Beratung wird agil

Foto: Fotolia/ilyaf
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Etabliertes Wissen, erprobtes Konzept – früher konnten Consultants damit für sich werben, heute wirkt das furchtbar altbacken. Worauf es in einem Projekt wirklich ankommt, zeigt sich heute häufig erst dann, wenn man mittendrin steckt. Besonders dann, wenn es darum geht, den Kunden fit für Innovationen und die Digitalisierung zu machen. So entstehen agile Beratungsansätze: Zusammen mit ihren Kunden machen sich die Consultants auf eine Expedition in die Zukunft. Von André Boße

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Es gibt Dinge, die lassen sich nicht planen. Wer zum Beispiel mit einem Segelboot auf hoher See unterwegs ist, sollte sich zwar auf seinen Törn vorbereiten. Es empfiehlt sich, den Wetterbericht zu studieren, um ungefähr einschätzen zu können, wie der Wind weht. Doch ist das Boot erst einmal auf dem Meer, ändern sich die Bedingungen immer wieder. Ein guter Bootsführer weiß das. Er ist in der Lage, schnell zu reagieren und seinen Leuten die richtigen Kommandos zu geben. Dreht der Wind jedoch oder frischt er auf, entsteht an Bord schon mal Hektik. Landratten würden vielleicht sogar von einem Durcheinander sprechen. Erfahrene Bootskapitäne entgegnen dann, dass sich ein Segler und seine Crew ständig auf neue Bedingungen einstellen. Und zwar schnell. Flexibel. Und agil.

Agile Methoden, messbarer Erfolg

Für ihre Studie zu agilen Methoden hat die Unternehmensberatung Bain mehr als 10.000 Projekte in ausgesuchten Unternehmen analysiert, die diese Methodeneinsetzen. Dabei zeigte sich, dass sich in agilen Projekten die Entwicklungszeiten für eine Innovationhalbierten. „Die Teamproduktivität hingegen verdoppelte sich“, heißt es in der Studie aus dem September 2016. Darüber hinaus ergab die Analyse, dass sich die Erfolgswahrscheinlichkeit beim Einsatz agiler Methoden generell mehr als verdreifacht, sprich: Dass aus einer Idee tatsächlich eine marktreife Innovation entsteht.
Quelle: www.bain.de

Videotipp

Prof. Dr. rer. pol. Stephan Fischer lehrt an der Hochschule Pforzheim Personalmanagement und Organisationsberatung. In einer Video-Interviewreihe mit AOE stellt er das Thema Agilität ausführlich vor:
https://goo.gl/MyG3wn

Das Adjektiv „agil“ steht dabei für eine körperliche und geistige Gewandtheit. Nun hat es Einzug in die Welt der Unternehmen gehalten. Ursprünglich kommt es aus der Brache der Softwareentwicklung. Je größer die Bedeutung von IT-Prozessen in den Unternehmen wurde, desto entscheidender wurde es für die Entwickler, ihren Kunden passgenaue Lösungen zur Verfügung zu stellen. Diese können aber nicht am Reißbrett entstehen, sondern nur in den Unternehmen selbst. Die Entwickler gingen also sinnbildlich „auf See“, nämlich in die Firmen ihrer Auftrageber hinein. Und hier müssen sie agil sein, denn häufig ergeben sich Ziele und Herausforderungen erst im Verlauf des Projekts.

Agiles Consulting im digitalen Zeitalter

Agile Methoden wenden heute längst nicht mehr nur Software-Entwickler an. Im Zuge der Digitalisierung erkennen viele Unternehmen, dass es nicht nur sinnvoll ist, technisch aufzurüsten. Gewinnbringend ist auch, Methoden aus der digitalen Welt ins Unternehmen zu holen. „Agile Methoden kommen in immer mehr Unternehmen zum Einsatz“, heißt es in einer Studie aus dem Herbst 2016 der Unternehmensberatung Bain. „Sie setzen auf die Geschwindigkeit und Produktivität kleiner abteilungsübergreifender Teams, die mit großer Autonomie im engen Austausch mit Kunden Produkt- und Prozessinnovationen vorantreiben.“

Notwendig werden diese Methoden, weil „der schnelle technologische Wandel konventionelle Planungsansätze an ihre Grenzen bringt“, wie Bain-Partner und Innovationsexperte Christopher Schorling sagt. Und diese Grenzen seien in vielen Unternehmen erreicht: „Unternehmen schöpfen ihr Innovationspotenzial längst noch nicht aus. Sie belasten ihre kreativen Köpfe mit zu vielen Meetings, zu vielen gleichzeitig laufenden Projekten, zahllosen Abstimmungsschleifen und überbordenden Dokumentationspflichten. Agile Methoden fordern jeden Mitarbeiter dazu auf, sich mit seinen Fähigkeiten verantwortlich ins Unternehmen einzubringen.“

Künstliche Intelligenz

Die Universität Amsterdam und Bosch haben die Forschungskooperation Delta Lab bekannt gegeben. Ziel der Partnerschaftist ein regelmäßiger fachlicher Austausch und Wissenstransferzu den Themen Künstliche Intelligenz beziehungsweise Deep Learning. Denn: In Zukunft werden Maschinen in der Lage sein, aus Erfahrungen zu lernen und auf dieser Basis zu handeln. Dazu werden Doktoranden in den kommenden Jahren in Forschungsprojekten mathematische Modelle und Algorithmen entwickeln – versorgt werden sie dafür mit einer großen Zahl an Daten, die von Sensoren und Kameras gesammelt werden. Ist die Lernphase abgeschlossen, kann ein automatisiert fahrendes Auto zum Beispiel ein spielendes Kind von einem über die Straße rollenden Ball unterscheiden und die Entscheidung treffen, zu bremsen. Quelle: www.bosch.com

„Künstliche Intelligenz wird alles ändern“

Prof. Dr. Jürgen Schmidhuber, Scientific Director am Schweizer Forschungsinstitut für Künstliche Intelligenz IDSIA, beschreibt in einem Vortrag den Aufstieg der künstlichen Intelligenz, dem Hauptthema des gegenwärtigen Jahrhunderts: https://goo.gl/rJSsFi

Noch falle es zahlreichen Unternehmen schwer, Agilität zu leben, heißt es in der Bain-Studie. „In vielen Fällen widerspricht sie der bestehenden Unternehmenskultur, anderenorts fehlt die Erfahrung im Umgang mit agilen Prozessen oder die Unterstützung des Managements.“ Für Unternehmensberater komme es darauf an, das Prinzip der Agilität bedarfsgerecht und verständlich zu vermitteln. So müsse zum Beispiel klarwerden, dass Agilität nicht Anarchie bedeute. Oder auch, dass diese Methoden bei Routineaufgaben keinen besonderen Mehrwert böten, dagegen in den innovativen Feldern der Produktentwicklung, im Marketing oder der strategischen Planung neue Lösungen ermöglichten.

Auch gehe es, so die Studie, darum, insbesondere Mitarbeiter in Pilotprojekten als „Botschafter“ zu gewinnen: „Diese sind in der Regel von der größeren Autonomie und dem Gewinn an Entscheidungsfreiheit begeistert.“ Zu vermitteln, wie es gelingen kann, diese Methoden in die verschiedenen Abteilungen der Unternehmen zu bringen – das ist eine neue spannende Aufgabe für Consultants. Hier zeigt sich auch, dass die Digitalisierung weit mehr ist als ein rein technisches Feld. Innovationen entstehen nicht mehr nur durch die Entwicklung einer neuen Technik, sondern auch dadurch, dass sich Unternehmen strategisch an die digitale Welt anpassen.

„Die digitale Transformation ist per se ein strategisches Thema für Unternehmen. Es existieren praktisch keine strategischen Projekte mehr, die nicht die Auswirkungen der Digitalisierung zumindest berücksichtigen“, sagt Jochen Bechtold, Leiter Manufacturing, Hi Tech und Industrie 4.0 bei Capgemini Consulting. Die Kunden seien immer weniger bereit, verschiedene Beratungs-Player zu beauftragen. „Der Trend geht eindeutig in Richtung Strategie- und Technologie-Consulting aus einer Hand. Auf der Kundenseite sind gemischte Teams aus Business und IT am Werk – und genauso muss es auf der Beraterseite sein.“

Mit Blick auf das Consulting plädiert Heiko Cestonaro, Executive Partner bei der Prozess- und IT-Beratung Nterra, jedoch weiterhin für zwei verschiedene Consulting- Ansätze: „Bei der strategischen Managementberatung geht es um die Frage: Was machen wir und warum? Bei der Technologieberatung geht es um die Frage: Wie machen wir‘s? Das erfordert unterschiedliche Beratungsansätze und Beraterprofile.“ Aber auch Cestonaro stellt fest, dass es auf strategischer Ebene verstärkt darum geht, die Möglichkeiten, neuer Technologien zu verstehen und in strategische Zielsetzungen umzusetzen. „Hier benötigt man ein gemischtes Beratungsteam aus technisch geprägten Professionals, die in der Lage sind, ihr Expertenwissen aus einem Bereich möglichst breit zu transferieren.“

Gefragt: Ein Berater, dem man vertraut

 Das Beispiel der agilen Methoden zeigt: Das Consulting beschäftigt sich heute verstärkt mit Veränderungen, die wirklich ans Eingemachte gehen. Hinzu kommt die disruptive Kraft der Digitalen Transformation: Was früher galt, ist heute nicht nur überholt. Es gilt gar nicht mehr. Und kommt auch nicht wieder. „Die Radikalität dieser notwendigen Veränderungen ist jedoch für fast alle Unternehmen Neuland“, sagt Heiko Cestonaro. Daher komme es im Consulting wieder auf klassische Beraterqualitäten an: „Die Wahrnehmung als Trusted Advisor, also Ratgeber, dem man vertraut.

Innovation: Deutschland muss aufholen

Den erheblichen Beratungsbedarf deutscher Unternehmen beim Thema Innovation bestätigt das Ergebnis einer Studie der Boston Consulting Group (BCG), nach der deutsche Unternehmen im weltweiten Vergleich an Innovationskraft verloren haben. Deutsche Unternehmen sind in den Top Ten der Liste der „Most Innovative Companies 2016“ nicht mehr vertreten; 2015 waren noch zwei unter den ersten zehn. Insgesamt schafften es sechs deutsche Firmen ins Ranking. „Das Ergebnis sollte ein Weckruf für deutsche Unternehmen sein“, sagt BCG-Deutschlandchef Carsten Kratz. „Viele von ihnen sind zwar nach wie vor innovativ, werden im globalen Wettbewerb aber nicht unbedingt als innovativ wahrgenommen. Das ist gefährlich, frühes Gegensteuern sei wichtig.“

Cestonaro vergleicht dabei den Weg, vor dem viele Unternehmen stehen, mit einem Trip ins Hochgebirge: „Nur mit einem erfahrenen Sherpa, in den die Kunden volles Vertrauen setzen, werden sie auch in das unbekannte Gelände radikaler Veränderung vordringen.“ Unternehmensberater stehen dabei vor allem vor der Aufgabe, ihre Kunden fit für die notwendigen Innovationen zu machen. Wie das funktionieren kann, beschreibt Jochen Bechtold für das Beispiel Capgemini: „Wir nutzen unsere Innovation Labs, in denen Kunden, Berater, Technologieanbieter und innovative Start-ups zusammen für tatsächliche Projekte Lösungen entwickeln. Diese werden dann schrittweise in die Praxis umgesetzt, sie stehen also nicht nur auf abstrakten Power-Point-Folien.“ Dieser interaktive und kollaborative Vorgang bringe viele Vorteile gegenüber dem klassischen Ansatz: Während bei diesem zunächst abstrakte Strategien definiert werden, die man dann zeitversetzt als fertige Lösung anbietet, funktioniert der Consulting- Ansatz in den Innovation Labs tatsächlich agil: Dass sich im Laufe des Prozesses der Wind dreht, ist kein Problem, sondern Teil des Deals.

Viele Kunden betreten Neuland

Wie einschneidend die technischen Innovationen die Arbeit in einem Unternehmen verändern können, zeigt das Beispiel der Kognitiven Intelligenz. „Wir arbeiten gemeinsam mit Technologiepartnern an Lösungen, die komplette, bisher manuell oder computergestützt durchgeführte Tätigkeiten durch Roboter ersetzen“, sagt Jochen Bechtold von Capgemini Consulting. Hier gehe es nicht darum, Dinge effizienter zu gestalten, sondern Prozesse komplett neu zu definieren. „Durch die Automatisierung entstehen ganz andere, neue Geschäftsmodelle. Eben solche, die bisher beispielsweise durch Einschränkungen bei der Echtzeitverarbeitung nicht denkbar waren.“

Wer dabei davon ausgeht, die Unternehmen steckten schon mittendrin im Wandel, der täuscht sich: „Wenn man sich die Entwicklung der zentralen Technologien anschaut, dann befinden sich der Großteil noch in einem frühen Einsatzstadium“, sagt Bechtold mit Blick auf Industrie-4.0-Themen wie Künstliche und Kognitive Intelligenz oder Smart Factories. „Der Hype ist der gegenwärtigen Situation der Unternehmen etwas voraus, wir haben derzeit maximal fünf Prozent der vierten industriellen Revolution gesehen. Das bedeutet auch, dass der große Veränderungsschub noch kommt.“ Die Kunst des Consultings bestehe nun darin, die beiden Geschwindigkeiten in Einklang zu bringen und die spezifische Situation eines Unternehmens einzuschätzen. „So kann Transformation maximalen Wert bringen“, erklärt der Innovationsexperte. Klassisches Consulting in Sachen Markterschließung oder Unternehmensentwicklung werde darin auch weiterhin seinen Stellenwert haben. „Aber auch das wird ohne den Blick auf die neuen digitalen Möglichkeiten und die Implementierung im Unternehmen nicht mehr ausreichen“, so Bechtold. Technologie bewege das Business und das Business die Technologie, „dieser Prämisse kann sich heute im Consulting niemand mehr verschließen“.

Neu für die Berater ist dabei, dass sie die Innovation, die sie ihren Kunden an die Hand legen, auch selbst bewerkstelligen müssen. „Unsere Branche lebt zum Teil davon, den Kunden etabliertes und erprobtes Wissen zu vermitteln“, sagt Heiko Cestonaro von Nterra. Durch die enorme Dynamik sinke jedoch die Halbwertszeit dieses Wissens rapide. „Für uns als Berater heißt das: Wir müssen uns von der Vermittlung von Best Practices und Branchenstandards weiterentwickeln zu mehr Fokus auf Innovation und Co-Creation mit den Kunden.“ Beratung werde dadurch wieder verstärkt zu einem Aufbruch – „einer Expedition mit unseren Kunden“, wie Cestonaro sagt. Es gehe darum, gemeinsam Neues zu entdecken und mutig Grenzen zu erweitern. „Und das ist letztlich doch genau das, was unseren Job so spannend und erfüllend macht.“

Studie „Consulting 4.0“

„Die Digitalisierung macht auch vor den Beratungsunternehmen nicht halt“, sagt Jonas Lünendonk, Geschäftsführer der Lünendonk & Hossenfelder GmbH. Sie werden einerseits vonseiten ihrer Kunden mit einer Unmenge von Daten konfrontiert, die es schnell und effektiv zu analysieren gilt. Andererseits gehört die softwaregestützte Analyse zum Kompetenzprofil der Beratungsunternehmen. Daher betreiben sie in diesem Bereich einen großen Aufwand, wie in der Studie „Consulting 4.0“ festgestellt wurde. Nach der gehen etwa 45 Prozent der befragten Unternehmensberatungendavon aus, dass sie die Analysezeit mithilfesoftwaregestützter Tools halbieren können, ein Drittel spricht sogar von einem Viertel der bisherigen Zeit – mit besseren Ergebnissen. Technologiekompetenz und digitale Beratungskompetenz gehören somit zu wettbewerbsentscheidendem Know-how. Quelle und weitere Infos: https://goo.gl/PCCH4l