Zusammen sind wir stark

Foto: Bauer
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Je komplexer Bauvorhaben werden, desto wichtiger sind gut zusammengestellte und organisierte Teams. Bauingenieure können hier selbstbewusst auftreten: Ihr Know-how wird gebraucht. Es hilft jedoch, sich Extrawissen anzueignen und an seinen Soft Skills zu arbeiten. Von André Boße

Wenn Torsten Haubold auf dem Papier die Zusammensetzung eines Projektteams für ein großes Bauvorhaben analysiert, benötigt der Bau- und Immobilienexperte der Unternehmensberatung Ernst & Young nicht lange, um vermeidbare Fehler zu entdecken. Da ist zunächst einmal die Größe: „Wenn Teams zu groß werden, lähmt das den Entscheidungsprozess“, so der Berater. Auch fehlende Hierarchien machen sich negativ bemerkbar: Basisdemokratie klingt in der Theorie gut, führt aber in Projektteams häufig nicht zu den besten Lösungen. Haubold: „Teamgeist ist zweifelsohne wichtig und gut, aber letztendlich brauchen gerade Großprojekte klare, eindeutige Entscheidungen und weniger faule Kompromisse.“ Was zudem häufig falsch laufe, sei die Zusammensetzung der Teams. Oft würden nicht alle fachlichen Kompetenzen abgebildet werden. „Unter den Teammitgliedern dominieren Manager mit kaufmännischem oder betriebswirtschaftlichem Hintergrund“, sagt Haubold. „Die baulichen und ingenieurwissenschaftlichen Kompetenzen werden jedoch bei der Besetzung oft vernachlässigt.“

Eigentlich seltsam: Es wird gebaut – doch in den Teams, in denen entschieden wird, wie gebaut wird, fehlt es nach Expertenmeinung häufig an der Kompetenz der Bauingenieure. Diese Fehlentwicklung begann, als die Ökonomie des Bauens ins Zentrum rückte. Viele Bauingenieure kamen da zunächst einmal nicht mehr mit. Ihnen fehlte das methodische Werkzeug, das zum Beispiel Wirtschaftswissenschaftlern im Studium beigebracht wird. Doch nun fehlt das Know-how der Bauingenieure in den Projektteams. Damit schlägt die Stunde für die neue Generation von Bauingenieuren. Für Leute, die sich zutrauen, ihre Fähigkeiten so zu erweitern, dass sie als Bauingenieure zu unverzichtbaren Mitgliedern der Projektteams werden.

Doch was benötigen Bauingenieure, um sich in den Projektteams zu behaupten? Bauexperte Torsten Haubold glaubt, dass Nachwuchskräfte heute besonders mit kommunikativen und sozialen Fähigkeiten punkten, die weit über das Fachwissen von Bauingenieuren hinausgehen. „Die Zeit der lauten, autoritär agierenden Bauleiter ist vorbei, heute kommt es auf Kommunikation an“, sagt der Unternehmensberater. Das bedeute nicht, dass immer alles endlos ausdiskutiert werden müsse. „Aber auch in Teams mit klaren Vorgaben sind Teamfähigkeit und Moderationsqualitäten hilfreich.“ Wichtig seien zudem eine schnelle Auffassungsgabe und Zielorientiertheit: „Besonders gerne sind Bauingenieure gesehen, die sich nicht auf der Detailebene verlieren, sondern die Detailprobleme verstehen, diese aber dann auf der übergeordneten Ebene abstrahieren und lösen.“ Dies, so Haubold, sei bei den Bauingenieuren eine „seltene Gabe“.

Großer Beratungsbedarf am Bau
Gesucht werden Bauingenieure mit diesen Fähigkeiten besonders von Arbeitgebern, die sich nicht mehr nur als klassische Bauunternehmen verstehen, sondern als Dienstleister für Projekte mit hohem Beratungsanteil. Ein solches Unternehmen ist Bilfinger Bauperformance mit Hauptsitz in Frankfurt am Main. Die Tochter des Baukonzerns Bilfinger versteht sich als Dienstleister, der je nach Aufgabe steuert, plant und berät. Entscheidend für die Zusammenstellung der Teams sind die Bedürfnisse des Kunden. „Die veränderten gesetzlichen Vorgaben haben zum Beispiel eine stärkere Nachfrage in den Bereichen Energieeffizienz und Zertifizierungen bewirkt“, sagt Thomas-M. Vogt, Vorsitzender der Geschäftsführung. Darüber hinaus steige der Bedarf in den Bereichen Projektplanung. Das gelte auch im Hinblick auf die Optimierung von Bestandsgebäuden, der Betrachtung der Lebenszyklen sowie der Zukunftsfähigkeit von Immobilien. Zudem ist die Branche weiterhin mit wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert: Viele Immobilien werden heute aus ökonomischer Sicht viel strenger bewertet als noch vor einigen Jahren. Auch damit steige der Beratungsbedarf – wobei die Beratung im besten Fall dazu führt, dass Kostenexplosionen und ewige Verzögerungen von großen Bauvorhaben verhindert werden. „Dies setzt aber neben der nötigen Fachkompetenz auch das konstruktive Miteinander aller Beteiligten voraus“, sagt Vogt, „inklusive dem expliziten Willen, Beratung, Planung und Steuerung auch anzunehmen und in die bestehenden Prozesse zu implementieren – und zwar zum richtigen Zeitpunkt.“

Bunte Teams erfordern Extrawissen
Ist damit die Zeit vorbei für Bauingenieure, die sich als reine Experten verstehen und damit eher intro- als extrovertiert auftreten? Oder anders gefragt: Zählen für die Karrieren auf dem Bau heute nur noch Management- und Führungsqualitäten? „Nein“, sagt Thomas- M. Vogt. „Bei uns sind Generalisten mit Managementqualitäten genauso gefragt wie ausgewiesene technische Spezialisten.“ Aus seiner Sicht lasse das heutige Berufsbild des Bauingenieurs eine extreme Bandbreite zu. Dennoch: Auch für technische Experten sei es mit Blick auf die zunehmende Komplexität der Branche wichtig, Projekte in ihrer Ganzheit zu betrachten und die Perspektiven aller Projektbeteiligten einzubeziehen. „Jeder Auftraggeber ist anders, jedes Projekt auch. 08/15-Lösungen werden heute nicht mehr honoriert“, sagt der Chef von Bilfinger Bauperformance. Was sein Unternehmen daher benötige, seien junge, gut ausgebildete und motivierte Studienabgänger, die bereit sind, nach dem Studium weiter zu lernen, die Erfahrungen „alter Hasen“ anzunehmen und in Teams Lösungen zum Wohl des Kunden zu erarbeiten.

Wie arbeite ich an meiner Teamfähigkeit?

    • Trainieren Sie Ihre Kommunikation.
    • Analysieren Sie mit professioneller Hilfe Ihre Persönlichkeit.
    • Seien Sie authentisch. Denn wer als introvertierter Mensch den extrovertierten mimt, wird scheitern.
    • Lernen Sie aus der Praxis. Beobachten Sie die am Bauprozess beteiligten Menschen und ihre Entscheidungsprozesse.
    • Analysieren Sie die Ursachen für Erfolg oder Misserfolg der Menschen, denen Sie auf der Baustelle begegnen.

Quelle: Torsten Haubold, Ernst & Young

Dabei ist es heute eine Selbstverständlichkeit, dass Bauingenieure in diesen Teams auf Personen mit ganz anderem beruflichen Hintergrund treffen: So begegnen sie zum Beispiel neben Baukaufleuten oder Architekten auch zunehmend Anwälten, die von Beginn an Teil der Teams sind, um juristische Fallen zu umgehen. „Man mag dies bedauern, aber das Projektumfeld für größere Projekte ist heute in ganz wesentlichem Umfang auch juristisch bestimmt“, sagt Dr. Klaus Eschenbruch, Experte für Immobilien- und Baurecht in der Düsseldorfer Kanzlei Kapellmann & Partner – und denkt dabei vor allem an die Gestaltung und Einhaltung des komplizierten Vertragswesens eines Bauprojekts. Dabei hat der Rechtsanwalt beobachtet, wie schwer sich die Vertreter der verschiedenen Disziplinen häufig damit tun, einen gemeinsamen kommunikativen Nenner zu finden. Schließlich verfügen alle Professionen über ihre eigenen Sprachen und Sichtweisen. „Eine gelungene Teamarbeit setzt deshalb Beteiligte voraus, die sich darauf verstehen, die unterschiedlichen Denk- und Handlungsansätze zusammenzuführen“, sagt Eschenbruch.

Nun ist es aber nicht so, dass schon Einsteiger sich mit allen juristischen Detailproblemen auskennen müssen. Dennoch empfiehlt Eschenbruch dem Nachwuchs, sich das Basiswissen über rechtliche Rahmenbedingungen anzueignen – zum Beispiel zur VOB/B (siehe Kasten). „Es muss so viel juristisches Wissen vorhanden sein, dass Bauingenieure erkennen, wann eine juristische Expertise eingeholt werden muss“, stellt der Anwalt als Faustregel auf. Insbesondere sei es wichtig, dass Bauingenieure nicht selbst über juristische Probleme stolpern, die sie fachlich nicht überblicken könnten. Denn das kann unangenehme persönliche Folgen haben. Eschenbruch warnt: „Bauingenieure neigen dazu, Problemstellungen sehr erfolgs- und zielorientiert zu überwinden. Bei komplexeren Themenstellungen kann dies jedoch sehr schnell zu einer persönlichen Haftung führen.“

Kritische Öffentlichkeit überzeugen
Damit es nicht soweit kommt und das Bauprojekt stattdessen zur Zufriedenheit aller Beteiligten realisiert wird, sollten Nachwuchskräfte das bunt zusammengesetzte Miteinander nicht als Klotz am Bein wahrnehmen, sondern als ein Team, in dem die Stärken der Mitglieder das Vorhaben vorantreiben. Nur so ist es auch möglich, ein Bauprojekt erfolgreich in der Öffentlichkeit zu vertreten, denn Kommunalpolitik und Bevölkerung blicken derzeit sehr kritisch auf alle großen Vorhaben. Daher ist es wichtig, als Team einheitlich aufzutreten, um die Unsicherheit nicht noch zu verstärken. Vor allem die Bauingenieure sollten dabei selbstbewusst auftreten: Sie sind die Teammitglieder mit dem größten Wissen bei allen Fragen zur Technik am Bau. Wer sich in seinem Team bewährt, hat beste Chancen, beim nächsten Mal nicht nur wieder mit dabei zu sein, sondern das Team sogar zu führen.

Soft Skills

Seminare für Studenten:
Das Meyer-Camberg-Institut bietet in mehreren Städten Soft-Skills-Seminare speziell für Studierende an. Themen sind beispielsweise Kommunikation, Präsentation und Umgangsformen.
www.meyer-camberg.org

Aktuelle Studie:
Die Personalberatung Boyden hat in Kooperation mit der EBS Business School die Umfrage „Recruiting 2020“ entwickelt. Ergebnis: Top-Managern mit Soft Skills gehört die Zukunft
www.boyden.de/mediafiles/attachments/7673.pdf

Soft Skills online testen:
Die Technische Universität Bergakademie Freiberg stellt ein kostenloses Onlinetool zur Verfügung, mit dem man seine eigenen Soft Skills testen und auswerten lassen kann:
http://tu-freiberg.de/career/individuelle-beratung/soft-skill-analyse