Platinion lässt eine Skyline aus Spielkarten erbauen

Ab dem 30. Oktober ensteht am Flughafen Düsseldorf auf einer Fläche von 30 qm eine Miniatur der New Yorker Skyline – erbaut aus Spielkarten vom Weltrekordhalter im “Cardstacking” Bryan Berg.

Das IT-Beratungsunternehmen Platinion bewirbt mit diesem Projekt unter dem Motto “Sie wollen Einzigartiges aufbauen? Dann sollten Sie mit den richtigen Architekten arbeiten” sein Beratungsgeschäft. Daniel Schneider, Geschäftsführer bei Platinion, sieht die Parallelen vom Cardstacking zum eigenen Beratungsgeschäft so: ” Einzigartiges aufbauen. Mit viel Verständnis für die Details und einem klaren Blick für das große Ganze – also das Geschäft unserer Kunden – IT Lösungen in hoher Qualität umzusetzen, das ist es was unsere Arbeit so spannend und interessant macht.” Mit dem Projekt am Flughafen will die BCG-Tochter Platinion die Beratungswelt und die Herausforderungen, die einem im Projektalltag begegnen, auf visuelle und kreative Art und Weise verständlich machen. In nur 14 Tagen entsteht das New Yorker Stadtbild in der Haupthalle des Flughafens zwischen Flugsteig A und B, welches Live und vor Zuschauern errichtet wird. Nach dem Aufbau können Passagiere das Kunstwerk weitere 2 Monate vor Ort oder auf der Projektwebseite ansehen, die derzeit noch erstellt wird.

IT sitzt am Steuer

Im Zeitalter von Industrie 4.0 rücken IT-Experten in die Herzen der Industrieunternehmen vor. Mithilfe ihres Know-hows schenken sie den Firmen ungeahnte Möglichkeiten in der Produktion. Doch auch bekannte IT-Themen wie Sicherheit oder Stabilität verlieren deswegen keinesfalls an Bedeutung. Von André Boße

Industrie 4.0 steht für mehr als nur eine Entwicklung. Es ist die Bezeichnung für ein Sammelsurium an Möglichkeiten, die die Industrie auf ein neues Niveau heben können. Zum Beispiel steht Industrie 4.0 für digitalisierte Produktionsprozesse, das Internet der Dinge, 3-D-Drucker, virtuelle Realitäten und cyber-physikalische Systeme, in denen sich Software, Elektronik und Mechanik treffen. Schon bei diesen Begriffen wird deutlich, wie stark sich in Zukunft die Zuständigkeiten in den Fabriken verändern werden. IT wird nicht länger nur „gute Dienste“ tun. Sie wird sich einmischen und das Steuerrad übernehmen. Natürlich steigt damit die Nachfrage nach IT-Spezialisten in den Unternehmen. Und auch das Anforderungsprofil ändert sich: Der Informatiker ist in Zukunft mehr als der Verantwortliche dafür, dass alles rund läuft. Er bestimmt mit seinem Knowhow die Produktionsstrategie mit – und zwar im engen Austausch mit den Experten aus Fertigung, Vertrieb und Logistik. Kurz: Mit der Industrie 4.0 rückt die IT in das Herz eines jeden Unternehmens.

Was war vor Industrie 4.0?

Industrie 4.0 wird auch als vierte industrielle Revolution bezeichnet. Bis ins mittlere 18. Jahrhundert muss man zurückblicken, um die Umwandlungen der ersten industriellen Revolution zu erkennen: Vor allem in England entstanden die ersten Fabriken mit Maschinen. Begriffe wie Kapital, Unternehmertum oder Proletariat tauchten damals zum ersten Mal auf. Der Durchbruch der Elektrizität und das Aufkommen neuer Branchen wie der Chemieindustrie markiert die zweite industrielle Revolution Ende des 19. Jahrhunderts. Als dritte Revolution wird die Digitalisierung der Industrie bezeichnet, die in den 1980er-Jahren begann und sich spätestens 2002 manifestierte. Vor zwölf Jahren speicherten die Menschen nach einer Schätzung der US-Zeitschrift The Economist zum ersten Mal mehr Informationen digital als auf analogen Medien.
Neue Systeme, neue Chancen Dabei ist der Schritt in die Industrie 4.0 kein Selbstzweck. Er ist nötig, weil sich in Deutschland zwei Entwicklungen abzeichnen: Erstens wird der Industriekunde immer anspruchsvoller. Er möchte individualisierte Produkte – und zwar schnell und kostengünstig. Dieses Bedürfnis formuliert er jedoch nicht aus einer Laune heraus. Die Produktion in den Industrieländern – und das ist der zweite Punkt – sucht nach neuen Konzepten, um sich gegen die globale Konkurrenz zu behaupten. Da die Informationsstrukturen in den bisherigen Fabriken zu langsam und zu teuer sind, müssen neue Systeme her. Nur intelligente Fabriken sind in der Lage, den hohen Ansprüchen der Kunden gerecht zu werden. Sie bringen die Industrie einen großen Schritt nach vorne, indem sie IT-Know-how in die Produktionsprozesse einbringen. Dieser Wandel ist zwingend notwendig, weil die Produktion im Zuge der Industrie 4.0 deutlich an Komplexität zulegt: Wenn schnell, individuell und effizient produziert werden soll, und zwar ohne Einbußen bei der Qualität, dann geht das nicht durch Zauberhand. Dafür werden IT-Systeme gebraucht, die in Sekundenbruchteilen entscheiden und modifizieren – und das im ständigen Kontakt mit allen Komponenten der Anlage. Hindernisse überwinden Mit Blick auf die Industrie 4.0 muss sich also in den Fertigungshallen der Unternehmen Einiges tun. Dass Veränderungen in diesem Bereich nicht immer einfach sind, weiß Rolf Adam, der bei Cisco Systems als Director Industry Sales unter anderem für den europäischen Markt verantwortlich ist. Bei vielen Industriekunden entdeckt er weiterhin Systeme und Maschinen, die nicht zukunftsfähig sind. „Viele Unternehmen zögern jedoch, diese zu ersetzen, da sie laufende Systeme nicht ändern wollen und die Investitionsund Einrichtungskosten fürchten. Hinzu kommt mangelndes Verständnis oder sogar Angst vor der neuen Technologie.“ Hier kommt es für IT-Experten darauf an, die richtigen Argumente für die Veränderung zu finden. Das funktioniert mit Blick auf die Kunden nur, wenn man sich als Informatiker in deren Lage versetzt. Kein Wunder also, dass die großen IT-Unternehmen mit Blick auf das Geschäftsfeld Industrie 4.0 auf Nachwuchskräfte setzen, die den Spagat zwischen IT und Produktion beherrschen. Schließlich haben sich Maschinenbauer bislang in der Regel nur wenig Gedanken über Software gemacht. Und umso intensiver müssen sie nun von IT-Experten in das Thema eingeführt werden. „Wir benötigen dafür Mitarbeiter, die das Geschäft unserer Kunden im Detail verstehen – und zwar nicht nur wie in der Vergangenheit von der Prozessseite her, sondern auch von der Produktseite“, sagt Georg Kube von SAP, der als Global Vice President für den Bereich Industrial Machinery & Components verantwortlich ist. Auch bei Cisco Systems bestimmen die Herausforderungen der Industrie 4.0 das Recruiting entscheidend mit. „Wir haben massiv in den Aufbau industriespezifischer Kompetenzen investiert“, sagt Rolf Adam. „Jedes Industriesegment spricht eine eigene Sprache und stellt spezifische Anforderungen, denen wir entsprechen müssen.“ IT und Produktion wachsen zusammen Traditionell gibt es in den Unternehmen zwei Technologiewelten, die in weiten Bereichen voneinander getrennt sind. Da ist zum einen die IT, die mit Hilfe eines ERP-Systems – ERP steht für „Enterprise Resource Planing“ – alle unternehmerischen Abläufe plant und steuert. Zum anderen gibt es die „Operational Technology“ (OT), also die Fertigungssoftware, die zum Beispiel auf den Controllern der Maschinen läuft. „Die Kernfrage bei der Smart Factory ist, wie diese beiden Welten effizient zusammengebracht werden können“, sagt Georg Kube. Die Herausforderung liegt darin, die jeweiligen Stärken von IT und OT optimal aufeinander abzustimmen. Vor welchen Herausforderungen IT-Experten hier stehen, zeigt das Beispiel der Laufzeiten in den beiden Technologiewelten. Kube erklärt: „IT-Systeme haben zumeist eine Zeittaktung, die zwischen Tagen und Minuten liegt, sodass ein Mensch damit interagieren kann. Auf der OTSeite finden Sie jedoch Maschinen, die Prozesse im Bereich von Mikrosekunden ausführen.“ Wer die beiden Welten miteinander verzahnen will, muss also die verschiedenen Taktgeschwindigkeiten aufeinander abstimmen. „Hierin liegt ein erhebliches Potenzial für Effizienzgewinne.“ Moderne Anlagen: echt und virtuell Während sich SAP auf die Bereitstellung von Software und deren Anwendung in den intelligenten Fabriken fokussiert, entwickelt der Automatisierungsspezialist ABB die für die Industrie 4.0 notwendigen neuen Anlagen. Dabei kommt es darauf an, „jedem physikalischen Objekt in einer Produktionsanlage auch ein Modell im Netz, also eine virtuelle Beschreibung, zuzuordnen“, erklärt Christian Zeidler, der als Manager im Bereich Industrial Software & Applications im ABB Forschungszentrum Ladenburg an den Anlagen der Zukunft arbeitet. Die Internettechnologien haben dann die Aufgabe, die einzelnen Komponenten miteinander zu vernetzen. Zeidler sagt: „Damit können reale Produktionsmittel direkt untereinander interagieren.“ Die konkreten Vorteile dieser neuen Technologie erarbeitet der Entwicklungsmanager in enger Kooperation mit seinen Kunden. Ein Beispiel aus der Zusammenarbeit mit Unternehmen aus der Chemiebranche: Für diese ist es wichtig, dass die Zeitspanne von der Forschungs- und Entwicklungsabteilung bis hin zur Produktionsanlage möglichst kurz ist. Außerdem soll die Produktionsmenge flexibel mit der Nachfrage Schritt halten. Intelligente Fabriken mit einem „Internet der Dinge“ sind in der Lage, für diese Unternehmen neue Standards in der Produktion zu setzen. Sicherheit im Fokus Nicht wenige Branchen sehen also bereits die Vorteile der Industrie 4.0. Doch neben einer gewissen Trägheit gegenüber Veränderungen gibt es noch eine weitere wichtige Herausforderung, auf die IT-Experten bei ihren Gesprächen mit den Industriekunden treffen: das Thema Sicherheit. „Industrie- 4.0-Szenarien sind relativ sicher, solange sie sich innerhalb der Fabrik und damit hinter der Firewall abspielen“, sagt Christian Zeidler von ABB. Bei Systemen, die in der Cloud betrieben werden, seien die Anforderungen dagegen ungleich höher: „Wenn Sie zum Beispiel eine Kollaborationsplattform für diverse Fertigungsschritte in der Cloud nutzen, verlassen Sie mit Ihren Produktionsdaten die sicheren vier Wände Ihrer Fabrik und begeben sich in öffentliche oder halböffentliche Datenleitungen. Das stellt in der Tat eine Herausforderung an die Sicherheit dar, denn solche Datenleitungen sind angreifbar.“ Ziel der IT sei es demnach, Möglichkeiten zu finden, den Datenverkehr auch außerhalb der eigenen Firewall sicher zu gestalten. „Die Herausforderung besteht letztlich darin, die richtige Balance zwischen Sicherheit und Flexibilität zu finden“, erklärt Zeidler. Als eine weitere Gefahrenquelle im Bereich Security nennt Rolf Adam von Cisco Systems das geforderte Zusammenwachsen von IT und OT. „Zum Beispiel können Schadprogramme aus dem Office-Netz auf das Produktionsnetz übertragen werden. Deswegen muss man den möglichen Zugriff von zahlreichen Akteuren auf die Anlagen im Firmennetz beschränken und absichern.“ Industrie 4.0 ist Pionierarbeit Doch auch wenn die Sicherheit gewährleistet ist, stellt die Industrie 4.0 Informatiker vor noch manch andere gedankliche Herausforderungen – eine Tatsache, die Jobs in diesem Bereich anspruchsvoll, aber auch spannend macht. In vielen Fällen leisten IT-Experten hier echte Pionierarbeit, schließlich ist die Vernetzung vielfach unerprobt. „Zum Beispiel bedarf das Zusammenspiel der miteinander verbundenen Maschinen und Geräte eine genaue Abstimmung sowie frühzeitige Tests, um das Risiko einer verspäteten Inbetriebnahme und deren finanzielle Folgen zu reduzieren“, fordert Christian Zeidler von ABB. „Diese Planung und Realisierung findet dabei häufig firmenübergreifend statt, wodurch Datenaustausch und Tests zusätzlich erschwert werden.“ Bei all dem wird deutlich: Der IT-Spezialist im Zeitalter von Industrie 4.0 ist weit mehr als ein Systemstabilisator. Seine Arbeit ist der notwendige Schlüssel dafür, die Chancen der vierten industriellen Revolution zu nutzen und die mit ihr einhergehenden Risiken einzudämmen. Ob als externer Dienstleister oder interner IT-Spezialist: In den Firmen nimmt er eine andere Position ein. Er bestimmt Strategien mit und erneuert Prozesse, die Einfluss auf beinahe alle Bereiche des Unternehmens haben. Kurz gesagt: Die Industrie 4.0 hat die IT im Herzen.

Industrie 4.0: Was muss man draufhaben?

Die befragten Industrie-4.0-Experten aus den Industrie- und IT-Unternehmen empfehlen Einsteigern, neben dem Informatikstudium für die IT-Grundlagen zusätzliche Industrie- und Ingenieurkenntnisse zu erwerben. Frühe Spezialisierungen, beispielsweise in Richtung Ingenieurinformatik, steigern die Chancen für einen erfolgreichen Karriereeinstieg. Sinnvoll sind zudem Praktika in produzierenden Unternehmen sowie Fort- und Weiterbildungen. Bei Letzterem sollte es inhaltlich um die Ingenieurthemen Maschinenbau, Produktentwicklung sowie Fertigungs- und Automatisierungstechnik gehen.

karriereführer ingenieure 2.2014 – Ingenieure mit MBA

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Cover karriereführer ingenieure 2.2014

Spitzenpositionen für Ingenieure – Mit Managementqualifikationen ganz nach oben

Aufwärts. Mit einem MBA-Abschluss kombinieren Ingenieure ihr technisches Know-how mit wichtigen Managementfähigkeiten. Danach geht es häufig in attraktive Führungspositionen. Dort kommt es dann aber nicht nur auf Fachwissen und BWL-Kenntnisse an: Führung bedeutet Macht – und so rücken Themen wie Ethik und Work-Life-Balance in den Fokus.

Wenn man nicht alles selber macht!

Ob an der Uni oder im Online-Tutorial: Jeder technikbegeisterte Mensch kann heute lernen, wie man sich ein lustiges Radio baut. Und in der örtlichen Bücherei mit dem 3-D-Drucker experimentieren. Bei so manchen der neuen Do-it-yourself-Ingenieure entsteht aus der Bastelei sogar eine Berufsperspektive. Von Petrina Engelke

Schon mal in einem Erfinderladen gewesen? In Deutschland gibt es mehrere, und sie zeigen: Menschen mit Technikverstand haben jede Menge Humor. Da gibt es Flaschenöffner zu kaufen, die den Kronkorken zielgerichtet in den Müll schleudern, eine WC-Dusche, die die Klobürste ersetzt, einen „Hausmüllverdichter“ namens Pressident und auch Clocky, den weglaufenden Wecker, den die MIT-Studentin Gauri Nanda vor knapp zehn Jahren bastelte und dessen Beliebtheit ihr später eine erfolgreiche eigene Firma bescherte. „Wir sehen als Erfinderladen die Chance, Kleinserien in einer Testmarktumgebung direkt am Kunden zu testen, um dann diese Erfahrungen in ein Serienprodukt einfließen zu lassen“, sagt Gerhard Muthenthaler, Mitbegründer der Erfinderläden in Berlin, Hamburg und Salzburg (und online). Originelle Geschenkartikel sind nur die Spitze des Eisbergs. Eigentlich dienen die Läden als Schaufenster für einen Service, bei dem er und sein Kompagnon Marijan Jordan immer mehr Zulauf beobachten: die Erfinderhaus-Patentvermarktung. Sie berät Erfinder – von der Frage nach Patent- und Geschmacksmusterschutz über die Kalkulation und die passenden Vertriebskanäle bis hin zu einem Punkt, den viele Bastler übersehen: die Verpackung. Sie solle den Kunden ansprechen und sofort verraten, was er da in der Hand hält, rät Muthentaler. „Während vor zehn Jahren das Bild vom Bastler noch das eines ganz eigenen Typen war, der isoliert in seinem Keller vor sich hin tüftelte, hat es dieses Hobby inzwischen aus dem verstaubten Image an die Oberfläche geschafft“, sagt Muthentaler. „Wir leben in einer Zeit, in der durch Youtube-Tutorials und Blogs theoretisch jeder jedes Wissen erlangen und ein kleiner Ingenieur werden kann.“ Die Entwicklung der Wissensverbreitung haben sich Axel Heinz und Amber Riedl auf ganz andere Weise zur Berufsperspektive gemacht. Auf ihrer Webseite „Makerist“ kann man aufwändig produzierte Handarbeits-Videokurse und dazugehörige Materialpakete bestellen. „Das Schöne bei Start-ups ist, dass man die Wirkung seiner Arbeit viel schneller und unmittelbarer erlebt und direkt am Markt Erfahrungen macht“, sagt Axel Heinz, der zuvor im Produktmanagment bei Firmen wie Ebay und Dawanda gearbeitet hatte. Eine dieser Erfahrungen war: Es ist deutlich komplexer, einen guten Videokurs zu produzieren, als die „Makerist“-Macher es sich vorgestellt hatten. Doch daraus haben sie sozusagen ein Do-it-yourself-(kurz: DIY-)Projekt für Selbermacher erstellt – und Hand angelegt. Nach 22 Videokursen haben sie es längst raus, wie man den richtigen Lehrer findet, ein ansprechendes DIY-Projekt entwickelt, die Lernschritte aufbaut, einen Drehplan schreibt, ein Team bucht – und auch am eigenen Leib erfahren, warum ihre Kunden lieber etwas selbst machen, als die Läden zu durchwühlen. „Dinge selber zu machen ist ungemein entspannend, aber auf eine anregende und kreative Weise, und der Stolz auf das Ergebnis vollendet das Glücksgefühl“, sagt Axel Heinz. „Hinzu kommt, dass nach Jahren der Digitalisierung, Beschleunigung und Globalisierung das Pendel zurückschwingt. Es ist schön, etwas Echtes in den Händen zu halten, das nicht am anderen Ende der Welt produziert wurde.“ Dass das Pendel wieder in die andere Richtung schlägt, hat aber nicht – oder nicht nur – mit dem Zeitgeschmack zu tun. Mit seinem 2012 erschienenen Buch „Makers“ ruft Ex-„Wired“-Chefredakteur Chris Anderson die nächste industrielle Revolution aus: Verbraucher werden zu Erfindern und Produzenten – und sparen sich all die Firmen, Fabriken und Fließbänder, die sonst zum Beispiel zwischen einer Smartphonehülle und einem Telefonbesitzer stehen. Denn die Hülle kann sich inzwischen jeder selber machen – im 3-D-Drucker. Für manche der neuen DIY-Ingenieure wird aus der Bastelei sogar ein Geschäft. Roland Wolf etwa tüftelte mit seiner Freundin Mary sowie den Geschwistern Christian und Martin im elterlichen Keller an einer Idee: Sie wollten Brillen aus einem natürlichen Material herstellen, und zwar aus einem Stück, ganz ohne Schrauben. Mit einfachsten Mitteln schafften sie es binnen eines Monats, eine erste Holzbrille zu basteln – doch sie taugte noch nicht. Die Freude am Selbermachen blieb. „Wir machen fast alles selbst – von der Brille über das Etui und den Samplekoffer bis hin zum Messestand“, sagt Roland Wolf heute. Längst ist aus der Keller-Bastelei eine Firma namens Rolf Spectacles gewachsen, die eigene Patente hält. Die neuen Selbermacher werden Fachkräfte und studierte Ingenieure aber nicht verdrängen. Schließlich arbeiten beide an unterschiedlichen Dingen. Erfinderladen-Chef Muthentaler fasst es so zusammen: „Der Ingenieur arbeitet oft im Auftrag an der Lösung eines klar definierten Problems. Der Bastler erkennt selbst das Problem, welches er dann zu lösen versucht.“ Auch Ingenieure, die sich nicht mit einer eigenen Idee selbständig machen möchten, können sich von diesen Bastlern etwas abschauen: die Art und Weise, wie sie Probleme lösen. So haben beispielsweise die Rolfs die ersten Hürden nicht nur mit Beharrlichkeit, sondern auch mit Maschinen-Hacking überwunden: Als gelernter Bau- und Landmaschinentechniker half Martin Iljazovic, Geräte wie eine Melkmaschine und Mopedbremsen zweckzuentfremden, um näher an die perfekte Holzbrille heranzukommen. Diese Experimente mündeten später in einer spezialisierten Fertigungstechnik. Wenn man nicht alles selbermacht!

Web-Tipps für DIY-Freunde

Das große Bastler-Vorbild aus den USA: Limor Fried alias Lady Ada. Mit Material für DIY-Ingenieure hat sie inzwischen eine eigene Firma namens Adafruit Industries gegründet. www.adafruit.com

Embedded Systems

Big Data , Smart Factories und das Internet der Dinge – die Industrie 4.0 ist in aller Munde, und mit ihr etablieren sich neue Technologien in den Unternehmen. Der Ruf der Wirtschaft nach interdisziplinär ausgebildeten Fachkräften wird immer lauter. Wer an der Universität Freiburg den berufsbegleitenden Online-Masterstudiengang „Intelligente Eingebettete Mikrosysteme“ (IEMS) absolviert, bekommt Beruf und Weiterbildung unter einen Hut. Von Sabrina Reinshagen, Universität Freiburg, Weiterbildungsprogramm Intelligente Eingebettete Mikrosysteme IEMS

Droht Gefahr, übernehmen im Auto von heute Assistenzsysteme wie ESP oder ABS die Kontrolle. Steigt ein neuer Fahrer ein, passen sich die Außenspiegel und Kopfstützen automatisch an seine Körpergröße an, das Auto der Zukunft soll sich sogar selbstständig durch den Straßenverkehr bewegen. Dafür verantwortlich ist ein Netz aus vielen eingebetteten Systemen. Diese winzigen Computer, die man nicht sieht, stecken nicht nur im Auto, sondern regeln viele für uns alltägliche Dinge: Eingebettete Systeme machen das Smartphone erst wirklich smart, sorgen dafür, dass unsere Waschmaschine so energiesparend wie möglich arbeitet, oder schlagen Alarm, wenn der Kaffeeautomat dringend wieder entkalkt werden muss. Mit hoher Geschwindigkeit verarbeiten sie Daten und Signale und steuern und überwachen Funktionen. Vernetzt zu sogenannten Cyber-Physical Systems meistern sie intelligent und dynamisch auch komplexe Aufgaben. Nicht nur in der Produktwelt, auch in der Fertigungsindustrie setzt man auf eingebettete Systeme. Mit der vierten industriellen Revolution erobern neue Technologien die Industrie. In der intelligenten Fabrik der Zukunft läuft die Produktion vollständig automatisiert ab und kann in Echtzeit überwacht werden. Alle Maschinen sind über das Internet der Dinge miteinander verbunden und lassen sich über Smartphones oder andere Assistenzsysteme flexibel steuern und optimieren. Mit dem Einzug der Industrie 4.0 in die Arbeitswelt entstehen neue Arbeitsfelder, die vor allem von Ingenieuren spezialisierte Fähigkeiten verlangen. Interdisziplinarität lautet das Stichwort: An der Schnittstelle von Informatik und Mikrosystemtechnik wird fieberhaft an der Entwicklung und Implementierung von eingebetteten Systemen gearbeitet. „Ingenieure neuen Typs“ – so nennt Bernd Becker die Fachkräfte, die den Umstieg auf die intelligente Produktion meistern sollen. Der Professor ist Lehrstuhlinhaber an der Technischen Fakultät der Universität Freiburg und fördert neben der Lehre im Fach Rechnerarchitektur vor allem den Austausch mit den Kollegen am Institut für Informatik und dem angrenzenden Institut für Mikrosystemtechnik. Nicht erst die nächste Generation der Ingenieure soll von den Möglichkeiten der interdisziplinären Ausbildung profitieren, auch die universitäre Weiterbildung hält Becker für unverzichtbar. „Die Nachfrage – sowohl vonseiten der Industrie als auch von berufstätigen Ingenieuren – zeigt uns, dass Bedarf und Interesse am Erwerb interdisziplinärer Kompetenzen besteht. Die Zahl der Einsatzfelder für Spezialisten im Bereich eingebetteter Systeme ist hoch, auch die Anforderungen in diesem Bereich steigen. Somit sind auch und vor allem Ingenieure mit Berufserfahrung gefragt.“ Als wissenschaftlicher Leiter des Weiterbildungsprogrammes IEMS wirbt er für die berufsbegleitende Weiterbildung und setzt dabei auch im Bereich der Lehre auf Innovationen. Denn wer im angebotenen Online-Masterstudiengang studiert, sieht nur an einigen wenigen Tagen im Semester einen Hörsaal von innen. Ein Großteil der Lehre findet im Netz statt: In E-Lectures werden die Vorlesungsinhalte vermittelt, die Betreuung durch die Lehrenden und der Austausch mit den Kommilitonen finden über Foren oder Videochats statt. Alle Materialien und Informationen sind damit rund um die Uhr verfügbar. Selbst der Praxisbezug kommt in dieser Form der Lehre nicht zu kurz: Im Hardwarepraktikum bekommt jeder Student per Post einen Roboterbausatz zugeschickt, setzt ihn zu Hause zusammen und programmiert ihn im Laufe des Semesters mit verschiedenen Funktionen. So flexibel wie die Einteilung der Lernzeiten ist auch der Studienplan, weiß Katrin Weber, Geschäftsführerin bei IEMS. „Unsere Studenten sollen im Arbeitsalltag und im Hinblick auf ihre weitere Karriere von den Inhalten natürlich profitieren, ein starrer Lehrplan wäre dabei sehr hinderlich. Viele Arbeitgeber unterstützten ihre Mitarbeiter, indem sie zum Beispiel ihre Arbeitszeit reduzieren.“ Wer zwischenzeitlich mehr arbeiten muss oder aus persönlichen Gründen weniger Zeit für sein Studium aufbringen kann, kann seinen Studienplan entsprechend anpassen. Ganz individuell können sich Ingenieure, Techniker und Meister auch in einzelnen Online-Kursen weiterbilden, ohne die zeitliche Belastung eines Masterstudiums. Da vor allem bei der Entwicklung eingebetteter Software zahlreiche Aspekte berücksichtigt werden müssen, denen man als Ingenieur oder IT-Spezialist bei der Entwicklung von klassischen Softwaresystemen noch nicht begegnet ist, lernen Interessierte in dem sechsmonatigen Weiterbildungskurs „Projektmanagement in Software Engineering für Embedded Systems“, wie sie einen Softwareentwicklungsprozess im Embedded Systems-Bereich anhand agiler Methoden planen und umsetzen. Die Wege, die die Absolventen des Masterstudiengangs einschlagen, sind so vielfältig wie ihre bisherigen Lebensläufe. Egal ob sie einen Bachelor an einer Fachhochschule erworben oder Informatik oder Elektrotechnik an einer Universität studiert haben – mit den im interdisziplinären Masterstudium gewonnenen Kenntnissen und ihrer Berufserfahrung sind sie gefragte Fachkräfte für zahlreiche Branchen. Schon jetzt sind vernetzte eingebettete Systeme in der Industrie ein viel diskutiertes Thema – mit stark steigender Tendenz.

Buchtipps

Peter Marwedel: Eingebettete Systeme. Springer Verlag 2008. ISBN 978-3540340485. 32,99 Euro Walter Lange, Martin Bogdan: Entwurf und Synthese von Eingebetteten Systemen: Ein Lehrbuch. Oldenbourg Wissenschaftsverlag 2013. ISBN 978-3486718409. 39,80 Euro

Usability als Ansporn

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Das Thema benutzerfreundliche Software wird immer wichtiger. Künftig steht nicht mehr die Maximierung der Funktionalitäten im Vordergrund der Entwicklung von Software, sondern deren Nutzerfreundlichkeit. Dies hat auch Auswirkungen auf die Arbeit von Ingenieuren. Von Prof. Dr. Hans-Georg Hopf, Leiter Usability Engineering Centers an der Technischen Hochschule Nürnberg

Die Journalistin Sybille Herbert hat ein Buch mit dem Titel „Bin ich zu blöd“ veröffentlicht. Die Kurzbeschreibung beginnt mit dem Statement: „Der Alltag wird immer komplizierter, die Welt wird unbedienbar.“ Sybille Herbert trifft mit dieser Feststellung den Nerv vieler Menschen. Die Bedienung von Produkten, insbesondere auch von Software-Produkten wird oft zum Problem: Die Gebrauchstauglichkeit oder auch Nutzerfreundlichkeit vieler Produkte lässt deutlich zu wünschen übrig! Diese sogenannte Usability wird immer wichtiger: Immer mehr erfahren wir im täglichen Leben, dass wir von Dienstleistern in die Pflicht genommen werden, in ihr Dienstleistungsgeschäft eingebaut werden, zum Beispiel von ihnen über ein Internetportal selbst einen Teil einer Dienstleistung übernehmen. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Entwicklung im E-Banking, bei Online-Shops oder bei Online-Bewerbungsportalen: Wir pflegen unsere Daten für diese Unternehmen, scannen Dokumente ein und stellen sie in das Unternehmensportal ein, und holen unsere Post, Kontoauszüge, Rechnungen oder Bescheide im Internetportal des Unternehmens ab. In Online-Portalen übernehmen wir Aufgaben, die früher beim Unternehmen lagen. Solche Anwendungen müssen für den Kunden so einfach und intuitiv bedienbar wie möglich gestaltet werden. Gebrauchstauglichkeit ist damit nicht nur im Interesse der Nutzer. Es liegt auch im wirtschaftlichen Interesse der Hersteller, Hürden in der Gebrauchstauglichkeit aus dem Weg zu räumen: Der Benutzer soll das richtige Bedienelement zum richtigen Zeitpunkt schnell finden können, seine Ziele zufriedenstellend mit dem Werkzeug erreichen, vielleicht sogar eine gewisse Freude in der Benutzung empfinden. Die Anwendung soll zum Erlebnis werden. Mit Methoden des Usability Engineering können Hersteller diese Anforderungen umsetzen und ihren Produkten neue Marktchancen erschließen. Gebrauchstauglichkeit und Nutzererlebnisse sollten möglichst früh im Entwicklungsprozess berücksichtigt und durch geeignete Methoden in multidisziplinären Teams umgesetzt werden. Ingenieure, Softwareentwickler, Psychologen und Designer müssen gemeinsam eine optimale Lösung finden und hierfür auch eine entsprechende zielführende und effiziente Kommunikation führen. Dies ist eine echte Herausforderung für alle Beteiligten, da die unterschiedlichen „mentalen Modelle“ beim Erarbeiten von multidisziplinären Lösungen aufeinanderprallen und man lernen muss, auch fachliche Argumente der anderen Disziplin bei der Konstruktion einer Lösung zu bedenken, die man selbst als nicht so gewichtig einschätzt.

Linktipp

Berufsverband der Deutschen Usability und User Experience Professionals: www.germanupa.de

In 48 Stunden die Welt verändern

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Verteiler: Angehende Ingenieure CC: Kreative Köpfe Ort: TU Dresden und weitere 119 Orte weltweit Datum: August 2014 Aufgezeichnet von: Cindy Ullmann, Projektkommunikation Zukunftskonzept, TU Dresden

Freitag, 18 Uhr: An der Technischen Universität Dresden warten 50 kreative Köpfe gespannt auf die Verkündung des geheimen Mottos des Global Service Jams 2014. Als die Videobotschaft den Grundriss eines Würfels zeigt, herrscht überraschte Stille, dann ist vereinzelt Lachen zu hören. Vom 7. bis 9. März 2014 war also ein Würfel für 1500 Jammer an 120 Orten weltweit Ausgangspunkt und Inspiration für neue Service-Ideen. Der Global Service Jam animiert seit 2011 Menschen auf allen Kontinenten, sich über neue Dienstleistungen Gedanken zu machen und ein besseres Leben vorzudenken. In Dresden fand der Global Service Jam bereits zum zweiten Mal statt. Dieses Jahr kamen am Zentrum für Synergie-Entwicklung (ZSE) der TU Dresden Designer, Produkt- und Servicemanager, Softwarearchitekten sowie Forscher und Wissenschaftler für ein Wochenende zusammen, um gemeinsam originelle Ideen zu ganz alltäglichen Problemen zu entwickeln. Das an der TU Dresden angesiedelte Forschungsprojekt WINIMIS zur Erforschung von Weiterbildungsformaten rund um das Thema Innovationsmanagement war Gastgeber und kooperierte eng mit den Dresdner Unternehmen T-Systems MMS, queo und ujamii. Samstag, 9 Uhr: Angeleitet von den Organisatoren geht es mit viel Energie an die Ausformung der Ideen. Getreu dem Motto „Machen statt Reden“ produzieren die Jammer mit Lego-Steinen, Haftnotizen und anderen Materialien Prototypen. Um ihre Entwürfe zu verbessern, tauschen sich die Dresdner Teams mehrmals mit Jammern aus Klaipeda in Litauen aus. Ein Team entwickelte unter dem Namen „Re-Pack“ ein Pfandsystem für Verpackungen, um Plastikbeutel und anderen Verpackungsmüll zu vermeiden. Bei einem Einkauf im Supermarkt können gegen Pfand verschieden große Boxen – und hier ist die Verbindung zum Würfel – ausgeliehen werden, die auf einem leeren Einkaufswagengestell platziert werden. An der Kasse werden die Boxen direkt auf das Band gestellt und anschließend im Auto verstaut – alles ohne lästiges Aus- und Umpacken der Lebensmittel. Beim nächsten Einkauf können die Boxen wiederverwendet oder abgegeben werden – ein nachhaltiger und umweltschonender Service. Weltweit wurden nach den Grundprinzipien des Service Design Thinking, einer kreativen Arbeitsweise zur Entwicklung neuer Dienstleistungsideen, 530 Ideen entwickelt. Alle Ergebnisse werden auf der Webplattform „Planet Jam“ gesammelt. Nach dem Jam verbleiben die Ideen mit einer Creative Commons-Lizenz auf der Plattform. Sonntag, 18 Uhr: Die Dresdner Jammer blicken zufrieden auf 48 Stunden kreative Arbeit, Spaß und Tüftelei zurück. Als Erkenntnis nehmen sie mit, dass neben der verrückten Idee häufig eine großartige Idee liegt. Wer sich davon selbst überzeugen möchte, kann nächstes Jahr vom 27. Februar bis 1. März 2015 am Global Service Jam teilnehmen.

BIQ – das Algenhaus

BIQ – das Algenhaus leitet eine neue Ära des nachhaltigen Wohnens ein. Mit dem innovativen Projekt entstand in Hamburg-Wilhelmsburg das erste Haus weltweit, das sich über eine Gebäudefassade aus Photobiokollektoren selbst mit Energie versorgt. Von Meike Nachtwey.

Sie ist grün und sie lebt, die Fassade von BIQ – das Algenhaus. In ihrem Inneren werden Mikroalgen kultiviert, die unter Sonneneinstrahlung und Zugabe von CO2 sowie flüssigen Nährstoffen Biomasse und Wärme produzieren. Als Weltneuheit wurde im Algenhaus erstmals an einem Gebäude eine Bioreaktorfassade angebracht. Diese vorgeschaltete Fassade wurde an der sonnenbeschienenen Südseite des Gebäudes installiert und produziert mithilfe von Algen über seine 129 einzelnen Biokollektoren sowohl Wärme als auch Biomasse. Über eine im Erdgeschoss installierte Energiezentrale werden die Algen und die zum Wachstum benötigten Nährstoffe wie Kohlenstoffdioxid, Stickstoff und Phosphor über die rotweißen Versorgungsleitungen in die Kollektoren eingeleitet. Mit der produzierten Wärme beziehungsweise Biomasse werden die Wohnungen im Algenhaus beheizt. Damit die Fassade als Bioreaktor funktioniert, sind auf der der Sonne zugewandten Vorderseite lichtdurchlässige, plattenförmige Kollektoren erforderlich, in deren Hohlraum das für die Algenzucht notwendige Kulturmedium zirkuliert. Ihnen vorgespannte Scheiben schützen die Kollektoren vor Wärmeverlust und wirken so als thermische Isolation sowie gleichzeitig als Schallschutz. Für die optimale Ausnutzung der Sonnenstrahlen wird auf der Vorderseite reflektionsfreies Weißglas verwendet. Über den Wasserkreislauf werden die Algen kontinuierlich mit flüssigen Nährstoffen und CO2 versorgt. Eine ständige Durchmischung des Wassers im Kollektor erfolgt durch große Luftblasen. Mithilfe der Sonnenkraft vermehren sich die Algen dann, bis sie schließlich als Biomasse zur Ernte in den Technikraum im Innern des Hauses weitergeleitet werden. In einem externen Prozess wird aus der Biomasse Biogas hergestellt. Mithilfe eines Gasbrennwertkessels wird das Biogas verbrannt. Die entstehende Wärme erhitzt das Brauchwasser für die einzelnen Wohnungen. Das Kohlendioxid wird in die Bioreaktorfassade zurückgeleitet. Somit schließt sich der Energiekreislauf. Überschüssige Wärme kann bei Überproduktion an das Nahwärmenetz abgegeben oder in die Erdwärmesonden eingespeist werden. BIQ – das Algenhaus verfügt über 200 Quadratmeter Algenfassade. Bei einem Ertrag von 15 Gramm Trockenmasse pro Quadratmeter und Tag kann bei der Umwandlung von Biomasse in Biogas ein Nettoenergiegewinn von etwa 4500 Kilowattstunden pro Jahr erzielt werden. Zum Vergleich: Eine vierköpfige Familie verbraucht im Jahr circa 4000 Kilowattstunden. Die Algenfassade könnte so den gesamten Haushalt einer Familie mit Biostrom versorgen.
Weitere Infos unter: www.biq-wilhelmsburg.de

Interview mit Gartenbauingenieurin Heike Boomgaarden

Heike Boomgaarden zählt zu den ausgewählten Social Entrepreneurs in Deutschland, ist eine der Ashoka-Fellows 2014 und Preisträgerin im Wettbewerb „Mut zur Nachhaltigkeit“. Ihre Lieblingspflanze ist der Apfelbaum und sie hat die Stadt Andernach „essbar“ gemacht. Das Projekt der „Essbaren Stadt“ hat im Jahr 2014 sowohl die Lenné-Medaille wie auch den Zeit Wissen-Preis erhalten. Das Interview führte Meike Nachtwey.

Heike Boomgaarden Foto: privat
Heike Boomgaarden, Foto: privat
Sie sind Gartenbauingenieurin – war das schon immer Ihr Berufswunsch? Ich wollte schon immer etwas mit Obstbau machen und habe zunächst eine Ausbildung zur Obstbauerin gemacht, anschließend habe ich das Diplom-Studium Gartenbau absolviert. Gleichzeitig mit dem Aufbau meines Ingenieurbüros startete ich meine Familienplanung. Beides zusammen war sehr anstrengend und fordernd. Aber es hat alles gut geklappt, und ich kann nur jeder jungen Frau raten, nicht auf Familie oder Job zu verzichten, wenn sie beides will. Sie haben das Konzept der „Essbaren Stadt“ entwickelt. Was verbirgt sich hinter dieser Idee? Es handelt sich um ein ganzheitliches Konzept, mein Arbeitstitel dazu war „ökohumanes Leben“. Ziel ist es, Natur und Stadt wieder zusammenzubringen, um die Defizite, die wir heute im urbanen Leben haben, auszugleichen: Entfremdung von der Natur, Depressionen, kompletter Wegfall der Biodiversität, Verwahrlosung der Grünflächen, fehlendes Geld zur Pflege der Standardgrünflächen, Erhitzung der Städte, Feinstaubprobleme. All diese Themen haben wir in Augenschein genommen und daraus die „Essbare Stadt“ gemacht. Andernach ist die erste Stadt, die dieses Konzept mit uns umsetzt. Wie funktioniert die „Essbare Stadt“ Andernach? Wir machen zunächst die Pflanzpläne und stellen Pflanzen zusammen, die pflegeleicht sind, für die Stadt wenig Kosten verursachen und die standortgerecht sind – dabei ist gartenbauliche Kompetenz gefragt. Nach der Abstimmung mit der Stadt und der Kommune werden in ganz Andernach insgesamt etwa 8000 Quadratmeter mit Gemüsepflanzen und dazu das Drei- oder Vierfache an Obstflächen bepflanzt. Im größten Lehrgarten Deutschlands, einer 14 Hektar großen Permakulturanlage in Kassel, werden Assistenten, zum Beispiel Langzeitarbeitslose, ausgebildet, die in Andernach zum Teil die Pflegemaßnahmen für das Gemüse und das Obst übernehmen. So erhalten Menschen neue Perspektiven und haben eine sehr hohe Wiedereingliederungsrate. Aber auch die städtischen Gärtner und Bürger der Stadt übernehmen die Pflege. Es gibt zum Beispiel Kindergärten, die sich um das Gießen aller Blumen kümmern. Wie kamen Sie auf die Idee der „Essbaren Stadt“? Wir haben nicht nur viele Probleme in den Städten und mit der Urbanisierung, auch die Menschen entfernen sich immer weiter voneinander. Ich sage immer: Wenn wir zusammen im Garten stehen, sind wir alle gleich. Egal welche Nationalität, welches Alter: Jeder kann helfen und mitmachen. So helfen wir uns Menschen und der Natur. Das war der Grundgedanke. Im öffentlichen Raum besteht immer auch die Gefahr des Vandalismus. Wie gehen Sie damit um? Vandalismus ist ein großes Problem in den Städten. Aber wenn man gemeinsam eine lebenswerte Umgebung gestaltet, dann passen alle gemeinsam auch darauf auf. Das hat mit sozialer Kontrolle zu tun. Die Flächen sind mitten in der Stadt, dort ist immer jemand, der ein Auge darauf wirft. Außerdem haben wir Jugendliche mit ins Boot geholt, indem wir sie zu „Wächtern der Gärten“ ernannt und ihnen klargemacht haben, dass es ihre Stadt ist, ihre Umgebung, ihre Pflanzen und sie diejenigen sind, die hier etwas verändern können. Wenn durch solche Maßnahmen eine ethnobotanische Bindung, wie ich es nenne, geschaffen wird, wird auch nichts zerstört.

Redaktionstipp

Unternehmen punkten bei der Generation Y mit Nachhaltigkeit, das ergab die Studie „The big green talent machine“ von Bain & Company. Die Studie kann auf der Homepage von Bain kostenlos als PDF heruntergeladen werden.
Kann eine „Essbare Stadt“ dabei helfen, Armutsprobleme zu lösen? Eine „Essbare Stadt“ kann Bewusstsein wecken, aber ganze Familien können wir davon nicht ernähren. Es geht auch mehr darum, dass zum Beispiel die Kinder lernen, was Granatäpfel sind, welche Bohnensorten es gibt und so weiter. In den größeren Städten mit mehr Flächen kann man durchaus auch Ernährungsprobleme lösen. Paris hat beispielsweise begonnen, seinen Bürgern große Nutzflächen zur Verfügung zu stellen. Angefangen hat eigentlich alles mit dem Guerilla Gardening, bei dem öffentliches Grün wieder zum persönlichen Eigentum gemacht wurde. Nicht mehr „Rasen betreten verboten“, sondern „Betreten erwünscht und Pflücken erlaubt“ lautet jetzt das Motto. Welche Probleme sollten Ihrer Meinung nach von Ingenieuren noch gelöst werden? Energietechnische Probleme in der Stadt könnten auf regionaler Ebene gelöst werden. Ein gutes Beispiel ist „Urban Farming“. Das ist eine Art Hochhaus in der Stadt, in dem Gemüse wächst. Hier wird auf großer Fläche in der Vertikalen mit geringem Aufwand in Bioqualität produziert. Das wird in Zukunft eine gefragte Ingenieurleistung sein. Verraten Sie uns Ihr nächstes Projekt? Städte haben Riesenprobleme: Sie sind zu voll, zu laut, kämpfen mit Slumbildung, Verwahrlosung, dem Abwandern von Fachkräften … Sie müssen sich etwas einfallen lassen, sonst sind sie nicht mehr lebens- und liebenswert. Sie müssen etwas tun, damit man sich wieder in ihnen zu Hause fühlen kann. Im Projekt „Mut zur Lücke“ wollen wir Baulücken anders nutzen, damit Bürger ihre Plätze bekommen, zum Beispiel einen Boule-Platz oder Gemeinschaftsgärten, um miteinander neue Lebensformen leben zu können. Ich bin dann dafür zuständig, dass es schön wird. Was können junge Ingenieure von Ihnen lernen? Ausgefahrene Wege zu verlassen und Mut zur Innovation zu haben. Ich denke, Ingenieure, die eine breite Ausbildung und gleichzeitig die Möglichkeit haben, sich weltweit zu informieren, auszuwählen und abzuwägen, können selektieren und müssen nicht die alten Wege gehen. Ich plädiere zum Mut zur Idee. Die Zeit dafür war noch nie so gut wie heute.

Andernach – Die essbare Stadt

Im bundesweiten Innovationswettbewerb „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“ 2013/14 wurde die Stadtverwaltung Andernach für ihr Projekt „Andernach – Die essbare Stadt“ ausgezeichnet. Zum Thema „Ideen finden Stadt“ liefert das Projekt eine Antwort auf die Frage, wie öffentliche Parks zu Obst- und Gemüsegärten für die Einwohner werden können. Ob Erdbeeren, Salat oder Zwiebeln: Die Stadtverwaltung lässt überall Gemüse, Obst und Kräuter anbauen – und jeder darf sich bedienen. So werden öffentliche Parks und Grünanlagen zum Garten für die Bürger. Die öffentlichen Nutzpflanzen zeigen, wie man sich gesund ernährt und steigern die Wertschätzung für regionale Lebensmittel. Ob jäten oder ernten: Jeder darf mitmachen. Quelle: www.andernach.de

„Mit Blick aufs große Ganze“

Als Astronaut startete Ron Garan zwei Mal zur internationalen Raumstation ISS. Mehr als 27 Stunden verbrachte er dort bei Außenbordeinsätzen im Weltraum. Mit auf die Erde gebracht hat der 53-jährige Managementcoach sein Konzept der Orbit-Perspektive. Sein Gedanke: Wer technische Herausforderungen von oben und langfristig betrachtet, findet die besseren Lösungen. Von André Boße

Zur Person

Ron Garan, geboren am 30. Juni 1961 bei New York, hat einen Bachelorabschluss in Ökonomie und absolvierte seinen Master in Luft- und Raumfahrttechnik. Er ist zudem ausgebildeter Pilot der US-Air-Force und wurde 2000 als Astronaut ausgewählt. Sein erster Raumflug führte ihn 2008 zur internationalen Raumstation ISS. 2011 verbrachte er als Bordingenieur mehr als fünf Monate auf der Station. Nach seiner Rückkehr auf die Erde entwickelte er sein Konzept der Orbit-Perspektive. Er berät auch in Deutschland große Unternehmen und tritt dort als Coach und Dozent auf. Derzeit arbeitet der Vater von drei Kindern an seinem ersten Buch „The Orbital Perspective: Lessons in Seeing the Big Picture from a Journey of 71 Million Miles“, das im Februar 2015 zunächst auf Englisch erscheinen wird. www.rongaran.com
Mr. Garan, was verstehen Sie unter der Orbit-Perspektive? Wenn Sie im Wörterbuch den Begriff Perspektive nachschlagen, finden Sie zwei Definitionen. Die erste beschreibt die Möglichkeit, ein dreidimensionales Objekt auf einer zweidimensionalen Oberfläche zu zeichnen. Das lernt man im Kunstunterricht. Die zweite Definition beschreibt einen bestimmten Punkt, von dem aus man auf ein Objekt blickt. Die Orbit-Perspektive bringt beide Definitionen zusammen. Bis vor Kurzem spielte sich unser Leben auf einer zweidimensionalen Fläche ab. Natürlich wissen wir, dass die Erde rund ist. Aber wir gehen weiterhin mit der Erde und der Umwelt um, als sei sie flach. Wir kümmern uns zu wenig um nachhaltige Aspekte und versuchen, die komplexen Entwicklungen auf der Erde anhand von Grafiken oder Tabellen zu analysieren. In der Orbit-Perspektive schwenken wir unseren Blick zurück. Nicht nur räumlich, sondern auch zeitlich. Wir machen uns ein dreidimensionales Bild vom großen Ganzen und blicken dabei auch auf die Langzeiteffekte. Haben Sie ein konkretes Beispiel für dieses Vorgehen? Wenn Sie Tageszeitungen studieren, werden Sie beinahe täglich von schweren Autounfällen lesen. Sie erhalten damit ein zweidimensionales Bild vom Risiko des Autofahrens und ziehen den Schluss: Wer in ein Auto steigt, begibt sich in Gefahr – das war immer so und wird auch so bleiben. Die Sache ändert sich jedoch, wenn wir die Orbit-Perspektive einnehmen. Wir entfernen uns dann von diesen lokalen Ereignissen und schauen auf das große Bild. Hier sehen wir, dass es heute aussichtsreiche Versuche gibt, die „Vision “ zu realisieren – also die Vision von null Verkehrstoten. Das ist ein großes Ziel, keine Frage. Wir sehen aber auch die Fortschritte auf dem Weg hin zu dieser Vision. Wir entdecken Fahrerassistenzsysteme, die den Fahrer schützen. Fahrzeuge, die miteinander kommunizieren und sich vor Gefahren warnen. Autos, die autonom fahren und den Risikofaktor Mensch entschärfen. Wenn sie all dies aus der Orbit-Perspektive betrachten, erscheint dann die „Vision “ nicht machbar? Schon – aber wie kann die Orbit-Perspektive helfen, diese Vision konkret umzusetzen? Ein zweidimensional denkendes Unternehmen aus der Auto- oder IT-Industrie wird sich sagen: Wir entwickeln unsere eigenen Systeme und hoffen, dass die Kunden unsere neue Technik nachfragen. Unternehmen, die aus der Orbit-Perspektive heraus handeln, tun etwas anderes. Sie schließen Allianzen, weil sie wissen, dass sich technische Entwicklungen viel schneller mit interdisziplinären Kooperationen realisieren lassen. Warum lohnt es sich für einen jungen Ingenieur, in seinem Unternehmen für diese Allianzen zu werben? Weil heute folgende Regel gilt: „Wenn ich verliere, heißt das noch lange nicht, dass du gewinnst.“ Wir stehen heute eben nicht mehr auf dem Marktplatz, verkaufen Äpfel und können davon ausgehen, dass ein Kunde, der nicht zum Nachbarstand geht, automatisch zu uns kommen wird. Die Sache ist heute komplizierter. Wesentlich klüger ist es daher für Unternehmen, technische Allianzen zu schmieden, damit neue Märkte entstehen. Die ISS ist ein gutes Beispiel für solche Kooperationen: Sie ist eine Win-win-Situation, nämlich das Resultat der Zusammenarbeit von Ländern, die sich lange als Konkurrenten verstanden. Keine Nation hätte alleine eine solche Station aufbauen können. Die Orbit-Perspektive zeigt: Wer dreidimensional denkt, macht Dinge möglich, von denen man in Zweidimensionalität nur träumen kann.

Was macht eigentlich eine Maschinenbauerin mit Schwerpunkt chemische Verfahrenstechnik?

Nach dem Abitur habe ich mich für das Fach Maschinenbau an der RWTH Aachen eingeschrieben und zum Beginn des Hauptstudiums die Vertiefungsrichtung chemische Verfahrenstechnik gewählt. Von Christiane Follmann, 28 Jahre, Projektingenieurin beim Spezialchemie-Konzern Lanxess.

Ein Auslandssemester in Singapur bot mir dann erstmals die Möglichkeit, echte Praxiserfahrung in Sachen Chemieanlagenbau zu sammeln: Im Rahmen einer Gruppenarbeit konnte ich zusammen mit einigen Kommilitonen einen kleinen chemischen Betrieb planen und auslegen. Dazu gehörte unter anderem, für Rührkessel und Kolonnen die Geometrie, die richtige Temperatur und den Druck so festzulegen, dass die Reaktion optimal abläuft und das Produkt am Ende auch die gewünschten Eigenschaften aufweist. Das Entwickeln von Ideen, das Finden von Lösungen für kleine und große Problemstellungen sowie die rege Zusammenarbeit mit den Kommilitonen haben riesigen Spaß gemacht – und waren letztlich entscheidend für meinen Entschluss, später im Bereich Chemieanlagenbau arbeiten zu wollen. Heute ist mein Arbeitsplatz bei Lanxess am Standort Leverkusen. Unsere Abteilung „Site Engineering“ arbeitet eng mit allen Geschäftsbereichen des Spezialchemie-Konzerns zusammen und unterstützt bei der Erweiterung von Produktionsanlagen. Wir begleiten dabei den gesamten Prozess: von der Planung, Leitung und Koordination über die Umsetzung bis hin zur Inbetriebnahme. Gleich zu Anfang meiner Berufslaufbahn habe ich bei der Kapazitätserweiterung eines Produktionsbetriebs mitgearbeitet und konnte hier früh Verantwortung für einzelne Teilprojekte übernehmen. In meinem Arbeitsalltag ist vor allem ein regelmäßiger Austausch mit den Kollegen der unterschiedlichen Gewerke wichtig, zum Beispiel aus den Bereichen Rohrleitungsbau oder Verfahrensentwicklung. Ich erhalte in Projektbesprechungen Informationen über den aktuellen Stand des Projekts und koordiniere die weitere Planung und die nächsten Schritte. Wenn es um die Bestellung der richtigen Maschinen und Apparate für ein Projekt geht, bin ich das Bindeglied zwischen Betrieb und Lieferant. Ich stelle Anfragen bei den einzelnen Herstellern, überprüfe die Angebote auf technische Richtigkeit und stimme mich mit dem Betrieb ab, so dass eine spezifikationsgerechte Bestellung erfolgen kann. Während der Montagephase bin ich vor Ort in der chemischen Anlage und koordiniere den Montageverlauf. An meiner Tätigkeit gefällt mir besonders, dass ich sehr selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten kann. Durch die abwechslungsreichen Aufgaben ist jeder Arbeitstag anders. Das macht die Arbeit als Chemieingenieurin so spannend.

Job-Steckbrief Maschinenbauerin mit Schwerpunkt chemische Verfahrenstechnik

Voraussetzungen: Sehr guter Hochschulabschluss des Chemieingenieurwesens, der Verfahrenstechnik, des Maschinen- oder Anlagenbaus, erste praktische Erfahrungen (Praktika, Bachelor-/Masterarbeiten in der Industrie), erste internationale Erfahrungen (z. B. Auslandssemester oder Praktika) wünschenswert, Engagement, Teamfähigkeit, Eigeninitiative, hohes Maß an Verantwortungsbewusstsein, sehr gute Deutsch- und Englischkenntnisse Einstiegsmöglichkeiten: Forschung und Entwicklung, Projektmanagement, Betriebsbetreuung Informationen: Verband der Chemischen Industrie e. V.: www.vci.de Verband angestellter Akademiker und leitender Angestellter der chemischen Industrie e. V. (VAA – Führungskräfte Chemie): www.vaa.de

Interview mit Christoph Kübel

Als Geschäftsführer und Arbeitsdirektor von Bosch ist Christoph Kübel ein Experte für Ingenieurarbeitsplätze. Im Interview erklärt der 54-Jährige, wie Ingenieure heute arbeiten und welche Ansprüche ein Technikkonzern an seinen technischen Nachwuchs stellt. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Christoph Kübel, geboren 1959 in Stuttgart, ist seit Januar 2012 Geschäftsführer und Arbeitsdirektor der Robert Bosch GmbH. Er studierte Betriebswirtschaft an der Fachhochschule Pforzheim; das Diplomexamen legte er 1986 ab. Er begann seine Karriere als Teilnehmer des Bosch-Führungskräftenachwuchsprogramms JMP (Junior Managers Program) und ist im Laufe der Jahre vom Trainee bis zum Personalgeschäftsführer aufgestiegen. Christoph Kübel ist begeisterter Hobbyläufer und nutzt die Mittagszeit häufig für Joggingrunden mit anderen sportlich interessierten Kollegen.
Herr Kübel, wenn ein Bosch-Ingenieur, der vor zehn Jahren seine berufliche Laufbahn beendet hat, heute noch einmal den Konzern besuchen und seine jungen Kollegen beobachten würde, über welche Entwicklung würde er sich am meisten wundern? Er wird bei uns neben bekannten Produkten ganz neuartige Aufgabengebiete finden. Wir wollen alle unsere elektronischen Geräte internetfähig machen – sowohl im Bereich der Mobilitätslösungen und der Industrietechnik als auch in der Energie- und Gebäudetechnik und bei den Gebrauchsgütern. Bei Bosch geht es also um weit mehr als automatisiertes Fahren. Unsere Ingenieure arbeiten an Smart Homes, intelligenten Energiesystemen oder auch an der vernetzten Produktion. In Bezug auf die Arbeitskultur wird der Besucher erleben, dass die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben bei uns weiterhin einen hohen Stellenwert hat. Und er wird dabei unseren Wandel hin zu einer flexiblen Arbeitskultur beobachten. In unserem Unternehmen steht nicht mehr die Präsenz am Arbeitsplatz im Mittelpunkt, sondern das Ergebnis der Arbeit. Ingenieure in technischen Unternehmen werden heute zunehmend zu Alleskönnern. Man verlangt viel Fachwissen, dazu aber auch beinahe sämtliches Know-how eines Managers. Überfordert man Ingenieure damit? Bei uns stellt sich das etwas anders dar. Gerade die Vielfalt der Mitarbeiter und damit auch ihrer Persönlichkeiten ist unsere Stärke. Bosch lebt von seiner Innovationskraft. Wir haben vergangenes Jahr weltweit rund 5000 Patente angemeldet, also 20 pro Arbeitstag. Dafür brauchen wir unsere hochqualifizierten Mitarbeiter, wobei Fach- und Führungskräfte gleichermaßen wichtig sind. Damit jeder seine Fähigkeiten und Neigungen optimal einbringen kann, bieten wir daher Fach-, Führungs- und Projektkarrieren, zwischen denen ein Wechsel auch gefördert wird. Gibt es eine Fähigkeit, die in Bezug auf Ingenieure sehr selten genannt wird – die Sie aber als unverzichtbar erachten? Das Arbeiten in internationalen Teams über verschiedene Kulturgrenzen hinweg, gute kommunikative Fähigkeiten und eine ausgeprägte Kundenorientierung sind nach wie vor gefragt. Speziell im Bereich vernetzter Produkte ist darüber hinaus ein Zusammenspiel unterschiedlicher Fachrichtungen erforderlich, insbesondere bei der Software. Deshalb wird aus meiner Sicht ein domänenübergreifendes Studium immer unverzichtbarer. Der Maschinenbauingenieur muss künftig zum Beispiel Elektrotechnik sowie Informations- und Kommunikationstechnologien noch besser kennen sowie sich mit seinen Fachkollegen anderer Disziplinen verstehen können. Und das gilt umgekehrt natürlich auch. Sie haben die Vernetzung der Produkte angesprochen, das sogenannte Internet der Dinge in der Industrie 4.0. Dadurch wird die Berufswelt der Ingenieure deutlicher als früher von der IT bestimmt. Wenn die Maschinen alles selber können, wofür braucht man dann noch Ingenieure? Zunächst muss die Maschine ja entwickelt und gebaut werden. Dafür benötigen wir Ingenieure. Gerade in der Diskussion um Industrie 4.0 wird gern von der menschenleeren Fabrik gesprochen. Das ist aber eher eine Illusion. Der Mensch wird auch in der vernetzten Produktion den Takt angeben und wichtige Steuerungsaufgaben übernehmen. Gut ausgebildete und hochqualifizierte Fachkräfte werden daher weiterhin gebraucht. Die Generation Y stellt an den Arbeitgeber der Wahl viele Ansprüche. Leisten kann sie es sich, weil sie durch den Fachkräftemangel sehr begehrt ist. Wie fühlen Sie sich als Arbeitsdirektor in einer Arbeitswelt, in der Unternehmen sich vielfach bei Talenten bewerben müssen – und nicht mehr umgekehrt? Ich erlebe Bosch als attraktiven Arbeitgeber. Wir zählen allein in Deutschland jährlich mehr als 200.000 Online-Bewerbungen. In Arbeitgeberrankings erreichen wir regelmäßig Spitzenplätze. Deshalb spüren wir erfreulicherweise noch keinen pauschalen Fachkräftemangel. Aber wir wollen uns darauf nicht ausruhen. Deshalb entwickeln wir unsere flexible und familienbewusste Arbeitskultur stetig weiter. Das tun wir auch aus der Überzeugung heraus, dass unsere Mitarbeiter attraktive Arbeitsbedingungen brauchen, um ihre Fähigkeiten, Neigungen und ihr Know-how optimal ins Unternehmen einbringen zu können. Gleichzeitig unterstützen wir sie dabei, Beruf und Privates in verschiedenen Lebensphasen gut miteinander vereinbaren zu können. Davon profitieren beide Seiten. Dass wir damit bei Nachwuchskräften hoch im Kurs stehen, sehen wir als Bestätigung. In Ihrem internationalen Konzern sind die Teams global vernetzt. Worauf kommt es an, wenn man eine interkulturelle Sprache finden möchte, die einen konstruktiven Dialog in diesen Teams ermöglicht? Wir sind ein Unternehmen, das langfristig orientiert ist. Wir streben einerseits nach dauerhaftem wirtschaftlichen Erfolg und einer führenden Marktposition, bei allem was wir tun. Andererseits übernehmen wir auch gesellschaftliche Verantwortung. Diese Haltung und unsere werteorientierte Unternehmenskultur verbinden unsere Mitarbeiter. Gerade die hohe Integrationskraft unserer Kultur ist die Grundlage für die tägliche Zusammenarbeit unserer weltweit 281.000 Mitarbeiter. Eine weitere Herausforderung für einen Technikkonzern wie dem Ihren ist der demografische Wandel. Wie organisieren Sie im Unternehmen den Wissenstransfer von der erfahrenen auf die junge Generation? Die Zusammenarbeit in altersgemischten Teams ist Teil unserer weltweiten Diversity-Strategie und gehört zu unserem Arbeitsalltag. Wir schätzen und nutzen die Vielfalt an Denkweisen, Erfahrungen und Lebensentwürfen für den langfristigen Unternehmenserfolg. Das beginnt schon beim Berufseinstieg: Erfahrene Kollegen übernehmen etwa für die Zeit der Einarbeitung eine Patenschaft. Aber auch unsere pensionierten Mitarbeiter sind uns wichtig. Im Ruhestand sind viele Kollegen als Seniorexperten im Einsatz und unterstützen mit ihren Erfahrungen oftmals jüngere Mitarbeiter als Berater.

Zum Unternehmen

Die Bosch-Gruppe ist ein international tätiges Technologie- und Dienstleistungsunternehmen mit Sitz in Gerlingen bei Stuttgart. Das Geschäft basiert auf vier Unternehmens- und Geschäftsbereichen: Im Bereich Kraftfahrzeugtechnik ist der Konzern einer der weltweit größten Zulieferer für die Autoindustrie, zudem entwickelt und produziert der Konzern Gebrauchsgüter (Elektrowerkzeuge und Hausgeräte), bietet in der Industrietechnik Lösungen für Antriebs-, Steuerungs- und Verpackungstechnik sowie im Bereich Energie- und Gebäudetechnik Produkte und Lösungen auf den Gebieten Thermo- sowie Sicherheitstechnik. Derzeit sind bei Bosch weltweit rund 281.000 Mitarbeiter beschäftigt. 2013 investierte die Gruppe rund 4,5 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung und meldete rund 5000 Patente an – das sind durchschnittlich 20 Patente pro Tag.