In den USA ist die orthomolekulare Medizin seit Jahrzehnten etabliert, in Deutschland zählte das Unternehmen Orthomol zu den ersten, die Mikronährstoffkombinationen entwickeln und vertreiben. Nils Glagau ist in zweiter Generation Geschäftsführer des Familienunternehmens. Im Interview, das André Boße führte, erzählt er, was die Forscher und Entwickler bei Orthomol leisten – und was es mit der orthomolekularen Medizin überhaupt auf sich hat.
Zur Person
Nils Glagau (42) packte als Sohn des Unternehmensgründers Dr. Kristian Glagau schon vor mehr als 25 Jahren mit an, als die noch junge Firma Orthomol in Langenfeld bei Düsseldorf von der Garage und aus dem Keller heraus operierte. Nils Glagau ist heute als einziges Familienmitglied im Unternehmen tätig, seit dem unerwarteten Tod seines Vaters im Jahr 2009 leitet er die Geschäfte. Er studierte an der Uni Bonn Ethnologie mit Schwerpunkt Alt-Amerikanistik, forschte in Lateinamerika über die Kultur der Maya.
Herr Glagau, woran erkennt man, dass man bei Ihnen in einem familiengeführten Unternehmen tätig ist?
Ich glaube, dass wir im Unternehmen tatsächlich sehr flache Hierarchien haben. Entsprechend kurz sind die Wege – bis zur Führungskraft, aber auch auf die Geschäftsführungsebene. Das Verhältnis untereinander ist unkompliziert und kommunikativ, die Führungskultur kooperativ. Wir legen Wert auf viele Begegnungen, auch im informellen Rahmen, und hören von Leuten, die von außen kommen, häufig, dass es bei uns erfrischend anders zugeht.
Was heißt das konkret, zum Beispiel mit Blick auf die Entwicklung neuer Produkte?
Es kommt nicht selten vor, dass Mitarbeiter zu uns in die Forschung und Entwicklung kommen, die vorher bei großen Konzernen tätig waren. Wenn wir sie dann nach einiger Zeit fragen, was bei uns anders ist, dann sagen sie häufig: Bei großen und internationalen Konzernen dauert alles länger. Es vergeht viel Zeit, ehe aus der Forschung und Entwicklung tatsächlich ein neues Produkt wird. Wir sind da schneller. Was den Vorteil hat, dass man rasch den Erfolg seiner Arbeit erkennen kann. Wobei die Konzerne natürlich andere Vorteile mitbringen: Die Größe und Internationalität bieten Chancen, häufig fließt mehr Forschungsgeld. Aber wir wollen uns da nicht beschweren, wir fühlen uns in unserer Welt sehr wohl.
Sie führen das Unternehmen in zweiter Generation. Was machen Sie anders als Ihr Vater, der Unternehmensgründer Dr. Kristian Glagau?
Man hört immer, dass es in Familienunternehmen traditionell so läuft: Die erste Generation gründet und baut das Geschäft auf, die zweite führt es weiter – und die dritte stellt dann vieles auf den Kopf.
Wir kennen das digitale Denken aus unserer Lebenswelt und wir verstehen, wie wir diese neuen Techniken für Felder wie Vertrieb, Marketing, Entwicklung und Produktion nutzen können.
Wo sehen Sie sich?
Eigentlich überall. Ich habe den Aufbau des Unternehmens ja schon mitbekommen, heute bauen wir auf diesen ersten Erfolgen auf. Es ist aber schon auch so, dass ich versuche, einige Dinge anders zu machen und neue Wege zu bestreiten – gerade mit Blick auf die großen Themen meiner Generation, allen voran die Digitalisierung. Wir Jüngeren besitzen im Vergleich zur älteren Generation einen großen Vorteil: Wir kennen das digitale Denken aus unserer Lebenswelt und wir verstehen, wie wir diese neuen Techniken für Felder wie Vertrieb, Marketing, Entwicklung und Produktion nutzen können. Doch dieses neue Denken ist nicht alles, wir haben im Unternehmen eine gute Mischung aus Leuten, die schon seit 20 Jahren dabei sind, und jungen Kräften.
Ihr Unternehmen ist Pionier für die orthomolekulare Medizin.
Für Deutschland stimmt das, ja. Als mein Vater das Unternehmen gründete, war die orthomolekulare Medizin in den USA bereits ein Thema, hierzulande war sie gerade in der Schulmedizin wenig präsent. Wir haben dann viel investiert, um wissenschaftlich und anhand von Studien die ernährungsmedizinischen Effekte unserer Produkte zu belegen. Da war viel Überzeugungsarbeit nötig, und vor 27 Jahren war das auch tatsächlich eine innovative Pionierarbeit.
Wie ist das Verhältnis zwischen Schulmedizin und Ihrem Bereich heute?
Es hat sich einiges verändert, Ernährungsmedizin nimmt im Medizinstudium und in der Welt der Apotheken heute einen anderen Platz ein als damals.
Was ist das Geheimnis Ihrer Innovationskultur?
Auch unsere Mitarbeiter sind erfrischend anders, so nehme ich das wahr. An Ideen mangelt es uns nicht. Im Gegenteil, wir haben im Unternehmen eher das Problem, die vielen Ideen und Ansätze zu bündeln.
Was wir sagen – und was wir durch zahlreiche internationale Studien auch untermauern können: In bestimmten Lebenssituationen sind ausgewählte Kombinationen aus Mikronährstoffen hilfreich.
Wenn sich Medien und die Schulmedizin mit der orthomolekularen Medizin und Ihren Produkten beschäftigen, klingt zumeist eine Skepsis an, die Beiträge fragen suggestiv „Viel Geld für nichts?“ oder „Was bringt das Zeug aus den Fläschchen?“ Was halten Sie dagegen?
Die orthomolekulare Medizin sagt: Wenn sich jemand gesund ernährt, eine gute Lebensweise an den Tag legt, auf seine Bewegung achtet und keine Beschwerden hat – dann ist alles gut. Es gibt aber eben auch Menschen mit Mehrbedarf. Dieser kann aus ganz unterschiedlichen Gründen entstehen, Krankheit ist nur einer davon, auch Sportler, Schwangere zum Beispiel haben einen Mehrbedarf. Und dann kann es sinnvoll sein, die Nahrung um diese Mikronährstoffe zu ergänzen. Niemand sagt: Man muss unsere Produkte nehmen. Wir verkaufen sie auch nicht als Allheil- und Wundermittel. Was wir sagen – und was wir durch zahlreiche internationale Studien auch untermauern können: In bestimmten Lebenssituationen sind ausgewählte Kombinationen aus Mikronährstoffen hilfreich.
In den USA ist das längst anerkannt, warum tun sich die Deutschen eher schwer?
Nehmen wir das Beispiel der Vitamine: Durch den veränderten Lebenswandel und andere Ernährung ist es für bestimmte Menschen sinnvoll, Vitamine zu ergänzen. Kommen diese innovativen Produkte auf den Markt, deren Wirkung belegbar ist, dauert es nur ein paar Tage, bis in den Medien dagegengehalten wird. Dann ist Vitamin D ein „Trend-Vitamin“ und selbst über Vitamin C wird viel Negatives berichtet. Ich habe nichts gegen Pro und Kontra. Aber man sollte sich in Deutschland nicht per se gegen Neuerungen aussprechen. In den USA ist das schon deshalb anders, weil die Menschen viel mehr dafür tun, nicht krank zu werden. Dann wird es nämlich dort richtig teuer. Ohne Krankenversicherung ist der Präventivgedanke ausgeprägt.
Wie arbeiten Sie mit der Forschung zusammen?
Wir führen selbst Studien durch, sowohl beobachtende Studien als auch placebokontrollierte Studien, die von einer Ethikkommission überwacht werden. Größere Studien geben wir bei unabhängigen Forschungsinstituten in Auftrag, auch diese werden überwacht. Was die Entdeckung neuer Mikronährstoffe betrifft, schauen wir in die ganze Welt, so wie es die Forschung schon immer getan hat.
Es ist sehr interessant, sich die Ernährung anderer Bevölkerungsgruppen anzuschauen – und zu erkennen, was hier anders ist. Die Inuit zum Beispiel essen sehr viel fetten Fisch, nehmen dadurch viel Omega-3-Fettsäuren auf, was zur Folge hat, dass man dort kaum die typischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen kennt. Auch im asiatischen Raum sind bestimmte westliche Krankheiten gar nicht bekannt, da schauen wir dann auf die Nährstoffe aus Sojakeimen zum Beispiel. Natürlich spielen da auch genetische Faktoren und die Lebensweise eine Rolle, dennoch: Wir können uns in der Welt vieles abgucken und ein auch für unsere Gesellschaft sinnvolles Produkt entwickeln.
Zum Unternehmen
Orthomol mit Sitz in Langenfeld im Rheinland entwickelt und vertreibt Nahrungsergänzungen und ergänzende bilanzierte Diäten, die in besonderen Lebenssituationen oder im Rahmen einer ernährungsmedizinischen Therapie eingesetzt werden. Die Basis der Arbeit bilden die Ergebnisse der ernährungsmedizinischen Forschung. Das Unternehmen wurde 1991 von Dr. Kristian Glagau gegründet, bis heute ist das Unternehmen familiengeführt.
Welche Wirkung der orthomolekularen Medizin finden Sie am faszinierendsten?
Die Makuladegeneration ist eine altersbedingte Augenkrankheit, die durch Ablagerungen auf der Netzhaut entsteht und unbehandelt bis zur Blindheit führen kann. Hier zeigen die groß angelegten und allgemein akzeptierten AREDS-Studien, dass Mikronährstoffe in der Lage sind, den Krankheitsverlauf zu verlangsamen. Sprich: Sie können für diese Patienten das Augenlicht länger erhalten.
Wie schätzen Sie im Zuge der Digitalisierung die Chance auf personalisierte Produkte ein, sprich über individuelle Mixturen, die sich anhand von Patientendaten erstellen lassen?
Wir bieten studienbasierte Produkte an, die Mixturen sind also festgeschrieben und können nicht einfach nach Belieben verändert werden. Tun wir das, sind die Studienergebnisse hinfällig – ein solches Vorgehen wäre also nicht wissenschaftlich. Hinzu kommt, dass es derzeit noch sehr zeitintensiv und aufwendig wäre, den individuellen Mikronährstoffbedarf festzustellen, dafür würde man mindestens ein genaues großes Blutbild benötigen, ein banaler Fragebogen reicht da nicht aus. Ich denke daher, dass diese individuellen Mixturen – so faszinierend sie auch sind – aktuell noch nicht in der Komplexität, wie die orthomolekulare Medizin es fordert, möglich sind. Das wird sich aber ändern, wenn Testverfahren entwickelt sind, mit denen man den Haushalt an Mikronährstoffen schnell und unkompliziert analysieren kann. Dann sind individuelle Mixturen machbar, und das wäre natürlich ein wichtiger Schritt, denn: je präziser, desto besser.




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