Am Ende des Tages glücklich sein

Dr. Christoph Quarch, Foto: Nomi Baumgartl
Dr. Christoph Quarch, Foto: Nomi Baumgartl

Dr. Christoph Quarch ist Philosoph aus Leidenschaft. Mit zahlreichen Buchveröffentlichungen, Vorträgen und Seminaren bringt er die Philosophie aus den Denkerstuben in den Alltag. Philosophie sei Lebenskunst, sagt Quarch, und empfiehlt alte und neue Denker als Inspiration für ein gelungendes Leben. Das Gespräch führte Stefan Trees.

Jetzt mal im Ernst, Herr Quarch: Was kann in alten Büchern schon Wissenswertes über das Glück von heute stehen?

Viele Menschen heute sind unglücklich, weil sie eine unrealistische oder verzerrte Vorstellung davon haben, was Glück ist. Die alten Bücher können helfen, einen ursprünglichen, klaren Blick für das Glück zu erhalten.

Glücksforschung beginnt demnach bereits in der Antike?

Unbedingt. Egal ob bei Platon, Aristoteles oder Epikur – die ganze antike Philosophie kreist um die Frage nach dem Glück. Wobei Glück aber nun gerade nicht neuzeitlich als maximale, nachhaltige Freude gedeutet wird, sondern als die Qualität eines gelingenden, guten Lebens: als Stimmigkeit und Harmonie von Körper, Geist und Seele.

 „Glück“ ist folglich das Gleiche wie „Lebenskunst“?

Glück meint diejenige Qualität des Lebens, um der es einer Lebenskunst zu tun ist: eine Erfahrung intensiver, tiefer Lebendigkeit – eine Erfahrung des unbedingten und vorbehaltlosen „Ja“ zum Leben. Lebenskunst versteht sich als eine Art Einübung in diese Qualität – als die Kunst, sich in eine gute Stimmung zu versetzen, so dass ES STIMMT.

Was stellt die Philosophie der Antike dem Glück zur Seite – das Gefühl oder die Vernunft?

Sowohl als auch: Es geht um die Harmonie beider – eine ausgewogene, stimmige Balance. Glück ist, wenn unsere Gefühle und unsere Gedanken im Einklang sind; wenn wir uns nicht in interne Konflikte verstricken, sondern so fühlen und so denken, wie es für uns passt.

Und die moderne Philosophie?

Die zeitgenössische Lebenskunstphilosophie lehrt, ein jeder sei seines Glückes Schmied. Wilhelm Schmid etwa, als führender Kopf dieser Disziplin, empfiehlt seinem Publikum: „Gestalte dein Leben so, dass es bejahenswert ist“. Das ist gut gesagt, aber nicht immer leicht getan. Mir scheint, es kommt darauf an, in einer Art fortdauernder Konversation mit dem Leben zu sein: uns dem Anspruch des Lebens in all seiner Unverfügbarkeit zu stellen, um dann verantwortliche Antworten darauf zu finden. Wo wir mit dem Leben, den Menschen, den Mitwesen in einem lebendigen Kommunikationsfluss stehen und uns von ihnen berühren lassen, mag das Glück sich ereignen.

Warum sollte ich auf meinem Weg, das Wesen des Glücks zu erkunden, auf keinen Fall die Erkenntnisse der Philosophie schmähen?

Weil Sie es drehen und wenden können, wie Sie wollen: Sie sind der Philosophie längst auf den Leim gegangen: Denn was Sie sich unter Glück vorstellen, wo Sie es suchen, wie Sie es beschreiben – all das ist das Produkt philosophischer Diskurse der Vergangenheit. Diese haben sich aber zuweilen vom Glück entfernt. Deshalb ist es lohnend, sie zu kennen, seine eigenen Glücksvorstellungen zu durchleuchten und sich im philosophischen Gespräch darüber zu verständigen, welche Vorstellung vom Glück uns am Ende des Tages wirklich glücklich macht.

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