Interview mit Juli Zeh

"Niemand traut sich"

Juli Zeh, Foto: David Finck
Juli Zeh, Foto: David Finck

Juli Zeh ist jung, begabt, erfolgreich und nimmt kein Blatt vor den Mund. Mit BERUFSZIEL sprach sie über Deutschland, Politik und Auswandern. Von Sabine Olschner

Juli Zeh studierte Jura in Passau und Leipzig. Vier Jahre verbrachte die gebürtige Bonnerin zudem am Deutschen Literaturinstitut Leipzig, wo sie 2000 ihr Diplom entgegennahm. Ihr erster Roman, „Adler und Engel“, erschien 2001, sechs weitere Romane und Erzählungen folgten. Für ihre Veröffentlichungen erhielt Juli Zeh bereits zahlreiche Literaturpreise. Ihren literarischen Ruf setzt sie oft und gern auch politisch ein.

Als Vertreterin Ihrer Generation: Was muss geschehen, um Deutschland voranzubringen?
Man kann Deutschland nicht voranbringen wie eine Maschine, auf die man einmal kräftig obendrauf klopft, und dann läuft sie wieder. Eine ganze Fülle von Problemen haben sich hier ineinander verzahnt, und es gibt meines Erachtens zwei Auswege: Entweder man versucht weiterhin, kosmetisch an verschiedenen Ecken und Enden etwas zu drehen und damit wenigstens graduell etwas zu verbessern. Oder man greift das System von der Basis her an und überlegt sich, ob man nicht grundsätzlich ein paar Dinge ändern muss.

Und wie kann das konkret aussehen?
Man könnte das Funktionieren unseres Parteiensystems in Frage stellen. Man könnte sich auch ein Programm überlegen, wie man unter mithilfe der gesamten Bevölkerung die Staatsverschuldung, die dieses Land finanziell knebelt und erdrückt, innerhalb einer Zeitraums von, sagen wir, fünf Jahren drastisch reduziert – jenseits der üblichen Wege von (angeblichen) Einsparungen und Steuererhöhungen. Man könnte überlegen, das extrem teure Kindergeld in einen großen Etat für Kinderbetreuung und solide Grundbildung umzuwandeln. Es gibt unzählige Möglichkeiten, die Dinge von Grund auf zu verbessern.

Warum ist bisher keiner aktiv geworden?
Es traut sich noch niemand. Wenn mal ein politischer Vorschlag kommt, der eine wirkliche Änderung der bestehenden Institution verlangt, dann sorgt das nicht für Begeisterung, sondern für Panik und Ablehnung. So lange das der Fall ist, können grundlegende Reformen auch nicht stattfinden.

Welche Impulse müsste es geben, damit die junge Generation wieder anpackt und etwas ändern will?
Ich finde die Richtung, in der sich die junge Generation bewegt, gar nicht so schlecht. Meine gleichaltrigen Bekannten zeigen alle eine steigende Bereitschaft, sich für das eigene Leben verantwortlich zu fühlen und warten nicht mehr darauf, dass jemand anderes – seien es die Eltern oder der Staat – ihre Angelegenheiten regelt.

Gibt es Werte, die jüngst auf der Strecke geblieben sind und nun wiederbelebt werden müssten?
Verantwortung, Respekt – und nicht nur Toleranz – voreinander, Höflichkeit. Das klingt wahrscheinlich wahnsinnig alt backen, aber diese Werte wurden nicht irgendwann einmal aus Spießigkeit erfunden, sondern sie erleichtern das – eben sehr individualistische – Alltagsleben. Nicht nur der jungen Generation würde es also gut tun, sich auf diese Werte zurückzubesinnen.

Angesichts der hohen Auswanderungsraten von jungen Akademikern, wofür plädieren Sie: Bleiben oder gehen?
Ich habe großes Verständnis für Leute, die lieber im Ausland leben als in Deutschland. Dafür haben wir doch die Europäische Union, um genau diesen Austausch, der derzeit stattfindet, zu ermöglichen. Daher kann ich Menschen, die im Ausland bessere Berufschancen haben oder einfach gerne mal woanders leben wollen, nicht von Herzen sagen, dass sie doch bitte hier im Land bleiben sollen. Trotz der neu angekurbelten Patriotismus-Debatte erlebe ich, dass junge Leute sich gar nicht so sehr mit Deutschland als Staat identifizieren und sich verpflichtet fühlen, für diesen Staat – auch wirtschaftlich – etwas zu leisten. Wenn überhaupt, fühlen sich junge Leute als Europäer. Ob ein Däne in Deutschland arbeitet oder umgekehrt, dürfte keinen Unterschied mehr machen, weil man sich in einem größeren Rahmen als Person definiert.

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