Interview mit Dr. Till Bastian

Der Seelenkenner

Till Bastian, Foto: Bastian
Till Bastian, Foto: Bastian

Dr. Till Bastian ist Mediziner, Psychotherapeut, Schriftsteller – und Kenner der menschlichen Seele. Während sich viele Menschen penibel um den Körper kümmern, nimmt man das Wohl und Wehe der Seele oft gar nicht wahr – und wenn, dann erst, sobald etwas aus dem Ruder läuft. Ein Gespräch über Dinge, die der Seele guttun und ihr gefährlich werden. Die Fragen stellte André Boße.

Zur Person

Dr. Till Bastian, geboren 1949 in München, studierte in Mainz Medizin und promovierte 1979. Er engagierte sich in der Organisation „Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges“ und erarbeitete Studien über den Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und Kriegsgefahr. Nach dem Freitod seines Vaters, des Grünen-Politikers Gert Bastian, und dessen Lebensgefährtin Petra Kelly schrieb er das Buch „Die Finsternis der Herzen“. Es folgten weitere Bücher mit psychologischen Themen, darunter zuletzt „Seelenleben: Eine Bedienungsanleitung für unsere Psyche“ sowie „Die Seele als System: Wie wir wurden, was wir sind“. Zudem ist er Autor von historisch-medizinischen Sachbüchern und Kriminalromanen. Till Bastian lebt und arbeitet im Allgäu als Arzt und Psychotherapeut in der Fachklinik Wollmarshöhe.

Herr Dr. Bastian, als wir uns vor einer Woche für das Interview verabredeten, mussten Sie sich in Ihrer Klinik um einen Notfall kümmern und sprachen von einem sehr stressigen Tag. An welchen Symptomen erkennen Sie, wenn Sie seelisch erschöpft sind?
Ich spüre, dass ich unkonzentriert werde. Fahrig, nervös, unruhig. Mein Gedächtnis leidet. An körperlichen Symptomen merke ich, dass mein Muskeltonus höher ist, ich also angespannt und verkrampft bin. Dann tut mir nach längerem Sitzen das Kreuz weh. Körper und Seele senden also recht viele Anzeichen, wenn etwas aus dem Ruder läuft.

Klingt, als bildeten Körper und Seele ein gutes Team: Der Körper übersetzt die Not der Seele in physische Symptome, richtig?
Bei Angst und Dauerstress spannen sich eben auch die Muskeln an. Je nach körperlicher Geometrie des Betroffenen führt das zu Rückenschmerzen an der Hals- oder Lendenwirbelsäule oder auch zu Kopfschmerzen. Andere knirschen beim Schlafen mit den Zähnen.

Was ist Ihre Strategie, um sich nach einem Tag voller Stress und Anspannung wieder wohlzufühlen?
Es ist wichtig, sich Pausen für die Regeneration zu gönnen. Diese Pausen sollten bei mir als 64-Jährigem länger dauern als bei jüngeren Menschen. Ganz einfach, weil nicht nur ein älterer Körper mehr Erholungszeit benötigt, sondern auch eine ältere Seele. Für jung und alt gilt: Man muss für diese Pausen etwas finden, das einem die innere Stimmigkeit bietet. Bei dem ich sicher sein kann: Das passt zu mir. Die reine Abschirmung vor Reizen ist daher in der Regel nicht genug. Zwar ist es gut, sich an einem Ort zu erholen, an dem nicht fortlaufend das Telefon klingelt. Aber eine Ruhezeit alleine reicht nicht aus. Man sollte eine Tätigkeit finden, die die Erholung fördert.

Was für eine Aktivität ist das bei Ihnen?
Die Musik. Leider nicht aktiv – das wäre noch besser. Aber auch das Hören hilft, wie Untersuchungen feststellen.

Welche Stücke dienen denn erwiesenermaßen der Erholung?
Zum Beispiel Barockmusik mit dem Generalbass und der darüber aufbauenden, variierenden Melodie.

Wie wirkt die Musik? Was genau entspannt den Hörer?
Der Rhythmus der Musik überträgt sich auf den Körper, die Melodien sorgen dafür, dass sich ein Zustand der inneren Harmonie einstellt. Darauf reagiert dann das Gehirn und schüttet die Endorphine aus, auch Glückshormone genannt. Wobei das nur funktioniert, wenn man die Musik mag. Findet man sie grausam, führt das Hören zu Hochstress – wie zum Beispiel der Film „Uhrwerk Orange“ zeigt. Und wie erwähnt schüttet das Gehirn sogar noch mehr Glücksstoffe aus, wenn man aktiv in einer Gruppe musiziert.

Sprich: Bands gründen hilft!
Genau. Oder auch im Chor singen. Das gemeinsame Singen und Musizieren ist eine uralte kulturelle Erfahrung. Das älteste bislang entdeckte Instrument hat man hier in der Nähe meiner Klinik auf der Schwäbischen Alb gefunden, eine 35.000 Jahre alte Flöte. Also schon in den Höhlen der Steinzeit haben die Menschen gemeinsam Musik gemacht und wohl auch miteinander getanzt und gesungen. Wir modernen Menschen sind schlecht beraten, wenn wir diese uralten Kulturtraditionen nicht nutzen.

Etwas weiter gedacht: Kann es auch entspannen, sich tanzend eine Nacht um die Ohren zu schlagen?
Durchaus, wobei ich das tatsächlich eher den jüngeren Menschen raten würde, weil dann die Regenerationszeit kürzer ist.

Hier kommen wir zu einem heiklen Punkt: Junge Menschen wissen, dass ihr Körper und auch ihre Seele mehr aushalten. Das führt jedoch bei manchen dazu, dass sie denken, psychologische Beratung dürfe für sie noch kein Thema sein. Ein Fehlgedanke?
Ja. Wenn ein junger Mensch bei sich selber bedenkliche Symptome feststellt, sollte er keinen falschen jugendlichen Stolz haben.

Was sind solche Symptome?
Es gibt eine Vielzahl. Das geht von veränderten Essgewohnheiten über eine überhöhte Risikobereitschaft bis hin zu Lustlosigkeit sowie ersten Anzeichen eines depressiven Rückzugs.

Welche Symptome beobachten Sie heute häufiger als noch vor einigen Jahren?
Sorgen macht mir das Symptom des sozialen Rückzugs bei jungen Menschen. Ich meine damit vor allem Leute, die mit einem veränderten Tag- Nacht-Rhythmus nur noch zu Hause vor dem Computer hängen und das Haus kaum noch verlassen. Wir sprechen hier vom Syndrom der Sozialen Stagnation: Kontakt gibt es nur noch zur Maschine, nicht mehr mit lebendigen Mitmenschen.

Sehen Sie daher Jobprofile oder auch Studiumsmöglichkeiten kritisch, die über Home Office organisiert werden und mitunter nächtliche Konferenzen mit Kollegen von anderen Kontinenten beinhalten?
Das ist durchaus ein zweischneidiges Schwert. Es gibt Menschen, die daheim wesentlich erbarmungsloser mit sich umgehen als in einem Büro oder Seminar. Es fehlt die soziale Kontrolle, die zum Beispiel dafür sorgt, dass es ein Mindestmaß an Pausen und Auszeiten gibt. In Japan gibt es sogar bereits eine Bezeichnung für Menschen, die monatelang das Haus nicht mehr verlassen haben, die Hikikomori. Davon gibt es in Japan sehr viele, doch als die BBC vor einigen Jahren eine Dokumentation über dieses Syndrom ausstrahlte, meldeten sich beim Sender sehr viele Menschen, die sagten: Glaubt nur nicht, dass es sich hier um ein rein japanisches Problem handelt.

Können Sie kurz beschreiben, warum die menschliche Seele nicht dafür gemacht ist, einsam zu leben? Warum sie den Kontakt zu anderen Menschen benötigt?
Wir sind ganz offensichtlich als Rudeltiere konzipiert. Man muss bedenken, dass die Steinzeit 99 Prozent der menschlichen Geschichte ausmacht – und diese Zeit haben wir in kleineren, aber intensiv miteinander zusammenlebenden und kooperierenden Gruppen verbracht. Das hat uns geprägt, und das ist aus uns Menschen nicht herauszubekommen. Nehmen Sie neuere Trends wie den Boom von großen Open-Air-Festivals oder das Public Viewing während eines großen Fußballturniers. Es gibt offensichtlich bei emotional aufwühlenden Ereignissen ein Bedürfnis nach Gruppenerlebnissen – sonst würde man ja zu Hause schauen, bei besserem Bild, saubereren Toiletten und einem gefüllten Kühlschrank.

Können Sie beschreiben, warum uns Begegnungen so guttun?
Unser Gehirn ist so gepolt, dass es bei jeder Begegnung zunächst einmal eine Chance wahrnimmt. Man spricht hier von einem Möglichkeitsvorrat, der sich aus positiven Erinnerungen speist. Das funktioniert auch bei einer Tasse: Stellen Sie mir eine solche auf den Tisch, reagiert mein Gehirn, indem es prüft, auf welche Weise ich diese Tasse ergreifen kann. Bei menschlichen Begegnungen kommt dann noch die Empathie ins Spiel: Unsere Spiegelneuronen erzeugen ein Gefühl, wie es dem anderen gehen mag, sodass wir uns in das Gegenüber hineinversetzen können.

Klingt, als sei das Seelenleben eine sehr bunte und vielfältige Angelegenheit.
Unbedingt. Deshalb ist es gefährlich, wenn man es verkümmern lässt, zum Beispiel, weil man sich nur noch an einigen wenigen Funktionen orientiert. Unser natürliches Seelenleben, wie es sich in den Tausenden Jahren der Evolution gebildet hat, ist auf die mögliche Vielfalt konzipiert. Wir bewegen uns immer in mehreren Welten zugleich. Da hat der Schriftsteller Robert Musil schon Recht gehabt, als er im „Mann ohne Eigenschaften“ vom „Möglichkeitssinn“ sprach, der im Gegensatz zum Realitätssinn fragt, ob es eben nicht auch anders sein könnte. Jedoch ist es möglich, diese seelische Vielfalt abzutrainieren. Zum Beispiel in Jobs, bei denen man nur auf eine wichtige Funktion schaut. Aus der Landwirtschaft und Tierhaltung weiß man jedoch, dass jede Monokultur, die alles auf eine Karte setzt, schädlich ist. Das gilt auch für die menschliche Psyche.

Heißt für Studenten vor den entscheidenden Prüfungen und Einsteiger ins Berufsleben: Das Examen oder das erste Projekt darf nicht alles sein.
Genau. Es hilft, beim alten Goethe zu lernen. Der hat als junger Mensch lange gebraucht, bis er entschieden hatte, ob er nun Maler oder Jurist, Dichter oder Steinsammler werden solle.

Heute würde man sagen: Da weiß einer nicht, was er will.
Dafür hat er eine seelische Vielfalt gelebt, die ihn letztlich zu einem Universalgelehrten werden ließ. Man kann daher jungen Menschen raten, sich nicht alleine auf ein Projekt im Leben zu fokussieren – und sei es ein vermeintlich noch so wichtiges wie die Abschlussklausur, ein Bewerbungsgespräch oder den Einstieg in den Job. Das ist nicht nur gefährlich, wenn die Sache schief geht. So ein Verhalten tut auch unserer Seele nicht gut.

Untersuchungen zeigen, dass die Menschen mehr denn je für ihre körperliche Fitness tun – gerade auch die jüngere Generation. Warum eigentlich hören wir jedoch in seelischen Fragen vergleichsweise selten auf unsere innere Stimme?
Das hat damit zu tun, dass der moderne Mensch zu einem hohen Teil von außen geleitet wird. Anstatt zu schauen, was uns guttut, schauen wir darauf, was die anderen machen. Dabei geht es nicht nur um Aktivitäten, sondern auch um Werte. Wir glauben, selbst in Angelegenheiten der Freizeit mithalten zu müssen. Einen noch spannenderen Urlaub zu verbringen. Noch mehr Sport zu treiben. Dieses ständige Vergleichen entspricht nicht unserer Natur, weil wir Menschen auf Gemeinschaftsgefühl und Solidarität gepolt sind. Anders hätten wir die Steinzeit nicht überlebt. Aber auch hier hat die Moderne die evolutionären Voraussetzungen des Seelenlebens umgekehrt.

Das moderne Leben tut uns also nicht gut?
Das kann man zusammengefasst so sagen. Es empfiehlt sich daher, tatsächlich immer wieder auf unser Steinzeiterbe zurückzublicken und zu fragen: Was zeichnet uns als Menschen aus? Wir sollten uns nicht zu sehr als Gefangene der Moderne betrachten. Schließlich gibt es die Kommunikationsgesellschaft von heute gerade mal 50 Jahre, die Industriegesellschaft rund 300 Jahre. Das sind im Vergleich zur Menschheitsgeschichte nur Sekundenbruchteile. Daher sollten wir in der Lage sein, unser über viele Tausend Jahre erprobtes Seelenleben vor den Einflüssen dieser kurzen Episoden zu schützen.

Buchtipp

Um in unserer schnelllebigen, technisierten Gegenwart nicht den Halt zu verlieren, rät der Autor zu einem „seelischen Partisanentum“.
Till Bastian: Die seelenlose Gesellschaft – Wie unser Ich verloren geht.
Verlag Kösel 2012. ISBN 978-3466309252. 17,99 Euro