Wirtschaftsprüfer – das Berufsbild erhält ein Update

Foto: AdobeStock/tashatuvango
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„Wirtschaftsprüfer 2.0“ – das sind analytisch starke und digital fitte Denker, die tief in die Netzwerke ihrer Mandanten eintauchen. Sie nutzen Big Data und Blockchain, erstellen mit ihren Prüfungen Mehrwert für den Kunden und schaffen Vertrauen durch persönliche Beratungen. Durch diese Entwicklung steigt der Anspruch an den Beruf. Technik hilft – man muss aber auch mit ihr umgehen können. Von André Boße.

Bei unaufhaltsamen gesellschaftlichen und technischen Entwicklungen kommt irgendwann der Punkt, an dem eine Sache kippt. Das gilt insbesondere für die Digitalisierung. 2002 zum Beispiel erreichte diese eine Schwelle, als zum ersten Mal mehr Informationen digital als analog gespeichert werden konnten – das Digitale Zeitalter begann. 2018 war es erstmals soweit, dass die Deutschen mehr Telefonate über ihr Handy führten als über das Festnetz. Auch diese Entwicklung wird sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mehr umkehren.

Ab 2026: Mehr Maschinen als Menschen

Für den Bereich der Wirtschaftsprüfung hat nun das Beratungs- und Dienstleistungsunternehmen Lünendonk & Hossenfelder einen solchen Kipp-Punkt prognostiziert. Grundlage dafür sind Befragungen der 25 umsatzführenden Wirtschaftsprüfer in Deutschland. Lünendonk befragt diese Gesellschaften jährlich, um aus den Ergebnissen die Lünendonk-Liste zu erstellen (siehe Kasten). Was sich bei der Umfrage für 2019 zeigt: Die Bedeutung der IT-gestützten Abschlussprüfung nimmt zu, die Wirtschaftsprüfungsgesellschaften investieren in diesem Bereich viel Geld, um Personal zu finden oder weiterzubilden, um Know-how aufzubauen und die technischen Voraussetzungen zu garantieren. Im Jahr 2026 – also in sieben Jahren – soll es dann soweit sein, dass „mehr Prüfungshandlungen autonom mittels Rechner ausgeführt werden als durch Menschen“, wie Lünendonk das Ergebnis der Befragung zusammenfasst.

Lünendonk-Liste

Laut Ranking ist PwC weiterhin die größte Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deutschlands. Mit einem Wachstum von 4,1 Prozent steigerte das Unternehmen laut Lünendonk-Liste den Inlandsumsatz auf 2.156,2 Millionen Euro. Im Vorjahr konnte PwC noch um 9,1 Prozent zulegen. Weiterhin auf Position zwei liegt Ernst & Young (EY) mit 1.970,0 Millionen Euro (+7,8 Prozent). KPMG bleibt EY mit 1.830,0 Millionen Euro auf den Fersen: Nach einem durchwachsenen Geschäftsjahr 2017 legte die Berliner WP-Gesellschaft 2018 mit einem Plus von 10,2 Prozent zweistellig zu und überzeugte vor allem in der Managementberatung, meldet Lünendonk.

Da sich durch diesen Wandel die Arbeit von Wirtschaftsprüfern weiter verändern wird, fordern die Gesellschaften ein Umdenken in der Ausbildung. 95 Prozent der befragten Unternehmen stimmen der Aussage zu, dass sich die Ausbildung an Universitäten, die interne Weiterbildung sowie die Vorbereitung auf das Examen ändern müssten – 37 Prozent sagten, das treffe „voll und ganz“, 58 Prozent es treffe „eher zu“. Interessant ist, dass auf dem Arbeitsmarkt schon heute die Bedeutung des klassischen Abschlusses als Wirtschaftsprüfer leicht rückgängig ist:

Die Branche als solches wachse, stellt Lünendonk fest, im Mittel um 7,8 Prozent seien die 25 umsatzstärksten Gesellschaften gewachsen. Entsprechend hoch ist dort der Bedarf an Einsteigern. Demgegenüber stehe jedoch ein Rückgang der Wirtschaftsprüfer-Examina.

Diesen Mangel gleichen die Gesellschaften aus, in dem sie offen für Einsteiger aus anderen Fakultäten sind, wie Jörg Hossenfelder sagt, geschäftsführender Gesellschafter von Lünendonk & Hossenfelder: „Weil das große Wachstum beim Gros der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften nicht aus dem Audit-Segment kommt, ist die Absolventenentwicklung nicht so dramatisch, wie sie auf den ersten Blick aussieht.“

Weniger lästige Routinen, mehr Freiräume

Wie aber wird sich der Beruf des Wirtschaftsprüfers durch die digitale Transformation verändern? Reguliert sie einen der schon jetzt reguliertesten Berufe noch weiter ein? Oder schafft sie Freiraum für eine qualitativ hochwertigere Arbeit, weil die Digitalisierung den Wirtschaftsprüfer bei zeitraubenden Routinearbeiten entlastet? Jörg Hossenfelder geht davon aus, dass Zweiteres zutrifft. So seien angepasste Datenanalysen und künstliche Intelligenz in der Lage, den Prüfer von lästigen Tätigkeiten zu befreien. Data Analytics ermöglichten die Analyse von Volldaten – und nicht mehr nur von Stichproben. Künstliche Intelligenz unterstütze die Planung und Durchführung der Prüfung.

Wie aber wird sich der Beruf des Wirtschaftsprüfers durch die digitale Transformation verändern? Reguliert sie einen der schon jetzt reguliertesten Berufe noch weiter ein? Oder schafft sie Freiraum für eine qualitativ hochwertigere Arbeit?

Wobei Systeme wie „Natural Language Processing“ zu Hilfsmitteln werden, um die Interaktion zwischen Menschen und Computern auf Basis von Sprache schneller und effektiver zu machen. „In Zukunft werden die Jahresabschlüsse anders geprüft, nämlich smarter“, prognostiziert Hossenfelder. Gleichzeitig nehme der Wirtschaftsprüfer immer stärker die Rolle eines betriebswirtschaftlichen Beraters ein. Die Zusammenarbeit zwischen Mandanten und Prüfern werde neu definiert, „Wirtschaftsprüfer 2.0“ nennt Hossenfelder diesen neuen Typus.

Die Wirtschaftsprüfer müssen sich nach diesem Update höheren Anforderungen stellen, glaubt Jörg Hossenfelder: „Das Arbeitsspektrum wird komplexer, der Mandant fordernder. Die digitale Transformation sorgt für eine engere Verzahnung mit den Mandanten, wirft aber Fragen im Hinblick auf Datensicherheit und Compliance auf.“

Ein Thema sei auch die Cloud: Viele der neuen Anwendungen im Bereich der Prüfungen und Jahresabschlüsse werden dort zu finden sein. Und sie müssen für die Prüfer zugänglich sein. Daher stehe die digitale Vernetzung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften mit ihren Mandanten ganz oben auf der Agenda. Die Einrichtung von „Data Rooms“, Remote-Zugriffe auf Anwendungen und Daten, Shared Services – die Zahl der Schnittstellen zwischen Mandanten und Prüfern nimmt zu. Um das sicher zu organisieren, wird auch die Blockchain verstärkt eine Rolle spielen. Sie ist als Technik in der Lage, Netzwerke so zu organisieren, dass sie erstens sicher und zweitens absolut transparent sind.

Die neue WP-Welt: Blockchain und Robo-Kollegen

Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC hat zum Thema Digitalisierung selbst eine Studie durchgeführt, um herauszufinden, wie diese Entwicklung das Finanz- und Rechnungswesen und damit auch die Abschlussprüfung durch Wirtschaftsprüfer beeinflusst. Gefragt wurden Unternehmen, inwieweit neue digitale Methoden zum Einsatz kommen sollen und was man sich von ihnen erhoffe. „Der Trend, neue Technologien einzusetzen, um unstrukturierte Daten wie Texte, Bilder und Sprache zu erkennen, wird sich fortsetzen“, bewertet PwC das Ergebnis der Studie. „Denn hier liegt das größte Potenzial neuer Technologien. Hinzu kommen Softwareroboter, die Anomalien erkennen oder Buchungen und Transaktionen auslösen.“

Voraussetzung, durch diese Methoden einen Mehrwert für die Mandanten zu generieren, ist natürlich, dass diese bereit sind, den Prüfern Daten aus dem Rechnungswesen zur Verfügung zu stellen. Die Studie zeigt: sieben von zehn Unternehmen sind dazu bereit, 33 Prozent von diesen ohne Einschränkung, 20 Prozent nur in Teilen, 17 Prozent nur für bestimmte Analysen.

Der Blick des Prüfers muss viel weiter gehen, bis tief hinein in die digitalen Strukturen und Vernetzungen.

Was aber bedeutet diese Aufgabe konkret für den Arbeitsalltag des Wirtschaftsprüfers? Für Rüdiger Loitz, Partner im Bereich Capital Markets & Accounting Advisory Services bei PwC, steht fest, dass die Prüferroutine „prüfen und ablegen“ zunehmend Vergangenheit ist. „Heute verwischt der Prüfungsgegenstand im weiten Datenraum von Big Data“, sagt Loitz. Sprich: Der Blick des Prüfers muss viel weiter gehen, bis tief hinein in die digitalen Strukturen und Vernetzungen. Heißt das, dass in Zukunft die Prüfungsarbeit ganz von Maschinen übernommen werden wird? „Diese Prognose erscheint aus heutiger Sicht gewagt, aber fest steht: Ein Großteil der Tätigkeiten des Wirtschaftsprüfers wird in Zukunft durch die digitale Datenanalyse automatisiert“, so Loitz.

Für die Wirtschaftsprüfer bedeutet dies, dass sie ihr Fachwissen mit einem tiefgehenden Verständnis digitaler Technologien verbinden müssten. „Nur so können sie die zunehmend komplexen Geschäftsmodelle und Systeme der Mandanten und die immer anspruchsvollere Prüfungstechnologie beherrschen“, sagt Rüdiger Loitz. Klar, der hohe Anspruch sei gegeben. Dennoch überwiegen seiner Meinung nach die Vorteile der Transformation: „Durch digitale Technologien lässt sich das Prüfungsvorgehen objektiver gestalten und die Transparenz der Prüfungsergebnisse erhöhen.“ Jedoch fordert auch er, dass es für die Tätigkeiten, die beim menschlichen Prüfer verbleiben, neue Ausbildungs- und Karrieremodelle geben müsse.

Neue Technik braucht Prüfer mit Know-how

Mark Meuldijk und Toni Wattenhofer, Partner der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG am Standort Zürich, stellen in einem Fachaufsatz zum Thema „Auswirkung der Digitalisierung auf den Beruf des Wirtschaftsprüfers“ einen eindeutigen Zusammenhang zwischen dem Erfolg der Arbeit und dem digitalen Know-how der Wirtschaftsprüfer her. Ob die digitale Transformation glücke, hänge nicht nur von der Technik ab. „Es hat auch damit zu tun, ob und wie die Mitarbeitenden die neuen technischen Möglichkeiten (richtig) verstehen und anwenden. Daher hängt der Erfolg eines digitalisierten Prüfungsansatzes auch in hohem Maße von den Fähigkeiten der Mitarbeitenden ab. Die Prüfer müssen neue Denkweisen entwickeln und viele ihrer gewohnten Routinen aufgeben. Die Fachleute müssen künftig in digitalen Möglichkeiten denken.“

Branchen-Überblick

Die Lünendonk-Liste bietet auch einen Blick auf die gesamte Branche der Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Hinsichtlich des Marktvolumens erzielte die WP-Branche 2018 laut Lünendonk ein Wachstum von plus 5,8 Prozent. Der Löwenanteil basiert auf der Leistungssteigerung der Big Four – also der vier größten Gesellschaften. Im aktuellen Geschäftsjahr 2019 erwarten die von Lünendonk befragten Wirtschaftsprüfer und Steuerberater ein Branchenwachstum von 3,9 Prozent.

Das wiederum funktioniere nur mit neuen Kompetenzen im Bereich analytischer Fähigkeiten. „Bei der Analyse der konkreten Geschäftsumgebung ihrer Mandanten müssen die Wirtschaftsprüfer unterschiedliche, relevante Disziplinen – Rechnungswesen, Datenanalytik, Prozessverständnis und Digitalisierung – mit einbinden“, fordern die beiden Autoren. Zudem gefragt: Qualitäten im Projektmanagement, flexible Anpassung an unterschiedliche Firmenumgebungen, Führungskompetenz sowie die Fähigkeit, Mitarbeiter mit unterschiedlichem technischem und kulturellem Background anzuleiten. Die beiden KPMG-Partner gehen sogar soweit, in Aussicht zu stellen, dass künftig nur noch ein Netzwerk von Spezialisten aus verschiedenen Fachbereichen die Anforderungen und Erwarten erfüllen kann, die in Zukunft an die Wirtschaftsprüfung gestellt werden. „Die Wirtschaftsprüfer werden daher ihre Prüfungsansätze überdenken müssen – wenn nicht gar ihr gesamtes Berufsbild.“

Buchtipp

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