Der Oberhändler Alexander von Preen im Interview

Alexander von Preen, Foto: INTERSPORT
Alexander von Preen, Foto: INTERSPORT

Als CEO von Intersport Deutschland hat Dr. Alexander von Preen das Sport-Handelsunternehmen auf einen erfolgreichen Omni-Channel-Weg geführt. Im November 2022 ist er darüber hinaus zum Präsidenten des Handelsverbandes Deutschland (HDE) gewählt worden. Die Zukunft des Handels? Sieht er auch im digitalen Raum – aber nicht nur. Er sagt, die City stehe für die Zukunft und der Handel müsse mit dem Leben der Menschen verankert sein. Was zu tun ist, damit der Handel diese Versprechen einhält – auch darum geht es im Gespräch. Das Interview führte André Boße.

Zur Person

Als CEO von Intersport Deutschland verantwortet Dr. Alexander von Preen die Bereiche der Unternehmensstrategie und

-kommunikation, Human Resources sowie das Business Partnering des Sportartikelhändlers. Der promovierte Forstwissenschaftler war mehr als 20 Jahre für die internationale Managementberatung Kienbaum Consultants tätig, zuletzt als Geschäftsführer und Equity Partner.

Dabei betreute er zahlreiche Unternehmen im Handelsumfeld zu ausgewählten Themen der Corporate Governance sowie zur strategischen und operativen Unternehmensführung und Change. 2022 wählte ihn der Handelsverband Deutschland (HDE) zum neuen Präsidenten, als Nachfolger von Josef Sanktjohanser, der das Amt 16 Jahre lang ausfüllte.

Herr Dr. von Preen, die Digitalisierung hat den Handel verändert und verändert ihn weiter. Wie beurteilen Sie den Status quo der digitalen Transformation?
Die Digitalisierung ist im Einzelhandel längst angekommen. Vor allem in Zeiten pandemiebedingt vorübergehend geschlossener Ladentüren haben viele Händlerinnen und Händler alternative, digitale Kanäle genutzt, um den Kontakt zu ihrer Kundschaft zu halten. Das hat der Digitalisierung in der Branche einen weiteren Schub verliehen und das Bewusstsein für die Bedeutung innovativer Technologien für das eigene Unternehmen geschärft. Denn eine zusätzliche Online-Präsenz, die Digitalisierung von Geschäftsprozessen oder auch die Einbindung digitaler Tools in den Point of Sale bedeuten einen echten Mehrwert für Handelsunternehmen. Die Digitalisierung kann die Kundenkommunikation auf ein neues Niveau heben und Unternehmensabläufe optimieren.

Wo liegen die Herausforderungen bei der Umsetzung dieser sinnvollen Digitalstrategie?
Händlerinnen und Händlern steht oftmals eine finanzielle Hürde im Weg. Viele Unternehmen sind krisenbedingt angeschlagen, haben ihre Rücklagen in die Unternehmen zur Krisenbewältigung investiert und können die Kosten für eine umfassende Digitalisierung
nicht allein stemmen. Daher ist die Branche auf politische Unterstützung zur Zukunftsgestaltung angewiesen, um sich erfolgreich für ein nachhaltiges Wachstum aufstellen zu können.

Mit Blick auf die Innenstädte: Wie groß ist die Bedeutung der Citys noch für den Handel? Sind sie weiterhin im wahrsten Sinne des Wortes das „Zentrum“ oder nur noch ein Standbein von vielen?
Die Innenstadt ist die Zukunft. Unsere Stadtzentren stehen zwar vor großen Herausforderungen. Sie abzuschreiben, wäre aber vollkommen falsch. Attraktive und  lebendige Innenstädte ziehen die Menschen an und sind als Treffpunkt von gesellschaftlicher Bedeutung.

Gleichzeitig sind sie Handelsstandorte, die ein persönliches Einkaufserlebnis erst möglich machen. Produkte vor Ort anzuprobieren und anfassen zu können, sich im persönlichen Gespräch beraten zu lassen oder ganz einfach zu stöbern, ist eine nicht ersetzbare Einkaufserfahrung. Vielmehr geht es darum, die stationären und digitalen Angebote des Handels verschmelzen zu lassen und das Beste aus beiden Welten zusammenzuführen. Die Zukunft muss kanalübergreifend gedacht werden. Und hierbei ist die Innenstadt ein entscheidendes Standbein.

Was können Innenstädte tun, um für die Kunden attraktiver zu sein?
Attraktive Innenstädte sind Orte mit hoher Aufenthaltsqualität. Um sie zu gestalten, müssen alle innerstädtischen Akteure an einem Strang ziehen und zukunftsfähige Konzepte entwickeln. Zu berücksichtigen sind Elemente wie Grün- und Wasserflächen, die richtige Mischung aus Handel, Gastronomie, Kultur und Verwaltung sowie die Verkehrsplanung. Ein Patentrezept gibt es nicht. Doch es gibt viele Städte, die schon heute mit tollen Projekten und Aktionen vorangehen. Nicht vergessen dürfen wir, dass der Klimawandel unsere Innenstädte vor eine zusätzliche Herausforderung stellt. Städte müssen sich an die veränderten klimatischen Bedingungen anpassen – und der Handel mit ihnen.

Attraktive Innenstädte sind Orte mit hoher Aufenthaltsqualität. Um sie zu gestalten, müssen alle innerstädtischen Akteure an einem Strang ziehen und zukunftsfähige
Konzepte entwickeln.

Wie sehen Sie den Handel in Deutschland aufgestellt, wenn es darum geht, Maßnahmen für mehr Klimaschutz zu ergreifen?
Dem Handel kommt an der Schnittstelle zu den Verbraucherinnen und Verbrauchern auch im Klimaschutz eine besondere Rolle zu. Dieser Verantwortung sind sich die Handelsunternehmen bewusst. Nachhaltigkeit in den Sortimenten und in den Lieferketten wird immer wichtiger, Gleiches gilt für die Energieeffizienz des eigenen Unternehmens. Daher leisten Händlerinnen und Händler schon heute einen bedeutenden Beitrag zum Ausbau von Photovoltaik und E-Ladeinfrastruktur in Deutschland. Da ist der Handel auf einem guten Weg.

Sie haben einmal gesagt, der Handel müsse „im Leben verankert“ sein. Was meinen Sie konkret mit diesem Bild?
Der Einzelhandel ist ein Ort der Begegnung, der nicht aus dem Alltag der Menschen wegzudenken ist. Als Versorger, Arbeitgeber und Treffpunkt ist der Handel fester Teil der Gemeinschaft vor Ort. Ihm kommt eine gesellschaftliche Rolle zu. Geschäfte sind Anziehungspunkte, die Städte und Regionen beleben. Zudem unterstützen Händlerinnen und Händler örtliche Veranstaltungen und fördern Vereine. Sie prägen das Miteinander und verbinden Menschen.

Wenn ein Betrieb seine Türen für immer schließt, verliert eine Stadt daher nicht einfach ein Geschäft. Jede Geschäftsaufgabe hinterlässt eine Lücke in der Gesellschaft. Da geht ein Stück Heimat verloren. Umso wichtiger ist es, sich für einen starken, vitalen und vor Ort verankerten Handel einzusetzen.

Für erfolgreiche Veränderungsprozesse muss man Überzeugungsarbeit leisten, zuhören können und als Vorbild vorneweg gehen.

Der Handel ist schon immer von Veränderungen geprägt worden, Sie sind damit ein Experte für den Wandel? Intersport ist eine erfolgreiche Transformation in Richtung E-Commerce gelungen. Wie begeistert man Menschen für Veränderungen?
Für erfolgreiche Veränderungsprozesse muss man Überzeugungsarbeit leisten, zuhören können und als Vorbild vorneweg gehen. Wichtig ist, den Mehrwert einer Veränderung greifbar zu machen. Wenn jeder Einzelne seine Rolle im Prozess kennt, sich dieser Aufgabe aus Überzeugung annimmt und sich mit dem Vorhaben identifiziert, lässt sich das Ziel der Veränderung gemeinsam erreichen. Doch es kommt auch darauf an, zuzuhören.

Um alle Beteiligten an Bord zu holen, braucht es einen engen und persönlichen Austausch. Hier geht es vor allem darum, sich mögliche Bedenken anzuhören, diese auszuräumen oder die Anregungen im Veränderungsprozess zu berücksichtigen. Alle Akteure sollten sich einbringen können. Dadurch wächst meist die Begeisterung für Veränderungen. Bei der Transformation von Intersport Deutschland habe ich erlebt, wie wichtig das persönliche Vorleben und auch das Vertrauen des Führungsteams sind. Wenn alle an einem Strang ziehen und klare Ziele gemeinsam verfolgen, gelingt auch scheinbar sehr Herausforderndes.

In welchen Momenten merken Sie immer wieder: „Ja, der Handel ist genau die richtige Branche für mich“?
Das sind viele Momente und vor allem die persönlichen Begegnungen mit unseren Händlerinnen und Händlern in ganz Deutschland und mit meinem Team in Heilbronn. In jedem Austausch mit unseren Händlerinnen und Händlern erlebe ich, welche Leidenschaft sie für Sport und unsere Produkte mitbringen. Der gemeinsame Spirit, aus Liebe zum Sport, Menschen zu einem besseren Leben zu verhelfen, eint uns. Das ist eine große Triebfeder – es ist unser Purpose.

Angenommen, Sie hätten die Möglichkeit, für eine Gruppe junger Absolvent*innen, die sich für einen Einstieg im Handel interessieren, ein Tagesprogramm zu organisieren, um einen Tag lang möglichst viel über den Handel zu lernen. Was würden Sie mit der Gruppe unternehmen?
Mein Ziel wäre es, den Absolventinnen und Absolventen im Laufe des Tages die gesamte Vielfalt und Breite des Einzelhandels zu zeigen. Der Tag wäre ein abwechslungsreicher, der uns durch Warenlager, Büros in Unternehmenszentralen sowie insbesondere auf die Verkaufsfläche führen würde, um den wertvollen Kontakt zu unseren Kunden erleben zu können, und natürlich in die Innenstadt. So erhalten die jungen Menschen einen Einblick in die vielen Facetten des Einzelhandels. Als Ausklang am Abend gäbe es ein Treffen mit Führungskräften, die ihre Karriere mit einer Ausbildung im Einzelhandel begonnen haben.

„Unsere Stadtimpulse“

Wie bleiben Innenstädte attraktiv, auch gegen den Konkurrenten Internet und durch den Klimawandel immer heißere Temperaturen? Und können sie selbst zu mehr Klimaschutz beitragen, zum Beispiel, indem sie die Mobilitätswände fördern? In vielen deutschen Städten entstehen gute Ideen – damit sich andere von diesen inspirieren lassen können, hat der HDE gemeinsam mit dem Deutschen Städte- und Gemeindebund und dem Deutschen Städtetag den Best-Practice-Datenpool „Stadtimpulse“ ins Leben gerufen. Unter unsere-stadtimpulse.de sind gelungene Beispiele für innerstädtische Projekte online abrufbar, die zeigen, wie es gehen kann.