Mehr als Autozubehör

Die automobilen Zulieferfirmen bilden gewissermaßen das Rückgrat der Automobilindustrie. In den vergangenen Jahren haben die Automobilhersteller ihre Fertigungstiefe stark reduziert und Forschungs- und Entwicklungsaufgaben an die Zulieferunternehmen ausgegliedert. Hier warten spannende Entwicklungsaufgaben auf Ingenieure.

Sie stehen meist im Schatten der Automobilkonzerne. Und doch haben sie einen wachsenden Anteil an der mobilen Zukunft. Ihre Produkte entscheiden über Emissionswerte, Kraftstoffverbrauch und Fahrkomfort. Die Branche der Automobilzulieferer boomt und lockt Ingenieure mit spannenden Aufgaben und großen Karrierechancen.

Vorteile des Mittelstands:
  • anspruchsvolle Aufgaben,
  • rasche Aufstiegsmöglichkeiten,
  • flache Hierarchien
  • ein angenehmes, unbürokratischeres Umfeld.

Viele mittelständische Unternehmen sind mittlerweile international aufgestellt. Die Karriere im Ausland lässt sich hier oft einfacher umsetzen als in großen Unternehmen.

Der Entwickler
Den Automobilzulieferer Continental auf Reifen zu reduzieren, greift zu kurz. Mit Bremsentechnologie, Fahrdynamikregelungen und vielen weiteren Komponenten hat der Konzern das Automobil der Zukunft im Blick. Diplom-Ingenieur Lutz Elsholz ist einer von weltweit rund 18.000 Ingenieuren des Automobilzulieferers. Der Entwicklungsingenieur betreut seit August 2006 den Bereich der Hybridantriebe. Als Systemdesigner sieht er seine Herausforderung in der Optimierung der Energiespeicher, „eine bislang bekannte Schwäche der Hybride“, so Elsholz. Gemeinsam mit Elektronikern, Chemikern und Softwareentwicklern tüftelt er täglich an neuen Lösungen, analysiert akribisch jede Fehlermeldung aus dem Testlabor, spezifiziert neue Testverfahren und tauscht sich regelmäßig in interdisziplinären Meetings mit Kollegen aus. „Wir betrachtendas Komplettsystem, die Hardware samt Software und die Zellchemie“, „testen und entwickeln so die Systeme weiter.“ Als ehemaliger Testingenieur führte er zunächst definierte Labortests durch. Als Systemdesigner setzt seine Arbeit heute früher an. „Ich definiere und spezifiziere die Systeme, bin am Aufbau aktiv beteiligt und kann so die Zukunft aktiv mitgestalten“, freut sich der 27-Jährige.

Der Testfahrer
Diplom-Ingenieur Imre Pörgye, 29 Jahre, arbeitet bei dem Familienunternehmen FEV Motorentechnik in Aachen und ist ein Zeitreisender in Sachen Dieselverfahren des Automobils. Bei klirrender Kälte in Schweden, tropischer Hitze in Südafrika, in den unwegsamen Bergen der Sierra Nevada Spaniens testet er über Wochen das Steuerungssystem der Verbrennungsmotoren von Morgen. Sein Arbeitsplatz sind getarnte Prototypen der Automobilindustrie. Strengste Geheimhaltung ist oberstes Gebot.

Was nach Abenteuer klingt, ist harte Arbeit. Pörgye koordiniert die Arbeit von sechs Mitarbeitern. Prüfstände für die Basisbedatung in Aachen gehören zum Pflichtprogramm. Die Feinabstimmung folgt auf den Testfahrten. Dann spätestens zeigt sich, wo nachgebessert werden muss. Ein enges Timing und eine harte Kostenkalkulation begleiten jeden Ausflug in die Extreme der Naturgewalten.

Der Visionär
Forschung und Vorausentwicklung von Motorenkomponenten ist der Schwerpunkt von Projektmanager Dr. Ing. Marco Warth. Schon als Trainee bei Mahle hat er sich aktiv in aktuellen Projektfragen, wie der Zylinderabschaltung einbringen können. Hubraumgroße Fahrzeuge im Stadtverkehr optional auf vier der acht Zylinder zu betreiben, um die Leistung bedarfsgerecht zu steuern und dadurch den Verbrauch zu reduzieren, ist eine der großen Herausforderungen.

Längst sind neue Aufgaben hinzugekommen. Und statt wie bisher „nur“ mitzuarbeiten, leitet Warth heute internationale Projekte, bei denen es um die Vorausentwicklung von Produkten zur Emissionsoptimierung, Verbrauchsabsenkung und Steigerung der Leistungsdichte geht. Planung, Controlling und Umsetzung bestimmen seinen beruflichen Alltag – im In- und Ausland. „Die Projekte laufen international, da bin ich auch öfter mal vor Ort gefragt“, so Warth.

Automobilzulieferer sind Vorreiter:
  • in der Dieseltechnologie,
  • in der Vermeidung von CO2-Emissionen,
  • in der Sicherheits- und Komforttechnologie.

Der Berater
Als Wirtschaftsingenieur ist man Generalist und hat die Technik und die Wirtschaft im Blick. Eine ideale Voraussetzung, um organisches und akquisitorisches Wachstum von Unternehmen strategisch und operativ zu begleiten. Das dachte sich auch der Wirtschaftsingenieur Frank Lebherz, der in seiner Diplomarbeit das Thema analysierte und deren Theorie er seit zwei Jahren in der Praxis täglich anwendet. Bei der Hoerbiger Antriebstechnik, einem weltweit führenden Anbieter von Getriebekomponenten und -systemen, ist er als Generalist für die Optimierung und Harmonisierung von Geschäftsprozessen verantwortlich.

„Manche würden sagen, ich bin eine Art Inhouse-Consultant“, sagt der Jungingenieur. Neben der Betreuung der Mitarbeiter vor Ort, dem Projekt- und Change-Management sowie der Organisation und Durchführung von speziellen Workshops lernt Lebherz zu verstehen, wie ein Unternehmen tickt. „Normalerweise arbeitet man in einem speziellen Fachbereich. In meinem Job aber bin ich die Schnittstelle zwischen allen am Wertschöpfungsprozess beteiligten Bereichen. So habe ich alles im Blick und kann dem Management Entscheidungsgrundlagen liefern.“ Für ihn der optimale Berufsstart, um sich später zu spezialisieren, gerne auch auf internationalem Parkett.

Die Planerin
Kapazitätsplanung ist derzeit das A und O für Wirtschaftsingenieurin Julia Krämer. Sie betreut den Bereich Fertigungsplanung von Ventilen für die Benzindirekteinspritzung bei Bosch in Blaichach/Immenstadt. Die Stückzahlproduktion steigt rasant und muss jederzeit gewährleistet sein. In den Kompetenzbereich von Krämer fallen Themen wie Steigerung der Anlagenverfügbarkeit, Reduzierung der Stillstandzeiten, Reduzierung der Herstellkosten etc. Als eine der Nachwuchsführungskräfte, die jährlich bei Bosch ausgebildet werden, eignete sie sich parallel zur Arbeit Fachwissen rund um Personalverantwortung, Motivation und Konfliktmanagement an. Die Ingenieurin hat das Potenzial zur Führungskraft, das haben ihre Vorgesetzten schon erkannt, als sie bei Bosch anfing und sie nun in den Förderkreis aufnahmen. Ihr Projektverantwortung liegt derzeit bei der Neuplanung von Anlagen. Die Personalverantwortung ist aber schon zum Greifen nah.

Der Unternehmer
Innerhalb von drei Jahren von Null auf Hundert – so richtig fassen, kann Wirtschaftsingenieur Jörg Grebe seine Karriere wohl selbst nicht. Auf der Karriereleiter hat er ein paar Sprossen übersprungen und ist zum jüngsten Betriebsleiter einer Tochter der aimt-Group aufgestiegen. Das Schwerpunktthema für die Automobilindustrie liegt hier in der Oberflächenbeschichtung von Dieselmotorkolben, Lenkgetriebegehäusen und Trägerleisten für On-Board-Diagnosesystemverbindungen. Grebe begann mit einer Diplomarbeit über ein neues Kunststoffmetallisierungsverfahren. Er übernahm anschließend Aufgaben im Bereich Business-Development. Vom Assistenten zum Betriebsleiter wurde er durch den Ankauf eines Werks in Burg. Als Assistent baute er die innerbetrieblichen Strukturen neu auf. Als ein neuer Betriebsleiter für das Werk gesucht wurde, fiel die Wahl auf ihn. Heute steht er täglich vor neuen Herausforderungen, muss Bauteile bewerten, Anfragen prüfen, Kapazitäten einschätzen können. Eine Verantwortung, die sich für den 27-Jährigen gut anfühlt, aber in der Anfangszeit einen hohen Einsatz verlangt. Den sportlichen Ausgleich findet er beim Laufen. Und damit es dabei bleibt, will er in diesem Jahr den Halbmarathon in Berlin mitlaufen.

Auf Erfolgskurs
Auch 2008 bleibt die deutsche Zulieferindustrie weiter auf Erfolgskurs. Dank des zunehmenden Exportgeschäftes und dem Trend zu hochwertig ausgestatteten Fahrzeugen stieg der Umsatz um satte sechs Prozent auf über 72 Milliarden Euro. Natürlich macht sich dieser Gewinn auch auf dem Stellenmarkt bemerkbar. Ingenieure sind gefragt wie nie zuvor, vor allem Maschinenbauer, Elektrotechniker und Wirtschaftsingenieure. Nach Angaben des VDI fehlen heute bereits rund 18.000 Ingenieure in Deutschland. Ein Mangel, den die Zulieferindustrie schon langsam zu spüren beginnt, zumal es viele Berufseinsteiger doch mehr zu den imageträchtigeren Fahrzeugherstellern beziehungsweise Mega-Zulieferern zieht. Ein Fehler, denn der Mittelstand hat viele Vorteile.