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Jetzt startet die Dekade der Naturwissenschaften

Wie nie zuvor kommt es heute darauf an, mithilfe der Forschung globale Risiken zu identifizieren und an Problemlösungen zu arbeiten. Es liegt dabei in der Hand der jungen Generation, zu beweisen, dass Wissenschaft und Wirtschaft keine Gegenspieler sind, sondern die gleichen Ziele verfolgen. Ob im Kampf gegen Krankheiten oder gegen den Klimawandel: Wohlstand gibt es nur in einer gesunden und nachhaltigen Welt. Von André Boße

Treffen sich eine Wissenschaftsjournalistin und ein Virologe im virtuellen Raum eines Podcasts und reden miteinander, minutenlang geht es um Themen, die für Laien zunächst so fremd wirken wie die sprichwörtlichen böhmischen Dörfer, es geht um Viruslasten und Replikationen, um den Unterschied zwischen Ribonukleinsäure und Desoxyribonukleinsäure, um die drei Zelltypen, nämlich die Ziliierten Zellen, Clara-Zellen und die Becherzellen. Wie viele Menschen hätten bei einem solchen Gespräch in normalen Zeiten zugehört? Ein paar Hundert vielleicht, Leute aus der Forscher-Community. Dass die Zeiten alles andere als normal sind, zeigt der gigantische Erfolg des Podcasts, den der Charité-Virologe Christian Drosten zusammen mit NDR-Info auf die Beine gestellt hat. Millionenfach werden die Folgen abgerufen, in der Frühphase der Pandemie, Mitte und Ende März, als ein ganzes Land nur noch auf Sicht fahren konnte, funktionierten die Erläuterungen von Drosten wie ein letzter Anker im Alltag. Kein Wunder, dass das Format im Sommer den „Grimme Online Award“ gewonnen hat.

Naturwissenschaft wird gehört

An dem Podcast zeigt sich eine Entwicklung, und zwar auch unabhängig von Corona und Lockdowns: In dieser komplexen Welt mit ihrer schwindelerregenden Ereignisdichte finden naturwissenschaftliche Stimmen Gehör. Insbesondere dann, wenn ihnen bei der Kommunikation gelingt, inhaltliche Dichte und niedrigschwellige Ansprache in Balance zu bringen. Christian Drosten vereinfacht seine Themen kaum (und wenn, dann mit hörbarem Unbehagen), aber er erklärt sie mit Geduld und Empathie gegenüber seinen Zuhörern, auch weil er weiß: Wer hier zuhört, der will etwas lernen – und nicht nur unterhalten werden. „Ich erzähle hier ja keine Gutenachtgeschichten“, sagte er am Ende der 50. Folge.

Dabei ist Drostens Erfolg kein Einzelfall: Auf Youtube hat sich die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim mit fundierten Clips ein Millionenpublikum erarbeitet; ihr Kanal „maiLab“ zählt für viele Menschen zum ersten Anlaufpunkt, um zu erfahren, wie naturwissenschaftliche Forschung, politische Entscheidungen und öffentliche Berichterstattung zusammenhängen. 2019 erhielt Mai Thi den renommierten Hanns-Joachim-Friedrichs-Preis, zusammen mit dem TV-Kollegen Harald Lesch, dessen Fernsehsendungen ebenfalls komplexe Inhalte und zuschauerfreundliche Ansprache kombinieren.

Woher das Interesse an Forschung und den Naturwissenschaften in dieser Pandemie rührt, ist offensichtlich: Alle Systeme der Öffentlichkeit –Politik, Wirtschaft, Bürgertum – benötigen händeringend Informationen, um die Risiken dieser neuen Krankheit COVID-19 abzuschätzen. Was bringen Kontaktsperren? Wie ansteckend sind Kinder? Welche statistischen Methoden gibt es, um die Ansprüche an das Gesundheitssystem zu ermitteln? Im Corona-Jahr 2020 zeigt sich, dass die Forschung eben nicht nur dafür da ist, Lösungen für eine kaum absehbare Zukunft zu finden. 2020 wird deutlich, wo ihre Kernaufgabe liegt: In der Bewertung der Risiken der Gegenwart – und der Suche nach Lösungen.

In Geiselhaft der Politik

Wichtig zu erwähnen: Auch Naturwissenschaftler besitzen keine Superkräfte. „Der grundsätzliche Anspruch, dass ‚die Wissenschaften‘, namentlich die Naturwissenschaften, im Alleingang die meisten Probleme der Menschheit lösen können, wird heute nicht mehr ernsthaft vertreten“, so Dr. Uta Müller, Leiterin des Themenbereichs Ethik und Bildung im Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften (IZEW). In der aktuellen Situation zeige sich, dass man mithilfe der Forschung zwar über die Charakteristika des Corona- Virus aufklären könne. „Aber bereits dann, wenn es um die Ansteckungsgefahr geht, werden in der Forschung praktische – nicht-biomedizinische – Überlegungen relevant.“ In diesem Moment gelangen andere Felder ins Blickfeld: Gesellschaft, Politik, Wirtschaft. Die Ergebnisse der Forschungen hätten zwar Auswirkungen auf weitere Handlungsentscheidungen, so Uta Müller, sie werden aber „von politischen Akteur*innen in einem gesellschaftlichen Kontext interpretiert“.

Preprint und die Qualität

In den Naturwissenschaften sind Prepint-Server eine Art Versuchslabor für Studien: Hier werden sie bewertet, weisen Kollegen auf Fehler hin. Durch die Öffentlichkeitswirksamkeit im Zuge der Corona-Krise fühlen sich einige Forscher motiviert, dort früher als üblich Studien zu publizieren, mit der Folge, dass Cochrane Deutschland – ein Bewertungsnetzwerk für wissenschaftliche Arbeiten aus dem Gesundheitsbereich – die Qualität einiger Preprint-Studien bemängelte: „In der Tat sehen wir zur Zeit aus aller Welt eine große Anzahl von Studien zu COVID-19 mit teils erheblichen methodischen Limitationen, beispielsweise ohne Vergleichsgruppen oder mit sehr geringen Teilnehmerzahlen, die auf die Schnelle als Preprint ohne Peer Review veröffentlicht werden. Solche Studien werden dann gelegentlich in sozialen und sonstigen Medien, teils auch durch Wissenschaftler selbst, als wichtige wissenschaftliche Ergebnisse dargestellt, die Entscheidungen in der Gesundheitsversorgung einzelner Patienten oder auch politische Entscheidungen auf Systemebene begründen sollen. Dies ist äußerst problematisch, da die Berichterstattung oft die Unsicherheit nicht ausreichend berücksichtigt, die wir in Bezug auf viele Fragen im Zusammenhang mit COVID-19 leider noch immer haben“, sagt Jörg Meerpohl, Direktor von Cochrane Deutschland.

Genau das passiert im Zuge dieser Pandemie andauernd: Die Naturwissenschaft stellt Fakten zur Verfügung – dann kommen Protagonisten aus anderen Bereichen und vereinfachen, dehnen oder interpretieren sie so, dass diese Fakten zu Begründungen des eigenen Handelns werden. Das Prolem: Die Naturwissenschaft wird damit in Geiselhaft genommen.

Mai Thi hat das in einem Clip auf ihrem „maiLab“-Kanal sehr gut dargestellt: Die Naturwissenschaften bieten Antworten auf das „What?“, „Was ist Sache?“. Die gesellschaftlichen Akteure benötigen jedoch ein „Was machen wir daraus?“. Die Pandemie zeigt, dass sich Naturwissenschaftler hier in einem Spannungsfeld bewegen: Es will gelernt sein, zu jeder Zeit zwischen „What?“ und „So what?“ zu unterscheiden. Nur so kann man verhindern, von der Politik oder anderen gesellschaftlichen Akteuren vor den Karren gespannt zu werden, so wie es im Zuge von Corona selbst einigen hockrenommierten Wissenschaftlern passiert ist.

Konstruktiv gegen den Klimawandel

Bleiben wir noch kurz bei der Pandemie: Die naturwissenschaftliche Suche nach dem Heiligen Gral ist die Forschung nach wirksamen Impfstoffen. Was, wenn dieses Vorhaben gelingen wird, pendelt sich dann alles wieder ein? Tritt die naturwissenschaftliche Forschung also wieder zurück in die zweite Reihe, erreichen wissenschaftliche Podcasts wieder nur ein Fachpublikum? Niemand kann es vorhersagen, aber man darf vermuten: Nein. Schließlich steht der Weltgesellschaft die wohl größte Herausforderung noch bevor, nämlich der Kampf gegen die Erderwärmung. Auch hier nimmt die Naturwissenschaft eine wichtige kommunikative Rolle ein.

Der erste Schritt erfolgte vor 10 bis 15 Jahren: In ihrem Buch „Alltagsbilder des Klimawandels“ schrieb die Autorin Melanie Weber im Jahr 2008: „Der globale Klimawandel stellt nicht nur ein komplexes globales Umweltproblem dar, sondern ist für Laien überhaupt erst durch die Kommunikation der Wissenschaft wahrnehmbar.“ Sprich: Ohne die Erkenntnisse und die Kommunikation dieser Erkenntnisse vonseiten der Naturwissenschaft wäre das Risiko „Erderwärmung“ wohl kaum mit dieser Wirkung in die Gesellschaft durchgedrungen. Heute, 12 Jahre später, hat sich die Rolle der Naturwissenschaftler geändert. Längst sind die Folgen der Erderwärmung bekannt und werden an immer mehr Orten in der Welt offensichtlich: Wärmerekorde in Sibirien, Dürremonate in Deutschland, Vibrionen-Belastung in der Ostsee. Wie bei der Pandemie geht es daher nun verstärkt darum, an konstruktiven Alternativen und Lösungen zu forschen.

Zu tun gibt es für die verschiedenen Naturwissenschaften eine Menge. Die Chemie beschäftigt sich eindringlich mit der Frage, ob das Wasserstoffauto eventuell eine viel größere Zukunft hat als das Elektromobil. Die Physik erarbeitet zusammen mit der Mathematik Simulationen über das globale und regionale Klima, bindet diese in soziökonomische Szenarien ein. Die Biologie schaut zum Beispiel gebannt auf die Entwicklung der globalen Moorlandschaften, die zwar nur drei Prozent der Landfläche bedecken, jedoch mit 400 bis 550 Gigatonnen 20 bis 30 Prozent des gesamten im Boden gelagerten Kohlenstoffs speichern: „Jeder Hektar geschütztes Moor spart jährlich rund neun Tonnen CO2 ein, knapp so viel, wie jeder von uns im Durchschnitt pro Jahr verursacht“, erklärt der WWF-Naturschutzexperte Michael Zika in einer Presseerklärung der Bundesregierung zum Thema Moore und Klimaschutz.

Die Agrarwissenschaft wiederum steht vor der Aufgabe, Grundlagen für neue Formen von Landwirtschaft zu erforschen, die Böden und Umwelt schonen – und dennoch die Ernährungssicherheit garantieren. Und die Pharmazie? Wird sich in den kommenden Jahren ohnehin nicht über mangelnde Arbeit beklagen. Noch einmal will sich die globalisierte Welt nicht von einer Pandemie überraschen lassen, in den folgenden Jahren wird es darum gehen, potenzielle Viren und andere Krankheitserreger noch genauer zu erforschen, um epidemiologische Risiken zu verringern. Wobei sich Staaten und Unternehmen sehr gut überlegen werden, hier Forschungsgelder zu kürzen. Im Gegenteil, es ist anzunehmen, dass die Entwicklungsabteilungen und Institute leichter denn je an die für ihre Arbeit notwendigen Mittel kommen.

Ökologie und Ökonomie – es geht nur zusammen

Egal, in welcher der Naturwissenschaften die kommende Generation tätig sein wird: Sie steht vor einer großen Chance. Erneut erteilt die Pandemie eine Lehre: Offensichtlich wird, dass in denjenigen Ländern die Wirtschaft mittel- und langfristig profitiert, in denen die notwendigen Lockdowns frühzeitig, konsequent und lange genug angeordnet und befolgt wurden. Hat man dabei zu Beginn der Corona-Zeit häufig eine Konkurrenzsituation zwischen Ökonomie und Virologie erzeugt, nach dem Motto „Die einen wollen öffnen, die anderen verbieten das“, zeigte sich später, dass es starke gemeinsame Interessen von Gesundheit und Wirtschaft gibt. Prägend war hier zum Beispiel eine gemeinsame Studie des Wirtschaftsinstituts ifo sowie des Helmholtz-Instituts für Infektionsforschung HZI, in der die Forscher eindeutig das Fazit ziehen: „Es zeigt sich, dass es in Bezug auf eine starke Lockerung der Maßnahmen keinen Konflikt zwischen wirtschaftlichen und gesundheitlichen Kosten gibt.“

maiLab: Wissenschaft und Öffentlichkeit

In ihren jüngeren Clips des „maiLab“-Kanals zeigte Mai Thi eindrucksvoll, welche Auswirkungen eine verdrehte Berichterstattung über die Wissenschaft haben kann. „Wissenschaftler irren“ heißt eine Folge der Reihe: Mai This Anliegen ist es hier, klarzustellen, dass die Naturwissenschaft dann, wenn sie sich neuen Themen widmet (und das Corona-Virus ist so eines), immer neue Fakten erforscht, die schließlich zu neuen Erkenntnissen führen – eine Selbstverständlichkeit, die bitte weder mit Meinungen noch mit Unfehlbarkeit verwechselt werden dürfe. Ihr Credo: „Solange man sich den Grenzen der wissenschaftlichen Erkenntnis bewusst ist, ist Wissenschaft für komplizierte gesellschaftlich relevante Fragen die verlässlichste Entscheidungsgrundlage, die wir haben.“ www.youtube.com/mailab

Wer dieses Denken übernimmt, hat als Naturwissenschaftlerin oder Naturwissenschaftler jetzt beste Chancen – ob in der freien Wirtschaft, an einem der Institute oder an den Hochschulen. Der Kampf gegen den Klimawandel, gegen Feinstaub in der Luft, Plastikmüll in den Ozeanen? Ökonomie und Ökologie sind stets Partner, wenn es darum geht, lähmende und teure Katastrophen zu verhindern und neue Wachstumsmärkte zu erschließen. Die Kooperation aus Ökonomen und Naturwissenschaftlern bei der gemeinsamen Studie von ifo und HZI zeigt, welche Erkenntnisse möglich sind, wenn verschiedene Wissenschaften miteinander statt gegeneinander arbeiten: Gemeinsam entwickelte Forschungsszenarien zeigen der Gesellschaft auf, was Sache ist. Was daraus gemacht wird, bleibt in der Verantwortung der politischen und gesellschaftlichen Entscheidungsträger. Doch wenn sich Physik und Pharmazie, Biologie und Physik in dieser extrem herausfordernden Zeit der Aufgabe stellen, das „What?“ nicht nur zu erforschen, sondern auch zu kommunizieren, dann ist 2020 tatsächlich der Startpunkt der Dekade der Naturwissenschaften.

Der Biotechnologe Prof. Dr. Stefan Schillberg im Interview

Geht es nach Stefan Schillberg, schlägt in diesem Jahrzehnt die große Stunde der Pflanzen. Einsetzbar sind sie als nachwachsende Rohstoffe und Lieferanten für pharmazeutische Wirkstoffe – nicht zuletzt im Kampf gegen COVID-19. Dabei werde ihr Potenzial noch gar nicht voll ausgeschöpft, sagt der Leiter des Bereichs Molekulare Biotechnologie am Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME. Das Interview führte André Boße.

Zur Person

Prof. Dr. Stefan Schillberg ist kommissarisches Mitglied der Institutsleitung des Fraunhofer IME und dort Leiter des Bereichs Molekulare Biotechnologie mit Sitz in Aachen. Schillberg promovierte 1994 am Institut für Pflanzenphysiologie der RWTH Aachen, wo er danach als PostDoc und Gruppenleiter seine berufliche Karriere begann. Seit 2001 ist er am Fraunhofer IME, wo er zunächst die Abteilung Pflanzenbiotechnologie leitete, seit 2009 ist er dort Leiter des Bereichs Molekularbiologie. Seit 2011 hält er zudem eine Honorar-Professur am Institut für Phytopathologie der Justus-Liebig-Universität Gießen inne. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählt das Molekulare Farming, bei dem Proteine und Wirkstoffe aus Pflanzen gewonnen werden.

Herr Prof. Dr. Schillberg, das Fraunhofer Institut – auch das Fraunhofer IME, für das Sie tätig sind – setzt auf das Prinzip der angewandten Forschung, was kann man sich konkret darunter vorstellen?
Unser Auftrag als Fraunhofer Institut ist es, Dinge von der Grundlagenforschung in die Anwendung zu bringen. Das gelingt, indem die Wirtschaft mit konkreten Aufträgen auf uns zukommt oder wir das, was wir leisten können, gezielt für die Wirtschaft und die Öffentlichkeit anbieten. Wichtig ist daher, dass alle, die für die Fraunhofer arbeiten, ein Gespür dafür haben, was die Wirtschaft will.

Wenn sie es denn selbst weiß …
Das ist tatsächlich manchmal ein Balanceakt. Wichtig für uns ist, dass wir unser eigenes, auf der Forschung basierendes Denken behalten. So kann es zum Beispiel vorkommen, dass die Wirtschaft unsere Erkenntnisse schnell anwenden möchte, wir aber sagen: Es ist klug, noch etwas in die Tiefe zu gehen, um dann ein besseres Produkt entwickeln zu können.

Wobei viele der großen Unternehmen ja auch selbst Forschung betreiben.
Das stimmt, insbesondere bei vielen großen Konzernen im Bereich Life- Science ist das der Fall, hier liegt dann die Herausforderung bei uns, entweder etwas Neues anbieten zu können – oder besser zu sein.

In welchen Bereichen können Sie hier besonders gut punkten?
Ich glaube, wir sind gut darin, innovative Ideen zu entwickeln. Wir sind nah an den neuesten Forschungsergebnissen dran, verfügen fast immer über direkte Anbindungen an die Universitäten, zum Beispiel dadurch, dass die jeweiligen Institutsleiter eine Professur an den lokalen Hochschulen besetzen, viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dort Lehraufträge wahrnehmen und viele Bachelor- und Master-Studierende sowie Doktoranden bei uns ihre Arbeiten anfertigen.

Im Zuge der Pandemie hat die Öffentlichkeit viel darüber gelernt, wie wichtig es ist, dass sich Forschung, Politik und Wirtschaft gemeinsam einem Problem widmen. Betrachten Sie das als einen positiven Effekt dieser Corona- Krise?
Absolut, wobei sich schon beim Thema des Klimawandels abgezeichnet hat, dass aufmerksam beobachtet wird, was die Forschung zur Lösung des Problems beitragen kann. Für uns kann das nur von Vorteil sein. Ich finde sogar, die Politik könnte es noch forcieren, indem sie zum Beispiel deutlicher herausstellt, welche Forschungsmittel wohin fließen – und welche Erkenntnisse am Ende des Tages gewonnen werden.

„Pflanzen bieten ein alternatives System, um Proteine zu produzieren, die in unterschiedlichen Anwendungen eingesetzt werden, zum Bespiel für Impfstoffe.“ „Unsere Aufgabe ist es, die Pflanze wettbewerbsfähig zu machen, in dem wir innovative Produkte entwickeln.“

Der Standort Aachen des Fraunhofer IME, an dem Sie tätig sind, widmet sich der Molekularen Biotechnologie. Zum Thema Fraunhofer und Corona haben Sie den Hashtag #WeKnowHow entwickelt, was tragen Sie zum Kampf gegen die Pandemie bei?
Pflanzen bieten ein alternatives System, um Proteine zu produzieren, die in unterschiedlichen Anwendungen eingesetzt werden. Zum Bespiel für Impfstoffe. Ein wichtiger Vorteil der Pflanzen gegenüber anderen konventionellen Systemen ist, dass die Proteine sehr schnell produziert und aus den Pflanzen gereinigt werden können. Wir sprechen hier von einer Prozessdauer von drei bis fünf Tagen, und das schafft kaum ein anderes System. Müssen jetzt, wie in der Pandemie, sehr schnell große Mengen an Proteinen bereitgestellt werden, für den Impfstoff, aber auch für diagnostische Tests, bietet der Ansatz der Proteinproduktion in Pflanzen Vorteile. Denn es ist ja nicht so, dass die bisherigen Produktionskapazitäten für Proteine komplett umgewidmet werden können, wir brauchen die anderen pharmazeutischen Anwendungen ja auch weiterhin. Die Stärke der Pflanze als Proteinlieferant ist es, sehr schnell in diese Lücke reinspringen zu können – zum Beispiel als Produzent von diagnostischen Proteinen wie viralen Antigenen.

Können denn die pflanzlich gewonnenen Proteine in der Qualität mithalten?
Ja, für einige Anwendungen ist deren Qualität sogar besser, zum Beispiel aufgrund der Zusammensetzung von Zuckermolekülen, die dem Protein angeheftet werden.

Der Klimawandel wird uns als Problem deutlich länger beschäftigten als die Pandemie. Was kann Ihre Forschungsarbeit hier leisten?
Wir erkennen, dass die konventionelle Landwirtschaft nicht nur sehr viele Ressourcen verbraucht, sondern auch einen großen Teil des CO2-Ausstoßes verursacht. Eines unserer Forschungsfelder sucht daher nach neuen Agrarsystemen. Stichworte sind hier zum Beispiel Indoor- oder Vertical-Farming. Die Idee: Pflanzen werden in einem Gebäude vertikal über mehrere Ebenen angebaut. Wir haben hier verschiedene Anlagen konzipiert und führen gerade Studien durch, inwieweit diese dazu beitragen können, die CO2-Emissionen zu reduzieren und gleichzeitig die Landwirtschaft resilienter zu machen.

„Unsere Innovationen können der Landwirtschaft mehr Robustheit in Krisenfällen geben, zum Beispiel in Pandemien, aber auch mit Blick auf die Auswirkungen der Erderwärmung wie Dürren.“

Was heißt Resilienz hier konkret?
Unsere Innovationen können der Landwirtschaft mehr Robustheit in Krisenfällen geben, zum Beispiel in Pandemien, aber auch mit Blick auf die Auswirkungen der Erderwärmung wie Dürren. Dabei ist die Bio-Ökonomie generell eine Forschungsrichtung, die in Zukunft wichtiger werden wird – und zwar insbesondere, um unsere erdölbasierte in eine biobasierte Wirtschaft zu transferieren. Hier gibt es unzählige Beispiele dafür, wie Pflanzen helfen können, zum Beispiel als nachwachsende Rohstoffe für die Energiegewinnung oder für die Entwicklung von Baustoffen.

Warum steht die Pflanze eigentlich trotz Ihrer ökologischen und auch ökonomischen Vorteile nicht viel höher auf der Agenda?
Es gab und gibt eben noch Alternativen, wie zum Beispiel das Erdöl. Hier haben sich Strukturen und feste Wirtschaftszweige etabliert, das ist letzten Endes immer auch eine Frage des Geldflusses. Nach und nach erkennen wir jedoch die negativen Folgen, sodass nachwachsende Rohstoffe in den Fokus geraten. Unsere Aufgabe ist es dabei, die Pflanze nun wettbewerbsfähig zu machen, in dem wir innovative Produkte entwickeln.

Zu Ihren Forschungsfeldern gehört auch die Bio-Genetik, wobei sich die Deutschen diesem Bereich sehr vorsichtig, wenn nicht sogar ablehnend positionieren.
Ja, und das Thema bleibt schwierig, was auch daran liegt, dass die Diskussion meiner Meinung nach ein wenig an der Realität vorbeigeht. Vielfach wird suggeriert, dass die Nahrungsmittel, die wir heute in Deutschland kaufen können, auf ganz natürliche Weise hergestellt werden. Das ist aber nicht der Fall. Wer sich die Produkte genauer anschaut, erkennt, dass bereits heute 90 Prozent der pflanzlichen Nahrung und Futtermittel mithilfe von Mutationszüchtungen hergestellt werden.

Zum Fraunhofer IME

Das Fraunhofer-Institut für Molekularbiologie und Angewandte Oekologie IME umfasst die drei Bereiche Molekulare Biotechnologie, Angewandte Oekologie und Bioressourcen sowie Translationale Medizin. Es versteht sich als Partner für Forschung in den Bereichen Pharma, Medizin, Chemie, Bioökonomie, Landwirtschaft sowie Umwelt- und Verbraucherschutz. Die Forschungs- und Dienstleistungsangebote richten sich dabei an die Industrie sowie die öffentliche Hand. Das Institut beschäftigt mehr als 500 Mitarbeiter an den Standorten Aachen, Münster, Schmallenberg, Gießen, Frankfurt/Main und Hamburg. Stets gibt es eine enge Verknüpfung zu den Hochschulen an den jeweiligen Standorten.

karriereführer naturwissenschaften 2020.2021 – Go for it!

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Cover karriereführer naturwissenschaften 2020-2021Go for it! Start in die Dekade der Naturwissenschaften

Wie nie zuvor kommt es heute darauf an, mithilfe der Forschung globale Risiken zu identifizieren und an Problemlösungen zu arbeiten. Es liegt dabei in der Hand der jungen Generation, zu beweisen, dass Wissenschaft und Wirtschaft keine Gegenspieler sind, sondern die gleichen Ziele verfolgen. Ob im Kampf gegen Krankheiten oder gegen den Klimawandel: Wohlstand gibt es nur in einer gesunden und nachhaltigen Welt.

Jung und erfolgreich bei: CureVac

Die Welt ein wenig besser zu machen, das war schon immer mein Ziel. Ausschlaggebend für meine Entscheidung, eine naturwissenschaftliche Studienrichtung zu wählen, war meine Freude am Fach Biologie in der gymnasialen Oberstufe.

Nicole Armbruster, Foto: privat
Nicole Armbruster, Foto: privat

Name: Dr. rer. nat. Nicole Armbruster
Position: Scientist
Stadt: Leinfelden-Echterdingen
Studiengang: Technische Biologie
Abschlusszeitpunkt: Studium 2013, Promotion 2017
Interessen: reiten, schwimmen, reisen
Berufliches Ziel: zur Entwicklung von innovativen Medikamenten und Impfstoffen beitragen

Für ein Studium der Technischen Biologie an der Universität Stuttgart habe ich mich in der Konsequenz entschieden, weil ich mein Interesse an Biologie mit der technologischen Ausrichtung des Studiengangs verbinden konnte. Im Verlauf des Studiums habe ich mich dann mehr und mehr mit medizinischer Forschung beschäftigt. Während eines Praktikums bei der Firma Merck in Darmstadt erhielt ich erste Einblicke in die Pharmaindustrie und konnte an der Forschung und Entwicklung von Zellkulturmedien mitwirken. Meine Diplomarbeit am Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Institut der Universität Tübingen ermöglichte mir erste Einblicke in den Bereich der Tumorbiologie, und hat sich mit der Rolle von Proteinen im Pankreaskarzinom (Bauchspeicheldrüsenkrebs) befasst.

Während meiner Doktorarbeit am Universitätsklinikum Tübingen fand ich dann so richtig Spaß an der medizinischen Forschungsarbeit im Bereich Immunologie. In einem interdisziplinären Team haben wir Grundlagenforschung auf dem weiten Feld der multiresistenten Keime betrieben. Die Teamarbeit mit Kolleginnen und Kollegen aus den Bereichen Humanmedizin, Veterinärmedizin und Biologie, zusammen mit den Erfahrungen aus dem Praktikum in einem führenden Pharmaunternehmen, haben daraufhin dazu geführt, mich bei einem Biotech-Startup zu bewerben.

Seit fast zwei Jahren arbeite ich nun bei der Firma CureVac als Wissenschaftlerin an der Entwicklung von Impfstoffen. Der innovative Ansatz von CureVac, mRNA als Informationsträger zu nutzen, um den menschlichen Körper zur Produktion der entsprechenden Proteine selber anzuleiten, hat mich von Anfang an fasziniert. Seit einigen Monaten arbeite ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen und Kollegen intensiv an der Entwicklung des Impfstoffs gegen das neuartige Coronavirus (SARSCoV- 2). Ein spannenderes Projekt ist kaum vorstellbar. Mein Wunsch, an der Entwicklung des medizinischen Fortschritts mitzuarbeiten, hat sich voll erfüllt und das Arbeitsklima bei CureVac ist hervorragend.

Aufgestiegen zur Thematischen Leiterin

Ein Erfahrungsbericht von Nadine Biesemann, Biomedizinisches Chemie-Studium, eingestiegen 2014 als Postdoc bei Sanofi, aufgestiegen 2019 zur Thematischen Leiterin

Nach meiner Doktorarbeit am Max-Planck-Institut für Herz- und Lungenforschung war ich unschlüssig, ob ich eine akademische Karriere weiterverfolgen oder in die Industrie wechseln sollte. Das Verständnis von Krankheiten und die Erforschung neuer Medikamente hatten mich schon immer inspiriert und angespornt, jedoch fehlte mir noch eine echte Vorstellung davon, wie Forschung in der Industrie aussieht. Als Sanofi eine Postdoc-Stelle zur Untersuchung mitochondrieller Modulatoren für Muskelschwund ausschrieb, entschied ich, mich zu bewerben und mir vor Ort die Wissenschaftler und ihre Arbeit anzuschauen. Schon beim Vorstellungsgespräch war ich von der Gruppe, ihrer Offenheit und der Zusammenarbeit beeindruckt. Also habe ich den Sprung ins Ungewisse gewagt, immer mit dem Hintergedanken, dass ich ja zurück in die akademische Forschung könnte, falls es mir in der Industrie nicht gefällt.

Mein erster Eindruck im Vorstellungsgespräch hat sich dann aber auch über die Jahre bestätigt: Teamarbeit und Kooperation sind essenzielle Bestandteile der Forschung in der Pharmaindustrie, und die Möglichkeiten, translationale Forschung zu betreiben, sind immens. In meinem Postdoc-Projekt war ich in einer Abteilung, deren Fokus auf Muskelerkrankungen und der Identifikation neuer therapeutischer Ansätze dafür lag. Ich hatte einen großartigen Betreuer, der mir sehr viel beigebracht und mich in das Wirrwarr der 1000 Abkürzungen in der Pharmaindustrie eingeführt hat. Durch ihn kam ich dann auch mit vielen Wissenschaftlern aus anderen Abteilungen in Kontakt und verstand durch die Zusammenarbeit die verschiedenen Phasen der Arzneimittelforschung und -entwicklung besser. Neben meinem eigentlichen Postdoc- Projekt hatte ich aber auch die Möglichkeit, die weiter fortgeschrittenen Projekte kennenzulernen und meine Erfahrung und Ideen mit einzubringen.

Training für Mitarbeiterführung

Nach anderthalb Jahren erhielt ich dann eine feste Stelle als Laborleiterin, in einer Zeit, in der sich der Fokus unserer Arbeit hin zu Autoimmunerkrankungen wie Rheumatoider Arthritis änderte. Plötzlich hatte ich drei Mitarbeiter, deutlich mehr Meetings und kaum noch Zeit, um selbst im Labor zu arbeiten. Ich war für meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ihre Arbeit und Gesundheit verantwortlich und musste mich auch in die Dokumentationen dafür einarbeiten. Gleichzeitig wollte ich natürlich auch mehr über Leadership lernen. Sanofi hat mir dafür z. B ein zweijähriges Training für Mitarbeiterführung ermöglicht, das mir sehr geholfen hat. Nach einiger Zeit wurde ich Projektleiterin, bin seitdem für alle Bereiche eines Projekts wissenschaftlich verantwortlich und leite globale Projektteams für „High priority“- Projekte.

„Teamarbeit und Kooperation sind essenzielle Bestandteile der Forschung in der Pharmaindustrie, und die Möglichkeiten, translationale Forschung zu betreiben, sind immens.“

Innerhalb meiner Abteilung, der Therapeutischen Einheit Immunologie, betreuen wir Projekte von der frühen Forschung bis hin zur ersten Planung von „Phase I Studien“. Dieser Teil der Forschung dauert ca. fünf Jahre, und es müssen viele Hürden überwunden werden, bis wir in der Lage sind, neue Medikamente am Menschen zu testen. Gleichzeitig liebe ich diese Art der translationalen, interdisziplinären Forschung, bei der kein Tag wie der andere ist und man sich ständig neuen Herausforderungen stellen muss. Ein weiterer wichtiger Bestandteil dieses Jobs sind Projektpräsentationen und -verteidigungen vor verschiedensten Gremien, teilweise ähnlich zu Doktorprüfungen. Inzwischen ist mein Labor auch immer weiter angewachsen und ich betreue regelmäßig Bachelor- und Masterstudierende und Postdocs, was mir großen Spaß macht.

Personalverantwortung und Kooperation

Seit 2019 bin ich neben meiner Funktion als Labor- und Projektleiterin noch für ein eigenes Themengebiet in der Immunologie, den Bereich Immunmetabolismus, verantwortlich. Das bedeutet, dass ich alle Projekte und Labore in dem Bereich koordiniere, also neben der vollen inhaltlichen auch deutlich mehr Personalverantwortung habe. Da ich für das Portfolio in diesem Bereich zuständig bin, evaluiere ich auch potenzielle Zusammenarbeiten mit anderen Firmen und leite Kooperationen mit akademischen Partnern. Generell evaluieren wir Innovationen in dem Feld und arbeiten eng mit anderen Abteilungen innerhalb von Sanofi zusammen, um neue Medikamente für Patienten mit Autoimmunerkrankungen zu entwickeln.

Für meinen Tagesablauf bedeutet das, dass ich den Großteil meiner Zeit damit verbringe, mich mit anderen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern auszutauschen, Daten zu diskutieren und neue Kooperationen aufzubauen. Dies schließt auch ein, dass ich regelmäßig reise und dadurch neue Länder und Kulturen kennenlernen kann. Ähnlich zur Projektleitung sind interne und externe Präsentationen essenzieller Teil meiner Arbeit. Schließlich muss ich auch immer wissenschaftlich in meinem Gebiet up to date bleiben. Dazu besuche ich Konferenzen und publiziere einen Teil unserer Ergebnisse. Die neue Stelle ist verbunden mit einem Platz in unserem Leitungsteam, wodurch ich mehr Verantwortung für das allgemeine Portfolio habe und gleichzeitig sehr viel über Leadership, Finanzen, Strategie und Ressourcenplanung lerne.

Teil dieses Teams zu sein, ist eine wundervolle, zusätzliche Möglichkeit, mich weiterzuentwickeln und gleichzeitig eigene Ideen besser einbringen zu können. Wenn ich nun auf die letzten sechs Jahre zurückblicke, wäre dieser Karriereaufstieg nicht ohne die Unterstützung meiner Chefs möglich gewesen. Sie haben sehr früh an mich geglaubt und mir immer neue, herausfordernde Aufgaben gestellt, an denen ich wachsen und mich profilieren konnte. Gleichzeitig hatten sie natürlich auch wichtige Rollen als Vorbilder und Mentoren und die Gespräche mit ihnen haben mir geholfen, meine eigenen Stärken besser zu verstehen und ein klareres Bild von meinen Möglichkeiten zu bekommen. Parallel dazu wurde ich gezielt mit HR-Programmen im jeweiligen Stadium unterstützt und früh als „High Potential“ eingestuft. Dadurch hatte ich die Möglichkeit, mit dem globalen Management zu interagieren und meine Projekte und Ideen vorzustellen.

Ich selbst hatte nie ein klares Karriereziel vor Augen, sondern war und bin angetrieben von der Leidenschaft für meinen Beruf und dem Spaß an immer neuen Herausforderungen. Auch dies kann – in der richtigen Umgebung – zu einer Karriereentwicklung führen.

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“Nestwärme”

Ein Leben mit der Sonne statt nach der Uhr, faire partnerschaftliche Beziehungen, Gewaltverzicht und klimaneutrale Mobilität – was können wir von Vögeln lernen? „Nestwärme“ ist ein überraschendes Buch über das Sozialverhalten unserer gefiederten Nachbarn, ein Plädoyer für einen nachhaltigen Umgang mit der Natur – und eine augenzwinkernde Aufforderung, das eigene Leben hin und wieder aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Der vielfach ausgezeichnete Naturschützer Ernst Paul Dörfler hat ein berührendes Buch über das geheime Leben der Vögel geschrieben, die oft friedvoller und achtsamer miteinander umgehen als wir Menschen. Ernst Paul Dörfler: Nestwärme. Hanser Verlag 2019. ISBN 978-3-446-26357-4. 20 Euro

Hören, wie Karriere heute geht

Foto: AdobeStock/Fotomek
Foto: AdobeStock/Fotomek

Ein Interviewpodcast über aktuelle und zukünftige Berufsbilder und einen sich wandelnden Karrierebegriff: Hier sprechen Isabel, Fiona und Marie mit Arbeitnehmerinnen, Arbeitnehmern, Selbstständigen, Unternehmerinnen und Unternehmern mit verrückten und weniger verrückten Berufstiteln – über ihren Karrierebegriff und die Gestaltung ihrer persönlichen Lebensarbeitszeit. https://anchor.fm/karrierekneipe

Zum Öko werden

In nur fünf Wochen das eigene Leben nachhaltig umkrempeln? Wie das geht zeigen Benjamin und Fabian Eckert. Sie schlagen in ihrem Buch eine 35-Tage-Challenges vor, die den Umstieg in ein ressourcenarmes, klimaschonendes Leben erleichtert. Die zahlreichen Informationen, Tipps und praktischen Anleitungen verknüpfen dabei Klimaschutz mit individuellen Aspekten wie gesundheitlichem Wohlbefinden und Lebenszufriedenheit. Benjamin Eckert, Fabian Eckert: Die 35-Tage-Challenge. Dein Weg in ein umweltbewusstes Leben. Oekom 2020. ISBN 978-3-96238-175-2. 19 Euro

Digitale Wissenschaftskommunikation

Ein Blog zu Wissenschaft, Wissenschaftskommunikation und weiteren zeitgenössischen Sachverhalten mit Texten über Naturwissenschaften, Medizin, Soziologie, Philosophie und anderes findet sich unter: www.wissenswerkstatt.net

Bewerben mit der Micro-Learning-Methode

Der Ratgeber „Bewerbung to go“ ist für alle, die keine Zeit haben, sich stundenlang mit einem Bewerbungsanschreiben zu beschäftigen, und die keine Lust haben, zu googeln, wie viele Leerzeilen zwischen Anschrift und Anrede stehen sollen. Denn für das perfekte Anschreiben reichen schon 15 Minuten, zeigt Sandra Gehde in ihrem neuen Buch. Sandra Gehde: Bewerbung to go. Entspannt und zeitgemäß zum neuen Job. Erfolgreich bewerben mit der Micro- Learning-Methode. metropolitan 2019. ISBN 978-3-96186-030-2. 14,95 Euro

“Die fabelhafte Welt der fiesen Tiere”

Was hat eine Grille mit einem Streichinstrument gemeinsam? Gibt es tatsächlich Käfer, die ihre Leuchtorgane dimmen können? Und wie kann es sein, dass man Heuschrecken einer bestimmten Spezies mal mit roten, mal mit grünen Beinen findet? Nur eine Laune der Natur, oder hat die Evolution hier eine neue Art hervorgebracht? Kakerlaken, Ameisen, Wespen, Quallen und Würmer – oft sind es die unscheinbaren, die stechenden, die vermeintlich ekligen Tierchen, die uns mit ihren faszinierenden Geschichten besonders überraschen. Frank Nischk: Die Fabelhafte Welt der fiesen Tiere“. Ludwig 2020. ISBN: 978-3-453-28114-1. 20,00 Euro

Deutsche Biotechnologietage

Die Deutschen Biotechnologietage– kurz DBT – werden vom Branchenverband BIO Deutschland organisiert und sind Treffpunkt für Unternehmer, Forscher, Politiker, Förderinstitutionen und Verwaltung. Die Konferenz befasst sich in Plenarvorträgen, Podiumsdiskussionen und Frühstücksrunden mit den Rahmenbedingungen und den vielfältigen Anwendungsfeldern der Biotechnologie und findet im Jahr 2021 am 13. und 14. April 2021 in Stuttgart statt. Mehr Infos: www.biotechnologietage.de

“Die Netzwerk-Bibel”

Kontakteknüpfen mittels Networking ist im Zuge der Digitalisierung einerseits einfacher, andererseits auch komplexer geworden: es gibt ein Überangebot an digitalen Plattformen, immer mehr Events und immer mehr Entscheider und Multiplikatoren, die wichtig erscheinen. Gleichzeitig hat Networking an Bedeutung gewonnen: ein tragfähiges Netzwerk und die richtigen Kontakte helfen, sich als Experte zu positionieren und beruflich erfolgreich zu sein – das gilt für Führungskräfte ebenso wie für Berufseinsteiger. Tijen Onaran zeigt, wie Networking heute wirklich funktioniert. In ihrem ersten Buch gibt die Autorin eigene Erfahrungen weiter, reflektiert ihre Erlebnisse, erzählt Anekdoten aus ihrer Zeit in der Politik und Wirtschaft und leitet daraus konkrete Handlungsempfehlungen ab. Tijen Onaran: Die Netzwerkbibel. Springer 2019. ISBN 978-3-658-23735-6. 19,99 Euro

“Seuchen”

Seuchen sind die Geißeln der Menschheit. Die Pest entvölkerte ganze Landstriche, Choleraepidemien forderten bis ins 20. Jahrhundert hinein Millionen Tote, mit HIV trat in den 1980er-Jahren eine völlig neue, zunächst unbeherrschbare Krankheit auf, heute versetzen uns Ebola, Sars, Vogelgrippe und Corona in Angst. Woher kommen die Erreger dieser Seuchen, warum führen manche von ihnen zu Epidemien? Aber vor allem: Was können Medizin und Forschung dagegen tun? Fachlich fundiert erzählt Kai Kupferschmidt die lange, teils krimiartige Geschichte eines vielgestaltigen Phänomens, deren Ende – man ahnt es – nicht absehbar ist. Kai Kupferschmidt: Seuchen. Reclam 2018. ISBN 978-3-15-020447-4. 10 Euro.

Das letzte Wort hat: Susanne Grube, Biologin und Science-Slammerin

Die 39-jährige Diplom- Biologin arbeitet als Wissenschaftskommmunikatorin im Naturkundemuseum Stuttgart. Sie ist auf Insekten spezialisiert. Seit 2013 tritt sie regelmäßig als Science-Slammerin auf, erklärt ihrem Publikum auf unterhaltsame Weise das faszinierende Sexualleben von Zikaden – und hat bereits einige Preise dafür bekommen. Die Fragen stellte Christiane Martin.

Susanne Grube, Foto: privat
Susanne Grube, Foto: privat

Frau Grube, woher kommt Ihre Leidenschaft für Insekten?
Spannend fand ich die Tiere schon immer. Doch während meines Studiums, als ich mehr über die Biologie und Evolution der Insekten lernte, wurde aus Faszination Leidenschaft. Diese wurde vor allem durch einen Professor geweckt, der mit unglaublicher Begeisterung von Insekten sprach, sodass ich regelrecht mitgerissen wurde. Die Tatsache, dass die größte Organismengruppe der Erde mit knapp einer Million beschriebenen Arten auf dem gleichen Grundbauplan beruht und dabei diese enorme Formenvielfalt hervorgebracht hat, muss einfach begeistern!

Und Sie ekeln sich niemals vor den Krabbeltieren?
Nein. Warum auch? Ekel ist ein Instinkt zur Prävention von Krankheiten. Mitunter auch erlerntes Verhalten. Zum Glück bin ich in einem Elternhaus aufgewachsen, in dem mir kein Ekel oder Angst vor Tieren vorgelebt wurde. Es gibt (hoffentlich) kaum jemanden, der Angst vor einem Marienkäfer oder einem Schmetterling hat. Bei Schaben oder Fliegen, vor allem Maden, sieht es anders aus. Diese Tiere werden mit Krankheiten oder unhygienischen Bedingungen assoziiert. Doch eigentlich sind diese Tiere nützlich, denn ihre Funktion im Ökosystem ist die Rückführung von Nährstoffen in den Kreislauf.

Was halten Sie vom „Insektensterben“ und was müssen wir Ihrer Meinung nach dagegen tun?
Es ist furchtbar! Ist eine Art einmal verschwunden, ist sie unwiederbringlich weg. Wir können nur erahnen, was für Konsequenzen das für die einzelnen Ökosysteme und letztlich auch für den Menschen hat. Es ist außerdem Teil eines noch weitreichenderen Problems, nämlich dem Klimawandel und des menschlichen Umganges mit Ressourcen. Wir haben nicht nur ein Insektensterben, auch Pflanzen, Vögel und andere Organismen sind betroffen. Wir können Organismen nicht für sich allein betrachten, alle sind über komplexe ökologische Zusammenhänge miteinander verbunden.

Seit einigen Jahren treten Sie auch als Science-Slammerin auf. Warum und was macht Ihnen daran Spaß?
Teile seines eigenen Forschungsgebietes in 10 Minuten verständlich einem interessierten Nicht-Fach-Publikum zu präsentieren – das ist eine absolute Win-win-Situation: Zum einen zwingt es mich, mich kurz und verständlich auszudrücken; das ist nicht selbstverständlich bei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Zum anderen bekommt das Publikum wissenschaftliche Erkenntnisse aus erster Hand und ist ganz nah an aktueller Forschung. Darüber hinaus lerne ich selbst jedes Mal noch was dazu und konnte über die Slammer-Szene einige berufliche Kontakte knüpfen.

Was können Sie speziell jungen Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftlern mit auf den Weg geben, die am Anfang Ihrer beruflichen Laufbahn stehen?
Freude, Flexibilität und Kommunikation. Nutzt die Möglichkeiten inter- und transdisziplinärer Arbeit, denn sie schafft oft neuen Erkenntnisgewinn. Außerdem leben wir in einer Zeit, in der Wissenschaftskommunikation von enormer Bedeutung ist. Lernt also nicht nur die Ausdrucksfähigkeit im eigenen Fachbereich, sondern auch die Kommunikation über euer Thema mit fachfremden Personen. Nur so können wir Wissenschaft für alle zugänglich machen.

E-Mail für dich von: Floriane Montanari, Bayer AG

Von: Floriane Montanari
Gesendet: 28. August 2020
An: Junge Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler
Betreff: Infos für Absolventen der Naturwissenschaften

Liebe Leserinnen und Leser,

mein Name ist Floriane Montanari und ich komme aus Frankreich. Ich habe Biologieingenieurwesen mit dem Schwerpunkt Bioinformatik studiert. Konkret bedeutete das damals, dass wir nur vier Studierende waren und uns verschiedene Fähigkeiten wie das Kodieren in Python und Java oder das Verwalten und Abfragen von Datenbanken beigebracht wurden.

Während meines Studiums absolvierte ich jeden Sommer ein Praktikum. Eines davon war in Irland mit der Idee, meine Englischkenntnisse zu verbessern. Dort konnte ich auch meine erste wissenschaftliche Arbeit schreiben. Mein Master-Praktikum absolvierte ich bei Sanofi-Aventis, einem französischen Pharmaunternehmen. Dort arbeitete ich an der Entwicklung statistischer Modelle, die die Wahrscheinlichkeit vorhersagen sollten, mit der ein Wirkstoff langsam oder schnell von der Leber metabolisiert wird. Nach dieser Erfahrung verliebte ich mich in die pharmazeutische Industrie, in die computergestützte Chemie und in das maschinelle Lernen. Mir wurde sehr schnell bewusst, dass für eine Karriere als Forscherin in einem pharmazeutischen Unternehmen ein PhD und ein oder zwei Postdocs notwendig sein würden.

Dennoch war ich mir mit 23 Jahren nicht wirklich sicher, zu welchem Thema ich promovieren sollte, und arbeitete stattdessen als Forschungsassistentin in einem öffentlichen Forschungsinstitut in Barcelona. Dort wirkte ich in mehreren Projekten mit, unter anderem bei einem katalanischen Pharmaunternehmen. Ich priorisierte dabei die Vorschläge der medizinischen Chemiker, wobei ich auf unterschiedliche Techniken und die Hilfe eines ehemaligen Computerchemikers zurückgriff. In dieser Zeit habe ich auf vielen verschiedenen Gebieten wirklich viel gelernt.

Dann war es an der Zeit, mit der Doktorarbeit zu beginnen, und diesmal hatte ich keine Schwierigkeiten, das Thema auszuwählen. Ich zog nach Wien und studierte die sogenannten Lebertransporter. Das sind Proteine, die an der Membran der Hepatozyten exprimiert werden und ihre Substrate in Richtung Galle ausstoßen. Ich versuchte vorherzusagen, ob kleine Moleküle in ihre normalen biologischen Funktionen eingreifen könnten, und baute dafür verschiedene Modelle auf der Grundlage maschinellen Lernens.

Nach der Promotion bewarb ich mich auf Stellen bei verschiedenen Pharmaunternehmen und bekam eine Postdoc-Stelle bei Bayer. Ich zog nach Berlin und arbeitete dort an Anwendungen auf Basis von „Deep Learning“ zur Entdeckung kleiner Moleküle. Ich bin inzwischen fest angestellt und ich lerne jeden Tag etwas Neues dazu. In meinem Berufsleben habe ich schnell entdeckt, dass „Soft Skills“ entscheidend sind, um komplexe Projekte mit interdisziplinären Teams zu steuern.

Für mich waren auf diesem Weg folgende Punkte entscheidend: so viele Praktika wie möglich zu machen, gute Englischkenntnisse zu haben, sich für Themen zu entscheiden, die das eigene Herz höher schlagen lassen, Chancen zu nutzen und mobil zu sein!

Viel Erfolg beim Einstieg und viele Grüße

Floriane Montanari
Forscherin im Bereich „Maschinelles Lernen“
Bayer AG, www.bayer.de

Veränderungsprozesse rechtssicher begleiten

Verwaltungen und Unternehmen wenden zunehmend neue Strategien an, um die Digitalisierung umzusetzen. Dabei ist vermehrt agile Führung die Lösung. Agile Arbeit – Chancen und Risiken für Arbeitnehmer erläutert verschiedene Methoden agiler Arbeitsweisen (von Scrum bis Design Thinking), gibt Praxisbeispiele und zeigt die Vor- und Nachteile dieser auf. Ebenso werden die Voraussetzungen für derartige Transformationsprozesse, wie die Unternehmenskultur und das erforderliche Mindset, beleuchtet.

Die Einführung neuer Arbeitsmodelle ruft auch immer den Personal- oder Betriebsrat auf den Plan, der bei der Einführung agiler Instrumente Beteiligungs- und Mitwirkungsrechte hat.

Der Autor zeigt auf, welche kritischen Fragen sich die Arbeitnehmervertretung stellen muss, um ihrer Funktion gerecht zu werden.

Personal- und Betriebsräte werden mit diesem Buch in die Lage versetzt

  • ihre Informationsrechte zu nutzen, um erkennen zu können, in welche Form der Arbeitgeber agile Instrumente einsetzt
  • ihre Beteiligungsrechte umzusetzen
  • die mit „agiler Arbeit“ verbunden Risiken zu erfassen und
  • eine eigene Strategie zu deren effektiver Umsetzung entwickeln zu können.

So kann die Arbeitnehmervertretung ihre Rechte und Pflichten rechtssicher und entschlossen durchsetzen.

Agile Arbeit – Chancen und Risiken für Arbeitnehmer. Handlungshilfe für Betriebsrat und Personalrat

Marcus Schwarzbach, metropolitan 2020, ISBN 978-3-8029-1606-9, 19,95 €

 

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Den drastischen Umbruch zu New Work meistern – so geht’s!

New Work hält überall Einzug mit offenen, flexiblen Raum- und Arbeitskonzepten, orts- und zeitungebundener Zusammenarbeit in verteilten Teams und vermehrter Homeoffice-Arbeit. Was einerseits enorme Innovations- und Einsparpotenziale verspricht, birgt andererseits Risiken wie HR-Probleme, Gesundheitsbelastungen und Produktivitätseinbußen.

Die disruptiven Veränderungen führen zu Umstellungsdruck und Unsicherheiten bei den Mitarbeitern, müssen sie sich doch auf den Verlust ihres eigenen Schreibtisches und das Auseinanderdriften der „Bürofamilie“ einstellen, komplett digitale, virtuelle Prozesse beherrschen lernen und sich den ständigen Änderungen anpassen. Die Hauptlast tragen dabei die Führungskräfte, Teamleiter und Personalverantwortliche – in ihrer Sandwichposition zwischen hohen Unternehmenszielen und heterogenen Mitarbeiteransprüchen.

Mit Fachwissen und Humor analysieren die Autorinnen die Veränderungen auf allen Ebenen. In diesem modular aufgebauten Ratgeber geben sie Führungskräften ein „Survival Kit“ mit erkenntnisreichen Selbsttests und Praxistipps für jede Stufe der Transformation an die Hand – von der Neuorientierung über die Eigenmotivation und Homeoffice-Organisation bis zu Teambuilding und neuem gesunden Führen.

Überleben in der neuen Arbeitswelt – Desksharing, Open Space, Mobiles Arbeiten & Co. / Survival Guide für Manager und Mitarbeiter

Ingrid Britz-Averkamp, Christine Eich-Fangmeier, metropolitan 2020, ISBN 978-3-96186-040-1, 29,95 €

 

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Anne Kohlmorgen – von der Wirtschaftswissenschaftlerin zur Shiatsu-Praktikerin

Ihr Weg klingt ein wenig nach “Eat, Pray, Love”: Vom Fuße des Schwarzwalds aus führte er sie zum BWL-Studium nach Köln, über Agentur-Jetset und Luxushotels in ganz Europa zum Lehramt ans kaufmännische Berufskolleg und schließlich nach Indien und Portugal. Jetzt ist sie voller Energie zurück in Köln und unterstützt in ihrer Shiatsu Praxis Menschen dabei, auch ihre Lebensenergie in Fluss zu bringen.

Mein beruflicher Werdegang war alles andere als geradlinig und genau deswegen so zielführend. Ich bin Reiseverkehrskauffrau, habe ein Diplom in Wirtschaftswissenschaften und einen Master in Mathematik. Ich habe in der freien Wirtschaft und als Lehrerin an einem Berufskolleg gearbeitet. Außerdem bin ich ausgebildete Yoga-Lehrerin Shiatsu-Praktikerin. Ich war viel in der Welt unterwegs, jetzt bin ich dem Weg meines Herzens gefolgt und habe meine Praxis Sei Du Shiatsu eröffnet – und sehr glücklich, dass ich so weitreichende Veränderungen gewagt habe. Alle Stationen, beruflich und persönlich, Erfolge wie Krisen, haben mich weitergebracht. Ich habe gelernt, meiner Intuition und dem Leben zu vertrauen. Ich kann mich in Menschen auf unterschiedlichsten Stufen der Karriereleiter und in verschiedenen Berufsumfeldern versetzen. Und ich kann ihnen mit Shiatsu helfen, ein besseres Körpergefühl zu entwickeln und die Balance von Körper, Geist und Seele zu finden. Gerade in stressigen Lebensabschnitten oder Umbruchsphasen wie Examen, Berufseinstieg oder bei anstrengenden Projekten kann Shiatsu gleichermaßen Entspannung wie Energie geben.

Nach meinem Abitur und der Ausbildung als Reiseverkehrskauffrau habe ich ein Jahr lang im Reisebüro gearbeitet und anschließend Wirtschaftswissenschaften studiert. Dann habe ich einen kurzen Abstecher in eine Unternehmens- und Personalberatung gemacht. Bei meinem nächsten Arbeitgeber, einer international tätigen PR-Agentur, war ich hauptsächlich im Eventbereich für Kunden aus der Automobil-Industrie tätig. Eine Zeit lang waren die vielen Reisen und das Arbeiten in Luxushotels in ganz Europa toll. Doch irgendwann stressten mich die langen Arbeitstage, die oft wochenlangen Aufenthalte in Hotels sowie das schnelllebige Agenturleben.

Sabbatjahr: Von der Lehrerin zur Shiatsu-Praktikerin

Ich entschied mich für einen Seiteneinstieg als Lehrerin am kaufmännischen Berufskolleg mit den Fächern Wirtschaft und Mathematik und absolvierte ein berufsbegleitendes Mathematik-Studium. In dieser Zeit entdeckte ich Yoga und Meditation – was mir für die Doppelbelastung durch Studium und Beruf viel Kraft gegeben hat. Die Arbeit mit den Jugendlichen und jungen Erwachsenen hat mir Spaß gemacht. Mit meinem zweiten Staatsexamen wurde ich verbeamtet. Ich war sehr gerne Klassen- und Beratungslehrerin und begleitete meine Schüler zum Fachabitur – alles lief rund. Trotzdem störte mich etwas: Das System Schule mit seinem starkem Leistungsdruck ließ wenig Zeit und Spielraum für die Bedürfnisse der einzelnen Schüler. Daher habe ich mich für ein Sabbatjahr entschieden. Ich reiste nach Portugal und Indien und beendete eine dreijährige Ausbildung zur Shiatsu-Praktikerin (GSD). Shiatsu ist eine ganzheitliche Massage und energetische Körperarbeit, die in der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) wurzelt und in Japan weiterentwickelt wurde.

Ich habe meinen Entschluss keine Sekunde bereut, ich fühle mich heute lebendiger und wohler in meiner Haut.

Durch die Auszeit und vor allem auch durch Shiatsu wurde mir klar, dass ich meinem Herzen folgen und nochmal neue berufliche Wege gehen wollte. Ich kündigte und gab meinen Beamtinnen-Status auf. Für viele in meinem Umfeld, Freunde und Familie, war die Entscheidung anfangs schwer nachzuvollziehen. Aber ich habe meinen Entschluss keine Sekunde bereut, ich fühle mich heute lebendiger und wohler in meiner Haut. Shiatsu hat mich bestärkt und begleitet, die Richtung zu ändern zu einem ganzheitlicheren und bewussteren Arbeitsumfeld.

Nun helfe ich Menschen durch Shiatsu ihre eigenen inneren Kräfte anzuregen. Demnächst werde ich neben den Anwendungen in meiner Praxis noch Massagen auf einem mobilen Massagestuhl in Unternehmen anbieten. Eine erfrischende kurze Behandlung, etwa in der Mittagspause, lässt Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auftanken und mit mehr Energie und Motivation zum Arbeitsplatz zurückkehren. Und auch für die, die gerade vielleicht nicht ganz genau wissen, wo es hingehen soll, kann Shiatsu vieles in Bewegung setzen. Manchmal muss man sich Zeit nehmen, um herauszufinden, was man kann und will. Und das ist nicht unbedingt das, was andere sich für einen wünschen. Sich entspannt und lebendig zu fühlen bedeutet für mich ganz bei sich selbst und authentisch zu sein. Daher kommt auch der Name meiner Praxis „Sei Du Shiatsu“.