Hans-Hennig von Grünberg ist Professor und im zehnten Jahr Präsident der Hochschule Niederrhein – eine naturwissenschaftliche Karriere wie im Bilderbuch. Doch die ersten Schritte hinein in die Physik waren mühsam und voller Zweifel. Wie der Hochschulmanager aus dem Tal herauskam und was er angehenden Naturwissenschaftlern mit Zweifeln rät, erklärt er im Gespräch. Die Fragen stellte André Bosse.
Herr von Grünberg, Sie sind heute Professor für Physikalische Chemie und leidenschaftlicher Naturwissenschaftler. Hätten Sie als junger Student darauf gewettet, dass es einmal so kommen wird? Nein, eher nicht, denn ich habe meinen Studienstart an der RWTH Aachen als wirklich sehr beschwerlich empfunden. Zum einen fiel es mir recht schwer, in diesen Kosmos einer Universität einzutauchen. Zum anderen haben mir die ersten Semester meines Physikstudiums extrem zugesetzt. Warum? Weil sie zu wenig mit Physik zu tun hatten. Ich wollte ran an dieses Fach, darum hatte ich es ja ausgewählt. Stattdessen ging es in den Vorlesungen zunächst vor allem um abstrakte Mathematik – und zwar ohne, dass jemand uns mal den Sinn erklärte, warum das für die Physik wichtig ist. Also ging ich im zweiten Semester in eine Theoretische Mechanikvorlesung, um endlich echte Physik zu lernen. Doch dort habe ich nichts verstanden, also wirklich: null-komma-null. Ich war entsetzt, ich hatte mich als guten Abiturienten betrachtet – doch nun war ich an der Uni, belegte ein Fach, das mich durchaus interessierte, doch ich verstand nur Bahnhof. Hatten Sie Zweifel, die richtige Wahl getroffen zu haben? Und ob! Und diese Erkenntnis hat mich erheblich aus der Bahn geworfen, ich fragte mich fortlaufend: Wie doof musst du sein, dass du hier einfach nichts verstehst? Ich erinnere mich noch an die Briefe, die ich damals an meine Eltern geschrieben habe, da war von der Begeisterung eines Studenten nichts zu spüren, das waren die Briefe eines Zweifelnden. Beneidet habe ich die Kommilitonen, die Jura oder Medizin gewählt hatten, denn die beschäftigten sich in ihrem Studium mit diesseitigen Dingen, da ging es um den menschlichen Körper und echte strafgerichtliche Fälle. Ich mit meiner Physik dagegen kam mir wie einer aus dem Jenseits vor. Meine damalige Freundin studierte Medizin, und ich bekam jeden Abend mit, mit wie viel Praxisbezug sie auf ihren späteren Beruf als Ärztin hin lernte. Ich hingegen kam mit meiner abstrakten Mathematik um die Ecke – bei der Physik war ich ja noch gar nicht angekommen. Das hat mich wirklich extrem genervt. Weil es so langsam voranging. Ja, und weil mir die Grundbedingungen an einer Hochschule gewöhnungsbedürftig vorkamen. Unis sind ein seltsamer Ort, man geht dorthin, um sich von Professoren oder Dozenten bestimmte fachwissenschaftliche Themen ganz genau erklären zu lassen. Bei mir war das die Physik – da blieb dann kein Raum mehr für die Politik oder fürs Recht. Man verortet sich intellektuell in nur einem Fach, das ist bei Naturwissenschaftlern sicher noch stärker der Fall als in anderen Wissenschaften. Wie erwähnt: Die Physik kam mir jenseitig vor, ich sah zunächst keinerlei Anknüpfungspunkt an die wirkliche Welt. Insofern zog ich mich als junger Mensch aus dem eigentlichen Leben zurück. Und das ironischerweise in einer Lebensphase Anfang und Mitte 20, in der man eigentlich voll im Leben stehen möchte, was man ja zum Ende seiner Teenagerzeit noch getan hat. Bis zum Abi war man Teil einer großen Gruppe, man hat gemeinsam gelernt, hat zusammen Dinge auf die Beine gestellt. Das Physikstudium zu beginnen, war dann eine der ersten grundeigenen Entscheidungen. Die Folgen davon zu spüren – das war für mich nicht ohne, denn ich wusste sehr genau, dass es meine Entscheidung gewesen war, Physik zu studieren. Hatten Ihre Mitstudenten die gleichen Zweifel? Nicht alle, nein, es gab zum Beispiel einen, der sagte von Beginn an: Ich kann gar nichts anderes als Physiker werden. Das war für ihn ganz klar, und er ist dann auch tatsächlich Physikprofessor geworden. So wie auch Sie. Ja, ich bin gerne und leidenschaftlich Physiker, aber eigentlich bin ich ein noch leidenschaftlicherer Naturwissenschaftler. Ich hätte vielleicht in den ersten Semestern eine Suchbewegung in andere Fächer hinein zulassen sollen, zum Beispiel in die Biologie oder Chemie. Ich bin aber streng bei der Physik geblieben, so bin ich erzogen worden, recht preußisch, nach dem Motto: Wer A sagt muss auch B sagen. War das rückblickend eine Fehlentscheidung? Nein, ich habe längst meinen Frieden mit der Physik gemacht. Aber dennoch wäre das Suchen nach anderen naturwissenschaftlichen Möglichkeiten damals durchaus sinnvoll gewesen. In diesem Sinne besitzt der Zweifel ja auch eine steuernde Funktion, er motiviert einen Menschen dazu, mit der Suche nach weiteren Optionen zu beginnen, statt sich hängen zu lassen oder sich seinem Schicksal zu ergeben. Wann kam es zur Wende, wann entstand die Leidenschaft für die Physik? Als ich sie nach all der Mathematik endlich erreicht hatte, im fünften Semester. Es ging dann um die geliebte Quantenmechanik, das ist ja beileibe auch kein einfaches Thema, aber ich als ich die verstanden hatte, war ich endlich in der Physik angekommen. Welche Strategie raten Sie Studierenden von naturwissenschaftlichen Fächern, die wie Sie damals Zweifel haben? Zwei Dinge sind wichtig, erstens helfen Nein-Entscheidungen. So neidisch ich auf meine Freundin und andere Leute aus meiner Peer-Group auch war, aber für mich wäre ein Medizin- oder Jura-Studium nie infrage gekommen, ich hatte mich früh bewusst dagegen entschieden, und es hat mir geholfen, hier Klarheit zu haben. Zweitens ist es wichtig, sich in seinem Bereich oder auch abseits davon die Themen zu suchen, die einen begeistern. Bei mir waren das zum Beispiel die Computer, die gab es Ende der 1980er-Jahre an der Uni nur in speziellen Räumen, aber mich hat das begeistert. Indem ich für mich feststellte, was mich wirklich begeistern konnte und was ich auf gar keinen Fall machen wollte, habe ich Stück für Stück Puzzlesteine zu meinem Lebensentwurf hinzugefügt, andere hingegen habe ich weggelegt – und irgendwann ergab sich dann der für mich richtige Weg. Wie hat Goethe im „Faust“ geschrieben: „Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“ Das hat sich bei mir tatsächlich bewahrheitet.Zur Person
Hans-Hennig von Grünberg (geboren 1965 in Eckernförde) studierte von 1985 bis 1993 Physik an der RWTH Aachen sowie später an der FU Berlin. Er promovierte 1994 mit einer Arbeit in der theoretischen Festkörperphysik. Nach Assistenzjahren in Oxford und Konstanz wurde er 2004 zum Professor für Theoretische Physikalische Chemie an die Uni Graz berufen. Seit 2009 ist er Präsident der Hochschule Niederrhein mit Sitz in Krefeld und Mönchengladbach, zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2020 wird er sich auf eigenen Wunsch eine neue Herausforderung suchen. 2017 wählte eine Jury ihn zum Hochschulmanager des Jahres.


Der Ratgeber „Bewerbung to go“ ist für alle, die keine Zeit haben, sich stundenlang mit ihren Berwerbungsunterlagen zu beschäftigen. Sandra Gehde: Bewerbung to go. Entspannt und zeitgemäß zum neuen Job. Erfolgreich bewerben mit der Micro- Learning-Methode. metropolitan 2019. ISBN 978-3-96186-030-2. 14,95 Euro.
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Im kleinen Kosmos „Garten“ ereignen sich ziemlich viele erstaunliche Dinge: Im Boden sorgen Kleinstlebewesen dafür, dass Nährstoffe von den Pflanzen aufgenommen werden können. Manche Pflanzen geben Stoffe in den Boden ab, um sich Konkurrenz vom Leib zu halten. Andere Pflanzen wiederum fördern sich gegenseitig im Wachstum. Im Buch „Das grüne Wunder“ erklärt die Gartenexpertin Ina Sperl auf lockere Weise das faszinierende Zusammenspiel von Bodenleben, Pflanzen- und Tierwelt im eigenen Garten. Ina Sperl: Das grüne Wunder. Das geheime Zusammenspiel der Tier- und Pflanzenwelt im Garten entdecken. Gräfe & Unzer 2019. ISBN: 978-3-8338-6953-2. 17,99 Euro.
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Perspektiven für die Jahresabschlussprüfung In seinem Buch „Information, Haftung und Prüfungsqualität“ (erschienen bei Springer Professional) behandelt Autor Marco Haid in einem Kapitel die „Relevanten Perspektiven“ für die Abschlussprüfung. Dabei geht er auf das Thema Kosten der Prüfung ein, verweist auf die wichtigsten Normen im Zusammenhang mit der Jahresabschlusserstellung und der Jahresabschlussprüfung. Es werden sowohl nationale als auch internationale normative Rahmenbedingungen im Bereich der Verpflichtung und der Ausgestaltung der Jahresabschlusserstellung und Jahresabschlussprüfung aufgearbeitet und gegenübergestellt. Das Kapitel ist auf der Verlagshomepage auch einzeln gegen Bezahlung abrufbar. Marco Haid: Information, Haftung und Prüfungsqualität: Eine fallstudienbasierte Wirkungsanalyse. Springer Professional 2018. 59,99 Euro
Christian Felbers neues Buch erscheint Ende September 2019. „This Is Not Economy – Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaft“ legt offen, wie sehr sich die Ökonomie wie eine Naturwissenschaft betrachtet und mit dieser Haltung Diskussionen ausschließt sowie Pluralität verhindert. Der Autor zeigt, dass zentrale Punkte des neoklassischen Kapitalismus dem zeitgenössischen Demokratieverständnis widersprechen und nicht dazu geeignet sind, die Herausforderungen der Gegenwart zu lösen. Christian Felber: This Is Not Economy – Aufruf zur Revolution der Wirtschaftswissenschaft. Deuticke 2019. 22 Euro.
In politischen Auseinandersetzungen wird immer wieder eine Kategorie aufgerufen: Identität. Wer sind wir? Oder besser: Was sind wir? Diese Fragen beantworten wir gewohnheitsmäßig mit kollektiven Kategorien wie Religion, Nationalität, Hautfarbe, Klasse oder Kultur. Kwame Anthony Appiah zeigt, dass hinter den politischen Kategorien von Zugehörigkeit und Abgrenzung häufig paradoxe Zuschreibungen stehen. Der Professor für Philosophie und Jura an der New York University schöpft aus einem schier unendlichen Reservoir historischen Wissens sowie persönlicher Erfahrungen – und schafft Ordnung und Orientierung in einer häufig unübersichtlichen und politisch brisanten Diskussion. Kwame Anthony Appiah: Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit. Hanser 2019. 24,00 Euro.
In FACE_IT! geht der Videopionier Gerd Conradt der Bedeutung des Gesichts im digitalen Zeitalter nach. Sein Dokumentarfilm beschäftigt sich mit der Codierung des Gesichts, die als moderner Fingerabdruck wie ein geheimnisvolles Siegel Zugang zur Persönlichkeit eines Menschen verschafft. Mit Hilfe des Facial Action Coding System (FACS) soll es möglich werden, die Geheimnisse des Gesichts – des Spiegels der Seele – zu entschlüsseln. Der Film fragt: Wem gehört das zum Zahlencode gewordene Gesicht? Gerd Conradt unterhält sich dazu mit Menschen, die sich mit der Überwachung durch digitale Gesichtserkennung kritisch auseinandersetzen: Er trifft Datenschützer, Künstler, einen Medienrebellen, eine Kunsthistorikerin und die Staatsministerin für Digitalisierung. Face_It! – Das Gesicht im Zeitalter des Digitalismus. missingFILMs, 80 Minuten. Im Kino seit 25. Juli, die DVD kommt voraussichtlich Anfang 2020.
Der neue Roman von Frank Goosen spielt 1989 – im letzten Sommer vor der Wende in Berlin. Fränge, Anfang zwanzig, hat gleich zwei Freundinnen: Marta im Westen und Rosa im Osten – und natürlich wissen die beiden nichts voneinander. Als Fränges Freunde Förster und Brocki aus Bochum zu Besuch kommen, gerät einiges in Bewegung … Eine wunderbare Komödie über die Zeit der Wende, die Subkultur Westberlins und die Dissidentenszene im Osten. Frank Goosen: Kein Wunder. Kiepenheuer & Witsch 2019. 20,00 Euro.
Die Frage nach den Stärken und Schwächen ist ein Klassiker im Vorstellungsgespräch. Die Karriereberaterin Stefanie Krahl gibt Tipps und zeigt viele Möglichkeiten, wie man souverän und geschickt Informationsfragen, Situationsfragen oder Stressfragen beantwortet. Besonders praktisch: Die herausnehmbaren Lernkarten. Stefanie Krahl: Wo sehen Sie Ihre größten Schwächen? Der Jobinterview-Trainer mit den optimalen Antworten. metropolitan Bücher 2019. 19,95 Euro.
Was ist wirklich wichtig, wie können wir uns selbst besser kennenlernen und mit der Welt in Einklang sein? Der französische Philosoph, Religionswissenschaftler, Soziologe und Bestseller-Autor Frédéric Lenoir hat in den Lehren der Weltreligionen und bei großen Denkern weise Antworten auf die entscheidenden Fragen des Lebens gefunden. Inspiriert von Montaigne, Nietzsche oder Spinoza gibt er konkrete Ratschläge, wie man ein sinnerfülltes und gutes Leben führen kann. Frédéric Lenoir: Weisheit und wie wir sie finden. Reclam 2019. 14,00 Euro.
Axel Hacke widmet sich mit seinem neuen Buch einem großen Thema: Wie lebt man am besten mit sich selbst? Der Schriftsteller und Kolumnist der Süddeutschen Zeitung hat einen Monolog aufgeschrieben, den Monolog von Walter Wemut: Einem Nachrufschreiber, der Tag für Tag über Tote schreibt, dabei aber das Leben zum Thema hat. Axel Hacke: Wozu wir da sind. Walter Wemuts Handreichungen für ein gelungenes Leben. Kunstmann 2019. 20 Euro.


Buchtipp
Emotionale Intelligenz und interkulturelle Kompetenz
Angetrieben von der fortschreitenden Technologie, neuen Geschäftsmodellen und veränderten Kundenerwartungen steht die Rechtsbranche vor einem beispiellosen Wandel über die gesamte Wertschöpfungskette. Leider befürchten viele Juristen den Technologietransfer und die Konvergenz anderer Bereiche mit dem Recht. Die Autoren und Herausgeber des Buchs „New Suits“ beleuchten hingegen die neuen Möglichkeiten, die sich durch die Entwicklung ergeben, es sei eine enorme Chance, sich zum Wohle der Kunden und für einen selbst neu zu erfinden. Dieses Buch enthält Kapitel, die von Experten im Schnittpunkt von Recht, Innovation und Technologie verfasst wurden und bietet eine globale Perspektive auf das vielfältige Ökosystem der Rechtsdienstleistung.
Michele DeStefano, Guenther Dobrauz-Saldapenna: New Suits. Stämpfli 2019, 89 CHF.