Mobilität völlig neu denken

Interview mit Lisa Braun

Studienpreis-Trägerin Lisa Braun stellt ihre Arbeit vor, Foto: DRIVE-E
Studienpreis-Trägerin Lisa Braun stellt ihre Arbeit vor, Foto: DRIVE-E

Zum fünften Mal haben das Bundesministerium für Bildung und Forschung und die Fraunhofer-Gesellschaft herausragende Studienarbeiten zum Thema Elektromobilität mit dem DRIVE-E-Studienpreis ausgezeichnet. Warum sich Preisträgerin Lisa Braun für Elektromobilität begeistert und wie wichtig Elektromobilität für uns in Zukunft sein wird, verrät uns die Nachwuchswissenschaftlerin im Interview.

Lisa Braun promoviert bei der Siemens AG in Zusammenarbeit mit dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT)  zum Thema „Entwurf zukünftiger Elektrofahrzeugkonzepte“.

Sie werden auf einer Party nach Ihrem Job gefragt  – was antworten Sie?
Ich bin Elektroingenieurin und promoviere derzeit bei Siemens in Kooperation mit dem KIT im Bereich Elektromobilität.

Warum tun Sie, was Sie tun – was begeistert Sie an Elektromobilität?
Die Möglichkeit, Mobilität völlig neu zu denken. Im Bezug auf Elektromobilität sprechen viele immer von Problemen, aber keiner von Lösungen. Für manche sind heute die Reichweite oder das Stecken eines Ladekabels unüberwindbare Probleme, die dem Kunden kaum zugemutet werden können. Aber extra zu einer Tankstelle zu fahren, einen Schlauch in unser Auto zu stecken, aus dem jederzeit  Benzin laufen kann, und neben dem Auto zu warten bis der Tank endlich voll ist, das hinterfragt niemand.

Vor zehn Jahren gab es bereits die Vision vom Computer in der Tasche – aber nur wenige hätten gedacht, dass das 2014 mit dem Smartphone Alltag ist. Hier stellt sich mir die Frage, ob das E-Auto heute schon das Smartphone, der Computer oder doch eher noch die elektrifizierte Schreibmaschine ist?

Ich promoviere unter anderem bei Siemens, weil mein Chef, Professor Spiegelberg, mir in meinem ersten Bewerbungsgespräch gesagt hat, dass sich nicht die Frage stellt, ob jemand ein Fahrzeug erfindet, das ähnlich wie das Smartphone durch mehr Funktionalität alle heute vermeintlichen Nachteile nebensächlich erscheinen lässt. Sondern dass sich vielmehr die Frage stellt, wann dies passiert und ob ich an dieser Entwicklung teilhaben möchte.

Wie „elektro“ ist Ihre eigene Mobilität?
Ich fahre täglich in München mit der U-Bahn zur Arbeit und für lange Strecken nehme ich meist den ICE, da ich hier noch nebenher arbeiten kann – also sehr „elektro“. Außerdem betreue ich neben meiner Promotion verschiedene  Prototypen-Elektrofahrzeuge meiner Siemens-Abteilung. Das heißt, wenn ich in München ein Auto brauche, nehme ich meist eines unserer Elektrofahrzeuge, weshalb ich aufpassen muss, dass mein alter Golf sich nicht kaputt steht.

Ihre Meinung: Welche Antworten gibt die Elektro- und Informationstechnik auf die drängenden Fragen nach unserer zukünftigen Mobilität?
Wir möchten bis ins hohe Alter so individuell wie möglich reisen, aber gleichzeitig in einer tollen Stadt leben ohne Smog, Lärm oder Stau. Wie soll das funktionieren wenn nicht mittels neuen Fahrzeugkonzepten, bei denen die Vorteile eines elektrischen Antriebsstrangs voll ausgenutzt werden?

Zur Anbindung der Fahrzeuge in Städten muss die Energieverteilung neu gedacht werden. Die Stadt muss als Kraftwerk fungieren, um die Energieversorgung der Fahrzeuge in der Stadt zu sichern. Auf dem Land kann ich mein Haus mittels Solarzellen und dem „fahrbaren“ elektrischen Speicher zum Smart Home ausbauen und bin somit (fast) autark. Das heißt, die Elektro- und Informationstechnik wird uns in Zukunft in immer mehr Bereichen unseres Alltags berühren.

Mein erstes „Elektrofahrzeug“ war ein ferngesteuertes Spielzeugauto, das Geräusche eines Verbrennungsmotors machte. Und Ihres?
Meine batteriebetriebene Brio-Lock, die die Waggons über die Holzschienen ziehen konnte.

Heute kann ich mit dem E-Bike durch die Stadt fahren oder einen E-Kleinwagen für Kurzstrecken nutzen. In welchen Bereichen meines Lebens werde ich in zwanzig Jahren auf Elektromobilität treffen?
Naja, wie der Name schon sagt: Immer da, wo Menschen mobil sein möchten, wird es denke ich Elektromobilität geben. Aber 20 Jahre ist ein langer Zeitraum – vielleicht fliegen wir dann ja sogar mit Drohnen von A nach B und lachen über die Diskussion von heute, ob ein elektrisches oder verbrennungsmotorisiertes Kraftfahrzeug die bessere Wahl ist – da niemand mehr ein Auto hat, um mobil zu sein.

Das „fahrerlose Taxi“ ist meiner Meinung nach auch eine bestechende Idee. Ich bestelle eine Fahrt von A nach B und bis ich vor dem Haus stehe, steht das autonome Fahrzeug schon vor meiner Tür und fährt mich zum Ziel. Sprich die lästige Parkplatzsuche oder die Frage „wo hab ich vor zwei Wochen denn mein Auto abgestellt“ gehört der Vergangenheit an und ich habe eine garantierte maximale individuelle Mobilität. In der Stadt werden auf einmal große Räume frei, da die Fahrzeuge nicht mehr über 90 Prozent ihres Lebens „Parkraum“ beanspruchen, sondern optimal ausgelastet werden und wir deshalb deutlich weniger Fahrzeuge benötigen, um die Mobilitätsbedürfnisse zu befriedigen.

Der kombinierte Verkehr wird Alltag sein. Es ist zum Beispiel denkbar, dass je nach Präferenz,  Komfort, Reisegeschwindigkeit oder Kosten die passenden Verkehrsmittel ausgewählt werden. Aber wie diese Verkehrsmittel aussehen ist heute eine jener spannenden Fragen, weshalb ich mich für den Forschungsbereich Elektromobilität entschieden habe.

Über DRIVE-E

Zum fünften Mal zeichneten das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und die Fraunhofer-Gesellschaft exzellente studentische Arbeiten zum Thema Elektromobilität aus. Die DRIVE-E-Studienpreise sind Teil des DRIVE-E-Programms, das von BMBF und Fraunhofer-Gesellschaft 2009 gemeinsam ins Leben gerufen wurde und den akademischen Nachwuchs für ein Engagement im Bereich der Elektromobilität begeistern will. Bewerben konnten sich Studierende deutscher Hochschulen mit ihren Arbeiten aus allen Bereichen der Elektromobilität.

www.drive-e.org

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