loyalität auszahlt. Diese Generation war optimistisch.

Ist die Generation Z pessimistisch?
Nein, eher realistisch. Diese jungen Menschen haben sehr genau hingeschaut, was in den vergangenen Jahren passiert ist. Sie haben erkannt, dass Karriere mit Stress oder Burn-out einhergehen kann, dass Unternehmen ganz andere Dinge im Kopf haben, als sich tatsächlich um das Wohl ihrer Mitarbeiter zu kümmern. Wenn diese jungen Leute den Begriff Flexibilisierung hören, läuten sofort die Alarmglocken.

Zurecht?
Ja, denn was als Flexibilisierung verkauft wird, ist eine Mogelpackung. Im Grunde handelt es sich um eine Planlosigkeit des Personalmanagements. Statt die Arbeit in Teams so aufzustellen, dass jeder weiß, was und wann zu tun ist, wird auf diesen Plan verzichtet und improvisiert: „Jetzt brauchen wir ein Meeting – jetzt holen wir die Leute zusammen, egal, wo sie gerade sind und was sie gerade machen.“

Das Management verfügt also über die Zeit der Mitarbeiter. Hier ist verstärkt Management-Diagnostik erforderlich, denn was bei diesem Ansatz fehlt, ist die soziale Management-Kompetenz, eine Arbeitsstruktur aufzustellen, an die sich alle zu halten haben, die aber eben auch freie Zeit planbar macht und garantiert. Stattdessen wird Arbeit auf Abruf eingefordert.