Trotz Zweifeln: Ein leidenschaftlicher Naturwissenschaftler

Hans Hennig von Grünberg, Foto: Hochschule Niederrhein
Hans Hennig von Grünberg, Foto: Hochschule Niederrhein

Hans-Hennig von Grünberg ist Professor und im zehnten Jahr Präsident der Hochschule Niederrhein – eine naturwissenschaftliche Karriere wie im Bilderbuch. Doch die ersten Schritte hinein in die Physik waren mühsam und voller Zweifel. Wie der Hochschulmanager aus dem Tal herauskam und was er angehenden Naturwissenschaftlern mit Zweifeln rät, erklärt er im Gespräch. Die Fragen stellte André Bosse.

Zur Person

Hans-Hennig von Grünberg (geboren 1965 in Eckernförde) studierte von 1985 bis 1993 Physik an der RWTH Aachen sowie später an der FU Berlin. Er promovierte 1994 mit einer Arbeit in der theoretischen Festkörperphysik. Nach Assistenzjahren in Oxford und Konstanz wurde er 2004 zum Professor für Theoretische Physikalische Chemie an die Uni Graz berufen. Seit 2009 ist er Präsident der Hochschule Niederrhein mit Sitz in Krefeld und Mönchengladbach, zum Ende seiner zweiten Amtszeit 2020 wird er sich auf eigenen Wunsch eine neue Herausforderung suchen. 2017 wählte eine Jury ihn zum Hochschulmanager des Jahres.

Herr von Grünberg, Sie sind heute Professor für Physikalische Chemie und leidenschaftlicher Naturwissenschaftler. Hätten Sie als junger Student darauf gewettet, dass es einmal so kommen wird?
Nein, eher nicht, denn ich habe meinen Studienstart an der RWTH Aachen als wirklich sehr beschwerlich empfunden. Zum einen fiel es mir recht schwer, in diesen Kosmos einer Universität einzutauchen. Zum anderen haben mir die ersten Semester meines Physikstudiums extrem zugesetzt.

Warum?
Weil sie zu wenig mit Physik zu tun hatten. Ich wollte ran an dieses Fach, darum hatte ich es ja ausgewählt. Stattdessen ging es in den Vorlesungen zunächst vor allem um abstrakte Mathematik – und zwar ohne, dass jemand uns mal den Sinn erklärte, warum das für die Physik wichtig ist. Also ging ich im zweiten Semester in eine Theoretische Mechanikvorlesung, um endlich echte Physik zu lernen. Doch dort habe ich nichts verstanden, also wirklich: null-komma-null. Ich war entsetzt, ich hatte mich als guten Abiturienten betrachtet – doch nun war ich an der Uni, belegte ein Fach, das mich durchaus interessierte, doch ich verstand nur Bahnhof.

Hatten Sie Zweifel, die richtige Wahl getroffen zu haben?
Und ob! Und diese Erkenntnis hat mich erheblich aus der Bahn geworfen, ich fragte mich fortlaufend: Wie doof musst du sein, dass du hier einfach nichts verstehst? Ich erinnere mich noch an die Briefe, die ich damals an meine Eltern geschrieben habe, da war von der Begeisterung eines Studenten nichts zu spüren, das waren die Briefe eines Zweifelnden. Beneidet habe ich die Kommilitonen, die Jura oder Medizin gewählt hatten, denn die beschäftigten sich in ihrem Studium mit diesseitigen Dingen, da ging es um den menschlichen Körper und echte strafgerichtliche Fälle. Ich mit meiner Physik dagegen kam mir wie einer aus dem Jenseits vor. Meine damalige Freundin studierte Medizin, und ich bekam jeden Abend mit, mit wie viel Praxisbezug sie auf ihren späteren Beruf als Ärztin hin lernte. Ich hingegen kam mit meiner abstrakten Mathematik um die Ecke – bei der Physik war ich ja noch gar nicht angekommen. Das hat mich wirklich extrem genervt.

Weil es so langsam voranging.
Ja, und weil mir die Grundbedingungen an einer Hochschule gewöhnungsbedürftig vorkamen. Unis sind ein seltsamer Ort, man geht dorthin, um sich von Professoren oder Dozenten bestimmte fachwissenschaftliche Themen ganz genau erklären zu lassen. Bei mir war das die Physik – da blieb dann kein Raum mehr für die Politik oder fürs Recht. Man verortet sich intellektuell in nur einem Fach, das ist bei Naturwissenschaftlern sicher noch stärker der Fall als in anderen Wissenschaften. Wie erwähnt: Die Physik kam mir jenseitig vor, ich sah zunächst keinerlei Anknüpfungspunkt an die wirkliche Welt. Insofern zog ich mich als junger Mensch aus dem eigentlichen Leben zurück. Und das ironischerweise in einer Lebensphase Anfang und Mitte 20, in der man eigentlich voll im Leben stehen möchte, was man ja zum Ende seiner Teenagerzeit noch getan hat. Bis zum Abi war man Teil einer großen Gruppe, man hat gemeinsam gelernt, hat zusammen Dinge auf die Beine gestellt. Das Physikstudium zu beginnen, war dann eine der ersten grundeigenen Entscheidungen. Die Folgen davon zu spüren – das war für mich nicht ohne, denn ich wusste sehr genau, dass es meine Entscheidung gewesen war, Physik zu studieren.

Hatten Ihre Mitstudenten die gleichen Zweifel?
Nicht alle, nein, es gab zum Beispiel einen, der sagte von Beginn an: Ich kann gar nichts anderes als Physiker werden. Das war für ihn ganz klar, und er ist dann auch tatsächlich Physikprofessor geworden.

So wie auch Sie.
Ja, ich bin gerne und leidenschaftlich Physiker, aber eigentlich bin ich ein noch leidenschaftlicherer Naturwissenschaftler. Ich hätte vielleicht in den ersten Semestern eine Suchbewegung in andere Fächer hinein zulassen sollen, zum Beispiel in die Biologie oder Chemie. Ich bin aber streng bei der Physik geblieben, so bin ich erzogen worden, recht preußisch, nach dem Motto: Wer A sagt muss auch B sagen.

War das rückblickend eine Fehlentscheidung?
Nein, ich habe längst meinen Frieden mit der Physik gemacht. Aber dennoch wäre das Suchen nach anderen naturwissenschaftlichen Möglichkeiten damals durchaus sinnvoll gewesen. In diesem Sinne besitzt der Zweifel ja auch eine steuernde Funktion, er motiviert einen Menschen dazu, mit der Suche nach weiteren Optionen zu beginnen, statt sich hängen zu lassen oder sich seinem Schicksal zu ergeben.

Wann kam es zur Wende, wann entstand die Leidenschaft für die Physik?
Als ich sie nach all der Mathematik endlich erreicht hatte, im fünften Semester. Es ging dann um die geliebte Quantenmechanik, das ist ja beileibe auch kein einfaches Thema, aber ich als ich die verstanden hatte, war ich endlich in der Physik angekommen.

Welche Strategie raten Sie Studierenden von naturwissenschaftlichen Fächern, die wie Sie damals Zweifel haben?
Zwei Dinge sind wichtig, erstens helfen Nein-Entscheidungen. So neidisch ich auf meine Freundin und andere Leute aus meiner Peer-Group auch war, aber für mich wäre ein Medizin- oder Jura-Studium nie infrage gekommen, ich hatte mich früh bewusst dagegen entschieden, und es hat mir geholfen, hier Klarheit zu haben. Zweitens ist es wichtig, sich in seinem Bereich oder auch abseits davon die Themen zu suchen, die einen begeistern. Bei mir waren das zum Beispiel die Computer, die gab es Ende der 1980er-Jahre an der Uni nur in speziellen Räumen, aber mich hat das begeistert. Indem ich für mich feststellte, was mich wirklich begeistern konnte und was ich auf gar keinen Fall machen wollte, habe ich Stück für Stück Puzzlesteine zu meinem Lebensentwurf hinzugefügt, andere hingegen habe ich weggelegt – und irgendwann ergab sich dann der für mich richtige Weg. Wie hat Goethe im „Faust“ geschrieben: „Ein guter Mensch, in seinem dunklen Drange, ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“ Das hat sich bei mir tatsächlich bewahrheitet.

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