„Das Klimabewusstsein der Generation, die jetzt ins Berufsleben startet, ist enorm groß.“

Foto: AdobeStock/lim_pix; knippershelbig
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Jana Nowak ist Tragwerksplanerin und Head of Sustainable Structures beim Ingenieurbüro knippershelbig. Im Interview erklärt sie, welchen Beitrag Bauingenieur*innen auf dem Weg zu klimaneutralem Bauen leisten können. Die Fragen stellte Christoph Berger

Wie schätzen Sie die Anstrengungen der Baubranche derzeit in Bezug auf Klimaschutz und klimaneutrales Bauen ein?
In den letzten zwei Jahren ist das Bewusstsein stark angestiegen, dass die Branche für einen Großteil der Treibhausgasemissionen verantwortlich ist und wir deshalb auch einen großen Hebelarm im Kampf gegen den Klimawandel haben. Doch leider sind die tatsächlichen Veränderungen noch viel zu gering. Emissionen werden oft nur dort eingespart, wo durch eine gute Ökobilanz eine bestimmte Zertifizierung wie DGNB oder LEED erreicht werden kann oder die ESG-Kriterien eingehalten werden. Leider geht es dabei oft um Greenwashing, um ein Projekt damit zu bewerben oder in einen nachhaltigen Immobilienfonds zu packen.

Welchen Beitrag können Bauingenieure*innen leisten, um hier eine Absenkung, vor allem im Bereich der grauen Energie, zu erzielen?
Als Tragwerksplanerin bin ich für die Planung der tragenden Struktur verantwortlich – und die macht bei Gebäuden etwa die Hälfte der grauen Emissionen aus. In erster Linie kann das Senken der grauen Emissionen durch eine Reduzierung des Baumaterials erreicht werden. Dafür muss hinsichtlich des Ausnutzungsgrads von Bauteilen effizient geplant werden. Zudem geht es um die Nutzung emissionsarmer Materialien, also um Baustoffe, die regional verfügbar sind und damit kurze Transportwege haben, es geht um organische nachwachsende Materialien und Re-Use-Materialien. Außerdem müssen wir Bauingenieur*innen uns mit den anderen Planungsbeteiligten, mit Architekt*innen oder Bauherr*innen, abstimmen. Das erfordert Kompromissbereitschaft. Doch das Ziel ist nicht nur, graue Emissionen zu reduzieren. Als Bauingenieur*in hat man zusätzlich großen Einfluss auf die Kreislauffähigkeit der gebauten Welt.

„Wir machen uns Gedanken darüber, welche Auswirkungen unsere Bauwerke auf die Gesellschaft und das Klima haben. Daher haben wir ein Interesse daran, ganzheitlich nachhaltig zu bauen.“

Gibt es alternative Baustoffe, die nach dem Stand der Technik emissionsfreies Bauen möglich machen?
Ganz emissionsfrei geht es Stand heute leider noch nicht. Solange der Strommix nicht vollständig dekarbonisiert ist, werden Herstellungsprozesse immer zu Emissionen führen. Und auch der Transport der Baumaterialien wird noch lange nicht emissionsfrei passieren. Aber Baumaterialien wie Holz oder Lehm haben im Vergleich zu Beton, Stahl und Kalksandstein keine prozessbedingten Emissionen, also Emissionen, die aus chemischen Reaktionen in der Herstellung entstehen. Bis weitere alternative Baustoffe entwickelt und genormt einsetzbar sind, ist der nachhaltigste Weg häufig eine Hybridlösung: Der Einsatz emissionsarmer Materialien wo möglich in Kombination mit emissionsintensiveren Materialien nur dort, wo nötig. Und dies alles am besten demontierbar.

Sehen Sie einen Unterschied in der Einstellung von jungen Bauingenieur*innen zum Thema gegenüber den „Etablierten“?
Ja. Das Klimabewusstsein der Generation, die jetzt ins Berufsleben startet, ist enorm groß. Gleichzeitig gibt es den Wunsch, Selbstwirksamkeit im Job zu erfahren und etwas Sinnvolles mit der täglichen Arbeit zu leisten. Das macht den Unterschied, denn daraus entwickeln wir eine Haltung zu dem, was wir planen und bauen. Wir machen uns Gedanken darüber, welche Auswirkungen unsere Bauwerke auf die Gesellschaft und das Klima haben. Daher haben wir ein Interesse daran, ganzheitlich nachhaltig zu bauen. Diese Haltung erkenne ich bei den Bauingenieur*innen meiner Generation. Und da bin ich sehr froh darüber, denn das Erreichen von Klimaneutralität für die gesamte Gesellschaft hängt wesentlich davon ab, wie wir Bauingenieur*innen unseren Job machen!