Connect & Collaborate

Foto: Fotolia/CJ Nattanai
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Alles verbindet sich, alles arbeitet zusammen: Die Transformation digitaler Technik auf die Industrie verändert die Arbeit der Ingenieure. Megacities in China haben Bedarf an deutschen Lösungen, junge Start-ups leisten technische Pionierarbeit in der Sensorik. Es entsteht das Berufsbild des „Ingenieurs 4.0“: interdisziplinär, interkulturell – und dabei weiterhin professionell und qualitätsbewusst. Von André Boße

Acht Millionen Einwohner, rasantes Wachstum: Nanjing, die ehemalige Hauptstadt der Republik China, nach Shanghai die zweitgrößte Stadt im Osten des Landes, ist das Paradebeispiel einer Megacity. Zu den großen Herausforderungen der Metropole gehört es, den Verkehr in den Griff zu bekommen – ihn smart zu machen. Dabei helfen Unmengen an Daten, die über verschiedene Sensoren sowie mithilfe der Smartphones der Einwohner in die Leitzentrale fließen. Dort sitzen dann die Ingenieure, Planer und IT-Experten, sammeln und bewerten die Informationen und leiten unterstützende Maßnahmen ein, damit der Verkehr fließt und kein Smog entstehen kann. China ist eine große Exportnation, doch im Fall Nanjing setzt das Land auf den Import von Know-how und Software aus Deutschland: Analysiert, aufbereitet und nutzbar gemacht werden die Daten durch Software von SAP.

Das Beispiel zeigt, wie die neue Ökonomie rund um technische Innovationen wie dem „Internet der Dinge“, dem „Internet of Things“ (IoT), tickt: absolut international. Erschlossen werden nicht nur großflächige Märkte, stattdessen sind die Unternehmen und ihre technischen Experten verstärkt überall dort tätig, wo sich Projekte zielgerichtet und schnell realisieren lassen. Und das funktioniert besonders gut in den großen Städten: Der Leidensdruck, hier etwas tun zu müssen, ist in den Megacities besonders groß.

„Digital Leader“:

Investitionen ins Personal Im Rahmen einer „Digital Transformation“-Studie hat SAP vier Merkmale definiert, die digitale Vorreiter gemeinsam haben und sie von anderen Unternehmen unterscheiden. So betrachten die „Digital Leaders“ die digitale Transformation als „zentrales Unternehmensziel“ und richten ihr Augenmerk zunächst auf „kundennahe Funktionen“. Zu erwarten ist, dass diese Unternehmen verstärkt auf die Technik der Zukunft wie künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen setzen. Viertes Merkmal: Die „Digital Leaders“ investieren mehr in die Weiterbildung ihrer Mitarbeiter und sind selbstbewusster als andere Unternehmen, Fachkräfte zu gewinnen und langfristig zu binden.

Das gilt auch für die argentinische Hauptstadt Buenos Aires, wo SAP mit seiner IoTund Big-Data-Technik dabei hilft, die Gefahr drohender Überschwemmungen schneller zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. „In einer Smart City ist es dank des Internet of Things möglich, den Energieverbrauch zu senken – und die Straßen nachts zur Sicherheit der Bewohner trotzdem zu beleuchten“, beschreibt Dr. Tanja Rückert, bei SAP President IoT & Digital Supply Chain.

Ein Beispiel aus einem anderen Kundenbereich sei die italienische Eisenbahngesellschaft Trenitalia, die Sensoren an ihren Zügen angebracht hat, um diese zu überwachen, Pannen vorzubeugen und somit die Kundenzufriedenheit zu steigern – auch hier helfen IoT-Lösungen des deutschen Softwareherstellers.

Gefragt: interkulturelle Kompetenzen

Bei diesen Lösungen geht es darum, verschiedene Techniken zu einem System zu integrieren. „Integrated Industry – Connect & Collaborate“ lautet daher auch das Leitthema der Hannover Messe, vom 23. bis 27. April. Im Fokus steht die Aufgabe, Automatisierungs- und Energietechnik sowie IT-Plattformen und künstliche Intelligenz so zusammenzubringen, dass diese Integration zum Treiber für die digitale Transformation werden kann. Nur, wenn sich diese Innovationen verbinden lassen, entwickelt die Industrie 4.0 ihre ganze Kraft: „Connect & Collaborate“ – das ist die Herausforderung, vor der aktuell Ingenieure stehen.

Und zwar erstens in technischer Hinsicht, indem sie nach Lösungen suchen, wie sich die Bereiche verbinden lassen. Aber zweitens auch mit Blick auf das persönliche Arbeitsumfeld, denn es zeigt sich längst, dass diese Anforderungen nur dann zu erfüllen sind, wenn Ingenieure und IT-Experten ihr Know-how zusammen einbringen. Entsprechend wichtig sind interkulturelle Kompetenzen – mit Blick auf die Kooperation verschiedener Disziplinen, aber auch auf den globalen Markt, in dem Verkehrskonzepte in China oder Sensorik-Projekte in Argentinien keine Exoten sind, sondern internationaler Alltag.

Foto: Fotolia/CJ Nattanai
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Die Veranstalter der Hannover Messe kündigen daher in einer Veröffentlichung zum Thema „Industrie 4.0“ an, dass sich die Veränderung von Produkten, Prozessen und Services durch die Nutzung digitaler Technologien in zwei Strängen vollzieht: „Einerseits werden Automationssowie Maschinenbauprodukte digital angereichert, klassische Services erfahren Ergänzungen durch digitale Technologien.“ Die digitale Fabrik, so heißt es in dem Themenpaper, stelle den zweiten Strang in den Vordergrund: Hier werden Digitalisierungstechnologien im industriellen Geschäft genutzt, indem Konzepte, die sich zum Beispiel im Consumer-Bereich bewährt haben, an die Bedürfnisse der Industrie angepasst werden.

„Schon seit vielen Jahren werden Digitalisierungstechnologien zur Unterstützung der internen Unternehmensprozesse eingesetzt“, erläutert Rainer Glatz, Geschäftsführer der Fachverbände Elektrische Automation sowie Software und Digitalisierung beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA). Bislang allerdings würde die dafür notwendige IT oft als Kostenverursacher angesehen.

„Neu ist, dass Digitalisierung als Enabler für neue Geschäftsmodelle und für zusätzlichen Umsatz gesehen wird.“ Um dieses Potenzial zu erschließen, müssten die Unternehmen jedoch „umdenken und sich verändern“, so der VDMA-Experte: Große Technikunternehmen mutierten in Teilen zu Softwareunternehmen, Maschinenbauer zu Anbietern digitaler Services und Plattformen. Dadurch werden die Geschäfte noch agiler und internationaler. Und die Karrieren auch.

Pionierarbeit durch Technik-Start-ups

Doch nicht nur Technikkonzerne erfinden sich neu. Wie bereits im IT-Bereich entwickelt sich auch im Arbeitsmarkt für Ingenieure eine Start-up- Kultur. Zum einen finden sich hier Ausgründungen größerer technischer Unternehmen, die ihr Digitalgeschäft ausgliedern: Laut VDMA-Studie planen derzeit 20 Prozent der Maschinenbauunternehmen einen solchen Schritt, so dass in naher Zukunft viele neue Firmen entstehen werden, in denen sich für Ingenieure Start-up- und Konzern-Kultur kombinieren lassen. Zum anderen etablieren sich am Markt junge Unternehmen, die mit ungewöhnlichen Denkweisen und Pionierarbeiten die Dynamik der Transformation erhöhen.

Ein Beispiel für einen solchen jungen Player ist das Münchener Unternehmen Toposens, das nach eigenen Angaben den weltweit ersten 3-D-Ultraschallsensor entwickelt hat: „Der Sensor kann, ähnlich wie eine Fledermaus, Objekte und Personen mittels Echoortung wahrnehmen“, erklärt Barbara Brauner, verantwortlich für das Business Development. Robust, effizient und kostengünstig sei die Technik – und darauf komme es an: „Eine große Anzahl an Maschinen und Prozessen soll intelligent ihre Umgebung wahrnehmen – und das häufig unter schwierigen Umgebungsbedingungen“, erläutert Barabara Brauner die Anforderung.

IoT-Campus in Berlin:

Bosch goes Start-up Der Bosch-Campus in Berlin-Tempelhof ist ein gutes Beispiel für den Trend, als Konzern die Dynamik der Start-up-Kultur anzuzapfen. In dem Campus arbeiten mehr als 250 Menschen an Projekten rund um das Thema „Internet of Things“ und digitale Transformation. „Der IoT-Campus ist mehr als ein normales Büro“, heißt es in einer Presseinformation des Technikkonzerns. Er vereine das gesamte IoT-Ökosystem an einem Ort, so dass dort eine konzernübergreifende und internationale Community entstehe. Neben externen Kunden und Partnern, die den Campus für die Arbeit an Projekten nutzen, sind in Berlin-Tempelhof auch verschiedene Bosch-Bereiche ansässig.

Behaupten muss sich das Start-up in einer Industrie, in der die Lösungen bislang vielfach von etablierten Herstellern entwickelt wurden. „Als junges Start-up müssen wir uns dieser Herausforderung stellen. Unsere Kunden schätzen den hohen Innovationswert unserer Technik, wir müssen aber auch die Zuverlässigkeit des Produkts und unseres gesamten Unternehmens gewährleisten, um sie zu überzeugen. Daher ist uns ein professionelles Auftreten wichtig.“

Anders gesagt: Mit der Hipster-Coolness, wie man sie in einigen Bereichen der Start-up-Kultur findet, würde das junge Team von Toposens nicht weit kommen – zum Beispiel, wenn Kundenbesuche bei Unternehmen aus den Bereichen Anlagen- oder Maschinenbau anstehen. „Hinzu kommt, dass wir uns häufig in Anwendungsbereichen bewegen, die hohe Qualitätsansprüche stellen und besondere Zertifizierungsanforderungen vorsehen“, sagt Barbara Brauner. „Um diese Prozesse erfolgreich zu meistern, müssen wir neben den technischen Aspekten auch verschiedene regulatorische und organisatorische Themen im Blick behalten.“

Die notwendige Agilität des technischen Start-ups zeigt sich beim Vertriebsmodel des Unternehmens, das sich 2014 gründete, nachdem der Mechatroniker Alexander Rudoy vergeblich nach einer Sensortechnik gesucht hatte, um einen Roboterfisch unfallfrei durch ein Aquarium schwimmen zu lassen. Die Firma ist kein klassischer Zulieferer mit starrem Kundenportfolio. „Wir entwickeln eine Grundlagentechnologie, die wir immer neu auf bestimmte Märkte und Anwendungsfälle anpassen müssen“, sagt Barbara Brauner. „Dazu ist eine enge Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Experten im Unternehmen extrem wichtig.“

Mechatronik, Robotik, Maschinenbau – all dies wird, zusammen mit IT- und BWL-Knowhow, jederzeit zusammengedacht. Das macht die Ingenieurkarrieren von heute so anspruchsvoll. Und so spannend.

Eine Methode, dieses disziplinenübergreifende Denken zu vermitteln, ist gerade besonders angesagt: Gamification ist mehr als ein Buzzword, sondern gehört gerade auch in Konzernen zum gelebten Alltag. Hier zielt das Konzept darauf ab, die verschiedenen Bereiche des Unternehmens auch für Mitarbeiter aus ganz anderen Abteilungen greifund erlebbar zu machen – und zwar auf spielerische Art. „Mit unserem Ansatz wollen wir eine Verknüpfung zum Konzern und der täglichen Arbeit schaffen“, sagt Rainer Schiller, der beim Bayer-Konzern im Bereich Learning & Training für die Trainings im Bereich Gamification verantwortlich ist. „Gleichzeitig setzen wir Anreize, sich in motivierender Lernumgebung mit den Inhalten zu beschäftigen und schnell Lernfortschritte zu erreichen.“

Als Spieler erarbeitet man sich Punkte, je mehr man über die Arbeit und die Aufgaben anderer Bereiche weiß. Zur Zielgruppe zählen insbesondere die Ingenieure und Techniker des Konzerns, die auf diese Art spielerisch etwas über die Abläufe in Abteilungen wie Controlling oder Finances lernen. Auch ein Compliance-Game gibt es: Es besteht aus realen Filmsequenzen mit typischen Compliance-Dilemmata, in dem Teamplayer des Unternehmens aus mehr als 20 Ländern agieren. In den verschiedenen Szenarien werden authentische Situationen durchgespielt. Wer in Konfliktsituationen richtige Lösungen findet, wird mit Sternen belohnt – und schadet dabei seiner Karriere sicherlich nicht.

Open Codes

Unsere globalisierte Welt wird von digitalen Codes kontrolliert und erzeugt. Mathematik und Elektronik haben eine neue, auf Computerprogrammen basierende Welt hervorgebracht, die von Ingenieuren, Physikern und Informatikern gestaltet werden will. Die Ausstellung „Open Codes. Leben in digitalen Welten“ im ZKM Zentrum für Kunst und Medien in Karlsruhe zeigt künstlerische und wissenschaftliche Arbeiten rund um den Code. Die Ausstellung, die noch bis zum 5. August 2018 läuft, ist eine Mischung aus Labor und Lounge, in der die Besucher neue, ungewöhnliche Formate von Bildung und Lernen erproben sollen. Programmieren, Lernen mit Bots und anderen neuen Technologien sollen für alle zugänglich gestaltet werden – damit sie die heutige digitale Welt besser verstehen. Weitere Infos:

https://open-codes.zkm.de