Start mit Scrum

Foto: Fotolia/smuay
Foto: Fotolia/smuay

Der Weg in die Projektverantwortung kann schnell gehen. Der Wirtschaftsinformatiker Marco Nürnberger wurde nach seinem Abschluss direkt in ein neues Projektteam integriert und übernahm dort die Rolle des Organisators, des sogenannten Scrum-Masters. Von Till Stueve, Datev

Im Jahr 2011 wurde bei Datev in Nürnberg ein neues Entwicklungsprojekt ins Leben gerufen. Im Rahmen der unternehmensweiten Bestrebungen zur Digitalisierung und Automatisierung von Geschäftsprozessen stand die Entwicklung einer automatisierten Schriftgutbearbeitung für „Datev pro“ auf dem Plan – der Posteingangsassistent. Ein Mitarbeiter der ersten Stunde ist Marco Nürnberger, der als Absolvent direkt von der Hochschule in das Projekt eingestiegen ist.

Anzeige
DLR

Die Rahmenbedingungen für einen spannenden Karriereeinstieg konnten besser nicht sein: Das neu gegründete Team hatte – im Rahmen der unternehmensweit gültigen Entwicklungsstandards – freie Hand, sich zu organisieren und die Entwicklungsprozesse zu gestalten. Nachdem einige Teammitglieder eine Fortbildung über agile Softwareentwicklung besucht hatten, fiel die Entscheidung für Scrum. Dies ist ein Vorgehensmodell in der Entwicklung, das auf drei Prinzipien beruht: Die Methodik soll Transparenz schaffen, regelmäßig überprüfbare Funktionalität liefern und eine hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit gewährleisten.

Filmtipp
In diesem Youtube-Video wird Scrum noch einmal im Schnelldurchlauf erklärt!

Die Initiative wurde von den Führungskräften wohlwollend unterstützt, auch mit Blick auf die positiven Erfahrungen aus anderen Teams. Es folgten einige Wochen mit vielen Diskussionen, teilweise auch schmerzhafter Natur. Hintergrund war die Adaption der Scrum-Methodik an die eigenen Bedürfnisse. Ein markantes Beispiel einer solchen Diskussion war die durch Scrum vorgegebene Fokussierung auf die Anwendersicht. „Scrum denkt den Entwicklungsprozess in sogenannten ‚User Stories‘“, erläutert Nürnberger. „Wichtig ist nur, was die Anwender brauchen und wollen. Dabei ist die Gefahr groß, dass wesentliche Rahmenbedingungen, wie zum Beispiel die hohen Sicherheitsanforderungen unseres Hauses, aus dem Blick geraten.“ Dementsprechend hat das Team schließlich bewusst die Vorgaben der reinen Lehre von Scrum durchbrochen. Neben dem Anwender sind nun auch andere Perspektiven, insbesondere aus Entwicklersicht, für User Stories zugelassen. Notwendige Entscheidungen über Architektur, Qualitätssicherung und Einbindung in die übergeordnete Anwendungsumgebung konnten so effektiver getroffen werden.

Sehr gut kam dagegen die Erfahrung an, dass sich mit Scrum sehr schnell ein sicheres Gefühl für den Entwicklungsfortschritt einstellt. Durch die dreiwöchigen Entwicklungszyklen – Sprints genannt – kann das Team regelmäßig Zwischenbilanz ziehen, den Status quo prüfen und gegebenenfalls kurzfristig auf neue Anforderungen reagieren. Dreh- und Angelpunkt ist dabei die Retrospektive: Zum Ende eines Sprints kommt das Team immer zusammen, um den letzten Sprint zu analysieren. In erster Linie geht es dabei um Qualität und Verbesserungsmöglichkeiten der Arbeit und Prozesse.

Der Termin wird vom „Scrum-Master“ vorbereitet und moderiert – für Nürnberger war es eine Überraschung, dass gerade er als Berufsneuling diese Rolle übernehmen sollte. „Das war natürlich schon eine besondere Ehre, dass die Kollegen mir das zugetraut haben – und am Anfang auch eine echte Herausforderung“, erinnert er sich zurück. „Bis dahin hatte ich kaum ein Meeting leiten müssen. Aber es hat mir viel Spaß gemacht, mich da reinzuknien und verschiedene Moderationsmethoden auszuprobieren.“ Allerdings warnt er davor, des Guten zu viel zu tun: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass der Einsatz von Kreativitätstechniken sorgfältig ausgewählt werden muss. Wenn man dem Team zu viele neue Methoden zumutet, gerät schnell das eigentliche Anliegen des Termins aus den Augen.“ Dennoch zeigt er sich überzeugt, dass es sehr sinnvoll ist, das von der Scrum-Community etablierte Muster hin und wieder zu durchbrechen. „Es geht ja nicht darum, die reine Lehre zu befolgen, sondern zu vernünftigen Ergebnissen zu kommen.“

Für Nürnberger liegen die Vorteile von Scrum nicht nur in der höheren Reaktionsgeschwindigkeit und größeren Transparenz im Entwicklungsprozess. Vor allem bietet es den einzelnen Teammitgliedern viel Gestaltungsspielraum. „Ich bin als Scrum-Master natürlich direkt in die Organisation der Scrum-Prozesse involviert. Aber auch die anderen Teammitglieder können sich vielfältig einbringen.“ Die Verantwortung als Scrum-Master war für Nürnberger ein perfekter Einstieg ins Berufsleben: „Auch wenn es auf den ersten Blick überraschen mag: Ich habe meine mangelnde Berufserfahrung eher als positives Element erlebt. Für mich gab es keine Scheren im Kopf.“

Scrum

Scrum ist eine Vorgehensweise für Teams, die gemeinsam an komplexen Produkten arbeiten. Im Mittelpunkt steht dabei die Anwendersicht. Um für die späteren Nutzer eine bestmögliche Lösung zu entwickeln, wird in kleinen Schritten vorgegangen, das Projekt beziehungsweise das Produkt wird zerlegt. So kann nach jedem Schritt das Geschaffene diskutiert und unter Umständen mit Veränderungen reagiert werden.

Scrum hat zwar einige Regeln für die Vorgehensweise und für die jeweiligen Projektakteure Aufgaben definiert, allerdings lässt die Struktur ausreichend Raum für innovative und kreative Ideen. Es heißt: Scrum nutzt die angeborenen Eigenschaften und Fähigkeiten des Menschen, um große Dinge gemeinsam zu tun.