Fehler frei!

Foto: Fotolia/ gena96/pun photo
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Wer Angst hat, macht Fehler. Und wer Fehler macht, hat Angst. Angst davor, dass der Chef unzufrieden ist, dass die Kollegen ihn auslachen, dass er sich selber als Versager fühlt. Dabei sind Fehler in den meisten Fällen hilfreich. Denn durch sie können auch und vor allem Berufseinsteiger lernen und sich persönlich weiterentwickeln. Von Sabine Olschner.

Thomas J. Watson, langjähriger Chef von IBM, soll einmal gesagt haben: „Wenn du Erfolg haben willst, dann verdoppele deine Fehlerrate.“ Das ist die Einstellung, die man typischerweise aus den USA kennt, wo Scheitern nicht als Manko gesehen wird, sondern als Mut, es zumindest versucht zu haben. Wer dort Fehler macht, bekommt eine zweite Chance und meist auch eine dritte. Ganz anders in Deutschland: Setzt hier zum Beispiel ein Unternehmer seine Firma in den Sand, gilt er als Versager. Egal, ob es um falsche Rechtschreibung oder ein kapitales Missgeschick geht: Wem bei uns Fehler passieren, der wird von seinem Umfeld dafür gerügt. Vor allem in der Unternehmenswelt ist eine positive Fehlerkultur immer noch ein Tabuthema: Mitarbeiter, die etwas falsch machen, gelten in den Augen ihrer Vorgesetzten als inkompetent – im schlimmsten Fall, wenn Fehler wiederholt auftreten, droht ihnen gar die Kündigung.

Erst langsam erkennen die ersten Unternehmen in Deutschland, dass eine positive Fehlerkultur auch zu Innovationen führen kann, und erlauben ihren Mitarbeitern, Dinge auszuprobieren, ohne dass dabei direkt ein Erfolg erwartet wird. Nicht selten entstanden schließlich bahnbrechende Erfindungen erst dadurch, dass etwas schiefgelaufen ist. Ein Beispiel ist die Entdeckung des Penicillins in den 1930er-Jahren: Der Arzt Alexander Fleming ließ einen gefährlichen Keim unbeaufsichtigt. Bis zu seiner Rückkehr hatte sich ein Pilz mit dem Namen Penicillium notatum entwickelt, der den Keim zerstörte. Ein paar Jahrzehnte später ließ ein Canon-Ingenieur einen heißen Lötkolben zu nahe an seinem Füller liegen. Durch die Erhitzung spritzte die Tinte aus dem Stift heraus – und der Ingenieur entwickelte aus dieser Beobachtung das Prinzip des Tintenstrahldruckers.

Beim Fehlermanagement steht Deutschland ganz hinten
Von diesen glücklichen Zufällen, die auf Fehlern basieren, gibt es noch eine ganze Reihe mehr in der Geschichte der besten Erfindungen. Dass ganz oft Fehler zu Innovationen führen, hat sich hierzulande aber offenbar noch nicht herumgesprochen: Beim Fehlermanagement steht Deutschland von 62 Ländern an vorletzter Stelle, weiß Dr. Michael Frese, Professor für Wirtschaftspsychologie an der Leuphana Universität Lüneburg und Experte zum Thema Fehlerkultur. Er plädiert deswegen für eine positive Fehlermanagementkultur: „Wir sollten Fehler nicht verteufeln. Pannen sind ein wunderbares Rohmaterial, um Neues zu entdecken. Das menschliche Gehirn ist imstande, über Irrwege zu herausragenden Ideen und Innovationen zu gelangen. In unseren Fehlern schlummert ein unschätzbares kreatives Potenzial.“

Recht hat der Wissenschaftler sicherlich. Doch das eigene Ego zweifelt trotzdem an sich: Fehler sind nun mal unangenehm. Man will sie ja eigentlich gar nicht machen. Was also tun, wenn doch einmal etwas falsch gelaufen und man mit sich selbst unzufrieden ist? „Hinfallen, aufstehen, Krone richten, weitergehen“, ist in dieser Situation das richtige Motto. Statt mit sich selbst zu hadern, was man hätte anders machen können, hilft es, nach vorne zu schauen und es noch einmal zu versuchen – und die Chance, dass es besser laufen wird, ist groß, weil wir ja schon wissen, wie es nicht geht.

In Fehlern schlummert unschätzbares kreatives Potenzial
„Hochscheitern“ rät auch Fernsehmoderatorin Katrin Bauerfeind, die aktuell zum Thema Fehlermachen ein Buch geschrieben hat: „Scheitern ist im ersten Moment immer schmerzhaft und fühlt sich an wie das Gegenteil von Erfolg. Ich glaube, es ist der Weg zum Erfolg, wenn man wirklich etwas will und daran glaubt, es erreichen zu können. Aus Fehlern lernt man, man entwickelt sich weiter, und oft genug sind sie im Nachhinein wichtig und richtig gewesen.“ Sie rät allen jungen Menschen, keine Angst vor dem Scheitern zu haben. „Mutig rein und wenn‘s schiefgeht, dann eben heiter weiter!“, so ihr Glaubenssatz.

Fehler sind menschlich. Trotzdem sollte man natürlich danach streben, dass so wenig wie möglich schiefgeht – für den eigenen Seelenfrieden, aber auch im Sinne des Arbeitgebers. Was also tun, damit es im Leben glatter läuft? Die häufigsten Fehlerquellen im Büro heißen „zu wenig Zeit“ und „zu wenige Informationen“, ist im neuen Buch „Fehler erlaubt“ der beiden Managementcoachs Gabriele Cerwinka und Gabriele Schranz zu lesen. Wer sich also mehr Zeit nimmt, um Aufgaben gewissenhaft zu erledigen, und dafür sorgt, dass er die richtigen Informationen zur Hand hat, bevor er mit einer Aufgabe beginnt, hat schon viel gewonnen. Unter Stress passieren zudem überproportional viele Fehler. Und in Stress gerät man oft, wenn man sich selber zu viel Druck aussetzt. Perfektionisten können ein Lied davon singen. Viel entspannter lässt es sich hingegen arbeiten, wenn man sich und anderen Fehler erlaubt – um dann zu schauen, was man aus ihnen lernen kann.

Nicht vergessen sollte man auch eine angemessene Entschuldigung, wenn etwas schiefgegangen ist. Mit der Bereitschaft, für einen Fehler geradezustehen, zeigen vor allem Einsteiger Charakterstärke. Und auch wenn es uns in unserer leistungsorientierten Gesellschaft schwerfällt, Fehler einzugestehen und zu akzeptieren: Es ist besser, sich auf das zu konzentrieren, was gut gelungen ist, als ständig mit der Angst zu leben, einen Fehler zu machen.

Buchtipps

Gabriele Cerwinka, Gabriele Schranz:
Fehler erlaubt.
Aus Fehlern lernen, statt Schuldige zu suchen.
Linde Verlag 2014.
ISBN 978-3709305157.
16,80 Euro

Rolf Schmiel:
Senkrechtstarter.
Wie aus Frust und Niederlagen die größten Erfolge entstehen.
Campus Verlag 2014.
ISBN 978-3593500089.
24,99 Euro

Giovanni di Lorenzo:
Vom Aufstieg und anderen Niederlagen.
Gespräche mit Zeitgenossen.
Kiepenheuer&Witsch 2014.
ISBN 978-3462047103.
18,99 Euro

Katrin Bauerfeind:
Mir fehlt ein Tag zwischen Sonntag und Montag.
Geschichten vom schönen Scheitern.
Fischer Taschenbuch 2014.
ISBN 978-3596198917.
14,99 Euro