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StartRechtWirtschaftsjurist: „So wichtig wie der Antriebsriemen für den Motor“

Wirtschaftsjurist: „So wichtig wie der Antriebsriemen für den Motor“

Prof. Dr. Rolf Schwartmann ist Professor für Öffentliches und Internationales Wirtschaftsrecht an der Fachhochschule Köln. In seiner Lehre und Forschung legt er Wert auf Praxisnähe. Seine Prognose für Wirtschaftsjuristen: Die Komplexität des Rechts steigt – und das schafft Arbeitsplätze. Von André Boße

Zur Person

Professor Dr. Rolf Schwartmann, Foto: D. Boxberg
Professor Dr. Rolf Schwartmann, Foto: D. Boxberg

Professor Dr. Rolf Schwartmann, geboren 1965 in Düren, leitet an der FH Köln die Forschungsstelle Medienrecht an der Fakultät für Wirtschafts- und Rechtswissenschaften. Nach seinem Zweiten Staatsexamen war er zunächst als Rechtsanwalt mit dem Schwerpunkt Verwaltungsrecht in einer Kölner Kanzlei tätig. Seine Professur für insbesondere Öffentliches und Internationales Wirtschaftsrecht an der FH Köln trat der 49-Jährige 2004 an.

Ob Compliance, Haftungsfragen oder Vergleiche: Was früher für die Unternehmen ohne anwaltliche Hilfe ging, ist heute ohne juristische Beratung riskant und gefährlich. Wie beurteilen Sie den Wandel des Wirtschaftsrechts?
Wenn die Anforderungen der Lebenswirklichkeit und das Recht komplexer werden, steigen auch die rechtlichen Anforderungen. Das kann man aus Sicht der Juristen nur begrüßen, denn sie leben davon, das Recht anzuwenden und zu vermitteln. Der Wandel schafft also Arbeitsplätze. Ob rechtliche Komplexität aber dem Recht und dem Rechtsverständnis in der Gesellschaft dient, das ist eine andere Frage.

Wie meinen Sie das?
Die Entwicklung des Internets verschärft dieses Problem. Jedermann nutzt Mediendienste wie Facebook zu privaten oder gewerblichen Zwecken, ohne die Reichweite und Bedeutung der bei der Nutzung auftretenden Rechtsfragen etwa aus dem Urheberrecht oder dem Datenschutzrecht zu kennen. Die Nutzungsbedingungen von Facebook zum Beispiel enthalten etwa halb so viele Worte wie unsere Verfassung. Die Konsequenz ist, dass man sie nicht liest und den Dienst nutzt, ohne die Bedingungen der Nutzung zu kennen. Das ist nicht gerade verantwortungsbewusstes Handeln. Das ist für die Rechtskultur nicht förderlich.

Die Verflechtungen zwischen Unternehmen, Staaten und sonstigen internationalen Akteuren werden immer dichter, zeitgleich entstehen neue Regulierungen und Haftungen. Stimmt der Eindruck, dass Wirtschaftsjuristen dauerhaft gefragt sind?
Völlig. Solange das Recht Verhalten steuert und bestimmt, brauchen wir Menschen, die es verstehen, seine Anwendung erklären und begleiten und ihm damit seine Wirkmacht geben. Das Recht benötigt Juristen genauso wie ein Motor einen Antriebsriemen. Wenn sie dann auch noch Kenntnisse in wirtschaftlichen Fragen haben, dann ist das natürlich ein besonderes Plus. Was muss ein Wirtschaftsjurist können, um den Anforderungen des Rechtsbereichs und seiner Mandanten gerecht zu werden? Muss er nebenher auch noch ein vollwertiger BWLer sein?
Wer einen einhundertprozentigen Juristen und einen einhundertprozentigen Ökonomen will, der muss zwei Personen einstellen. Wirtschaftsjuristen sind keine eierlegenden Wollmilchsäue, sondern Absolventen eines Studiums, das ihnen solide Grundkenntnisse in unterschiedlichen Bereichen vermitteln. Ich denke, dass Flexibilität und die Bereitschaft, sich fächerübergreifend einzusetzen, eine entscheidende Stärke unserer Absolventen ist. Wenn die beruflichen Anforderungen oder persönliche Neigungen sie mehr mit juristischen Anforderungen konfrontieren, dann haben sie das Rüstzeug, sich hier zu spezialisieren. Dasselbe gilt umgekehrt für ökonomische Inhalte.

Müssen Wirtschaftsjuristen aufpassen, dass sie sich nicht in Richtung eines Unternehmensberaters mit leicht juristischem Schwerpunkt entwickeln?
Wer das will und darin seine Chance sieht, der kann das ruhig werden. Für mich wäre das kein schlechtes Berufsbild. Es ist gut, wenn man betriebswirtschaftlich erforderliche Notwendigkeiten ermöglichen hilft, aber dabei die Anforderungen und Bedachtnahmen des Rechts nicht aus den Augen verliert. Wie schwer der leichte juristische Schwerpunkt dann wird, kann jeder für sich entscheiden.

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