Das letzte Wort hat: Dr. Sarah Tacke, Juristin, Journalistin und Leiterin der ZDF-Redaktion Recht und Justiz

Dr. Sarah Tacke, Foto: ZDF - Jens Koch
Dr. Sarah Tacke, Foto: ZDF - Jens Koch

Dr. Sarah Tacke ist Leiterin der Redaktion Recht und Justiz beim ZDF. Journalistin zu werden war von Anfang an das Ziel der promovierten Juristin. Die Fragen stellte Dr. Marion Steinbach.

Zur Person

Dr. Sarah Tacke, Jahrgang 1982, hat in Freiburg, Lausanne und Hamburg Jura studiert. 2009 wurde sie in Hamburg mit ihrer Dissertation zum Thema „Medienpersönlichkeitsrecht“ promoviert. Schon während des Studiums begann sie, journalistisch zu arbeiten. Ihr Volontariat absolvierte sie beim NDR. Sie leitet die Redaktion Recht und Justiz beim ZDF und moderiert das Wirtschaftsmagazin WISO.

Warum haben Sie vor der Ausbildung zur Journalistin Jura studiert?
Mit dem Jurastudium wollte ich mir Wissen und Freiheit erarbeiten – die Freiheit, nicht jeden Job zu jeder Bedingung machen zu müssen. Und ein juristisches Wissen, das einem hilft, Politik, Gesellschaft, aber auch den Alltag zu sortieren. Die beiden Arbeitsbereiche sind sehr unterschiedlich.

Wie bringen Sie das zusammen?
So unterschiedlich sind Jura und Journalismus gar nicht. Im Jurastudium wird man darin geschult, viele Informationen schnell zu erfassen und dann Wesentliches von Unwesentlichem zu trennen. Genau diese Denkschule hilft mir heute jeden Tag. Außerdem muss ich auch in meinem Job immer wieder rein in die Tiefe. Denn die Fragen, die wir erklären, sind in der Regel sehr komplex und oft auch Neuland. Und um sie erklären zu können, muss man die Themenfelder erstmal selbst durchdringen. Da gehen wir oft unter sehr hohem Zeitdruck sehr in die Tiefe.

Welche Kompetenzen aus dem Jurastudium kommen Ihnen heute zugute?
Am Ende des Jurastudiums steht das Staatsexamen. Eine hammerharte Prüfung, in der sehr viel abgeprüft wird. Deshalb habe ich im Jurastudium zum ersten Mal richtig gelernt zu lernen. Nämlich nachhaltig – so, dass (fast) alles im Kopf bleibt. Und dieses geschulte Jura-Hirn ist bis heute in der Lage, blitzschnell Einschätzungen in allen möglichen Rechtsgebieten und Rechtsfragen zu geben. Nicht immer ad hoc vollständig – aber das Judiz, das juristische Urteilsvermögen, führt einen in der Regel in die richtige Richtung.

Was ist die größte Herausforderung bei Ihrer Arbeit?
Die größte Herausforderung ist das Verstehen, um verstanden zu werden. Denn nur das, was man verstanden hat, kann man auch erklären. Genau das ist meine Kernarbeit: recherchieren, lesen, nachhaken bis ich eine Frage wirklich durchdrungen habe.

Was war Ihr „schwerster Fall“ bei der juristischen Berichterstattung?
Vermutlich der Fall Sebastian Edathy: Ein Bundestagsabgeordneter, der im Verdacht stand, sich den Missbrauch von Kindern auf Bildern und Videos angesehen zu haben. Im Nachgang habe ich viel über Kinderpornographie berichtet, wie Ermittler vorgehen und welche Lücken unser Rechtssystem hier hat. Dafür musste ich mir auch Missbrauchsaufnahmen ansehen, um Bilder zu finden, die wir im Fernsehen zeigen können. Was ich da sehen musste, werde ich nie vergessen können.

Sie sind überdies „Presenterin“ bei der neuen ZDF-Reihe „Am Puls“. Mit was für Themen beschäftigen Sie sich da?
Ich empfinde es als großes Privileg, durch die Sendereihe „Am Puls“ intensiv in andere Lebenswelten eintauchen zu können. Bei meiner ersten „Am Puls“-Doku zum Thema Fachkräftemangel konnte ich viel in den Berufen der Protagonisten mitarbeiten und habe so nochmal ein anderes Verständnis für Jobs bekommen, die ich vorher nie ausprobiert hatte. Dieser Perspektivwechsel hat etwas mit mir gemacht. Bei meiner zweiten „Am Puls“-Doku bin ich in die Welt krimineller Jugendlicher eingetaucht. Da sind mir Schicksale anvertraut und Einblicke gewährt worden, die mich immer noch sehr bewegen. Beide Filme haben mir aus unterschiedlichen Gründen neue Perspektiven und damit auch ein neues Verständnis ermöglicht.

Was raten Sie Jura-Absolventinnen und -Absolventen, wenn sie in den Journalismus wollen?
Ich würde immer raten, sich neben dem Studium schon etwas auszuprobieren – ob bei einer Zeitung oder auf Social Media. Und dann in der Wahlstation im Referendariat drei Monate zum Beispiel bei uns in der ZDF-Redaktion Recht und Justiz oder in einem anderen Medienunternehmen als Journalistin zu arbeiten. Da kann man in relativ kurzer Zeit herausfinden, ob der Traumjob wirklich zu einem passt. Außerdem ist nach dem Studium oder nach dem Referendariat eine journalistische Ausbildung sehr sinnvoll. Was man grundsätzlich mitbringen sollte, sind Neugier, Freude am Verstehen und Erklären und ein aufrichtiges Interesse an komplexen Inhalten.