Interview mit Dr. Alexander Vollert

Der Herr der Daten

Dr. Alexander Vollert, Foto: Allianz
Dr. Alexander Vollert, Foto: Allianz

Dr. Alexander Vollert ist im Vorstand von Allianz verantwortlich für eine der größten IT-Infrastrukturen Deutschlands: Er und sein Team organisieren die 45 Millionen Verträge des Versicherungskonzerns. Worauf es dabei ankommt und welche Eigenschaften er bei Einsteigern hoch schätzt, erklärt der 44-Jährige im Interview. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Dr. Alexander Vollert, geboren 1969 in Heilbronn, studierte Wirtschaftsingenieurwissenschaften an der Uni Karlsruhe, wo er 1999 auch seine Dissertation verfasste. Schon während der Promotionszeit arbeitete er als freier Unternehmensberater. 2000 stieg er dann als Berater bei McKinsey & Co. ein, einer seiner Schwerpunkte war das Versicherungswesen. 2006 stieg er in der Unternehmensberatung zum Partner auf. 2009 wechselte er schließlich zur Allianz, wo er zunächst die Betriebsorganisation leitete. Seit 2011 ist der 44-Jährige Mitglied des Vorstandes der Allianz Deutschland und verantwortet das Ressort Betriebsorganisation/IT.

Herr Dr. Vollert, wie groß ist die IT-Struktur, die Sie als Vorstand für Ihren Bereich verantworten?
Wir sprechen von 60.000 Computern, 1300 Servern und einem Datenvolumen von 20 Petabyte – das ist eine Zwei mit 16 Nullen. Wir haben circa eine Milliarde Dokumente im Archiv und beschäftigen in der Abteilung Betriebsorganisation und IT rund 1400 Mitarbeiter.

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Verfügen die diversen Bereiche der Allianz über jeweils eigene IT-Architekturen?
Nein, unsere Philosophie ist es, für alle Versicherungen die gleiche Prozessund Systemlogik anzuwenden. Von der Lebens- über die Kranken- bis zur klassischen Sachversicherung arbeiten alle Bereiche mit unserem „Allianz Business System“.

Wie lange hat es gedauert, eine solche große IT-Architektur aufzubauen?
Das ist durchaus kompliziert. Wir haben damit schon 2007 begonnen und sind mit unserer Reise noch immer nicht am Ende. Dabei haben wir unser System selber entwickelt. Es handelt sich also um keine Software von der Stange. Wir verwalten 45 Millionen Versicherungsverträge – ein solches System kann man nicht einfach irgendwo kaufen. Für IT-Spezialisten ist das natürlich spannend, weil sie bei uns wirklich etwas Eigenes gestalten können.

Wie organisiert man die Entwicklung eines so großen Systems?
Wir haben das Gesamtsystem zunächst auf sogenannte Features heruntergebrochen, das sind im Wesentlichen unsere Produkte wie zum Beispiel eine Renten- oder eine Hausratsversicherung. Diese Features haben diverse Komponenten wie das Verkaufs- und das Provisionssystem oder das Workflow- System, die dann zusammengreifen müssen. So entsteht eine sehr komplexe Matrix, an der sich das Gesamtsystem schließlich orientiert.

An welchen Stellen müssen mobile Lösungen in das System integriert werden?
Da ist zunächst der Kunde, der sich auf verschiedenen Portalen und Plattformen bewegt. Zweitens der Vertrieb: Wir vertreiben unsere Produkte über eigene Agenturen, aber auch andere Kanäle wie Maklerhäuser oder Banken – und auch diesen Partnern stellen wir unser System zur Verfügung. Die dritte Schnittstelle sind unsere Mitarbeiter, die sich beispielsweise auch von zu Hause aus ins System einloggen oder unser eigenes soziales Netzwerk nutzen. Gerade die jüngeren Mitarbeiter setzen auf diese Möglichkeiten – etwa, um sich innerhalb von Projektteams auszutauschen, deren Mitglieder manchmal weit verstreut sind.

Wie sorgen Sie dafür, dass dieses große IT-System auch sicher ist?
Alle unsere Rechenzentren liegen in Private Clouds, also nicht auf Servern in anderen Ländern mit anderen Datenschutzbestimmungen, sondern hinter unserer Firewall hier vor Ort an unserem Stammsitz in Unterföhring. Zudem teilen wir unsere Daten nach bestimmten Risikoclustern ein und schützen sie dementsprechend. Das lassen wir auch regelmäßig von externen Firmen überprüfen. Wichtig ist zudem, unsere Mitarbeiter für das Thema Sicherheit zu sensibilisieren und die IT-Security tief in unserem System zu verankern. Sprich: Jedes neue Teil des Systems muss von unserem Sicherheits-Officer abgenickt werden.

Sind daher Nachwuchskräfte im Bereich der IT-Sicherheit besonders gefragt?
Auch – aber nicht nur. Erheblichen Bedarf haben wir im gesamten Bereich der Portale sowie bei der Entwicklung mobiler App-Lösungen für unseren Vertrieb. Gute Chancen haben hier Leute, die fit in den mobilen Sprachen wie JAVA oder HTML5 sind, die aber auch verstehen, worauf es bei der Entwicklung mobiler Lösungen ankommt – und zwar sowohl im Design als auch in der Umsetzung.

Was sind weitere wichtige Eigenschaften, die man als IT-Nachwuchskraft mitbringen sollte?
Wir suchen keine Techniker, sondern Leute, die immer im Blick haben, wie die Nutzer ticken, was ihre Ansprüche sind und wo ihre Belastungsgrenzen liegen – wobei wir bei der Allianz immer von drei Nutzergruppen sprechen, nämlich dem Endkunden, dem Vertrieb und dem internen Sachbearbeiter. Häufig sitzen Praktiker aus dem Vertrieb oder aus der Sachbearbeitung mit in den Teams, damit die Lösungen später deren Bedürfnissen entsprechen. Generell gilt, das alle Lösungen heute leicht zu bedienen und nachvollziehbar sein müssen. Hinzu kommt der Anspruch, dass die Bedienung in gewisser Weise Spaß bereiten soll, sodass neben der Effektivität und Effizienz der Software auch spielerische Elemente eine Rolle spielen. Das sind alles Aspekte, die weit über das hinausgehen, was man früher in der Programmierung verlangte. Die jungen Leute können hier jedoch schnell punkten, weil sie ihre eigenen Erfahrungen als Kunden und Nutzer von interaktiven Portalen mitbringen und einfließen lassen.

Sie sprachen gerade schon über das, was früher anders war: Würde es Sie reizen, 40 Jahre zurück in die Zeit zu reisen, um sich anzuschauen, wie der Versicherungskonzern Allianz organisiert war, als die IT noch in den Kinderschuhen steckte?
Unser erster Arbeitsplatz mit Computer wurde schon vor mehr als 40 Jahren eingerichtet, so ganz steinzeitlich tickte das Unternehmen damals also nicht. Aber natürlich bewegen wir uns in einem sehr dynamischen Umfeld. Die Entwicklung von den Lochkarten der 1950er-Jahre über Mikrofiche und graue Desktop-Computer am Arbeitsplatz bis in das heutige Zeitalter der Clouds und Mobile Devices ist rasant. Das Entwicklungstempo ist extrem hoch – entsprechend groß muss die Änderungsbereitschaft unserer Mitarbeiter sein. Das Wissen, das sich ein Absolvent gerade eben an der Uni angeeignet hat, kann morgen schon wieder irrelevant sein. Entsprechend stark gefordert ist die Bereitschaft, sich durch permanentes Lernen weiterzuentwickeln. Und wenn ich die IT-Experten des Konzerns richtig einschätze, liegt für sie genau hier der Reiz ihres Berufes.

Sie haben nur elf Jahre benötigt, um es vom Einsteiger bei McKinsey in den Vorstand der Allianz zu schaffen. Wie haben Sie das so schnell hinbekommen?
Man sollte jeden Schritt nicht nur mit viel Energie und klarem Kopf gehen, sondern auch mit großer Leidenschaft. Nur dann hat man Spaß an der Weiterentwicklung – wobei ich mich den Veränderungen, die diese Branche bestimmen, nicht nur stelle, sondern sie sogar suche. Wissend, dass man mit jeder Änderung die Chance erhält, neues dazuzulernen.

Zum Unternehmen

Die Allianz Deutschland ist in der Schaden- und Unfallversicherung, der Lebensversicherung und der Krankenversicherung tätig. Der Versicherer hat in Deutschland rund 20 Millionen Kunden. Technisches Rückgrat des Konzerns ist das Ressort Betriebsorganisation/IT, in dem 1400 Mitarbeiter dafür sorgen, dass die Daten vom Privatkunden über den Vertrieb bis zum internen Sachbearbeiter sicher sind und effizient bearbeitet werden.