Im Januar 2022 berief die Wirtschaftskanzlei GvW Graf von Westphalen Dr. Annika Bleier zur Head of ESG & Sustainability. Damit koordiniert die 34-jährige Anwältin nun alle Kanzleiaktivitäten zu den Themen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Von Christoph Berger
Danach gefragt, welchen Tipp Dr. Annika Bleier jungen Juristinnen und Juristen mit auf den Weg ins Berufsleben geben möchte, fällt die Antwort klar aus: „Steht für Eure Ideen ein und gestaltet die Dinge aktiv mit! Wenn man sich für ein Thema begeistern kann, sollte man mutig sein und es anstoßen. Das bringt einen selbst und die Kanzleien voran.“ Dass diese Einstellung einen beruflich und persönlich weiterbringt, dafür ist Annika Bleier selbst ein perfektes Beispiel.

Die 34-Jährige hat den „Kombinationsstudiengang Unternehmensjurist/ in“ an der Universität Mannheim mit einem Bachelor abgeschlossen und danach ihr Staatsexamen abgelegt. Nebenbei hatte sie bereits am Lehrstuhl gearbeitet und auch ihre Dissertation im Anschluss an das Staatsexamen in Mannheim geschrieben. Im Bereich des internationalen Menschenrechtsschutzes. Für das Referendariat zog sie dann nach Hamburg. In dieser Zeit wollte sie sich auch darüber klar werden, was ihre nächsten beruflichen Schritte werden sollen. „Schon während des Studiums war ich für einige Zeit beim Auswärtigen Amt in Genf, während des Referendariats dann bei der Ständigen Vertretung bei den Vereinten Nationen in New York. Ich war und bin sehr begeistert vom Völkerrecht und vom Internationalen Menschenrechtsschutz. Genauso von internationalen Organisationen – dort zu arbeiten war immer eine Option für mich“, sagt sie.
Doch in der Anwaltsstation bei der Kanzlei Graf von Westphalen (GvW) wurde ihr dann angeboten, dort als Anwältin zu arbeiten. „Diese Chance wollte ich auf jeden Fall wahrnehmen“, beschreibt sie die damalige Situation. „So habe ich hier angefangen. Es macht so viel Spaß, gerade wenn man eigene Themen findet. Und schwups, geht die Zeit um.“ Ihre Begeisterung hat sie dabei als Anwältin für Verfassungsrecht und Menschrechtsschutz weiterverfolgt. Und sie stieß von Beginn an Pro Bono-Projekte an, koordinierte diese bald. Genauso wie das CSR-Team. Dieses Engagement und die dabei immer weiter aufgebaute Expertise führte schließlich zu ihrer neuen Funktion: Seit Januar 2022 ist Annika Bleier Head of ESG & Sustainability. „Über die in den letzten Jahren koordinierten Projekte habe ich viele Strukturen aufgebaut, die ich nun in die neue Stelle mitnehmen und weiter ausbauen kann“, sagt sie. ESG steht übrigens für Environmental Social Governance. Übersetzt: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung.
Internes und externes Beraten
Blickt Annika Bleier auf ihr neues Aufgabenfeld, so sieht sie zwei Dimensionen bei dem Thema: eine interne und eine externe. „Zum einen müssen wir ein guter Partner für die Unternehmen und Öffentliche Hand sein. Intern müssen wir uns aber auch selbst als Kanzlei nachhaltig aufstellen, alles andere wäre unglaubwürdig“, erklärt sie. Herausfordernd sei in beiden Fällen, dass sich die Entwicklung – mit der Spitze Klimabeschluss, aber etwa auch mit der EU-Taxonomie oder dem Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz – in ganz unterschiedlichen Rechtsgebieten vollzieht. Und: „Sehr viel ist Soft Law, sodass es oft keinen regulativen, also legislativen, Rahmen gibt. Das Rechtsgebiet ist hochkomplex, weil sich nicht verbindliche Soft Law-Instrumente mit verbindlichen Rechtsakten vermischen“, sagt sie. Vieles in dem Bereich seien Empfehlungen oder es werde mit anreizschaffenden Ratings gearbeitet, die nichts mit rechtlicher Verbindlichkeit zu tun hätten. Nun müsse beobachtet werden, was in einen regulativen Rahmen überführt werde und was nicht. „Wir beraten unsere Mandantinnen und Mandanten dahingehend, was für jeden von ihnen das derzeit Richtige ist. Die Unternehmen sträuben sich nicht, da mitzugehen, ganz im Gegenteil; wollen aber auch nicht in Haftung für Unterlassenes genommen werden.“
Ökologie, Soziales und Ökonomie in Einklang zu bringen, ist nicht nur für unsere Mandantinnen und Mandanten höchst relevant, sondern es beschäftigt uns auch als Unternehmen intensiv.
Einerseits braucht es für die Stelle daher sehr gute Kenntnisse im Recht. Doch gerade im Wirken nach Innen werden noch weitere Skills benötigt – vor allem auf der Kommunikationsebene. „Es geht sehr viel um einen Austausch mit den Partnerinnen und Partnern, mit Kolleginnen und Kollegen – auch im nichtjuristischen Bereich. Ich glaube, gerade Letzteres ist es, was die neue Stelle verstärkt mit sich bringt“, denkt Annika Bleier. Festgestellt hat sie bereits, dass es Bereiche gibt, in denen sich Maßnahmen leicht durchsetzen lassen, und andere, in denen es schwieriger wird. Leicht sei zum Beispiel der Wechsel des Stromanbieters hin zu Ökostrom gewesen. „Das hat mit jedem einzelnen recht wenig zu tun: Ich drücke auf den Lichtschalter und das Licht geht an“, sagt sie.
Komplizierter sei es mit Verhaltensänderungen, die Menschen persönlich betreffen. Als Beispiel nennt sie die Mobilität: Wie bewegen wir uns zu unseren Mandantinnen und Mandanten und zwischen unseren Standorten? Wird der Zug gewählt, mit dem es manchmal etwas länger dauert als mit dem Flugzeug? Oder welches Fortbewegungsmittel wird für die Fahrt zum Büro benutzt, der Verbrenner oder das Jobrad? Da sei Eigenverantwortung gefragt, die mit einem Kulturwandel einhergehe. „Da kommt es auf Kommunikation, Verständnis, Austausch und Sichtweisen an. Es muss ein Gemeinschaftsprojekt sein. Und dazu gehört es, alle mitzunehmen.“ Genauso gehöre zum Thema Nachhaltigkeit aber auch, sich über die Personalfluktuation in Großkanzleien Gedanken zu machen, die das Gegenteil von nachhaltig ist. „Da muss man sich zumindest die Frage stellen: Woran liegt es? Wie viel wird in Weiterbildung und Faktoren wie Vielfalt investiert; wie kann ein Bewusstsein für diese Themen geschaffen werden?“, ergänzt sie.
Annika Bleier hat festgestellt, dass die Schaffung der Stelle sehr gut angenommen wurde. Sie habe gemerkt, dass das Thema den Associates und Partnern sehr wichtig sei. Nun könne es mit Nachdruck vorangetrieben werden. „Das Thema ist „heiß“ und gesellschaftlich viel zu wichtig, als dass man es unbeachtet lassen oder nur als „nice-to-have“ ansehen könnte“, so ihre Einschätzung. Diese steht im Einklang mit einer Mitteilung zu ihrer Ernennung. „Wir möchten das Thema ESG bei GvW zu einer Priorität machen“, werden Christof Kleinmann und Dr. Robert Theissen, beide Managing Partner der Kanzlei, darin zitiert. „Ökologie, Soziales und Ökonomie in Einklang zu bringen, ist nicht nur für unsere Mandantinnen und Mandanten höchst relevant, sondern es beschäftigt uns auch als Unternehmen intensiv. Es freut uns daher sehr, dass wir diese wichtige Schnittstellenfunktion hervorragend mit Frau Dr. Bleier aus den eigenen Reihen besetzen können.“



Nur die Ruhe! Einfach gut leben mit Philosophie, Droemer 2021, 18 Euro
Johannes Stärk: Assessment-Center erfolgreich bestehen. GABAL Verlag 2021, 25. Aufl. ISBN: 978-3-86936-184-0. 29,90 Euro.
Viele Beobachter kritisieren die Entwicklung, die das öffentliche Recht in Europa seit Ende des Zweiten Weltkriegs genommen hat, als eine entfremdende Verrechtlichung. In seinem neuen Buch plädiert Armin von Bogdandy, Direktor am Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht, für eine andere Lesart dieses Prozesses, nämlich als Strukturwandel zu einer europäischen demokratischen Gesellschaft. Dieses Narrativ erlaubt eine Neubewertung wichtiger Ereignisse, Urteile, Begriffe sowie aktueller Herausforderungen. Bogdandy zeigt überdies, wie der aus dem Globalen Süden stammende Ansatz des transformativen Konstitutionalismus einen Weg bietet, sowohl autoritären als auch hegemonialen Tendenzen in der europäischen Gesellschaft zu begegnen und ihre demokratische Verfasstheit zu stärken. Armin von Bogdandy: Strukturwandel des öffentlichen Rechts. Suhrkamp Taschenbuch 2022, 26 Euro.
Das Versprechen lautet, dass alle Menschen vor dem Gesetz gleich sind. Aber sie sind laut Ronen Steinke, promovierter Jurist sowie Redakteur und Autor der Süddeutschen Zeitung, nicht gleich. Das Recht hierzulande begünstigt jene, die begütert sind; es benachteiligt die, die wenig oder nichts haben. Verfahren wegen Wirtschaftsdelikten in Millionenhöhe enden mit minimalen Strafen oder werden eingestellt. Prozesse gegen Menschen, die ein Brot stehlen oder wiederholt schwarzfahren, enden hart und immer härter. In einer beunruhigenden Reportage deckt Steinke systematische Ungerechtigkeit im Strafsystem auf. Er besucht Haftanstalten, recherchiert bei Staatsanwält*innen, Richter*innen, Anwält*innen und Verurteilten. Und er stellt dringende Forderungen, was sich ändern muss. Ronen Steinke: Vor dem Gesetz sind nicht alle gleich. Piper 2022, 20 Euro.
Wer hat sich nicht schon einmal dabei ertappt, sich bei Kino- und Fernsehfilmen unwillkürlich zu fragen, wie der Plot juristisch – insbesonders strafrechtlich – zu werten wäre. Der Autor geht zehn bekannten Kino- und Fernsehfilmen (straf)juristisch auf den Grund und macht das Lösen strafrechtlicher Fälle auf diese Weise zu einem cineastischen Vergnügen. Die (Übungs-)Fälle dieses Buches (ursprünglich einmal drei Anfängerklausuren, drei Fortgeschrittenenklausuren, drei Examensklausuren, eine Hausarbeit) sind allesamt Fiktion, d.h. ihnen liegen (anders als den meisten „Strafrechts-Klassikern“) keine realen Fälle zugrunde, vielmehr sind sie allesamt ausschließlich Film und Fernsehen entnommen. Zumeist sind sie, wie schon am Titel erkennbar, US-amerikanischen Ursprungs (Hollywood). Die Lösung folgt aber stets dem deutschen Recht. Christian Fahl: Strafrechtskino. C.H.Beck 2021, 14,90 Euro.
„Wie kann man nur Verbrecher retten?“ Burkhard Benecken und Hans Reinhardt stellen das Image des Strafverteidigers als „Advokat des Bösen“ auf den Prüfstand: Was davon trifft zu, was entspricht nicht der Realität? Die beiden Anwälte zählen zu den bekanntesten Strafverteidigern Deutschlands und wissen, wovon sie sprechen. In diesem spannenden Sachbuch geben sie Einblick in ihren Berufsalltag. Wer sind ihre Mandanten? Haben sie wirklich alle „Dreck am Stecken“? Oder gilt die Unschuldsvermutung? In bester True-Crime-Manier teilen sie ihre Erlebnisse mit berühmten Verbrechern und berichten von wahren Kriminalfällen. Burkhard Benecken, Hans Reinhardt: Inside Strafverteidigung. Benevento 2021, 22 Euro.
Dieses Buch ist laut dem Verlag das Standardwerk für wertschöpfendes (Win-Win)-Verhandeln im deutschsprachigen Raum. Ist Win-Win-Verhandeln ökonomisch sinnvoll oder naive Sozialromantik? Um diese Frage tobt ein regelrechter „Glaubenskrieg“, vor dessen Hintergrund die Autoren – beide erfahrene Verhandlungsberater und Wirtschaftsmediatoren – in jahrelanger Forschungs- und Praxisarbeit die besten Techniken sowie fundierte wissenschaftliche Belege für wertschöpfendes Verhandeln zusammengetragen haben. Zugleich gilt das Werk als führendes Lehrbuch für mediatives Verhandeln, das auch erfahrenen MediatorInnen immer wieder neue Impulse für eine noch bessere Verhandlungsführung gibt. Berücksichtigt werden dabei modernste Techniken wie Framing-Strategie, Grammatik der Wertschöpfung und Umgang mit „Irrationalität“. Dr. Siegfried Rosner, Dipl.-Jur. Andreas Winheller: Mediation und Verhandlungsführung. Nomos 2022, 39 Euro.
Stehen die Europäische Union und die westliche Welt vor einer Zeitenwende? Ist die Vision einer „immer engeren Union der Völker Europas“ noch überzeugend? Welche Antworten kann die Union auf die Pandemie, den Klimawandel, den Brexit, die sicherheitspolitischen und digitalen Herausforderungen oder den sich verschärfenden internationalen Wettbewerb finden und wie kann sie die Konflikte über den europäischen Rechtsstaat, die gemeinsamen Schulden und die Zukunft des Euro bewältigen? Welche Rolle kann und sollte die EU in einer sich verändernden Welt spielen? Welche Regeln und Werte sollten die europäische Politik leiten? Diesen Fragen widmen sich im vorliegenden Band 18 Autoren – Praktiker und Wissenschaftler – aus acht Ländern und fünf Fachdisziplinen. Daniel S. Hamilton, Gregor Kirchhof und Andreas Rödder (alle Hrsg.): Zeitenwende. Mohr Siebek, 2022, 59 Euro.
Das „Legal Design“-Buch ist laut Wolters Kluwer Deutschland in seiner Art das Erste, das Design und Recht praxisnah vereint und die Vorteile dieser interdisziplinären Arbeitsweise aufzeigt. Es erläutert, was Legal Design ist, wofür es wichtig ist und wie man es in der Praxis anwenden kann. Das Thema Design als Beruf wird intensiv behandelt und auf juristische Fragestellungen übertragen. Mit Hilfe von Legal Design soll für Rechtsanwender die Arbeit vereinfacht werden. Hierbei steht jedoch nicht nur die juristische Denkweise im Fokus. Vielmehr handelt es sich um eine nutzerzentrierte Herangehensweise, die Recht zugänglicher, einfacher und damit nützlicher macht. Dreh- und Angelpunkt sind dabei stets die Rechtsanwender, deren spezielle Bedürfnisse im Mittelpunkt aller Überlegungen stehen. Mit der Methode Legal Design sollen die Herausforderungen der Digitalisierung in der Rechtsbranche überwunden und die juristische Methodik modernisiert werden. Astrid Kohlmeier, Meera Klemola: Das Legal Design Buch. Wolters Kluwer Deutschland 2021, 69 Euro.
Die Arbeit in Wirtschaftskanzleien wird immer digitaler. Rechtsanwälte wie Mandanten schätzen die Erleichterungen durch neue Plattformen, Legal-Tech-Tools und künstliche Intelligenz, die die Arbeit in großen wie in kleinen Projekten unterstützen. Die Pandemie gab den Digitalisierungsprojekten in Kanzleien einen weiteren Schub. Alle Mitarbeiter der meisten Wirtschaftskanzleien arbeiten nun zeitund ortsunabhängig. Neben der notwendigen Hard- und Software sorgen neue Systeme und Workflows für die reibungsfreie Arbeit. An der Schnittstelle zum Mandanten können eine Vielzahl von technischen Lösungen die Zusammenarbeit erleichtern und Legal-Tech-Tools im Projekt oder zur Geschäftsanbahnung eingesetzt werden. Digitalisierung geht Hand in Hand mit Innovation. Sie erfordert von einer Kanzlei ein Um- und Neudenken von tradierten Abläufen und die Weiterentwicklung der Kanzleikultur. Die Arbeit in interdisziplinären Teams und der Mut zu Veränderungen müssen entwickelt und ausprobiert werden. Das vorliegende Buch zeigt wichtige Aspekte von Digitalisierung und Innovation unterschiedlicher Wirtschaftskanzleien und belegt deren Innovationskraft auf dem Weg zur Kanzlei von morgen. Claudia Schieblon (Hrsg.): Digitalisierung und Innovation in Kanzleien. Springer Gabler 2022, 39,99 Euro.

Das Gedichtbuch.

Autonomer Individualverkehr und Pflege- Roboter, softwaregesteuerte Kundenkorrespondenz und Social Media, Big-Data-Ökonomie, Clever-Bots, Industrie 4.0: Die Digitalisierung besitzt gewaltige ökonomische, aber auch kulturelle und ethische Wirkungen. In Form eines Brückenschlags zwischen Philosophie und Science-Fiction entwickelt das von Julian Nida-Rümelin und Nathalie Weidenfeld verfasste Buch die philosophischen Grundlagen eines Digitalen Humanismus, für den die Unterscheidung zwischen menschlichem Denken, Empfinden und Handeln einerseits und softwaregesteuerten, algorithmischen Prozessen andererseits zentral ist. Die Autoren verstehen ihr Buch als eine „Alternative zur Silicon-Valley-Ideologie, für die Künstliche Intelligenz zum Religionsersatz zu werden droht.“ Julian Nida-Rümelin, Nathalie Weidenfel: Digitaler Humanismus. Eine Ethik für das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz. Piper 2020, 12 Euro
