Stadtforscher Stephan Willinger über Gamification

Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung

Foto: Fotolia/fotofabrika, BBSR
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Spielerisch zu Lösungen bei komplexen Aufgaben kommen – und dies auch noch unter der Teilnahme von Fachfremden: Das ist die Idee hinter Gamification. Die Fragen stellte Christoph Berger

Zur Person

Stephan Willinger ist Stadtforscher am Bundesinstitut für Bau, Stadt- und Raumforschung (BBSR) in Bonn. Zu seinen Aufgaben dort gehören die Nationale Stadtentwicklungspolitik, experimentelle Planungsmethoden sowie das Thema Bürgerbeteiligung. Willinger absolvierte ein Studium der Raumplanung an den Universitäten Dortmund und Berlin. Seit 2002 arbeitet er beim BBSR. Er lehrt an der Technischen Universität Dortmund.

Herr Willinger, Gamification ist ein Trend, spielerisch Lösungen für Herausforderungen zu entwickeln. Handelt es sich dabei überhaupt um einen Trend oder nicht eher um einen zeitgemäßen Weg zu kommunizieren?
Letzteres stimmt, wenn man Gamification nur als ein Mittel aus dem Werbe- und Unterhaltungsbereich ansieht, mit dem Botschaften schneller und attraktiver verbreitet werden können. Ich verstehe den Begriff aber breiter: als Anwendung spielerischer Elemente in einem eigentlich spielfremden Kontext. Dann gewinnt er an Schärfe und wird zu einer Herausforderung, gerade auch für Ingenieurberufe. In deren Denken waren Spiel und Ernst, also die Arbeit, bisher streng voneinander getrennt. Sie rücken aber derzeit näher zusammen.

Wie kann man sich das vorstellen, wie läuft so ein Spiel ab?
Echte Games gibt es im Kontext von Stadtentwicklung und Stadtplanung noch nicht viele. Das ist bislang begrenzt auf Anwendungen im Rahmen von Bürgerbeteiligungen, wo die Vorteile einer höheren Motivation der Mitspieler genutzt werden, um möglichst viele Bürger an Entscheidungen teilhaben zu lassen. Es wird aber gerade intensiv über weitere Einsatzfelder nachgedacht. So wurden im Rahmen einer BBSR-Studie ganz unterschiedliche mögliche Anwendungsfälle erarbeitet. Dabei geht es zum Beispiel um neue Wege des Mitplanens, um das Öffnen von Expertenaufgaben, um Impulse für die Daseinsvorsorge oder die Dezentralisierung kommunaler Dienstleistungen oder um ein Meldesystem für kommunale Dienstleistungen und Infrastruktur.

Welche Vorteile haben Serious Games gegenüber anderen Methoden?
Zum einen macht Gamification schwierige Inhalte auch für Fachfremde greifbar. Man kann die Konsequenzen von Entscheidungen unmittelbar darstellen und so auch für Laien komplexe Aufgaben bearbeitbar machen. Deswegen ist Gamification zum Beispiel bei Bürgerhaushalten sinnvoll, weil man dann sofort sehen kann, welche Konsequenzen Mehrausgaben in einem Bereich auf andere Felder haben. Außerdem entsteht eine andere Haltung zur eigenen Aufgabe, von der einzigen Lösung hin zu einem Strauß an Möglichkeiten.

Können auch Bauingenieure für ihre Projekte Gamification nutzen?
Jetzt komme ich nochmal auf mein weites Verständnis von „spielerischen Methoden“ und das Ziel, unsere Routinen des linearen Handelns aufzubrechen. Städte, Quartiere und Bauwerke befinden sich in einer fortschreitenden Digitalisierung. Wertschöpfungsprozesse, Alltagsorganisation, Verwaltungsabläufe und viele weitere Bereiche des öffentlichen und privaten Lebens verändern sich. Lösungen sind in einer solchen Situation immer öfter Zwischenlösungen. Nicht alles wird sofort perfekt sein. Deswegen müssen wir alle lernen, unsere Systeme flexibler und fehlerfreundlicher zu machen, in einem spielerischen Modus.

Weitere Infos zur BBSR-Studie „Smart Cities – Gamification, Prognosemärkte, Wikis & Co: Neues Wissen für die Stadt“:
https://bit.ly/2AFTMiy

Auf welche Fragestellungen können die Bauingenieure durch Spielen beispielweise Antworten finden?
Für einen schlauen Umgang mit Unsicherheit müssen überall neue – teils experimentelle – Allianzen mit anderen Disziplinen eingegangen werden. Dadurch ändern sich auch die Rollen: Wer ist hier eigentlich der Experte für was? Wer hat neue Ideen, die mir bei der Lösung meiner Probleme helfen können? Spielerische Methoden können Kommunikation öffnen, bei der gemeinsamen Erzeugung von Ideen helfen und mögliche Partner sichtbar machen. Im Kern geht es um die Fähigkeit, in Alternativen zu denken und den Möglichkeitsraum zu erweitern. Spielen enthält einen Moment des Umgangs mit dem Ungewissen, der heutzutage immer wichtiger wird. Arbeit – auch von Ingenieuren – wird deshalb in Zukunft nicht nur auf Genauigkeit und technische Vollkommenheit ausgerichtet sein.