Interview mit Antje von Dewitz

„Es gibt noch zu wenige Vorbilder"

Antje von Dewitz, Foto: Vaude
Antje von Dewitz, Foto: Vaude

(Aus BerufSZiel 1.2011) Vor zwei Jahren übernahm Antje von Dewitz von ihrem Vater die Unternehmensleitung des Outdoor-Ausrüsters Vaude. Seitdem ist die 37-jährige Mutter von vier Kindern Chefin von über 500 Mitarbeitern. Mit Sabine Olschner sprach die promovierte Ökonomin über den Spagat, den sie als Führungskraft und Mutter vollbringen muss.

Zur Person

Studium der Kulturwirtschaft in Passau. Praktika bei Medien, NGOs und kulturellen Einrichtungen. Letztes Praktikum während des Studiums bei Vaude: Aufbau des neuen Bereichs Packs & Bags. Nach dem Studium Einstieg ins Familienunternehmen, nach einem zweieinhalbjährigen Abstecher an den Lehrstuhl für Entrepreneurship
und der Dissertation im Bereich Ökonomie 2009 Übernahme der Unternehmensleitung. Mutter von vier Kindern.

Wann war für Sie klar, dass Sie das Unternehmen Ihres Vaters übernehmen wollen?
Ich habe es immer als Option im Kopf gehabt, denn als Unternehmerkind kann man sich der Frage nach der Unternehmensnachfolge kaum entziehen. Zu Schul- und Studienzeiten war mir aber noch gar nicht klar, was es bedeutet, ein Unternehmen zu leiten. Daher war für mich die Orientierungsphase mit vielen Praktika so wichtig. Nachdem ich dann rund drei Jahre bei Vaude gearbeitet hatte, habe ich mir die Frage gestellt, ob ich die Leitung der Firma übernehmen will – und habe mich dafür entschieden.

Was gabden Ausschlag für diese Entscheidung?
Das Gefühl, angekommen zu sein. Die Arbeit bei uns war offenbar genau das, was ich immer wollte. Getrieben war ich dabei von dem Wunsch, Verantwortung zu übernehmen und viel bewirken zu können. Ich war fasziniert von den zahlreichen Gestaltungsmöglichkeiten, die solch ein Unternehmen bietet. Weil ich zu diesem Zeitpunkt schon eine Weile hier gearbeitet hatte, kannte ich sowohl das Unternehmen als auch mich im Unternehmen und habe mir die Aufgabe deshalb zugetraut. Außerdem hat mir mein Vater immer die Freiheit gelassen, eigene Entscheidungen zu treffen und meinen eigenen Weg zu gehen.

Wie reagieren Ihre Mitarbeiter auf eine so junge Frau an der Unternehmensspitze?
Das ist nie ein Thema gewesen, weil bei uns über 60 Prozent Frauen arbeiten. Daher habe ich nie Ablehnung oder Vorurteile gespürt. Dass ich so jung bin und viele Mitarbeiter mich schon als Kind kannten, war am Anfang schon ungewohnt. Aber ich hatte ja lange genug Vorlauf im Unternehmen und konnte mich beweisen, sodass ich den Mitarbeitern auf Augenhöhe begegnen konnte.

Wie schaffen Sie es als Mutter von vier Kindern, auch noch ein Unternehmen zu leiten?
Wir sind als Familie sehr gut durchorganisiert und haben ein großes Netzwerk, das uns unterstützt. Zwei
Kinder sind im unternehmensinternen Vaude-Kinderhaus, mein Lebensgefährte arbeitet nur halbtags, meine Mutter und meine Schwiegermutter kommen zu uns, und wir haben eine Haushaltshilfe. Außerdem versuche ich an meinen „Familiennachmittagen“, schon um 17 Uhr das Büro zu verlassen, und vermeide Termine am Wochenende.

Darüber hinaus habe ich die Entscheidungswege im Unternehmen umgestaltet: Es läuft nicht mehr alles über meinen Schreibtisch, die Führungskräfte haben mehr Eigenverantwortung als früher, und ich delegiere mehr an sie. Daher arbeite ich auch nicht soviel, wie es früher mein Vater in dieser Position getan hat.

Ihr Lebensgefährte arbeitet halbtags. Glauben Sie, das ist notwendig, wenn Frauen Karriere machen wollen?
Wenn wir eine Vollzeit-Haushaltshilfe hätten, könnte ich mir schon vorstellen, dass beide Eltern Vollzeit arbeiten. So wie wir uns organisiert haben, jedoch nicht, denn dann würde etwas auf der Strecke bleiben.

Standen Sie jemals vor der Wahl Kind oder Karriere – oder wollten Sie immer beides?
Eigentlich wollte ich nie Kinder bekommen. Oder wenn überhaupt, dann erst nachdem ich meine Karriere angestoßen habe. Das erste Kind kam ungeplant – und dann bin ich auf den Geschmack gekommen. In meinem Umfeld hier im katholischen, konservativen Oberschwaben hatte ich vor zwölf Jahren noch kein Vorbild: Ich kannte keine Frauen mit Kindern in der Position wie der meinen. Aber mit der wachsenden Erfahrung, im Beruflichen wie im Privaten, war mir dann klar: Ja, man kann beides miteinander vereinbaren. Es ist alles eine Frage der Organisation und der persönlichen Einstellung.

Würden Sie jungen Frauen raten, sich zwischen Kind und Karriere zu entscheiden?
Das Wichtigste ist herauszufinden, was man will. Man sollte sich völlig freimachen von externen Erwartungen, Rabenmütter-Vorwürfen und äußeren Bedingungen und dann für sich entscheiden, was das Richtige ist. Das ist schwer, weil es noch zu wenige Vorbilder gibt. In dem Alter hat man zudem wenig Übung darin, so langfristige Lebensentscheidungen zu treffen. Schwierige Rahmenbedingungen sprechen oft gegen eine Vereinbarkeit von Kind und Karriere. Ich finde es daher schwieriger, die freie Entschei-
dung zu treffen, als sie dann auch wirklich durchzuziehen, egal für was man sich letztlich entscheidet.

Ist es im Mittelstand einfacher als in einem großen Unternehmen, Kind und Karriere unter einen Hut zu bringen?
Im Mittelstand sind individuelle Lösungen sicherlich leichter zu organisieren. Das Beziehungsgeflecht zwischen Mitarbeitern und Vorgesetzten ist in der Regel enger. Wenn eine Mitarbeiterin schwanger ist, will man sie nicht verlieren und findet schnell eine Lösung. Ein Großunternehmen muss prinzipiell erst einmal familienfreundlich orientiert sein, damit es Wege findet, die ins ganze Unternehmen passen.

Was sind Ihre Tipps für den Aufstieg von Frauen im Mittelstand?
Sie sollten ein klares Bild von ihren Erwartungen an sich selbst und an ihren Beruf haben. Männer sind in diesem Punkt oft schneller, während Frauen eher in der Warteposition verharren, bis sie entdeckt werden. Stattdessen sollten sie klar und selbstsicher kommunizieren, was und wohin sie wollen.

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