Querdenker gesucht

Foto: Fotolia/Coloures-pic
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Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die nicht nur Fachwissen mitbringen, sondern auch kreativ sind, unkonventionelle Lösungen finden und in der Lage sind, neue Ideen zu entwickeln. Denn nur, wer mit Denkmustern bricht, hat die Chance, echte Innovationen zu entwickeln. Von André Boße

Querdenker gesucht? Na klar, denn Unternehmen brauchen Mitarbeiter, die ausgetretene Pfade verlassen und ungewöhnliche Ideen einbringen. Einige eindrucksvolle Beispiele, wie wichtig das Querdenken für den Unternehmenserfolg sein kann, gibt in jedem Jahr die Preisverleihung des Querdenker-Clubs, einem Innovationsnetzwerk aus Managern und kreativen Köpfen. Im vergangenen Jahr gewannen zwei Unternehmen, deren Innovationen tatsächlich den Markt auf den Kopf stellen.

So ist es dem Versicherungsdienstleister ControlExpert gelungen, eine App zu entwickeln, die bei einem Autounfall das komplexe Zusammenspiel zwischen Halter, Versicherungen, Gutachtern und Werkstätten innerhalb weniger Tage abwickeln kann – „normalerweise bedarf es eines wochenlangen Prozesses“, begründet der Querdenker-Club seine Entscheidung.

Auf den Kopf gestellt hat der Automobil-Produktentwickler Edag das Produktionsdesign für Fahrzeuge: Statt einer geschlossenen Haut aus Blech setzt das Unternehmen auf eine Skelettstruktur, die mit einer Außenhaut aus Stoff kombiniert wird. „Fahrzeuge sollen und müssen immer leichter werden. Dabei war uns die Gleichung, dass nur leichtere Materialien zu schlankeren Fahrzeugmodellen führen, einfach zu eindimensional“, sagt Johannes Barckmann, Designchef bei Edag. „Wir haben nach einer anderen Strategie gesucht und sie in der Natur gefunden: Eine stabile, skelettartige Struktur, die wir mit Stoff oder anderen Materialien verkleiden können.“

Klug ist also, wer um die Ecke denkt. Denn eines ist dem Designer klar geworden: „Wirkliche Veränderungen im Produktdesign gelingen nur dem, der den Mut hat, aus alten Denkmustern auszubrechen.“ Die meisten Personalchefs würden nicken, wenn man ihnen diese Frage stellt. Unternehmen verkaufen sich gerne als innovativ – und da gehört das Querdenkertum natürlich mit dazu. Gute Zeiten also für Leute, die sich von alten Denkmustern verabschieden?

Weiterlesen?

Querdenkerclub
www.querdenker.de

Different Angles
www.different-angles.ch

Die Ideeologen
www.innovationsmanagement.ideeologen.de

Dr. Andrea Derler ist sich da nicht so sicher. Im Rahmen ihrer Dissertation am Lehrstuhl für BWL mit dem Schwerpunkt Personalführung und Organisation der Fernuniversität Hagen hat sie fast 150 Führungskräfte aus Unternehmen diverser Branchen gefragt, welche Qualitäten der Mitarbeiter in der Bewerbungsphase besonders wichtig sind und gut ankommen. Wer glaubt, die Manager seien auf der Suche nach Skills, die man Querdenkern zuordnen kann, täuscht sich.

„Die Top-Drei-Angaben sind Verlässlichkeit, Produktivität und Loyalität“, so Andrea Derler. Vor allem Führungskräfte in sogenannten Konzernkulturen, also in besonders großen Unternehmen, forderten von ihren Beschäftigten viel Leistung und schnelle Resultate. „Konzernmanager hatten in den Befragungen die umfassendsten Vorstellungen von ihrem idealen Mitarbeitenden“, hat sie erfahren. Will heißen: Die Ansichten darüber, welcher Typ von Mitarbeiter schnell und leistungsfähig ist, sind zementiert.

Dabei beobachtete die Studienleiterin einen Widerspruch zwischen Außendarstellung und gelebter Praxis: „Die meisten der befragten Unternehmen sehen sich als innovativ und offen für Neues.“ Dennoch seien Eigenschaften wie Selbstbewusstsein oder das Merkmal, von scheinbar bewährten Firmentrends Abstand zu nehmen, eher unbeliebt. Ein wenig anders ist das bei „flexiblen Organisationen“, also bei Unternehmen, in denen es keine starke Konzernstruktur gibt: „Die Führungskräfte dieser Unternehmen hatten kein konkretes Idealprofil. Der Grund: Sie sind innovationsorientiert und bieten ihren Mitarbeitern Raum, das eigene Potenzial zu entfalten. Diese Unternehmen passen sich nicht einfach nur dem Markt an, sie gestalten ihn auch aktiv.“

Wer auf Querdenker setzt, ist also  vorne mit dabei. Wer nur auf Verlässlichkeit baut, schwebe dagegen in der Gefahr, dass immer wieder ähnliche Kandidaten ausgewählt werden, die das Unternehmen im Zweifelsfall kaum voranbringen. Andrea Derler, die nach ihrer Promotion beim US-Beratungsunternehmen Bersin by Deloitte einstieg, rät daher: „Unternehmen sollten bei der Personalauswahl auch prüfen, welches Innovationspotential Beschäftigte mitbringen.“

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