Interview mit Dr. Stephan Pfisterer

Dr. Stephan Pfisterer, Foto: Bitkom
Dr. Stephan Pfisterer, Foto: Bitkom

Die digitale Transformation und die Möglichkeiten der Industrie 4.0 stärken die IT-Abteilungen in den Unternehmen. Dr. Stephan Pfisterer ist beim digitalen Branchenverband Bitkom für das Thema Arbeitsmarkt zuständig. Er macht deutlich, wie sehr die Digitalität in Zukunft Einfluss auf die Produktion nimmt – und was das für IT-Experten bedeutet. Die Fragen stellte André Boße

Herr Dr. Pfisterer, wie wird sich durch die d!conomy die Arbeitswelt in den technischen Unternehmen wandeln?
Schon heute ist die Produktionstechnik weitgehend digitalisiert. Was neu ist, ist der Grad der Vernetzung. Wenn Maschinen in Echtzeit miteinander kommunizieren, die Arbeits- und Einsatzplanung hochgradig flexibilisiert ist und der Übergang zur „intelligenten Produktion“ gelingt – also die Individualisierung der Fertigung nach Kundenwünschen sowie die Rückkopplung von Daten über den gesamten Fertigungsprozess und Lebenszyklus des Produkts hinweg – stellen sich völlig neue Anforderungen. Daten müssen sicher verarbeitet und verwaltet werden. ITSysteme müssen absolut zuverlässig und verfügbar sein. Das Internet wird damit zur prägenden Infrastruktur der Fertigungswirtschaft. Das Thema Sicherheit – insbesondere Datensicherheit – spielt eine überragende Rolle. Datenvolumen und die Zahl der Schnittstellen steigen rapide an, die Komplexität wächst. Gleichzeitig werden auch völlig neue Geschäftsmodelle möglich und notwendig. Der Übergang von der digitalen Steuerung einer einzelnen Maschine zur voll vernetzten Fertigung mit einem digitalen Lifecycle-Management des Produkts erfordert also eine neue strategische Ausrichtung der Unternehmen.

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Wie ändert sich das Verhältnis zwischen IT-Experten und Ingenieuren?
Gemeinsam mit externen Dienstleistern planen und strukturieren Ingenieure und Informatiker die Produktionsabläufe und setzen sie fertigungstechnisch um. Klare Definitionen von Schnittstellen, die Sicherstellung einer weitgehenden Skalierbarkeit und Adaptionsfähigkeit des Gesamtsystems erfordern von allen Beteiligten eine integrierte Sicht auf IT-Systeme und Produktionsanlagen. Zudem wird die Arbeitsorganisation mit Industrie 4.0 flexibler. Grundsätzlich ist es künftig möglich, Produktionsanlagen über sichere Internet-Verbindungen auch von zu Hause aus zu steuern oder auf Systemmeldungen durch Remote- Eingriffe zu reagieren.

Wird es bald die ersten menschenleeren Fabriken geben?
Das bleibt eine unrealistische Erwartung. Dem stehen auf absehbare Zeit praktische und rechtliche Hindernisse im Weg.

Wer wird in den Unternehmen die ITDienstleistungen übernehmen: externe Dienstleister oder größere interne IT-Abteilungen?
Beide Varianten werden in einem durch die jeweilige Unternehmensstrategie bestimmten Mischungsverhältnis stehen. Je mehr das Geschäftsmodell auf einen direkten Kundendialog abhebt, desto stärker werden eigene und sehr weitreichende IT-Kompetenzen erforderlich sein. Je stärker es um eine rein IT-technische Integration von bisher autonomen Produktionsschritten geht, können externe Dienstleister diese aufsetzen. Um eine komplexe Gesamtarchitektur überhaupt erst einmal zu etablieren und diese sicherheitstechnisch auszugestalten, werden in aller Regel externe Experten beauftragt.

Welches Know-how wird für Einsteiger immer wichtiger, um die IT mit der Produktion erfolgreich zusammenzuführen?
Nachwuchskräfte sollten grundsätzlich hervorragende Spezialkenntnisse in einer Domäne mitbringen – und offen sein für pragmatisch organisierte Weitebildungen in benachbarten Bereichen. So wichtig „Bindestrich-Fächer“ sind, ersetzen sie meist nicht die originären Spezialisten für Entwicklungszwecke. Sie sind vielmehr überall dort gefragt, wo verschiedene Welten konkret miteinander verbunden werden. Insofern: Nur einige Absolventen benötigen eine Hybrid-Qualifikation, aber ausnahmslos alle benötigen die Bereitschaft, sich in andere Fachgebiete einzuarbeiten.