Der Geduldsfaden beginnt zu reißen, mit Blick auf Frauen im Top-Management soll endlich mehr passieren: Die Regierung will reine Männerriegen an der Spitze der Unternehmen sanktionieren. Zudem entsteht eine Reihe neuer Initiativen und Stiftungen, die Frauen sehr gezielt nach oben bringen wollen – sogar bis ins All. Von André Boße
„Gleichstellung von Frauen und Männern ist eine Frage der Gerechtigkeit“, heißt es im Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und der SPD. „Sie ist Voraussetzung und Motor für eine nachhaltige Entwicklung und Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft, national und international.“ Diese Passage findet sich in dem fast 180 Seiten dicken Papier an prominenter Stelle, auf Seite 23. Hier zeigt die Neuauflage der Regierung: Dieses Thema ist der GroKo wichtig. Noch immer gebe es „vorhandene strukturelle Hemmnisse“, die abgebaut werden müssten. Denn: „Frauen sind in Führungspositionen noch immer unterrepräsentiert“ – trotz des Führungspositionen-Gesetzes mit der schönen Abkürzung FüPoG, das seit 2016 gilt und zweierlei besagt: Für die großen Unternehmen gilt eine Quote von mindestens 30 Prozent Frauen für neu zu besetzende Posten im Aufsichtsrat. Für die anderen, kleineren hat das FüPoG eine „Zielgrößenverpflichtung“ formuliert, die jedoch „keine Mindestzielgrößen“ vorsieht. Das klingt butterweich, und tatsächlich: Wenn ein Unternehmen seine Ziele selbst festlegen kann und es auch keine Mindestzielgröße gibt, dann kann das eben auch heißen: Mit einer „Null“ kommt man durch. Zumindest bislang. Schweden gegen Deutschland 4:0 Die AllBright-Stiftung hat einen schwedischen Gründer, daher liegt ein Vergleich zu Deutschland nahe. Auch im Norden Europas kam der Kulturwandel trotz guter politischer Voraussetzungen erst langsam in Gang. Doch bildeten diese die Basis für einen Wandel, der schließlich von den Unternehmen ausging. Die aktuellen Zahlen, analysiert von der AllBright-Stiftung, im Vergleich:Schweden gegen Deutschland 4:0
Frauen in Vorständen: Schweden 21% – Deutschland 7,3% Weibliche Vorstandsvorsitzende: Schweden 6% – Deutschland 1,9% Frauen in Aufsichtsräten: Schweden 33% – Deutschland 27,5% Weibliche Aufsichtsratsvorsitzende: Schweden 6% – Deutschland 3,1%
Die „Null“ steht? Sanktionen drohen
Doch damit soll es jetzt vorbei sein, die Regierung will ein „besonderes Augenmerk auf Unternehmen ohne Frauen in Führungspositionen legen, die sich eine Zielgröße „Null“ geben.“ Eine Kapitalgesellschaft, die diese „Null“ nicht meldet und auch begründet, soll nun sanktioniert werden können – nach Paragraph 335 des Handelsgesetzbuches, in dem teils üppige Bußgelder in Millionenhöhe festgesetzt werden, wenn eine Kapitalgesellschaft gegen Offenlegungen oder Meldepflichten verstößt. Kurz: Reine größere Männerunternehmen, die sich weder bemühen noch Sensibilität für das Thema zeigen, sollen zur Kasse gebeten werden. Wie diese Kontrolle des FüPoG nun genau gestaltet wird und wie wirksam sie sein wird, ist noch offen. Es zeigt sich aber: Die neue Regierung will verhindern, dass einige modern denkende Unternehmen den Kulturwandel einleiten, während andere männerdominierte Arbeitgeber stur den Kopf in den Sand stecken. Diese politischen Vorhaben der neuen Regierung treffen in Deutschland auf eine Kultur des Wandels, die an vielen Stellen an Dynamik zulegt. Initiative ergreifen dabei häufig einzelne Akteure aus Forschung oder Wirtschaft – es zeigt sich: Die Ungeduld wächst, der Druck, zu handeln, wird größer. Zum Beispiel bei der Luft- und Raumfahrtingenieurin Claudia Kessler, die sich nicht damit abfinden wollte, dass bislang elf deutsche Männer ins All geflogen sind – aber noch keine einzige Frau. Der karriereführer berichtete schon vor einem Jahr von ihrem 50-Millionen-Euro-Projekt „Die Astronautin“, das von Airbus und anderen Förderern unterstützt wird, aber auch auf einer Crowdfunding-Kampagne aufbaut.Der Flug zur Raumstation ISS ist für das Jahr 2020 geplant. Derzeit sind noch zwei Kandidatinnen im Rennen, die Meteorologin Insa Thiele-Eich sowie die Astrophysikerin Suzanna Randall, die erst vor kurzem für die Pilotin Nicola Baumann nachgerückt war. „Ich möchte zeigen, dass es für ganz normale Frauen möglich ist, sich aus eigener Kraft das notwendige Wissen zu erarbeiten, um Astronautin zu sein“, sagt Suzanna Randall, 38 Jahre, eine gebürtige Kölnerin, die in London und Montreal studierte und derzeit in der Europäischen Südsternwarte in Garching bei München als Wissenschaftlerin der Astrophysik tätig ist. Eine von den beiden Frauen wird es schaffen, die andere aber vielleicht folgen, denn „Die Astronautin“ soll keine Exotin bleiben, sondern sich zum Normalfall entwickeln.Interkulturelle Sommer-/Winterakademie
Zweimal jährlich bietet der Verein Interculture in Kooperation mit dem Bereich Interkulturelle Wirtschaftskommunikation der Universität Jena Workshops an. Mehr Infos unter: www.interculture.de/ausbildungweiterbildung/iksommerakademie
Initiativen aus der Start-up-Szene
Aus der Berliner Creative-Startup-Szene heraus gründeten Lea Vajnorsky und Robin Haak Ende 2017 die Plattform Wo/men Inc., die karrierebewussten Frauen beim Aufbau eines funktionierenden und vielschichtigen beruflichen Netzwerks unterstützen möchte. „Ermutigend, sinnstiftend und Businessorientiert“ solle dieses Netzwerk sein. „Wir sind der festen Überzeugung, dass das erfolgreiche Miteinander nicht von der Gender-Frage abhängt“, sagen die beiden Gründer. Idee von Wo/men Inc. sei es daher, überall auf der Welt Räume zu erschaffen, in denen sich kreative und erfolgshungrige Frauen, aber auch Männer, begegnen, einander inspirieren und einander helfen.Die Initiative hat sich einige hochkarätige Partner wie Adidas oder den Co-Working-Space-Anbieter Mindspace gesichert, die ersten Veranstaltungen finden in Tel Aviv, Berlin und San Francisco statt, was zeigt: Diese Initiative denkt global. Ein Kooperationspartner ist auch das Förderprogramm Ada Accelerator, das es sich zur Aufgabe gemacht hat, Frauen als Gründerinnen von technischen Startups zu unterstützen. Noch immer seien weibliche Gründer in Deutschland die Ausnahme, nur 14 Prozent aller Startups werden von Frauen gegründet, bei technisch orientierten Startups liegt die Quote bei lediglich fünf Prozent, sagt die Projektleiterin Joy Spenner. Übrigens leitet sich der Name Ada von der britischen Pionierin Ada Lovelace ab, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine der besten Mathematikerinnen war sowie als erste Programmiererin der Welt gilt: Für die „Analytische Maschine“ – einen damals nur in der Theorie existierenden Computer – entwickelte sie Programme, die viele Eigenschaften von späteren Computersprachen vorwegnahmen. Ein Pioniergeist wie der von Ada Lovelace wäre eine Bereicherung für alle Teams, die sich heute mit den wichtigen Fragen der Innovation beschäftigen. Für die AllBright-Stiftung gilt hier der meritokratische Ansatz – abgeleitet von „meritum“, dem lateinischen Begriff des „Verdienstes“: Führungsteams sollten mit den Begabtesten besetzt werden, anstatt sich auf die Rekrutierung aus einer immer gleichen homogenen Gruppe zu beschränken.Frauen stark in den Branchen Gesundheit und Handel
Das Wirtschaftsauskunftsunternehmen CRIF Bürgel wertete Anfang März seine Datenbank mit mehr als einer Million Unternehmen aus, um die Entwicklung bei Frauen im Top-Management zu analysieren. Laut einer Meldung der dpa erhöhte sich der Anteil im Frühjahr 2018 im Vergleich zum Vorjahr um 1,2 Prozentpunkte auf 22,6 Prozent. Am stärksten vertreten sind Frauen im Top-Management von Unternehmen des Gesundheitswesens (36,5 Prozent). Es folgt der Handel mit 25,9 Prozent. Ganz unten: der Maschinenbau (10,8 Prozent) und das Bauwesen (11,1 Prozent). Quelle: dpa.
Gegründet wurde die Stiftung 2011 vom schwedischen Banker und Finanzinvestor Sven Hagströmer, seit 2016 ist von Berlin aus eine deutsche Schwesterstiftung tätig, deren Geschäfte von Wiebke Ankersen geführt werden. Sehr genau analysiert die Stiftung die Dynamik des Wandels, bei den mittleren und kleinen Börsenunternehmen stellt Ankersen dabei eine Art „satte Trägheit“ fest: „Der deutschen Wirtschaft geht es ja zurzeit ziemlich gut. Dazu passt, dass diese kleineren und mittleren Börsenunternehmen auch diejenigen sind, die auch bei der Digitalisierung hinterherhinken.“ Männer dominieren weiterhin die Vorstände der großen Unternehmen und neigen laut einer Analyse der Stiftung nicht dazu, diese Ungleichheit der Geschlechter zu ändern. Der Grund dafür sei, dass sie größtmögliche Reibungslosigkeit in der Zusammenarbeit wollen. „Es ist am Ende eine Bequemlichkeit der rekrutierenden Manager, denn Vielfalt im Führungsteam ist zweifellos anstrengender.“Veranstaltungstipp der Redaktion
Das Ada Lovelace Festival ist eine Plattform für Young Professionals aus der Informatik- und Technologiebranche, um sich über die neuesten Trends, Forschungsergebnisse und Erfolgsgeschichten von Frauen in der IT auszutauschen. Connecting Women in Computing & Technology 11./12. Oktober 2018 in Berlin http://wiwo.konferenz.de/ada
Nicht Frauen müssen sich ändern – sondern das System
Dieser Einheitsbrei sei auf individueller Ebene sogar nachvollziehbar, jedoch überhaupt nicht im Interesse der Unternehmen: „Ökonomisch ist es nicht sinnvoll. Diese extrem homogenen Führungsteams können sogar riskant sein, weil alle über dasselbe Wissen und die gleichen Erfahrungen verfügen. Das führt zu einem verengten Blickwinkel und manchmal auch zu gefährlichem Gruppendenken, in dem keiner mehr etwas infrage stellt“, sagt Wiebke Ankersen. So manövrierte man sich einstimmig in eine Krise, Beispiele dafür finde man heute regelmäßig in den Wirtschaftsteilen der Zeitungen. Gerade bei Geldgebern werde das Risiko der reinen Männervorstände mittlerweile erkannt, wie Wiebke Ankersen beobachtet hat: „Frauen im Top-Management von Unternehmen sind auch ein guter Indikator, die großen internationalen Investoren sehen daher sehr genau hin, wie die Vorstände der Unternehmen besetzt sind.“
Generation Z startet ins Berufsleben
Die Generation Z steigt in die Arbeitswelt ein. Aktuell verlassen die ersten Absolventen, die zur Generation Z zählen (zwischen 1993 und 1999 geboren), die Hochschulen. Die Absolventenstudie 2017 von Accenture Strategy zeigt, was sie sich wünschen und was sie erwartet: Die Generation Z ist zwar flexibel und gut vorbereitet, doch ein Problem für sie ist Unterforderung: Zwei Drittel der befragten Berufsanfänger fühlen sich im Job nicht genügend ausgelastet und gefordert. Sie möchten am liebsten in einem Großunternehmen arbeiten und kehren zu traditionellen Werten zurück: Ein klarer Karriereweg, Stabilität, Weiterbildungen und Mentoring sowie ein angemessenes Gehalt sind den Absolventen wichtig. Mehr dazu: www.accenture.com/de-de/insightgenzrising
Mit der Generation Z, ihren Perspektiven, Wünschen und Vorstellungen von Arbeit befasst sich Prof. Dr. Christian Scholz. http://diegenerationz.de


Diana Dreeßen: Du musst nicht verreisen, um bei dir anzukommen. dtv 2017. 14,90 Euro.

Bernhard Schlink, Autor des Weltbestsellers „Der Vorleser“, erzählt in seinem neuen Roman die Geschichte von Olga, einer starken, klugen Frau – und gleichzeitig ein ganzes Jahrhundert deutscher Geschichte. „Bernhard Schlink hat uns mit Olga eine stolze wie gradlinige, mutige, selbstbewusste und aufrechte Frauengestalt geschenkt“, urteilte Deutschlandfunk Kultur. Bernhard Schlink: Olga. Diogenes 2018. 24 Euro. Auch als Hörbuch und EBook erhältlich!
Hubertus Meyer-Burckhardt, preisgekrönter Film- und TV-Produzent, Journalist, Manager in der Medienbranche, Schriftsteller und seit vielen Jahren Gastgeber der „NDR Talk Show“, hat viele Menschen interviewt. Und immer wieder Frauen, die ihn tief beeindruckt haben – unter anderem in seiner Radiosendung „Meyer-Burckhardts Frauengeschichten“ auf NDR Info. Frauen, „die etwas ›vertragen‹, die das Leben abkönnen, die sich dem Leben stellen, die mutig sind und unvernünftig, die sich für ihre Lebenszeit verantwortlich fühlen und für nichts anderes.“ Zehn von Ihnen porträtiert er in seinem neuesten Buch „Frauengeschichten“, darunter Doris Dörrie, Ina Müller, Marianne Sägebrecht und Barbara Schöneberger. Hubertus Meyer-Burckhardt: Frauengeschichten. Gütersloher Verlagshaus 2017. 19,99 Euro Der Autor ist auf Lesereise. Alle Termine auf
Enrico Brissa ist promovierter Jurist und weiß, was sich gehört: 2011 bis 2016 war er als Protokollchef im Bundespräsidialamt tätig, unter den Bundespräsidenten Wulff und Gauck. Seit 2016 leitet er das Protokoll beim Deutschen Bundestag. Nun hat er ein Buch veröffentlicht – ein Plädoyer für die schönen Künste der Höflichkeit. Er erklärt, wie man einen Toast ausbringt, wie man sich stilvoll entschuldigt oder wie man lernt, mit Komplimenten umzugehen. Ein unterhaltsames wie lehrreiches Kompendium des sozialen Miteinanders mit Illustrationen von Birgit Schössow. Enrico Brissa: Auf dem Parkett. Kleines Handbuch des weltläufigen Benehmens. Siedler 2018. 18 Euro



