Interview mit Rainer Beisel

Der Bau-Manager

Rainer Beisel, Foto: Vinci Deutschland
Rainer Beisel, Foto: Vinci Deutschland

Rainer Beisel wurde dazu ausgebildet, große Brücken und Bauwerke zu errichten. Doch als die erste Rezession die Baubranche beutelte, änderte der Mannheimer die Richtung. Sein Credo: Für Bauingenieure werden Servicekompetenzen und kaufmännische Qualitäten immer wichtiger. Das Gespräch führte André Boße.

Zur Person

Rainer Beisel wurde am 2. Februar 1963 geboren. 1989 schloss er sein Studium des Bauingenieurwesens an der Universität Karlsruhe (TH) als Diplom-Ingenieur ab. Danach arbeitete er zunächst bei dem Mannheimer Bauunternehmen Klee. 1993 wurde er zum Mitgeschäftsführer der SKE GmbH berufen, in Deutschland Marktführer für Facility-Management, PPP-Lösungen und kommunale Projekte. Dort legte Rainer Beisel seinen Fokus auf den Ausbau des Facility-Management-Bereiches und strukturierte die PPP-Hochbau-Aktivitäten der SKE-Unternehmensgruppe, die ein Tochterunternehmen der Vinci-Abteilung Construction ist.

2006 wurde er Geschäftsführer der Vinci Construction Deutschland GmbH sowie stellvertretender Direktor der Europa- Aktivitäten der internationalen Tochtergesellschaften der Konzernsparte Vinci Construction. Zum Geschäftsführer von Vinci Deutschland wurde er 2008 ernannt.

Herr Beisel, Sie haben vor 20 Jahren Ihr Studium abgeschlossen. Was ist rückblickend die größte Veränderung, die Sie seitdem in der Branche erlebt haben?
Die Rezession im Baugewerbe, die wir zwischen 1996 und 2005 fast zehn Jahre lang aushalten mussten. Der Einfluss dieser Rezession ist noch heute spürbar, denn der Bau hat gegenüber anderen Industrien deutlich an Bedeutung verloren. Ich habe – wenn auch eher unbewusst – meine Karriere vom Start weg an diesen Wandel angepasst, indem ich mich in Richtung Dienstleistung orientierte. Diesen Weg hat mir ein Professor an der Uni in Karlsruhe gezeigt, der uns damals sagte: Entweder Ihr geht ins Ausland, oder Ihr baut in Deutschland Eure Karriere auf der Tatsache auf, dass es in diesem Land viel weniger Baustellen geben wird.

Liegt das nur daran, dass es einfach keinen Bedarf mehr für große Baumaßnahmen gibt?
Hinzu kommt, dass die Umsetzung eines großen Bauvorhabens immer schwieriger wird. Dafür gibt es aktuell viele Beispiele. Nehmen Sie das Projekt Stuttgart 21 oder geplante Neubauten von Energie-Kraftwerken. Jeder will sauberere Kohlekraftwerke oder Kraftwerke für Erneuerbare Energien haben – aber bitte nicht vor der eigenen Haustür. Die Baustelle musste einen Imagewandel durchmachen. Mein Vater war auch Bauingenieur, und ich bin mit ihm schon als Kind auf die großen Baustellen gegangen, die man heute in Deutschland kaum noch findet. Damals sendete der Bau das positive Signal aus: „Wir bringen Deutschland voran.“ Heute hingegen gründet sich in dem Moment, in dem es einen Bauplan gibt, schon die erste Protestbewegung.

Wie sollte ein angehender Bauingenieur auf diesen Stimmungswandel reagieren?
Der Blick auf die Bedürfnisse des Kunden muss in den Fokus rücken. Und als Kunde sehe ich an erster Stelle den Endkonsumenten, also den Bürger. Ein Bauingenieur muss heute nicht nur gut bauen können – er muss seine Projekte auch erklären und verkaufen können.

Fühlten Sie sich nach Ihrem Studium für diese neuen Herausforderungen der Branche vorbereitet?
Meine Ausbildung hätte für einen Job in einem Planungsbüro gereicht. Für den Baubetrieb waren meine Kenntnisse recht schwach. Weil mein Vater auch als Bauingenieur tätig war, hatte ich jedoch den Vorteil, während des Studiums leicht an Nebenjobs auf dem Bau oder in Planungsbüros zu kommen. Das ist wichtig, denn ansonsten wechselt man als Student mit einem großen Praxisdefizit ins Berufsleben. Ich beobachte, dass junge Leute, die schon vorher für Unternehmen tätig waren, bei uns schneller vorankommen. Ich muss klar sagen, dass Neueinsteiger mit praktischen Erfahrungen für ein Unternehmen einen höheren Wert besitzen.

Sie leiten die deutsche Dependance eines französischen Baukonzerns. Was ist der größte Unterschied zwischen der deutschen und der französischen Baubranche?
In Frankreich legt man bei der Ausbildung der Bauingenieure einen höheren Wert auf kaufmännische Qualifikationen. Das ist ein zusätzlicher Schwerpunkt, den ich in Deutschland schmerzlich vermisse, denn Bauleiter müssen heute auch gute Kaufleute sein. Wer eine Baustelle leitet, führt im Prinzip ein eigenes Unternehmen. Und wer dann technisch zwar gut, kaufmännisch aber kaum gerüstet ist, bekommt Probleme.

Können Sie konkret eine kaufmännische Aufgabe am Bau benennen?
Aufgabe der Bauleitung ist in erster Linie, eine Baustelle mit Erfolg abzuschließen – wobei Erfolg mit Blick auf den Arbeitgeber bedeutet, dass das Unternehmen Geld verdient. Daher geht es nicht darum, zwingend die technisch beste Lösung zu finden. Entscheidend ist der optimale Kompromiss zwischen Technik und Kosten. Ein Bauingenieur muss wissen, dass eine technische Lösung mit Abstrichen unter Umständen die bessere Lösung ist. Das ist für uns technikverliebte deutsche Ingenieure ein Ansatz, den wir so nicht gelernt haben.

Ticken Bauingenieure in anderen Ländern in dieser Hinsicht anders?
Durchaus. Wir in Deutschland streben immer danach, das Bestmögliche zu entwickeln – und wenn das nicht bezahlbar ist, specken wir solange ab, bis es passt. In China zum Beispiel läuft es genau umgekehrt: Dort sucht man von Beginn an nach der günstigsten Lösung – und versucht, von diesem Niveau aus die Technik zu optimieren.

Sehen Sie auch hierzulande die Tendenz zum Paradigmenwechsel?
Da immer mehr Bauunternehmen nicht nur bauen, sondern ihre Bauten auch betreiben, nimmt das kaufmännische Denken automatisch zu. Die Unternehmen bauen heute nicht mehr und ziehen dann weiter. Sie liefern ihren Kunden ein Gebäude, zum Beispiel eine Schule, und versichern dem Kunden per Vertrag, dass das Gebäude 25 Jahre lang in einem guten Zustand sein wird. Daher ist es Aufgabe auch der Bauingenieure, mit Hilfe eines Lebenszyklusmodells ein Gebäude zu errichten, das in seiner Gesamtheit möglichst wenig kostet. Ich sage bewusst in der Gesamtheit, denn es geht nicht alleine um die Baukosten, sondern auch um die Planung und den Betrieb. Und bei dieser Kalkulation entdecken Sie als Bauingenieur interessante Feinheiten. So kann es zum Beispiel passieren, dass die Reinigungskosten in den 25 Jahren 40 Prozent der Baukosten ausmachen, weil sie eine Oberfläche gewählt haben, die sich nur kostspielig reinigen lässt.

Damit steht der leitende Nachwuchs vor neuen Herausforderungen. Welche Qualifikationen erwarten Sie von den kommenden Bauingenieuren?
Sie müssen ein Gespür dafür besitzen, was ein Kunde wirklich möchte und braucht – und zwar nicht nur heute, sondern im Verlauf von 25 Jahren. In jedem Gebäude wird es einen Alltag geben, und ein Bauingenieur hat die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass dieser dauerhaft problemlos abläuft. Das ist eine neue Herausforderung, aber sie ist in meinen Augen zu stemmen, weil viele der klassischen Ingenieurarbeiten heute von Computern übernommen werden können. Ein Bauingenieur muss sich daher andere Ziele stecken und komplexe Aufgaben suchen, die ein Computer nicht übernehmen kann.

Zum Unternehmen

Die Wurzeln des Baukonzerns Vinci führen bis in das Jahr 1899, als die zwei französischen Ingenieure Alexandre Giros und Louis Loucheur das Unternehmen SGE gründeten. Nach ersten Erfolgen mit Eisenbahnprojekten fokussierte sich das Unternehmen nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Ingenieurbau und wurde dank zahlreicher Großbauten in Frankreich Marktführer. Nach einigen Eigentümerwechseln und Beteiligungen in den 1980er- und 90er-Jahren ist der Unternehmensverbund seit 2000 selbstständig.

Er nannte sich in Vinci um und gliederte seine Aktivitäten in vier Sparten: Bau, Energie-Information, Straßenbau und Konzessionen. Mit diesen vier Sparten erwirtschaftete der Konzern 2009 einen Umsatz von 32 Milliarden Euro, derzeit sind gut 164.000 Mitarbeiter für die Unternehmensgruppe tätig. Die Gruppe hat Tochterunternehmen und Dependancen auf der ganzen Welt. Vinci Deutschland, gegründet 1988, arbeitet mit 9600 Mitarbeitern an gegenwärtig 331 Standorten und erwirtschaftete 2009 einen Umsatz von 1,9 Milliarden Euro.

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