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Digitalen Humanisten: Bettina Volkens und Kai Anderson

Bettina Volkens ist Personalvorstand bei der Lufthansa, Kai Anderson ein gefragter Experte für Change-Management. Zusammen haben die beiden ein Buch geschrieben, das Wege in eine humane Digitalisierung aufzeigt. Im Interview erklären sie, warum emotionale Intelligenz wichtiger denn je sein wird und die junge Generation ihren digitalen Lifestyle in der Arbeitswelt unbedingt beibehalten sollte. Die Fragen stellte André Boße.

Zu den Autoren

Dr. Bettina Volkens ist seit dem 1. Juli 2013 Arbeitsdirektorin der Deutschen Lufthansa und als Vorstandsmitglied verantwortlich für das Ressort Personal und Recht. Sie ist promovierte Juristin und war zuvor Top-Personalerin bei der Deutschen Bahn. Kai Anderson ist Gründer der Unternehmensberatung Promerit, die Unternehmen bei der digitalen Transformation begleitet. Sein Spezialgebiet ist die Entwicklung und Begleitung von Veränderungsprozessen in Unternehmen – insbesondere in der Digitalisierung.

Frau Volkens, Herr Anderson, wohin geht der Weg, wird unser Leben immer digitaler – oder die digitale Welt immer menschlicher?
Volkens: Digitalisierung beeinflusst sämtliche Lebensbereiche. Im privaten sowie im unternehmerischen Umfeld. Insbesondere die jetzt nachrückenden Generationen sind viel natürlicher mit dieser Entwicklung aufgewachsen und wurden von ihr geprägt. Wenn wir uns weiter darauf einlassen und es gelingt, diese Entwicklung selbst mitzugestalten, dann kommen wir auf den Weg einer menschlichen, einer durch uns gesteuerten und beeinflussten Digitalisierung.
Anderson: Die digitale Prägung können wir nicht aufhalten – man kann von seinem Umfeld nicht nicht geprägt werden. Die Frage ist tatsächlich, ob und wie wir diese Prägung beeinflussen können. Das fängt sehr früh in der Schule an und hört im Berufsleben noch lange nicht auf. Bildung ist der Schlüssel, nur mir ihr schaffen wir das, was wir eine humane Digitalisierung nennen.

Warum führt eigentlich die Digitalisierung in den Unternehmen bis heute zu einer so großen Unsicherheit? Was macht diese Veränderung so besonders, warum begegnet man ihr mit so viel Sorge?
Anderson: Beim Begriff Digitalisierung startet sehr schnell das Kopfkino: Digitalisierung ist Automatisierung ist Rationalisierung ist Arbeitsplatzabbau. Dass diese Gleichung aufgemacht wird, erleben wir in vielen Unternehmen, egal in welcher Branche. Diese Reaktion ist menschlich – ganz persönlich beim Einzelnen, aber auch im Kollektiv. Dort ist sie Ausdruck einer Unternehmenskultur, die nicht offen genug ist gegenüber Veränderungen. Das ist auch ein Ausdruck von Unwissenheit: Viele Mitarbeiter in Unternehmen verstehen zu wenig von dem Thema, das auch weiterhin erstmal in der IT-Ecke verortet wird.

Bildung ist der Schlüssel, nur mit ihr schaffen wir das, was wir eine humane Digitalisierung nennen.

Frau Volkens, Sie sind Personalvorstand bei der Lufthansa, wie blickt Ihr Konzern auf das Thema?
Volkens: Wenn wir Digitalisierung bei uns im Unternehmen anschauen, sehen wir nicht nur die Prozess- und Effizienzseite. Wir betrachten, welchen Einfluss Digitalisierung auf Arbeit generell hat, beispielsweise auf den Arbeitsplatz, auf Arbeitsmethoden, auf Führung, auf Kommunikation, auf Haltung und Kultur. Jahrelang war es aber tatsächlich die oberste Aufgabe der Unternehmen, immer besser und effizienter zu werden. Nun gilt es, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, die Beziehung zum Kunden neu zu definieren.

Welche Art von Denkern werden für diese Schritte benötigt?
Volkens: Am Ende ist digitales Denken eine Haltung und Sichtweise, die wir in allen Bereichen benötigen. Im Vordergrund stehen für mich analytische und soziale Kompetenzen, etwa die Fähigkeit, in virtuellen internationalen Teams zu arbeiten sowie ein Umgang mit Komplexität und Agilität. Auch neue kreative Arbeitsmethoden werden zunehmend wichtiger, zum Beispiel aus dem Umfeld Design-Thinking, dazu echte Kollaboration über Bereichsgrenzen hinweg sowie die Gestaltung persönlicher Beziehungen. Ich bin fest überzeugt, dass wir hier die Balance brauchen: Je datenbasierter und automatisierter das Arbeiten wird, desto mehr werden wir Räume für persönliche Begegnungen benötigen.
Anderson: Das Mantra der Digitalisierung ist die absolute Kundenorientierung. Dafür müssen wir raus aus den Kästen, die uns die Organisation oder wir uns selbst in unserem Selbstverständnis auferlegen.

Welche Rolle spielen dabei die Digital Natives in den Unternehmen, welches wertvolle Denken bringt diese junge Generation in die Unternehmen?
Volkens: Im Idealfall die gerade beschriebenen Kompetenzen. Dazu sicher auch die Unbefangenheit, mit Neuem umzugehen. Diese Generation ist natürlicher mit Technologie in Kontakt gekommen und aufgewachsen, als zum Beispiel noch meine Generation. Dadurch hat sie erfahren, wie schnell sich Technologie verändert, welche neuen Möglichkeiten bei der Einführung einer neuen Rechnergeneration, eines neuen Handymodells, neuer Prozessortechnologien oder bei der Entwicklung der sozialen Medien entstehen. Diese Veränderungen als Chance erfahren zu haben, führt zu einer Haltung, die positiv auf Neues reagiert und Innovation ermöglicht. Wenn diese Generation diese Haltung in die Unternehmen trägt, kommen wir voran.
Anderson: Neben dieser größeren Technologie- Affinität ist der wichtigste Beitrag der Digital Natives das Hinterfragen und Feedback geben. Generation Y und folgende sind es gewohnt, in sozialen Medien zu liken oder disliken. Das müssen sie in den Job-Kontext übertragen: Bloß nicht den Mund halten und sich vom System vereinnahmen lassen. Hier liegt der Schlüssel für eine Revolution von unten! Viele halten die digitale Transformation noch immer für eine notwendige technische Aufrüstung.

Das ist die eine Seite, die andere ist die Herausbildung einer digitalen Unternehmems- und Führungskultur. Können Sie beschreiben, wie sich diese von anderen Kulturen unterscheidet?
Volkens: Wenn wir Führungskultur weiterentwickeln, können wir nicht nur die Digitalisierung bemühen, das wäre zu kurz gesprungen. Uns beschäftigen eine Reihe weiterer großer Trends wie Globalisierung, der Wandel in Demografie, die Flexibilisierung der Arbeitswelten, individuellere Zeitgestaltung, eine stärkere Eigenständigkeit und Werteorientierung von Menschen oder auch die massive Komplexitätszunahme in dynamischen Handlungssituationen.

Wie sieht eine Führungskultur aus, die darauf reagieren kann?
Anderson: Die Kultur für das Zeitalter der Digitalisierung lässt sich am besten mit dem Schlagwort agil beschreiben. Wenn Kultur und Führung nicht aufs Bewahren ausgerichtet sind, sondern auf Veränderungsfähigkeit, dann können die großen Herausforderungen wie Digitalisierung und Globalisierung bewältigt werden.
Volkens: Für mich gehört es dazu, eine adäquate Risikobereitschaft zu zeigen, Nachhaltigkeit zu fördern, Freude an Veränderung zu vermitteln und die Gestaltungsfähigkeit bei stetigem Wandel zu erhalten. Führungskräfte sollten Empathie, Neugier, Inspiration und individuelle Wertschätzung vorleben und Internationalität und Toleranz als zentrale Werte installieren. Gerade mit Blick auf den notwendigen Umgang mit Komplexität müssen wir alle lernen, professionell mit Ambiguitäten und Dilemmata umzugehen. Will heißen: Auch Fehler zuzulassen und aus diesen zu lernen.

Gibt es einen Königsweg diese agile Kultur in den Unternehmen zu definieren und zu etablieren?
Anderson: Es gibt erstmal keinen Königsweg, jedes Unternehmen muss seinen eigenen Ansatz finden. Allerdings haben viele Organisationen vor ein paar Jahren versucht, die digitale Transformation an Digital Labs oder CDO-Organisationen zu delegieren. Die Erwartungen konnten nicht erfüllt werden. Es setzt sich immer mehr die Erkenntnis durch, dass die digitale Transformation von innen passieren muss und jeder Mitarbeiter im Unternehmen mitgenommen werden sollte. Damit sind wir wieder bei digitalen Kompetenzen für alle – also einer digitalen Kultur und Führung sowie der Ausgestaltung der neuen Arbeitswelt.

Ich bleibe dabei: Wir haben die Macht zu gestalten, weil uns unsere Fähigkeiten einzigartig machen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, der technische Fortschritt sei Teil der menschlichen Evolution. Stößt dieser Gedanke nun an eine Grenze, wenn durch die künstliche Intelligenz eine Technik Einzug erhält, die dem Menschen geistig hochüberlegen sein wird?
Volkens: Wir haben die Digitalisierung in den Evolutionskontext gesetzt, weil wir fest davon überzeugt sind, dass dieser Fortschritt mit seinem Ausmaß und seiner Geschwindigkeit uns als Menschen grundlegend verändern wird. Wir sagen aber auch, dass weder Technologie noch künstliche Intelligenz den Menschen ersetzen werden. Ich bleibe dabei: Wir haben die Macht zu gestalten, weil uns unsere Fähigkeiten einzigartig machen. Das sind Fähigkeiten die keine Maschine ersetzen kann: Empathie und emotionale Intelligenz.
Der Mensch ist eben nicht nur in der Lage, zu beobachten und zu analysieren, er kann sich auch in andere Menschen hineinversetzen. Intuition, Mimik und Gestik – das muss uns erst mal eine Maschine nachmachen. Weil wir mit diesen Fähigkeiten Zukunft gestalten und Treiber des Fortschritts sind, liegt die Zukunft des Digitalen in einer lebendigen Hand. Deshalb muss die Technologie notwendig dem Menschen dienen. Wir sind der Herr im eigenen Haus, das Digitale nur Knecht …
Anderson: … beziehungsweise ein Werkzeug: eine Verlängerung unserer eigenen Gestaltungskompetenz. Wir reden in meinen Augen zu wenig über die unglaublichen Möglichkeiten, die uns zum Beispiel die künstliche Intelligenz eröffnet. Wir sollten sehr selbstbewusst eine neue Stufe der menschlichen Evolution in Angriff nehmen.

Zum Buch

Cover Digital humanIn der Lebenswelt der Menschen ist die digitale Technik längst angekommen, das zeigt ein Blick auf die Mitreisenden im Zug oder Wartende am Flughafen: Ohne Smartphone geht da nichts. Erstaunlich dagegen ist, dass sich ausgerechnet Unternehmen weiterhin schwer damit tun, die digitalen Veränderungsprozesse anzugehen. Wohl auch, weil Führungskräfte und Mitarbeiter Angst haben, die neue Technik könnte den Menschen ins Abseits drängen. „Digital human“ funktioniert wie ein Mutmacher: Das Buch zeigt Wege auf, wie es gelingen kann, den Menschen in den Mittelpunkt der Digitalisierung zu stellen. Bettina Volkens, Kai Anderson: Digital human. Der Mensch im Mittelpunkt der Digitalisierung. Campus Verlag, 2017, 39,95 Euro.

 

 

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