„Ich habe mein Ding durchgezogen“

Interview mit Bauunternehmerin Renate Dittgen

Foto: Brigitte Krauth
Foto: Brigitte Krauth

Mit gerade einmal 27 Jahren übernahm Renate Dittgen 1974 den elterlichen Betrieb. Sie musste sich gegen die männliche Belegschaft und Vorbehalte der Bank durchsetzen. Wie sie das geschafft hat, erzählt sie im karriereführer-Interview. Die Fragen stellte Sabine Olschner.

Zur Person

Renate Dittgen, Foto: Brigitte Krauth
Renate Dittgen, Foto: Brigitte Krauth

Renate Dittgen hat zunächst an der Uni Tübingen Biochemie studiert. Nach einem Semester wechselte sie zur Betriebswirtschaftslehre an die Universität Saarbrücken und machte 1971 ihren Abschluss als Diplom-Kaufmann. Anschließend arbeitete sie ein Jahr lang als Assistentin an zwei Lehrstühlen der Universität Saarbrücken. Nach einem schweren Unfall übernahm sie mit 27 Jahren das Unternehmen ihres Vaters, der in der Zwischenzeit erkrankt war und 1974 verstarb. Unter ihrer Leitung hat sich das mittelständische Unternehmen Dittgen mit seinen 200 Mitarbeitern zu einer der erfolgreichsten Baufirmen an der Saar entwickelt. Renate Dittgen wurde 2013 für ihr vorbildliches und ehrenamtliches Engagement sowie für die hervorragende Ausbildung und Lehre in ihrem Betrieb mit dem Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Frau Dittgen, hatten Sie schon immer geplant, das Familienunternehmen einmal von Ihrem Vater zu übernehmen?
Nein, ich wollte viel lieber eine Universitätslaufbahn einschlagen oder in einen Konzern einsteigen – mein Studium war auch viel mehr in diese Richtung ausgelegt. Auch mein Vater hatte mich niemals für die Übernahme seines Unternehmens vorgesehen. Aber ich war damals, als mein Vater plötzlich starb, die Einzige, die in etwa geeignet war, die Nachfolge anzutreten. Außerdem war ich nach einem schweren Unfall ohnehin in der Phase einer beruflichen Neuorientierung, sodass es passte, in den elterlichen Betrieb zu gehen. Aber unter anderen Umständen hätte ich das wohl kaum gemacht.

Wurde zu Hause viel über das Unternehmen gesprochen, sodass Sie wussten, was auf Sie zukommt?
Ich war schon immer nah dran an unserem Unternehmen, denn Wohn- und Geschäftshaus waren früher unter einem Dach untergebracht. Ich habe als Kind auf dem Bauhof gespielt und die Mitarbeiter gekannt. Mit meinem Vater bin ich immer auf die Baustellen mitgefahren. Und auch in der Familie war das Geschäft immer Tagesgespräch. Ich bin sozusagen mit der Firma groß geworden.

Und wie war das dann, als Sie tatsächlich Chefin wurden? Haben die Mitarbeiter Sie als junge Frau akzeptiert?
Ich hatte gar nicht so auf dem Schirm, dass ich als Frau in eine Männerdomäne eingestiegen bin. Ich hatte genug damit zu tun, dafür zu sorgen, dass die Firma überlebt. Unserem Unternehmen ging es damals nicht gut, und die Bank hatte mir alle Kredite gekündigt. Weil ich eine Frau war, wollte sie zusätzliche Sicherheiten von mir haben. Zum Glück habe ich dann eine andere Bank gefunden, die uns geholfen hat. Ein weiteres Problem war: Die Mitarbeiter – alles Männer – waren alle gegen mich. Nur einer von ihnen stand auf meiner Seite, und zusammen haben wir das durchgezogen. Wir haben uns von den Rädelsführern getrennt und nach und nach Facharbeiter eingesetzt, die unsere Firma unterstützten.

Wie haben Sie es geschafft, sich trotz all dieser Widrigkeiten als Frau im Unternehmen durchzusetzen?
Ich habe einfach mein Ding durchgezogen, hatte damals auch einen sehr autoritären Führungsstil – heute ist mein Führungsstil eher zielorientiert. Mein Überlebensdrang und der Wille, alles in der Firma zu ordnen, haben mir auf dem Weg geholfen. Gottseidank habe ich es nach ein paar Jahren geschafft, den Betrieb aus dem Sumpf herauszuholen.

Befinden sich mittlerweile auch Frauen in Ihrer Belegschaft?
Im gewerblichen Bereich haben wir nach wie vor nur Männer – obwohl wir eine Initiative gestartet haben, auch Frauen den Beruf schmackhaft zu machen. Leider ist das fehlgeschlagen: Junge Mädchen sind nicht an den Berufen Straßenbauer oder Baugeräteführer interessiert. Das ist nach wie vor schwierig. In der Verwaltung arbeiten einige Frauen, im mittleren Management sind eine Einkäuferin und eine Disponentin tätig. Auch eine Bauingenieurin hatten wir schon, die uns aber leider wieder verlassen hat, weil sie sich von den Männern gemobbt fühlte.

Was glauben Sie, warum sich so wenige Frauen für den Einstieg in die Baubranche entscheiden?
Die Zahl der Studentinnen im Bauingenieurwesen ist ja gar nicht mal gering. Aber viele von ihnen gehen dann eher in den Bereich Statik und in Ingenieurbüros, weniger in den Tief- und Straßenbau. Auch unter den Bauzeichnern befinden sich überwiegend Frauen. Aktuell machen jedoch zwei Studentinnen aus dem Bauingenieurwesen bei uns ihr Praktikum – vielleicht können wir die halten.

Was müsste denn die Branche tun, um attraktiver zu werden und noch mehr Frauen anzuziehen?
Da muss sich noch einiges in den Köpfen der Männer ändern. Vor allem in ländlichen Regionen, wie bei uns im Saarland, gibt es noch viele Vorbehalte gegenüber Frauen in der Baubranche. In größeren Städten mag das schon anders sein. Ich selber finde gemischte Teams gut, weil die Stimmung im Unternehmen durch Frauen ganz anders wird.

Würden Sie nach all den Jahren im Unternehmen noch einmal den gleichen Weg gehen?
Im Grunde war mir dieser Job auf den Leib geschneidert, ich habe mich hier immer wohlgefühlt. Ich bin gern mit Leuten zusammen, beeinflusse gern die Dinge und bin kreativ. Deshalb mache ich die Arbeit ja immer noch, obwohl ich schon 67 bin. Als meinen Nachfolger wünsche ich mir die beste Besetzung – egal, ob es ein Mann oder eine Frau ist.

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