Gut, dass ich es versucht habe

Endmontage in Jawa Timur, Indonesien; Foto: Toni Rüttimann
Endmontage in Jawa Timur, Indonesien; Foto: Toni Rüttimann
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Der Schweizer Toni Rüttimann baut seit 26 Jahren Hängebrücken für Menschen in den ärmsten Regionen dieser Welt. Und will nicht einmal Geld dafür. Aufgezeichnet von Stefan Trees

Toni Rüttimann, Foto: Privat

Toni Rüttimann
Aufgabe: Brückenbauer
Ort: Weltweit
Web: keine Adresse

Wie alles anfing
Zwei Wochen vor meinem Abitur bebte in Ecuador die Erde. Ich habe die Bilder der Zerstörung gesehen und wusste: Da will ich hin. Helfen. Etwas Sinnvolles tun. In der Nacht meiner Abiturfeier bin ich losgereist, erspartes und gespendetes Geld im Gepäck, insgesamt 9000 Schweizer Franken. Bis ins Erdbebengebiet am Vulkan Reventador habe ich mich durchgekämpft, dann war Schluss. Am reißenden Río Aguarico warteten viele Menschen, die dort nicht mehr über den Fluss kamen. Da wusste ich, was ich mit meinem Geld anfangen würde: eine Brücke bauen. Ich lernte den holländischen Ingenieur Hugo van Drunen kennen, und zusammen mit der Bevölkerung bauten wir in vier Monaten eine Hängebrücke über den Río Shushudué. Da habe ich erkannt, dass ich etwas beitragen kann.

Zurück in der Schweiz habe ich mich an der ETH Zürich für ein Ingenieurstudium eingeschrieben. Doch nach sieben Wochen meldete ich mich wieder ab. Ich hatte mich entschieden, Brückenbauer der Armen zu werden – gemeinsam hatten mein Herz und mein Verstand meine Ängste um eine unsichere Zukunft besiegt. Studium, Freunde, Sport, die Lichter der Bahnhofstraße mit den Schaufenstern voll von Weihnachtsluxus – all das schaffte es nicht, den eindringlichen Ruf aus der Tiefe zum Schweigen zu bringen. Im Gegenteil: Sie verstärkten den Kontrast zu den Erinnerungen meiner sechs Monate im Erbebengebiet in Ecuador. Das ist nun fast 26 Jahre her.

Warum ich das mache
Erstens, weil ich das Leiden der Leute hinter den Flüssen sehe, und weiß, wie ich es lindern kann. Zweitens, weil ich zum Brückenbauer geboren wurde. Ich schaue zurück und erkenne den Weg. Drittens, und am wichtigsten: weil ich es wirklich tun will. Jeden Tag. Denn auch wenn man weiß, wie es geht, und auch wenn es Schicksal zu sein scheint – wenn man es nicht tun will, passiert gar nichts. Es ist für mich wichtig, mein Leben hinzugeben für andere. Jede Brücke ist eine Verantwortung, und wie immer wird sie einen Teil meines Lebens abverlangen. Für den Preis eines Stückchens meines Lebens kann ich Leben erleichtern für ganze Dörfer. Für 5000 bis 10.000 Menschen, manchmal mehr. Was für ein gutes Geschäft.

Was es bislang gebracht hat
Bis heute haben wir weltweit 640 Hängebrücken gebaut, in Ecuador, Honduras, Mexiko, Kambodscha, Laos, Myanmar, Indonesien und anderswo, im Dienste von 1,8 Millionen armen Bauern, mit geschenkten und wiederverwerteten Stahlröhren und Stahlseilen. Die Bevölkerung trägt einen ebenso großen Teil bei mit Sand, Kies, kostenloser Arbeit und oftmals mit dem Langstreckentransport der Brückensets vom nationalen Schweißlager in ihre Dörfer. Ich finde keine exakte Beschreibung, um zu definieren, was wir tun. Denn wir sind keine NGO, keine Firma, keine politische oder religiöse Gruppierung, wir haben weder ein Büro, ein Zuhause, eine Fahne noch einen Facebook-Account. Wir – das sind meine einheimischen Team-Kollegen und ich sowie ein weltweites unsichtbares Netz an Menschen guten Willens.

Normalerweise arbeiten wir gleichzeitig an 20 bis 30 Brücken auf zwei Kontinenten. In jedem Land finde und trainiere ich drei bis vier Schweißer sowie einen praktisch begabten, hingebungsvollen und bescheidenen Kollegen, der über die Jahre hinweg an meiner Seite zum Brückenbauer wird. Es ist mir wichtig, einheimische Kollegen zu trainieren und mit ihnen zu arbeiten: Sie bleiben in ihrem Land, so wie die Brücken, und werden auch nach vielen Jahren noch bereit sein, den Bauern zu Hilfe zu eilen, falls deren Brücken eine Reparatur nötig haben.

Die lokalen Behörden in Vietnam haben einmal die Brücken-Überquerungen der 58 Hängebrücken im Mekong-Delta gezählt: Von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang haben 38.126 Personen die Brücken überquert: zu Fuß, mit dem Fahrrad, dem Motorrad oder im Rollstuhl. Mehr als die Hälfte sind Schüler, die anderen gehen zur Arbeit, zum Markt, in die Krankenhäuser oder in die Regierungsbüros. Das bedeutet, dass jedes Jahr 13,9 Millionen Menschen über diese Brücken in Vietnam gehen. Und dabei zählen wir noch nicht einmal die Überquerer der Nächte dazu. Ich habe noch keine reale Verkehrszählung der anderen Brücken in Kambodscha, Laos, Myanmar und Indonesien, auch nicht in Ecuador oder den anderen lateinamerikanischen Ländern. Dennoch: Mit der Referenz von Vietnam schätzen wir vorsichtig, dass jede Sekunde mindestens eine Person über eine unserer Brücken läuft. Heutzutage tun wir also jede Sekunde jemandem einen Gefallen. Jede Sekunde wird einem Menschen ein Leid erspart oder zumindest eine Mühsal.

Der Gedanke bringt mich zum Staunen: Wie einfach wäre es gewesen, es nicht zu versuchen, nicht zu hoffen, nicht den ersten Schritt und dann all die folgenden zu tun. Gut, dass ich es versucht habe.