„Man braucht einen Hybrid“

Neues Hörsaalgebäude der Informatik an der Universität des Saarlands, Foto: Iris Maurer
Neues Hörsaalgebäude der Informatik an der Universität des Saarlands, Foto: Iris Maurer

Die von Prof. Dr. Verena Wolf entwickelten Methoden lassen sich auf viele Bereiche anwenden. Für ihre Anwendungen im Bereich der Biologie wurde sie ausgezeichnet. Was sie zur Forschung motivierte, welche Vorteile Simulationen und Modelle haben und was sie sich von Absolventen wünscht, erklärt die Informatikprofessorin im Interview. Die Fragen stellte Christoph Berger

Zur Person

Prof. Dr. Verena Wolf, Foto: Privat
Prof. Dr. Verena Wolf, Foto: Privat

Verena Wolf, geboren 1979, studierte in Bonn Informatik mit Nebenfach Mathematik auf Diplom. Ihre Promotion schrieb sie an der Universität Mannheim. Im Anschluss erhielt sie das Angebot, in einer Forschergruppe von Thomas Henzinger in der Schweiz zu arbeiten. Nach einem Jahr als Postdoc bewarb sich Verena Wolf 2009 erfolgreich auf die Stelle einer Nachwuchsgruppenleiterin am Exzellenzcluster der Universität des Saarlands. Drei Jahre später erhielt sie den Ruf zur Professorin. Wolf entwickelte einen Algorithmus, der es erlaubt, die Vorgänge in Zellen mit statistischen Methoden zu berechnen. Dadurch können diese Vorgänge erstmals simuliert werden. Für ihre Forschungen in dem Bereich wurde Verena Wolf 2013 mit dem Preis „Innovatoren unter 35“ ausgezeichnet.

Frau Wolf, wie fühlte es sich an, zu den „Innovatoren unter 35“ zu gehören?
Ich freute mich sehr über den Preis. Ich bekam ihn, als ich gerade die Babypause hinter mir hatte und sehr viel für meine Lehrveranstaltungen getan habe. Zeit für Forschungen blieb da nicht mehr viel. Der Preis motivierte mich, wieder mehr zu forschen. Er zeigte mir: Jetzt muss ich weitermachen.

Sie haben eine Methode entwickelt, mit der sich Vorgänge in Zellen berechnen und später simulieren lassen. Hatten Sie eine Ahnung davon, dass Sie an etwas so Bahnbrechendem arbeiten?
Mir war klar, dass alles bisher Gemachte irgendwie nicht richtig war. Ich war davon überzeugt, dass sich große Systeme nur mit meiner Idee eines hybriden Ansatzes berechnen lassen. Und biologische Systeme sind immer komplex und groß. Es gab einen sehr effizienten Ansatz, der die Systeme aber nicht genau genug beschreibt. Der stochastische Ansatz war im Gegensatz dazu viel zu detailliert. Daher war für mich klar, man braucht einen hybriden Ansatz, der für große Systeme skaliert wird und nur an manchen Stellen eine detaillierte Beschreibung benutzt.

Was ist der Vorteil von Ihren Modellen und Simulationen?
Ich weiß natürlich, wie die Messverfahren funktionieren, aber die Experimente machen am Ende doch die Biologen. Mit unseren Simulationen versuchen wir, das Bestmögliche aus ihren Messergebnissen herauszuholen. Ohne uns hätten sie zwar ihre Ergebnisse, könnten diese aber nicht so gut interpretieren. Mit dem Computer erstellen wir Modelle, um Hypothesen zu überprüfen. Die Messergebnisse verwendet man, um das Modell anzupassen. Mit einem guten Modell kann man dann vieles machen: Man kann hypothetische Fragestellungen beantworten, indem man das Modell beispielsweise mit anderen Parametern laufen lässt. Im Labor müsste man dafür neue Experimente machen. Im Labor kann man auch nicht nachvollziehen, wie es zu den Ergebnissen kommt. Mit dem Modell geht das.

Wie kamen Sie überhaupt zur Informatik?
Ich hatte einen sehr guten Informatiklehrer in der Schule, der uns viele Tüftelaufgaben lösen ließ. Das gab uns Einblicke in die spannenden Theorien der Informatik. Das machte mir so viel Spaß, dass ich das Studium einfach probiert habe. Ich hatte zwar Bedenken, ob ich das Programmieren hinbekommen würde, dann fiel es mir aber sehr leicht. Das Programmieren habe ich nebenbei gelernt.

War es hilfreich, dass Sie bei einer der wenigen Informatikprofessorinnen studierten?
Nein, auch männliche Professoren fördern einen, wenn man gut ist. Allerdings war ich damals sehr unsicher. Die Professorin war eine sehr herzliche und nette Person. Und sie war im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen jünger. Zu ihr traute ich mich immer zu gehen, um beispielsweise über die Diplomarbeit zu reden.

Wie haben Sie sich auf Ihrem weiteren Weg in dem ansonsten von Männern dominierten Bereich durchgesetzt?
Ich wurde während meiner Promotion selbstbewusster. Auf Vorträgen und Konferenzen stellte ich oft sehr kritische Fragen – ich kannte mich mit den Thematiken ja sehr gut aus. So wurden die Leute auf mich aufmerksam und sagten: Mensch, die hat gute Ideen und kann was. So wurde ich in der Forschungsgemeinschaft bekannt und bekam Einladungen zu Programmkomitees. Das half mir enorm.

Was sind Ihre Tipps für die heutigen IT-Absolventinnen?
Frauen müssen sich viel mehr zutrauen. Sie können oft viel mehr, als sie denken. Ich selbst habe mir auch oft zu wenig zugetraut und gedacht, das schaffe oder kann ich nicht. Und am Ende war es ganz leicht. Männliche Studenten sind hingegen oft sehr von sich selbst überzeugt. Manchmal steckt bei ihnen aber viel weniger dahinter.

Und welchen Rat haben Sie für alle Absolventen der Informatik?
Es geht immer darum, sich viel Wissen anzueignen und viel zu lesen. Nur das Nötigste zu machen, reicht nicht aus. Ich treffe wenig junge Menschen, die sehr viele Bücher lesen, die sehr viel Wissen konsumieren. Mir fehlt bei vielen der Blick über das Nötige hinaus. Denn die Probleme sind sich oft ähnlich. Man kann viele neue Dinge entwickeln, indem man Lösungsstrategien aus verschiedenen Bereichen zusammenfügt.